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Als Ravensburger E-Book erschienen 2018
Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

© 2018 Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

Die Originalausgabe erschien 2016
Copyright © 2016 by Julie Cross
Originally published in the U.S. under the title
»
CHASING TRUTH: THE ELEANOR AMES SERIES«
This translation was published by arrangement with
Entangled Publishing,
LLC through RightsMix LLC.
All rights reserved.

Übersetzung: Franziska Jaekel
Lektorat: Ulrike Schuldes

Umschlaggestaltung: Anna Rohner
unter Verwendung von Bildern von
© InnervisionArt/Shutterstock; © mandritoiu/Shutterstock; © seksan1/Fotolia

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-47883-5

www.ravensburger.de

An all die Veronicas:
Vor langer Zeit waren wir einmal Freunde.

Kapitel 1

Es ist ja nicht so, als hätte ich noch nie ein Mädchen oben ohne gesehen. Ich meine, ich bin selbst eins. Nicht oben ohne. Also, jetzt jedenfalls nicht. Aber ich bin ein Mädchen.

Allerdings ist es nicht gerade normal, dass ein halb nacktes Mädchen in unserer Wohngegend um sechs Uhr morgens schreiend Klamotten vom Nachbarbalkon wirft.

Von meinem Balkon aus beobachte ich, wie eine Handvoll grauer und marineblauer Klamotten im Pool landet, direkt vor Mrs Olsen, die gerade seitlich ihre Bahnen zieht. Die alte Dame hält an, blickt auf und entdeckt die halb nackte Blonde. Entsetzt springt sie so schnell aus dem Pool, wie eine über Siebzigjährige springen kann.

»Willst du mir vielleicht noch was anderes geben, das ich anziehen soll?«, schnauzt die Blonde die Person in der Nachbarwohnung an, die sie so aufgebracht hat. Die neuen Nachbarn sind gestern eingezogen, während ich eine Wurzelbehandlung überstanden und fast den ganzen Tag mit Schmerzmitteln vollgepumpt verschlafen habe.

»Ganz genau! Bleib ruhig hier drin! Ist mir völlig egal! Ein schönes Leben noch!« Das Mädchen marschiert zurück in das Apartment, und ein paar Sekunden später höre ich die Wohnungstür zuknallen. In einem hastig übergeworfenen, blauen Sommerkleid poltert sie die Treppe hinunter. Ich bleibe in Deckung, bis sie mit quietschenden Reifen vom Parkplatz fährt, dann schleiche ich auf Zehenspitzen zur Wohnungstür – um meine Schwester und ihren Freund nicht zu wecken, die nur an Samstagen nicht um sechs Uhr aufstehen müssen – und gehe hinunter zum Pool. Wenn die halb nackte Blonde nicht so schnell verschwunden wäre, hätte ich mich bei ihr bedankt. Ich warte schon seit zwanzig Minuten darauf, dass Mrs Olsen endlich aus dem Pool kommt. Jetzt gehört er nur mir.

Ich beuge mich hinunter und fische die Klamotten aus dem Wasser, die nicht weit vom Beckenrand im Pool treiben. Ein graues T-Shirt – Herrengröße M. Ein marineblaues T-Shirt – Herrengröße M. Zwei marineblaue Shorts.

»Äh … tut mir leid deswegen.«

Die nassen Shorts rutschen mir aus den Fingern, und ich schaue hoch, das heißt, ich blinzele im Sonnenlicht zu einer großen, schattenhaften, männlichen Gestalt hinauf. Ich starre auf die braunen nackten Füße, dann erlaube ich meinem Blick, ,nordwärts zu wandern. Der Waschbrettbauch lenkt mich einen Moment ab, und ich bücke mich erneut nach den nassen Shorts und lasse sie platschend auf seine Zehen fallen, bevor ich mich aufrichte.

»Hast du irgendwas gegen Farben?«, frage ich.

Jetzt, da ich stehe, kann ich meinen neuen Nachbarn endlich genauer unter die Lupe nehmen. Ich hatte jemanden erwartet, der älter ist, aber Mr Ich-trage-nur-Sporthosen-weil-ich-Bauchmuskeln-aus-Stahl-habe ist definitiv eher ein Junge als ein Mann.

Er runzelt die Stirn. »Farben?«

»Ja, so was wie Rot, Grün, Orange. Oder Rosa, falls du drauf stehst.«

»Ach so.« Er zuckt mit den Schultern. »Hab noch nie darüber nachgedacht.«

Der Typ bückt sich, um die tropfnassen Klamotten von seinen Füßen aufzuheben, und schenkt mir dann ein Grinsen mit zwei perfekten Grübchen. Ich verschränke die Arme vor der Brust – ich vertraue niemandem mit Grübchen – und warte darauf, dass er mir irgendeine Art Erklärung anbietet. Als er das nicht tut, fordere ich ihn dazu heraus.

»Läuft das jetzt immer so ab? Sollte ich morgen vielleicht meinen Kescher mitbringen? Ich könnte auch die Hausverwaltung bitten, eine Poledance-Stange aufzustellen. Wenn deine Freundin hier noch mal in ihrem Kostüm auftaucht, könnte sie doch gleich für ein wenig Unterhaltung sorgen.«

Der Typ schüttelt den Kopf, und zu meiner großen Überraschung wird er rot. Er schaut kurz zum Parkplatz, wo die halb nackte Blonde gerade davongebraust ist, und dann wieder zu mir. »Ich bin nicht … ich meine, sie ist nicht …« Seufzend gibt er sich geschlagen.

»Was ist los?«, hake ich nach. »Stehst du etwa nicht auf Mädchen oben ohne?«

»Wäre das so ein großes Verbrechen? Abgesehen davon kenne ich sie nicht einmal.«

»So was soll vorkommen.« Ich tue so, als würde ich angestrengt nachdenken. »Hattest du möglicherweise irgendeine chemische Substanz in deinem Blutkreislauf, als du sie kennengelernt hast? Das könnte den Gedächtnisverlust erklären.«

Normalerweise würde ich jetzt noch die Augen verdrehen und den Typen insgeheim als Arschloch betiteln, aber mein neuer Nachbar hat etwas fast Kindliches und Unschuldiges an sich. Als er seine Füße neben mir aufgepflanzt und sich gebückt hat, um seine nassen Klamotten aufzuheben, war es noch nicht da gewesen. Aber seine Reaktion, nachdem ich das halbnackte Mädchen erwähnt habe, lässt mich aufhorchen. So etwas macht mich neugierig. Als das Mädchen Mrs Olsen verschreckt hat, war mein Interesse natürlich schon geweckt. Aber dann ist es schnell wieder langweilig geworden. Ein One-Night-Stand unter Alkoholeinfluss, der wie viele andere falsch interpretiert wurde.

Doch jetzt würde ich nur zu gern wissen, wie die beiden zueinander stehen oder standen. Aber mein weiser und dummer Vater – ja, man kann beides sein – hat mir schon vor langer Zeit beigebracht, nie meine Karten aufzudecken und immer ein Pokerface zu behalten.

Anstatt also meinen heißen Nachbarn weiter mit Fragen zu löchern, werfe ich mein Badetuch auf den nächstbesten Stuhl und springe in den Pool. Als ich wieder auftauche, erlaube ich mir nur einen winzigen Blick in seine Richtung. Er steht immer noch da, mit seinen tropfenden Klamotten in der Hand und halb offenem Mund. Ich zwinge mich zu einem übertriebenen Freistil, wobei ich für diese frühe Tageszeit viel zu schnell schwimme. Eine Minute später trottet mein Nachbar wieder die Treppe hoch.

Ich mache eine Pause am flachen Ende des Pools und lache in mich hinein. Doch als ich zu der leeren Treppe in der einsamen Wohnanlage aufschaue, frage ich mich unwillkürlich, ob das der Grund sein könnte, warum ich an meiner neuen Schule keine Freunde gefunden habe.

Bis auf Simon.

Mein einziger Freund an der Holden Prep. Vielleicht der einzige wahre Freund in meinem ganzen Leben.

»Hey, Kleine!«

Ich tauche aus meinem Selbstmitleid auf und schaue zu einer hochgewachsenen, dunkelhäutigen Gestalt empor, die am Beckenrand steht. »Hey, Ace.«

Aidan, der Freund meiner Schwester, ignoriert, dass ich seinen Decknamen benutzt habe. Er wirft sein Handtuch auf einen leeren Stuhl und springt am tiefen Ende in den Pool. Ich sehe ihm ein wenig neidisch dabei zu, wie er die ganze Bahn durchschwimmt, ohne einmal Luft zu holen, bis er schließlich auf magische Weise neben mir auftaucht. Während der letzten sechs bis acht Monate ist es mir immer schwerer gefallen, mein Pokerface Aidan gegenüber aufrechtzuerhalten. Wie zum Beweis mustert er mich und liest dabei offenbar meine Gedanken. »Vor ein paar Monaten konntest du noch nicht einmal schwimmen, Ellie.«

Vor ein paar Monaten bin ich in diesen Pool gefallen und wäre fast ertrunken. Ich verenge die Augen zu Schlitzen. »Das weiß ich.«

Er grinst mich an, doch seine Miene ist überhaupt nicht mit dem falschen Grübchen-Grinsen unseres neuen Nachbarn vergleichbar. »Hab Geduld, Grünschnabel. Du musst noch viel lernen.« Er schlägt mit der Hand auf die Wasseroberfläche, sodass mir eine Welle direkt ins Gesicht spritzt. »Aber du wirst es nicht weit bringen, wenn du deinen faulen Hintern nur hier auf den Stufen ausruhst. Vier Bahnen reichen nicht als Training. Und erzähl mir nicht, dass du bloß nach L.A. gezogen bist, um Sonnenbäder zu nehmen.«

»Virginia ist nicht L.A., soweit ich weiß. Außerdem hatte ich gestern eine verdammte Wurzelbehandlung! Und du bringst dieses ganze Rumspionieren echt auf ein völlig neues Level, Ace.«

»Beim Secret Service gibt es keine Spione«, korrigiert er mich. »Und ja, ich habe dich schwimmen sehen.« Er spritzt noch mehr Wasser in meine Richtung, wahrscheinlich um mich anzustacheln. »Und ich hab auch gesehen, wie du unseren neuen Nachbarn vergrault hast. Gut gemacht! Ein Junge weniger, den ich verscheuchen muss, Eleanor.«

Ich beiße die Zähne zusammen, als ich meinen vollen Namen höre. Damit will er mir nur heimzahlen, dass ich die ganze Zeit seinen Secret-Service-Ohrstöpsel-Namen benutze. »Glaubst du, ich hätte etwas sanfter mit ihm umgehen sollen?«

»Nein.« Aidan wirft einen kurzen Blick auf den Balkon neben unserem. »Miles kommt damit sicher klar.«

»Miles?« Ich hebe eine Augenbraue. »Du hast ihn schon kennengelernt? Hat er irgendeinen Aufpasser?«

Aidan wirft mir seinen schönsten Ich-bin-erwachsen-und-weiß-deshalb-mehr-als-du-Blick zu. »Glaubst du etwa, ich würde auch nur irgendjemanden, der hier neu einzieht, nicht überprüfen?«

Mit »überprüfen« meint er genaue Nachforschungen über die Vorgeschichte, einen Backgroundcheck, auch in Bezug auf mögliche Vorstrafen. Nur was meine Schwester und mich betrifft, ist Aidan erstaunlicherweise ziemlich tolerant.

»Du besitzt offenbar die Fähigkeit, dir die Vorschriften zurechtzubiegen, sonst hättest du dich wohl kaum auf Harper und mich eingelassen.«

»Das ist eine weitere Lektion, die du noch lernen musst«, erwidert Aidan. »Du und ich, wir sind gar nicht so verschieden. Wir haben beide ein feines Gespür dafür, Kleinigkeiten zu bemerken, und wir sind Experten darin, Geheimnisse zu bewahren.«

»Heißt es deshalb Secret Service?«, scherze ich, denn ich bin nicht sicher, was ich mit der Vorstellung anfangen soll, dass Aidan irgendwas mit mir oder Harper gemeinsam haben könnte. Er ist der Inbegriff des Guten. Meine Familie ist das Gegenteil davon. »Ich habe mich schon immer gefragt, woher der Name kommt.«

Er verdreht die Augen. »Wir wissen beide, dass du Miles Beckett im Schlaf um den Finger hättest wickeln können. Aber das hast du nicht.«

Er sagt das, als würde es mir leichtfallen, alles einfach über den Haufen zu werfen, was mir mein ganzes Leben lang beigebracht wurde, und nur noch nach diesem neuen Mantra zu handeln. Ich meine, ich bin froh, dass ich die Leute nicht mehr betrügen muss. Genau wie meine ältere Schwester bin ich hier, weil ich dieses Leben nicht mehr führen will. Aber von Zeit zu Zeit – wenn ich zum Beispiel bei Best Buy bin und der Typ, der eine »Diagnose« meines Laptop-Problems stellen soll, mich wie ein ahnungsloses Mädchen abzocken will –, dann muss ich mich wirklich zusammenreißen, ihm nicht das Gegenteil zu beweisen und auf den Teil von mir zurückzugreifen, den ich mit meinem alten Nachnamen hinter mir gelassen habe.

Aidan ist militärischer eingestellt, als er zugeben will, und unser Gespräch endet an dieser Stelle, weil er der Meinung ist, dass ich endlich meinen faulen Hintern bewegen soll. Es ist bereits September und der Pool wird bald winterfest gemacht. Also schwimme ich und schwimme und schwimme, bis die Worte meines Vaters nur noch als geisterhafte Erinnerung zurückbleiben – dass Schwimmstunden bloß etwas für Kinder mit einer Sozialversicherungsnummer sind. Für Kinder, die länger als sechs Monate an einem Ort wohnen.

Ich zähle die Bahnen gar nicht mehr mit – wahrscheinlich sind es mehr, als ich jemals bei einer Trainingsstunde geschafft habe –, aber als ich schließlich aufhöre zu schwimmen, ist nicht mehr nur Aidan mit mir im Pool. Miles Beckett hat anscheinend genug Kisten ausgepackt, um seine Badehose zu finden, und kommt jetzt im perfekten Schmetterlingsstil auf mich zu. Er hält neben mir am Beckenrand an – wobei er kaum außer Atem ist – und mustert mich, als hätte ich ihn nicht vor weniger als einer Stunde zum Erröten gebracht.

»Du solltest an deinem Schwimmstil arbeiten.«

Ich pruste los. »Du solltest an deinen One-Night-Stands arbeiten.« Ich verpasse seine Reaktion, weil ich Aidan lachen höre. Ich hatte ganz vergessen, dass er auch noch da ist.

»Na komm schon, Miss Sunshine.« Aidan nickt in Richtung unseres Apartments. »Deine Schwester wollte Waffeln machen.«

»Und das hast du zugelassen?« Ich klettere aus dem Pool. »Kaum zu glauben, dass Leute dich einstellen, um Menschen zu beschützen und Leben zu retten.«

»Du kannst dich gern anschließen«, sagt Aidan zu Miles.

»Tu das lieber nicht, glaub mir.« Ich schlinge mir mein Handtuch um die Hüfte und klopfe mir selbst auf die Schulter. Tägliche Bürgerpflicht? Erledigt! Ich nicke Aidan zu. »So rettet man Leben.«

Ich bin schon halb die Treppe hoch, als ich hinter mir höre: »War nett, dich kennenzulernen, Eleanor Ames.«

Was zum …? Ich bleibe stehen, drehe mich langsam um und schaue zu meinem neuen Nachbarn hinunter. »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich vorgestellt habe.«

Sein Grinsen ist mir nur allzu vertraut. So glotzen Typen, die mich anmachen wollen (das heißt Typen, die mir an die Wäsche wollen). »Sieht so aus, als wärst du hier berühmt-berüchtigt.«

»Ist das so?« Ich lache in mich hinein. Wie süß. Er hat keine Ahnung, wie berüchtigt ich wirklich bin. Oder besser gesagt, meine Familie. »Ich bin sicher, dass alles, was du gehört hast, absolut wahr ist.«

Aidan hat mich eingeholt und versucht, seine Belustigung nicht zu zeigen. »Das war ja ein Knaller.«

»Was soll’s. Ich begegne unseren Nachbarn sowieso nicht oft, vor allem seit die Schule letzte Woche wieder angefangen hat.« Ich zucke mit den Schultern.

»Er geht an die Holden.« Aidan klingt jetzt wieder ernster, seine Hand liegt auf dem Türknauf zu unserem Apartment. »Miles ist ein guter Junge.«

»Gut? Bist du sicher?« Er hat offenbar das halb nackte Mädchen vergessen. »Ich glaube, du verlierst langsam dein feines Gespür.«

Er übergeht meine spitze Bemerkung. »Könnte doch nett sein, einen neuen Freund in der Schule zu haben.«

»Na klar.« Ich nicke. »Weil der einzige Freund, den ich hatte, Selbstmord begangen hat. Viel Glück, Miles.«

Aidan dreht sich zu mir um. »Ellie, Simons Tod hat nichts mit dir zu tun.«

Ich verdrehe genervt die Augen, doch innerlich bin ich aufgewühlt. »Das weiß ich. Gott, hör bloß mit diesem Therapeutengeschwafel auf.«

Ja, ich weiß das alles wirklich. Es ist drei Monate her, seit Simon – der Sohn eines Senators und mein einziger Freund in den noblen Fluren der Holden Prep – also, seit er … an einem besseren Ort ist. Der stechende Schmerz, den ich jedes Mal verspüre, wenn sein Name fällt, lässt langsam nach. Aber ich habe immer noch Fragen. Und es kostet mich meine ganze Selbstbeherrschung, nicht nach den Antworten zu suchen.

»Außerdem warst du selbst letzten Frühling die Neue«, erinnert Aidan mich. »Du weißt bestimmt besser als jeder andere, wie schwer das sein kann.«

Glücklicherweise muss ich Miles Beckett, den Neuen an der Schule, nicht allzu lange bedauern, denn als Aidan die Tür öffnet, heult uns der Rauchmelder entgegen und die ganze Küche ist voller Qualm.

Kapitel 2

Aidan drückt sich an mir vorbei und rennt in die raucherfüllte Küche. »Harper!«

Ich bin zu sehr damit beschäftigt, ihm bei der Suche nach der Ursache des Feuers zu helfen, um ihm an den Kopf zu werfen: Ich hab’s dir ja gesagt.

Wir husten und können bei all dem Rauch kaum etwas erkennen. Aber dann entdecke ich tatsächlich Flammen bei einem Gerät, das wie ein Waffeleisen aussieht (seit wann haben wir ein Waffeleisen?), und während Aidan unzählige Flüche ausstößt, reiße ich den Feuerlöscher aus der Halterung unter dem Spülbecken. Ein Schwall weißlich grüner Schaum trifft die kleinen Flammen und erstickt sie fast augenblicklich. Der Rauchmelder piept so laut, dass wir nicht miteinander sprechen können. Also schnappt sich Aidan einen Stuhl und stellt sich darauf, um den Alarm auszuschalten, während ich die Balkontür aufreiße.

»Oh nein … zur Hölle, nein!«, hallt Harpers Geschrei durch die Wohnung, wahrscheinlich ist es bis draußen zu hören. Sie trägt ihren Bademantel und hat ein Handtuch um ihr langes blondes Haar geschlungen. Mit einem flehenden Blick sieht sie Aidan und mich an. »Ich schwöre bei Gott, das Teil war aus, als ich duschen gegangen bin! Was zum Teufel ist passiert?«

Sie rennt zur Küchenanrichte. Der Rauch strömt aus dem Apartment, sodass sich die Sicht verbessert, und ich bemerke den kleinen Haufen verkohlter und seltsam verformter Waffeln, der auf einem Teller auf der Anrichte liegt. Die Arbeitsplatte ist voller Eierschalen, verschütteter Milch und benutzter Messbecher. Harpers Miene verwandelt sich von am Boden zerstört zu stinksauer. Gerade als ich mir sicher bin, dass sie das Waffeleisen jeden Moment an die Wand pfeffern wird, stößt sie einen Schrei aus.

Finger haben sich um die Balkonbrüstung gelegt. Miles Beckett (inklusive seiner Bauchmuskeln) springt über das Geländer, landet barfuß und mit nacktem Oberkörper auf dem Balkon und richtet den Blick in die Küche, als wäre er zum Kampf bereit. »Sind alle okay?«

Ich verdrehe die Augen. Ich kann einfach nicht anders. Ich meine, du lieber Himmel, wir haben nicht umsonst eine Treppe.

Aidan wirft die Batterie des Rauchmelders auf die Anrichte und springt vom Stuhl. »Ich denke, wir haben alles unter Kontrolle.«

Miles kommt trotzdem herein und wirft mir einen flüchtigen Blick zu. Ich umklammere immer noch den Feuerlöscher, mein Handtuch hat sich längst verabschiedet.

»Steht dir echt gut.«

Ich öffne den Mund, um ihm die Meinung zu geigen, aber da greift Harper nach dem Waffeleisen. »Harper, nicht! Das Ding stand gerade in Flammen!«

Wenn meine Schwester richtig sauer wird, sieht sie rot. Ihr gesunder Menschenverstand scheint sich dann völlig zu verabschieden. Das ist ihre größte Schwäche – jedenfalls sagt das mein Vater. Zum Glück steht Aidan mit einem Topflappen bereit. Er schnappt sich das Gerät, bevor Harper dazukommt, und hält es über ihrem Kopf in die Höhe, sodass das Kabel hinter ihm herunterbaumelt.

»Gott, was ist nur los mit mir?« Harper wirft hilflos die Arme in die Luft. »Nichts mach ich richtig. Jedes Kindergartenkind kann wahrscheinlich Waffeln backen, ohne alles in Brand zu stecken.«

»Es ist nicht deine Schuld.« Aidan startet einen schwachen Versuch, sich das Waffeleisen genauer anzusehen. »Hast du das Ding nicht vom Flohmarkt? Es ist wahrscheinlich kaputt. Der Verkäufer hat dich bestimmt übers Ohr gehauen.«

Harper lacht, aber es klingt nicht gerade erfreut. Sie würde sich niemals reinlegen lassen. Das müsste Aidan eigentlich wissen. Er weiß es auch, rufe ich mir ins Gedächtnis. Ich vergesse manchmal, dass man auch aus guten Gründen lügen und betrügen kann.

Ich räuspere mich und deute mit einem Nicken auf den Balkoneindringling, nur um sicherzugehen, dass die beiden Miles’ Anwesenheit nicht vergessen haben. Miles schaut mich wieder an und zeigt mit dem Finger auf das schwere Teil in meinen Armen. »Den solltet ihr ersetzen.«

»Wer bist du? Der Wohnungsbrandschutzbeauftragte?«, will ich wissen. Was macht er überhaupt noch hier? Das hier ist nicht der Pool, sondern unser Privatbereich.

Harper ist immer noch zu angepisst, um ein vernünftiges Gespräch zu führen. Sie stürmt an uns vorbei ins Schlafzimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Eine Sekunde später reißt sie die Tür wieder auf und streckt den Kopf heraus. »Wagt es ja nicht, das Durcheinander hier aufzuräumen! Keiner von euch!«

Ich atme durch und lege den Feuerlöscher auf den Tisch. Mein Herzschlag beruhigt sich langsam nach diesem Adrenalinrausch. Ich sehe zu Aidan hinüber, der gerade das Waffeleisen senkt. Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Er öffnet mit einem Fuß den Mülleimer und wirft das verbrannte Gerät hinein.

»Sie hat recht«, sagt er zu mir. »Ein Kindergartenkind würde das wahrscheinlich auch ohne Zimmerbrand hinbekommen.«

Ich schaue mich in der chaotischen Küche um und seufze. »Ich kümmere mich darum. Geh und sorg dafür, dass sie nicht mehr sauer ist. Wie auch immer du das anstellst. Und verschone mich mit irgendwelchen Details.«

»Die Donuts zahl ich.« Aidan legt eine Hand auf meinen Kopf und verstrubbelt mir das feuchte Haar. »Gib mir nur dreißig Minuten.«

Er ist schon fast an der Schlafzimmertür, aber ich kann mir nicht verkneifen, noch etwas hinzuzufügen. »Dreißig Minuten? Länger dauert es neuerdings nicht?«

»Ach, halt den Mund, Eleanor!«

Ich lache, nachdem er im Zimmer verschwunden ist. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber nach so einer Bemerkung wird Aidan normalerweise rot. Als ich mich umdrehe, vergeht mir mein Lachen jedoch schnell. Miles Beckett ist immer noch da, und in der Küche herrscht das totale Chaos.

»Oh Mann«, murmele ich vor mich hin und schiebe den Mülleimer zur Anrichte hinüber. Ich hatte eigentlich vor, die verkohlten Reste einfach in den Eimer zu fegen, aber der Schaum aus dem Feuerlöscher ist hart geworden und klebt überall fest.

»Du wirst eine Menge Wasser brauchen, um das sauber zu kriegen«, sagt Miles. Und dann kommt er auch noch weiter in die Wohnung herein und stellt sich in seiner übertrieben selbstbewussten Art genau neben mich. »Wir sollten zuerst die Mikrowelle aus der Steckdose ziehen.«

»Wir?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Deine Dienste werden hier nicht länger benötigt. Es sei denn …«, ich zerre den Teller mit den Waffeln unter dem chemischen Schaum hervor und drehe mich dann grinsend zu ihm um, »… du hast Hunger?«

»Äh … nein.« Er nimmt mir den Teller ab und wirft ihn in den Mülleimer.

»Danke, jetzt kannst du gehen.« Ich deute mit der Hand in Richtung Balkon. »Rutsch einfach an der Feuerwehrstange runter und schon bist du weg.«

Er lacht. »Ich wette, du sprengst jede Party.«

Ich stütze mich auf dem Ellbogen ab und erwidere seinen Blick – nur um sicherzugehen, dass ich es immer noch draufhabe. »Und ich wette, du fragst dich insgeheim, wie viel Schaden du heute Morgen angerichtet hast, als ich deine schmutzige Wäsche gesehen habe. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.«

Er hebt eine Augenbraue, sagt aber nichts. Er ist wirklich süß. Ich bin nicht zu stolz, um das zuzugeben. Und ich bin nicht zu stolz, um zuzugeben, dass seine attraktive Erscheinung das Ganze noch unterhaltsamer macht.

»Aber eigentlich spricht das für dich«, sage ich mit sanfter Stimme. »Ich bin die Letzte, die andere nach ihrer schmutzigen Wäsche beurteilt.«

Meine Mutter hat immer gesagt, dass eine Lüge viel wirkungsvoller ist, wenn sie in einem Stück Wahrheit verpackt ist. Das ist wahrscheinlich der nützlichste Rat, den meine Eltern mir mit auf den Weg gegeben haben.

Er lächelt mich düster an. »Das gilt nur für einen von uns beiden.«

Ich kann meinen schockierten Gesichtsausdruck nicht verbergen – diese Antwort hätte ich nicht erwartet. Aber Miles ist bereits auf dem Weg zur Wohnungstür und hat mir zum Glück den Rücken zugekehrt.

»Wir sehen uns am Montag in der Schule«, sagt er, bevor er verschwindet.

Ich stehe einen Moment nur da und versuche herauszufinden, welchen Nerv ich da wohl getroffen habe. Doch dann beschließe ich, mir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, denn das ist es nicht wert. Ich räume die Küche auf, bis Aidan wieder auftaucht und sich wie versprochen – er hält seine Versprechen immer rigoros – auf den Weg zum Donutladen macht. Ich gehe zum Schlafzimmer und bleibe im Türrahmen stehen. Harper trägt jetzt ein Sommerkleid über ihrem Badeanzug. Sie sitzt auf dem vorbildlich gemachten Bett und blättert in einer Zeitschrift, die ich im Supermarkt sonst immer nur an der Kasse liegen sehe.

Ich betrete das Zimmer und öffne eine Schublade in der Kommode, weil ich mir ein T-Shirt ausleihen will. Harper und ich sind genau gleich groß – einen Meter siebenundsechzig. Aber damit enden unsere Gemeinsamkeiten auch schon. Sie hat das blonde Haar und den hellen Teint unserer Mutter geerbt, ich habe die braunen Haare, die braunen Augen und die Sommersprossen unseres Vaters. Meine Schwester und ich sehen uns zwar nicht ähnlich, aber zum Glück können wir trotzdem unsere Klamotten tauschen.

»So ein Schwachsinn. Hier steht ›einfache Dreißig-Minuten-Gerichte‹«, erklärt sie mir. »Aber keins davon ist einfach oder in dreißig Minuten zu schaffen. Können wir die wegen falscher Versprechungen verklagen?«

»Warum nicht? Die Eltern meines Laborpartners in Physik sind Rechtsanwälte. Wir könnten gleich beide anheuern.« Ich lasse mich neben ihr aufs Bett plumpsen.

»Ich kann nicht glauben, dass ich fünf Dollar dafür bezahlt habe.« Harper seufzt und wirft die Zeitschrift auf den Boden. »Du hast die Küche aufgeräumt, oder?«

»Noch nicht ganz.« Ich verberge mein schlechtes Gewissen und mustere sie. Schließlich frage ich: »Warum ist es so wichtig für dich, gut im Kochen zu sein? Aidan macht das doch nichts aus.«

»Es wird ihm aber was ausmachen«, erwidert sie, den Blick auf den Fernseher vor sich gerichtet.

Meine Schwester ist vierundzwanzig und fast acht Jahre älter als ich, aber wenn sie solche Dinge sagt, kommt ihre Naivität zum Vorschein. Eine Eigenschaft, die sie davon abhält, die Wahrheit zu sehen, selbst wenn sie direkt vor ihrer Nase liegt. Ich weiß nicht, ob ich froh darüber sein soll, dass ich nicht so bin. Jedenfalls habe ich einen großen Teil von Harpers Leben verpasst. Bis vor acht Monaten, als sie sich auf die Suche nach mir gemacht hat, habe ich meine Schwester jahrelang nicht gesehen. Ich dachte, sie hätte mich verlassen – nicht meine Familie, sondern mich. Ich dachte, ich wäre ihr egal. Dabei konnte sie mich einfach nur nicht finden.

Ich rutsche so nah an sie heran, dass ich meinen Kopf auf ihre Schulter legen kann. »Lass uns doch einen Kochkurs machen. Zusammen. Wir könnten jedem erzählen, dass du acht Jahre lang im Koma gelegen hast, und als du wieder aufgewacht bist –«

»Stand ein gut aussehender Mann neben meinem Bett und hatte sich bereits in mich verliebt«, fährt Harper mit meiner Märchenstunde fort. »Ein Mann mit einem guten Job und medizinischen Kenntnissen.«

»Diese Geschichte wirkt viel zu konstruiert.« Ich greife über sie hinweg und öffne Aidans Nachttischschublade, in der er immer einen Vorrat an sauren Gummibärchen hortet. »Noch mal von vorn.«

Harper schaut zu, wie ich mir ein paar davon in den Mund stecke. »Du weißt, wofür wir die benutzen, oder?«

Mein Kiefer erstarrt mitten im Kauen und meine Augen weiten sich. Mir fällt nicht das Geringste dazu ein – was kein gutes Zeichen ist.

Harper bricht in schallendes Gelächter aus. Ihre blauen Augen funkeln vor Vergnügen. »Wenn ich das bei dir schaffe, habe ich es definitiv noch drauf.«

Ich erwidere nichts, freue mich aber, dass ich nicht die Einzige bin, die ab und zu das Bedürfnis hat, die eigenen Fähigkeiten zu testen. Bis vor Kurzem war das professionelle Betrügen von Leuten mein einziger Lebensinhalt. Nicht ganz leicht, so etwas ohne Weiteres abzulegen.

»Weißt du, was?«, sagt Harper. »Wir könnten uns doch einfach bei einem Kochkurs anmelden, ohne uns zu verstellen.«

»Stimmt …«

»Gut!« Ihre übliche bestimmende Art ist zurück. »Ich werde mich darum kümmern. Und du bist dafür etwas netter zu dem armen Kerl von nebenan.« Sie beobachtet mich.

Ich bin nicht so dumm, darauf zu reagieren. Ich kaue einfach weiter Aidans Gummibärchen. Nur auf der rechten Seite, um nicht auf den wurzelbehandelten Zahn von gestern zu beißen. Harper ist wohl zu abgelenkt, um das zu bemerken, denn sonst hätte sie mir die Tüte schon längst weggenommen.

»Irgendein stinksaures, halb nacktes Mädchen hat heute Morgen seine Klamotten vom Balkon in den Pool geschmissen. Möchtest du wirklich, dass ich mich mit so jemandem anfreunde?«

»Im Ernst?« Sie fischt sich ein paar Gummibärchen aus der Tüte und ich nicke. »Tja, dann steckt bestimmt eine gute Geschichte dahinter.«

»Oder auch nicht.«

»Weißt du«, sagt Harper, »es macht dich nicht schwach oder verwundbar, wenn du dich jemandem öffnest. Das kann auch ganz großartig sein.«

»Wie bei Simon?«, erinnere ich sie, wobei mir klar ist, dass diese Unterhaltung jetzt bald zu Ende ist.

Ihre Miene verfinstert sich. »Ich weiß, ich hab ihn nur einmal getroffen, aber er kam mir nicht selbstmordgefährdet vor. Ich kapier das immer noch nicht.«

Ich auch nicht. Aber wie ich schon sagte, es sind noch viele Fragen offen. Ein Kaninchenbau, in den ich lieber nicht fallen möchte. Aber was, wenn Harpers und mein Bauchgefühl stimmen? Wenn Simon sich letzten Juni doch nicht umgebracht hat, wie ist er dann gestorben? Und noch wichtiger, wer hat ihn getötet?

»Ich kann dich verstehen, Harp. Es ist nur schwer, Freundschaften zu schließen, vor allem in der Schule, wenn ich nichts über mich erzählen kann …« Ich schaue weg, um ihr zu zeigen, dass ich ehrlich bin. »Es fühlt sich nur wie ein weiterer Betrug an, weißt du?«

»Das muss es nicht«, hält sie dagegen. »Du darfst dein Leben nicht von unseren Eltern und dem, was sie getan haben, bestimmen lassen. Du musst du selbst sein. Wer auch immer das jetzt ist.«

Die Wohnungstür geht auf und ich springe vom Bett hoch, mehr als bereit, diesem Gespräch für ein paar Donuts zu entkommen.

»Ellie …« Harper wartet.

Ich seufze, bevor ich mich zu meiner Schwester umdrehe. »Genau darum geht es … mein Leben wird durch sie bestimmt.« Aber eigentlich wird mein Leben durch mich selbst bestimmt. Denn es geht nicht nur um meine Eltern. Es geht auch um mich. Um das, was ich getan habe. Völlig falsche Dinge. Und ich kann nicht mal behaupten, ich hätte nicht gewusst, was ich da tue. Denn das wusste ich genau. Ich weiß es immer noch. Ohne die Karten offen auf den Tisch zu legen, kann ich nicht wirklich ich selbst sein, oder?

Kapitel 3

»Ist der Bus immer so spät dran?« Miles beugt sich an mir vorbei und späht um die Ecke. »Im Fahrplan steht 6:58 Uhr.«

»Ich glaube, da hast du gerade eine wichtige philosophische Frage gestellt.« Ich werfe einen Blick auf mein Handy. »Was bedeutet der Ausdruck ›spät dran‹? Wenn es 6:59 Uhr ist oder 6:58 Uhr und eine Sekunde? Denn nach meiner Uhr ist es jetzt 6:58 Uhr und zweiundzwanzig Sekunden … dreiundzwanzig …«

»Okay, hab verstanden«, brummt er, während er immer noch um die Ecke nach dem Schulbus Ausschau hält. »Pünktlichkeit ist nicht gleich cool.«

Ich sehe ihn an. »Schon das Wort Pünktlichkeit ist uncool.«

Ich war nach unserem letzten Gespräch schon ziemlich baff, aber im Vergleich zu dieser Unterhaltung war das noch gar nichts. Als Miles sich am Samstagmorgen neben mir am Pool aufgebaut und mir seine Bauchmuskeln präsentiert hat, oder als er spidermanmäßig an unserem Balkon hochgeklettert ist, kam er wie der coole, lässige Typ rüber. Jetzt ist er zu pünktlich, zu verkrampft, zu zugeknöpft und viel zu gekämmt. Er trägt ein weißes Schulpoloshirt und eine Kakihose wie ich, aber durch die perfekten Bügelfalten an seinen Hosenbeinen und die glänzenden schwarzen Anzugschuhe wirkt sein Outfit ganz anders als meins.

Am ganzen Wochenende habe ich außer Miles niemanden mehr im Apartment nebenan auftauchen sehen. Aber vielleicht bügelt sich seine Mom da drin ja einen Wolf, damit er an seinem ersten Tag in der neuen Schule aussieht, als wäre er von einer Dose Sprühstärke überfallen worden.

»Okay«, wiederholt Miles, diesmal ohne sarkastisch zu klingen. Der Bus donnert um die Ecke und hält mit quietschenden Reifen vor uns an – um 6:58 Uhr und siebenundfünfzig Sekunden.

Miles lächelt mich höflich an. »Danke, dass du mich daran erinnert hast, dem System zu vertrauen.«

»Du verarschst mich, oder?« Ich lache. »So einen Hinweis würdest du doch niemals von mir annehmen.«

Ich springe vor ihm in den Bus und setze mich auf den hintersten Platz auf der Fahrerseite. Miles geht langsam durch die leeren Reihen – bei uns hält der Bus zuerst –, bis er beschließt, sich neben mich zu setzen.

»Echt jetzt? Mann, du kannst jeden anderen Platz nehmen.«

Er schiebt seinen Rucksack – der natürlich dunkelblau ist – zwischen seine Füße und zieht ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Tasche. »Schon, aber wäre es nicht schlecht für meinen Ruf, wenn ich allein sitze?«

»Nein.« Ich bemühe mich, ruhig zu klingen. »Es ist schlecht für deinen Ruf, wenn halb nackte Mädchen aus deinem Apartment stürmen.«

Wo war seine bügelnde Mutter, als das passiert ist? Im Supermarkt, um Sprühstärke zu kaufen?

»Verstehe.« Er sieht mich mit großen, unschuldigen braunen Augen an. »Dann stimmt die Sache mit der schmutzigen Wäsche wohl doch nicht so ganz.«

Stimmt, gestern habe ich zu ihm gesagt, dass ich andere nicht nach ihrer schmutzigen Wäsche beurteile. Geht es ihm heute Morgen etwa darum? Sein Image von schmutzig in blitzsauber zu verwandeln? Für alle Fälle? Okay, sollte das zutreffen, bin ich ziemlich beeindruckt. Gut gemacht, Miles Beckett. Ich schüttele den Kopf und strecke die Hand aus. »Lass mich mal deinen Stundenplan sehen.«

Er zögert, doch dann gibt er mir das inzwischen auseinandergefaltete Blatt. »Denkst du, es wäre eine gute Idee, wenn ich mich für das Footballteam melde?«

»Wann?«, frage ich, während ich seinen Stundenplan überfliege. Collegevorbereitungskurs Mathe, und er ist in der Elften. Beeindruckend. »Nächstes Jahr? Die haben nämlich schon irgendwann im Juli mit dem Training begonnen. Wo warst du überhaupt letzte Woche?«

Ziemlich merkwürdig, die erste Schulwoche nach den Ferien zu verpassen.

»Äh … Sommercamp?«

Warum fragt er mich das? »Was für ein Camp denn?«

Er zuckt mit den Schultern. »Ach, du weißt schon, das Übliche.«

»Miles Beckett, der unvergleichliche Mathecrack. Woher kommst du?«

»Woher ich komme?«, wiederholt er. Ein eindeutiger Versuch, Zeit zu schinden. »Na ja, aus einer Kleinstadt …«

»In Transsilvanien?« Mal ehrlich, was ist so schlimm daran, zu sagen, woher man kommt? Diese Information habe ich nie zurückgehalten, und ich bin eine professionelle Geheimnishüterin.

»Eigentlich in Kalifornien. Eine kleine Stadt nicht weit von San José.« Er beugt sich zu mir und tut so, als würde er in den Stundenplan schauen, aber ein Mathegenie hätte den längst abgespeichert.

»Ein Junge von der Westküste«, sage ich, als der Bus so abrupt anhält, dass wir nach vorn fliegen und mit der Stirn an die Rückenlehne vor uns knallen. »Das ist bestimmt eine spannende Umstellung für dich. Aber verlier bloß kein Wort über Stanford oder wie viel es kostet, in Kalifornien zu wohnen. Die Leute aus D.C. sind sehr stolz auf ihre unverschämt teuren Häuser.«

Er nickt und mir wird klar, dass er das alles tatsächlich ernst nimmt.

Was soll’s. Ich kann eine Lüge auf hundert Meter Entfernung erkennen, und er lügt eindeutig. Ich bin nur nicht ganz sicher, welcher Teil seiner Geschichte nicht stimmt – dass er aus Kalifornien stammt, die Sache mit dem Sommercamp oder sein brandneuer gebügelt-gestriegelter Saubermann-Look.

Zwei Zehntklässlerinnen steigen in den Bus. Ich kenne Mädchen wie sie, denn sie entsprechen dem klassischen, überall beliebten Volleyballer-Typ. Neugierig beäugen sie Miles, und er überrascht mich schon wieder, indem er von seinem Platz aufspringt und der Rothaarigen, die vor ihrer Freundin steht, die Hand hinstreckt. »Hi, ich bin Miles. Der Neue hier.«

Die Rothaarige starrt auf seine Hand, und ich bin sicher, dass sie gleich loslacht, doch stattdessen lässt sie den Blick über Miles wandern und hebt eine Augenbraue. Dann schaut sie über die Schulter zu ihrer Freundin und formt das Wort Hotty mit den Lippen, dreht sich wieder um und schüttelt ihm die Hand. »Ich bin Gabby. Und das ist Laura.«

»In welche Klasse gehst du, Miles?«, fragt Laura.

»In die Elfte«, erwidert er prompt. »Ich bin siebzehn.«

Das kam ihm jetzt aber schneller über die Lippen als der Rest seiner Geschichte. Die beiden Mädchen wechseln wieder einen Blick und kichern. Dann schaut Gabby zu mir. »Hey, Ellie, wie geht’s?«

Zuerst bin ich ziemlich erstaunt, doch dann fällt mir ein, dass sie mich schon mal gegrüßt hat. Ich habe ihr freundlich zugenickt, sonst nichts. Vielleicht hat Harper recht. Vielleicht muss ich mich bei den Kids in der Schule doch mehr anstrengen. »Hey, Gabby.«

Der Bus fährt weiter und Miles setzt sich wieder hin. Er sieht mich an, als wollte er sagen: Na, wie mach ich mich bis jetzt? Als ich ihn nicht mit einer Antwort beehre, fragt er mich schließlich, warum so wenig Schüler im Bus sind.

»Die Holden Prep kostet dreißigtausend Dollar im Jahr. Was glaubst du denn, wie viele Familien, die so viel Geld für eine Schule ausgeben, ihre Kinder in einen gelben Bus stecken?«

Er dreht sich zu mir und sieht mich an. »Wahrscheinlich nur Familien, die die Dreißigtausend nicht bezahlen.«

Aidan hatte eine Menge Fäden ziehen müssen, um die nötige finanzielle Unterstützung für die Holden zu bekommen. Er bestand darauf, mich an die beste Schule der Umgebung zu schicken, und war davon überzeugt, dass Privatschulen allgemein eher nachsichtig sind, was korrekte Unterlagen betrifft. Aber die Wartelisten sind lang und die Schüler bewerben sich schon sehr früh für Privatschulen an der Ostküste. Da frage ich mich natürlich, wie mein Nachbar das angestellt hat … War er auf dieser Warteliste?

»Ganz genau.« Ich nicke. »Praktisch jeder an der Schule wohnt in einer riesigen Villa und hat einen Privatchauffeur.«

Als ich im Frühling hier angefangen habe, dachten alle, ich hätte von einer anderen noblen Privatschule gewechselt. Anscheinend ist es dann leichter, so spät noch an eine neue Schule zu kommen.

»Sieht so aus – bis auf uns«, sagt Miles.

Ich bin nicht sicher, ob es mir gefällt, mit ihm in einen Topf geworfen zu werden. Nicht nach dem Kommentar über meinen Schwimmstil. »Und du warst offenbar nicht fleißig genug, deine Hausaufgaben über die Holden zu machen. Hättest du das getan, müssten wir jetzt nicht diese Unterhaltung führen.«

»Glaub mir, ich mache immer meine Hausaufgaben.«

Ich lache. »Tja, dann bist du ja goldrichtig hier.«

»Ganz genau, denn die Holden schickt jedes Jahr fünfzehn Prozent von ihren Abgängern an Eliteunis.«

»Zwei Fleißpunkte für dich.« Ich klopfe ihm auf die Schulter. »Du hast dir die großen blinkenden Worte auf der ersten Seite der Schulhomepage gut eingeprägt.«

»Ich weiß sogar, dass der Sohn des kalifornischen Senators an der Holden war«, fügt Miles hinzu.

Mir läuft sofort ein kalter Schauer über den Rücken.

»Das ist doch der Junge, der im Juni Selbstmord begangen hat. Es war bei uns überall in den Nachrichten.«

Hier war es auch überall in den Nachrichten. Eigentlich hatte ich sogar damit gerechnet, dass er über Simon Bescheid weiß. Aber die Art, wie er darüber spricht, als wollte er mich herausfordern, als wollte er unbedingt wissen, was ich persönlich darüber weiß, erwischt bei mir einen wunden Punkt.

»Also hier sind inzwischen alle ziemlich genervt von dieser Geschichte.« Ich öffne meinen Rucksack und blättere emsig in meinem Geschichtsbuch. Trotzdem bemerke ich, wie sich Miles neben mir versteift. Seine Miene verhärtet sich. Fast wie am Samstag, als ich die Bemerkung über die schmutzige Wäsche gemacht habe. Als hätte ich ihn beleidigt. Was überhaupt keinen Sinn macht, wenn man bedenkt, dass ich diejenige bin, die Simon kannte. Die vor drei Monaten hier war und mit all den Fragen zurechtkommen musste. Die ihn zuletzt gesehen hat.

Miles Beckett hat kein Recht, hier aufzukreuzen und die Gerüchte über Simon Gilbert wieder aufleben zu lassen, nur weil er irgendwas in den Nachrichten gehört hat. Nur weil er aus Kalifornien kommt – wenn das überhaupt stimmt. Simon hat hier gewohnt.

Die Bremsen quietschen und der Bus hält mit einem Ruck an. Ich schaue aus dem Fenster und entdecke einen meiner tollen Klassenkameraden, Bret Thomas, in einem brandneuen roten Mustang, der direkt vor uns auf den Parkplatz abbiegt. Über den Mittelgang kann ich durch die Busfenster auf der anderen Seite genau sehen, wie das rote Auto scharf ausweichen muss. Ich stoße laut die Luft aus, und ein paar andere im Bus auch. Bret bringt seinen Wagen nur wenige Zentimeter vor einem Mädchen zum Stehen. Mit weit aufgerissenen Augen wirbelt sie herum. Bret drückt auf die Hupe, bis das Mädchen, das für ein paar Sekunden wie erstarrt ist, schließlich aus dem Weg geht.

Ich lege eine Hand auf die Brust, während Miles »Oh Gott!« murmelt.

Endlich biegt auch der Bus auf den Parkplatz ab und hält an. Ich stehe mit wackligen Beinen auf und steige aus. Direkt vor dem Schulgebäude parkt eine schwarze Limousine. Davor steht ein SUV. Miles verlässt ebenfalls den Bus und bleibt neben mir stehen, während ich die ganze Zeit auf die Limousine starre.

»Wer sitzt denn in dieser noblen Kiste?«

»Den kennst du sicher«, sage ich und beobachte, wie ein groß gewachsener Mann mit eleganter Grauhaarfrisur aus der Limousine steigt und sich umschaut. »Das ist Senator Gilbert.«

Bret Thomas, der eben beinahe einen Unfall mit Fahrerflucht auf dem Schulparkplatz verursacht hätte, geht mit einem Grinsen im Gesicht direkt auf Senator Gilbert zu. Die beiden schütteln sich die Hand. Ich weiß nicht, was ich fühle, aber es ist jede Menge. Der Senator dreht den Kopf und sein Blick bleibt an mir hängen. Für einen Moment bin ich wieder am Abend des Frühlingsballs in Simons Haus, gebe seinem Vater die Hand und lasse mir von Simon ein Blumenarmband über das Handgelenk streifen.

Ich kann die rosaroten Rosen immer noch riechen, als hätte ich sie direkt vor der Nase. Mir stockt der Atem. Senator Gilbert hebt die Sonnenbrille und sieht mich direkt an, dann schaut er wieder weg und beachtet mich nicht mehr. Er legt einen Arm um Brets Schultern und betritt mit ihm das Schulgebäude, gefolgt von einer ungewöhnlich großen Horde von Sicherheitskräften. Es kostet mich meine ganze Kraft, Bret keinen finsteren Blick zuzuwerfen. Für wen hält der Kerl sich? Er konnte Simon noch nicht einmal leiden.

Gabby kommt auf mich zu. Sie hat die ganze Tortur wie ich aus nächster Nähe mitbekommen. »Ich hab gehört, dass heute Vormittag ein Baum für Simon gepflanzt werden soll.«

Ich sehe sie ungläubig an. »Ein Baum?«

»Ja, ich weiß.« Sie zuckt mit den Schultern, dann geht sie an mir vorbei zum Eingang.

Ich drehe mich nach rechts, da ich einen Kommentar von meinem neuen Nachbarn erwarte, der schließlich vorhin mit dem Thema Simon angefangen hat. Aber er ist nicht mehr da. Ich habe nicht mal mitbekommen, dass er weggegangen ist.

Wahrscheinlich hat Miles andere Dinge im Kopf als einen Jungen, den er nicht mal kannte. Besonders an seinem ersten Tag an der neuen Schule. Mir dagegen wird heute wohl die ganze Zeit der Gedanke an einen Baum im Kopf herumspuken, auf dem Simons Name steht. Ich richte den Blick auf den Haupteingang der Schule und fühle mich sofort an den Tag zurückversetzt, als ich zum ersten Mal durch diese Türen getreten bin – und zum ersten Mal Simon begegnete.

»Ich hab gehört, du sollst mich überall herumführen?«, sprach ich den rothaarigen, sommersprossigen Jungen vor dem Sekretariat an.

»Eleanor?«, fragte er.

»Ellie.« Ich nickte den Flur hinunter. »Und du bist?«

»Simon.« Er räusperte sich. »Simon Gilbert. Ja, dieser Gilbert. Aber wir müssen nicht über den Beruf unserer Eltern reden. Wir können uns die Cafeteria anschauen und die Laborräume, und ich kann dir einen Vortrag darüber halten, wie die Holden in sämtlichen Kursen neueste Technologien einsetzt.«

»Ich bin absolut dafür, das Gespräch über unsere Eltern wegzulassen.« Ich gab ihm den Stundenplan, den ich gerade bekommen hatte. »Kannst du mir zeigen, wo die einzelnen Klassenräume sind?«

»Wir haben Bio zusammen.« Er schob die Brille hoch, die ihm ein Stück heruntergerutscht war. Dann sah er mich verdammt ernst an. Und aufrichtig. Ich konnte in ihm lesen wie in einem Buch. »Du kannst mir jede Frage stellen. Ich verspreche dir, dass ich dir alles sagen werde, was ich weiß, ohne Tabu. Das bleibt natürlich unter uns. Mir fallen gleich ein paar Dinge ein, die ich selbst gern über diese Schule gewusst hätte, bevor ich hier angefangen habe.«

Ich musterte ihn lange genug, um zu sehen, wie seine Pupillen sich weiteten. »Wie wäre es, wenn wir damit gleich anfangen? Was hättest du denn gern über die Schule gewusst?«

Wenn Simon doch jetzt nur hier wäre, um all meine Fragen zu beantworten. Um mir zu erzählen, was passiert ist. Nach dem Ball hat er mich abgesetzt und am nächsten Morgen war er tot. Als er sich von mir verabschiedet hat, wirkte er glücklich und normal, einfach wie Simon. Und dann hat er sich umgebracht. Bevor seine Eltern nach Hause kamen. Ohne dass ihn noch jemand gesehen hat.

Vielleicht werde ich mich irgendwann wieder daran gewöhnen, seinen Namen zu hören. Aber wie zur Hölle soll ich über die wenigen Stunden hinwegkommen, die zwischen »alles ist gut« und, na ja, »nicht gut« vergangen sind?