Cover.jpg

Deutsche Erstausgabe
Als Ravensburger E-Book erschienen 2018
Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

© 2018 Ravensburger Buchverlag

Copyright © Shannon Hale 2012
This translation of Princess Academy is published by
RAVENSBURGER by arrangement with Bloomsbury Publishing Inc.. All rights reserved.
Titel der Originalausgabe:
Princess Academy. Palace of Stone

Übersetzung: Alexandra Ernst
Lektorat: Regine Teufel
Umschlaggestaltung: Bente Schlick

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.


ISBN 978-3-473-47875-0

www.ravensburger.de

Für meine Dinah,
eine ganz eigene Prinzessin

31084.jpg

Die Straße aus Stein bringt dich zur Arbeit,
die Straße aus Stein bringt die Arbeit fort,
die Straße aus Stein musst du beschreiten,
die Straße aus Stein bringt dich wieder heim.
Hin und zurück, auf der Straße aus Stein.

Miri wurde vom Blöken einer Ziege geweckt. Widerstrebend öffnete sie ein Auge. Der hellgelbe Himmel lugte durch die Ritzen in den Fensterläden. Es war Tag – vielleicht der Tag, an dem die Händler kommen und sie fortbringen würden. Die ganze Woche schon rechnete sie mit ihrer Ankunft, mit hüpfendem Herzen und bleischwerem Magen. Es war merkwürdig, wie oft sie im Augenblick mit zwei widerstreitenden Gefühlen kämpfen musste.

Zum Beispiel, wenn es um Peder ging.

Miri stand von der mit trockenen Erbsen gefüllten Matratze auf und ging zum Fenster. Eine Gestalt lehnte im Türrahmen von Peders Haus. Miri winkte, Peder winkte zurück, und all die komplizierten Gefühle verwirrten sich zu einem heillosen Durcheinander. Ihr Kopf wurde leicht und schwindelig, und eine merkwürdige Erregung packte ihr Herz.

Auch wenn sie an ihr Zuhause dachte, empfand sie diesen Zwiespalt. Miri schaute sich um, betrachtete die etwa zwei Dutzend Häuser von Mount Eskel, deren Dächer vom Morgenlicht weiß überzogen waren. Ihr Berg war groß. Die Welt war noch größer.

Ein Geräusch rief sie ins Haus. Ihre Schwester Marda und ihr Pa waren aufgewacht. Sie hatten sich aufgesetzt, streckten sich und stöhnten müde. Miris Gefühle für ihre Familie waren glasklar. Und ihretwegen wäre sie am liebsten geblieben.

Miri redete, während sie Marda half, die Matratzen zu verstauen; und sie redete, während sie das Frühstück zubereitete; und sie redete, während sie die Ziegen aus dem angrenzenden Raum holte und hinaus in das grelle Licht des anbrechenden Tages trieb. Wenn sie redete, musste sie nicht denken. Wenn sie anfing zu denken, wurde ihr Herz nur noch schwerer.

»Peders Großvater sagt, dass er diesen Herbst so viele Bienen gesehen hat wie noch nie; und das bedeutet, dass der Winter nicht zu hart sein wird, aber es wird ständig frieren und tauen und frieren und tauen; und es wird überall Glatteis geben. Wir sollten vielleicht den Weg am Fluss mit noch mehr Geröll aufschütten.«

»Wir kommen schon zurecht, Miri.« Eine Ziege stupste ihre Schwester in die Seite, und Marda rieb ihr die Ohren. »Mach dir keine Sorgen.«

Pa ging vor den Mädchen her. Seine Schultern verkrampften sich bei Mardas Worten.

»Pa …« Miri wollte ihn sagen hören, dass auch er ohne sie zurechtkam.

Sie erreichten den Steinbruch, eine riesige Senke aus weißem Stein. Überall ragten Kanten und Quader aus dem Fels. Dutzende von Dörflern waren bereits dabei, Linderblöcke, die sie aus dem Berg geschnitten hatten, zu behauen und aus dem Steinbruch zu schaffen. Eine Gruppe arbeitete an einem großen Stein und sang dazu im Rhythmus ihrer Bewegungen: »Hin und zurück, auf der Straße aus Stein

Miris Pa blieb am Rand des Steinbruchs stehen. »Wir sehen uns beim Mittagessen, Miri, es sei denn …«

Miri brachte den Gedanken zu Ende. Es sei denn, die Wagen kommen vorher.

Ihr Pa schulterte die Spitzhacke und ging mit langen Schritten in die Grube. Marda folgte ihm, drehte sich noch einmal um und zuckte mit den Schultern. Miri antwortete ebenfalls mit einem Achselzucken. Sie kannten ihren Pa.

Miri band die Ziegen auf einem Hügel fest, wo sie grasen konnten, und hüpfte dann gut gelaunt wieder zum Haus zurück. Sie nahm einen Brief vom Tisch, wie sie es jeden Tag getan hatte, seit er ihr im Sommer von einem der Händler überreicht worden war. Der Brief kam ihr immer noch so geheimnisvoll vor wie früher die Bücher, als sie gerade angefangen hatte, lesen zu lernen.

Sie kannte die Zeilen auswendig, aber trotzdem las sie den Brief noch einmal. Er war von Katar, die vor ein paar Monaten Mount Eskel verlassen hatte und jetzt in der Hauptstadt lebte.

An Miri Larendotter, Lady der Prinzessin, Mount Eskel

Miri,

das hier ist ein Brief. Durch einen Brief kann man mit jemandem sprechen, der sehr weit weg ist. Zeig ihn ja nicht den anderen, für den Fall, dass ich etwas falsch mache.

Im Herbst werden Wagen die Händler begleiten, um all die Mädchen der Akademie nach Danland zu bringen, die herkommen wollen. Ihr dürft ein Jahr lang bleiben. Ich weiß, dass zumindest du kommen wirst. Es ist eine lange Reise. Nimm eine Decke mit, auf die du dich setzen kannst, sonst bekommst du blaue Flecken am Hintern.

Im Herbst erhält der König von jeder Provinz Danlands ein Geschenk. Und da dies das erste Jahr ist, in dem Mount Eskel eine Provinz ist, möchte ich, dass unser Geschenk etwas ganz Besonderes ist. Ich wüsste nicht, was wir außer Linder zu bieten hätten. Und ich glaube nicht, dass Ziegen ein passendes Geschenk wären. Bitte sag den Dorfältesten, dass der Linder absolut perfekt sein muss, vielleicht ein sehr großer Block. Vor lauter Sorge kann ich gar nicht mehr schlafen. Ich habe es satt, dass sich alle anderen Abgeordneten so abfällig über Mount Eskel äußern.

Ich kann es kaum abwarten, bis du kommst. Es geschehen Dinge in Asland. Ich brauche deinen Rat, aber es wäre zu gefährlich, darüber zu schreiben, glaube ich. Hoffentlich ist es nicht zu spät, wenn du endlich hier bist.

Dieser Brief ist von Katar, Mount Eskels Abgeordnete am königlichen Hof von Asland.

Miri legte den Brief wieder auf den Tisch und beschwerte ihn mit einem Stück Linder – weißer Stein mit silbernen Adern. Sie konnte sich nicht vorstellen, welche gefährlichen Angelegenheiten Katar mit ihr besprechen wollte, aber den ganzen Sommer lang hatten diese Zeilen ihre Fantasie befeuert. Und der Sommer war in der Tat sehr lang gewesen.

Miri nahm einen zweiten Brief in die Hand und musste beim Anblick von Brittas geschwungener Handschrift unwillkürlich lächeln.

Miri Larendotter, Mount Eskel

Meine liebste Miri,

ich freue mich, dass ich dir schreiben kann. Obwohl es mir noch lieber wäre, wir könnten persönlich miteinander reden und wieder im Schatten der Akademie sitzen und die Falken bei ihrem Flug beobachten, wie früher. Wenigstens habe ich gute Neuigkeiten: Der König hat die Mädchen der Akademie für diesen Herbst eingeladen! Doch bis dahin dauert es noch viel zu lange und ich bin schon ganz ungeduldig. Aber immerhin besser, als bis nächstes Frühjahr zu warten.

Lass mich ein bisschen prahlen und das Lob für seine Entscheidung für mich beanspruchen. Ich habe einige recht passable Argumente vorgebracht, nämlich dass der Pass im Frühjahr immer noch verschneit sein könnte und ihr nicht rechtzeitig zur Hochzeit hier sein würdet. Und wie soll die Prinzessin ohne ihre Damen zum Traualtar schreiten?

Ihr werdet alle hier im Palast wohnen. Die Näherinnen des Hofs werden euch im aslandischen Stil einkleiden, also mach dir bitte über eure Garderobe keine Sorgen.

Und ich habe noch mehr gute Neuigkeiten zu berichten! Es ist ein Platz frei für dich, im Queen’s Castle, der Universität von Asland! Das Semester beginnt gleich nach der Ernte, was ein weiterer Grund dafür ist, dass du unbedingt vor dem Frühling hier sein musst.

Und das ist immer noch nicht alles. Gus, ein Steinmetz, der für meinen Vater arbeitet, hat eingewilligt, Peder als Lehrling anzunehmen. Peder bekommt bei Gus ein Jahr lang freie Kost und Logis sowie einen Block Linder im Ausgleich für seine Arbeit.

Es gibt hier so viel für uns zu tun. Ich kann kaum schlafen, so oft träume ich von dir! Möge der Sommer mit schnellen Flügelschlägen vergehen.

Deine Freundin,

Britta

Jedes Jahr im Frühling, Sommer und Herbst kamen die Händler nach Mount Eskel, deshalb hatte Miri den beiden Mädchen noch nicht antworten können. Zweifellos war Katar schon ganz krank vor Sorge wegen des Geschenks für den König. Miri war gespannt, was für Augen sie machen würde.

Sie schöpfte den Morgenbrei in einen Topf und ging zur Tür hinaus. Peder mühte sich seit drei Monaten mit diesem Geschenk ab. Und da seine Familie in dieser Zeit auf einen Arbeiter im Steinbruch verzichten musste, unterstützten die anderen Familien des Dorfes Peder mit den Mahlzeiten. Heute war Miri an der Reihe. Während ihr Pa und ihre Schwester im Steinbruch arbeiteten, kümmerte sie sich um das Haus und die Ziegen.

Sie tänzelte über die Steinsplitter, mit denen der Weg vor Peders Haus ausgelegt war, klopfte und trat ein.

»Guten Morgen, Peder«, sagte sie und verstummte, als sie Jons, Peders Vater, mit verschränkten Armen vor sich stehen sah. In der Hütte herrschte eine winterkalte Stimmung.

Peder hockte zusammengesunken auf einem Schemel. »Mein Vater weiß noch nicht, ob er mich nach Asland gehen lässt.«

»Doch, ich weiß es ganz genau«, sagte Jons. »Es ist entschieden. Du wirst nicht gehen. Du hast schon drei Monate verschwendet, in denen du dieses … Ding geschnitzt hast. Und da deine Schwester uns verlässt, wirst du bleiben.«

Für Peder war die Arbeit im Steinbruch eine endlose Qual. Seit Jahren fertigte er nebenher kleine Tiere und Figuren aus Linder an und sehnte sich danach, mehr zu lernen. Miri wollte Jons anflehen, beherrschte sich aber gerade noch rechtzeitig und erinnerte sich an die Regeln der Diplomatie, die sie in der Akademie der Prinzessin gelernt hatte.

»Ich kann verstehen, Sir, warum Ihr Peder bei Euch behalten wollt. Seit die Händler im Sommer da waren, hat er nicht mehr im Steinbruch gearbeitet. Und es wäre sehr hart für Eure Familie, ein Jahr lang auf beide Kinder zu verzichten.«

»Genau so ist es«, sagte er und kniff misstrauisch die Augen zusammen. »Es geht nicht.«

»Ich würde Euch zustimmen, wenn es nicht so viel nützlicher für Eure Familie und das Dorf wäre, wenn Peder nach Asland ginge. Im Augenblick meißeln Kunsthandwerker in Asland die Hälfte des Steins weg, den die Händler von unserem Berg in die Hauptstadt bringen, und machen daraus Kamineinfassungen und Steinfriese und solche Dinge. Und sie verdienen damit ein Vermögen.«

»Genau!«, sagte Peder und stand auf. »Warum sollten wir diese Arbeit nicht selbst machen, hier in Mount Eskel? Wenn ich mit meiner Ausbildung fertig bin, könnten mir die Händler im Herbst die Aufträge bringen, die ich dann im Winter erledigen würde. Und im Frühling schicke ich meine Arbeit dann hinunter uns Flachland.«

»Wenn die Steine bearbeitet sind, können die Händler doppelt so viele mitnehmen wie unbearbeitete Steine«, sagte Miri. »Was bedeutet, dass alle doppelt so viel verdienen würden.«

Jons kniff die Augen noch mehr zusammen. Miri schluckte, doch dann ging sie zum letzten Angriff über:

»Ich weiß, dass Peder in Asland fleißig sein und viel lernen wird. Er wird Euch stolz machen. Werdet Ihr ihn gehen lassen?«

Sie hielt den Atem an. Sie lauschte, aber auch Peders Atem konnte sie nicht hören. Jons drehte sich um und schaute zum Fenster hinaus.

»Also schön«, sagte er mit einem Seufzen. Er legte kurz die Hand auf Peders Kopf, bevor er hinausging.

»Du bist unglaublich!«, sagte Peder und umarmte Miri.

Er trat einen Schritt zurück und lächelte, als ob er nicht genug von dem Anblick ihres Gesichts bekommen könnte. Dann wandte er sich seinem Frühstück zu.

Warum fragt er nicht? Der Gedanke in Miris Kopf war mittlerweile so oft gedacht worden und so abgenutzt, dass er quietschte wie eine Tür mit rostigen Scharnieren. Sie war alt genug, um sich zu verloben. Peder schien sie zu mögen, sie und sonst niemanden. Aber trotzdem machte er ihr keinen Antrag.

Sie schaute ihn nicht an. Stattdessen beugte sie sich über die Kaminumrandung, an der er momentan arbeitete. Sie fuhr das Bild von Mount Eskel und die Bergkette, die er so wunderbar im Linder eingefangen hatte, mit den Fingern nach.

»Es ist glatter«, sagte sie.

»Ich habe es poliert.«

In diesem Moment erklangen draußen unverkennbare Geräusche. Sie eilten zum Fenster und sahen den ersten Wagen einer langen Kolonne ins Dorf fahren. Unter den eisenbeschlagenen Rädern knirschte der Schotter.

Miri hielt Peders warme, schwielige Hand. Sie wusste nicht, wer zuerst nach dem anderen gegriffen hatte.

Zusammen mit den anderen Dörflern rannten sie zu den Wagen. Der Handel begann. Familien verkauften geschnittene Linderblöcke und erwarben Lebensmittel und Vorräte von den Händlern. In der Vergangenheit waren solche Handelstage eine unerfreuliche Angelegenheit gewesen, weil die Familien kämpfen mussten, um genug Essen für den langen Winter zu bekommen. Aber seit die Dorfbewohner im vergangenen Jahr ihren Linder zum ersten Mal zu fairen Preisen hatten verkaufen können, waren solche Tage ein wahres Fest.

Die Kinder tanzten vor Begeisterung über neue bunte Bänder und Stoffe, über Schuhe und Werkzeuge, Säcke mit getrockneten Erbsenschoten, Fässer mit Honig, Zwiebeln und gesalzenem Fisch. Solche Dinge waren Miri immer irgendwie magisch vorgekommen, waren sie doch Zeugnisse geheimnisvoller, weit entfernter Orte. Wie oft hatte sie schon mit offenen Augen von Städten und Landschaften geträumt, von Wiesen und dem endlosen Meer? Jetzt, endlich, würde sie das alles sehen. Aber trotzdem war ihr nicht nach Tanzen zumute.

Peder gesellte sich zu seiner Mutter, um ihr bei den Einkäufen zur Hand zu gehen, und Miri verkaufte die Steine ihrer Familie. Dann machte sie sich auf die Suche nach ihrer Schwester.

»Bitte komm mit, Marda«, sagte sie, und Panik schnürte ihr die Kehle zu. Marda war kein Mädchen der Akademie, aber Miri wusste, dass Britta nichts dagegen haben würde, und die anderen Mädchen aus dem Dorf liebten ihre sanfte Schwester. »Ich würde gerne gehen, aber ich fürchte mich. Ich brauche dich. Bitte!«

»Du fürchtest dich nicht«, sagte Marda ruhig, »oder zumindest nicht mehr lange.«

»Marda, ich meine es ernst.«

»Ich bin nicht wie du, Miri. All diese Dinge zu lernen, über die Orte und die Könige vergangener Tage und die Kriege …, dabei fühle ich mich, als würde ich neben einem Abgrund schlafen. Ich mag dieses Gefühl nicht. Ich will zu Hause bleiben.«

»Aber …«

»Pa und ich wissen, dass du zurechtkommen wirst. Und zwar so gut, dass er sich Sorgen macht, ob du überhaupt wiederkommst.«

»Wirklich?«

Marda nickte. »Ich übrigens auch.«

Miri schüttelte den Kopf. Sie würde nie freiwillig von zu Hause wegbleiben, aber in einem Jahr konnte so viel passieren. So vieles konnte verhindern, dass sie heimkehrte. Miri dachte an die Gefahren, von denen Katar gesprochen hatte, und spürte, wie ihr Kinn anfing zu zittern.

Marda rieb ihr den Rücken und zwang sich zu einem beruhigenden Lächeln. »Du wirst sehen, die Zeit vergeht ganz schnell, und ehe du dich versiehst, bist du wieder zu Hause. Ein Jahr ist eine Kleinigkeit.«

Mardas Worte erinnerten Miri an eine Gedichtzeile, die sie in der Akademie einmal in einem Buch gelesen hatte. »Der Stich einer Biene, mitten ins Herz, ist keine Kleinigkeit«, sagte sie.

»Wen hat eine Biene gestochen?«, fragte Marda.

»Ach nichts, das ist nur ein Gedicht«, sagte Miri. Sie hätte wissen sollen, dass Marda sie nicht verstehen würde, und plötzlich fühlte sie sich so allein, als hätte sie Mount Eskel schon verlassen.

Marda legte den Arm um sie und zog sie zu sich, sodass ihre Köpfe sich berührten. Miri fiel auf, dass ihre Schwester im letzten Jahr gewachsen war. Sie war älter als die meisten ledigen Mädchen in Mount Eskel, und trotzdem war sie noch nicht verlobt. Wenn alle Jungen im Dorf erst vergeben waren, dann konnte Marda nicht darauf hoffen, dass auf einmal scharenweise Flachländer angerannt kamen und um ihre Hand anhielten. Und Marda war zu schüchtern, um selbst um einen Jungen zu werben.

Miri nahm sich vor, dass sie sich gleich nach ihrer Rückkehr aus Asland zur Heiratsvermittlerin ihrer Schwester machen würde. Und sie würde so lange in Mount Eskel unterrichten, bis alle im Dorf lesen konnten, einschließlich ihres Vaters. Die Pläne, die sie schmiedete, gaben ihr Sicherheit. Sie waren wie ein Seil, das sie am Berg festmachte, um sich vor dem Absturz zu bewahren.

Das Kaufen und Verkaufen nahm seinen Lauf, und am Ende des Tages wurde das Handelsfest gefeiert. Heute war es ein Abschiedsfest.

Nicht alle Mädchen der Akademie würden nach Asland gehen. Einige blieben in Mount Eskel, weil ihre Eltern es so wollten, andere waren mittlerweile verlobt und hatten keine Lust, ihre Liebsten zu verlassen. Mit Miri würden noch fünf weitere Mädchen in die Hauptstadt fahren: Gerti, Esa, Frid, Liana und Bena. Jede hatte einen Jutesack mit ihren Habseligkeiten dabei. Miri drückte ihren eigenen Sack gegen die Brust. Der Sommer war ihr endlos lang erschienen, aber jetzt, da der Augenblick gekommen war, wirkte alles so plötzlich und brutal, wie ein Falke im Sturzflug.

»Ich werde dir schreiben«, sagte sie zu Marda. »Jede Woche. Und ich werde die Briefe im Frühling den Händlern mitgeben. Und darin wird immer das Gleiche stehen: ›Ich vermisse euch, und im nächsten Herbst werde ich wiederkommen. Und für immer bleiben‹.«

Marda nickte bloß.

Ihr Vater näherte sich, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Augen zu Boden gesenkt. Miri ging ihm entgegen.

»Vergiss nicht, die Kaninchen an den kältesten Wintertagen zu schlachten, wenn ihr Pelz am dicksten ist«, sagte sie. »Marda bricht es das Herz, und deshalb will sie es nicht tun, und wenn ich weg bin …«

Er schaute sie an und dann wieder weg. Stirnrunzelnd betrachtete er die Bergkette, die braun und rot, blau und geisterhaft grau über den Wolken zu schweben schien.

»Ich werde wiederkommen, Pa«, sagte sie.

»Wirklich?«, sagte er mit seiner tiefen Stimme. »Wirklich?«

»Ich verspreche es.«

Er hob sie hoch und drückte sie an seine Brust, als wäre sie noch ein kleines Kind. Wie konnte eine Umarmung ihr das Gefühl geben, so unendlich geliebt zu werden, und ihr gleichzeitig das Herz brechen?

»Ich werde immer heimkommen, Pa«, sagte sie.

Aber eine leise, zitternde Angst beschlich sie.

Miri saß hinten auf dem Wagen, als er sich in Bewegung setzte und auf die Straße einbog. Ihre Augen saugten hungrig den letzten Blick auf ihr Zuhause ein: ihre Hütte aus grauem Stein, die weißen, schimmernden Linderscherben auf dem Weg, die zerklüfteten Ränder des Steinbruchs und das weiß bemützte Haupt von Mount Eskel.

Sie fühlte sich ängstlich, wie nachtblind, als ob sie einen Weg eingeschlagen hätte, der sie zu einem Abgrund führte, hinter dem nur die leere Luft lag. Das Flachland war so weit weg, sie konnte kaum glauben, dass es existierte. Wenn sie erst dort war, würde ihr Mount Eskel dann auch wie ein Traum vorkommen?

Ein letztes Mal drehte sie sich nach ihrem Pa und Marda um, ehe die Straße eine Biegung machte und das Dorf so schnell wie ein Seufzen ihrem Blick entschwand.

31063.jpg

Die Stadt am Fluss,
die Stadt am Meer
Die Leute von Kalk,
Lehm, Sand und Teer.

Miris Kiefer schmerzte, weil sie die ganze Zeit vor Staunen den Mund aufriss. Da waren die Bäume des Flachlands mit ihren mächtig belaubten, strahlend grünen Kronen. Dann die Weiden, die sich so weit erstreckten, dass sie die Welt mit sanften Wellen aus Grün und Gold bedeckten. Die gepflasterten Straßen unter den Wagenrädern, die Holzhäuser mit den blinkenden Glasfenstern. Die Dächer aus Reet oder Schindeln, gelegentlich sogar mit einem Beschlag aus Kupfer, von denen einige neu und orange glänzten, die meisten aber mit Grünspan überzogen waren.

Miri hatte Mühe, das ehrfürchtige Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken. »Das ist also Asland.«

Enrik, der Händler, verdrehte die Augen. »Nein, das ist nur eine gewöhnliche Stadt.«

In dieser Nacht schlugen sie außerhalb der Stadt ihr Lager auf. Miri schaute von ihrem Abendessen aus Speck und Kartoffeln hoch und fing den Blick eines dünnen Mädchens ein, das auf einem Stock kaute. Das Stadtmädchen sagte nichts, sondern betrachtete Miri nur mit großen Augen. War sie gekommen, um die Hinterwäldler aus Mount Eskel zu begaffen? Würde sie jetzt nach Hause rennen und sich über die Art, wie sie ihr Essen löffelte, lustig machen? Miri zog die Schultern hoch und drehte sich weg.

Am dritten Tag hatte sich Miri an den Rhythmus des Reisens gewöhnt: Wälder, Bauernhöfe, Städte, das alles wechselte sich ab, in ständig wiederholendem Gleichklang, immer begleitet vom Poltern und Holpern des Wagens. Längst hatte Miri den Mund wieder zugemacht und empfand auch keine Furcht mehr – jedenfalls fast keine. Bis sie Asland erreichten.

Der Regen kam als Nebel, der sich auf ihren Gesichtern und Händen zu unliebsamen Tropfen sammelte. Bald schon goss es in Strömen, und die Mädchen kauerten sich hinten auf Enriks rumpelndem Wagen unter einer Ölhaut eng aneinander. Miris Magen verkrampfte sich. Als Bena sich würgend über die Seite des Wagens erbrach, kroch Miri unter der Ölhaut hervor, mitten hinein in das Unwetter.

»Lieber sterbe ich, als da drunter zu ersticken«, verkündete sie. »Sterben – oder klatschnass werden.«

Peder und Enrik saßen auf dem Kutschbock unter einer kleineren Ölhaut.

»Du wirst nass bis auf die Knochen«, sagte Enrik. Mit seiner langen Nase und den dürren, hängenden Schultern sah er aus wie ein mürrischer Geier, fand Miri.

»Bin ich schon.« Wenigstens war es im Flachland wärmer als auf den Bergen.

Peder rutschte ein Stück, und Miri quetschte sich neben ihn. Er zog die Hälfte der Ölhaut um sie. Ihre Beine berührten sich.

Der Regen kämmte ihre Haare, sog sich durch den Stoff ihrer Kleider und tropfte von ihrer Haut. Aber in der frischen Luft beruhigte sich ihr Magen, sie schlang die Arme um sich und war froh über den Anblick der grau-blauen Welt. Oft hatte sie versucht, sich vorzustellen, wie es sein würde, in die Hauptstadt einzufahren. Regen war in ihrer Fantasie nie vorgekommen.

»Ich bin so nervös«, flüsterte sie Peder zähneklappernd zu.

»Du hörst dich auch so an«, sagte Peder.

»Ach, das ist nur mein Kiefer. Der muss hämmern, weil er das Hämmern des Steinbruchs vermisst.«

»Oder aber du frierst erbärmlich und solltest wieder zu den anderen Mädchen gehen.«

»Und dich meiner Gesellschaft berauben? Du hältst mich wohl für sehr grausam.«

Bis vor Kurzem war nie ein Bewohner von Mount Eskel ins Flachland gefahren. Aber seit die Priester Mount Eskel als Heimstatt der zukünftigen Prinzessin erwählt hatten, war alles andes geworden. Der König hatte eine Tutorin bestimmt, die in der Akademie der Prinzessin den ungebildeten Bergmädchen Lesen und Schreiben beibringen und sie mit allen anderen Dingen vertraut machen sollte, die die Braut eines Prinzen wissen musste. Aber aus den Büchern, die sie dort gelesen hatten, hatten Miri und ihre Freundinnen noch viel mehr gelernt, nicht zuletzt, wie die Leute im Dorf einen besseren Preis für ihren Linder aushandeln konnten.

Weil die Menschen von Mount Eskel jetzt einen besseren Verdienst hatten, war es nicht mehr nötig, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang im Steinbruch zu schuften, und Miri hatte eine Dorfschule ins Leben gerufen für alle, die gerne etwas lernen wollten. Mount Eskel war von einem bloßen Territorium in den Rang einer Provinz von Danland erhoben worden, die Absolventinnen der Akademie waren von nun an Damen der Prinzessin und standen damit im Rang einer Lady. Plötzlich war die Welt jenseits der Berge nicht länger ein unbekanntes, bedrohliches Geheimnis, sondern ein Ort, an den Miri reisen und wo sie sogar leben konnte.

Der Regen ließ nach und ging in ein Nieseln über. Die tief hängenden Wolken verzogen sich, die Sonne schmolz den Nebel weg, und Miri sah, dass sie sich bereits mitten in einer Stadt befanden, die größer war als alles, was sie sich hatte vorstellen können.

Straßen über Straßen, Gärten und Brunnen, Häuser wie Riesen. Die Holzbank unter Miri schien immer kleiner zu werden, und es kam ihr so vor, als würde sie durch die ganze weite Welt hindurchfallen.

Peder drückte seine Schulter gegen ihre. Ungläubig starrte er um sich. Miri schaute ihn mit kugelrunden Augen an und nickte.

Sie überquerten eine Brücke von einer Seite des Flusses zur anderen. Häuser, sechs Stockwerke hoch, standen dicht an dicht an den Ufern, sodass sie wie eine einzige, mächtige Mauer wirkten. Jedes Haus war in einer anderen Farbe gestrichen – blau, gelb, rot, braun, grün, ocker, türkis.

»Warum sind die Weiden dort grau?«, fragte Miri. Flussabwärts endeten die Gebäude jäh, und dort begann eine riesige, leere Fläche.

Enrik lachte. »Das ist das Meer.«

»Das Meer?« Die Händler redeten immer über das Meer, als sei es das Wundersamste auf der ganzen Welt und als seien die Leute von Mount Eskel Narren, dass sie so weit entfernt von seiner Herrlichkeit lebten. Aber es war bloß eine flache, leblose Ebene.

Armes Asland, dachte Miri, keine Berge. Sie müssen ihre Häuser bunt anmalen, um auf etwas Hübsches blicken zu können. Sie finden sogar ein langweiliges Meer großartig.

Die Brücke endete, und die Wagen bogen vom Fluss in Richtung Stadtzentrum ab, wo ein Palast aus weißem Stein in einem üppigen Park stand, der wie ein grüner See aussah.

»Linder«, flüsterte Miri. »Es muss hundert Jahre gedauert zu haben, um diese Menge an Linder abzubauen.«

Die anderen Mädchen betrachteten ehrfürchtig den Palast.

»Er ist ja so groß«, sagte Frid.

»Genau wie du«, meinte Miri. Es stimmte – Frid wurde lediglich von ihrer Mutter und ihren sechs Brüdern überragt. »Und in einem Wettkampf würde ich auf dich setzen, nicht auf den Palast.«

Frid lachte. »Was soll er mir denn schon tun? Auf mich drauffallen?«

»Es ist wie ein riesiges Stück von Mount Eskel«, sagte Esa, Peders Schwester.

»Dann werden wir uns ja wie zu Hause fühlen«, sagte Miri in dem Versuch, sich selbst Mut zuzusprechen.

Die Wagen fuhren durch ein Seitentor in einen weiten Innenhof des Palastes.

»Hier würde das ganze Dorf samt Steinbruch hereinpassen«, sagte Peder.

»So ist es«, sagte Enrik. »Vielleicht wird der König als Nächstes diesen Innenhof zur Provinz machen.«

»Sehr lustig«, sagte Miri und stupste Enrik mit einer flinken Bewegung die Mütze über die Augen.

Ein Mädchen mit orangeroten Haaren löste sich aus einer Gruppe Menschen und kam auf die Wagen zugerannt. Katar war größer, als Miri sie in Erinnerung hatte. Sie wirkte regelrecht königlich. Miri musste unwillkürlich an die »gefährlichen« Neuigkeiten denken, die Katar in ihrem Brief erwähnt hatte, und hielt nach Zeichen dafür Ausschau, dass sie noch rechtzeitig gekommen waren.

»Habt ihr das Geschenk für den König dabei?«, fragte Katar statt einer Begrüßung. Peder sprang in den Wagen, in dem die Kamineinfassung lagerte, und schlug das Tuch zurück.

Katar nickte. »Wenigstens etwas.«

»Sie ist wunderschön«, sagte Miri und hoffte, dass Katar den Grund für das Drängen in ihrer Stimme begriff.

Katar blinzelte, schaute erst Miri an und dann Peder. »Oh. Natürlich. Wunderschön.«

»Wie ist es dir hier ergangen, Katar?«, fragte Peder.

»Alle verabscheuen uns, verständlicherweise. Was sollte man auch sonst erwarten?« Dann flüsterte sie Miri ins Ohr: »Ich muss mit dir reden, allein, sobald es geht.«

Miri nickte. Die Sonne hatte die Regennässe aus ihren Kleidern verdampfen lassen, aber jetzt erschauerte sie unter einer neuen Kälte.

»Mir wäre es lieber gewesen, ihr wärt schon gestern angekommen, aber heute ist besser als morgen«, sagte Katar. »Ihr könnt euch später ausruhen, heute ist der Tag der Gaben, und es ist Zeit für die Geschenke. Mount Eskel ist zuerst dran, weil wir die jüngste Provinz sind.«

Der König kam aus seinem Palast und trat auf ein Podium, das mitten auf dem Hof stand. Er war umringt von Leuten, von denen Miri annahm, dass es seine Leibgarde und seine Familie war. Sie sah Prinz Steffan neben der blonden, rotwangigen Britta.

Miri hopste auf und ab und winkte, und Britta winkte glücklich zurück. Katar ermahnte Miri mit einem bösen Blick, sich zu benehmen. Dann bedeutete sie dem Wagenlenker, er möge ihr über den Hof folgen.

»Eure königliche Majestät«, sagte Katar und verbeugte sich vor dem Podium. »Zu Ehren Eurer noblen Herrschaft bringen die Bewohner von Mount Eskel Euch unser Ernte-Geschenk dar.«

Der König warf einen kurzen Blick in den Wagen, ohne seine Haltung zu verändern. »Mein erstes Geschenk von meinem liebsten Berg. Seid bedankt.« Dann hob er die Hand, und der Wagen fuhr weiter.

Peders hoffnungsvolle Miene klebte in seinem Gesicht, als ob er Angst hatte, dass man die Kränkung sehen würde, wenn er den Ausdruck änderte. Drei Monate hatte er sich mit diesem Stein abgemüht. Es war der größte Schatz, den Mount Eskel dem König zu bieten hatte, und doch war er nicht mehr wert als ein beiläufiger Blick.

Miri legte Peder die Hand auf die Schulter. Seine Muskeln waren verkrampft.

Zweifellos würden die anderen Provinzen eindrucksvolle Gaben und unermessliche Reichtümer darbringen. Miri wappnete sich, wieder einmal von den Flachländern gedemütigt zu werden, weil sie aus dem bejammernswerten hintersten Winkel des Landes kam.

Ein weißhaariger Mann wandte sich an den König.

»Das ist der Abgeordnete von Elsby«, flüsterte Katar, die sich wieder zu Miri gesellte. »Dort gibt es zahllose Bergwerke.«

»In den vergangenen Jahren«, sagte der Abgeordnete, »haben wir Euch mit einer Hand voll Edelsteine geehrt. Als Dank für Eure freundliche Aufmerksamkeit und für die vielen Abgaben, die Ihr von uns verlangt habt, möchte Elsby Eurer königlichen Majestät dieses Jahr eine größere Menge unserer Bodenschätze zum Geschenk machen.«

Er zog die Plane von seinem Wagen, und zum Vorschein kam ein Haufen Kieselsteine. Aus dem Gefolge des Königs war ein Aufkeuchen zu hören.

»Was geht da vor?«, flüsterte Miri.

Katars Mund stand offen. »Das ist vermutlich das taube Gestein, das sie bei ihrer Arbeit zutage fördern. Ich verstehe nicht …«

Als Nächstes trat der Abgeordnete aus Hindrick vor das Podium, gefolgt von etwa einem Dutzend Männer, die alle einen Sack in den Armen trugen.

»Eure Majestät, Ihr seid ständig in unseren Gedanken, weil Ihr ständig mehr Steuern von uns verlangt. In der Vergangenheit haben wir Euch etliche Scheffel Getreide geschickt und für uns selbst den Teil behalten, der nach dem Schweiß der Arbeit übrig geblieben ist. Doch nun, großer König, sollt Ihr alles haben. In diesem Augenblick werden zwölf Wagen mit goldenem Spreu vor Eurer Kornkammer abgeladen.« Mit einer weit ausholenden Geste kippten der Abgeordnete und seine Gefolgsleute ihre Säcke aus, und staubige Getreidehülsen ergossen sich über die Stiefel des Königs.

»Spreu?«, fragte Miri.

»Spreu ist das, was nach dem Dreschen des Getreides übrig bleibt«, flüsterte Katar. »Man kann es als Viehfutter benutzen. Oder kratzige Matratzen damit stopfen.«

Der König war aufgesprungen und flüsterte erregt mit einem eindrucksvoll wirkenden Mann, der ganz in Grün gekleidet war und eine schwarze Schärpe über der Brust trug. Katar nannte ihn Gummonth, er war der oberste Beamte des Königs.

»Ist irgendjemand von euch mit einem ehrlichen Geschenk hier erschienen?«, fragte Gummonth.

Die verbliebenen dreizehn Abgeordneten warteten in einer Reihe. Miri sah, dass einer einen Wasserkrug in der Hand hatte, ein anderer saß auf dem Bock eines Wagens mit Rinderknochen. Manche von ihnen schienen sich unbehaglich zu fühlen, andere starrten mit trotziger Miene geradeaus.

Ein Abgeordneter mit einem Glas voller Würmer näherte sich dem König.

»Normalerweise würden wir unserem geliebten König unsere beste Seide darbringen«, sagte er, »aber der Tribut in diesem Jahr …«

»Seine Majestät hat genug von dieser Farce«, unterbrach ihn Gummonth.

Der König stieg die Stufen des Podiums hinunter, die Leibgarde folgte ihm.

Katar schüttelte den Kopf. »Ich war fest entschlossen, dass wir nicht als Außenseiter dastehen würden, als die armen, unwissenden Hinterwäldler, aber genau das ist nun passiert. Die anderen Abgeordneten haben sich abgesprochen, aber mich hat keiner informiert.«

Miri verstand nicht, was los war, aber sie sah den Ausdruck von Sorge und Verwirrung auf Brittas Gesicht, als sie an Steffans Seite dem König folgte.

Ein Mann in einem Anzug aus herrlichem rotem Stoff trat auf die königliche Gesellschaft zu.

»Ein letztes Geschenk, Eure Majestät«, sagte er. Seine Hose endete oberhalb der Knöchel und die Jacke ein ganzes Stück hinter den Handgelenken, als ob er die Kleider eines viel kleineren Mannes geborgt hätte.

»Ist das einer der Abgeordneten?«, fragte Miri.

Katar schüttelte den Kopf.

»Welche Provinz repräsentiert Ihr?«, fragte Gummonth.

»Die Schuhlosen!«, sagte der Mann und zog etwas aus seiner Jacke.

Miri hatte noch nie eine Pistole gesehen, und sie erfuhr erst später, dass der laute Knall und das Zischen von einem Funken herrührte, mit dem Schießpulver entzündet wurde, das eine Bleikugel durch den Lauf schoss, geradewegs auf die Brust des Königs. Aber die Leibwache hatte begriffen, und sobald der Mann die Waffe zog, war er auch schon von Soldaten umringt. Einer sprang zu dem König und riss ihn zu Boden. Andere stürzten sich zwischen ihn und den rot gekleideten Mann, während wieder andere Schüsse aus langen Musketen abgaben. Eine knatternde Salve zerkratzte die Luft mit Rauch und peitschte gegen Miris Ohren.

Als sich der Rauch verzog, lagen mehrere Menschen auf dem Boden. Sie standen wieder auf – alle, bis auf zwei: der Soldat, der sich der Kugel in den Weg geworfen hatte, und der Schütze, der von den Musketen der Wache niedergestreckt worden war.

Miri schien all das wie aus weiter Ferne zu betrachten. Die Schreie hörte sie kaum, aber sie fühlte sie am ganzen Leib.

31046.jpg

In einem Schloss aus Brot die Königin saß,
singt blau, singt weiß, singt voller Fleiß.
Bett und Wände waren ihr Fraß,
singt weiß, singt blau, singt laut, singt leis’.
Dem hungrigen Volk nicht Krümel noch Krust’
gab sie, nein! Sie aß voller Fleiß,
bis Moder und Schimmel verdarben die Lust
am Essen, blühen blau und blühen weiß.

Miri war nicht die Einzige, die schrie.

Soldaten scharten sich um die königliche Gesellschaft und schoben sie in den Palast. All die Menschen, die sich zur Zeremonie versammelt hatten, rannten zum Tor. Der Hof war wie ein Käfig.

»Nach drinnen!«, rief Katar.

Die Besucher von Mount Eskel eilten Katar zum Portal hinterher und machten dabei einen großen Bogen um die beiden reglosen Körper auf dem gepflasterten Boden.

Eine Gruppe Soldaten stellte sich ihnen in den Weg. Stumme Drohungen standen in ihren Gesichtern. Katar erklärte, dass sie eine Abgeordnete sei und die Mädchen seien die Damen der Prinzessin, aber die Wachen packten ihre Lanzen nur noch fester.

Britta kam heraus. Sie wirkte dunkler, jetzt, da ihr Haar nicht mehr von der Sonne beschienen wurde. Ihre zumeist rosigen Wangen waren dunkelrot.

»Ja, lasst sie bitte passieren«, sagte sie, und erst jetzt gaben die Wachen den Weg frei.

Die Anspannung hing so schwer im Palast wie Rauch aus einem verstopften Schornstein. Nicht im Traum hätte Miri daran gedacht, dass das Wiedersehen mit ihrer besten Freundin zwischen Pistolen und Leichen stattfinden würde.

Britta signalisierte ihr, Peder und den anderen Mädchen, ihr zu folgen, und ging ihnen voraus durch einen Korridor, der zu einem großen Saal führte. Sie traten ein und Britta verriegelte die Tür von innen.

Hier drinnen waren der Tumult und die Schreie nicht mehr zu hören. Peder stand neben Miri, ihre Arme berührten sich. Britta schloss die Augen. Gerti, die Jüngste, zitterte wie Espenlaub. Miri dachte, dass im Augenblick wohl niemand darüber reden wollte, was sie gerade erlebt hatten.

Sie räusperte sich. »Also hier werden wir wohnen?«

Gerti, offensichtlich erleichtert über die Ablenkung, holte tief Luft und schaute sich um.

Der Raum erinnerte Miri an die Akademie der Prinzessin, wo alle in einem Raum geschlafen hatten. Aber der Saal dort war kahl gewesen. Hier gab es Teppiche auf dem Boden, Matratzen in hölzernen Bettgestellen und Vorhänge rings um die Schlafstellen, damit die Mädchen sich ungestört umziehen und schlafen konnten. Die Stoffe waren bunt, mit Blumenmustern, Streifen und Kreisen. Sie sollten wohl fröhlich wirken, aber Miri empfand sie als aufdringlich.

»Ja, das wird für ein Jahr euer Zuhause sein«, sagte Britta. »Bitte macht euch keine Sorgen. Wir sind hier ganz bestimmt sicher. Die Wachen werden sich um alles kümmern. Sind das alle? Mehr sind nicht gekommen? Dann brauchen wir nicht so viele Betten. Mein Zimmer ist gleich gegenüber.«

»Wir werden wirklich im Palast wohnen?«, fragte Liana staunend. Ihre dunklen Augen waren groß, und sie blickte sich voller Freude um.

»Ich dachte, der Palast sei aus Linder gebaut«, sagte Gerti und strich mit den Fingerspitzen über die cremefarbenen Kalksteinwände. Ihr Vater war der Vorsitzende des Dorfrats und stark wie ein Bär, aber seine Tochter ähnelte eher einem Vögelchen: Sie war blond, dünn und liebte das Singen.

»Nur der Flügel, in dem der König residiert«, sagte Britta. »Wir sind hier im Südflügel. Es gibt hier seltsame, strenge Traditionen: Nur die königliche Familie darf innerhalb von Linder-Wänden leben. Lakaien und Wachen dürfen nicht länger als acht Stunden dort zu Diensten sein. Dann müssen sie in einem anderen Teil des Palastes ihren Dienst antreten. Sehr merkwürdig.« Sie zuckte mit den Schultern. »Die verrückten Flachländer.«

Miri lachte, und Britta lächelte ihr zu.

»Katar«, sagte Britta, »ich dachte, du würdest vielleicht gerne bei deinen Freundinnen wohnen, während sie hier sind, deshalb habe ich deine Sachen aus dem Flügel der Abgeordneten hierher bringen lassen.«

Britta, die sicher war, dass sie das Richtige getan hatte, lächelte und schien Katars Zögern nicht zu bemerken.

Katar hatte nie Freundinnen gehabt, allerdings glaubte Miri, dass sie früher nur deshalb so gemein gewesen war, weil sie unglücklich war. Vielleicht war sie jetzt, weit weg von Mount Eskel und von dem Vater, der sie nie geliebt hatte, fähig zu Freundschaften.

»Du kannst meine Sachen auch herbringen lassen«, sagte Peder und warf sich auf das nächstbeste Bett. Er stöhnte vor Wohlbehagen, als er in die weiche Matratze sank, und rollte sich auf die Seite.

»Ähm, ich glaube nicht, dass Jungen …«, setzte Britta an.

»Kümmert euch gar nicht um mich!«, sagte Peder und zog sich die Decke über den Kopf.

Miri hätte im Moment kein Auge zutun können. Sie musste an sich halten, um nicht wie ein Tiger im Käfig auf und ab zu laufen.

»Keine Sorge, Britta«, sagte Esa. »Wir werfen ihn am Abend aus dem Zimmer. Dann geht’s ab zu deiner heiß ersehnten Lehrstelle, großer Bruder.«

Sie stupste Peder an, der unter der Decke nur als undefinierbarer Hügel zu erkennen war. Peder gab ein übertriebenes Schnarchen von sich.

Es klopfte an der Tür, Miri erschrak. Eine Stimme rief etwas, und Britta öffnete. Vor der Tür stand ein Bediensteter.

»Nach allem, was geschehen ist, müssen wahrscheinlich eine Unmenge Versammlungen abgehalten werden.« Britta seufzte und fing Miris Blick ein. »Es tut mir unendlich leid, dass ihr eine so unerfreuliche Begrüßung erleben musstet. Aber ich bin sehr froh, dass ihr alle hier seid!«

Sobald sie weg war, packte Katar Miri am Handgelenk und zog sie zu der Sitzgruppe in der Ecke. Miri zögerte, als Katar auf die weich gepolsterte Bank deutete, die sie »Sofa« nannte. Etwas so Herrliches war doch gewiss nicht zum bloßen Sitzen gedacht, wie ein einfacher Schemel. Aber Katar zog Miri zu sich hinunter.

»Oh!«, sagte Miri und kuschelte sich in die Kissen. »Mir scheint, dieses Sofa und ich könnten gute Freunde werden.« Katar warf ihr einen bösen Blick zu, aber Miri tat so, als hätte sie es nicht bemerkt. »Dieser Mann schrie irgendetwas über ›die Schuhlosen‹, bevor …«

»Bevor er versuchte, den König zu ermorden.« Katar erklärte die Sache mit den Kugeln und dem Schießpulver und erläuterte dann die Klassengesellschaft von Danland: »Die Adligen besitzen das Land. Und die Bürger müssen ihnen Abgaben zahlen, weil sie auf dem Land leben und es bewirtschaften. Einige Bürger – Kaufleute und Handwerker – sind recht wohlhabend. Aber die anderen, die Bauern, Arbeiter und Dienstboten, die nennt man ›die Schuhlosen‹.«

Miri dachte, dass sie und alle anderen von Mount Eskel wahrscheinlich ebenfalls zu den Schuhlosen gezählt wurden. »Was hatte es zu bedeuten, dass er den König im Namen der Schuhlosen umbringen wollte?«

»Es bedeutet, dass es losgeht«, sagte Katar. »Darüber wollte ich mit dir sprechen.«

Katar schaute sich um, aber die anderen Mädchen waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich ein Bett auszusuchen und die Schränke voller Kleider zu inspizieren.

»Revolution«, flüsterte Katar.

Miri hatte dieses Wort noch nie gehört, aber bei seinem Klang überlief sie eine kalte, ahnungsvolle Erregung.

»Einige Bürger kamen auf mich zu, als ich im Frühling hier eintraf«, sagte Katar. »Obwohl ich eine Abgeordnete bin, dachten sie, die Tochter eines Arbeiters würde mit den Schuhlosen sympathisieren. Für die Ärmsten der Armen stehen die Dinge seit ein paar Jahren ziemlich schlecht. Der König verlangt immer höhere Steuern vom Adel, und im Gegenzug treibt der Adel immer mehr Abgaben von den Bürgern ein. Die Schuhlosen müssen dem Adel einen so großen Teil ihres Getreides und ihres Einkommens überlassen, dass eine Hungersnot droht. Wenn die Menschen Angst haben, dann tun sie verrückte Dinge, Miri.«

»Wie der Mann vorhin auf dem Hof.«

Katar rückte näher. »Diese Rebellen wollen, dass ich mich den Bürgerlichen anschließe und bei den anderen Abgeordneten für sie spioniere.«

»Hast du eingewilligt?«, fragte Miri.

»Nein! Ich habe gesagt, ich würde darüber nachdenken, und seitdem gehe ich ihnen aus dem Weg. Wenn die Beamten des Königs auch nur den geringsten Verdacht hegen, dass ich mit solchen Leuten verkehre, dann könnte ich meine Stellung als Abgeordnete verlieren. Oder schlimmer noch – meinen Kopf.«

»Rede nicht mehr mit ihnen«, sagte Miri ängstlich. »Lass sie einfach links liegen.«

»Das tue ich ja. Aber sie schicken mir ständig Botschaften; sie warten auf mich vor dem Abgeordnetenhaus und werfen mir fragende Blicke zu. Ich glaube nicht, dass es schlechte Menschen sind. Sie sind bloß verzweifelt. Und vermutlich halb verhungert.« Ihre Stimme wurde noch leiser. »Du und ich, wir beide wissen, wie es ist, abends hungrig ins Bett zu gehen.«

Abgeordnete

»Also schön, ich werde sehen, was ich in Erfahrung bringen kann.«

»Sei vorsichtig. Verrate niemandem, was du tust, auch Britta nicht, klar?« Katar senkte den Blick und spielte mit den Quasten an dem Kissen. »Es mag dich überraschen, aber ich habe kein Interesse daran, deine Hinrichtung zu erleben.«

Ein neuer Gedanke stieg zitternd in Miri auf. »Moment mal … Wem gehört Mount Eskel?«

»Was?«

»Du hast gesagt, dass alles Land dem Adel gehört, aber seit Hunderten von Jahren hat man auf Mount Eskel keinen Adligen mehr gesehen.«

Katar schaute zur Decke, als ob die Antwort auf den weißen Stuckverzierungen geschrieben stünde. »Ich denke, Mount Eskel gehört dem König.«

Unvermittelt erklang lautes Gelächter, sodass Miri erschrocken aufsprang. Bena und Liana hatten Peder aus dem Bett auf den Boden geschubst. Er rappelte sich hoch, sprang auf Lianas Bett, klammerte sich fest und lachte, als die Mädchen an seinen Knöcheln zogen.

»Wie steht es? Seid ihr beiden verlobt?«, fragte Katar.

»Nein«, sagte Miri kurz angebunden.

»Ohh.« Katar grinste spöttisch, hob eine Augenbraue und sah mit einem Mal wieder ganz wie die alte Katar aus. »Oh, da hab ich wohl ein Thema angeschnitten, das noch viel gefährlicher ist als eine Revolution.«