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© 2018 Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

Text © 2018 Usch Luhn

Originalausgabe
Cover- und Innenillustrationen: Lisa Brenner
Logodesign: Anna Rohner & Lisa Brenner
Lektorat: Jo Anne Brügmann

Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

ISBN 978-3-473-47880-4

www.ravensburger.de

1.

Gewitterdonner und ein gelber Hund

Luna hatte es eilig. Doch als sie sich auf ihr Fahrrad schwingen und zum Flötenunterricht fahren wollte, stellte sie fest, dass es einen Platten hatte. Ihre Mutter war zum Milchholen geradelt, und der Förster, Lunas Vater, war mit den Dackeln unterwegs. So ein Pech. Also musste Luna wohl oder übel laufen.

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Ich hab keine Lust, ich hab keine Lust!, dachte Luna bei jedem Schritt, den sie machte. Herr Jupiter, ihr Flötenlehrer, erinnerte sie ein wenig an einen Raubvogel und war ihr unheimlich. Und außerdem hatte sie nicht geübt. Aus der blechernen Querflöte, die Herr Jupiter ihr geborgt hatte, bekam sie nämlich keinen einzigen hübschen Ton heraus. Viel schöner klang die goldene Querflöte, die Luna in dem Geheimzimmer auf dem Dachboden des Försterhauses entdeckt hatte.

Diese Zauberflöte war Lunas großes Geheimnis, denn sie hatte herausgefunden, dass sie mit den Tieren des Waldes reden konnte, sobald sie ihnen auf der Flöte eine Melodie vorgespielt hatte.

„Ich hab gar keine Lust“, rief Luna trotzig einem Baum entgegen, dessen dicke Wurzeln auf den Weg ragten. „Autsch!“

Ein freches Eichhörnchen hatte ihr einen Zapfen an den Kopf geworfen und verschwand nun flink in der Baumkrone.

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„Hey, warte doch!“ Luna seufzte. Zu gerne hätte sie einen kleinen Plausch gehalten. Aber ohne ihre Zauberflöte ging das nicht. Leider hatte sie diese in der Eile zu Hause vergessen.

Eine Waldmaus flitzte vor ihr her.

„Hallo! Kennen wir uns?“, fragte Luna.

Keine Antwort. Natürlich nicht. Bevor sie ihr unbekannte Tiere nicht mit ihrer Flöte begrüßt hatte, passierte gar nichts.

Sie hörte ein leises Grollen. Auch das noch! Gewitter im Wald waren gefährlich, das wusste sie von ihrem Vater. Sie schaute in den Himmel. Durch die dichten Äste sah sie, wie über den Baumwipfeln dunkelgraue Wolken aufzogen. Schnell weiter!

Luna hörte ein Knacken im Dickicht. Ängstlich versuchte sie, zu erkennen, was sich dort verbarg. Vielleicht Momo, das Wildschwein? Mit ihm war sie gut Freund, und Luna hoffte, dass Momo sie erkannte, auch wenn sie ihre Flöte nicht dabeihatte. Versuchen konnte sie es ja. „Hallo, Momo!“, rief sie auf gut Glück. „Denkst du auch, dass es gleich ein Gewitter gibt?“

Es knackte noch einmal und ein schlankes Tier huschte durch das Dickicht davon. Nein, Momo war das mit Sicherheit nicht. Für Kassandra, die Waldkatze, war es zu groß gewesen, und Valentino, den Fuchs, erkannte man immer schon aus der Ferne an seinem roten Pelz. Das fremde Tier sah eher aus wie ein Hund mit ockergelbem Fell. Luna spürte, wie sie eine Gänsehaut bekam.

Hoffentlich war das kein tollwütiger Hund gewesen! Sie musste ihren Vater fragen, ob die Waldarbeiter einen herrenlosen Streuner gesehen hatten. Wind kam auf – ein Vorbote des nahenden Gewitters, das wusste Luna. Sie fröstelte und begann zu rennen.

Luna liebte den Wald, insbesondere, seit sie mit den Waldtieren sprechen konnte und sogar einem weißen Hirsch begegnet war. Aber gerade jetzt war der dunkle Ort ihr zutiefst unheimlich.

Vögel flogen zeternd in die Lüfte, als es nun ganz in der Nähe laut donnerte, und ein großer Raubvogel kreuzte Lunas Weg so dicht vor ihrem Gesicht, dass sie furchtbar erschrak.

Luna rannte noch schneller. Erste Regentropfen trafen ihre nackten Arme. Plötzlich war sie nicht mehr sicher, ob sie richtig zur Kirche abgebogen war. Sie stoppte und drehte sich einmal um die eigene Achse. Da sprang eine Langhaarkatze mit wunderschönen bernsteinfarbenen Augen aus einem Busch.

„Kassandra!“, flüsterte Luna erleichtert.

„Beeil dich!“, maunzte die Katze und jagte in langen Sätzen davon.

Luna folgte ihr, ohne zu zögern.

Gerade als ein greller Blitz den Kirchplatz erhellte und es ohrenbetäubend knallte, rettete sich Luna in den Flur des Gebäudes, in dem der Organist Julius Jupiter seine Musikschüler unterrichtete. Schwer atmend sank sie auf die kalten Steinstufen der Wendeltreppe. Sie musste sich erst wieder sammeln, bevor sie dem Lehrer gegenübertreten konnte.

2.

Klaviermusik mit Hasenpfoten

Draußen rauschte der Regen nun laut wie ein Wasserfall.

Luna rannte die Wendeltreppe hinauf und nahm dabei immer gleich zwei Stufen auf einmal. „Tut mir echt leid, Herr Jupiter, ich bin voll in das Gewitter geraten, mein Fahrrad hatte einen Platten und ich musste laufen und Mama war nicht zu Hause“, rief sie und stürmte, ohne anzuklopfen, in das Musikzimmer.

Dort blieb sie wie angewurzelt stehen.

Herr Jupiter war nicht allein. Auf dem schwarz lackierten Drehhocker, der zum Flügel gehörte, saß ein fremdes Mädchen. Sein Haar war goldblond und reichte bis zum Kinn. Dort schien es sehr exakt abgeschnitten worden zu sein – wie mit einem Lineal. Das Mädchen war extrem blass und hatte eine ungewöhnliche Augenfarbe: leuchtend honiggelb! Wie die Augen von Kassandra!, schoss es Luna durch den Kopf. Auch die Stupsnase des Mädchens erinnerte Luna an die Waldkatze.

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„Luna Murmelstein. Schön, dich zu sehen! Du merkst, man sollte immer auf alles vorbereitet sein. Einfach zeitiger aufbrechen das nächste Mal!“, begrüßte sie Herr Jupiter vorwurfsvoll und wackelte dabei wie immer heftig mit dem Kopf.

Luna runzelte die Stirn. Schimpfte der Lehrer sie jetzt tatsächlich aus? Er konnte sich doch freuen, dass sie dem Gewitter entkommen war!

„Wie dem auch sei“, fuhr Julius Jupiter fort, „nun bist du ja da. Wir warten schon eine ganze Weile. Na, aber gelangweilt haben wir uns wohl nicht. Habe ich recht, Melody?“ Er sah das Mädchen gespannt an.

Melody! Das fremde Mädchen hieß Melody. Ein sehr seltsamer Vorname, fand Luna.

„Hab ich recht, Melody?“, wiederholte Julius Jupiter.

„Kein Problem“, antwortete das Mädchen und verzog keine Miene. „Ich habe mich nicht gelangweilt, Onkel Julius.“

Luna dachte einen Moment, dass sie sich verhört hatte. „Onkel Julius?“, wiederholte sie.

Herr Jupiter nickte stolz. „Sehr richtig, Luna. Melody ist meine Nichte. Ich habe eine jüngere Schwester, Josefine Haase. Sie ist die Musiklehrerin an der Schule, die du nach den Ferien auch besuchen wirst. Melody ist eine sehr begabte Klavierspielerin. Josefine wünscht sich, dass ich sie fördere. Vielleicht wird sie später Pianistin. Ich dachte, wir könnten deine Flötenkünste etwas vorantreiben, wenn Melody dich auf dem Flügel begleitet. Ein hübsches Experiment.“

Luna war sprachlos. Auf so ein ‚Experiment‘, wie Herr Jupiter es nannte, hatte sie gar keine Lust.

„Melody freut sich jedenfalls darauf“, fügte Herr Jupiter hinzu. „Stimmt’s, Melody?“

„Klar. Ein Hase und ein Murmeltier, das passt.“ Melody grinste.

„Ich heiße Murmelstein“, stellte Luna knapp richtig.

„Auch schön“, sagte Melody. „Dann zeig doch mal, ob du auf deiner Flöte pfeifen kannst wie ein Murmeltier.“

Luna presste die Lippen fest aufeinander und guckte weg. Durch das Fenster sah sie, dass es draußen immer noch in Strömen goss. Das Gewitter war noch lange nicht vorbei. Einfach davonzulaufen, wie sie es vorgehabt hatte, war also keine gute Idee.

„Ich stimme Melody zu – wir sollten nun endlich beginnen!“, rief Herr Jupiter aufgeräumt.

„Luna hat für heute einen kleinen Walzer geübt und ich habe für Melody die Begleitung dazu komponiert. Melody, du kannst es direkt vom Blatt spielen, das Stück ist sehr einfach. Spiel es uns doch einmal vor!“

Melody las sich das Notenblatt aufmerksam durch. Dann spielte sie den Walzer fehlerlos vor. Luna erkannte das Stück, mit dem sie sich in dieser Woche geplagt hatte, kaum wieder. Federleicht klang es, träumerisch und mühelos waren Melodys Finger über die Tasten gehuscht. Sie konnte wirklich gut spielen. Ausnahmsweise hatte Herr Jupiter nicht übertrieben. Das änderte aber nichts daran, dass Luna dieses Mädchen unsympathisch war. Allein die Art, wie Melody sie ansah, gefiel ihr überhaupt nicht.

Erneut musste Luna an Kassandra denken. Die Waldkatze hatte sie mit ihrem prüfenden Blicken schon mehrmals in Verlegenheit gebracht.

„Jetzt Luna und dann beide zusammen“, bestimmte Herr Jupiter. Er schien ganz aufgeregt zu sein.

Luna holte die geliehene Flöte hervor und baute sie im Schneckentempo zusammen.

„Wieso dauert das denn so lange? Du tust ja so, als hättest du das noch nie gemacht!“ Herr Jupiter nahm ihr die Flöte aus der Hand und steckte die Teile in Windeseile ineinander.

Luna legte umständlich das Notenblatt auf den Ständer und versuchte, den Walzer so nachzuspielen, wie sie ihn gerade gehört hatte. Als sie die Flöte wieder absetzte, wusste sie selber, dass es sich absolut schrecklich angehört hatte. Krumm und schief hatten sich die Töne aus der Flöte gequält, kein einziger hatte so geklungen, wie er sollte.

Mit meiner Zauberflöte wäre das nicht passiert!, dachte sie und starrte trotzig auf das Notenblatt.

„Du kommst doch bestimmt in meine Klasse“, sagte Melody. „Im neuen Schuljahr wollen wir eine Nachtwanderung durch den Wald machen, dann bring unbedingt die Flöte mit. Dein Gequietsche passt perfekt zur Geisterstunde!“ Sie kicherte.

Luna funkelte sie böse an. „Total witzig. Ich habe schon lange nicht mehr so gelacht!“ Das konnte ja heiter werden. In ihrer alten Schule hatte sie sich nicht besonders wohlgefühlt. Deshalb war sie auch gar nicht traurig gewesen, als ihr Vater die Försterei übernommen hatte und sie zu Beginn der großen Ferien in den Sommerwald umgezogen waren. Aber mit Melody in eine Klasse zu gehen, dazu hatte sie nicht die geringste Lust.

„Na, na, na, Melody“, ermahnte Herr Jupiter seine Nichte. „Nicht jeder ist so begabt wie du. Aber Luna, du hast ja überhaupt nicht geübt! Ich verstehe dich nicht. Deine Mutter hat mir berichtet, dass du früher sehr gerne Querflöte gespielt hast. Du kennst doch das Sprichwort: Übung macht den Meister!“

Unter Lunas Kopfhaut begann es zu kribbeln. Das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie gleich explodieren würde. Ja, sie spielte gerne. Sehr gerne sogar! Aber nicht auf dem blöden Instrument von Herrn Jupiter und nicht zusammen mit einem Mädchen mit komischem Namen, das sich über sie lustig machte. Und seine doofen Sprichwörter konnte sich Herr Jupiter auch sparen.

„He, das war doch nur ein kleiner Witz. Verstehst du keinen Spaß?“, fragte Melody. „Wenn du willst, können wir zusammen üben. Du wohnst in der Försterei, oder? Ich komm gerne bei dir vorbei. Alle Kinder aus meiner Klasse sind in die Ferien gefahren. Nur meine tolle Mutter wollte mal wieder nicht. Sie schreibt gerade an einem Buch über alte Orgeln. Mir ist todlangweilig, und die Ferien dauern ja noch eine halbe Ewigkeit.“

Luna rümpfte die Nase. Sie wusste selber, dass das sehr arrogant aussah. Sollte es aber auch. „Pech für dich. Ich mach nicht den Pausenclown, der dich bespaßt. Und üben tue ich am liebsten alleine!“

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Sie fing einen strengen Blick von Julius Jupiter auf, der ihr eindeutig sagte, dass sie jetzt lieber ganz schnell den Mund halten sollte.

„Jetzt hör mir mal bitte genau zu, liebes Kind …“ begann er mit erregter Stimme. „Ich erlaube nicht, dass du so …“

Es klopfte an der Tür.

Herr Jupiter zuckte irritiert zusammen. „Ja bitte?“, rief er ungeduldig. „Es ist Unterricht!“ Er durchquerte das Musikzimmer und riss energisch die Tür auf. „Josefine! Frau Murmelstein!“

„Mama!“, rief Luna erleichtert und fiel ihrer erstaunten Mutter stürmisch um den Hals.

„Entschuldigen Sie die Unterbrechung, Herr Jupiter“, sagte Frau Murmelstein. „Ich habe mir Sorgen gemacht, dass Luna nass geworden ist. Deshalb habe ich trockene Kleidung dabei und will sie gleich im Auto mit nach Hause nehmen, bevor sie sich erkältet.“ Sie hielt Luna einen Rucksack hin.

„Ich will auch nicht stören, Julius“, sagte Josefine Haase. „Zufällig habe ich Frau Murmelstein kennengelernt. Sie spielt ja fantastisch Orgel, wie ich erfuhr!“ Sie warf einen neugierigen Blick auf Luna. „Und, Melody? Haben Luna und du euch schon ein wenig beschnuppert?“

3.

Pfannkuchenverbot für Melody

„Hast du das gehört?“, regte sich Luna auf, als sie in Frau Murmelsteins Auto, das diese liebevoll ihre „Knutschkugel“ nannte, schlüpfte. „Habt ihr euch schon beschnuppert?“, äffte sie Frau Haase nach. „Als ob wir Dackel wären! Und diese Melody ist total eingebildet. Sie hat sich richtig fies über mich lustig gemacht, als ich vorgespielt habe!“

Frau Murmelstein startete den Motor, schaltete die Scheibenwischer ein und hupte zum Gruß, als sie an Frau Haase und Melody vorbeifuhr und dabei einer großen Wasserlache auswich. „So wie ich Herrn Jupiter verstanden habe, hattest du ja auch nicht geübt. Ich will lieber nicht wissen, wie es sich angehört hat!“

Luna fühlte sich ertappt und beschloss, lieber schnell das Thema zu wechseln. „Egal, Mama. Jedenfalls hast du mich gerettet!“