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Niki Smit

Inspiriert von Biene Maja trug Niki Smit an ihrem ersten Schultag eine schwarz-gelb gestreifte Hose, ein ebenfalls schwarz-gelb gestreiftes Poloshirt und lila Turnschuhe. Und genau wie Coco wurde sie zunächst für ihr gewagtes Outfit ausgelacht. Doch Nikis Begeisterung für Mode wurde nur noch größer – später arbeitete sie selbst als Redakteurin für einen Modeblog. Ihre »100%«-Serie ist in den Niederlanden ein absoluter Bestseller. Zurzeit lebt Niki Smit mit ihrem Hund Flip in Amsterdam.

Als Ravensburger E-Book erschienen 2018

Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

© 2018 Ravensburger Buchverlag

Die niederländische Originalausgabe erschien 2014
unter dem Titel »100% Coco. Dagboek van een modeblogger«
First published by Uitgeverij de Fontein, The Netherlands in 2014

Umschlag: © Dutch Filmworks, 2017
Innenillustrationen: Niki Smit
Übersetzung: Verena Kiefer
Lektorat: Tamara Reisinger

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch
Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-47872-9

www.ravensburger.de

Motto

Don’t be boring!
Diana Vreeland

Die neue Schule

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Wenn du mein Tagebuch liest, bin ich wahrscheinlich schon 80 und wohne in einem Haus mit 90 begehbaren Wandschränken an der Seine in Paris. So ein Buch erscheint meist erst, wenn man entweder sehr alt oder bereits tot ist. Mein Buch könnte auch zum 200-jährigen Jubiläum der Vogue präsentiert werden, deren Chefredakteurin ich dann natürlich war. Wer weiß, vielleicht bin ich ja diesen Monat front row bei der Show von Prada in Mailand tot umgefallen und jetzt weltweit in den Nachrichten. Jede Menge Modemenschen flanieren um mein Haus, Designer schluchzen an meinem Sarg, die ganze Welt streitet sich um mein Erbe (sprich: 75 Chanel-Jäckchen), und meine gesamte Kleidung wird ein halbes Jahr lang in meinem Lieblingsmuseum in Paris ausgestellt, im Musée des Arts décoratifs. Die Jünger von Marc Jacobs und Karl Lagerfeld wetteifern um Eintrittskarten. RTL Boulevard widmet meinem Leben sogar eine ganze Sendung. Darin zeigen sie, wie ich als Mädchen meinen eigenen Modeblog begann und dadurch allmählich zur neuen Kate Moss wurde.

Aber jetzt muss ich mir erst einmal dringend überlegen, was ich anziehe, denn morgen ist mein erster Tag in der neuen Schule!

»Lippen spitzen, Brust raus«, würde die Mutter der plastischen Chirurgie sagen. Und so ist es. Nichts ist sicher am ersten Schultag, außer dass man Kleidung trägt.

Sonntag, 25. August

19:00 In meinem Zimmer

»Don’t be boring!«, sagte Diana Vreeland. In den Sechzigerjahren war Diana eine Mode-Ikone und Chefredakteurin der britischen Vogue. Hätte ich nur so ein Leben wie Diana! Sie wurde in Paris geboren und wohnte später auch in London und New York. Die DVD über ihr Leben, The Eye Has to Travel, habe ich mir bestimmt achtzigmal angeschaut. Mein Outfit für den ersten Schultag wird also alles andere als langweilig. Während der Dokumentation sieht man in der Vogue ein Augenpaar mit zwei verschiedenfarbigen Lidschatten. Links grün und rechts rosa, die perfekten Lider für meinen ersten Tag. Aber was ziehe ich an?

 Haremshose aus violettem Samt, All Stars mit Leopardenmuster, Jeanshemd und ein selbst gemachtes Haarband (Maison Michel lookalike aus schwarzer Spitze und weißen Perlchen).

Oder:

 Gelbes Cocktailkleid vom Flohmarkt am Waterlooplein, oversized Leopardenweste, Paillettengürtel, und türkisfarbene Pseudo-Ray-Ban. Aber welche Schuhe?

Oder:

 Selbst genähte Chanel-Weste (schwarze Weste von HEMA mit meergrünen Biesen aus dem Nähladen und Knöpfen vom Schlafanzug meines Vaters). Lachsfarbenes Ballett-Tutu. Blaue Fußballsocken von meinem Vater. Perlenkette von Bart Smits Spielzeugladen. Ballerinas.

20:30 Im Bett

Aaaaargggh.

Lass morgen nicht morgen sein.

Lass morgen nicht morgen sein.

Lass morgen nicht morgen sein.

Lass mich morgen früh bitte in einem Strandkorb an einem mexikanischen Surfstrand aufwachen. Mit einer Kokosnuss in der Hand. Und einem Schälchen Tortillachips mit Guacamoledip. In einem tie-dye-Bikini und einem Blumenkranz im Haar.

21:10

Was um Himmels willen soll ich machen, wenn ich morgen früh auf den Schulhof komme? Ich kenne doch noch niemanden. Am Freitag habe ich ganz kurz mit einem Mädchen gesprochen, als ich meine Bücher abgeholt habe, aber die geht in eine andere Klasse. Ich habe keine Ahnung, wer bei wem in der Klasse ist. Soll ich einfach auf jemanden zugehen? Oder soll ich mich lieber allein irgendwo hinstellen?

21:20

Die anderen aus meiner neuen Klasse kennen sich bestimmt schon alle. Vor den Sommerferien gab es ein Vorabtreffen, aber das habe ich verpasst. An dem Tag war nämlich auch der Abschiedsausflug mit meiner alten Klasse. Und den wollte ich auf keinen Fall verpassen. No way!

Blöd.

Blöd.

Blöd.

Jetzt haben alle schon Freundschaften geschlossen und ich bleibe das ganze Jahr allein.

21:40

Auf jeden Fall gehe ich ganz oft zur Toilette. Dann habe ich wenigstens was zu tun.

21:55 Im Bett

Mein Vater hat mir gerade aus London eine Nachricht geschickt; er wünscht mir für morgen viel Glück.

Das ist lieb. Heute früh haben wir auch schon eine Dreiviertelstunde geskypt. Ich lief vor dem Laptop durch mein Zimmer, als wäre es der Schulhof. Mein Vater rief immer nur ganz laut »Applaus!«. Er meinte, ich sei die beste neue Schülerin auf der ganzen Welt und ich würde mich auf dem Schulhof absolut fantastisch machen. Aber nun ja, er ist mein Vater.

Meine Eltern haben sich vor zwanzig Jahren in einer Snackbar in Amsterdam kennengelernt. Normalerweise tut sich mein Vater sehr schwer mit der Liebe, aber zum Glück hat er sich Hals über Kopf in meine Mutter verliebt. Und genau in dieser Snackbar gaben sie sich ihren ersten Kuss – direkt neben dem Flipperautomaten. Am besagten Abend gab es auf einem ehemaligen Fabrikgelände ein Fest und meine Mutter war als Playboy-Häschen verkleidet … mit Netzstrümpfen, einer Shorts aus rosa Frottee und einem Stummelschwanz aus Kunstpelz. Durch die ganze Tanzerei hatten Mama und ihre Freundin Hunger bekommen. Daher sind sie dann auch was essen gegangen. Tja, und am Flipperautomat standen zwei Jungs – einer davon war natürlich mein Vater. Und weil meine Mutter als Häschen verkleidet war, durfte sie auch gleich eine Runde mitflippern. Frag mich nicht warum, aber schon nach der zweiten Runde knutschte sie mit Papa. Meine Mutter fand den Kuss nicht gerade umwerfend, aber danach gab sie sich meinem Vater gegenüber ganz lässig und flipperte weiter, als wäre nichts passiert. In zehn Runden machte ihn das Häschen komplett fertig. Dann bestellte sie sich ein Käsesoufflé-Brötchen und flirtete volle Kanne mit dem Frittenbrutzler. Und kicherte total übertrieben über den Hauspapagei Coco, der »Krokette, Krokette« sagen konnte. Dieses Kichern wiederum fand mein Vater total süß. Und ab diesem Moment konnte er nur noch an das Häschen denken. Wie ein Irrer fing er an, hinter meiner Mutter herzulaufen.

Ein Jahr später war meine Mutter schließlich fertig mit ihrem Jurastudium. Ihren Abschluss feierte sie ziemlich ausgelassen in einer Karaokebar. Mein Vater war zu dem Examensfest zwar nicht eingeladen, er beschloss aber, trotzdem hinzugehen. Um halb zwei nachts kam er dann mit einem großen schwarzen Plüschhäschen und einem Käsesoufflé-Brötchen als Geschenk. Genau in diesem Moment stand meine Mutter auf der Theke und sang lauthals »Who Do You Think You Are?« von den Spice Girls (einer Mädchengruppe aus den Neunzigern mit Plateausohlen, viel Haarlack und Victoria Beckham). Als sie das Plüschhäschen sah, war sie so gerührt, dass sie meinen Vater küsste. Ihr damaliger Freund war davon natürlich gar nicht begeistert und machte mitten in der Kneipe mit ihr Schluss.

Gegen fünf Uhr morgens wankte meine Mutter schließlich aus der Karaokebar. Sie trug sehr hohe Absätze und draußen lag eine dicke Schneedecke. Radfahren ging also nicht und laufen war auch ziemlich mühsam. Da tauchte mein Vater auf, warf sich meine Mutter über die Schulter und trug sie superhero-like nach Hause. Auf den Stufen zum Studentenwohnheim machte er ihr einen Heiratsantrag und sie sagte sofort Ja. Dann knutschten sie wieder. Aber am nächsten Morgen stand wieder der Exfreund meiner Mutter vor der Tür. Und nach zwei Kaffee und einer Tüte Paprikachips waren sie wieder zusammen, meine Mutter und dieser Freund. Armer Papa.

Vier Jahre später ging mein Vater, verkleidet als Bob der Baumeister, zu einem Fest. Danach hatte mein Vater die glorreiche Idee, zusammen mit seinen Freunden Garfield, Donald Duck und Bart Simpson den Königlichen Palast auf dem Dam anzupinkeln. Dabei wurden sie fotografiert und bereits am nächsten Tag prangte das Foto auf der Titelseite der Tageszeitung Telegraaf. Zufällig saß meine Mutter an diesem Morgen beim Friseur und las die Zeitung. Und da passierte es. Meine Mutter hielt meinen Vater plötzlich für den tollsten Bob der Baumeister auf Erden. Sofort besorgte sie sich Papas Telefonnummer und bot an, seine Verteidigung zu übernehmen. Die Anklage lautete auf Wildpinkeln, Störung der öffentlichen Ordnung und Beleidigung des Königshauses – oder so ähnlich. Sein Fall hatte natürlich keine Chancen, aber das wusste sie.

Es dauerte jedoch nicht lange, und die beiden saßen wieder gemeinsam in der Snackbar. Der Papagei rief immer noch »Krokette, Krokette!«. Papa bestellte zwei Käsesoufflé-Brötchen und eine Flasche Kakao mit zwei Trinkhalmen. Während der Papagei immer noch »Krokette, Krokette!« rief, spielten sie jede Menge Flipper.

Dieses Mal küsste mein Vater wie ein junger Gott. Und neun Monate später wurde ich geboren … Ich bekam den Namen Coco, wie der Hauspapagei der Snackbar.

22:15

Meinem Vater eine Nachricht zurückgeschickt. Ich habe einfach gesagt, ich freue mich riesig auf meinen ersten Schultag, sonst macht er sich nur wieder zu viele Sorgen.

22:25

Viel zu hellwach zum Schlafen. Mein Magen ist ein einziges Nervenknäuel.

Entspann dich, entspann dich, entspann dich.

Ich weiß immer noch nicht, was ich morgen anziehen soll!

22:35

Oh ja, das mit meinen Eltern klang total romantisch, nicht? Aber sie haben sich trotzdem scheiden lassen, als ich sechs war. Mein Vater macht WC – Brillen – kein Scherz – für sehr schicke Leute, Boote und Hotels. Sie sind aus Holz und manche haben sogar BLATTGOLD. Er wohnt jetzt in England, reist aber meistens nach Hongkong, Dubai, Saint-Tropez, Miami und ich weiß nicht wohin, um diese WC – Brillen zu liefern. Meine Mutter hatte bald die Nase voll und deswegen haben sie sich getrennt. Also quatsche ich jetzt mit meinem Vater über FaceTime oder Skype. Lieber wäre mir natürlich ein Vater, den ich täglich beim Zähneputzen sehe. Aber mich hat ja keiner gefragt.

Es ist schon viel zu spät!

Montag, 26. August

06:00 In meinem Zimmer

Grottenschlecht geschlafen heute Nacht, also fange ich das Schuljahr mit Ringen unter den Augen an.

06:10

Stressss. Habe heute Nacht beschlossen, dass ich all meine Fotos auf Lookbook durchsehe. Und das Outfit mit den meisten Hypes ziehe ich dann an. Lookbook ist eine Website, auf der Mädchen aus der ganzen Welt Fotos ihrer Outfits einstellen. Andere Besucher können dann Hypes vergeben, wenn ihnen ein Outfit gefällt. Aber weil auf Lookbook alle viel älter sind als ich, trage ich auf allen Fotos eine Tiermaske. Daher hängen über meinem Spiegel auch ein Tiger, ein Panda, ein Zebra und ein Kaninchen.

07:15

Mir ist ganz komisch. Meine Outfit-Fotos auf Lookbook reichen genau ein Jahr zurück – da fing gerade mein letztes Schuljahr an meiner alten Schule an. Der erste Schultag war ein bisschen so wie heute. Nur fühlte ich mich damals richtig erwachsen, schließlich war ich in der sechsten Klasse. Und genau so kam ich auf den Schulhof. Fröhlich winkend, weil ich ja die ganze Schule kannte. An dem Tag trug ich ein rot-weiß gestreiftes Shirt, Leopardenleggings, Sportsocken aus Italien und eine Baskenmütze. An allem, was ich auf diesem Foto trage, hängt eine Erinnerung. Die schwarze Baskenmütze habe ich von meinem Vater bekommen. Er hat sie in meinem Lieblingsladen für Vintage-Klamotten in Paris gefunden. Ich selbst war aber noch nie dort. Das Shirt habe ich zusammen mit meiner Kindergartenfreundin gekauft, damals durften wir zum ersten Mal allein in die Stadt fahren. Wir haben uns so frei gefühlt!

Die Leggings stammte noch von Mama. Meine Mutter liebte Kostümfeste und hat zum Glück all ihre Kostüme in einem großen Müllsack aufbewahrt. Und in den Sommerferien zwischen der fünften und sechsten Klasse habe ich diesen Sack gefunden. Ich habe alles gewaschen und gebügelt … und sofort einen Extraplatz in meinem Kleiderschrank dafür frei geräumt. Die Sportsocken habe ich von Giovanni bekommen, meiner amore aus Lido de Jesolo. Die habe ich noch nie gewaschen.

Aber das Foto mit den meisten Lookbook-Hypes stammt von meinem 12. Geburtstag. An dem Tag trug ich ein weißes Hemdchen und darüber ein knallrosa schulterfreies Galakleid von Laura Dols. Es war das erste Mal, dass ich ein Kleid aus diesem Laden anprobierte. Und es passte mir sogar. Also fast. Das Oberteil musste ich ein wenig einnähen. In dem Outfit sehe ich zwar sehr festlich aus, aber der Tag war überhaupt nicht feierlich. Es war der erste Geburtstag ohne meine Oma. Von ihr habe ich alles gelernt. Kleidung nähen, Schnittmuster zeichnen, Knopflöcher machen, Stoffe raffen, stricken, häkeln, eine Grace-Kelly-Rolle in die Haare legen, auf hohen Absätzen laufen und auch Pfannkuchen backen. Und natürlich einige Tricks, wie man mit dem Weinen aufhört. Da meine Mutter immer viel arbeiten musste, ging ich nach der Schule meistens zu Oma und Opa.

Als Geburtstagsgeschenk bekam ich dann von Opa ihre Nähmaschine. Und ihr Nadelkissen mit den kleinen chinesischen Püppchen rundherum. Und ihren Fingerhut. Ich habe den ganzen Tag geheult. Und wegen dem ganzen Geheule musste mein Opa auch immer wieder schluchzen, und meine Mutter auch. Natürlich brachte das meinen Vater dann auch zum Schniefen. Ich versuchte einen von Omas Tricks – ganz laut ein Lieblingslied singen und heftig mit den Armen wedeln –, aber davon musste ich nur noch mehr weinen. Ich habe das Foto »My Granny« genannt. Wenn man ganz genau hinschaut, sieht man auch, dass ich ein kleines schwarzes Herz auf mein Handgelenk gezeichnet habe. Ein Herzchen für meine Oma.

Das mit den Socken klingt auch ziemlich romantisch, aber das war es nicht. Giovanni ist meine große Urlaubsliebe, aber seine Liebe war in diesen Ferien eine gewisse Tuva aus Schweden, mit hellblonden Haaren, einem Bikini in Neonorange und einem Nabelpiercing.

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Die Socken habe ich geklaut, als Giovanni auf dem Campingplatz unter der Dusche stand. Mit Tuva. Er war damals eben auch schon sechzehn und ich erst zehn, aber was sind sechs Jahre in einem ganzen Leben?

07:30 Küche

Es wird das rosa Kleid mit der Leopardenleggings und die All Stars mit Sternen. Meine Bücher habe ich in eine Plastiktasche von H&M gesteckt, aber die ist gerissen. Sie passen auch nicht in eine Clutch. OMG. Stressss.

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Okay. Ich stecke Mäppchen und Telefon in meine Clutch und die Bücher in eine Jute-Einkaufstasche vom Supermarkt. Voilà. Lässig und umweltbewusst. Und ich habe mit Filzstift ein Herzchen auf mein Handgelenk gezeichnet, damit Oma heute bei mir ist.

Foto von meinem Outfit gerade noch schnell auf Lookbook gestellt, mit Tigermaske. Dann habe ich heute Mittag ganz viele Reaktionen, hoffe ich. Meistens bekomme ich ziemlich viele Hypes. Ich habe auch schon einmal auf der Facebook-Seite von Lookbook gestanden, aber das war nur, weil ich ihnen leidtat. Es gibt einfach so viele Mädchen, die viel hübscher aussehen als ich. Jetzt aber rrrennen!

07:55 Bushaltestelle

Viel zu früh in der Schule. Sitze im Wartehäuschen der Bushaltestelle um die Ecke. Radfahren im morgendlichen Berufsverkehr geht gar nicht. Noch keine Schüler gesehen, dafür aber Maler.

Ich frage mich, warum Maler immer weiße Overalls tragen. Schwarz ist doch viel sexyer. Vielleicht hat Papa noch irgendwo so einen Arbeitsoverall liegen. Dann färbe ich ihn schwarz, kürze die Beine ein Stück und schneide den Kragen ab. Mit aufgerollten Ärmeln habe ich dann eine Art Jumpsuit à la Yves Saint Laurent.

08:20

Zweifle an meiner Kleidung. Das kam bislang an mir vorbei:

Jeans: 93

Shirt: 80

Kapuzenpulli: 18

Rucksack: 56

Blaue Turnschuhe: 65

Schwarze Turnschuhe: 42

Rosa Turnschuhe: 7

Gerader Pony: 0

Galakleid: 0

Leopardenleggings: 0

All Stars mit Sternen: 0

Selbst gemachtes Haarband: 0

Öko-Shopper: 0

Clutch mit Mäppchen drin: 0

Diese Zweifel überkommen Kate Moss bestimmt auch hin und wieder. Ich sehe hübsch aus, ich sehe hübsch aus, ich sehe hübsch aus. Wirklich. Wirklich. Wirklich.

Mein Outfit hat schon 84 Hypes auf Lookbook. Vielleicht sollte ich mein Haarband ablegen. Oder meine Jacke zuknöpfen. Und die Haare offen tragen. Meine Clutch würde auch noch in den Öko-Shopper passen …

Alle gehen zu zweit oder in Grüppchen Richtung Schule. Die älteren Schüler haben alle denselben Gang. Sie betreten den Schulhof, als würden sie über den Boulevard von Jesolo schlendern. So muss ich auch laufen. Gleich. Ich bleibe lieber noch ein Weilchen hier sitzen. Vier Grüppchen warte ich noch ab und dann stehe ich auf.

Mist, die Schulklingel …

12:30 Pause!

In der ersten Stunde sollten wir uns in der Aula versammeln. Der Raum war komplett voll mit neuen Schülern. Ich saß in der fünften Reihe. Vorsichtig schaute ich mich um und hoffte inständig, dass es zwischen all den Mädchen auch eine Freundin für mich gab. Unser Konrektor, Herr Hulleman, sprach fröhlich in ein Mikrofon. In seiner Ansprache betonte er zuerst, wie dankbar er für so viele nette neue Leute sei. Und dass es bestimmt ein Topjahr werden würde, bei so vielen Spitzenschülern. Unser Leben würde sich sehr schnell ändern und wir würden erwachsen und so. Danach wurde es aber ziemlich grässlich, denn er redete die ganze Zeit über Hausaufgaben, Klassenarbeiten, Referate, Disziplin, Verhalten, Respekt und solche Sachen. Die Mädchen neben mir kicherten und ich konnte hören, wie sie über Herrn Hullemans gefärbte Haare Witze machten. Die fand ich auch unmöglich. Also versuchte ich, mit den Mädchen Kontakt aufzunehmen, indem ich mitlachte, aber sie gönnten mir nicht mal einen Blick. Bestimmt sah es total idiotisch aus, wie ich da so ganz allein vor mich hin kicherte.

Während der Ansprache blätterte ich durch den Reader – ein Handbuch für neue Schüler, das man uns beim Reinkommen in die Hand gedrückt hatte. Darin stehen Tabellen mit Lernzielen. Englisch wird ein Kinderspiel und Französisch auch. Ich schaue mir immer französische Blogs und Webshops an. Je parle très bien le français. Ein Kapitel aus dem Buch handelt von Kleidung, das weiß ich bestimmt schon alles. Robe, pantalon, jupe, bijoux, moustache, manteau, sac, chemise, lunettes, soldes. Voilà, merci beaucoup.

Am Ende streckte der Konrektor die Faust in die Luft: »Leute, wir packen es an!« Ich hatte nicht die geringste Lust, auch nur irgendwas anzupacken. Viel lieber wäre ich heute im Zeichenkurs in Paris oder in der Strickstunde in New York. Alles, nur kein Mathe und Bio! Danach kam das Festkomitee auf die Bühne und kicherte sich einen ab. Sie nennen sich »Feastgirlz«. In einer amerikanischen Schule wären sie bestimmt Cheerleader geworden. Sie hatten natürlich auch so einen Schlachtruf, etwas wie »BI-BA-BIEST – MIT UNS IST IMMER FEAST!« Die Vorsitzende des Festkomitees heißt Felice und hat dunkelbraune Haare mit einer Selena-Gomez-Welle. Außerdem hatte sie so viel Lipgloss aufgetragen, dass sich sogar die Neonröhren in ihren Lippen spiegelten. Sie suchten noch ein neues Mitglied für das Komitee. Die nennen sie dann Festschlumpf und finden das unglaublich witzig. Auf keinen Fall will ich Festschlumpf werden, aber eine ganze Legion von Mädchen ist ganz versessen darauf. Wie sie gierig die Hände in die Höhe strecken … Ich schaute zu einem Jungen, der zuvor als Chefredakteur der Schülerzeitung vorgestellt worden war. Er saß auf einem Stuhl neben dem Rektor und ahmte die Feastgirlz nach, indem er sich übertrieben mit einer Hand durch die Haare fuhr und mit den Schultern wackelte – das fand ich witzig!

Das erste Schulfest ist am Freitag vor den Herbstferien, ich bin jetzt schon nervös. Auf dem Fest wird bestimmt heftig geküsst. Das finde ich noch das Allerschlimmste von allem. Und es ist ein Themenfest, also müssen alle verkleidet kommen. Die Feastgirlz werden das Thema allerdings erst eine Woche vorher bekannt geben. Ich verstehe nicht, wieso sie das nicht früher machen, eine Woche ist doch viel zu kurz, um sich ein megacooles Outfit zu überlegen! Letztes Jahr lautete das Thema Beauty and the Nerd und das Jahr davor Schnurrbart-Fever … Wie schön wäre es, wenn es dieses Jahr Dior oder Saint Laurent Paris wäre …

12:45

Nachdem die Feastgirlz Anmeldeformulare verteilt hatten, gingen wir in unseren Klassenraum. Zum ersten Mal in meiner neuen Klasse! Als eine der Ersten setzte ich mich an einen leeren Tisch am Fenster. Ich hatte mich extra beeilt, denn ich wollte keinen Platz auszuwählen, wenn die Klasse schon voll war. An den Wänden hingen Poster von Prinz Charles, Camilla Parker Bowles, Prinz William, Kate und dem Royal Baby George. Ernsthaft! Bestimmt sechzig Stück, würde ich tippen. Irgendjemand hat hier wohl ein Abo der Vorsten, einer Zeitschrift über die Royals. Als Erstes kam eine Gruppe von Mädchen rein, sie liefen schon wie ältere Schülerinnen und setzten sich alle fünf zusammen. Danach ein paar Jungs. Zwei normale und ein sehr gut aussehender. Zum Glück setzte sich der gut aussehende nicht neben mich, denn sonst würde ich vor Nervosität den Rest des Jahres bestimmt nichts vom Unterricht mitbekommen.

Die Hälfte der Klasse war schon drinnen und der Stuhl neben mir war immer noch leer. Allmählich machte ich mir doch etwas Sorgen, ich müsste das ganze Schuljahr neben einem leeren Stuhl verbringen, aber im letzten Moment kam ein kleines Mädchen mit schwarzen Haaren auf mich zu. Sie hatte einen Hello-Kitty-Kalender bei sich und ich sah, dass sie ihre Bücher in My-Little-Pony-Papier eingeschlagen hatte. Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und sagte: »Ich bin Jada.«

Ich war soooo froh, dass jemand ganz Normales neben mir saß! Aber keine Sorge, ich fing nicht an zu jubeln, ich sagte einfach: »Hi!«

Nach der Klingel kam Frau Vergeer in den Klassenraum, unsere Klassenlehrerin. Sie unterrichtet Englisch und sieht genauso aus wie Camilla Parker Bowles, die Frau von Prinz Charles, die auf all diesen Postern abgebildet war. Graue Haare mit einer Welle und einem zu langen Kinn. Ihre Kleidung ist so extrem altmodisch, dass sie schon wieder Prada sein könnte.

Ich überlegte mir, wie toll es wohl wäre, wenn wir Coco Chanel als Klassenlehrerin hätten. Sie in einem schönen Wollkostüm, einem violetten Hütchen mit einer langen Perlenkette und hohen Absätzen. Und die ganze Klasse in bretonischen T-Shirts mit weiß-blauen Streifen und Matrosenschiffchen auf dem Kopf. Ein Klassenzimmer mit runden Fenstern und Strandhäuschen auf dem Schulhof. Madame Chanel würde mit ihren rot lackierten Nägeln leicht auf das Pult tippen und ein »Bonjour!« hauchen.

»Ruhe!« Frau Vergeer hämmerte mit einer Art Holzklotz auf den Tisch. Augenblicklich herrschte Totenstille. Jetzt erst sah ich, dass unsere Lehrerin einen sehr kleinen Mund hat. Einen kleinen geraden Strich und darüber eisig stechende Augen. Jada machte ein Gesicht, als wären wir gerade in einem dunklen Wald von zwei Strauchdieben kopfüber an den Fußknöcheln an einen Baum geknüpft worden. So fühlte es sich auch an. Vergeer spähte wie ein Rottweiler die Tischreihen ab.

»Ich bin Frau Vergeer, eure Klassenlehrerin. In den kommenden Jahren unterrichte ich euch in Englisch. Wir beginnen die Stunde mit einer Vorstellrunde.«