Cover.jpg

Deutsche Erstausgabe
Als Ravensburger E-Book erschienen 2018

Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

© 2018 Ravensburger Buchverlag

Titel der Originalausgabe: The Witch’s Child. Julia Defiant
Textcopyright © 2017 Catherine Egan
Published by arrangement with Catherine Egan
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Übersetzung: Katharina Diestelmeier
Lektorat: Svenja Wulff
Umschlaggestaltung: Carolin Liepins, München
Verwendete Fotos von © ipedan/Shutterstock und © julijamilaja/Shutterstock

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-47877-4

www.ravensburger.de

47715.jpg

Nach dem Ende der Schlacht standen Haizea, die Göttin der Rache, und Tisis, die Göttin der Gnade, über den verwüsteten Ebenen der Erde und stritten darüber, wer von ihnen gebraucht wurde.

»Ich gebe den Besiegten Kraft«, sagte Haizea. »Sieh dort unten die junge Mutter – ihr Kleid zerrissen, ihr Ehemann tot. Sie kniet vor dem Leichnam ihres ermordeten Kindes. Mit meinem Wirbelsturm kann sie jene treffen, die ihr die Freude geraubt haben.«

»Und dann?«, fragte Tisis. »Wird sie als Sklavin des Wirbelsturms anderen Müttern ihre Kinder entreißen, wird sie ebenfalls plündern und morden? Die Feindschaft zwischen den Menschen kann nicht durch Rache überwunden werden. Ich werde ihr meinen Becher reichen und sie daraus trinken lassen. Möge sie durch Gnade und Vergebung Frieden finden und ihrerseits künftigen Generationen Frieden bringen.«

»Es gibt Dinge, die können nicht vergeben werden«, sagte Haizea.

»Es gibt Dinge, die können nicht gerächt werden«, sagte Tisis.

»Wozu sind wir dann da?«, fragte Haizea. »Warum rufen sie uns immer wieder an, in Zeiten des Krieges wie in Zeiten des Friedens?«

Sie stiegen zur Ebene hinab, auf der die Körper der Toten und Sterbenden verstreut lagen. Tisis bot ihren Becher jenen an, die daraus trinken wollten; und jenen, die hundertfach zurückschlagen wollten, gab Haizea ihren Wirbelsturm. Dann kamen sie zu der jungen Mutter, deretwegen sie gestritten hatten. Sie kniete im Dreck und sah zu ihnen auf. In ihren dunklen Augen spiegelte sich die strahlende Herrlichkeit der beiden Göttinnen, und sie sagten zu ihr: »Du hast die Wahl.«

47695.jpg

Wann bin ich zum ersten Mal über eine Mauer geklettert, die mich eigentlich aufhalten sollte? Ich erinnere mich nicht daran. Mein ganzes Leben lang klettere ich schon über Mauern. Das, was ursprünglich einmal nichts weiter war als ein Spiel – hinzugehen, wo ich nicht hinsollte, mir anzusehen, was ich nicht sehen sollte, zu sein, wer ich nicht bin –, habe ich zu meinem Beruf gemacht. Und der hat mich weiter von zu Hause weggebracht, als ich es mir je hätte träumen lassen. Das hier ist eine sehr schöne Mauer, hoch, massiv und oben mit Dachziegeln versehen, und es ist das dritte Mal, dass ich hinüberklettere.

Die Sonne ist vor einer Stunde untergegangen und die Straßen sind bereits menschenleer. Ich hole ein Seil mit einer fünfzackigen Hakenkralle aus meiner Tasche und trete ein paar Schritte zurück, um die Mauer in Augenschein zu nehmen und das Seil abzumessen. Dann lasse ich den Wurfanker kreisen und schleudere ihn hoch. Er beschreibt einen kühnen Bogen, schrammt über die Steine auf der anderen Seite und krallt sich an den Dachziegeln oben auf der Mauer fest. Ich rucke am Seil, um sicherzugehen, dass es fest sitzt, dann ziehe ich mich Stück für Stück daran hinauf. Rittlings auf der Mauer sitzend, wickele ich das Seil um die Hakenkralle und stecke beides zurück in die Tasche.

Von hier aus kann ich die gesamte Stadt überblicken – die breiten, gepflasterten Straßen und spitzen Dächer, die die Kaiserlichen Gärten im Zentrum umgeben. Dies ist Tianshi, die Hauptstadt von Yongguo, dem bedeutendsten Kaiserreich aller Zeiten. Im Inneren dieser Mauern, im Nordwesten der Stadt, liegt das Shou-shu-Kloster, berühmt für seine Bronzeglocken und langlebigen Mönche. Es ist ein Labyrinth aus dunklen Tempeln und Gassen – fast wie eine Miniaturversion der Stadt selbst.

Wenn ich Richtung Osten blicke, kann ich bis zum Dongshui-Dreieck sehen, dem Armenviertel, in dem sich mein Bruder zusammen mit meinem ehemaligen Geliebten versteckt. Ich habe gestern mit ihnen zu Abend gegessen und Wyn war schlecht gelaunt. Er hatte zu viel getrunken und sagte, ich sei unfähig zu verzeihen, was mir in dem Moment ziemlich lustig vorkam.

Nachdem ich mir die Tasche mit dem Wurfanker über die Schulter gehängt habe, schwinge ich beide Beine auf die Innenseite der Klostermauer. Ich habe viel über Vergebung nachgedacht und darüber, was verzeihlich ist. Trotzdem habe ich Wyn noch nicht gesagt, dass ich ihm verzeihe, denn obwohl das der Fall ist, würde er es nicht verstehen. Wenn Wyn von Verzeihen spricht, bedeutet das für ihn, dass ich in sein Bett zurückkehre. Für mich bedeutet es etwas anderes. Es bedeutet alles. Deshalb bin ich hier, über fünfzehntausend Kilometer von zu Hause entfernt, und lasse mich von dieser Mauer auf den Kiesweg darunter fallen.

*

Der Weg hierher war keine Kleinigkeit. In zwei Monaten haben wir die halbe Welt umrundet, per Schiff und Eisenbahn, per Pferd und Kamel, per Boot und Eselskarren sowie zu Fuß. Wir haben Wunderwerke gesehen, von denen ich zuvor noch nie gehört hatte: den weißen, auf einem See schwimmenden Palast in Beru, errichtet für die Lieblingskonkubine des Königs; die spiralförmigen Gesteinsformationen in der Wüste Loshi; das eisbedeckte Kastahorgebirge.

Eines Abends – wir waren seit mehreren Wochen unterwegs – sah ich meinen Bruder Benedek im Wüstensand sitzen und die Sonne betrachten, die langsam hinter den Pyramiden von Eschriki verschwand. Unsere Zelte und Kamele waren hinter einer Düne knapp außer Sichtweite. Er lächelte zu mir auf und sagte etwas auf Yongwenisch. Diese Regel hatte Professor Baranyi aufgestellt: Wir sollten auf der Reise nur Yongwenisch sprechen, und falls er es je leid wurde, uns auf Dampfschiffen oder in winzigen Behausungen Unterricht darin zu erteilen, ließ er es sich nicht anmerken. Aber mit Dek wollte ich davon nichts hören. Zu meinem Leidwesen hatte er sich als deutlich gelehrigerer Schüler erwiesen als ich.

»Können wir nicht zur Abwechslung einfach mal Fraynisch sprechen?«

»Du brauchst Übung.«

»Mit dir will ich aber nicht üben.«

Ich genoss es immer sehr, mit ihm allein zu sein – eigentlich mit jedem von meinen Leuten, aber mit Dek ganz besonders. Nur in diesem vertrauten Kreis fühlte ich mich wirklich wohl. Mit den anderen – na ja, wir gingen behutsam miteinander um und ich war mir in jedem Augenblick bewusst, dass ich versuchte, wenn schon nicht ihre Freundschaft, so doch wenigstens ihr Vertrauen zu gewinnen. Gleichzeitig war ich überzeugt, dass sie mir nie wirklich würden vertrauen können. Nicht nach dem, was ich getan hatte.

»Ich habe gesagt, wie beeindruckend sie sind.« Dek zeigte mit seinem gesunden Arm auf die Pyramiden. »Der Teil, den wir sehen können, ist nur die oberste Spitze der Pyramide, die aus dem Sand aufragt. Der Rest unter der Erde ist gewaltig.«

»Wirklich?«, fragte ich erschrocken.

»Nein.« Er schnaubte. »Erbsenhirn!«

Ich boxte ihn gegen die Schulter.

»Weißt du, was Frau Och gestern bei ihrem Anblick gesagt hat?«

»Was denn?«

»Ich erinnere mich noch daran, wie sie gebaut wurden.«

Er lachte. Die Sonne ging hinter den Pyramiden unter und das goldene Licht, in das die Wolken, der Sand und die Pyramiden selbst eben noch getaucht waren, wurde blutrot. Dann fragte Dek mich fast beiläufig: »Meinst du, sie werden dir verzeihen, wenn du ihn findest?«

Er musste nicht erklären, wen er mit »sie« oder »ihn« meinte. Trotzdem überraschte mich die Frage. Ganz offensichtlich hatte er auf einen Moment allein mit mir gewartet, um sie zu stellen.

»Ich weiß es nicht«, sagte ich.

»Wirst du dir selbst verzeihen?«

»Nein.«

»Ich wünschte, du könntest es.«

Darauf zuckte ich nur mit den Achseln und er beließ es dabei. Schweigend sahen wir zu, wie das Licht schwächer wurde.

Die Wahrheit ist, dass mich die Frage nach Vergebung tagsüber antreibt und nachts verfolgt. Gut zu sein war nichts, woran ich viele Gedanken verschwendet hatte, bis ich jeglichen Anspruch darauf verlor. Bin ich böse, wie Frederick es mir einmal vorgeworfen hat? Die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern. Das Beste, wonach ich streben kann, worum ich mich täglich bemühe, ist, ein guter Mensch zu sein, der einmal etwas Böses getan hat.

*

Wenn die Buße gleichzeitig auch Spaß macht, umso besser! Ich lande auf dem Pfad und falle hinter der Klosterbibliothek in einen leichten Trab. Die Mönche ziehen sich bei Sonnenuntergang in ihre Schlafgemächer zurück, ich muss also nicht befürchten, irgendjemandem zu begegnen. In meiner Tasche steckt ein zerknittertes Exemplar des Klosterplans, den Frau Och für mich besorgt hat. Ich habe mich inzwischen gründlich genug umgesehen, um zu wissen, dass er ungenau ist. Meine heutige Aufgabe ist es, die Lücken zu füllen. Wenn einige Teile des Klosters geheim sind, auf keinem Plan auftauchen, liegt die Vermutung nahe, dass ich genau die etwas genauer erkunden sollte.

Ich schleiche durch den südlichen Teil des Klosters und meide dabei die Schatzkammer, den einzigen Ort hier, der Tag und Nacht bewacht ist – und zwar nicht von Mönchen, sondern von offiziellen kaiserlichen Wachen. Im Kloster leben über dreihundert Mönche, die in meinen Augen alle gleich aussehen mit ihren karminroten Gewändern und rasierten Schädeln, ihren hageren, hungrigen Gesichtern. Ich suche nach einem bestimmten Mann: Ko Dan. Das wird dadurch erschwert, dass ich nicht weiß, wie er aussieht. Auch sonst weiß ich nichts über ihn, abgesehen von seinem Namen und der Tatsache, dass er vor anderthalb Jahren einen schrecklichen Zauber ausgeführt hat, der unbedingt rückgängig gemacht werden muss. Aber am entscheidensten ist vielleicht, dass ich nicht weiß, ob er überhaupt gefunden werden will.

Die Klostergebäude bestehen aus uraltem schwarzen Holz aus Yongguos nördlichen Wäldern, in denen die Bäume pechschwarz und dreißig Meter hoch sind. Die Dächer sind mit leuchtend blauen Ziegeln gedeckt, die jetzt in der Dunkelheit allerdings genauso schwarz aussehen wie das Holz. An der westlichen Klostermauer wende ich mich nach rechts, vorbei an den Schlafgemächern, mehreren kleineren Tempeln, der breiten Straße, die auf die zentrale Gebetshalle zuführt, und dem kunstvollen Garten der Elemente, hinter dem ein gepflegtes Gemüsebeet liegt sowie ein kleines Häuschen, in dem eine Lampe flackert.

Seit drei Nächten in Folge beobachte ich diese eine Lampe, während der Rest des Klosters in Dunkelheit liegt. Durch das Fenster sehe ich immer denselben alten Mann schreibend am Tisch sitzen. Sein Gesicht ist dunkel und faltig wie eine Rosine. Schnell, beinahe hastig, schreibt er Seite um Seite. Er trägt dasselbe karminrote Gewand wie alle Mönche, aber an seinem rasierten Hinterkopf hängt ein langer Zopf und um seinen Hals ein goldenes Medaillon.

Als ich den alten Mann Frau Och und Frederick gegenüber erwähnte, waren sie sich einig, dass es sich vermutlich um Gangzi handelt, den gewählten Vorsitzenden des Shou-shu-Rates. Jeder, der das Kloster betreten will, braucht eine spezielle Genehmigung von Gangzi, und soweit ich sehe, ist diese Genehmigung so speziell, dass sie nie wirklich erteilt wird. Noch nicht einmal der Kaiser kann das Kloster betreten, ohne dass Gangzi es gestattet – Shou-shu steht zwar unter Yongguos Schutz, unterliegt aber nicht seinen Gesetzen. Frauen ist der Zutritt unter allen Umständen ausdrücklich verboten und ich muss zugeben, dass mir diese Tatsache meinen Auftrag ganz besonders versüßt. Trotz all dieser Regeln ist es ganz leicht, hier reinzukommen. Es gibt nur die Mauer und keine Wachen – von denen vor der Schatzkammer mal abgesehen. Ich habe nichts weiter zu befürchten als den Zorn des Kaiserreichs und Mönche mit magischen Fähigkeiten, falls ich erwischt werde, und ich werde nie erwischt. Na ja, fast nie.

Der rosinengesichtige Mann faltet die Seite zusammen, adressiert den Brief, verschließt ihn mit Siegelwachs und legt ihn in einen Bambuskorb, der bereits vor Briefen überquillt. Er taucht den Pinsel ein und macht sich an die nächste Seite. Ich würde gern einen dieser Briefe in die Finger bekommen, um zu sehen, was er da Nacht für Nacht so eifrig schreibt, aber ich wage es nicht, in seiner Anwesenheit das kleine Haus zu betreten. Also lasse ich ihn mit seinen Briefen allein.

Die Halle der Entsagung (so lautet Fredericks Übersetzung) erstreckt sich über die ganze Länge der nördlichen Klostermauer. Ich bleibe zwischen der Halle und dem Schwalbenschlag stehen und neige den Plan in meiner Hand, damit das Mondlicht darauf fällt und ich besser sehen kann. Da bewegt sich direkt vor mir der Boden. Mit einem erstickten Schrei trete ich einen Schritt zurück an die Wand des Schwalbenschlags.

Eine steinerne Bodenplatte hebt sich und wird lautlos zur Seite geschoben. Aus dem Loch steigt schnell und geschmeidig ein Schatten, legt die Steinplatte zurück und huscht durch die Gasse davon. Das nenne ich Glück. Ich folge ihm mit vor Jagdlust hämmerndem Herzen, obwohl ich noch gar nicht weiß, wem ich da hinterherjage.

Wir kommen an eine Mauer, die etwa doppelt so hoch ist wie ich. In dieser Stadt gibt es nur Mauern zwischen Mauern zwischen Mauern. Wie eine Spinne klettert der Schatten daran hinauf und darüber hinweg. Ich drehe eine kurze Runde um die Mauer. Sie bildet ein Rechteck, das sich mit kaum zweihundert Schritten umkreisen lässt, und auf der Südseite befindet sich eine bemalte Tür – verschlossen. Die Mauersteine sind so grob und unregelmäßig, dass ich leicht hinaufklettern kann, wenn auch nicht ganz so gewandt wie der Schatten, den ich verfolge. Ich schwinge meine Beine hinauf und lege mich flach auf die Mauerkrone, um in den Hof unter mir zu schauen.

In der Mitte steht ein bescheidenes Haus. An der Innenseite der Mauer wächst eine dichte grüne Bambushecke. Ich entdecke keine Spur von dem Schatten, dem ich hierher gefolgt bin, aber an einem Tisch im Garten sitzen zwei Gestalten und spielen im Kerzenschein Zhengfu, ein Strategiespiel, dessen Spielsteine denen des fraynischen Eroberung ähneln. Die größere der beiden Gestalten singt leise. So viel dazu, dass es im Kloster keine Frauen gibt. Die Melodie kommt mir bekannt vor – dann schnappe ich ein Bruchstück des Liedtextes auf und stelle überrascht fest, dass das Mädchen auf Fraynisch singt. Ich kenne das Lied aus meiner Kindheit. Es ist eine traurige Weise über den weinenden Mond, der unentwegt der Sonne folgt, einen dunklen Sternenumhang hinter sich herzieht und sich nach dem Tag sehnt. Warum so betrübt, lieber Mond, warum weinst du denn?

Die andere Gestalt ist so klein, dass ich sie für ein Kind gehalten hätte, würde sie nicht Pfeife rauchen. Sie knallt einen Spielstein aufs Brett, dann streicht sie mit einem triumphierenden Lachen die Steine der Sängerin ein. Diese lacht ebenfalls und beide stehen auf. Nach Stimme und Haltung zu urteilen, ist die Pfeifenraucherin eine alte Frau.

Das Mädchen pustet die Kerze aus und sie gehen aufs Haus zu. Die alte Frau trägt etwas Langes und Sperriges, das ich im Dunkeln nicht erkennen kann. So schnell ich es wage, klettere ich die Mauer hinab und halte mich dabei an den Bambuspflanzen fest, aber die fedrigen Spitzen der Halme zittern und rascheln bei meinem Abstieg, woraufhin die Sängerin sich umdreht und auf Yongwenisch ruft: »Ist da jemand?«

Die alte Frau kommt auf direktem Weg auf mich zu und jetzt sehe ich, dass sie eine altmodische Donnerbüchse in der Hand hält. Sie stochert damit zwischen den Bambushalmen herum, wobei die Mündung meine Schulter streift. Ihr Gesicht ist kaum dreißig Zentimeter von meinem entfernt und späht hierhin und dorthin. Obwohl ich es aus meiner Perspektive nur undeutlich sehe, kann ich erkennen, dass es ein strenges Gesicht mit ausgeprägten buschigen Augenbrauen ist. Sie blickt mich direkt an, aber natürlich sieht sie mich nicht.

Als sie die Mauer und den Garten abgesucht hat, kehrt sie zu dem Mädchen auf der Türschwelle zurück und gemeinsam betreten sie das Haus, nachdem das Mädchen noch einen letzten Blick in meine Richtung geworfen hat. Ich schiebe mich zwischen den Bambushalmen hindurch und renne über den Hof. Sie haben die Tür offen gelassen, also schleiche ich hinter ihnen her.

Die beiden Frauen gehen durch den Hauptraum des Hauses in ein kleineres Zimmer, das nur spärlich mit einem Bett, einem Schrank und einer Frisierkommode möbliert ist. An einer Seite steht ein großes Holzfass. Die alte Frau nimmt den Deckel ab und Dampf steigt aus dem heißen Wasser darin auf. Das Mädchen summt immer noch die fraynische Melodie. Im Schein der Lampe kann ich seine neuporianischen Züge, seine blasse Haut und die hellen Augen erkennen. Es ist vermutlich nicht viel älter als ich – ich schätze es auf höchstens achtzehn oder neunzehn. Es ist breitschultrig und rundlich, hat eine eher matronenhafte Figur, aber sein Gesicht steht im völligen Gegensatz zu dieser Rundlichkeit – es ist ernst, mit einem kleinen, verhärmten Mund und einer langen Nase, die gar nicht zu den drallen Wangen passen mag. Wie die vornehmen Damen aus Tianshi trägt das Mädchen eine Robe aus bestickter Seide mit weiten Ärmeln, sein unscheinbares braunes Haar wird von Jadespangen zurückgehalten.

Die alte Frau sagt etwas, was ich nicht verstehe, und das Mädchen hört auf zu singen und lacht erneut. Trotz meines wochenlangen intensiven Sprachstudiums bei Professor Baranyi sprechen hier für meinen Geschmack alle viel zu schnell und halten sich überhaupt nicht an die Regeln des Yongwenischen, die ich gelernt habe. Es fällt mir schwer, mehr als ein paar Satzfetzen hier und da zu verstehen.

Das Mädchen fängt an sich auszuziehen. Ich habe genug gesehen, und da es selbst meinem zugegebenermaßen nicht übermäßig ausgeprägten Anstandsgefühl widerstrebt, ihm beim Baden zuzuschauen, schleiche ich wieder hinaus, um nach dem Schatten zu suchen, dem ich hierher gefolgt bin.

Ich sehe ihn draußen lautlos wie die Nacht auf dem Dach kauern. Ein paar Minuten lang beobachte ich ihn, doch er rührt sich nicht, also klettere ich über die Mauer, langsamer und leiser diesmal, und renne zurück zum Schwalbenschlag. Ich betrete die sichtbare Welt, sodass alles um mich herum wieder deutlich zu erkennen ist, und suche nach der Bodenplatte, unter der er herausgekommen ist. Erst breche ich mir nur die Fingernägel an Steinen ab, die sich nicht von der Stelle rühren, aber schließlich finde ich den Spalt im Boden und ziehe die Platte heraus.

Im Loch darunter ist nichts weiter als Dunkelheit zu sehen. Ich greife hinein und ertaste Eisensprossen – eine Leiter. Ohne zu wissen, wo der Tunnel hinführt, werde ich sicher nicht dort hinuntersteigen, aber ich bin neugierig, was mein Spion tun wird, wenn er glaubt, entdeckt worden zu sein. Also lasse ich den Tunnel offen, die Steinplatte bleibt daneben auf dem Weg liegen, dann trete ich einen Schritt zurück an die Wand des Schwalbenschlags, in dem die Vögel in ihren Nestern leise zwitschern.

Ich verschwinde und warte ab.

47679.jpg

Ich höre ihn nicht kommen – so gut ist dieser Spion –, aber ich sehe, wie er plötzlich dasteht und in den offenen Tunnel hinunterblickt, sein Gesicht von der Kapuze verdeckt. Dann bückt er sich schnell, legt die Steinplatte zurück und macht sich auf den Weg zur östlichen Klostermauer.

Diese flitzt er hinauf und darüber hinweg. Ein Anflug von Angst durchzuckt mich und lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich habe bisher nur eine Person getroffen, die auf diese Art Mauern überwinden kann, und ich lege keinen Wert darauf, ihr noch einmal zu begegnen. Ich selbst brauche zu diesem Zweck meine Hakenkralle mit dem Seil, daher warte ich kurz, in der Hoffnung, dass der Spion dann außer Hörweite, aber trotzdem noch zu sehen sein wird. Als ich die Mauer erklommen habe, suche ich einen panischen Augenblick lang die Straßen ab, bevor ich ihn auf dem Weg Richtung Xuanwu-Chaussee entdecke. Ich springe aufs Pflaster hinunter und renne hinter ihm her ins Dongshui-Dreieck, immer noch verschwunden, falls er einen Blick über die Schulter werfen sollte, was er jedoch nicht tut.

Dieser Teil der Stadt ist berüchtigt für Raubüberfälle, Gewalt, Opium und illegale Magie. Die Straßen sind weitgehend leer, aber auf einem verlassenen Grundstück etwas weiter vorne, neben einer eingestürzten Mauer, hocken mehrere Gestalten um ein Lagerfeuer. Mein Spion geht weiter, ohne den Blick nach rechts oder links zu wenden. Mehrere der Männer stehen auf, um ihn zu beobachten. Einer von ihnen spricht ihn an, aber er erwidert nichts, sieht nicht einmal in seine Richtung. Ich beschleunige meine Schritte, verringere den Abstand zwischen uns. Die Männer am Feuer stehen jetzt alle auf; es sind mehr, als ich dachte – acht oder neun. Sie klettern über die kaputte Mauer und folgen meinem Spion grölend. Einer von ihnen zerschlägt eine Flasche auf dem Boden. Ein anderer zückt ein Messer.

Ich weiß nicht genau, ob ich den Bedrohten wegen des Messers warnen, ihm helfen soll. Aber es wird sehr schnell deutlich, dass mein Spion, wer immer er auch sein mag, weder eine Warnung noch irgendeine Art von Hilfe nötig hat.

Ganz beiläufig wirft er etwas, was aussieht wie ein kleiner Tonkrug, über die Schulter, dann rennt er davon. Der Krug zerschellt auf der Straße und ein summender Schwarm steigt daraus auf. Ich selbst bringe mich auf der Mauer an der Straße in Sicherheit, während die Männer brüllend und um sich schlagend fliehen, verfolgt von einer Wolke wütender Wespen. Ich flitze auf der Mauer bis zur Ecke und sehe eine schattenhafte Gestalt Richtung Süden rennen. Bei allen Sternen, ist der schnell! Ich springe hinunter und laufe hinter ihm her.

Als er den ersten Abschnitt des Dongshui-Dreiecks erreicht, den Teil, der den Kaiserlichen Gärten am nächsten liegt, verlangsamt er seine Schritte. Eisenschienen für elektrische Bahnen verlaufen durch die drei Ringstraßen, die die eleganten Stadtviertel direkt an den Kaiserlichen Gärten von den ärmlicheren trennen. Ich bleibe etwas zurück, behalte ihn aber im Auge. Dieser Teil der Stadt wurde vor sechzig Jahren niedergebrannt, als sich eine Gruppe alteingesessener, wohlhabender Familien gegen die Meritokratie auflehnte, und es herrscht eine unheimliche Atmosphäre. Die ehemals herrschaftlichen Hofhäuser sind verfallen, ihre Mauern eingestürzt, die verkohlten Gebäude liegen offen unter dem Nachthimmel. Ein paar Häuser haben das Feuer unbeschadet überstanden, aber wie sie da einsam und verlassen zwischen ihren zerstörten Nachbarn stehen, wirken sie in gewisser Weise sogar noch trostloser.

Mein Spion biegt ab und geht zwischen den Ruinen hindurch auf ein einzelnes noch stehendes Haus zu. Als er die Hand auf die Tür legt, dreht er sich zum ersten Mal um. Der Mond steht jetzt hoch am Himmel und ich kann ihn deutlich erkennen. Es ist nur ein Junge, nicht älter als ich, mit ausgeprägten Wangenknochen und grimmigem Gesichtsausdruck. Sein Blick huscht die Straße entlang und streicht über mich hinweg. Dann öffnet er die Tür und verschwindet im Inneren des Hauses.

Ich bleibe noch einen Moment auf der Straße stehen und betrachte die geschlossene Tür. Eigentlich hatte ich gehofft, an den geheimen Orten des Klosters Ko Dan zu finden. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass das, wonach man sucht, nicht immer so aussieht, wie man ursprünglich erwartet hat. Auf jeden Fall kann ich Frau Och heute Nacht von zwei Dingen berichten. Erstens von einem fraynischen Mädchen, das spätabends noch Zhengfu spielt. Und zweitens davon, dass ich nicht die einzige Spionin bin, die sich für das Shou-shu-Kloster interessiert.

47660.jpg

Da ich gerade in der Gegend bin, beschließe ich, kurz bei Dek vorbeizuschauen, bevor ich zu Frau Och zurückkehre. Nach unserer Ankunft in Tianshi hat Frau Och unsere Gruppe aufgeteilt und uns in drei verschiedenen Stadtteilen untergebracht. Dass sie darauf bestand, ich solle bei ihr, Bianka und Frederick wohnen, überraschte mich – ich bin mir nicht sicher, ob ihr Wunsch, mich in ihrer Nähe zu haben, ein Zeichen dafür ist, wie sehr sie mich braucht oder wie wenig sie mir vertraut. Vielleicht ist es etwas von beidem. Auf jeden Fall wohne ich jetzt ausgerechnet mit den Menschen zusammen, die am ehesten Grund haben, mich zu hassen.

Esme, meine Chefin, seit ich eine kleine Taschendiebin in Spira war, und ihre Mitarbeiter Gregor und Csilla haben ein elegantes Haus im ersten Abschnitt des Xihuo-Dreiecks direkt am Kanal angemietet. Gregor gibt sich als Baron Heriday aus, ein Wissenschaftler zu Besuch in der Stadt, was geradezu lachhaft ist. Professor Baranyi, unser Experte für Yongguo, spielt seinen offiziellen Dolmetscher und hinter den Kulissen Gregors Berater. Ich beneide ihn nicht um die Aufgabe, einem betrunkenen ehemaligen Adligen und Schwindler beizubringen, wie man einen Intellektuellen mimt, aber er war bemerkenswert geduldig. Esme spielt ihren Diener. Wir haben sie versuchsweise als Zofe eingesetzt, aber mit ihren eins achtzig und der grimmig gerunzelten Stirn wirkte sie erwartungsgemäß nicht sehr überzeugend. Gregor alias Baron Heriday hat eine Genehmigung zum Besuch der Kaiserlichen Bibliothek beantragt. Frau Och vermutet, dass es in der Bibliothek Aufzeichnungen gibt, die uns verraten könnten, wo Ko Dan abgeblieben ist, falls er im Kloster nicht zu finden sein sollte.

Dek und Wyn sollen sich in der Zwischenzeit bei den Gaunern und Betrügern im zwielichtigen Dongshui-Dreieck umhören und – nur für den Notfall – Waffen auftreiben, aber soweit ich das sehe, gehen sie nur in eine Menge düsterer Schenken, um sich zu betrinken, und nennen das dann Auskundschaften. Wenn ich Glück habe, haben sie irgendwo echten Kaffee aufgetan. Die Suche nach Kaffeebohnen in dieser Teetrinkerstadt steht ganz oben auf Wyns Prioritätenliste.

Die Haustür ist nur angelehnt und ich gehe hinein, ohne anzuklopfen. Eine Laterne hängt an einem Haken in der Wand und die beiden sitzen in Hemdsärmeln am Tisch – doch sie sind nicht allein. Ich bleibe wie angewurzelt auf der Schwelle stehen und überlege, ob ich mich umdrehen und wieder verschwinden soll, bevor sie mich entdecken.

Zwei Mädchen sind bei ihnen. Eins davon spielt mit Wyn Karten. Es blickt skeptisch aus seinen halb geschlossenen Augen. Die Schminke in seinem Gesicht hat schon zu viele müde Stunden hinter sich. Dek sitzt über ein Blatt Reispapier gebeugt und übt Kalligrafie, neben sich ein Mädchen in einer alten Seidentunika, die ihm ein paar Nummern zu groß ist. Sein glänzendes blauschwarzes Haar ist zu einem unordentlichen Knoten auf dem Oberkopf geschlungen, aber sein Gesicht kann ich nicht sehen.

»Hallo, da ist ja Julia«, sagt Wyn und sieht zu mir auf. So viel zu meinem Plan, unbemerkt zu verschwinden. Ich trete ins Zimmer. Es riecht nach bitterem grünem Tee, also habe ich offenbar kein Glück, was den Kaffee angeht.

Dek dreht sich um und lächelt mich an. Seine dunklen Locken sind zurückgebunden. Normalerweise macht er das nur beim Arbeiten, sonst lässt er sich die Haare ins Gesicht fallen, um die Narben und die Plagemale um sein fehlendes Auge herum zu verdecken. Ich bin überrascht, sie in der Gesellschaft von zwei Mädchen zurückgebunden zu sehen.

»Na, musst du so spät noch arbeiten?«, fragt er und deutet mit einer Kopfbewegung auf meine Tasche mit dem Wurfanker und dem Seil darin. Ich zucke nur mit den Achseln und stelle sie neben der Tür ab. Jetzt dreht sich das Mädchen neben ihm zu mir um und mustert mich von Kopf bis Fuß. Ich erkenne auf den ersten Blick, dass die beiden Mädchen Schwestern sein müssen, aber dieses ist jünger und hübscher als das Mädchen, mit dem Wyn Karten spielt.

»Ich wusste nicht, dass ihr Besuch habt«, sage ich.

»Wir freunden uns mit Leuten aus dem Viertel an.« Wyn zeigt mit dem Daumen auf das ältere Mädchen, das jetzt den Kopf auf die Hand gestützt hat und fast erleichtert wirkt, nicht länger Karten spielen zu müssen. »Das hier ist Mia. Oder Minnie. Oder so ähnlich.«

»Mei«, sagt Dek. »Und ihre Schwester Ling.«

»Es ist nicht leicht, sich die Namen zu merken«, erklärt Wyn. »Willst du Tee, Julia? Schön, dich zu sehen. Warum kannst du nicht bei uns wohnen? Wir sind so einsam hier draußen.«

Ich verkneife mir die Bemerkung, dass sie im Moment nicht sonderlich einsam wirken.

»Frau Och will mich in ihrer Nähe haben«, sage ich. »Ihr habt also noch keinen Kaffee bekommen?«

»Leider nicht.« Wyn seufzt. »Die Leute lachen mich bloß aus, wenn ich danach frage.«

Einer von Frau Ochs drei Baumpiepern kommt über den Tisch gehüpft und pickt an Wyns Knöcheln. Wir benutzen sie zum Überbringen von Nachrichten, da Vögel Frau Och zufolge leichter zu verzaubern sind als die meisten anderen Tiere. Wyn war skeptisch, murmelte etwas darüber, dass Botenvögel nichts Ungewöhnliches seien und es wohl eher was mit Faulheit zu tun habe, einem Vogel mithilfe von Zauberei Anweisungen zu erteilen. Die Magie macht ihn nervös, aber den Vogel selbst, der sich nur bei ihm wirklich zahm gibt, nachdem er wie so viele von uns Wyns Charme erlegen ist, hat er sehr gern.

Das jüngere Mädchen, Ling, bringt mir Tee in einer angeschlagenen Tasse und starrt mich immer noch mit unverhohlener Neugier an. Die Ärmel ihrer übergroßen Tunika bedecken beinahe ihre Hände, aber als ich ihr die Tasse abnehme, fällt mir auf, dass ihre linke Hand bis zu den Fingerknöcheln verbunden ist. Ihre Finger sind rau und voller Tintenflecken, die Nägel komplett abgekaut.

»Wir haben sie in einer Schenke kennengelernt und wegen ihres sprühenden Geistes und ihrer witzigen Geschichten mit hergebracht«, sagt Wyn. Er zeigt mit dem Kopf auf die zornig funkelnde Mei. »Die hier hat uns stundenlang zum Lachen gebracht.«

»Ihr wart heute Abend also aus.« Ich setze mich und betrachte Deks Kalligrafie. »Und, wie ist die düstere Kehrseite von Tianshi so?«

»Düster und kehrseitig«, sagt Dek und wuschelt mir durch die Haare, sodass sich einige Haarnadeln lösen. Ich schlage seine Hand weg.

Wyn fügt hinzu: »Es hat sich rausgestellt, dass diese beiden Hübschen hier einen Onkel haben, der Geschäfte mit dem Kloster macht. Netter Kerl.«

Ich zwinge mich dazu, ihn anzusehen, in erster Linie, damit es nicht so offensichtlich ist, dass ich in der Regel versuche, seinem Blick auszuweichen. Seine Augen sind graugrün wie der Ozean nach einem Sturm. Wegen seiner dunklen Haut haben wir immer angenommen, dass seine Familie aus Nord-Arrekem oder irgendwo aus der Gegend stammt, aber wer weiß, wo er diese Augen herhat. Er selbst weiß es auch nicht, nachdem seine frühesten Erinnerungen die an das schreckliche Waisenhaus sind, aus dem er weggelaufen ist. Csilla sagt, Wyns Schönheit sei bei einem Mann reine Verschwendung, und tatsächlich sind seine perfekten Lippen und Wangenknochen und die geschwungenen Augenbrauen fast zu hübsch. Allerdings ist es nicht Wyns Schönheit, die mich umwirft. Das, was ich schon immer an ihm geliebt habe, ist das Lächeln, das seine Lippen umspielt, die Art, wie er über sich selbst und die Welt zu lachen scheint, als würde er einen tollen Witz kennen, den besten Witz überhaupt. Wyn strahlt so viel Lebensfreude aus, und dieses Gefühl ist ansteckend. Mit ihm zusammen zu sein, war immer ein Vergnügen. Zumindest, bis ich ihn mit einem anderen Mädchen im Bett ertappt habe.

»Er schmuggelt Tabak und Schnaps für ungezogene Mönche hinein«, erklärt Wyn, als ich nichts erwidere. Ich bin zu beschäftigt damit, mich in seinen Augen zu verlieren. Also wirklich, Julia, reiß dich zusammen!

»Verstehe. Das hier ist also eigentlich Arbeit?«, frage ich.

Dek lacht.

»Es spricht doch nichts dagegen, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden«, sagt Wyn. »Und was hast du so getrieben?«

»Das Übliche«, sage ich leichthin. »Hört mal, könntet ihr rausfinden, wer dem Kloster die Post bringt und Briefe von dort mitnimmt? Da müssten täglich eine ganze Menge Briefe verschickt werden.«

»Wir kümmern uns darum«, sagt Dek.

Mei reibt sich übers Gesicht wie eine schläfrige Katze und hinterlässt dabei schwarze Flecken um ihre Augen. Ling nimmt Dek den Pinsel ab, taucht ihn ins Tintenfass und schreibt etwas auf sein Reispapier. Ich verstehe nichts von Kalligrafie, aber sogar ich kann erkennen, dass sie gut darin ist. Ihre Buchstaben haben eine Leichtigkeit an sich, die Deks sorgfältiger Kalligrafie abgeht.

»Was ist das?«, fragt er auf Yongwenisch. »Ein Sprichwort, ein Name?«

Ling legt den Kopf schief und lächelt, als sie ihm antwortet. Kein fraynisches Mädchen hat Dek je so angesehen. In Spira war Dek ein Außenseiter, von der Plage gezeichnet. Seine Narben, sein fehlendes Auge, sein verkrüppelter Arm und sein lahmes Bein waren alles deutliche Zeichen der Krankheit, die Frayne heimgesucht hatte. Aber in Yongguo hat die Plage nie so heftig gewütet. Wie überall gibt es auch hier Krüppel und Dek ist nur einer von ihnen. Dass er ein Fremder ist, ist bemerkenswerter als die Krücke, an der er geht, oder die runzlige Karte aus Flecken und Narben auf seiner rechten Gesichtshälfte.

»Es ist ein Sprichwort«, sagt Dek und übersetzt für Wyn und mich. »Das Schicksal muss erjagt werden.«

Mei, deren Augen verschmiert sind, unterdrückt ein Gähnen und sagt: »Ling ist sehr schlau«, dann fügt sie noch etwas über die Kaiserlichen Gärten hinzu, was ich nicht verstehe.

»Was hat sie gesagt?«, frage ich Dek, verärgert darüber, dass das Gespräch jetzt offenbar in Yongwenisch weitergeführt wird.

»Ling hat einen Privatlehrer«, sagt Dek. »Sie arbeitet als Tellerwäscherin, aber in ihrer Freizeit studiert sie Literatur und Philosophie. Ihre Familie glaubt, sie könne die Prüfungen bestehen und ihnen damit einen Platz in den Kaiserlichen Gärten verschaffen.«

Ling starrt mit beinahe wütendem Gesichtsausdruck auf ihre Kalligrafie hinab und ich mustere sie erneut. Das Besondere am System in Tianshi ist, dass die Zugehörigkeit zur herrschenden Klasse nicht vererbt wird. Macht und Ansehen werden nicht von einer Generation auf die nächste übertragen, sondern durch ein System von Prüfungen erworben. Jeder – selbst ein Bauer – kann sich für die Kaiserlichen Prüfungen bewerben. Wenn man besteht – indem man umfassendes Wissen zeigt und außerdem besonderes Können auf mindestens einem Spezialgebiet vorweisen kann –, darf man mit seiner gesamten Familie in den Kaiserlichen Gärten wohnen, der von einer Mauer umgebenen privilegierten Enklave inmitten des Stadtzentrums. Eine Familie mit einem begabten Kind investiert unter Umständen alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel in die Ausbildung und Prüfungsvorbereitung dieses Kindes. Für eine arme Familie ist das ein großes Risiko, während die Wohlhabenden natürlich den entscheidenden Vorteil von Geld für Privatlehrer und Zeit für Studien haben. Aber wenn Ling wirklich außergewöhnlich ist, dann könnte es ihre Familie in Yongguos Gesellschaft bis ganz nach oben schaffen, obwohl sie Tellerwäscherin aus Dongshui ist und ihr Onkel ein Schmuggler.

Der bemerkenswerteste Unterschied zu Frayne ist jedoch, dass Hexerei hier in Yongguo einfach als eine weitere Art von Talent angesehen wird und einem ebenfalls einen Platz in den Kaiserlichen Gärten verschaffen kann. Hexerei ist zwar durch strenge Gesetze geregelt, aber Hexen sind hoch angesehen, und eine zugelassene Hexe kann ihre Macht in den Dienst des Kaiserreichs stellen. Wenn meine Mutter statt in Frayne hier geboren worden wäre, hätte sie Mitglied des kaiserlichen Hofes sein können. Sie wäre nicht wie eine Ratte im Fluss ertränkt worden.

Ling und Dek beugen sich dicht an dicht über das Blatt Reispapier und unterhalten sich schnell auf Yongwenisch. Jetzt verstehe ich, was man an Lings Händen ablesen kann – an der rauen Haut, den Tintenflecken und den abgekauten Nägeln, die jetzt wieder unter den langen Ärmeln verborgen sind. Mei ist näher an Wyn herangerückt und legt den Kopf auf seine Schulter. Plötzlich komme ich mir irgendwie fehl am Platz vor.

»Ich sollte besser gehen«, sage ich und stehe auf.

»Du bist doch gerade erst gekommen«, entgegnet Wyn.

»Frau Och will bestimmt ihren Bericht. Danke für den Tee.«

»Irgendwann finden wir auch noch Kaffee in dieser verdammten Stadt, Braunauge, das schwöre ich bei meinem Leben!«, sagt er theatralisch. Er nennt mich nicht mehr oft Braunauge.

»Gute Nacht«, sagt Dek. »Pass auf dich auf.«

Ich winke ihm zu, hänge mir die Tasche über die Schulter und versuche mich für ihn zu freuen, dass er den Abend mit einem hübschen Mädchen verbringen kann.

Auf halbem Weg nach Hause habe ich das deutliche Gefühl, verfolgt zu werden. Ich kann niemanden sehen, es ist wirklich nur ein Gefühl. Vielleicht ist es nichts weiter als Nervosität, trotzdem lege ich den Rest des Wegs verschwunden zurück.

47640.jpg

Selbst die Tiere geben keinen Laut von sich, als ich auf dem Weg zurück zu dem bescheidenen Hofhaus im Nanmu-Dreieck bin, das Frau Och, Bianka, dem kleinen Theo, Frederick und mir zurzeit als Unterkunft dient. Spira würde um diese Zeit im Licht der Gaslaternen erstrahlen, aber in Tianshi ist es stockdunkel. Hier und da sieht man eine Lampe flackern oder den schwachen Schein einer Kerze in einem Fenster; der Rest ist Finsternis. Ich muss an zu Hause denken: an die gewundenen Gassen des Twistviertels, heiseres Gelächter, das aus den Bordellen dringt, halb verhungerte Katzen, die hinter Ratten herjagen, an den Geruch nach Gewürzen, Schnee und Rauch. Die Geräusche und Gerüche hier sind anders. Nasser Stein nach dem nachmittäglichen Regen, der sich sintflutartig über die Stadt ergießt, während Shou-shus Glocken ihn mit magischem Läuten begleiten, Lampenöl und Hühnerkacke, das Klappern von Würfeln und leise Stimmen hinter Hofmauern. Während Spira nachts zum Leben erwacht, kauert sich Tianshi zusammen, die Menschen ziehen sich zurück, die Lichter erlöschen.

Meine Ankunft wird von leisem Rascheln und Flüstern begleitet, schwacher Rauchgeruch steigt von den kleinen zusammengefalteten Zettelchen in den Mauerritzen auf. Zaubersprüche. Hätte jemand anders als ich die Schwelle überschritten, wäre das ganze Haus inzwischen wach.

Wir haben ein schlichtes Hofhaus mit drei Flügeln, obwohl die Vorderfront zur Straße hin so breit ist, dass es wirkt wie ein richtiges Hofhaus mit Wohnräumen auf allen vier Seiten. Ich trete durchs Tor direkt in den Hof, wo mich die mürrische Ziege, die wir der Milch wegen gekauft haben, neugierig anblickt. Die Hühner schlafen in ihrem Verschlag, die Botenbaumpieper zwitschern in ihrem Käfig. Die Dienstbotenkammer, die Küche und die Waschräume an den Seiten des Hofs liegen dunkel da, aber im Haupthaus brennt noch Licht.

»Kannst du nicht schlafen?«

Frederick blickt erschrocken auf. Er sieht eigentlich immer so aus, als wäre man gerade um die Ecke gesprungen und hätte etwas Unanständiges gerufen, aber jetzt ist er wirklich überrascht. Er war so in sein Buch vertieft, dass er mich nicht hat reinkommen hören.

»Ehrlich gesagt schlafe ich nicht viel«, entgegnet er. »Es kommt mir immer so vor wie eine unglaubliche Zeitverschwendung. Irgendwas Interessantes?«

»Allerdings.« Ich stelle meine Tasche in der Ecke ab und lasse mich neben ihm auf einen Stuhl fallen. »Was sagst du zu einem fraynischen Mädchen in meinem Alter, das im Kloster lebt?«

Er runzelt die Stirn. »Bist du dir sicher?«

»Natürlich bin ich mir sicher, und wie! Ein Irrtum ist praktisch ausgeschlossen. Ich habe es gesehen und gehört, wie es ein fraynisches Lied gesungen hat. Es wurde auch noch von jemand anderem ausspioniert. Er ist durch einen Tunnel unter dem Kloster reingekommen. Wohnt in Dongshui.«

Frederick hebt die Augenbrauen und legt das Buch auf den Tisch – ein Zeichen dafür, dass ich wirklich seine Aufmerksamkeit erregt habe. Es ist sonst immer ziemlich ärgerlich, wenn er sein Buch in der Hand hält, während man redet, und es offensichtlich ist, dass er nur auf eine Gelegenheit wartet, weiterzulesen, ohne unhöflich zu wirken. Der arme Frederick hatte nicht viele Bücher zur Verfügung, seit wir Frayne verlassen haben. In einem Laden in Ischti hat er sich ein Buch gekauft, das er gar nicht lesen konnte – einfach nur, um eins in der Hand zu halten, vermute ich, obwohl er behauptete, er wolle damit klassisches Ischtanisch studieren.

»Komischer Zufall. Was Frau Och wohl davon hält?« Er zögert den Bruchteil einer Sekunde lang, bevor er hinzufügt: »Bist du sicher, dass der Spion ein Mann war?«

»Ein Junge, glaube ich. Ungefähr so groß wie ich.«

»Aber männlich.«

»Er trug Hosen.«

»Du auch«, wendet er ein.

In Yongguo tragen die Bauersfrauen oft Hosen und ich muss sagen, dass ich Gefallen daran gefunden habe. Ich habe mir nie groß Gedanken darüber gemacht, wie unpraktisch Frauenkleider sind, bis ich angefangen habe, mich wie ein Junge zu kleiden. Für meine nächtlichen Ausflüge trage ich Schwarz: eine Baumwollhose, die an der Taille und den Knöcheln geknöpft wird, eine weite Tunika, wie sie die Frauen auf dem Land tragen, und Bauernstiefel – Schuhe mit einem Stück festem Stoff, das bis zur Hälfte um die Wade gewickelt wird. Das Messer habe ich in den Stoff gesteckt und die unteren Knöpfe der Hose lasse ich offen, damit ich leicht drankomme. Meine Haare sind hochgesteckt, aber die Haarnadeln piken, daher ziehe ich sie jetzt heraus und lasse mir die Haare offen über die Schultern fallen.

»Hast du eine Feder?«, frage ich. »Ich sollte den Plan zeichnen, solange ich ihn noch im Kopf habe.«

Frederick nimmt einen Füllfederhalter aus seiner Kiste mit Schreibutensilien und ich lege den zerknüllten Klosterplan neben ein leeres Blatt Papier. Ich zeichne eine genauere Karte, in der ich den geheimen Hof des fraynischen Mädchens markiere und den Tunnel des Spions neben dem Schwalbenschlag. Als ich fertig bin, reiche ich sie Frederick.

»Beeindruckend«, sagt er.

»Gangzi – falls er es ist – schreibt immer noch massenhaft Briefe«, sage ich, während ich über seine Schulter hinweg meinen Plan betrachte. »Ich habe Dek gebeten, herauszufinden, wer die Post abholt. Vielleicht könnten wir dann ein paar Briefe klauen und in Erfahrung bringen, was er schreibt. Ich würde auch gern in die Schatzkammer. Sie hat eine Stahltür und zwei Wachleute, die die ganze Nacht über auf ihrem Posten stehen.«

»Wir sind wegen eines Mannes hier, nicht wegen Gangzis Korrespondenz oder einem Schatz«, sagt Frederick.

»Man weiß nie, wo sich ein Hinweis verstecken könnte. Was bewahren zaubernde Mönche denn überhaupt in einer Schatzkammer auf?«

»Ich habe keine Ahnung.«

Ich strecke meine Beine aus und stehe auf. »Na ja, viel Spaß noch beim Lesen. Ich gehe schlafen. Im Unterschied zu dir finde ich, dass man sich mit Schlafen hervorragend die Zeit vertreiben kann.«

Als ich das Zimmer verlasse, sagt er: »Julia …«

Frederick hat mich als Ella kennengelernt – ein gefügiges Hausmädchen, das weder lesen noch schreiben konnte. Ich habe bei ihnen zu Hause spioniert und ihre Geheimnisse ausgegraben und Frederick war ziemlich angetan von dieser fiktiven Person. Ich weiß, dass er Julia nie so gern haben wird wie Ella, aber die Art, wie er meinen Namen ausspricht, sagt mir, dass er zumindest nicht länger sie in mir sieht, wenn er mich anschaut. Auch wenn wir nicht direkt Freunde sind, hat die gemeinsame Reise um die halbe Welt doch dafür gesorgt, dass wir unbefangen miteinander umgehen können. Er sieht jetzt anders aus als in Spira. Als ich ihn kennengelernt habe, war er ein schlaksiger junger Mann, der praktisch nur aus langen Armen und Beinen bestand, aber die monatelange anstrengende Reise hat für eine Schicht Muskeln gesorgt, die ihm gut steht. Sein blonder Bart ist gewachsen und sein Gesicht sonnengebräunt, wodurch seine Augen hinter der Brille noch blauer strahlen. Ich lehne mich an den Türrahmen und warte darauf, dass er das sagt, was ich vermute.

»Du machst dir also keine Sorgen wegen dieses Spions?«

Er nennt ihren Namen nicht, aber ich weiß, dass er an Pia denkt, denn ich denke selbst die ganze Zeit an sie. Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, lag sie blutüberströmt und mit zerschmetterten Knochen in einer Grube, nachdem ich ihr mein Messer in den Bauch gerammt hatte, aber ich bin nicht so dumm zu glauben, dass ich sie unschädlich gemacht habe. Wir alle wissen, dass Casimir, für den sie arbeitet, uns nicht mit seinem Schatz entkommen lassen wird. Er wird hier nach uns suchen.

»Sie war es nicht«, sage ich.

Er nickt erleichtert. »Gute Nacht, Julia. Gut gemacht.«

Ich lasse ihn mit seinem Buch allein und schleiche auf Zehenspitzen in das Zimmer, das ich mir mit Bianka und Theo teile. Wie blind taste ich nach meinem Nachthemd, das an einem Nagel in der Wand hängt, und ziehe mich so leise wie möglich um. Der kleine Theo bewegt sich im Schlaf und meine Augen gewöhnen sich so weit an die Dunkelheit, dass ich ihn zusammengerollt neben seiner Mutter auf der Matte liegen sehe. Eine Schärpe um seine Taille ist an ihr Handgelenk gebunden. Sie hat einen Zauberspruch in die Schärpe gestickt, mit Faden geschrieben, dass sie nur durch ihre Hand gelöst werden kann, und sie kontrolliert den Faden jeden Abend, um sicherzugehen, dass er noch heil ist und der Zauberspruch halten wird. Nur so kann sie schlafen. Sie wird es nicht riskieren, dass ihr Theo noch mal weggenommen wird. Und trotzdem hat sie zugestimmt, dass ich, die ihn ihr zum ersten Mal weggenommen hat, das Zimmer mit ihnen teile. Die Alternative wäre gewesen, bei Frau Och zu schlafen, also kann ich wohl von Glück reden.

Ich lasse mich sanft auf meiner eigenen Schlafmatte nieder, gerade mal einen halben Meter entfernt von Bianka, die mich einst zu ihrer schlimmsten Feindin erklärt hat, und von Theo, der von der ganzen Sache nicht genug versteht, um mir etwas vorzuwerfen. Er sieht aus wie ein ganz normaler Junge, keine zwei Jahre alt, mit dunklen Korkenzieherlocken und einem Lächeln zum Steinerweichen. Aber sein Wesen ist mit einer mächtigen Magie verwoben, die – richtig eingesetzt – die Welt auflösen oder neu erschaffen könnte. Und darüber soll man dann staunen, wenn er seine Milch verschüttet oder einen an den Haaren zieht.

»Lala«, murmelt er mit flatternden Augenlidern, als ich mich hinlege.

»Pst«, flüstere ich und strecke ihm über den Spalt zwischen unseren Schlafmatten meinen Finger hin, an dem er sich festhalten kann. Er schließt seine kleine Faust darum und ist sofort wieder eingeschlafen.

Bei mir dauert es länger, bis ich Schlaf finde. Ich betrachte sein weiches, vollkommen friedliches Gesicht – an seine Mutter geschmiegt, keinerlei Angst, keine Vorstellung davon, dass man ihn durch die ganze Welt jagt, kein Bewusstsein dafür, dass Ko Dan dieses magische Fragment in ihm versteckt, es mit seiner Essenz verknüpft hat, und wir nur hoffen können, dass er es wieder rückgängig machen kann.

Ich sehe, wie Theo im Dunkeln atmet, und schwöre wie jede Nacht bei allen Heiligen, dass ich ihn beschützen werde. Ich werde es wiedergutmachen.