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Als Ravensburger E-Book erschienen 2018

Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

© 2018 Ravensburger Buchverlag

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel
The Stone of Kuromori bei Egmont UK Limited, The Yellow Building, 1 Nicholas Road, London W11 4AN.

The author has asserted his moral rights. All rights reserved.

Copyright © 2017 Jason Rohan
Übersetzung aus dem Englischen: Jacqueline Csuss
Umschlagillustration: Miriam Weber unter Verwendung von Motiven von Fotolia/robertharding, Fotolia/grandfailure und Fotolia/soramushi

Katana: CanStockPhoto/oorka

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-47876-7

www.ravensburger.de

Für Anoop,
die von Anfang an dabei war

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»Kenny! Hier!«

Kenny Blackwood schloss die Tür zu dem Café und bahnte sich zwischen den voll besetzten Tischen einen Weg zu seiner Schulkollegin Stacey Turner, die halb verborgen in einer Nische an der verspiegelten Wand saß.

»Du bist spät dran«, nörgelte sie, noch ehe Kenny auf die gegenüberliegende Bank geschlüpft war. »Und erzähl mir nicht, der Zug hatte Verspätung – die Züge in Japan sind nie verspätet.« Sie musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Lass mich raten … du hast die Haltestelle verpasst? Nein? Etwas vergessen? Wie oft –«

»Bin am falschen Exit raus«, fiel ihr Kenny ins Wort. »Ich habe es nicht gleich gemerkt und musste den ganzen Weg noch mal zurück. Du hättest mir sagen sollen, dass es der südliche Exit ist.«

»Und du hättest dich vorher informieren können.« Aus Staceys Mund wuchs eine rosa Kaugummiblase, während sie mit dem Finger die Speisekarte entlangfuhr. »Was nimmst du? Du bist eingeladen.«

Kenny lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Du bist abnormal nett. Was willst du?«

»Kenny Blackwood, also wirklich! Wie kommst du darauf?«, antwortete Stacey mit gespielter Empörung. »Warte kurz, ich sag es dir gleich.«

Sie winkte der Kellnerin, um zu bestellen.

»Ich nehme den Filterkaffee und ein Stück vom Grüntee-Käsekuchen«, sagte sie. »Und für ihn einen Tee Latte Royal.«

»Also, was soll die Geheimnistuerei?«, wollte Kenny wissen, als die Kellnerin weg war. »Kaffee hätten wir auch in der Schule trinken können. Warum hier?«

Stacey hob die Speisekarte auf und tat so, als würde sie sie studieren. »Weil es hier spukt.«

»Hä?« Kenny blickte sich in dem Café um. An den Tischen saßen fast ausschließlich junge Leute.

»Ich schwöre«, sagte Stacey und ließ die Karte sinken. »Du kennst mich. Wann habe ich mich je geirrt?«

»Also, das eine Mal –«

»Das war eine rhetorische Frage. Hier, ich hab dir etwas mitgebracht.« Stacey zog eine dünne Mappe aus ihrem Rucksack und schob sie Kenny hin.

Er schlug sie auf und blätterte durch die Zeitungsausschnitte. »Ich kann das nicht lesen«, brummte er. »Mein Japanisch ist auf Kleinkindniveau.«

»Ich weiß. Deshalb habe ich den ganzen Kram übersetzt. Schlag hinten auf.«

Kenny beschloss, sich vorläufig auf keine Diskussion einzulassen. Stacey war in allen Fächern Klassenbeste und außerdem mit einem Selbstbewusstsein gesegnet, das nicht von schlechten Eltern war.

Als er das Dossier fertig gelesen hatte, hatte Stacey ihren Kaffee ausgetrunken und ihren Kuchen vernichtet. »Und?«, sagte sie, während sie noch rasch die letzten Krümel mit dem Finger aufpickte. »Was denkst du?«

»Dass du eine morbide Vorliebe für bestimmte Nachrichten hast. Zwei Typen begehen in der Toilette einer Bar Selbstmord. Na und? Warum soll mich das interessieren … Moment … du glaubst, es ist beide Male hier passiert? Stimmt aber nicht.« Kenny schlug die Mappe auf und zeigte auf einen Schnappschuss vom Tatort. »Hier, das sieht völlig anders aus.«

Stacey seufzte. »Kenny, Kenny, Kenny. Wann hörst du endlich auf, an mir zu zweifeln?« Sie beugte sich vor und senkte die Stimme. »Nach dem ersten Selbstmord ging das Geschäft eine Zeit lang schlecht, hat sich aber wieder erholt. Als der zweite Selbstmord passierte, blieben die Gäste aus und die Bar musste schließen. Dann wurde sie verkauft, umgebaut und als Café unter neuem Namen wiedereröffnet. Es ist derselbe Ort. Ich habe die Adresse überprüft und im Firmenverzeichnis nachgesehen.«

»Echt? Du bist ja noch verrückter, als ich dachte.«

Statt einer Antwort ließ Stacey eine Kaugummiblase platzen. »Also: Vor exakt zwei Jahren, um Punkt 16 Uhr 44, musste Mr Kishibe aufs Klo. Er geht in die letzte Kabine ganz hinten. Sechs Stunden später, zur Sperrstunde, bemerkt der Besitzer, dass die Tür abgesperrt ist. Er verschafft sich Zutritt und entdeckt Mr Kishibe.«

»Ja, ich hab’s gelesen.« Kenny schlürfte seinen Tee und wollte sich die schaurige Szene lieber nicht vorstellen.

»Letztes Jahr, gleicher Tag, gleiche Zeit, geht Mr Moteki aufs Klo. Auch er entscheidet sich für die letzte Kabine, schließt sich ein und wird später mausetot gefunden.«

»Für die Polizei war es in beiden Fällen Selbstmord. Wozu sind wir also hier?«

»Kenny, wer bringt sich auf einem öffentlichen Klo um? Außerdem: In beiden Fällen wurde keine Klinge gefunden … wie sollen sie sich also umgebracht haben?«

Kenny neigte den Kopf zur Seite. »Du glaubst, dass da drin ein yokai verrücktspielt?«

»Ich weiß es. Und da du zu den wenigen gehörst, die diese Kerlchen sehen können, meine Frage: Ziehst du jetzt dein Ding durch und kümmerst dich um ihn, oder muss ich deinen Freund Sato anrufen?«

»Pst.« Kenny blickte sich rasch um, dann beugte er sich so weit vor, dass sich ihre Stirnen berührten, und flüsterte: »Darüber darfst du nicht sprechen, wie oft soll ich dir das noch sagen?«

»Reg dich ab. Als ob sich hier irgendwer für uns interessiert. Hör zu, es ist dein Job, diese Monster zu stoppen. Du bist so eine Art Ein-Mann-yokai-Sonderkommando.«

»Ich bin nicht der Einzige –«

»Über sie sprechen wir nicht.«

Kenny kramte nach seinem Handy. »Ich muss trotzdem erst mit Kiyomi reden.«

»Können wir deine Psychofreundin da rauslassen?«

»Sie ist nicht meine Freundin.«

»Wenigstens streitest du nicht ab, dass sie komplett Psycho ist.« Stacey pochte auf ihre Armbanduhr. »Es ist jetzt 16 Uhr 38. Noch sechs Minuten. Geh und verteidige diese Kabine. Wenn ein Monster aufkreuzt, soll es sein blaues Wunder erleben.«

»Vergiss es.« Kenny trank seinen Tee aus und stand auf. »Danke für die Einladung, Stace. Wenn ich gewusst hätte, was du vorhast, wäre ich nicht gekommen. Du hast kein Recht, dich in diese Dinge einzumischen.«

»Kenny, da drin sind Leute gestorben. Denk darüber nach. Wenn ich mich irre, passiert gar nichts. Niemand kommt zu Schaden. Wenn ich aber recht habe und du haust jetzt ab und es passiert etwas, dann ist es deine Schuld. Möchtest du morgen über einen Toten in der Zeitung lesen und wissen, du hättest es verhindern können?«

»Ja, ja«, brummte Kenny. »Ich sehe mal nach.«

Kenny atmete tief durch, dann betrat er die schmale Kabine mit dem traditionellen Hockklosett und schloss sich ein.

Er schüttelte den Kopf. So was Idiotisches, dachte er, nicht zu fassen, dass ich mich von Stacey zu so einem Quatsch überreden lasse.

Seit sie Kennys Geheimnis auf die Spur gekommen war und wusste, dass er der Träger eines göttlichen Schwerts war und einen Eid geschworen hatte, die Dämonen in Schach zu halten, hatte Stacey nur noch eins im Sinn: sich einzumischen. Sie durchsuchte die Nachrichten nach ungewöhnlichen Geschichten, recherchierte im Netz nach urbanen Mythen und ging Kenny damit auf die Nerven. Er warf einen Blick auf seine Uhr: 16:43. Noch eine Minute.

Wenn er hier also schon seine Zeit vergeudete, konnte er das stille Örtchen auch gleich nutzen. Er hatte kaum den Reißverschluss an seinem Hosenschlitz aufgezogen, als eine eiskalte Hand nach seiner Schulter griff und eine Stimme in sein Ohr raunte: »Möchten Sir die blaue oder die rote Alternative?« Übler, nach Kloake stinkender Mundgeruch stieg ihm in die Nase.

Kenny schrie auf vor Schreck, platschte mit einem Fuß versehentlich in das Klosett und bespritzte sein Hosenbein. Er zog rasch seinen Reißverschluss hoch, wirbelte herum – und starrte die graue Wand an.

Wieder wurde er von hinten an den Schultern gepackt und wieder hörte er die Stimme. »Ich wiederhole, welche Wahl werden Sir treffen? Die rote oder die blaue?« Diesmal klang sie schon schärfer.

Kenny drehte sich stolpernd um, doch das Ding blieb unsichtbar. »Was bist du?«, fragte er. »Zeig dich.«

In der kleinen Kabine flimmerte es und dann schien sich die Luft zu einer menschlichen Gestalt zu verdichten, die in einen langen roten Umhang gehüllt war und deren Gesicht im Schatten der weiten Kapuze verborgen blieb. Sie schwebte ohne Beine über dem Boden.

»Zum letzten Mal: blau oder rot?«

»Wie wär’s mit tot?« Kusanagi, das Himmelsschwert, lag in Kennys Händen. Er schwang es von der Seite, um die geisterhafte Kreatur in zwei Hälften zu hauen. Sie schimmerte kurz, als die Klinge eindrang, doch dann glitt das Schwert hindurch, ohne Schaden anzurichten, und traf klirrend auf die Fliesenwand.

Das monströse Rotkäppchen wurde wieder fest und schob zwischen den Falten des Umhangs seine Hände hervor, deren Finger sich zu rasiermesserscharfen Klingen verflachten und immer länger wurden.

Kenny drehte sich um die eigene Achse und schlug noch einmal zu, glitt in dem beengten Raum aber aus und fiel auf ein Knie. Die Gestalt wich dem Schwert durch Verlagerung ihrer Dichte aus und ging mit blitzschnell durch die Luft säbelnden Klingenkrallen zum Angriff über.

»Darf ich darauf hinweisen, dass Sir hier weder genug Platz haben noch schnell genug sind, um mir zu schaden?«, sagte Rotkäppchen. »Ich hingegen verfüge über beides.«

Um die Klingen abzuwehren, die wie ein Wirbelwind auf sein Gesicht losgingen, riss Kenny instinktiv die Arme hoch und kniff die Augen zusammen. Er hörte ein Kreischen wie von einer Kettensäge, die in Eisen schneidet, und spürte ein Kribbeln in den Armen.

Als er vorsichtig ein Auge öffnete, wich Rotkäppchen mit zu Blechhaufen verbogenen Krallenfingern zurück. Seine eigenen Arme ragten aus den zerfetzten Ärmeln seines Hemds und waren mit einer glänzenden Chromschicht überzogen. Ohne nachzudenken, hatte er das Element Metall kanalisiert und seine Arme verwandelt.

»Sir sind im Besitz einiger Tricks«, anerkannte Rotkäppchen. »Ich aber auch.« Das Wesen verblasste zu einem Schatten, ehe es sich mit reparierten Klingen wieder verfestigte.

Kenny sprang auf die Beine und schwang das Schwert in weitem Bogen. Kusanagi traf wieder ins Leere, stieß in die Fliesenwand und schnitt durch die Kupferrohre in der Mauer. Als er das Schwert zurückzog, sprühte zischend Wasser aus der Wand.

»Das war unvorsichtig«, bemerkte Rotkäppchen mit tadelndem Skalpellfinger.

»Das ist doch sinnlos«, meinte Kenny über das Zischen hinweg. »Du kannst mir nichts tun und ich dir nicht. Sagen wir einfach, wir sind quitt, du verschwindest und lässt die Leute hier in Ruhe.«

»Oh nein. Es sind die Schuldigen, die zu mir kommen, um bestraft zu werden. Niemand ist unschuldig – auch du nicht.« Die Dolchfinger einer Hand schossen vor und zielten auf Kennys Brust. Er wich ihnen mit einem Satz nach hinten aus und knallte in die Klotür. »Davon abgesehen, hat mir ein gaijin gar nichts zu befehlen.«

»Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.« Kenny hustete und wischte sich das Wasser aus den Augen. »Wenn du eine Nase hättest, wäre dir inzwischen aufgefallen, dass hier was nicht stimmt. Hörst du das Zischen? Das ist nicht nur Wasser. Mal sehen, wie du dem hier ausweichst.« Er schnippte mit den Fingern und erzeugte einen Funken.

Als sich das Gas entzündete, flog die Kabine mit einem lauten Knall in die Luft. Kenny, der immer noch in der Metallrüstung steckte, wurde von der Druckwelle durch die Tür geschmettert. Als er einen Blick hineinwarf, flammten die letzten Reste des Umhangs auf, dann war er weg.

Kenny wankte mit tränenden Augen und sausenden Ohren aus der Toilette und stieß die nur noch an einem Scharnier hängende Tür zum Café auf. Die Leute waren verstummt und starrten ihn mit offenem Mund an. Seine Kleider waren in Fetzen und im Gang hinter ihm loderten Flammen.

»Puuhh!«, sagte er mit vor der Nase fächelnder Hand. »Da würde ich erst mal nicht reingehen.«

Noch ehe jemand reagieren konnte, stand Stacey neben ihm, packte ihn an der Hand und zerrte ihn zur Tür hinaus.

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BAMM-BAMM-BAMM-BAMM!

»Häh? Wasnlos?« Kenny stützte sich auf den Ellbogen auf, während sein verschlafener Verstand noch größte Mühe hatte, in die Gänge zu kommen. Er blinzelte, zwickte sich in die Nase und tastete nach seiner Uhr.

04:09. In der Früh.

Er setzte sich auf, unterdrückte ein Gähnen und überlegte, ob er nachsehen gehen oder weiterschlafen sollte. Der Schlaf gewann die Oberhand; er fiel zurück und zog sich die Decke über den Kopf.

BAMM-BAMM-BAMM! Die Eingangstür schepperte unter dem Hämmern.

Endgültig wach, warf Kenny seine Decke zurück und stand auf. Durch den Türspalt drang Licht herein, dann hörte er seinen Vater Charles durch den Flur schlurfen.

Charles rieb sich kurz die Augen und entriegelte die Tür. Sie knallte nach innen, erwischte ihn am Knöchel, und ein japanisches Mädchen im Biker-Outfit stürmte an ihm vorbei in die Wohnung.

»Au! Kiyomi, was soll das?« Auf einem Bein hoppelnd rieb Charles seinen Knöchel. »Weißt du überhaupt, wie spät –«

»Wo ist Kenny?«, presste Kiyomi zwischen zusammengepressten Lippen und mit vor Zorn blitzenden Augen hervor.

»Kiyomi?« Kenny war im Flur aufgetaucht. »Was ist passiert?«

»Sag du es mir.« Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und blickte ihn wütend an.

»Ähm, Dad, alles okay«, beschwichtigte Kenny, als er die besorgte Miene seines Vaters sah. »Ich hab das im Griff.«

»Wirklich?«, erwiderte Charles. »Sieht nicht danach aus.«

»Wir müssen reden«, zischte Kiyomi Kenny zu. »Unter vier Augen.«

»Na schön«, murrte Charles und deutete zum Wohnzimmer. »Obwohl ich nicht verstehe, warum das nicht bis zum Morgen warten konnte.«

Ohne ihre Stiefel auszuziehen, marschierte Kiyomi an ihm vorbei.

Charles neigte den Kopf näher an Kenny heran. »Ihr zwei kriegt euch jetzt nicht in die Haare, oder? Ich meine, buchstäblich?«

»Dad, echt jetzt!«, rief Kenny und warf die Arme hoch.

»Man wird ja noch fragen dürfen. Bei euch weiß man nie. Am Ende schlagt ihr mir die Wohnung kurz und klein.« Charles unterdrückte ein Gähnen. »Ich lege mich noch mal hin. Wenn ihr schon streiten müsst, seid wenigstens leise.«

Kenny tappte ins Wohnzimmer, wo Kiyomi wie ein Tiger im Käfig auf und ab lief. Sie trat auf ihn zu und stocherte mit dem Finger vor seiner Nase herum. »Was hast du getan?«

»Wieso?«

»Spiel jetzt nicht den Blöden.«

»Das ist kein Spiel.« Kenny wich dem anklagenden Finger aus und ging rasch die vielen Gründe durch, warum Kiyomi wütend auf ihn sein könnte. War ihr sein Alleingang mit Rotkäppchen zu Ohren gekommen? Hatte er vergessen, auf eine SMS zu antworten?

Kiyomi packte ihn an seinem T-Shirt, schob ihn im Rückwärtsgang zum Sofa und warf ihn darauf. »Bleib da sitzen, halt die Klappe und hör dir an, was wir zu sagen haben.«

»Wir?« Kenny sah sich rasch um und erblickte prompt den dicken, an einen Waschbär erinnernden tanuki, der aufrecht gehend und mit einer Packung Chips in den Pfoten aus dem Küchenbereich gewatschelt kam.

»Hey, die habe ich mir extra aufgehoben!«

Poyo spuckte einen Batzen zerkauter Chips auf seine Pfote und streckte sie Kenny hin.

»Nein, danke.«

»Also wirklich!«, fuhr Kiyomi den tanuki an, der auf der Stelle kehrtmachte und hinter dem Küchentresen verschwand.

Kiyomi trat an das Balkonfenster und starrte in die dunkle Nacht von Tokio hinaus. »Ich habe geträumt«, sagte sie. »Besser gesagt, ich hatte einen Albtraum.« Ein Schaudern erfasste ihren schlanken Körper und sie verschränkte die Arme, als müsse sie sich wärmen.

Kenny saß sofort aufrecht da; er war jetzt hellwach. Träume waren nicht zu unterschätzen. Er hatte das auf die harte Tour lernen müssen.

Kiyomi setzte wieder zu sprechen an, die Stimme flach und emotionslos. »Ich bin schon einmal in Yomi gewesen … nur ein paar Minuten, aber lange genug, um die Hölle zu erkennen, wenn ich sie sehe.« Wieder schauderte es sie. »Eine dunkle, verlassene und trostlose Wüste voller Abschaum und Ungeziefer.«

»Du hast von Yomi geträumt?«, fragte Kenny alarmiert.

»Ich hab gesagt, du sollst zuhören.« In Kiyomis dunklen Augen spiegelten sich die Lichter der Stadt. »Im Traum bin ich durch das Reich der Toten geflogen, bis ich auf diesen Palast stieß. Er ist aus Knochen und das einzige größere Gebäude dort. Es war also klar, wem er gehört: dem Herrn der Unterwelt. Weißt du, wer das ist?«

Kenny musste schlucken. Er spürte ein Donnerwetter auf sich zurollen und wusste, dass er nichts tun konnte, um ihm auszuweichen.

»Du darfst antworten«, knurrte Kiyomi.

»Nein, äh, hab nie von ihm gehört«, log Kenny in der Hoffnung, sie damit zu schützen.

Kiyomi wirbelte auf dem Stiefelabsatz herum. »Ist ja seltsam. Weil er dich nämlich kennt. Verdammt gut sogar! Er nennt dich beim Vornamen!«

Kenny spürte seinen Mut sinken. Das wurde ja immer schlimmer. »Äh, wie geht dein Traum weiter?«

Kiyomis Blick wanderte wieder zum Fenster. »Das Palasttor reicht irre weit nach oben. Es ist so hoch, dass ich die Spitze nicht sehen kann. Jedenfalls stehe ich davor und rundherum heult so ein eiskalter Wind. Und dann … dann höre ich dieses Stöhnen und Klagen, das von den Toten stammt – und rate mal, was dann passiert.«

»Der Pizzalieferant taucht auf?«

Kiyomi griff nach einem Radiergummi auf dem Schreibtisch neben sich und schleuderte ihn Kenny an die Birne.

»Autsch!«, protestierte er. »Okay, tut mir leid, konnte es mir nicht verkneifen.«

Kiyomi holte tief Luft. »Also. Das Tor schwingt auf und dieses … verwesende Ding … so eine Art Zombiebutler winkt mich herein und sagt, sein Herr und Meister erwartet mich.« Sie streckte Kenny die Hände entgegen, als flehte sie ihn um Hilfe an. »Kapierst du nicht? Ich wurde vorgeladen … ich persönlich.«

Kenny wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn.

»Der Palast ist eine baufällige Ruine«, fuhr Kiyomi fort. »Vermodernde Pracht. Ich folge dem Zombie durch einen Irrgarten aus Gängen immer höher hinauf in den Thronsaal. Und dort erwarten mich lauter oni, Tausende von ihnen.«

Kenny stellte sich die Szene vor.

»Und weißt du, was sie tun?« Kiyomis Stimme wurde um eine Oktave höher und ihrem Gesicht war das kalte Grausen anzusehen. »Sie verneigen sich. Alle. Sie verneigen sich vor mir, als wäre ich eine von ihnen.«

Kenny drehte sich der Kopf und ihm wurde schwindlig. »Aber … ich dachte …«

»Nein, Ken-chan, du dachtest eben nicht. Weil du nie über die Folgen deiner Taten nachdenkst.«

»Was für Taten? Was genau soll ich getan haben?« Kenny zuckte die Achseln. »Äh, zurück zu den oni …«

»Ja, genau, die oni. Eigentlich sollte sich die Hälfte von ihnen anstellen, um mich in Stücke zu reißen. Immerhin war ich es, die ihre traurigen Ärsche in die Hölle zurückgetreten hat. Aber nein. Sie behandeln mich wie eine seit Langem verloren geglaubte Schwester, als gehörte ich zur Familie. Dann gehen die Türen auf und herein kommt der Sturmgott und Beherrscher der Unterwelt.«

»Susie?«, murmelte Kenny mit einem scharfen Blick in Poyos Richtung.

»Susano-wo in Person. Er kommt zu mir, nimmt mein Kinn in seine Hand und küsst mich auf den Kopf. Das ist so ekelhaft … durch seine Mähne krabbelt ein Tausendfüßer und dann plumpst eine Schabe auf meine Schulter.« Kiyomis Augen waren fest geschlossen und ihr Gesicht verzog sich vor Abscheu.

»Sagt er was?«, fragte Kenny und fürchtete die Antwort.

Kiyomi nickte. »Und ob. Er sagt: ›Willkommen, Kind. Die Freunde Kuromoris sind auch meine Freunde. Wie geht es dem jungen Kenny? Hat er mich und unsere Abmachung vergessen?‹«

Kenny lief es kalt über den Rücken. »Aber das ist nur ein Traum. Das ist deine Fantasie – post-traumatischer Stress oder –«

»Du sollst den Mund halten«, fuhr Kiyomi ihn an. »Denkst du denn, nach den Träumen, die du hattest, weiß ich nicht, wann die Götter eine Botschaft schicken?«

»Aber …«

»Ich bin noch nicht fertig. Als Nächstes holt er einen bronzenen Spiegel hervor, so groß in etwa.« Mit den Händen deutete sie eine Länge von ungefähr einem Meter an. »Und richtet einen Lichtstrahl darauf.«

»Lass mich raten«, unterbrach Kenny sie. »Er sagt: ›Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land?‹«

»So ähnlich«, antwortete Kiyomi mit kalter Stimme. »Er sagt: ›Zeig mir den Aufbewahrungsort des Yasakani no Magatama.‹«

»Des was?«

»Das ist das Juwel des Lebens. Das Bild im Spiegel verändert sich und zeigt die Oberfläche des Meeres, dann schwenkt es auf den Meeresboden.«

»Auf den Meeresboden?«

»Ja. Und jetzt sieht Susano-wo mich an und sagt: ›Bestelle Kuromori, er hat vier Tage Zeit, um mir das Juwel zu bringen, oder unsere Abmachung gilt nicht mehr. Mir reißt allmählich der Geduldsfaden.‹ Und da öffnet er seine Hand und an seinem Finger steckt ein weißer Jadering. Er sieht genauso aus wie der Ring, den du mir geschenkt hast – der rote. ›Sag ihm, er soll an unsere Vereinbarung denken und sie einhalten, oder ich verlange meinen Preis zurück.‹ Und dann«, Kiyomi stockte, als bekäme sie keine Luft mehr, »und dann … dann rammt er mir die Krallen in den Bauch und reißt diesen … diesen weißen glänzenden Nebel heraus.«

»Deine Seele?«, hauchte Kenny.

»Mein ki«, korrigierte Kiyomi ihn. »Da bin ich aufgewacht.«

Kenny rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. »Was für ein Albtraum.«

Kiyomi blieb zitternd am Fenster stehen. »Das war kein Traum, Ken-chan. Das war eine Botschaft – von einem Gott.«

»Wie kannst du dir so sicher sein?«

»Weil …« Kiyomi holte ihr Handy hervor und scrollte durch die Fotogalerie. »Als ich aufwachte, war das da.« Sie reichte Kenny das Telefon.

Er starrte darauf, ohne gleich zu begreifen, bis sein Verstand dem Bild einen Sinn abgewann. Auf dem Foto war die Wand eines Schlafzimmers zu sehen und darauf hatte jemand in roter Fingerschrift mehrere große Zeichen und Symbole hingeschmiert:

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Als Kenny das Foto heranzoomte, wurde ihm kurz schlecht, denn jetzt erkannte er die klebrigen Tropfen und Spritzer, aus denen sich die Schrift zusammensetzte. Die Botschaft war in Blut geschrieben.

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Kenny spürte einen bitteren Geschmack im Rachen. »Von wem ist das Blut?«, krächzte er.

Kiyomi entriss ihm ihr Telefon. »Von mir jedenfalls nicht. Obwohl ich es überall an den Händen hatte. Hat ewig gedauert, es abzuwaschen und die Wand mit Bleichmittel zu säubern. Nette Art, eine Botschaft zu hinterlassen.«

Kenny war blass geworden. »Wenn es nicht dein Blut ist, dann –«

»Mach dir nicht gleich ins Hemd. Ich hab im Kühlschrank nachgesehen, ein wagyu-Steak hat gefehlt.«

»Das hast du geschrieben?«

»Wer sonst? Sieht so aus, als könnte mich jemand im Schlaf zum Kühlschrank schicken und zum Schreiben bringen. Bin ich begabt oder was?«

Kenny fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Darf ich jetzt aufstehen?«

Kiyomi deutete ein Nicken an. Kenny ging zum Arbeitsplatz seines Vaters am Fenster. Er nahm sich einen Notizblock, bat Kiyomi noch einmal um ihr Handy und schrieb rasch die Symbole ab.

»Die Ziffern«, sagte er. »Was bedeuten sie? Ist das ein Geheimcode? Eine alte Schrift?«

Kiyomi verdrehte die Augen. »Gib schon her, du Flasche.« Kenny reichte ihr den Block und einen Moment lang war nur das Kritzeln des Stifts und das knirschende Kauen des verfressenen tanuki aus der Küche zu hören.

»Da«, Kiyomi hielt ihm den Block hin.

Kenny nahm ihn und las:

24°2'55.2"N 123°00'39.6"O

Kenny kratzte sich am Kopf. »Mann, was ist das? Eine Matheaufgabe? Soll ich das jetzt zeichnen oder was?«

»Das sind Koordinaten«, sagte Kiyomi. »Damit findet man sich auf einer Karte zurecht.« Sie nahm ihm den Block wieder ab, blätterte um und malte einen Kreis. »Das ist die Erde.« Sie teilte den Kreis mit einer vertikalen und eine horizontalen Linie in vier Teile. »Hier ist der Äquator. Die seitlichen Linien nennt man Breitengrade. Die Gerade durch die beiden Pole ist der Längengrad. Der Nullmeridian befindet sich in Greenwich in London. Alles klar?«

»Ja. Und weil die Erde eine Kugel ist, sind es dreihundertsechzig Grad in jede Richtung, stimmt’s?«

»Nein. Das gilt für den Längengrad, aber östlich oder westlich von Greenwich wird mit hundertachtzig Grad gezählt, weil man nur so einen vollständigen Kreis erhält.« Sie zeichnete zwei Pfeile, die nach links und nach rechts wiesen. »Für den Längengrad gilt neunzig Grad nördlich oder südlich vom Äquator.«

Kenny runzelte die Stirn und schloss die Augen, um sich den Planeten vorzustellen. »Das heißt, vierundzwanzig Grad nördlich vom Äquator müsste ungefähr ein Viertel der Strecke nach oben sein … und einhundertzwanzig Grad östlich von London ungefähr zwei Drittel der Strecke bis zur Datumsgrenze …«

Kiyomi nickte in Richtung Bildschirm. »Warum benutzt du nicht die Zauberkiste, auch Computer genannt, bevor dir die Sicherungen durchbrennen?«

»Ja, ja«, brummte Kenny und fuhr den klobigen Rechner seines Vaters hoch. Er öffnete den Browser, rief eine Karte auf und gab die Koordinaten ein. Der blinkende Cursor landete auf einer blauen Fläche.

»Zoom es heran«, riet Kiyomi.

Kenny vergrößerte den Maßstab, bis am oberen Rand des Bildschirms ein grauer muschelförmiger Klecks auftauchte. Er verkleinerte die Insel und zoomte weiter, bis linker Hand Taiwan zu sehen war.

»Mach weiter«, sagte Kiyomi.

Kenny fuhr fort, bis am oberen rechten Rand Japan ins Bild kam. Dann lehnte er sich zurück und stieß einen leisen Pfiff aus. »Das liegt direkt an der Grenze zu China. Näher an Korea als hier.« Er klickte auf Drucken. »Wieso teilen sie dir diese Koordinaten mit? Wo liegt das überhaupt?«

Kiyomi verschränkte die Arme. »Ich sag gar nichts mehr, bevor du mir nicht erzählst, was zur Hölle los ist.«

»Hölle stimmt schon mal«, murmelte Kenny betreten und zog das Blatt mit der Karte aus dem Drucker.

Kiyomi fixierte ihn. »Also?«

Kenny zögerte. Er hatte geschworen, nie auch nur ein Sterbenswörtchen von dem Deal zu erwähnen, auf den er sich mit dem gefürchteten Herrn der Unterwelt Susano-wo eingelassen hatte. Andererseits, was zählte das jetzt noch? Susano-wo hatte sich Kiyomi immerhin selbst gezeigt. Und Kenny dabei nicht nur erwähnt, sondern ihr auch noch eine Nachricht für ihn mitgegeben.

Kenny seufzte. »Es stimmt«, sagt er. »Susano-wo hat mir einen Deal angeboten.«

»Ich wusste es!« Kiyomis Augen blitzten vor Zorn. »Und worum ging es?«

Kenny wandte den Blick ab. »Um dich. Deine Seele.«

Kiyomi starrte ihn an. »Was?«

Kenny rieb sich die brennenden Augen. »Damals im Juli, als du … als du gestorben bist, ist nur ein Teil von dir zurückgekommen. Der fehlende Teil stammt von Taro. Es war seine oni-Seele, die immer mehr die Kontrolle übernahm.«

»Oh Gott!«, stieß Kiyomi entsetzt hervor. »Der rote Jadering – er ist von Susano-wo.«

Kenny nickte. »Ja, das war die eine Hälfte deiner fehlenden Seele. Deshalb ging es dir zuletzt wieder besser. Der oni-Teil in dir ist durch den Ring schwächer geworden.«

»Und was musstest du dafür tun?«, flüsterte Kiyomi mit entsetzter Stimme. »Was verlangte er als Gegenleistung?«

Kenny reagierte mit einem Achselzucken, das jedoch steif und ungeschickt ausfiel und das genaue Gegenteil der Unbekümmertheit war, die er vermitteln wollte. »Nur irgend so ein alter Schatz.«

Kiyomis Hand lag auf ihrem Mund. »Du hast ihm den Spiegel der Amaterasu gegeben. Bitte nicht. Bitte sag mir, dass das nicht wahr ist.«

»Ich habe es für dich getan. Um dein Leben zu retten … etwas musste ich doch unternehmen.« Kenny streckte die Hände nach ihr aus.

Kiyomi zuckte vor ihm zurück. »Wir müssen auf der Stelle zu Inari«, sagte sie und wandte sich zur Tür.

»Was? Nein!«

Kiyomi blieb stehen. »Warum nicht?«

»Weil sie alles tun wird, um mich aufzuhalten.«

»Gut. Irgendwer muss es tun.«

»Und dann? Was wird dann aus dir?« Kenny blinzelte die Tränen weg, die plötzlich in seine Augen gestiegen waren. »Und aus mir? Ohne dich kann ich … hier nicht überleben.«

Kiyomi biss sich auf die Lippe und kehrte zu ihm zurück. Sie legte eine Hand auf seinen Arm. »Es ist das Beste.«

Er zog seinen Arm zurück. »Sagt wer? Und außerdem: Was soll das Theater überhaupt?«

»Kenny …« Kiyomis Stimme nahm einen warnenden Klang an. »Du weißt nicht, worauf du dich da eingelassen hast. Und in welche Scheiße du uns alle damit geritten hast.«

Kenny starrte sie trotzig an. »Dann erkläre es mir.«

»Dieser Spiegel ist nicht bloß noch so ein Artefakt wie die, die dein Großvater gerettet hat. Er ist heilig. Er enthält etwas vom Wesen der Sonnengöttin, er ist aber auch – und das ist der wichtigste Punkt – einer der drei Heiligen Schätze des Kaiserhauses, der Throninsignien.«

»Ja, und?«

Kiyomi packte Kenny an den Schultern und unterdrückte den Drang, ihn zu erwürgen. »Hast du überhaupt eine Ahnung, wie gefährlich Susano-wo ist? Wie gerissen, unberechenbar, manipulativ und vollkommen gestört? Er hält sich nicht an seine Abmachung. Er wird dich bei erstbester Gelegenheit aufs Kreuz legen.«

»Nein, wird er nicht«, erwiderte Kenny. »Bis jetzt hat er sein Wort gehalten – er hat dich geheilt – und wenn nicht … dann sind Kusanagi und ich bereit für ihn.«

»Ja, genau.« Kiyomi ließ ihn los und neigte den Kopf. Ihre langen schwarzen Haare fielen vor und verhüllten ihr Gesicht wie ein Vorhang. »Du hast den Deal also gemacht, um meine Seele wiederherzustellen? Du bist zum Herrscher der Unterwelt gegangen … und das alles für mich?«

Kenny lächelte. »Ja.«

Kiyomi streichelte seine Wange. »Das ist so lieb …« Kenny schloss die Augen und entspannte sich ein wenig. »… und sagenhaft blöd.«

Die Ohrfeige war so heftig, dass Kenny mit den Zähnen knirschte und seine Ohren sausten. Vor seinen Augen tanzten schwarze Punkte.

»Lieber bin ich tot, als dass du diesem Dreckskerl von einem Verräter hilfst, diesem verlogenen Stück –«

»Falsch«, schoss Kenny zurück. »Mir kannst du nichts vormachen. Ich weiß noch genau, wie du vorher warst … du wolltest nicht sterben. Du wolltest leben. Normal sein, mit Freunden abhängen, herumalbern und lachen. Du wolltest sogar geküsst werden.« Er wischte sich mit der Hand über die anschwellende Lippe. »Das nehme ich dir einfach nicht ab, dass du lieber in Yomi wärst, wo die oni schon Schlange stehen und es nicht erwarten können, dich bis in alle Ewigkeit zu foltern.«

In Kiyomis Augen glitzerten Tränen, und als sie sprach, flüsterte sie beinahe. »Trotzdem … das hättest du nicht tun dürfen.«

Kenny legte den Arm um Kiyomis Schultern und zog sie an sich. »Es war es aber wert«, sagte er leise.

In diesem Moment knatterte ein lautes Furzen in die Stille; die beiden schraken hoch und wandten die Köpfe. Poyo hockte betreten lächelnd auf dem Küchentresen, fächelte mit der Pfote den Gestank aus der Luft, und hob zwei dampfende Tassen mit heißer Schokolade hoch.

»Super, wie du uns immerzu die Stimmung vermasselst«, murmelte Kenny und ging zu ihm, um ihm die Tassen abzunehmen.

Kiyomi gesellte sich zu ihm und sie schlürften das heiße Getränk. »Ich bin nicht auf alles von selbst gekommen«, gestand sie. »Ich hab Poyo gezwungen, mir von eurer Reise nach Matsue zu erzählen.«

Kenny blickte den tanuki finster an. »Danke. Bist echt ein toller Partner.«

Poyo ignorierte ihn. Er wälzte sich auf den Rücken, zielte mit der Düse einer Schlagsahnedose in sein offenes Maul und drückte ab.

»Also, damit das klar ist: Ich gehe nicht zu Inari«, sagte Kenny und beobachtete Kiyomi. »Außerdem hat Susie gesagt, dass ich noch vier Tage Zeit habe, um das Juwel für ihn zu finden. Wenn nicht, wirst du zur onibaba

Kiyomi fuhr unmerklich zusammen und starrte in ihren Becher.

»Kiyomi, du musst mir helfen. Deshalb hat dich Susie im Traum zu sich zitiert. Er weiß, dass ich es allein nicht schaffe. Das ist der Grund, warum er dich ins Spiel gebracht hat. Du sollst mir helfen, das Juwel zu finden.«

»Es ist nicht richtig«, beharrte Kiyomi.

Kennys Griff um seinen Becher verspannte sich. »Was sollen wir sonst tun? Zu Inari gehen und sie um Vergebung bitten?«

»Du kannst deine Pflicht tun, wie sie es von dir erwartet.«

»Nicht, wenn es bedeutet, dass ich dich verliere.«

Er glitt vom Stuhl, ging zum Schreibtisch und hob den Ausdruck auf. Nachdem er sich die Karte noch einmal genau angesehen hatte, trat er an den Bildschirm und passte den Maßstab noch einmal an.

»In deinem Traum sagte der Spiegel, dass der Stein auf dem Grund des Ostchinesischen Meers liegt. Wenn ich das hier richtig verstehe, befindet sich die Stelle irgendwo vor der Küste von Taiwan, etwa hundert Kilometer östlich. Mann, wieso muss das immer so kompliziert sein?«

»Weil uns Susano-wo sonst nicht brauchen würde«, antwortete Kiyomi und kam zu ihm, um sich die Karte anzusehen.

»Stört es euch, wenn ich einen Blick darauf werfe?« Kennys Vater war im Flur aufgetaucht. Er gähnte und schloss die Tür zu seinem Schlafzimmer »Ich habe mich wirklich bemüht, nicht zu lauschen, aber ihr seid nicht zu überhören. Und du …« Er wandte sich an Poyo. »Du machst hier sauber. Verstanden? Mir reicht es langsam, ständig tanuki-Haare in meinem Essen zu finden.«

Poyo richtete sich auf, salutierte und fiel ins Spülbecken.

»Dad …«

»Ich weiß. Die alte Leier. Das alles geht mich nichts an. Ist nur zu meinem Besten. Bla-bla-bla.« Charles streckte die Hand nach der Karte aus. »Diesmal nicht. Beim letzten Mal bist du mir auch so gekommen und dann hast du dich im Gebirge verirrt, bevor du dich in die Umlaufbahn schießen hast lassen. Wäre ich nicht gewesen, wärt ihr beide jetzt Weltraumstaub. Ich würde also sagen, ich habe mir das Recht verdient, zu wissen, was los ist. Und davon abgesehen, sehe ich nicht ein, warum immer nur mein Vater und du den Spaß haben sollt.«

Kiyomi pflückte die Karte aus Kennys Fingern und reichte sie mit einem Lächeln und einer kleinen Verbeugung an Charles weiter. Charles holte seine Lesebrille vom Schreibtisch und überflog die Karte.

»Das ist halb so schlimm«, sagte er. »Technisch gesehen, liegt es noch in japanischen Gewässern. Die kleine Insel heißt Yonaguni. Sie liegt im äußersten Westen der Ryuku-Inseln und kann angeflogen werden. Das kann ich arrangieren.«

»Einfach so?«, meinte Kenny. »Ohne Diskussion? Ohne mir zu sagen, ich darf da ohne Begleitung nicht hin?«

»Das ist nicht nötig«, erwiderte Charles und nahm seine Brille ab. »Denn ich komme mit. Wenn dir das nicht passt, rufe ich Harashima-san an und die Reise ist abgeblasen.«

Bei der Erwähnung ihres Vaters wurde Kiyomis Miene wieder ernst.

»Dad«, protestierte Kenny. »Wir müssen da hin.«

»Gut«, sagte Charles. »Dann hast du sicher nichts dagegen, wenn ich mitkomme.«