Mörderischer Nebel

Ostfrieslandkrimi

Ele Wolff


ISBN: 978-3-95573-739-9
1. Auflage 2018, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2018 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de

Titelbild: Unter Verwendung eines Bildes von shutterstock

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhalt

1. Kapitel

 

Ihr Blick folgte dem Wassertropfen, der in unendlicher Langsamkeit an der Fensterscheibe nach unten rann. Okka legte ihren Kopf an die kühle Scheibe und sah missmutig in den verregneten Garten. Die Dolden der verblühten Hortensien hingen schlapp nach unten, auf dem Rasen hatten sich kleine Pfützen gebildet. Die Straße, die durch das Dorf führte, war menschenleer. Es war nichts zu hören. Die Stille hatte etwas Provozierendes. Okka hasste diese ländliche Stille. Die Einwohner von Amdorf hielten sich um diese Tageszeit, kurz nach dem Frühstück, in ihren Büros auf, die Kinder waren noch in der Schule.

Im Sommer hingegen fuhren die Touristen mit ihren Fahrrädern über die Landstraßen, picknickten gemütlich am Ufer der Jümme oder besuchten die Windmühlen in der Umgebung, um dort eine Tasse Ostfriesentee zu genießen und die Hektik des Alltags hinter sich zu lassen. Genau diese Beschaulichkeit lockte viele Feriengäste in den Sommermonaten nach Ostfriesland. Jetzt, Anfang November, waren die Ferienwohnungen leer, die Rollläden herabgelassen und die Einheimischen gingen ihren jeweiligen Beschäftigungen nach. Okka hasste das Landleben.

Der einzige Lichtblick waren die heimlichen Treffen mit Hendrik. Dabei mieden sie die Öffentlichkeit und wählten für ihre Schäferstündchen einen ehemaligen ausgebauten Schafstall in der Nähe von Amdorf, den ihr Geliebter von seinem Onkel übereignet bekommen hatte. Es hätte einen Riesenskandal gegeben, wenn der in der Gegend sehr angesehene Tierarzt Dr. Hendrik Teerling beim Fremdgehen erwischt worden wäre. So schön die Stunden mit dem fast zwanzig Jahre älteren Mann waren, war sie sich dennoch bewusst, dass diese Liaison ein Verfallsdatum hatte, denn Hendrik war verheiratet. Sollte sie ihre Pläne ändern und um ihn kämpfen? Nein, das war unmöglich, es sei denn, er würde sich zu ihr bekennen.

Die junge Frau sah sich unschlüssig in ihrer kleinen Dachkammer um. Sie war nur kurz nach oben gegangen, um sich umzuziehen, denn beim Servieren des Frühstücks hatte sie sich mit Milch bekleckert. In der Regel machte sie anschließend um diese Zeit einen kurzen Spaziergang, bevor sie sich ihrer täglichen Arbeit widmete. Die frische Luft machte den Kopf frei und brachte ihren Kreislauf in Schwung. Ihr Aufgabenbereich im Hause des Linguistik-Professors Lammert und seiner Frau war vielfältig. Neben der Pflege der nach einem Unfall erblindeten Hausherrin war sie für den Großteil des Haushalts zuständig. Dreimal in der Woche kamen eine Putzfrau sowie ein Gärtner.

Und dann war da noch Heinzi. Ein kräftiger Junge mit unreiner Haut, der im Körper eines ausgewachsenen Mannes steckte. Der fünfundzwanzigjährige Sohn von Lammerts Schwägerin Rika Wolters war seit einer Gehirnhautentzündung im Kindesalter geistig zurückgeblieben. Der Blick für die weiblichen Rundungen schien dennoch sehr ausgeprägt. Mehrmals hatte Okka ihn erwischt, wie er durch das Küchenfenster gestarrt und sie beobachtet hatte. Dabei hatte er eine obszöne Handbewegung gemacht.

»Heinzi, du sollst das lassen«, hatte die junge Frau ihn zurechtgewiesen und ihm verboten, sie zu beobachten. Heinzi ignorierte dies und starrte ihr weiter hinterher.

»Frau Wolters, Ihr Sohn belästigt mich mit seiner Spioniererei am Küchenfenster und macht so komische Bewegungen«, beschwerte sich Okka und hoffte, Heinzis Mutter würde ein Machtwort sprechen. »Als ich meine Turnschuhe draußen auf der Bank vor dem Haus angezogen habe, hat er sogar versucht, mir unter den Rock zu glotzen.«

»Ach, lassen Sie dem Jungen doch die Freude. Er hat ja sonst nichts. Es tut Ihnen doch nicht weh, oder?« Dabei hob sie ihr Kinn und gab ihr zu verstehen, dass dieses Gespräch beendet war. Okka wandte sich ab und schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen?

Sie beobachtete Heinzi daraufhin genauer, um zu sehen, wann und wo er ihr wieder auflauern würde. Heinzi war aufgrund ihrer Ablehnung ein wenig beleidigt und teilte ihr pampig mit, dass er noch andere Beschäftigungen hätte, als sich mit ihr abzugeben. Nämlich Telenovelas zu gucken, Süßigkeiten zu essen und stundenlang über die Wiesen und Weiden zu streifen und dabei auf die Jagd nach Schnecken und Käfern zu gehen, die er dann genüsslich mit seinen Füßen zertrat. Dabei zeigte er sich hocherfreut, als Okka bei dieser Schilderung angewidert ihre Mundwinkel nach unten zog.

Rasch wechselte Okka ihre Bluse und ging wieder nach unten. Nach ihrem Ermessen war das Haus viel zu dunkel, die kleinen Fenster ließen wenig Licht herein. Bei jedem Schritt knarrten die alten Dielen und es roch etwas feucht. Sie hatte sich vorgenommen, in ihrem ganzen Leben nie in ein solch altes Gemäuer einzuziehen.

Aber im Moment war sie gezwungen, sich hier ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie sparte für einen Flug über den großen Teich. New York war ihr Traumziel. Dort wollte sie arbeiten und leben. Wovon sie in Amerika leben wollte, war ihr noch völlig schleierhaft. Erst musste mal das nötige Kleingeld her.

Frau Lammert saß in dem mit alten schweren Eichenmöbeln bestückten Wohnzimmer am Fenster, ein Buch mit Braille-Schrift auf dem Schoß. Noch bevor Okka die Zimmertür ganz geöffnet hatte, legte sie den Kopf zur Seite. »Okka, sind Sie das?«

»Ja, Frau Lammert.« Die junge Frau näherte sich ihrer Arbeitgeberin. »Kann ich noch etwas für Sie tun? Ich wollte in die Waschküche runtergehen und den Trockner ausräumen.«

»Nein, es ist alles in Ordnung. Ist mein Mann schon auf?«

Okka schüttelte den Kopf, obwohl sie wusste, dass Frau Lammert sie nicht sehen konnte. »Nein, ich habe ihn noch nicht gesehen.«

»Und meine Schwester? Hat sie sich gemeldet? Sie wollte nach dem Frühstück vorbeischauen.«

»Nein, bis jetzt noch nicht.«

»Nun gut«, sagte Tabea Lammert und senkte den Kopf. Ihre Fingerspitzen glitten wieder über die Buchseiten und tasteten die erhobenen Punkte der Blindenschrift ab. Fasziniert verfolgte Okka die weichen Bewegungen der Hände, die Reihe für Reihe dem Text nachgingen.

»Ich bin dann mal unten«, sagte Okka schließlich und verließ das Wohnzimmer.

Unten in der Waschküche kniete sie sich vor den Trockner und zog die Wäsche heraus. Den gefüllten Korb trug sie in den im ersten Stock gelegenen Hausarbeitsraum, gleich neben der Küche. Während Okka wartete, dass sich das Bügeleisen erwärmte, stand sie mit verschränkten Armen am Waschbecken gelehnt. Noch zwei Monate, dann war sie neunzehn Jahre alt. Dies war genau der richtige Zeitpunkt, hier zu verschwinden. Dann wohnte sie ein halbes Jahr in dieser Gruft und das war genug. Sie kam sich vor wie lebendig begraben. Der Professor, ein großer, stämmiger Mann Anfang siebzig, saß den ganzen Tag in seinem Arbeitszimmer, sprach nie viel, aber seine Augen waren umso wachsamer. Okka hatte manchmal das Gefühl, dass er sie, auch in Anwesenheit seiner Frau, mit den Augen auszog und ihre nackte Haut betastete. Erst gestern hatte er sie um eine Tasse Kaffee gebeten, und während sie die Tasse auf seinem Schreibtisch abgestellt hatte, hatte er ihre Brust berührt. Oder bildete sie sich das alles nur ein? Wahrscheinlich war sie durch Heinzis Verfolgungen überempfindlich geworden.

In Anwesenheit seiner Schwägerin Rika Wolters mutierte der Professor zum gesprächigen, gut gelaunten Mann, tätschelte die Hand von Rika und versprühte allen Charme, den er aufbringen konnte. Inwieweit Frau Lammert dies alles realisierte, konnte Okka nicht einschätzen. Aber sie wusste, dass Blinde mit den Ohren sehen konnten.

Frau Lammert saß oder lag jeden Tag vor dem Fernseher und hörte sich die Nachrichten oder sah sich Filme mit Bildbeschreibung an. Die Worte, die das Ehepaar am Tag wechselte, hätten gut und gerne auf einem Bierdeckel Platz gehabt. Tag für Tag und Woche für Woche das Gleiche.

Die einzigen Unterbrechungen in Okkas Leben waren die regelmäßigen Fahrten zu ihrer Mutter nach Neuharlingersiel.

»Kind, du hast das angefangen, jetzt mache den Job auch zu Ende«, hielt sie ihr jedes Mal vor, wenn Okka drauf und dran war, nach ihren freien Wochenenden nicht mehr nach Amdorf zurückzukehren.

Mit dem angefeuchteten Finger tippte Okka auf das Bügeleisen und begann ein Hemd ihres Arbeitgebers zu bügeln. Sanft glitt das Eisen über den Baumwollstoff. Sie war unkonzentriert und musste sich immer wieder zur Ordnung rufen. Sie dachte an die merkwürdigen Dinge, die sie hier im Haus vor ein paar Tagen beobachtet hatte. Oder hatte sie sich getäuscht? Nein, das war eindeutig gewesen. Aber warum diese Heimlichtuerei? Okka konnte sich keinen Reim darauf machen. Aber irgendetwas ging hier vor, dessen war sie sich sicher. Irgendwann würde sie das Geheimnis lüften können.

Ein leichter Brandgeruch stieg in ihre Nase. Erschrocken hob sie das Bügeleisen hoch und sah den braunen Fleck auf dem Ärmel des lindgrünen Hemdes des Professors.

 

2. Kapitel

 

Hinrich Hoogestraat zog den Bund seiner Cordhose hoch, griff mit beiden Daumen unter die Hosenträger und ließ die Gurte knallend an seinen Körper zurückschnellen.

Zufrieden nahm er die Kanne von der Kaffeemaschine und stellte sie auf den gedeckten Frühstückstisch.

»Jaaaanneke, es ist Zeeeit«, brüllte er, ohne sich aus der Küche zu begeben. Er kannte das. Entweder behauptete seine Nichte, sie habe ihn nicht gehört, oder, er hätte durch seine Brüllerei bei ihr einen Hörschaden verursacht. Wie ein Teenager benahm sich Janneke manchmal, wunderte sich Hinrich, dabei war sie über dreißig Jahre alt.

Auch nach all den Jahren, in denen er mit seiner Nichte in dem gemeinsam geerbten Haus in dem kleinen, beschaulichen ostfriesischen Dorf Amdorf lebte, gab es fast täglich Streitereien zwischen den beiden unterschiedlichen Bewohnern.

»Moin«, nuschelte Janneke, die mit zerwühltem Haar in der Küchentür stand. »Hinrich, brüll doch nicht immer so. Ich bin doch nicht taub.«

»Moin«, brummte er, ignorierte Jannekes Beschwerde und goss seiner Nichte Kaffee ein. »Hast du gestern lange gearbeitet?«

Janneke gähnte. »Ja, ich hinke ziemlich hinterher. In zwei Monaten muss ich das Manuskript abgeben.«

»Das reicht doch. In den paar Wochen kannst du eine Menge Leute um die Ecke bringen.« Hinrich setzte sich an den Küchentisch.

»Du bist gut. Eigentlich müsste ich noch eine Kolumne schreiben und den Flyer für den Ruderverein aus Norden fertigstellen. Ich brauche das Geld eben.« Janneke verschwieg, dass sie erst gestern Vormittag wieder eine größere Summe in einem Schuhgeschäft gelassen hatte. Es war ihr nicht gelungen, auf die dunkelblauen High Heels zu verzichten, die auch noch um fünfzehn Prozent reduziert waren. Die Leidenschaft für schicke Schuhe, große Handtaschen und Mode im Allgemeinen würde sie eines Tages den Kopf kosten, befürchtete sie. Deshalb nahm sie neben ihrer Arbeit als Autorin für Kriminalromane verschiedene journalistische Aufträge in Ostfriesland an, um sich diesen Modespleen leisten zu können.

Hinrich kannte die finanziellen Engpässe seiner Nichte und nickte nur, denn er hatte den Schuhkarton im Flur neben der Garderobe sehr wohl bemerkt.

Mit ihrem Messer angelte sich Janneke eine Scheibe Schinken und belegte ihr Brötchen damit. »Hast du mitbekommen, dass Lammerts jetzt dauerhaft hier wohnen?«

»Ja, Rika hat mir das erzählt. Seit die Frau des Professors erblindet ist, hat sie sich in Tübingen nicht mehr wohlgefühlt. Deshalb haben sie beschlossen, jetzt ganzjährig in dem elterlichen Gulfhaus zu wohnen und nicht nur in den Ferien. Aber die sind schon fast vier Monate hier.«

»Ich habe noch nicht viel davon mitbekommen. Jetzt wohnen Heinzi und seine Mutter nicht mehr alleine dort?«

»Nein, habe ich doch gerade gesagt.«

Sie biss herzhaft in ihr Brötchen. »Vor ein paar Tagen habe ich eine junge Frau gesehen. Ist das die Pflegerin von Frau Lammert?«

Hinrich nickte. »Eine nette junge Frau. Sie kommt aus Neuharlingersiel und heißt Okka.«

»Meinst du, ich sollte mal rübergehen und den Professor und seine Frau begrüßen? Schließlich kennen wir uns schon seit Jahren, aber jetzt, wo sie ganz hier wohnen, wäre ein Besuch ja angebracht.« Sie nahm sich zwei Gurkenscheiben und schob sie sich in den Mund. »Ja, ich geh später mal hin«, beantwortete sie sich ihre Frage selbst. »Aber erst muss ich noch ... hast du Fräulein Schneider gesehen?«

»Nee, deine Katze mit dem merkwürdigen Namen habe ich nicht gesehen.« Hinrich klappte die Brotscheiben mit Leberwurst zusammen und schnitt sie zweimal durch. »Heute Morgen habe ich sie rausgelassen. Das Fräulein streunt wahrscheinlich in der Gegend rum.«

»Ich gehe unter die Dusche«, teilte Janneke ihrem Onkel mit und stand auf. »Was wollte ich denn noch?« Unschlüssig stand sie in der Küchentür. »Ach so ... hast du das auch heute Nacht gehört?«

»Was?«

»Hinten im Garten. Da war so ein Klopfgeräusch gestern Abend. Plong, plong. Ziemlich hell. Was war das denn?«

»Ich glaube, das war die Schnur von der Wäschespinne. Da ist doch unten so ein Metallstück dran. Das ist bei dem heftigen Wind an die Stange der Spinne geknallt.«

»Ach so, ich dachte schon, Heinzi würde wieder nachts in unserem Garten rumschleichen.«

»Den Zahn habe ich ihm gezogen«, lachte Hinrich und öffnete die Kühlschranktür. »Ich habe ihm verboten, unser Grundstück einfach so zu betreten. Neulich ist er in meinen Eimer getreten, in dem ich die Brennnesseljauche aufbahrt habe. Den ganzen Kram hat er sich über die Hose geschüttet. Der hat vielleicht gestunken. Ich glaube nicht, dass der so schnell noch mal das Nachtgespenst bei uns gibt.«

»Dann ist es ja gut«, meinte Janneke, ging in ihr Zimmer und sah sich um. Auf dem Tisch vor dem Fenster stand ihre Nähmaschine, in einem Regal türmten sich die Stoffe, und zahllose Garnrollen waren auf dem Tisch verteilt. Immer wenn sie angespannt war und eine Pause beim Schreiben brauchte, setzte sie sich an ihre Nähmaschine und fertigte sich irgendwelche Shirts, Röcke oder auch nur einfache Kissen an. »Hier müsste ich auch mal aufräumen«, murmelte sie und duschte anschließend ausgiebig.

Fräulein Schneider war inzwischen auch wiederaufgetaucht und schlief zusammengerollt auf Jannekes Bett.

Auch wenn sie unterwegs nur Schuhe und Stiefel mit hohen Absätzen trug, bevorzugte sie in Haus und Garten doch eine etwas bequemere Variante. Die Sandalen waren, trotz des kleinen Absatzes, angenehm zu tragen und sahen auch noch schick aus.

»Ich geh mal kurz rüber zu Lammerts«, rief sie Richtung Küche, zog ihren Anorak über, schob ihr Handy in die Tasche und verließ das Haus. Der dichte Nebel ließ kaum Licht durch. Ein Duft von brennendem Holz lag in der Luft. Janneke liebte es, stundenlang vor dem Specksteinofen im Wohnzimmer zu sitzen und zu lesen. Der Herbst gehörte eigentlich zu ihren Lieblingsjahreszeiten, aber auf den Sommer wollte sie auch nicht verzichten.

Sie schloss gerade die Gartenpforte hinter sich, als Heinzi über die Hauptstraße direkt auf sie zugerannt kam.

Keuchend blieb er vor ihr stehen. »Sie bewegt sich nicht mehr«, schnaufte er. »Sie schläft ganz fest.«

»Wer?« Janneke fasste ihn an seinem Arm an. »Wer schläft?«

Mit ausgestrecktem Arm zeigte Heinzi zu einem Schuppen, der am Ortseingang stand. »Da ... Okka, sie schläft.«

Verwundert sah Janneke in die Richtung. Der Schuppen vom alten Evert war in der Nebelsuppe kaum zu erkennen.

»Komm mit«, rief Heinzi und zerrte ungeduldig an Jannekes Jacke. »Komm schnell. Okka wach machen.«

Schnellen Schrittes lief sie zum Schuppen. Heinzi folgte ihr schwer atmend. Die Tür des Holzhauses stand weit offen. Evert schloss ihn nie ab, das wusste Janneke. Er bewahrte darin altes Holz und ein paar Gartengeräte auf. Es dauerte einen Moment, bis sie sich an das wenige Licht, welches durch die geöffnete Tür des fensterlosen Raumes schien, gewöhnt hatte. Dann sah sie vor einem Holzstapel auf der Erde eine liegende Gestalt.

»Wach machen.« Energisch klopfte Heinzi mit der Faust an den Türrahmen.

»Hallo?« Janneke kniete sich nieder. »Okka?« Die junge Frau lag mit dem Rücken zu ihr. »Geht es Ihnen gut?« Sie zog vorsichtig am Arm der auf dem Boden Liegenden. Ruckartig fiel die bewegungslose Gestalt auf den Rücken und der Kopf des Mädchens fiel leblos zur Seite.

 

***

 

Die feuchte Nebelluft kroch langsam an Jannekes Beinen hoch und hinterließ ein taubes Gefühl an ihren Füßen. Sie hatte sofort gesehen, dass das Mädchen tot war. Ihre Augen waren geöffnet und die Pupillen seltsam verdreht. Eine riesige klaffende Wunde zog sich von der Stirn über ihre rechte Schläfe. Das Blut, welches sich im Gesicht und auf der Kleidung des Mädchens wiederfand, war dunkel und verkrustet.

Nach dem ersten Schreck hatte sie Heinzi aus dem Schuppen gezogen, aber der versuchte verzweifelt sich loszureißen. Mit schriller Stimme hatte er Janneke immer wieder aufgefordert, Okka endlich zu wecken.

Jetzt stand sie vor dem Schuppen und wartete auf die Polizei, die sie umgehend verständigt hatte.

»Heinzi, geh nach Hause«, versuchte sie ihn zu überreden. Er stand mit dem Gesicht zur Schuppenwand gewandt und ließ sich immer wieder mit der Stirn dagegen fallen. In ein paar Minuten blutet er wahrscheinlich fürchterlich, vermutete sie und versuchte noch einmal, ihn dazu zu bewegen, den Tatort zu verlassen. Janneke hatte keine Ahnung, inwieweit Heinzi die Sachlage einschätzen konnte.

Sie erinnerte sich an einen Sommer vor ein paar Jahren, als ihre Nachbarn Elsie und Jan Klüverboom Besuch einer Nichte aus Berlin hatten. Jan hatte Heinzi erwischt, wie er abends durch das Fenster des Gästezimmers in den hell erleuchten Raum gespäht hatte, in dem sich das junge Mädchen umzog. Jan hatte anschließend behauptet, dass er sich dabei an seinen Genitalien zu schaffen gemacht hatte.

Heinzis Mutter war empört, als Jan ihrem Sohn unterstellte, er wäre ein Spanner, und sie aufforderte, doch bitte mehr auf ihn zu achten. Jahrelang hatten Rika und Jan kein Wort gewechselt. Auch die Tatsache, dass der Bikini der jungen Berlinerin eine Woche später von der Wäscheleine verschwunden war, brachte Rika in keinerlei Zusammenhang mit ihrem Sohn.

Jetzt stand Heinzi am Schuppen des alten Evert und demolierte seine Stirn. »Heinzi, hör auf damit«, forderte Janneke ihn auf. Sie sah auf ihr Handy. Es war fast elf Uhr. Zwölf Minuten waren seit ihrem Anruf vergangen. Ob sie noch mal ...?

Zwei Autos kamen in diesem Moment aus Richtung Leer und hielten direkt vor dem Schuppen.

»Moin Janneke«, begrüßte Kommissar Renke de Buhr die junge Frau, direkt nachdem er aus dem Auto gestiegen war. »Was ist denn hier los? Ich hätte dich gerne unter anderen Umständen wiedergetroffen.« Er lächelte.

»Ja, wäre mir auch lieber gewesen«, erwiderte sie und deutete auf die geöffnete Holztür. »Aber guck dir erst mal das an.«

»Gut«, raunte der blonde Mann und sah seine beiden Kollegen an. »Ihr wartet kurz hier.« Er nahm aus dem Handschuhfach eine Taschenlampe und verschwand im Inneren des Schuppens.

So unauffällig wie möglich ging Janneke zwei Schritte näher. »Bleiben Sie mal stehen«, befahl ihr einer der beiden anderen Männer. »Beruhigen Sie lieber den da.« Er zeigte auf Heinzi, der jetzt stark blutete.

Mit zwei Schritten war Janneke bei Heinzi und zog ihn von der Wand weg. Aus ihrer Tasche zog sie ein Papiertaschentuch und drückte es auf seine Stirn.

De Buhr steckte den Kopf aus der Tür und winkte Janneke zu sich. »Kennst du sie?«

»Sie wohnt dort hinten in dem Gulfhaus. Soviel ich weiß, ist sie die Pflegerin von Frau Lammert. Ihr Name ist Okka. Er hat sie gefunden«, sie deutete mit dem Kopf Richtung Heinzi, »mich hat er dann mit hierher gelotst.«

Der junge Kommissar ging zurück in den Schuppen, bückte sich und leuchtete mit der Taschenlampe am Körper der Toten entlang. Die beiden Kollegen und Janneke waren ihm gefolgt. »Die Kleidung ist auf den ersten Blick noch vollständig. Ich würde sagen, sie wurde erschlagen, und zwar mit einem stumpfen Gegenstand. Seht ihr die breite Wunde hier?«

»Ja«, nickte der eine Kollege und bückte sich ebenfalls.

Janneke starrte in das blasse Gesicht des jungen Mädchens.

»Gut.« De Buhr stand auf, ging mit den anderen nach draußen, dort wandte er sich an seine Kollegen. »Verständigt ihr die Spurensicherung und sperrt alles ab.«

Die beiden Männer nickten.

»Und wer ist er?« De Buhr deutete auf Heinzi, der jetzt mit dem Rücken an der Schuppenwand lehnte und mit beiden Händen das Taschentuch an seine Stirn drückte. Dabei murmelte er unentwegt vor sich hin. Ein langer Speichelfaden rann über sein Kinn.

Janneke war neben ihn getreten. »Heinzi wohnt auch im Gulfhaus. Er ist der Sohn von Rika Wolters. Sie ist die Schwester von Frau Lammert, die mit ihrem Mann seit einiger Zeit wieder hier wohnt.« Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu und umklammerte seinen Arm.

»Komm, wir bringen ihn nach Hause«, meinte de Buhr und hakte Heinzi am anderen Arm unter. »Ich muss sowieso dem Arbeitgeber der Toten ein paar Fragen stellen.«

»Lass mich los«, schrie Heinzi plötzlich und trat de Buhr gegen das Bein. »Okka muss aufstehen. Ich will, dass Okka wach wird.«

Ehe Janneke und de Buhr reagieren konnten, hatte sich Heinzi aus der Umklammerung befreit und lief in den Schuppen. Dort warf er sich über die Leiche und schluchzte heftig.

 

***

 

»Sie ist tot, sagen Sie?« Tabea Lammert stützte sich auf ihren schwarzen Gehstock und sah an Renke de Buhr vorbei ins Leere. Sie trat einen Schritt nach vorne und stieß an eine Bodenvase. »Schon wieder«, murmelte sie. »Entschuldigen Sie bitte, aber wie Sie sehen, habe ich ein kleines Handicap.« Sie zeigte auf ihre dunkle Brille. Janneke stand neben dem Kommissar und konnte die Blickrichtung der schlanken Frau nur an deren Kopfhaltung ablesen. Sie schätzte die blinde Frau auf Ende fünfzig.

»Ja, Ihr Neffe hat sie vor einer Stunde in einem Schuppen am Ortseingang gefunden und hat dann Frau Hoogestraat um Hilfe gebeten. Sie steht jetzt neben mir.«

»Moin Frau Hoogestraat. Wie geht es Ihnen?«

»Nach dem Schock heute Morgen geht es einigermaßen. Ich war eigentlich auf dem Weg zu Ihnen, als Ihr Neffe mich um Hilfe bat«, antwortete Janneke und blieb neben de Buhr an der Wohnzimmertür des Hauses Lammert stehen.

»Nun sind Sie ja da«, sagte Frau Lammert und spitzte die Lippen.

Der Kommissar räusperte sich. »Können Sie mir bitte den vollständigen Namen Ihrer Angestellten verraten?«

»Okka. Okka Ahlrichs.«

Wie lange arbeitete Frau Ahlrichs bei Ihnen?«

Zögerlich schritt Frau Lammert zu einem Ohrensessel, der am Fenster stand. Während des Gehens tippte sie leicht mit ihrem Stock auf den Holzfußboden und bewegte ihn minimal hinterher. Sie tastete mit einer Hand nach der Lehne, drehte sich um und ließ sich in den Sessel fallen.

»Das muss ungefähr ein halbes Jahr her sein, dass sie zu uns gekommen ist. Mein Mann hat sie engagiert, damit sie uns im Haushalt hilft und mir bei den täglichen Anforderungen zur Hand geht. Seit ich erblindet bin, tue ich mich schwer mit diesen Dingen.« Sie legte den Stock über ihre Knie.

»Wann haben Sie Frau Ahlrichs das letzte Mal gesehen?«

Janneke versetzte Renke einen Stoß in die Rippen und tippte sich an ihre Augen.

»Verzeihung«, entschuldigte sich der Kommissar. »War ein dummer Gedanke von mir. Wann hatten Sie das letzte Mal mit Okka Ahlrichs Kontakt?«

»Heute Morgen hat sie mir mein Frühstück gebracht. Das muss so gegen acht Uhr gewesen sein«, gab die blinde Frau Auskunft.

»Sie frühstücken alleine?«

»Ja, jeden Tag. Mein Mann schläft gerne lange und dann verkriecht er sich in sein Arbeitszimmer.«

Renke trat von einem Bein auf das andere. »Ihre Schwester Frau Wolters hat einen eigenen Wohnbereich hier im Haus?« Er hatte Heinzis Mutter nur kurz gesehen und ihr ihren schluchzenden Sohn übergeben.

»Ja, im hinteren Teil des Hauses haben sie und mein Neffe eine eigene Wohnung. Wir haben den vorderen Teil immer als Ferienhaus genutzt. Jetzt wohnen wir ja ständig hier.«

»Frau Lammert, wissen Sie, wo die Angehörigen von Frau Ahlrichs wohnen?« De Buhr hatte einen Block gezückt und machte sich Notizen.

»Da kann ich Ihnen keine zufriedenstellende Auskunft geben. Vielleicht weiß mein Mann mehr. Sie hat eine Mutter in Neuharlingersiel. Die müssten sie eigentlich ausfindig machen können.«

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Professor Friedrich Lammert betrat den Raum. »Tabea, was ist denn hier los?« Er sah abwechselnd die Anwesenden an. »Ich war im Arbeitszimmer und habe den ganzen Tumult gehört.«

Der Professor war ein großer, kräftiger Mann. Janneke war durch seine sehr tiefe Stimme irritiert. War das immer schon so gewesen, überlegte sie? Wahrscheinlich hatte sie das bei den wenigen Begegnungen in den letzten Jahren einfach überhört. Er müsste jetzt Anfang siebzig sein, überlegte Janneke.

»Friedrich, das ist Kommissar de Buhr und unsere Nachbarin, Frau Hoogestraat.« Tabea machte eine unbestimmte Handbewegung. »Hast du schon gefrühstückt?«

»Ja, selbstverständlich. Die Thermoskanne mit dem Kaffee stand wie jeden Morgen auf dem Küchentisch. Warum fragst du?«

»Weil Okka tot ist. Sie wurde ermordet. Das ist doch richtig so, Herr Kommissar?« Sie drehte den Kopf ein wenig in die Richtung, in der sie de Buhr vermutete.

»Ja, das stimmt«, bestätigte der Kommissar. »Aber vielleicht können Sie uns kurz erläutern, Herr Lammert, wo Sie sich heute Morgen zwischen neun und elf Uhr aufgehalten haben?«

Der Professor schloss kurz die Augen und wippte ein paarmal mit den Füßen. »Ich bin wie immer um zehn Uhr aufgestanden, habe gefrühstückt und mich dann in mein Arbeitszimmer begeben«, gab er bereitwillig Auskunft und wendete den Blick zu seiner Frau. »So wie jeden Morgen. Du kannst das ja bestätigen, Tabea, oder?«

Die Angesprochene kniff ihre Lippen zusammen und schwieg.

Fasziniert sah Janneke auf Tabea Lammerts Hände, die fast zärtlich den silbernen Knauf ihres Gehstocks streichelten.