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© 2018 Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

Text © 2018 Jens Steiner

Originalausgabe
Cover- und Innenillustrationen: Maria Karipidou
Lektorat: Jo Anne Brügmann

Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

ISBN 978-3-473-47889-7

www.ravensburger.de

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1.

Ein hartnäckiger Papierbogen

„Also wenn du mich fragst, ist der alte Radek komplett behämmert. Ich meine, wer trägt schon Gummistiefel im Hochsommer?! Und dann dieser Bart. Würde mich nicht wundern, wenn da ein ganzer Kleintierzoo drin herumwuselt. Wäh!“, sagte Leo immer, wenn wir den merkwürdigen Alten sahen.

Jeder weiß, dass Leo nicht nur mein bester Kumpel, sondern auch der größte Klugschwätzer der Welt ist. Aber insgeheim musste ich ihm recht geben. Wer bei dreißig Grad Hitze in Gummistiefeln herumspaziert, hat wirklich eine Schraube locker. Und da waren ja nicht nur die Gummistiefel und der Wucherbart. Da war auch noch die Sache mit dem Rollkoffer. Niemand wusste, was sich in dem komischen Koffer befand, den Radek dauernd durch die Straßen zog. Am allerkomischsten aber war das Geräusch, das aus seiner Kellerwohnung kam. Eigentlich ein ganz normales Geräusch, aber auch … na ja … ich weiß nicht … komisch eben.

Um ehrlich zu sein, fanden wir Radek nicht nur ziemlich beknackt, wir hatten auch ein bisschen Angst vor ihm. Bis wir im letzten Sommer die Wahrheit über ihn erfuhren.

Ich könnte euch die Wahrheit jetzt gleich verraten, aber dann würdet ihr die ganze Geschichte verpassen. Und diese Geschichte ist nicht nur total verrückt, sondern auch ziemlich kurios. Ungefähr so kurios wie Radek selber. Also, passt auf!

Angefangen hat alles an dem Tag, als ich drei Mal hintereinander zu Papa in die Werkstatt hinüberwetzte und wieder zurück. Hätte ich nicht ein Hirn wie ein Sieb, wäre ich nicht drei Mal zwischen Werkstatt und Wohnung hin- und hergewetzt und wir wüssten die Wahrheit über Radek noch heute nicht. Aber wie gesagt, mein Hirn ist ein Sieb, und deshalb fing diese Geschichte an jenem Tag an. Und zwar mit dem Klingeln unseres Telefons. Ich hob ab.

„Clemens, bringst du mir bitte mal schnell den Stechbeitel rüber?“, krächzte Papas Stimme aus dem Hörer. „Er müsste irgendwo in der Nähe des Herds liegen.“

„Klar!“, rief ich. Und schon hatte ich das Ding geschnappt und sauste die Treppe hinunter.

Um dieses Expressgeschwafel zu verstehen, müsst ihr Folgendes wissen: Mein Papa ist Lehrmeister in der Möbelschreinerschule bei uns im Schanzengrabenviertel. Jeden Mittag nimmt er zwei Lehrlinge mit in unsere Wohnung und bereitet zusammen mit ihnen das Mittagessen zu. „Die Jungs und Mädels lernen das ja zu Hause nicht mehr, also kann ich es ihnen auch noch beibringen – wenn wir schon beim Beibringen sind“, sagt er immer.

Und wenn Papa das Kochbesteck verlegt, bedient er sich eben an seinem Werkzeuggurt. Dann schneidet er die Tomaten mit dem Spachtel und rührt die Soße mit der Feile um. Die Lehrlinge lachen sich hinter seinem Rücken kaputt, aber sie sagen nichts, weil er ihr Lehrmeister ist und weil sie ihn sehr mögen.

Ich sauste also wie ein geölter Blitz das Treppenhaus hinunter. Als ich unten ankam, sah ich etwas unter Radeks Kellerwohnungstür hervorlugen. So etwas Weißes, Geschecktes. Hm …, dachte ich. Und dann dachte ich nichts mehr. Mehrere Sachen hintereinander zu denken ist jetzt nicht unbedingt meine Spezialität. Ich eilte stracks rüber zur Werkstatt.

„Ich sagte doch den Stechbeitel, nicht die Fuchsschwanzsäge“, rief Papa und musterte mich besorgt. „Dein Hirn ist wirklich ein Sieb, Clemens!“

Da muss ich ihm recht geben. Löchriger als meins ist kein Hirn auf der Welt. Ich rechtsumkehrt und zurück in die Wohnung, das andere Werkzeug geschnappt, wieder runter, und da sehe ich das Weiße, Gescheckte unter Radeks Kellertür erneut. Das muss die Ecke eines Papierbogens sein, dachte ich. Mit so merkwürdigen Mustern drauf. Hm … Dann rannte ich schon weiter. Wie gesagt, ich bin eher der Kurzdenker.

„Jungejunge, was ist denn los mit dir? Das ist eine Schraubzwinge!“, rief Papa, als ich erneut vor ihm stand und ihm sein Werkzeug hinstreckte.

Grübel und Oberholzer, Papas Schreinermeister-­Kollegen, hoben die Köpfe und guckten stirnrunzlig zu uns herüber.

„Du weißt doch, was ein Stechbeitel ist!“, flüsterte Papa mir ins Ohr. „Schließlich bist du der Sohn des besten Schreinermeisters am linken Flussufer unserer Stadt!“

Natürlich weiß ich das. Ich weiß auch, dass Papa zweifacher Landesmeister im einhändigen Schnellhobeln ist. Aber mein Hirn ist trotzdem ein Sieb. Ich kann nichts dafür. Also das Ganze nochmal von vorn.

Als ich mit dem nächsten Werkzeug die Treppe hinunterrannte, sah ich das blöde Stück Papier zum dritten Mal. Was interessiert es mich?, dachte ich. Mir doch egal, was Radek unter seiner Tür hervorlugen lässt! Doch genau in der Sekunde, als ich mich umdrehen wollte, stieß ein heftiger Windstoß die Tür auf und wehte den Papierbogen genau vor meine Füße. Hau ab, dachte ich, ich will dich nicht, du blöder Papierbogen! Ein weiterer Windstoß hob ihn an und presste ihn an mein Schienbein. Hilfe! Just in diesem Moment ertönte auch noch das komische Geräusch aus Radeks Keller. Mit schlotternden Knien stolperte ich die Treppe hoch und schlug die Wohnungstür hinter mir zu.

Das ganze Haus, in dem wir wohnen, gehört Radek. Vom obersten Kaminziegel bis zur untersten Treppenstufe an der Straße. Am meisten aber gehört ihm der Keller. Dieser Keller ist nämlich seine Wohnung. Ziemlich ungewöhnlich, ich weiß, aber er hat es sich nun mal so ausgesucht. Meine Eltern haben kein Problem damit, und die anderen Bewohner (Professor Peeters neben uns und die rothaarige Frau Grün unten) übrigens auch nicht. Sie haben das schon gewusst, als sie eingezogen sind. Abgesehen davon ist Radek immer absolut korrekt. Er grüßt, auch wenn man ihn kaum versteht hinter seinem Rauschebart, und wenn die Heizung oder ein Wasserhahn kaputt ist, bestellt er sofort einen Handwerker. Er ist wirklich ein vorbildlicher Hausbesitzer. Es würde niemanden im Haus stören, wenn er nur ein kleines bisschen komisch wäre. Ich meine, meine Eltern sind ja selber recht komisch, und von Professor Peeters brauchen wir gar nicht zu reden. Aber Radek ist mehr als ein kleines bisschen komisch. Nur schon sein linkes Auge, das sich immer den Himmel angucken will, wenn es ganz woandershin schauen sollte. Dann natürlich die Gummistiefel und der Rollkoffer. Vor allem aber das Geräusch, das aus seinem Keller kommt!

Doch zurück zur Geschichte. Da stand ich also mit wild pochendem Herzen an unserer Wohnungstür und merkte plötzlich, dass ich den Papierbogen in der Hand hielt. Zur Sicherheit drehte ich den Schlüssel um, dann kniete ich mich hin und breitete den Papierbogen auf dem Boden aus. In diesem Moment klingelte das Telefon. Ich ging dran.

„Wann kommt denn jetzt mein Stechbeitel, potzschlapperment?“

Ach, mein Vater. Hatte ich total vergessen.

„Äääh … ich suche ihn immer noch“, sagte ich. „Aber bald hab ich ihn. Es wird wärmer.“

„Wärmer ist gut, Clemens, er muss nämlich irgendwo beim Herd sein“, schnarrte es aus dem Hörer, „er ist mir beim Kochen irgendwie aus der Tasche gerutscht …“

„Jaja, ich weiß, Papa“, sagte ich und verdrehte die Augen.

Ich legte auf, versteckte den Papierbogen hinter meinem Bücherregal und machte mich auf die Suche nach Papas Stechbeitel. Als ich mit dem Ding in der Hand unten an Radeks Kellerwohnung vorbeirannte, hielt ich mir fest die Augen zu. Ich wollte lieber nicht sehen, ob seine Tür noch offen war.

Kaum war ich in der Werkstatt angekommen, rief Papa: „Mein geliebter Stechbeitel!“ Und dann küsste er das Ding ab. Unglaublich, ich hatte endlich das richtige Werkzeug erwischt!

Als ich wieder in der Wohnung war und den Papierbogen hinter dem Regal hervorziehen wollte, rumpelte es im Flur und an meiner Zimmertür erschien Mamas Gesicht: „Huhuuu, ich bin zurück! Oh, schau an, der Clemi ordnet sein Bücherregal. Na, dann will ich mal nicht stören.“

Ich schluckte leer.

Mama zog sich die schicken Stiefel von den Füßen und ließ sie in hohem Bogen durch den Korridor fliegen. „Hach, tut das gut! Sag mal, Clemens, wolltest du mir nicht deinen Vortrag über den Polarforscher Amundsen zeigen?“

Nein, wollte ich nicht, dachte ich. Aber wenn’s unbedingt sein muss …

Sie hob ihr linkes Bein hoch in die Luft und spreizte die Hände. Ich schaute ihr dabei zu. Mama macht jeden Tag nach der Arbeit ihre Tai-Chi-Übungen. „Damit ich meine Mitte wieder finde“, wie sie sagt. Die Figur mit dem hochgehobenen Bein und den gespreizten Händen hieß „Goldener Hahn steht auf einem Bein“. Ich fand, es sah eher aus wie ein betrunkener Storch beim Hochzeitstanz.

Nun streckte sie beide Arme aus und wedelte damit in der Luft herum. Dann atmete sie dreimal tief ein und aus. Als ich mich umdrehte, um in mein Zimmer zu gehen, sagte sie: „Ach, und Clemens! Hast du die Geburtstagskarte für Tante Ilse eigentlich schon geschrieben?“

Waaas?!, dachte ich. Tante Ilse hat schon wieder Geburtstag?

Kurz, Mama hielt mich ganz schön auf Trab, und bald war auch schon Abendessenszeit, und danach musste ich diese blöde Rechenaufgabe machen, die ich schon die ganze Woche vor mir hergeschoben hatte, und dann die Schultasche packen für den nächsten Tag, und dann war es sowieso für alles zu spät – auch für Radeks Papierbogen hinter meinem Bücherregal.

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2.

Geheimdienst in Gummistiefeln

Als ich am nächsten Tag in der Zehnuhrpause Leo von der Angelegenheit erzählte, sagte er wie aus der Pistole geschossen: „Radek arbeitet für den Geheimdienst, ich hab’s schon immer gewusst!“

„Was denn für ein Geheimdienst?“, fragte ich.

„Das weiß man nicht. Sonst wäre er ja nicht geheim“, schnappte Leo.

„Radek sieht aber nicht gerade so aus, als ob er für einen Geheimdienst arbeiten würde. Ich meine, denk doch mal an die Gummistiefel.“

„Ach, was weißt du schon, Clemi! Die besten Spione laufen in Gummistiefeln herum.“

Aha, dachte ich. Erst hält er Radek für behämmert und dann für einen Spion. Was soll man denn davon halten?

Leo ist und bleibt ein Klugschwätzer. Andererseits weiß er Dinge, die ich mir nicht einmal erträumen kann. Von irgendwoher strömt das Wissen in ihn hinein und dann sprudelt es aus seinem Mund wieder heraus. Und ich selber hatte schon wieder den Namen des Polarforschers vergessen, über den ich in der nächsten Woche einen Vortrag halten musste. Irgendwas mit Almdusen, glaubte ich. Vielleicht auch Amuseln. Oder Amsundeln.

Mag mein Hirn wie ein Sieb sein und Leo ein kleiner Einstein, die besten Freunde sind wir trotzdem. Waren wir schon immer. Seit dem Kindergarten sind wir ein festes Duo, das nur zusammen auftritt, und wenn der eine mal krank ist, stellt sich der andere aus purer Freundschaft auch krank. Wäre Leo nicht so furchtbar gescheit und ich nicht so vergesslich, könnte man meinen, wir wären Zwillinge.

„Wir müssen Radek beschatten“, raunte Leo in mein Ohr, während die Pausenglocke schrillte und alle anderen Schüler ins Schulhaus zurückliefen.

„Aber wenn er für den Geheimdienst arbeitet, merkt er das sofort“, erwiderte ich.

„Keine Sorge. Wir machen einfach das, was wir immer machen.“

„Das heißt, wir stehen am Straßenrand und quatschen blöd herum?“

„Genau!“

„Na, das ist ja kinderleicht.“

„Sag ich doch!“

Als wir gemütlich die Treppe zum Schulhaus hochstiegen, streckte unsere Lehrerin den Kopf aus dem Fenster des Klassenzimmers und zwitscherte: „Dürfte ich die geschätzten Herren Leo und Clemens bitten, sich unverzüglich, und damit meine ich stante pede, in die Räumlichkeiten unserer bescheidenen Lernanstalt zu begeben? Wir anderen warten schon eine geraume Weile.“

So redet Frau Müller-Möller immer, wenn sie genervt ist. Man versteht nur die Hälfte der Wörter und weiß dennoch ganz genau, was sie meint. Leo und ich begaben uns also stante pede in die bescheidene Lernanstalt.

Das Thema der folgenden Stunde war das Theaterstück. Es ist eine alte Tradition unserer Schule, dass die vierte Klasse am Ende des Schuljahrs ein Stück aufführt. Frau Müller-Möller hatte sich für uns etwas Besonderes ausgedacht. Wir würden nämlich einen Roman auf die Bühne bringen, und zwar Emil und die Detektive.

Ich bin sicher, ihr kennt Erich Kästners Geschichte von Emil und den Detektiven. Für diejenigen, die sie vergessen haben, hier das Wichtigste in Kürze: Emil Tischbein fährt mit dem Zug zu Verwandten nach Berlin, als ihm sein Geld gestohlen wird. In Berlin angekommen, heftet er sich an die Fersen des mutmaßlichen Diebes und bekommt dabei Gesellschaft von Gustav mit der Hupe. Dieser trommelt seine Freunde zusammen. Bald ist eine ganze Bande von Kindern hinter dem Fiesling her, unter ihnen auch Emils Cousine Pony Hütchen.

Definitiv die beste Detektivgeschichte der Welt, wenn ihr mich fragt. Frau Müller-Möller redet zwar immer so furchtbar gestelzt, aber was ein gutes Buch ist, weiß sie trotzdem.

Alle Jungs wollten Gustav mit der Hupe sein und die Mädchen natürlich alle Pony Hütchen. Da kam also ein Problem auf uns zu.

Ein anderes Problem war, dass in Emil Kästners Buch zu wenig Mädchenrollen vorkommen. Frau Müller-Möller löste es, indem sie eigenhändig fünf Mädchen ins Stück einbaute, die es im Buch nicht gibt. So oder so war allen von Anfang an klar, wer die Rolle von Pony Hütchen am Schluss bekommen würde: Babsi. Sie hält sich für die beste Schauspielerin unserer Klasse und spielt auf dem Schulhof immer ihre Lieblingsserie nach. Das tut sie so laut, dass man gar nicht anders kann, als ihr zuzuschauen. Leo und ich und bestimmt auch ein paar andere würden in der Pause manchmal auch gerne in Ruhe etwas anderes tun, wie zum Beispiel blöd herumquatschen, aber das ist Babsi piepegal.

Erstmal lasen wir gemeinsam ein paar Seiten aus dem Roman. Die Rollen würden dann später verteilt werden. Um ehrlich zu sein, ich freute mich nicht besonders darauf. Ich wusste nämlich schon ganz genau, welche Rolle ich bekommen würde. Aber das bleibt jetzt noch für ein Weilchen mein Geheimnis.