Christa Schyboll

 

Vom Stinkemichel

und seinen Freunden

 

26 Geschichten für kleine Alltagshelden

 

Gesamtausgabe

 

 

Impressum

Covergestaltung: Edith Metzner

Digitalisierung und Druckvorbereitung: Gunter Pirntke

BROKATBOOK Verlag Gunter Pirntke

http://brokatbookverlag.de

© 2018 andersseitig.de


ISBN

9783961186945 (ePub)

9783961186952 (mobi)



 

Hinweis

Das Buch ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere das Übersetzen in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlags ist es auch nicht gestattet, diese Bücher oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten oder zu verbreiten.

 

Inhalt

Vorwort

Hinweis zur Serie

 

1. Kapitel: Der Stinkemichel

2. Kapitel: Der Bunker

3. Kapitel: Im Schneeloch

5. Kapitel: Der goldene Stift

6. Kapitel: Die zertretene Uhr

7. Kapitel: Die verschwundene Winterjacke

8. Kapitel: Hilfe in der Not

9. Kapitel: Quälender Durst

10. Kapitel: Ein lebensgefährlicher Sprung

11. Kapitel: Der verpasste Ausflug

12. Kapitel: Die Streithähne und der Ausreißer

13. Kapitel: Der Sturz im Wald

14. Kapitel: Der Fremde mit dem roten Flitzer

15. Kapitel: Mäusebesuch im dunklen Keller

16. Kapitel: Das verschmutzte neue Kleid

17. Kapitel: Yako beißt zu

18. Kapitel: Der verschwundene Lancia

19. Kapitel: Ein langweiliger Tag

20. Kapitel: Der fröhliche Eismann

21. Kapitel: Der reißende Wildbach

22. Kapitel: Die Lästermäuler

23. Kapitel: Die Winterkollektion

24. Kapitel: Der Skater

25. Kapitel: Der Kuss

26. Kapitel: Eine ganz besondere Reise

Die Themenbände

 

Vorwort

 

für Eltern, Erzieher, Pädagogen und Therapeuten

 

Im Alltag mit Kindern ist es für Bezugspersonen nichts Ungewöhnliches: Ein Kind ist ohne ersichtlichen Grund verändert im Verhalten, verschlossen oder wirkt bedrückt. Oft reicht schon ein Nachfragen, ein kleiner Trost, Nähe und vertraute Situationen, dass sich die Schleusen öffnen, das Kind von seinem Kummer oder schwierigen Erlebnissen erzählen kann und ins emotionale Gleichgewicht zurückfindet.

 

Was aber tun, wenn die erlebte Irritation tiefergehend zu sein scheint oder das Kind sich mit seinen Erlebnissen verschließt? Was tun, wenn sich ein Negativkreislauf entwickelt und ein Kind aus einer Verhaltensweise, durch die es selbst belastet wird, nicht hinausfindet?

 

Die Verarbeitung von Gefühlen, sich Verstehen mit Spiel - und Klassenkameraden, das Überwinden von Ängsten und altersgemäße Übernahme von Verantwortung ist für Kinder sehr bedeutsam in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit.

 

Für ein Kind ist das Gefühl, mit einer schwierigen oder für es alleine unlösbaren Situation nicht alleine dazustehen, das Gefühl, dass auch traurige, wütende und verzweifelte Gefühle geteilt, verstanden und verarbeitet werden können, elementar, um eine gesunde emotionale Entwicklung durchlaufen zu können.

 

Besonders in Situationen, in denen Kinder das Gefühl haben, immer wieder etwas "falsch" zu machen, an etwas "schuld zu sein" oder ein "Unrecht" begangen zu haben, brauchen sie Verständnis und Aufmerksamkeit, um ihre Situation zu bewältigen und veränderte Verhaltensweisen aufbauen zu können.

 

Reglementierungen und Grenzsetzungen durch Erwachsene regeln in solchen Situationen für Kinder möglicherweise zwar den Alltagsablauf, gelangen jedoch nicht an die Gefühle und die tieferliegende emotionale Ebene, den Kern der Persönlichkeit des Kindes.

 

Die Entwicklung von Kreativität und Fantasie - ist eine wichtige Brücke, um an diese tieferliegende emotionale und persönliche Ebene zu gelangen und in schwierigen Situationen Lösungen zu finden.

 

Durch Fantasie und Kreativität wird Freiraum angeboten, einen eigenen Standpunkt zu finden, eine eigene Erkenntnis zu treffen oder zu einer Einsicht zu gelangen, die helfen kann, aus eigener Kraft einen Weg aus einer schwierigen Situation zu finden und die Persönlichkeit zu formen.

 

Geschichten und Erzählungen öffnen für Kinder eben diese Brücke in die Fantasie und Kreativität. Dadurch bieten sie die nötige Portion Spielraum, gerade auch in schwierigen Situationen, neue Impulse und neue Ideen zur Lösung von Situationen anzunehmen und selbst für sich weiterzuentwickeln.

 

Christa Schyboll bietet mit ihrer Geschichtensammlung „Vom Stinkemichel und seinen Freunden“ vielschichtige, fantasievolle und spannende Erzählungen zum Einstieg in einen Austausch mit Kindern über selbst erlebte und beobachtete Problemsituationen.

Die Geschichtensammlung hat typische Alltagsprobleme von Kindern zum Inhalt, wie sie im täglichen Miteinander in Schule, Familie und im Freundeskreis oder in der Bewältigung von Alltagsanforderungen immer wieder auftreten: Ausgrenzung, Versagen, Neid, Übertretung von Regeln, aber auch Ängste und Umgang mit Gefahr.

 

Die Besonderheit dieser Geschichtensammlung, liegt darin, dass sie die Perspektive des Kindes auf die Ereignisse und seine Empfindungen in den Mittelpunkt des jeweiligen Geschehens stellen. Die Stärken von Kindern, ihre eigenen Ängste zu überwinden, kreative Lösungen zu finden, zu helfen, das "Richtige" zu tun, aus Fehlern zu lernen, stehen im Mittelpunkt.

 

In jeder einzelnen Geschichte wird ein Spannungsbogen aufgebaut, der keine rasche, vorschnelle und "überlegene" Vorwegnahme der Lösung der geschilderten Probleme erlaubt.

 

Auf diese Weise kann sich das zuhörende oder lesende Kind, besonders, wenn es durch eigene Probleme belastet ist, mit der Szenerie der Geschichte identifizieren und einfühlen. Es macht die entlastende Erfahrung, dass auch die Protagonisten der Geschichte nicht überlegen sind, Fehler machen, manchmal an Grenzen stoßen, die gefahrvoll sind und doch durch Suchen nach Lösungen ihre eigene Kraft entwickeln und sich behaupten.

 

Lösungsmomente der Geschichte können so besonders gut verinnerlicht werde und Anregung geben, zur Bewältigung der eigenen Schwierigkeiten neue Wege auszuprobieren.

 

Für die Einbindung der Geschichten in den erzieherischen und pädagogischen Alltag sind viele Varianten möglich: Gemeinsames Lesen über mehrere Abschnitte, Vorlesen, miteinander Nachdenken über das, was die Protagonisten der Geschichten erleben, Umsetzung der Geschichte in ein Bild oder eine Bildergeschichte, Erzählen über ähnliche selbst erlebte Vorfälle, usw.

 

Wird gezielt eine Geschichte zum Vorlesen ausgewählt, die ein Problem des Kindes berührt und dessen Verarbeitung unterstützen soll, z.B. das Einnässen des Kindes in der Schule, ist es hilfreich, dafür zu sorgen, dass nach dem Lesen der Geschichte genügend Zeit für ein gemeinsames Gespräch oder eine gemeinsame Aktivität verbleibt, die dem Kind hilft, das Gehörte oder Gelesene positiv in seine eigene Erfahrung zu integrieren.

 

 

Dipl. Heilpädagogin (Univ.) Melanie Mertens

 

Melanie Mertens arbeitet als Diplom-Heilpädagogin (Univ.) und Therapeutin seit vielen Jahren in einer heilpädagogischen Praxis mit Kindern und Jugendlichen.

 

 

Hinweis zur Serie

 

Dem Vorwort von Melanie Mertens können Sie entnehmen, dass es sich bei der Kinderbuch-Serie „Vom Stinkemichel und seinen Freunden – 26 Geschichten für kleine Alltagshelden“ einerseits um spannende Kinder-Unterhaltung handelt; andererseits erhält diese Serie ihre zusätzliche Besonderheit durch das Aufgreifen alltäglicher Probleme in Familie, Schule und Freizeit mit dem Ziel, durch die Geschichten die Sozialkompetenz der Kinder zu stärken und positive Impulse zur Werte-Orientierung zu geben. Die einzelnen Geschichten richten sich je nach Inhalt und Verständnisreife an Kinder im Alter von 5 – 12 Jahren. Am Ende des Buches sind die speziellen pädagogischen Themen, die in den einzelnen Geschichten behandelt werden, übersichtlich aufgelistet.

 

Die 26-teilige Ebook-Serie wird nun auch als TASCHENBUCH-GESAMTAUSGABE vom Verlag Brokatbook Dresden angeboten und kann über diverse Internetbuchhändler oder Amazon bestellt werden.

 

Brokatbook Verlag

 

1. Kapitel: Der Stinkemichel

 

 

1

 


„Der Michel stinkt, der Michel stinkt. Um ihn weht ein Stinkewind!“

 

Immer wieder sangen Julian, Finn und Alexis das freche Lied. Dann gingen sie lachend an Michael vorbei. Michael stand traurig am Schulhof und weinte. Es war schon wieder passiert. Schon wieder hatte er sein Pipi nicht halten können und in seiner Hose hatte sich ein nasser Fleck ausgebreitet. Und nun roch es unangenehm. Jetzt im Sommer war es mit dem Geruch besonders schlimm.

 

Hin und wieder, wenn er starken Druck verspürte, passierte ihm das Missgeschick. Aber leider fast immer nur auf dem Schulhof während der Pause. Nachmittags, wenn er alleine war, hatte er damit kein Problem. Wenn aber die Schulkameraden kamen und ihn ärgerten, dann geschah es ganz schnell. Fast wie auf Kommando. Das wussten seine Klassen-Kameraden. Deshalb sangen sie das böse Lied ja auch immer wieder.

 

Wenn es passiert war, weinte Michael. Die anderen Kinder störte das nicht. Sie waren sein häufiges Weinen schon längst gewöhnt. Wenn es ihnen aber langweilig war oder sie gerade nichts Besseres zu tun hatten, beachteten sie ihn doch und sangen das gemeine Lied.

Einer begann mit dem Singen und ein wenig später sangen fast alle mit und lachten laut dabei. Dann weinte Michael noch mehr.

 

Michaels Mutter hatte schon mehrfach mit der Lehrerin gesprochen und ihre Not geäußert. Michael tat beiden Frauen leid. Wurde ein Schüler direkt beim Ärgern erwischt, dann wurde er auch bestraft. Aber die Schulkameraden passten genau auf, ob ein Lehrer in der Nähe war. Dann sangen sie eben nicht.

 

Michaels Mutter war mit ihrem Sohn schon bei drei Ärzten gewesen. Aber alle sagten, dass Michael eigentlich gesund sei, und meinten, es sei wohl ein innerer Kummer, der ihm so zu schaffen mache. Aber Michael wusste dazu nichts zu sagen. Und auch seine Eltern verstanden das gar nicht so richtig. Ja, es stimmte, Michael war oft traurig und hatte auch keine richtigen Freunde. Aber das ließ sich ja eben auch nicht erzwingen. Lud die Mutter mal einen der Schulkameraden ein, so sagte er ab oder kam erst gar nicht.

 

Einmal wurde Michael stark verprügelt. Ein Junge hatte das Spottlied wieder gesungen und war dabei erwischt und bestraft worden. Denn Michael hatte ihn gemeldet. Nun musste der Übeltäter einen langen Aufsatz schreiben. Alle Kinder waren nun böse auf Michael. Dann verprügelten sie ihn und drohten ihm Schlimmes an, wenn er noch einmal einen Schulkameraden verriet. Das wagte Michael nicht. Deshalb erzählte er auch nichts mehr seiner Mutter.

 

Er war nun ganz alleine mit seiner Traurigkeit und mit seinem hässlichen Geruch. Er war auch alleine mit der nassen Hose und mit seinem Schmerz, immer nur von den anderen Kindern ausgelacht zu werden. Damit die anderen ihn so wenig wie möglich rochen, ja, am besten sogar ganz übersahen, versuchte er, sich so weit wie möglich von ihnen fern zu halten. Doch in der Klasse war das nicht möglich. Und wenn sie dann in der Pause kein anderes lustiges Spiel fanden, riefen sie wieder: “Kommt, wir ärgern den Stinkemichel!“

 

Auch nach der Schule fand sich kein Freund zum Spielen. Ab und zu kam ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft. Es war drei Jahre alt und fand es schön, wenn sich Michael ein wenig mit ihr beschäftigte. Doch eine richtige Spielgefährtin war sie für Michael nicht.

 

Der Jacob, ja, das wäre einer! Er war stark und beliebt. Und eigentlich war er auch nicht so gemein wie die anderen. Jedenfalls nicht zu ihm. Auch hatte er noch nie das gehässige Lied mitgesungen. Ansonsten fiel dem Jacob schon ab und zu etwas Spannendes ein. Manches davon war nicht erlaubt. Öfter wurde Michael Zeuge, wenn für Jacob einmal wieder eine kleine Strafe in der Schule fällig war. Er stellte mal dieses und mal jenes an. Immer fielen ihm neue Streiche ein. Aber die betrafen nicht die anderen Kameraden. Über sie macht er sich nicht lustig. Aber über die Lehrer und über andere Dinge in der Schule. Dafür musste Jacob öfter einmal nachsitzen.

 

Die anderen starken Kinder aus der Klasse waren immer um ihn herum. Gerne wäre auch Michael in seiner Nähe gewesen. Doch sich ihm zu nähern, das hätte er nie gewagt. Vielleicht hätte Jacob dann doch irgendwann selbst einmal das Stinke-Lied mitgesungen. Und das wollte Michael nicht.

 

Michael ging nachmittags gerne hinaus in die Natur. Dort hatte er zwar keine Klassenkameraden, aber er hatte die Vögel, denen er zuhörte. Er hatte die Wolken, die schnell über den Himmel zogen und lustige Figuren malten. Und er hatte den Wind, der Gras und Bäume geheimnisvoll rascheln ließ. Dort fühlte sich Michael wohl und beobachtete alles sehr genau. Am liebsten ging er zu dem kleinen Teich, der hinter der Waldlichtung lag.

 

Im Teich, durch den ein kleiner Bach floss, hatten einige Angler Bach- und Regenbogenforellen eingesetzt. Und mit den Forellen waren auch die Fischreiher gekommen. Die Angler waren froh, dass der Michael ab und zu nach dem Rechten sah, wenn sie selbst auf der Arbeit waren. Denn die Fischreiher waren richtige Räuber. Aber von Menschen ließen sie sich immerhin aufschrecken. Michael warf dann mit ein paar Steinen nach ihnen und scheuchte sie weg. Dazu schrie er: „Haut ab, ihr Blödmänner! Weg da! Lasst die Fische in Ruhe!“… Immer wenn er schrie, war ihm irgendwie ganz wohl. Er lachte dann laut und die Fischreiher machten die Mücke.

 

Doch nicht nur von den Anglern und von Michael wurde der Teich besucht. Ab und zu verliefen sich dorthin auch kleine Horden rauflustiger Burschen. Und eines Tages kam auch Jacob mit vier weiteren Jungs aus dem Dorf. Sie hatten Schnüre, Netze und allerlei Gerät dabei. Michel saß unter seinem Lieblingsbaum, der auf einem kleinen Hügel oberhalb des Teiches stand.

 

Als er die lärmenden Jungs hörte, zog er sich ein wenig zurück. Gerade so weit, dass sie ihn nicht entdeckten. Er jedoch konnte alles genau beobachten. Er sah, wie Jacob die Anweisungen gab, die Schnüre mit Haken zu bestücken. Maiskörner wurden hervorgeholt und eine Madenschachtel. „Aha!“, dachte Michel, „die holen sich Forellen heraus!“. Er wurde Zeuge eines Fischdiebstahls. Sein Herz pochte laut.

 

Jacob und seine Freunde ahnten nicht, dass Michael alles sah und sie von ihm beobachtet wurden. Sie fühlten sich ganz sicher. Weit und breit waren kein Auto und kein Fahrrad zu sehen. Zudem waren die Angler um diese Zeit ja immer noch auf der Arbeit.

 

In aller Ruhe ließen die Burschen ihre Schnüre in den Teich. Vor fünf Uhr war hier mit keinem Angler zu rechnen. Und jetzt war es erst drei Uhr am Nachmittag. Die Luft war rein. Keine Gefahr.

 

Auf dem Wasser waren nun größere und kleinere Ringe zu beobachten. Die hungrigen Forellen schnappten mit ihren weit geöffneten Mäulern nach den Maiskörnern. Schnell zogen die Burschen eine nach der anderen heraus. Mit einem gezielten Schlag auf den Kopf wurden die Fische schnell getötet. Ein Glück, dass sie wenigstens nicht herum zappeln und lange leiden müssen, dachte Michael. So machten es die Angler auch immer. Wenigstens das machten diese Kerle richtig! Der Jacob war dabei, der Markus, der Roland und der Finn, der so gern das böse Lied sang.

 

Plötzlich sah Michael, dass alle Jungs ganz ruhig wurden. Sie schauten sich erschrocken an. „Pst!,… Pst!“… machte der Jacob - und nun hörte auch Michael, dass sich Stimmen näherten. In Windeseile packten die Jungs die Sachen zusammen und flohen mit einem Teil ihrer Beute in den Wald. Michael duckte sich ganz tief ins Gras und wagte kaum zu atmen. Wenn sie ihn hier finden würden, so würden sie denken, dass auch er am Fischdiebstahl beteiligt wäre. Ihm wurde angst und bange.

 

Die Stimmen kamen näher. Es waren zwei der Angler, die aus irgendeinem Grunde nun doch einmal früher frei gemacht hatten und nach dem Rechten bei den Teichen sahen.

 

Mit geübtem Blick sahen die Männer das zertrampelte Gras, fanden eine Schnur mit Haken und drei kleine tote Forellen am Teichrand liegen. Die Fischräuber konnten noch nicht so weit sein. Die Männer blieben still und horchten.

 

Die Angler waren die Stille gewohnt. Sie hatten ein gutes Gehör für die Geräusche in der Natur. Und so vernahmen sie von weitem noch das Zurufen der Kinder, die durch den Wald mit ihrer restlichen Beute streunten. “Vielleicht erwischen wir sie noch, wenn wir laufen“, meinte der ältere der beiden Männer. Und schon stoben sie in zwei verschiedenen Richtungen davon, um die Fischräuber einzukesseln und noch vor der Lichtung abzufangen.

 

Währenddessen kam Michael aus seinem Versteck heraus und ging hinunter zum Teich. Einen anderen Weg gab es jetzt für ihn auch nicht. Auf dem Weg dorthin sah er etwas Rotes im Gras aufblitzen. Er nahm es auf und sah, dass es ein wunderschönes Taschenmesser war. Ein Schweizermesser mit vielen Funktionen. Das musste einer von den Jungs verloren haben. Er besah sich das Messer und entdeckte eine Gravur: Jacob Wiedemann. Der Jacob also! Er hatte Jacobs Messer gefunden. Schnell machte sich Michael aus dem Staube und lief auf einem kleinen Schleichweg nach Hause. Diesen Weg hatte er sich selbst irgendwann einmal gebahnt und die Angler kannten ihn vermutlich nicht.

 

Die Angler hatten die Kinder nicht mehr erwischt. Dennoch hatten sie sie von weitem gesehen. Aber zu erkennen waren sie nicht. Die Jungs waren wie um ihr Leben gelaufen. Sie rannten in vier verschiedene Richtungen so schnell nach Hause, wie sie konnten. Die Angler hatten keine Chance.

 

Zu Hause verzogen sie sich alle leise in ihre Zimmer oder machten sich plötzlich an sinnvollen Dingen zu schaffen. Das war ein wenig auffällig. Eine Mutter wunderte sich, warum an diesem schönen Nachmittag nun das Fahrrad freiwillig geputzt wurde. Eine andere schaute erstaunt, dass ihr Sohn endlich einmal überfällige kleine Dinge reparierte und so wortkarg war.

 

Am nächsten Tag kam die Polizei in die Schule. Die Männer in Uniform erzählten auch in Michaels Klasse, was gestern am Teich passiert war. Man hoffte, einen Zeugen zu finden, der einzelne Kinder beim Fischdiebstahl erkannt hätte. Doch niemand meldete sich. Niemand hatte etwas gesehen. Alles blieb ergebnislos.

 

In der großen Pause standen Gruppen verschiedener Jungs leise miteinander sprechend auf dem Schulhof. Normalerweise lärmten sie herum und ärgerten die Mädchen. Oder eben auch Michael. Doch weder die Mädchen noch Michael waren heute von Interesse.

 

Da ihn eh niemand beachtete, wagte sich Michael in die Nähe von Jacob. Heute hatte er keine nasse Hose, obschon ihm das Herz bis zum Halse pochte. Er war schrecklich aufgeregt. Manchmal klappte es einfach eben doch, dass er die Hose nicht einnässte. Er drückte sich um Jacob herum und sagte dann ein wenig schüchtern:“ Jacob, kann ich mal kurz mit dir reden?“ Jacob sah verwundert auf Michael und sagte ein wenig unwirsch:: „Ja, was ist denn?“ - „Hmmm… Ich müsste dich alleine sprechen! Kommst du mal eben.“

 

Da lag irgendetwas in der Stimme von Michael, was Jacob direkt zu ihm hinüber schlurfen ließ. „Jacob, ich habe da etwas gefunden…. Schau mal, ich glaube, das gehört dir.“ Er reichte Jacob das rote Taschenmesser, der es in Windeseile in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Jacob sagte kurz: „Danke. Wir treffen uns um drei an der Kirche.“ Dann ging er wieder zu den anderen.

 

Michael war wieder allein. Er sah, wie die anderen dann miteinander tuschelten und verstohlen zu ihm herüber blickten.

 

So hatte er sich die Übergabe des wertvollen Fundstückes nicht vorgestellt. Aber vielleicht hatte er ja auch einen kleinen Fehler gemacht, überlegte Michael. Denn das Messer auf dem Schulhof zu übergeben war ja auch gefährlich für beide, da selbstverständlich Messer in der Schule und überhaupt auch beim Spielen strikt verboten waren. Auch kleine Taschenmesser. Das wusste Michael und schalt sich selbst einen Idioten. Er hatte einfach nicht gründlich genug nachgedacht. Er wollte doch nur Jacob helfen.

 

Die Zeit bis drei Uhr konnte Michael kaum erwarten. Er würde sich mit Jacob treffen! Ganz allein. Hoffentlich allein! Was wäre, wenn sie ihn jetzt in einen Hinterhalt lockten? Was wäre, wenn Jacob die anderen schickte, um ihn einzuschüchtern oder gar zu verhauen, nur damit er weiterhin den Mund hielt? Denn jetzt wussten ja alle, dass doch ein Zeuge da gewesen war. Nach all den bösen Gedanken wagte Michael es kaum noch, zu dem vereinbarten Treffen zu gehen. Ihm war fast übel vor Angst. Dann fasste er sich ein Herz und ging doch hin.

 

Jacob wartete bereits auf ihn. Die anderen schienen nicht dabei zu sein. „Hallo, Michael. Nett, dass du kommst!“, sagte Jacob freundlich. „Ich wollte in der Schule kein Aufsehen erregen. Ich hab mit den anderen gesprochen. Ich soll dich von allen grüßen. War echt voll stark von dir, uns nicht zu verpfeifen! - Na ja, du hättest ja eigentlich allen Grund dazu gehabt. Du wirst ja oft genug geärgert.“

 

Michael wurde sehr verlegen. Er senkte ein wenig seinen Kopf, damit Jacob nicht sah, wie es in ihm aussah. Dann sagte er: “Ach, ist schon gut. Ich würde euch niemals verpfeifen.“

 

„Ey, du bist echt cool. Willst du nicht mal mit uns mitkommen?“ Michael war glücklich. Jacob meinte es ernst. Das konnte er hören. Das sagte der Jacob nicht nur so daher. Das spürte er. Keiner wagte mehr, dass gemeine Lied zu singen. Nur einmal, als zwei Jungs aus der höheren Klasse es nach Wochen einmal sangen, die ja von all dem Geschehen nichts wussten, da gab’s echte Klassenkeile.

 

Michael wurde in den Kreis der Jungs aufgenommen. Über sein Leiden sprach niemand mehr und Michael hatte in Jacob einen ganz besonders netten Freund gefunden.

 

Michael selbst vergaß nach und nach, dass er früher öfter einmal eingenässt hatte. Irgendwann klappte alles so gut wie bei den anderen Kindern. So, als sei es niemals anders gewesen.

 

2. Kapitel: Der Bunker

 

3

 


„Wwwo ist Phil?“, fragte Anton. Phils Mutter, die gerade am Gartentor stand, sagte: „Ich weiß es nicht, Anton, er ist gerade eben aus dem Hause gelaufen. Schau doch mal im Park nach ihm. Dort trifft er sich meistens um diese Zeit mit den anderen.“

 

„Dddanke.“ Anton lief so schnell er konnte in den Park. Und er konnte sehr schnell laufen. Anton war nicht nur mit den Beinen flink, sondern auch mit seinem Denken. Aber er hatte immer so viele Gedanken im Kopf und wollte immer so viel auf einmal sagen, dass er fast immerzu stotterte. Manchmal stotterte er nicht. Dann allerdings sprach er so schnell wie ein Maschinengewehr seine Munition verschoss. Dann mochte ihm ebenfalls kaum jemand gerne zuhören. Anton war ein richtiger Sausewind. Hui!

 

Die Kinder im Park mochten ihn nicht gerne dabei haben. Mal brauchte er zu lange, um einen einzigen Satz richtig auszusprechen. Oder aber er war unverständlich und seine Worte klangen wie ein Trommelfeuer. Es war echt nervig mit ihm. Wollte Anton etwas Längeres erzählen, brauchte er eine Ewigkeit dafür. So sahen die Kinder es lieber, wenn Anton nicht zu ihnen stieß, auch wenn er sonst ganz nett war.

 

Als sie Anton schon von weitem den kleinen Stadthügel Richtung Park hinunterlaufen sahen, sagte Simon: „Komm, wir verstecken uns, damit er uns nicht sieht.“

Die Kinder versteckten sich im Park hinter einem riesigen Wacholderbusch. Anton kam und rief in den Park: „Phil, Phil, wwwo sei seid ihr? Si…, Si…, Simon, seid ihr hi… hier?“ Niemand antwortete. Aber sie kicherten leise.

 

Als die vier Jungs dann sahen, dass er keine Ruhe gab und überall nach ihnen suchte, sprangen sie leichtfüßig über die kleine Mauer hinter dem Wacholderbusch und rannten in Richtung Bunker.

 

Erst wenige Tage war es her, dass die Kinder hinter dem Niederdeich einen Bunker entdeckt hatten. Vielleicht stammte er aus dem Zweiten Weltkrieg, vermutete einer von ihnen. Wäre der Ball nicht per Zufall dorthin geflogen, dann hätten sie ihn wohl weiterhin übersehen. Von Ferne sah er aus wie ein natürlicher Hügel. Er war fast vollständig mit Gras, Gestrüpp und Brombeeren überwuchert. Als Simon jedoch den Ball aus dem Gebüsch holte, hörte er durch das Hallen seiner Schritte, dass darunter ein Hohlraum war. Das interessierte nun alle. Sie sahen sich diese Stelle genauer an. Die Erde darüber war mit Moosen und Farnen bewachsen, aber der Hohlraum war deutlichzu hören, wenn man fester auftrat.

 

Sie beschlossen, den Bunker zu erkunden. Beim Freilegen des Zugangs holten sie sich blutige Finger. Bald schon kam eine Holztür zum Vorschein. Sofort begannen die Kinder mit dem Aufhebeln der Tür. Das Anheben machte ihnen sehr große Mühe. Mit vielem Hauruck und lauten Zurufen schafften sie es nach mehreren Anläufen. Phil klemmte sich dabei zwei Finger ein, fluchte leise und wuchtete weiter, bis der Eingang endlich geöffnet war. Alle atmeten jetzt erst einmal kräftig durch. Puhh, das war anstrengend gewesen!

 

Die Kinder sahen in einen dunklen Schacht. Zunächst konnten sie nichts erkennen. Je länger sie hinein starrten, um so mehr gewöhnten sich die Augen an das Dämmerlicht. Erste Einzelheiten wurden schemenhaft erkennbar. Eine kleine Trittleiter aus Holz führte hinab in die Dunkelheit. Die Sprossen der offenbar morschen Leiter waren teils verschwunden. Andere schienen angebrochen zu sein, so weit sich das von oben beobachten ließ. Wieder andere schienen einen stabilen Eindruck zu machen. Oh, das würde eine spannende Erkundung werden! Die Kinder hielten schon jetzt den Atem an! Wüssten ihre Eltern davon, so wäre der Spaß schnell zu Ende. Ein Glück, dass sie nicht einmal ein ausdrückliches Verbot hatten, diese Höhle zu betreten. Heute war ein guter Tag für ein echtes Abenteuer!

 

Anton rief derweil nach den Freunden und suchte sie weiter. Aber er fand niemanden. Als er sich jedoch auf eine Mauer stellte, um einen besseren Ausblick über das Gelände zu bekommen, sah er gerade noch, wie seine Freunde hinten in der Ferne in Richtung Niederdeich liefen. Was wollten sie da? Hatten sie ihn vielleicht nicht gehört? Oder liefen sie vor ihm weg und wollten ihn nicht mitspielen lassen?

 

Er wusste schon, dass sein Stottern den anderen auf die Nerven ging. Phil war etwas geduldiger mit ihm als die anderen und wollte ihn auch öfter mitspielen lassen. Aber Phil gehörte nun einmal fest zu den Vieren und wollte auch nicht immer nur alleine mit Anton spielen. Wenn er sich beeilte und sofort auf den Weg machte, würde er sie vielleicht aber noch am Fluss treffen.

 

Die Vier waren schon in weiter Ferne. Sie waren für Anton nicht mehr einholbar. Es gab nur eine Chance, sie zu treffen. Sie müssten sich irgendwo am Wasser niederlassen oder in der direkten Umgebung was unternehmen. Sonst waren sie futsch für heute. Und er wäre wieder allein. Ein wirklich blöder Tag für Anton.

 

Die Kameraden waren jedoch bereits mitten im Beginn einer spannenden Erkundung. Anton hatten sie längst vergessen. Eigentlich konnten sie Anton schon ganz gut leiden, weil er ja oft tolle Ideen hatte. Man brauchte halt entsetzlich viel Geduld, um ihm zuzuhören. Zumindest an manchen Tagen. An anderen war er wieder ganz erträglich und sprach fast normal. Aber all das war jetzt uninteressant. Jetzt hatten sie einen geheimnisvollen dunklen Bunker, der unbedingt erkundet werden musste. Wer weiß, was da noch alles drin steckte.

 

Bernie hatte bei jedem Treffen seinen kleinen Abenteuerrucksack dabei. Ohne ihn ging er nachmittags fast nie aus dem Haus. Darin befanden sich verbotene und nicht verbotene Dinge. So zum Beispiel nicht nur zwei verschiedene Taschenmesser, sondern auch Streichhölzer, Gummis, kleine Schnüre, etwas Draht, eine Zange, einen kleinen Bastelhammer, Nägel, Kerzen, hin und wieder auch eine geklaute Zigarette von Vaters Schachtel und natürlich eine Taschenlampe. Doch da er wenig Taschengeld besaß, hatte er nur selten funktionstüchtige Batterien. Die Lampe musste trotzdem mit. Bernies Rucksack hatte den Vieren, die manchmal ja auch zu fünft mit Anton waren, schon häufig gute Dienste erwiesen. Und hier am Bunker könnte man manches von diesen Sachen sicher gut gebrauchen.

 

Nachdem die Bodentüre aufgehebelt war, wollten alle schnell in den dunklen Innenraum. Phil aber warnte und sagte, dass man die Türe sichern muss, damit sie ausreichend Sauerstoff bekämen. Sie suchten einen starken Ast und wurden auch fündig. Mit ihm wurde die Tür so aufgestellt, dass sowohl Licht wie auch Luft herein kam. Und falls etwas passierte, wären die Kinder auch schnell wieder herausgekommen. Keiner wusste ja, was sie da unten wirklich erwartete.

 

Nacheinander kletterten sie vorsichtig in das Erdloch. Dabei mussten sie auf die fehlenden und morschen Tritte der Leiter achten. Als Phil, der als letzter hinunter ging und die Sicherung der Tür nochmals kontrollierte, sich zu den anderen begab, zerbrach auch noch die letzte Sprosse und er musste hinunter springen.

 

Noch wussten sie nicht, was sie erwartete und wie tief es in die Erde hinein ging. Die verkeilte Tür brachte zwar ein wenig Licht auf die ersten Meter, aber das war nicht viel. Die Türe ganz zu entfernen, was sie zunächst überlegt hatten, erschien ihnen zu gefährlich, weil ganz in der Nähe hin und wieder Spaziergänger auftauchten. Sie hätten dann die Stimmen gehört und sofort das Loch gesehen. Und schon wäre es um ihr Geheimnis geschehen. Und vielleicht eignete sich diese Höhle ja auch als heimlicher Aufenthaltsraum, von dem niemand außer den Vieren etwas wusste. Also, bloß kein Aufsehen erregen, sonst wäre der Spaß sehr schnell vorbei!

 

Die Kinder schauten sich um und mussten sich an das Dämmerlicht erst einmal gewöhnen. Man konnte seine Hand nicht mehr vor den Augen sehen. Dazu lag ein muffiger Erdgeruch in der Höhle. Der Atem der Kinder ging schneller als sonst, weil dies alles sehr aufregend für jeden von ihnen war. Bernie war voraus gegangen und hatte seine Kerzen angezündet.

 

Plötzlich bewegte sich etwas. Bernie erschreckte sich dermaßen, dass er die Kerze fallen ließ. Und weil Bernie sich so erschreckte, erschreckten sich die anderen schon gleich mit, obschon sie gar nichts gesehen hatten. Der Gang war aber bald zu Ende. Es konnte sich nur um ein kleines Tier gehandelt haben. Eine Maus vielleicht. Dann war der Höhlengang zu Ende, ohne dass sie irgendetwas gefunden hatten. Dieser erste Teil der Erkundung war für die Jungs ein klein wenig enttäuschend.

 

Doch die Höhle hatte ja zwei Gänge. Einer ging nach rechts, der andere machte eine leichte Linksbiegung. Die Kinder gingen zunächst geradeaus und nahmen dann die Linksbiegung. Es herrschte Totenstille hier unter der Erde. Die nahe Autobahn war nicht zu hören. Kein Vogel, der auch nur piepte. Kein Geräusch aus dem nahen Städtchen, obschon doch die Tür geöffnet war. Nur die eigenen Schritte knirschten ein wenig. Dafür hörte ein jeder von ihnen sein eigenes Herz pochen. Bummbummbumm. Bevor sie jedoch das Ende des Ganges erkunden konnten, gab es einen mächtigen Knall. Alle erschraken zutiefst und ein starker Luftzug ließ sofort alle Kerzen erlöschen.

 

Der Ast war zerborsten. Er hatte die schwere Tür nicht halten können. Er war zu schwach. Oder hatte sie irgendjemand absichtlich in eine Falle gesperrt? Bei lebendigem Leibe eingeschlossen in der Erde? Alle erschauderten und bekamen nun plötzlich große Angst.

 

Bernie nesselte an seinem Rucksack und entzündete ein Streichholz. Eine Kerze wurde neu angezündet. Die Schatten der Kinder tanzten wie wild an den nackten kahlen Wänden. Schnell wurde ihnen klar, dass sie gefangen waren. Sie tasteten sich so schnell sie konnten zurück zur Eingangsluke, die jetzt fast kein Licht mehr durchließ. Nur winzige Ritzen waren zu sehen, wo ein ganz leichter Schimmer andeutete, dass dort die Türe sein musste.

 

Hier kämen sie nicht mehr raus! Jedenfalls nicht alleine. Es war völlig unmöglich, die Tür von innen hochzustemmen, zumal es ja keine ordentliche Trittleiter gab, womit man die Luke hätte überhaupt erreichen können. Und sie hatten doch zu viert nur unter Aufbietung aller Kräfte die Luke aufbekommen. Sie setzten sich nieder und dachten nach, was jetzt zu tun sei.