Fußnoten

Die Ausgabe von 1948 enthielt farbige Illustrationen von Walter Trier.

»Hier wohnt das Glück.« Diese Inschrift stand auf einem altrömischen Mosaikfußboden, den man in Salzburg fand, als man für das Mozart-Denkmal den Grund legte.

Die Umstellung auf Rechtsverkehr in allen Gebieten Österreichs erfolgte am 1. September 1938.

E.K. unterlief an dieser Stelle ein kleiner Fehler: Die auf dem Sebastiansfriedhof begrabene Constanze war die Witwe Mozarts, nicht seine Mutter.

Als ich dieses kleine Buch, während der Salzburger Festspiele Anno 1937, im Kopf vorbereitete, waren Österreich und Deutschland durch Grenzpfähle, Schlagbäume und unterschiedliche Briefmarken »auf ewig« voneinander getrennt. Als das Büchlein im Jahre 1938 erschien, waren die beiden Länder gerade »auf ewig« miteinander verbunden worden. Man hatte nun die gleichen Briefmarken und keinerlei Schranken mehr. Und das kleine Buch begab sich, um nicht beschlagnahmt zu werden, hastig außer Landes.

Habent sua fata libelli, wahrhaftig, Bücher haben auch ihre Schicksale. Jetzt, da das Buch in einer neuen Auflage herauskommen soll, sind Deutschland und Österreich wieder voneinander getrennt. Wieder durch Grenzpfähle, Schlagbäume und unterschiedliche Briefmarken. Die neuere Geschichte steht, scheint mir, nicht aufseiten der Schriftsteller, sondern der Briefmarkensammler. Soweit das ein sanfter Vorwurf sein soll, gilt er beileibe nicht der Philatelie, sondern allenfalls der neueren Geschichte.

 

Zürich, im Frühjahr 1948
Erich Kästner

Aus dem Vorwort der ersten Auflage 1938

Dieses Salzburger Tagebuch, das ich hiermit der Öffentlichkeit übergebe, stammt von meinem besten Freunde. Georg Rentmeister heißt der junge Mann. Als er, vor nunmehr einem Jahr, von Berlin nach Salzburg reiste, musste er eine Landesgrenze überschreiten, die es heute nicht mehr gibt.

Da fällt mir ein, dass Sie meinen Freund Rentmeister noch gar nicht kennen. Deshalb sollen Sie, bevor Sie seine Aufzeichnungen lesen, erst einmal einiges über ihn selber erfahren. Das ist Ihr gutes Recht, und schaden kann es auch nicht, denn Georg ist ein Kapitel für sich. Zum Beispiel: seit wir befreundet sind, nunmehr fünfzehn Jahre, betätigt er sich als Schriftsteller, ohne dass bis heute auch nur eine Zeile von ihm erschienen wäre.

Woran das liege, werden Sie fragen. Er besaß von Anfang an den imposanten Fehler, sich Aufgaben zu stellen, deren jede einzelne als Lebenszweck angesprochen werden muss.

Ich will Ihnen ein paar seiner Arbeiten, die mit Grund kein Ende finden, aufzählen und bin halbwegs sicher, dass Sie ihm die rückhaltlose Bewunderung, die er verdient und

Georg arbeitet unter anderem an einem Buch ›Über den Konjunktiv in der deutschen Sprache, unter Berücksichtigung des althochdeutschen, des mittelhochdeutschen und des frühneuhochdeutschen Satzbaus‹.

In einem seiner fünf Arbeitszimmer türmen sich, in Kisten und Kästen gestapelt, die auf dieses Thema bezüglichen Exzerpte aus den Werken älterer und neuerer Schriftsteller, und an der Tür des Konjunktiv-Zimmers hängt ein Schild mit der drohenden Aufschrift: »Consecutio temporum!«

An der Nebentür liest man: »Antike und Christentum!« Und auch hinter dieser Tür stehen randvoll beladene Schränke, Kisten und Kästen. Hier birgt Georg die Ergebnisse und Erkenntnisse für das von ihm geplante Fundamentalwerk ›Über die mutierenden Einflüsse der Antike und des Christentums auf die mitteleuropäische Kunst und Kultur‹.

Soviel ich verstanden habe, handelt es sich um die Darstellung des Verlaufs zweier eingeschleppter Krankheiten, die seit je, manchmal gleichzeitig, manchmal zyklisch auftretend, an einem Organismus namens Mitteleuropa zehren. Ungefähr seit dem Jahr 1000 p.Chr.n. sei der genannte geographische Bezirk für den Kulturhistoriker ein pathologischer Fall, behauptet Georg.

Der arme Mensch!

An der dritten Tür steht das Wort »Stenographie!« Georg arbeitet seit zehn Jahren an einer funkelnagelneuen Kurzschrift, welche die Mängel der bisherigen Systeme beseitigen

Es wird niemanden überraschen, dass auch diese Arbeit noch in den Kinderschuhen steckt.

Der Wortlaut der übrigen Türschilder ist mir nicht gegenwärtig. Eins aber steht fest: In jedem der fünf Arbeitszimmer befindet sich, außer den einschlägigen Büchern, den Schränken, Kisten und Kästen, je ein Schreibtisch.

Fünf Schreibtische also, fünf Schreibtischstühle, fünf Tintenfässer, fünf Schreibblocks und fünf Terminkalender! Und so wandert denn Georg, der Unheimliche, zwischen seinen unvollendeten Lebenswerken, bald an dem einen, bald am andern arbeitend, äußerst gedankenvoll hin und her. Die Sekretärin, die er hat und »die kleine Tante« nennt, macht einen leicht verwirrten Eindruck. Das ist verzeihlich.

Glücklicherweise kann Georg es sich leisten, seinen kostspieligen geistigen Begierden nachzugeben. Er ist der Miterbe einer sehr großen Fabrik, in der Badewannen aus Zink hergestellt werden; Wannen, in denen man sitzen, Wannen,

Georg bleibt fern.

Er wohnt in Berlin und kommt selten aus seinen fünf Studierzimmern heraus. Im vergangenen Spätsommer, da verließ »Doktor Fäustchen«, wie wir ihn nennen, allerdings den Konjunktiv, die Antike, die Stenographie und das Christentum, um sich zu erholen. Als er, einige Wochen später, zurückkam, drückte er mir das Tagebuch in die Hand, das er während der Ferien geführt hatte. Es ist begreiflich, dass ein Mann wie er nicht hatte untätig sein können; und ich fand’s erfreulich, dass er endlich einmal eine Arbeit, wenn auch nur ein Ferientagebuch, zu Ende gebracht hatte.

Ich las das Manuskript und schickte es meinem Verleger. Dem gefiel’s, und er ließ es drucken. Ihn und mich würde es freuen, wenn das Buch auch dem Publikum gefiele.

 

Erich Kästner
Berlin, Sommer 1938

 

P.S. Mein Freund Georg hat übrigens keine Ahnung, dass sein Tagebuch gedruckt worden ist, und wird aus allen Wolken fallen.

Mein lieber Georg!

Du hast keine Ahnung, dass Dein Tagebuch gedruckt worden ist, und wirst aus allen Wolken fallen. Ich besaß Deine Erlaubnis nicht, das Manuskript aus der Hand, geschweige in Druck zu geben. Doch was willst Du? Warum sollst Du es besser haben als andere Schriftsteller?

Ich hoffe, dass Dir das einleuchtet. Immerhin bin ich, ehrlich gestanden, froh, dass Du, während das Buch erscheint, nicht in Berlin, sondern auf Ceylon weilst. Die Vorstellung, die ich mir von Deiner Überraschung mache, genügt meinem Sensationshunger vollkommen. Der Erfahrung kann ich in diesem Falle, wie auch in vielen anderen Fällen, durchaus entraten. Möge Dein Zorn, bis Du heimkehrst, verraucht sein und womöglich der sanften Genugtuung darüber Platz gemacht haben, so dass Du ohne eigenes Zutun begonnen hast, ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu werden.

Grüße Deine junge Frau von mir! Es ist mir nach wie vor unverständlich, dass dieses hinreißende Geschöpf Dich heiraten konnte. Gewiss, Du bist gescheit, gesund, wohlhabend, hübsch, ein bisschen verrückt und von heiterem Ge

Eurer baldigen Heimkunft sieht in edler Fassung entgegen

 

Euer Erich

 

P.S. In den Briefen des J.M.R. Lenz habe ich einige Konjunktivsätze gefunden, die Dich interessieren werden. Ich habe sie der kleinen Tante zur Abschrift gegeben, und Du kannst das Exzerpt zu den übrigen legen, falls in Deinen Kisten noch Platz ist.

N.B. Als Schriftsteller und Mensch wirst Du mit Befriedigung feststellen, dass der Wortlaut Deines Manuskriptes nicht angetastet worden ist. Ich habe mir lediglich erlaubt, das Tagebuch durch Kapitelüberschriften zu gliedern.

Entschuldige, Fäustchen!

Geschrieben im August und September des Jahres 1937 (nach Christi Geburt)

Berlin, Ende Juli 1937

Karl hat mir aus London geschrieben und fragt, ob ich ihn Mitte August in Salzburg treffen will. Er ist von der Leitung der Salzburger Festspiele eingeladen worden, da man ihn fürs nächste Jahr als Bühnenbildner gewinnen möchte. Diesmal wollen sie sich ihn und er soll sich einige Aufführungen anschauen. Man hat ihm für eine Reihe von Stücken je zwei Karten in Aussicht gestellt. Ich war lange nicht im Theater und werde fahren.

Ich darf nicht vergessen, ein Devisengesuch einzureichen. Denn da Salzburg in Österreich liegt, muss ich die Grenze überschreiten; und wer zur Zeit die Grenze überschreitet, darf, pro Monat, ohne weitere Erlaubnis höchstens zehn Reichsmark mitnehmen. Nun habe ich mathematisch einwandfrei festgestellt, dass ich in diesem Fall an jedem Tag – den Monat zu dreißig Tagen gerechnet – genau 33,3333 Pfennige ausgeben kann, noch genauer 33,3333333 Pfennige. Was zu wenig ist, ist zu wenig! Das Gesuch um die Bewilligung einer größeren Summe ist unerlässlich. Ich werde es noch heute der kleinen Tante diktieren und abschicken.

Karl ist schon seit Tagen in Salzburg und hat, ungeduldig wie er ist, depeschiert. Er will wissen, warum ich noch nicht dort bin und wann ich wohl eintreffe. Daraufhin habe ich die Devisenstelle angerufen und mich erkundigt, ob ich in absehbarer Zeit auf eine Beantwortung meines Gesuchs rechnen könne; ich bäte, meine Neugierde zu entschuldigen, aber die Salzburger Festspiele gingen programmgemäß am 1. September zu Ende. Der Beamte hat mir wenig Hoffnung gemacht. Die Gesuche, meinte er, türmten sich in den Büros; und es gäbe begreiflicherweise dringlichere Anträge als solche von Vergnügungsreisenden. Nun habe ich also die Erlaubnis des Wehrkreiskommandos und die der Passstelle: Ich darf für vier Wochen nach Österreich.

Doch was nützt mir das, solange ich nur zehn Mark mitnehmen kann?

Berlin, 19. August

Karl bombardiert mich mit Depeschen. Ob ich glaubte, dass die Festspiele meinetwegen verlängert würden, telegrafiert er, und er sei bereit, mit Toscanini wegen einer Prolongation zu verhandeln; ich müsse nur noch angeben, wann ich genauestens zu kommen gedächte; ob schon im November oder erst im Dezember.

Was kann ich tun? Die Devisenstelle hat noch keinen