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© 2018 Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

Text © 2018 Usch Luhn

Originalausgabe
Cover- und Innenillustrationen: Lisa Brenner
Logodesign: Anna Rohner & Lisa Brenner
Lektorat: Jo Anne Brügmann

Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

ISBN 978-3-473-47879-8

www.ravensburger.de

1.

Eichhörnchenbesuch zum Frühstück

„Huhuuuh, huhuuuh!“

Luna schreckte hoch und blinzelte verschlafen.

„Huhuuuh, huhuuuh!“

Sie schaute sich verwirrt um. Wo war sie?

Ein Fensterflügel stand offen. Draußen war es stockdunkel.

„Luna? Alles in Ordnung? Ich bin hier. Schlaf noch ein bisschen. Es ist mitten in der Nacht“, flüsterte ihre Mutter schlaftrunken.

Luna seufzte erleichtert und horchte in die Stille. Ach, ja! Sie war im Forsthaus Sommerwald, ihrem neuen Zuhause. Morgen würde ihr Vater mit den letzten Umzugskisten nachkommen.

„Huhuuuh, huhuuuh!“

Plötzlich war sich Luna ganz sicher: Irgendjemand rief nach ihr!

Während sich ihre Mutter nur auf die andere Seite drehte, sprang Luna von ihrer Matratze auf und lief ans Fenster.

Draußen auf der hohen Tanne, deren dichte Zweige fast die Mauern des alten Forsthauses berührten, saß eine Schleiereule und starrte Luna direkt in die Augen.

„Hallo! Wer bist du denn?“, hauchte Luna.

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Die Eule legte den Kopf ein wenig schief und schloss einmal kurz die Augen. Es sah fast so aus, als würde sie Luna zuzwinkern. Dann breitete sie ihre Schwingen aus und flog in den dunklen Wald davon.

Glücklich kuschelte Luna sich wieder unter ihre Bettdecke. Sie hatte das Gefühl, dass sie hier im Forsthaus Sommerwald genau am richtigen Platz war. Kurz bevor sie wieder einschlief, hörte sie von irgendwoher wunderschöne Flötenmusik. Aber vielleicht war diese auch schon Teil des Traums, den sie wenig später zu träumen begann:

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Die Schleiereule flog tief in den Wald hinein. Auf einer kleinen Lichtung ließ sie sich auf einem großen, bemoosten Felsbrocken nieder. Kurz darauf schnürte ein Fuchs heran. Wenig später sprang eine Waldkatze mit buschigem Fell auf den Felsen.

„Und? Ist sie angekommen?“, fragte der Fuchs.

„Valentino, sei doch nicht immer so ungeduldig!“, sagte die Waldkatze und fing an, sich zu putzen.

Die Eule räusperte sich. „Ja, Luna ist da“, krächzte sie. „Es wurde ja auch höchste Zeit. Wir brauchen dringend ihre Hilfe!“

Am nächsten Morgen traf Luna etwas am Ohr und weckte sie unsanft.

„Aua!“

Ein Tannenzapfen landete neben ihrem Kopf. Und noch einer.

Luna brachte sich unter der Bettdecke in Sicherheit und lugte vorsichtig hinter einem Zipfel hervor.

Auf dem Fensterbrett saß ein rotes Eichhörnchen und beobachtete ihre Bewegungen mit wachen Augen. Dann warf es einen dritten Zapfen.

„Aufhören, du Frechdachs!“, rief Luna. Sie sprang aus dem Bett und lief auf das Eichhörnchen zu.

Als sie näher kam, hüpfte das Tier auf einen breiten Tannenzweig und ergriff eilig die Flucht.

Luna beugte sich aus dem Fenster und entdeckte noch mehr Eichhörnchen, die von Ast zu Ast hüpften, den Stamm hinauf- und hinunterrasten und eifrig an Tannenzapfen knabberten.

Die Eule, die sie in der Nacht geweckt hatte, war nicht zu sehen. Luna schüttelte den Kopf. Hatten die Tiere in ihrem Traum wirklich miteinander gesprochen? Und woher war diese wunderschöne Flötenmusik gekommen?

Kurz entschlossen rannte Luna die knarzende Holztreppe hinunter in die Küche. Sie musste ihre Mutter unbedingt etwas fragen. „Mama, was hast du mir neulich über die Träume erzählt, die man in der ersten Nacht in einem neuen Zuhause träumt?“

Daisy und Drago stürzten sich mit Gebell auf Luna und schwänzelten freudig um ihre Beine.

Nachdem Luna die Dackel ausgiebig geknuddelt hatte, umarmte sie ihre Mutter.

Frau Murmelstein machte ein geheimnisvolles Gesicht. „Man sagt, dass das, was jemand in der ersten Nacht nach einem Umzug träumt, wahr wird! Was hast du denn geträumt?“

Luna wollte schon antworten, aber plötzlich sprangen drei Eichhörnchen auf einmal zum offenen Küchenfenster herein und mopsten die Apfelspalten, die Lunas Mutter auf einem Teller angerichtet hatte.

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Frau Murmelstein stemmte entrüstet die Arme in die Seiten. „He! Die waren eigentlich für unser Frühstück gedacht!“ Sie zeigte auf die Schüsseln auf dem Küchentisch. „Leider haben wir noch keine Milch. Die können wir uns aber nachher beim Bauern holen. Misch dir doch heute Joghurt ins Müsli. Obst gibt es jetzt leider auch nicht mehr.“

Luna schüttelte lachend den Kopf. „Lieber Saft.“ Sie goss etwas Orangensaft in ihre Schüssel und löffelte hungrig ihr Müsli. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass die Eichhörnchen mit ihrem kleinen Raubzug genau das erreicht hatten, was sie wollten: Lunas Traum sollte ein Geheimnis bleiben.

„Wann kommt Papa?“, fragte Luna daher schnell, um ihre Mutter auf andere Gedanken zu bringen.

„Ich hoffe, am Nachmittag“, antwortete ihre Mutter. „Er hat noch im Forstamt zu tun und fährt dann gleich los. Ich muss noch ein paar Telefonate erledigen. Geh du doch mit den Hunden ein wenig raus und guck dich um. Wenn du Lust hast, holen wir dann später zusammen Milch.“

Luna nickte begeistert. Sie sprang vom Tisch auf, rannte zurück ins Elternschlafzimmer, wo sie in dieser Nacht ausnahmsweise geschlafen hatte, und zog sich an.

Dann polterte sie die Treppe zurück nach unten. „Daisy, Drago! Hopphopp, eine Runde joggen“, rief sie fröhlich und öffnete die breite Tür ins Freie.

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2.

Sommersprossenfüße im Kaninchenstall

Daisy und Drago trabten mit fliegenden Ohren nach draußen. Jeder noch so kleine Winkel wurde beschnüffelt und unter die Lupe genommen. Unter der großen Tanne blühte gerade Waldmeister.

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Daisy stürzte sich begeistert in die Pflanzen und begann, nach Mäusen zu graben.

Drago interessierte sich mehr für Kaninchenlöcher. Aber davon gab es direkt am Forsthaus leider nicht so viele. Dafür entdeckte er neben dem Geräteschuppen eine große Hundehütte. In dieser hatte der Jagdhund des alten Försters gewohnt. Stolz ergatterte der Dackel einen zerbissenen Fußball und einen riesigen, abgenagten Knochen.

Luna kicherte. „Oh, anscheinend sind hier im Wald Dinosaurier unterwegs. Vergiss die Kaninchen, Drago!“

Das Forsthaus Sommerwald stand seit einem halben Jahr leer, weil der alte Förster zu seiner Tochter in die Schweizer Berge gezogen war.

Georg Murmelstein, Lunas Vater, hatte bisher beim Forstamt in der Stadt gearbeitet und sich schon lange einen anderen Arbeitsplatz gewünscht. Als ihm diese verwunschene Försterei angeboten worden war, hatte er daher sofort Ja gesagt.

Wie das Forsthaus von innen aussah, hatte Luna gleich nach ihrer Ankunft ausgekundschaftet.

Unten waren das Wohnzimmer, eine große Küche, das Badezimmer und eine Speisekammer. In dieser standen sogar noch Marmeladengläser und Honig, und ein großes Stück Schinken hing an einem Fleischerhaken von der Decke.

Eine Holztreppe mit abgetretenen Dielen und geschwungenem Geländer führte hinauf in den ersten Stock. Dort war das Schlafzimmer, in dem die Eltern sich eingerichtet hatten. Ein Büro mit zwei Schreibtischen grenzte daran. Außerdem gab es ein Gästezimmer mit Schaukelstuhl und ein winziges Gästebad mit Dusche.

Eine kleinere, sehr steile Treppe führte hinauf auf den Dachboden, der zu einem riesigen Zimmer ausgebaut worden war. Das sollte Lunas Reich werden. Durch das neue Dachfenster, in dem noch das Glas fehlte, konnte man direkt in den Himmel gucken. Im Moment klebte aber Folie darüber, damit es bei schlechtem Wetter nicht hineinregnete.

Georg Murmelstein wollte noch Regale anbringen und einen Kleiderschrank schreinern, der unter die Dachschräge passte. Auch ein neues Bett sollte Luna noch bekommen, aber damit hatte sie es nicht so eilig. Eine Matratze auf dem Boden fand sie völlig ausreichend.

Luna lief hinter das Haus. Dort befand sich der Gemüsegarten. Er war ganz verwahrlost.

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Erbsen und Bohnen hatten wild ausgeschlagen. Dazwischen wuchsen lila Kräuter und weiße Brennnesseln. Die roten Stachelbeeren waren bereits reif und ihre Früchte zum Teil aufgeplatzt. Luna probierte eine und achtete darauf, dass sie sich nicht an den Stacheln pikste. Lecker!

Es raschelte im Gebüsch. Daisy knurrte und stürzte bellend los.

„Aus, Daisy!“ Frau Murmelstein war Luna in den Garten gefolgt und rief den Dackel zurück. „Im Gebüsch sind zwei Zaunkönignester. Die Jungen sind noch nicht ausgeschlüpft“, sagte sie und schwenkte eine Milchkanne. „Wollen wir los? Es ist nicht so weit, wir können laufen.“

Luna nickte.

Frau Murmelstein nahm die Hundeleinen mit, ließ die Dackel aber erst mal bei Fuß laufen. „Papa und ich waren schon einmal bei den Schmidts“, erzählte sie. „Nette Leute. Der Hof gehört Frau Schmidt, ihr Mann arbeitet in der Stadt als Buchhalter. Die Milch schmeckt total lecker!“

Sie liefen einen schmalen Waldweg entlang. Rechts und links rankten meterhohe Brombeerhecken. Dahinter standen Tannen und Fichten dicht nebeneinander.

„Ganz schön dunkel“, sagte Luna. „Es kommt ja kaum Sonne durch!“ Und wirklich: Selbst die Dackel blieben bei Fuß und hatten anscheinend gar keine Lust, sich durch das Gestrüpp zu wühlen.

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„Papa muss sich das zusammen mit den Forstarbeitern genau anschauen“, sagte ihre Mutter. „Hier ist eine ganze Weile nichts gemacht worden. Man hat den Eindruck, es wächst alles drunter und drüber.“

Luna nickte. „Wie im Märchen. Alles komplett zugewachsen. Da kommt man nirgends durch. Glaubst du, es wohnen überhaupt Tiere im Wald?“

Sie lugte durch die Hecken hindurch. Es raschelte und Luna bildete sich ein, dass etwas mit einem roten, buschigen Schwanz dahinter vorbeihuschte, aber schon war es wieder ruhig.

Luna bekam eine Gänsehaut. Der finstere Wald war ihr mit einem Mal unheimlich. „Wann sind wir da?“

Einen Augenblick später sah sie glücklicherweise den Hof.

Der Waldweg führte durch ein Gatter, das sich mühelos öffnen ließ, direkt auf eine Weide mit Kälbchen.

„Sind die süß!“ Luna rannte los. „Guck mal, Mama, die lassen sich streicheln!“

Als sie weiterlief, folgten ihr die Kälbchen neugierig.

Auf einem abgetrennten Stück Land suhlten sich Schweine in einer riesigen Wasserpfütze. Schnatternde Enten watschelten um sie herum. Im Garten pickten Hühner in der Erde und ein Hahn schrie wichtig Kikeriki, während die Hofkatze auf der Hundehütte döste.

Hier war alles warm, sonnig und freundlich, stellte Luna erleichtert fest.

Im Bauernhaus roch es nach frisch gebackenem Kuchen. Frau Schmidt begrüßte Frau Murmelstein und Luna herzlich. „Ich koche uns erst mal einen schönen Kaffee. Und du, Luna, Kakao?“

Luna nickte begeistert.

„Geh doch rüber zu den Kaninchen. Jonas füttert sie gerade. Ich glaube, ihr seid gleich alt. Ich rufe euch, wenn der Kakao fertig ist. Einfach schräg über den Hof laufen, am Hühnerstall vorbei.“

Kaninchen! Luna wünschte sich schon seit dem Kindergarten ein eigenes Kaninchen. Aber wer war Jonas? Hoffentlich war er nicht so affig wie die Jungs in Lunas alter Klasse.

An ihrer bisherigen Schule hatte Luna nur ihr Lieblingsfach Sport richtig gut gefallen. Sie kletterte geschwind wie ein Äffchen am Seil bis unter die Decke und konnte quer durch die Turnhalle Rad schlagen.

Aber seit ihre beste Freundin im letzten Schuljahr in eine andere Stadt gezogen war, hatte sich Luna in der Schule oft einsam gefühlt.

Sie war daher gar nicht traurig, dass sie nach den Sommerferien in eine neue Klasse kommen würde.

Vielleicht war dieser Jonas ja ganz nett. Und vielleicht würden sie ja sogar in eine Klasse gehen. Langsam überquerte Luna den Hof.

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Zuerst sah sie nur Jonas’ schmutzige Füße. Der Rest von ihm steckte nämlich in dem großen Kaninchengehege. Das Holzhaus, das den Tieren als Schlafplatz diente, war umgekippt und er versuchte gerade, es wieder aufzustellen. Das klappte aber einfach nicht. Die Kaninchen sahen ihm gelassen zu und knabberten an Kohlblättern.

„Hallo! Kann ich dir helfen?“, rief Luna.

Jonas erschrak und stieß mit dem Kopf gegen das Gitter. Mühsam robbte er aus dem Stall heraus.

„’tschuldigung“, sagte Luna. „Ich wollte dich echt nicht erschrecken.“ Sie streckte ihm die Hand hin. „Ich bin Luna und wohne seit gestern im Forsthaus. Was machst du denn da?“ Luna fand, dass Jonas lustig aussah. Sein Gesicht war voller Sommersprossen und er hatte knallblaue Augen. In seinen braunen Haaren hatten sich jede Menge Stroh und Körner verfangen.

„Das Haus – wahrscheinlich hat es der schwarze Dicke da hinten umgeworfen. Aber ich kriege es nicht wieder aufgerichtet.“

Luna nickte. „Soll ich?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, schlängelte sie sich in das Gehege.