Alan Dean Foster

 

Krull

 

 

 

 

Roman

 

Apex Fantasy-Klassiker, Band 3

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

KRULL 

I. Die Ankunft 

II. Die Vermählung 

III. Das Schwert 

IV. Eine Armee 

V. Der Zyklop 

VI. Der Smaragd-Seher 

VII. Der Große Sumpf 

VIII. Hoffnungen und Wünsche 

IX. Die Witwe im Netz 

X. Die Vielgestaltige 

XI. Die Flammenrösser 

XII. Die Schwarze Festung 

XIII. In der Falle 

XIV. Der Kampf gegen das Ungeheuer 

 

Das Buch

 

 

Der Planet Krull wird vom Unbeschreiblichen Ungeheuer und seiner Armee, den Slayers, welche in der Schwarzen Festung die Galaxis durchqueren, erobert. Prinz Colwyn und Prinzessin Lyssa, Thronfolger zweier verfeindeter Königreiche, sind entschlossen, sich miteinander zu vermählen, um ein Bündnis zu schmieden, welches stark genug sein würde, das Ungeheuer zu bezwingen.

Am Tag der Hochzeit jedoch dringen die Slayers in die Burg von König Eirig, Lyssas Vater, ein, zerstören sie und verschleppen die Prinzessin in die Schwarze Festung.

Colwyn, der einzige Überlebende dieses Angriffes, macht sich mit Hilfe des Weisen Ynyr auf, um seine Braut zu befreien. Doch zunächst muss Colwyn das sagenumwobene Fünfklingenschwert erringen: Dieses Schwert ist eine uralte und mystische Waffe – und die einzige Waffe, mit der das Unbeschreibliche Ungeheuer vernichtet werden kann...

 

Der Roman Krull ist das Buch zum gleichnamigen Film von Peter Yates aus dem Jahr 1983 – dem bis dahin aufwändigsten Fantasy-Film. In den Hauptrollen: Ken Marshall als Colwyn, Lysette Anthony als Prinzessin Lyssa, Freddie Jones als Ynyr, Francesca Annis als die Witwe im Netz und Alun Armstrong als Torquil.

KRULL

 

 

  

Kathleen Malley gewidmet,

weil sie das Banner hochhält –

und aus Dankbarkeit für ihr Vertrauen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DAS SCHWERT

stürzt durch den galaktischen Raum.

 

Es verkündet eine Botschaft:

Die schwarze Festung wird vom Himmel kommen.

Aus der Festung werden die Mörder herausstürmen,

um den Planeten Krull zu erobern.

Dann wird ein Mädchen aus einem alten Geschlecht Königin,

und der König, den sie erwählt, wird über den Planeten herrschen.

Und ihr Sohn wird dereinst die Galaxis beherrschen.

 

Obgleich von fürchterlicher Macht kann

DAS SCHWERT

eine wunderbare Waffe sein.

Und in den Händen des richtigen Mannes

vermag es den Planeten zu retten.

 

KRULL.

 

 

 

 

 

 

  

  I. Die Ankunft

 

  

  Der Junge zog den Kragen am Hals fester zusammen.

  Es war ein feuchter und kalter Morgen. Die ersten Vorboten des Winters streckten ihre dünnen, eisigen Finger aus dem Nordland nach Süden. Bald würde das Land unter einer dicken Decke aus feuchten weißen Daunen schlafen.

  In der Nähe weidete die Herde gleichmäßig das hochstehende Gras ab. Die Tiere würden sich den sanften Hang hinaufarbeiten, vielleicht gar bis zu dem großen Felsen, der wie die Nase eines Riesen aus dem Hügel herausragte, bis es dunkel und Zeit zur Heimkehr wurde. Der Hütejunge dachte hungrig an den Topf mit dampfendem Schmorfleisch, der ihn im Dorf erwartete, an den heißen Tee, dessen Wärme sich vom Magen aus langsam durch den ganzen Körper verbreitete und die Kälte des Tages vertrieb.

  Das Leben war nicht leicht, erklärte ihm sein Vater immer wieder, aber wenn man sich ein wenig anstrengte, konnte es erträglich werden. Die Schafe würden Fleisch für das kommende Jahr liefern, ihre Wolle würde sie wärmen, und eigentlich sollte von beidem so viel da sein, dass sie den Überschuss auf dem Markt verkaufen konnten.

  Vielleicht würden sie sogar so viel verdienen, dass sie nach Banbreak reisen konnten, der Heimatstadt seines Vetters, wo immer wieder darüber diskutiert wurde, dass alle Städte und Dörfer der Gegend sich zusammenschließen und ein Königreich bilden sollten. Der Vater des Jungen war Feuer und Flamme für den Zusammenschluss. Eine einzige Regierung würde ihnen Stärke und Schutz bieten und allen zu Wohlstand verhelfen. Es gab zu viel

Uneinigkeit und Streit zwischen den Menschen, vor allem jetzt, da sie eigentlich gegen einen gemeinsamen Feind zusammenstehen sollten.

  Der Leitwidder stieß ein unruhiges Blöken aus, und der Junge riss sich aus seinen Gedanken. Man durfte ihn nicht dabei antreffen, wie er mit offenen Augen träumte. Er stand auf der kleinen Bodenerhebung, die er sich als Ruheplatz ausgesucht hatte, stützte sich auf seinen Stock und musterte sorgfältig das umliegende Gelände. Man konnte nie wissen, was da draußen lauerte, sich zwischen den Büschen duckte oder in den rauschenden Zweigen eines Baumes versteckte. Er war stolz auf seine Wachsamkeit. Seit die Herde ihm anvertraut worden war, hatte er kein einziges Schaf an Räuber verloren, ganz gleich, ob sie sich auf vier, zwei oder acht Beinen anschlichen.

  Der Widder blökte von neuem, und einige Schafe in der Herde antworteten. Sie begannen sich zu sammeln, drängten sich um die ausgewachsenen Widder und vergaßen zu grasen. Die Finger des Jungen krampften sich um den Stab, während er sich langsam im Kreis drehte, um die Ursache für ihre Unruhe zu entdecken. Er konnte nichts sehen. In den Bäumen bewegten sich nur die Blätter im Wind, auf dem Boden gab es nur wogendes Gras und Unkraut. Als sollte sie seine Unruhe noch verstärken, erhob sich plötzlich eine steife Brise; die größeren Büsche bogen sich, und der Kies auf dem Boden wurde weggeblasen.

  Dann fiel dem Jungen auf, dass es unheimlich still geworden war. Kein Vogel sang, kein Hund bellte, nicht einmal die allgegenwärtigen Insekten summten über dem nahen Bach.

  Der Wind nahm an Stärke zu und zerrte an dem Mantel des Jungen. Es wurde rasch finster. Ein Gewitter zieht auf, dachte er. Wahrscheinlich hinter dem Ignatius-Berg. Aber das genügte nicht, um das merkwürdige Verhalten der Herde zu erklären. Jetzt blökten alle Schafe laut und ängstlich. Die Ursache ihrer allgemeinen Unruhe war jedoch noch immer nicht in Sicht.

  Es spielte keine Rolle. Er hatte keine Zeit mehr, Ausschau nach verborgenen Gefahren zu halten. Er musste zuallererst die Herde in Sicherheit bringen, bevor das Gewitter losbrach. Argwöhnisch behielt er das nächste Dickicht im Auge, hinter dem sich ein lauerndes Raubtier verbergen konnte, sprang von seinem Aussichtsposten und begann die Schafe zum Dorf zurückzutreiben.

  Sie weigerten sich jedoch und drängten sich so eng zusammen, dass er befürchtete, sie würden die Lämmer erdrücken. Was zum Teufel war in die dummen Tiere gefahren?

  Er blickte zum Himmel, um die Schnelligkeit und Heftigkeit des näherkommenden Gewitters abzuschätzen, und sein Mund blieb offen vor Schreck. Über den düsteren Himmel zogen dunkle Haufenwolken, aber die größte von ihnen trieb nicht wie die anderen nach Süden. Sie senkte sich stetig auf die Erde herunter. An ihren grauschwarzen Rändern flackerten Blitze, und aus ihrem Inneren drang dumpfes Grollen. Der Wind steigerte sich zum Orkan, als die verdrängte Luft einen Ausweg suchte.

  Der Hirtenjunge blieb genauso gelähmt stehen wie seine Schafe. Jetzt wusste er, warum sie in Panik erstarrt waren, warum sie sich hilflos aneinanderdrängten und nicht versuchten, sich durch die Flucht zu retten. Die Wolke, die keine war, erstreckte sich beinahe über das ganze kleine Tal, und es gab keinen Ort, wohin sie laufen konnten.

  Bäume krachten und zerbrachen wie trockene Zweige, als sich die Festung des Tieres langsam zu Boden senkte und mit ihrem Gewicht alles bis auf den Granitfelsen zermalmte. Ein einziger Mensch hatte ihre unerwartete Landung beobachtet. Allmählich wagten sich die Vögel wieder aus den verschont gebliebenen Bäumen hervor, und die Insekten tauchten aus ihren Verstecken auf und nahmen die Welt in Besitz.

  Der Hirtenjunge und seine Herde waren nur noch Erinnerung.

 

  Als die Reiter nacheinander den schmalen Kamm überquerten, hoben sich ihre Silhouetten deutlich vom hellen Himmel ab. Es war zeitig am Morgen, aber die Pferde keuchten, und die Beine der Reiter schmerzten, die sich an die Flanken der Tiere pressten. Pferde und Männer waren schon lange vor Sonnenaufgang aufgebrochen.

  Jetzt begannen sie den steilen Abstieg, hinter dem die nächste Steigung wartete. Es waren fünf Männer mit leichter Feldausrüstung. Auf dem langen Ritt wären schwere Rüstungen nur hinderlich gewesen.

  Der letzte in der Reihe saß unsicher im Sattel und schwankte vor und zurück, als wäre er betrunken. Das Hin- und Herpendeln wurde immer stärker, bis sich die Augen des Mannes schlossen und er aus dem Sattel fiel. Er rollte den Abhang hinunter und hinterließ dabei eine Spur; sein verströmendes Leben färbte die Felsen und Büsche rot.

  Einer der Reiter verlangsamte das Tempo, hatte aber Mühe, sein Pferd vor einem Fehltritt zu bewahren. Der Anführer, der sich kühn und geschickt einen Weg über den Hang gesucht hatte, hielt ebenfalls an, drehte sich um und sah zu ihrem Gefährten hinüber, dessen Sturz von einem Felsvorsprung auf gehalten worden war.

  »Nein, Masreck!«, rief der Anführer. »Wir haben keine Zeit, und außerdem ist er tot.«

  »Aber Eric ist mein Vetter, Lord Colwyn.«

  »Er war dein Vetter. Lass ihn dort liegen, wo er die ewige Ruhe gefunden hat, sonst geht es uns allen wie ihm! Wir haben schon zu viele Männer verloren, um wegen eines einzelnen, dem wir nicht mehr helfen können, unser Leben aufs Spiel zu setzen. Bewegt er sich?«

  Der Soldat, der die Fahne trug, starrte den reglosen Körper an und antwortete mit zusammengebissenen Zähnen: »Nein, Mylord. Er liegt still.«

  »Dann heb dir deinen Kummer für später auf und bete für seine Seele, während wir weiterreiten. Wir alle haben auf dieser Reise Grund zur Trauer.« Er wandte sich ab und spornte sein Pferd an, den steilen Hang hinunter, über die Wasserrinne an seinem Fuß und dann den gegenüberliegenden Hang hinauf in den dichten Wald. In seiner Nähe ritt ein alter Mann, der eine Königskrone trug und dessen königliche Gewänder mit einer dicken Schicht von Staub und Schmutz bedeckt waren.

  Die Männer waren erschöpft, aber Colwyn wagte nicht, eine Rast einzulegen. Das Land wimmelte von diesen seltsamen Wesen, die die Menschen Slayer nannten. Sie würden noch Zeit genug zum Rasten haben, sobald das Böse vertrieben war.

  Bald durchquerten sie den Fluss Eiritch, und Männer und Pferde genossen den kalten Gischt, den die Hufe aufwirbelten. Einen Monat später, und der Fluss würde sich durch die Regenfälle am Sommerende in einen reißenden Strom verwandeln; heute aber war er seicht. Der Sprühregen wusch Ruß und Schmutz von den Gesichtern, und als sie das gegenüberliegende Ufer hinaufgaloppierten, trocknete das Licht der Zwillingssonnen von Krull rasch die erfrischten Reiter.

  Kurz darauf verließen sie den Wald und ritten zur Hochebene hinauf. In der Ferne erhoben sich schneebedeckte Gipfel.

  Vor dem Hintergrund aus grauen Felsen und blauem Himmel ragte ihr Ziel klar und schön empor, eine Wolke, die sich auf die Erde niedergelassen hatte.

  Colwyn richtete sich in den Steigbügeln auf und deutete darauf: »Die Weiße Festung von Eirig.«

  »Wir sind noch nicht dort, Mylord«, mahnte der Krieger mit der Fahne.

  »Bei den Schatten, wir sind ihr aber nahe!« Colwyn blickte zurück. »Keine Spur von den Slayers. Sie verfügen über alle Eigenschaften, die ein guter Kämpfer braucht, nur nicht über Unternehmungsgeist, wofür wir ihnen danken müssen.«

  »Wir werden es bald herausfinden, Sir«, warf ein anderer Soldat ein.

  »Richtig«, stimmte ein dritter zu.

  Colwyn betrachtete besorgt den schweratmenden alten Mann neben sich. »Vater? Wir könnten hier einen Augenblick Rast machen.«

  »Nicht meinetwegen!«, fuhr ihn König Turold an. Er wischte sich Flusswasser aus dem Bart. »Gleite nach einem solchen Ritt aus dem Sattel, mein Sohn, und du wirst feststellen, dass es doppelt schwer ist, wieder aufzusitzen. Wie du selbst gesagt hast, erwartet uns die Weiße Festung. Nie glaubte ich den Tag zu erleben, an dem ich über diesen Anblick froh sein würde.«

  »Üble Zeiten erzwingen üble Bündnisse.«

  »Ja, das versuchst du mir seit Monaten einzureden. Wir haben lange und oft darüber gestritten, und dies ist nicht der richtige Ort für weitere Debatten.« Er trieb sein Tier an. Colwyn unterdrückte ein Lächeln, während er ihm folgte.

  

  Die Weiße Festung war nicht sehr alt. Ihre Mauern hatten unter dem Krieg und der Verwitterung kaum gelitten, die großen Blöcke aus Kalkstein leuchteten in der Morgensonne, ihre Türme und Zinnen strebten zum Himmel empor. In diesem Bau hatte sich die Kunst der besten Baumeister und Architekten von Krull vereint; er bot in Zeiten der Gefahr eine sichere Zuflucht und war im Frieden eine hellschimmernde, prachtvolle Erscheinung. Die Säulen waren mit Hohlkehlen versehen; große Bogengänge führten in weite Hallen und einen geräumigen, wohlausgestatteten Hof. Die Erbauer der Burg waren stolz auf ihr Werk, und das mit Recht, denn es stellte alle anderen Burgen und Festungen Krulls in den Schatten.

  Die Frau, die an die Brüstung trat und die zarten Hände auf die Mauer legte, schien der Fantasie eines besonders genialen Bildhauers entsprungen zu sein. Eine Wolke duftigen blonden Haars umrahmte ihr Gesicht und betonte ihre vergeistigte Schönheit, während sie die weite Ebene am Fuße der Mauer überblickte. Obwohl ihr Gesicht feingeschnitten und ihr Körper zart war, erkannte man ihre Entschlossenheit am Gesichtsausdruck und an der Körperhaltung. Selbst zufällige Besucher bemerkten sehr bald, dass Lyssa von Eirig etwas Besonderes an sich hatte.

  Auch ihr Vater empfand dies wieder einmal, als er auf sie zutrat. Er versuchte wie schon oft zu erkennen, durch welche Eigenschaften Lyssa sich von den übrigen Menschen unterschied, fand aber nach wie vor keine Antwort auf diese Frage. Es war enttäuschend, das eigene Kind nicht zu verstehen. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, sie zu bewundern und zu lieben.

  Er legte ihr liebevoll den Arm um die Schultern, und sie lächelte ihm einen Augenblick lang zu, bevor sie wieder ins Weite blickte.

  »Colwyn und seine Eskorte hätten schon vor einer Woche eintreffen sollen, Vater.«

  »Die Slayers kontrollieren alle Pässe, denn sie überfallen gern unvorsichtige Reisende. Vielleicht hatte er nicht genügend Männer bei sich, um durchzubrechen.«

  »Das wäre dir recht«, stellte sie trocken fest.

  Eirig blickte zur Seite. Es war ihm unmöglich, seine wahren Gefühle vor Lyssa geheimzuhalten. Sie erkannte besser als der klügste Politiker, wann ein listenreicher Mensch log. Welch unerwünschtes und unangenehmes Talent für eine Tochter!

  »Ich habe ihm Verstärkungen entgegengeschickt. Das weißt du. Er hatte sie weder angefordert, noch war ich dazu verpflichtet. Ich tat es allein auf dein Drängen hin.«

  »Zwanzig Mann?« Trotz ihres sanften Tons war der Vorwurf nicht zu überhören.

  »Unsere Wehrgänge sind nur schwach besetzt. Die meisten meiner Männer bringen im Osten die Ernte ein. Soll ich die Burg, meine Verwandten und Untertanen ohne Schutz lassen, nur um einem Fremden beizustehen, dem vielleicht gar nicht mehr zu helfen ist? Studierst du jetzt neben Philosophie auch noch die Kriegswissenschaften? Vielleicht sollte ich dich zum General meiner Armee ernennen.« Während er diesen Wortschwall hervorsprudelte, wagte er nicht, ihr in die Augen zu blicken. »Ich habe so viele Männer geschickt, wie ich entbehren konnte. Die Slayers sind überall. Meine erste Pflicht ist es, Eirig zu schützen. Mehr konnte ich nicht für ihn tun.«

  »Unsere Mauern sind nicht stärker als Papier, solange die Slayers straflos durch unsere Welt streifen«, erwiderte sie. »Ich habe unsere Geschichte studiert. Uneinigkeit und Misstrauen zwischen den Königreichen vergiften ganz Krull und machen es den Slayers leicht, uns zu besiegen. Sie sind anders als alle Feinde, gegen die wir bisher gekämpft haben. Wir müssen endlich den alten Hader begraben. Dieses Bündnis ist für uns lebensnotwendig. Du weißt, dass alle Weisen dazu raten.«

  »Diese alten Herren«, flüsterte Eirig. Das Bewusstsein, dass sie Recht hatte, stimmte ihn keineswegs um. »Ein Bündnis mit Turold, unserem ehemaligen Feind! Eine Heirat mit seinem Sohn. Und dabei haben wir keine Garantie, dass wir dank diesem Bündnis die Slayers besiegen werden.«

  »Kein Weiser gibt Garantien ab, Vater«, tröstete sie ihn. »Dies ist ein Beweis für seine Klugheit.«

  Er wandte sich von ihr ab. »Du liest zu viel.«

  »Jeden Tag hören wir von einem weiteren Dorf, das die Slayers niedergebrannt haben. Wir müssen etwas unternehmen. Dieses Bündnis kann uns nur stärker machen. Ich weiß es, und alle Zeichen bestätigen es.«

  »Du und deine verdammten Zeichen!«, brummte er. Eine merkwürdige Frau, grübelte er. Sie ist meine Tochter und bleibt doch eine Fremde für mich.

  »Vater«, unterbrach sie ruhig seine Gedanken, »der Vergangenheit nachzutrauern ist Luxus und alter Hass der entbehrlichste Luxus überhaupt. Wir haben jetzt einen einzigen Feind, mit dem wir uns befassen müssen: die Slayers, die unser aller Feinde sind. Wir müssen ihnen irgendwie Einhalt gebieten, sonst versklaven sie uns alle. Ich gehe die Ehe mit Turolds Sohn für ganz Krull, für alle Menschen ein. Das Volk weiß, dass die Königreiche sich gegen diese Eindringlinge zusammenschließen müssen.«

  Eirig lehnte an den kühlen Steinen und knetete seine Finger. »Wenn es nur ein anderer als Turolds Sohn wäre!«

  »Es muss Turolds Sohn sein.« Ihre Stimme klang fest. »Es ist die richtige Entscheidung, und du weißt das auch.«

  »Ja, ja, ich weiß es«, brummte Eirig. Er hatte der Heirat nur äußerst widerstrebend zugestimmt.

  »Es wird gelingen, Vater, denn es muss um unser aller willen gelingen. Ich weiß nicht, was mich in dieser Ehe erwartet, aber ich werde alles Erdenkliche tun, damit sie den Erfolg, den wir brauchen, bringt.«

  Sie sah, dass ihn ihre Überlegungen kaum beeindruckten, und fügte hinzu: »Colwyn soll ein ausgezeichneter Kämpfer sein.«

  »Ich mache mir um meine Tochter genauso viele Sorgen wie um mein Volk und um Krull«, antwortete Eirig etwas weniger unwirsch. »Das werde ich wohl noch dürfen!«

  Sie legte ihm lächelnd die Hand auf den Arm. »Natürlich darfst du es, Vater, und ich liebe dich deshalb.«

  »Gute Kämpfer geben übrigens schlechte Ehemänner ab.«

  »Ich achte deine Meinung, Vater.« Sie gab ihm einen Kuss, bevor er ihr ausweichen konnte. »Aber du musst dir meinetwegen keine Sorgen machen. Ich bin sehr gut imstande, mich zu schützen.«

  »Das weiß ich«, murmelte er zärtlich.

  »Vielleicht hast du Recht. In diesem Fall werde ich mich bei dir entschuldigen.«

  »Ich will nicht, dass du dich entschuldigst, ich will, dass du glücklich wirst.«

  »Ob das möglich ist, lässt sich nur auf eine einzige Art und Weise feststellen.« Sie wandte sich wieder der Ebene zu, und ihre Blicke schweiften zum Sumpfgebiet am Fluss.

  »Vielleicht«, gab er zögernd zu. »Jedenfalls hat es keinen Sinn, wenn du täglich bis zur Erschöpfung Ausschau hältst. Geh hinunter und ruh dich ein wenig aus; ich werde dich rufen, falls sie heute noch eintreffen sollten.«

  »Jetzt beweist du wieder den gesunden Menschenverstand, für den König Eirig berühmt ist.« Sie lächelte ihm zu, während sie die Mauer verließ.

  Eirigs Augen folgten ihr. Ein merkwürdiges Mädchen. Nein, eine merkwürdige Frau, korrigierte er sich. Ihre Mutter würde stolz auf sie sein. Sie ist von der gleichen unbeugsamen Art gewesen.

  Trotz aller Argumente, die sie ins Treffen geführt hatte, war er im Grunde immer noch gegen die geplante Heirat, auch wenn sein Verstand ihr Recht gab. Seine Berater waren sich über die Vorteile der Verbindung nicht einig und stritten wie üblich miteinander, so dass sie ihm die Entscheidung erschwerten, statt ihm dabei zu helfen. Er hatte sich selbst ein Urteil bilden müssen. Sein Herz sagte nein, sein Verstand sagte ja, und die beiden Kräfte hatten in den letzten schwierigen Monaten oft miteinander gekämpft.

  Schließlich hatte der Verstand gesiegt, obwohl er sogar jetzt noch gelegentlich in Versuchung war, die ganze Sache rückgängig zu machen. Er tat es jedoch nie, weil die Argumente seiner Tochter zu überzeugend waren. Dummerweise kam ihm dabei der bohrende Verdacht, dass sie vielleicht sogar eine Spur klüger war als ihr Vater.

 

  Die Mauern ragten vor den müden Reitern in den Himmel, während sie ihre Tiere über die letzten hundert Meter hetzten. Es war schwer festzustellen, ob Pferde oder Reiter erschöpfter waren. Ganz bestimmt brauchten aber beide eine ausgiebige Rast.

  Colwyn lehnte sich im Sattel zurück, als sie sich der Brücke näherten, und rief: »Öffnet das Tor! Lasst uns ein!«

  »Wen sollen wir einlassen?«, wollte eine streitlustige Stimme von oben wissen.

  Eine zweite Stimme brüllte sie sofort nieder: »Bei den Flussschlangen, es ist Prinz Colwyn! Und König Turold persönlich! Lasst sie ein!«

  Das schwere Tor schwang nach innen. Colwyn ritt seinen Gefährten voran in den Hof. Im Licht der an den Mauern befestigten Fackeln wirkten die Reiter noch erschöpfter. Sofort drängten sich besorgte Diener und Bewaffnete um sie.

  »Ihr habt es von Turold bis hierher geschafft... wie seid ihr zwischen den Slayers durchgeschlüpft? Habt ihr den weiten Weg nur zu viert zurückgelegt...?« Die Fragen prasselten so schnell auf sie nieder, dass die Reiter nicht antworten konnten, selbst wenn sie dazu bereit gewesen wären.

  Die Bewaffneten wichen zur Seite, als ihr Herr mit seinem königlichen Gefolge den Hof betrat. Sie würden ihre Neugierde noch eine Zeitlang im Zaum halten müssen.

  Turold stieg ab und bemühte sich dabei, den Neuankömmlingen nicht zu zeigen, wie sehr seine Beine schmerzten. Ganz gleich, wie erschöpft er war, er würde den zukünftigen Schwiegervater seines Sohnes nicht um Hilfe bitten. Colwyn blieb im Sattel sitzen, wie es das Protokoll vorschrieb, obwohl er es für Unsinn hielt.

  Die beiden Könige betrachteten einander ohne große Begeisterung. Turold war nicht in der Stimmung, auf die Einhaltung der Etikette Wert zu legen. »Wir haben euch um Hilfe ersucht. Mehr als ein Bote wurde ausgeschickt, doch keine Truppen kamen. Dass wir heil und gesund angekommen sind, haben wir ausschließlich uns selbst zu verdanken.«

  Eirig gab nicht so schnell klein bei, obwohl ihm der Vorwurf seiner Tochter in den Sinn kam. »Eure Boten haben uns nie erreicht. Das Netz der Slayers ist zu dicht, vor allem nachts. Dennoch haben wir zwanzig Mann ausgeschickt und gehofft, dass sie auf euch stoßen werden.«

  »Wir haben auf dem Ritt hierher dreihundert verloren«, antwortete Turold zornig. »Die Nachhut liefert ein aussichtsloses Gefecht nach dem anderen, damit wir die relative Sicherheit dieser Mauern in Anspruch nehmen können. In dem Land zwischen dieser Burg und Turold liegen zu viele unserer Getreuen. Und du hast uns ganze zwanzig Mann entgegengeschickt!«

  »Die Slayers sind überall, und um diese Jahreszeit steht die Armee von Eirig zum Großteil auf dem Papier! Die meisten meiner Soldaten sind zu Hause und bringen die Ernte ein, damit uns die Slayers nicht aushungern können, falls sie uns angreifen. Ich muss mich um meine eigenen Leute in der Burg kümmern, um Frauen und Kinder. Ich habe getan, was ich konnte.« Er trat kampflustig einen Schritt vor. »Ich habe diese Heirat nicht gewollt, Turold!«

  »Ich ebenso wenig, Eirig!«

  Jetzt hatte Colwyn genug. Zum Teufel mit der Hofetikette! Er glitt vom Pferd und trat zwischen die beiden.

  »Ich habe sie gewollt«, stellte er ruhig fest.

  Colwyn war nicht besonders groß. Er hatte Vettern, die ihn überragten, und die körperlich kräftiger waren. Aber keiner war so schnell wie er. Er neigte dazu, sich aus einer Debatte herauszuhalten, vor allem wenn er unheilbarer Dummheit gegenüber stand. Es gab genügend Leute am Hof von Turold, die ihn für leichtsinnig und etwas zu wild hielten, um die Krone zu tragen.

  Aber niemand zweifelte an seiner Ehrlichkeit oder an seinem Mut, und obwohl er kein Gelehrter war, verfügte er über die Fähigkeit, zum Kern des verwirrendsten Problems vorzustoßen, wodurch er die auf Debatten und Wortgefechte spezialisierten Höflinge peinlicherweise aus der Fassung brachte. Im Gegensatz zu seinen Verwandten war er nicht von kriecherischen Speichelleckern umgeben. Ein Sprichwort in Turold lautete: Stell Colwyn eine Frage, und du bekommst eine klare Antwort; du solltest aber darauf achten, dass die Frage wirklich die Mühe wert ist, sich mit ihr zu befassen.

  »Deine Tochter hat sie gewollt«, wandte er sich an Eirig.

  Er blickte zu seinem Vater zurück, dann wieder zu dem König, der sie nicht gerade überschwänglich empfangen hatte. »Die Hochzeit wird stattfinden. Streitet, soviel ihr wollt, kämpft miteinander, wenn es euch Spaß macht, aber nichts wird diese Verbindung verhindern! Dieses Bündnis muss zustande kommen.

  Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich möchte meine Braut kennenlernen.« Er wandte ihnen den Rücken zu und blickte sich im Hof um. Nach kurzer Überlegung ging er zur Tür, die in den Bergfried führte, als würde er den Weg genau kennen.

  Eirig fiel nichts ein, womit er ihn zum Stehenbleiben zwingen konnte, andererseits war er jedoch nicht bereit, einem Jungen das letzte Wort zu überlassen. Er zeigte auf Turold und seine beiden überlebenden Begleiter.

  »Ist das die große Armee, die du Eirig zur Verfügung stellen willst, damit wir gegen die Slayers kämpfen?«

  Colwyn blieb auf der Treppe stehen. Seine Stimme klang ruhig und sicher, als er antwortete. »Ich werde jedes Heer, das mir zur Verfügung steht, gegen die Slayers führen. Ich habe zwei Kämpfer mitgebracht. Wenn Eirig zwei ebenso gute Männer stellen kann, besitze ich eine Armee von fünf Mann. Eines aber weiß ich: Ich werde mich weder hier noch in Turold hinter Burgmauern verstecken und darauf warten, dass die Slayers mich herausholen, so wie ein Schwein den Metzger erwartet. Die Slayers sind gewohnt, Angreifer zu sein. Vielleicht wird es sie überraschen, wenn sie zur Abwechslung einmal die Angegriffenen sind, ganz gleich, wie groß das Heer ist, das ihnen gegenübersteht. Ich werde gegen sie kämpfen, König Eirig, mit jeder Streitmacht, die ich mit Hilfe deines und meines und jedes anderen Landes auf stellen kann, das sich mir anschließt.« Er ging weiter, zögerte jedoch am oberen Ende der Treppe. »Ich werde gegen sie kämpfen, bis ich gesiegt habe oder tot bin.« Damit verschwand er in der Burg.

  Eirig starrte ihm nach, dann wandte er sich seinem königlichen Gegenüber zu. »Ich weiß nicht, ob er ein ebenso guter Kämpfer ist, wie du es bist, Turold, aber deine Zungenfertigkeit hat er bestimmt geerbt.«

  Turold sah an seinem Gastgeber vorbei zu der Tür, hinter der sein Sohn verschwunden war. »In dem Jungen ist noch viel mehr, Eirig! Manchmal verstehe ich ihn nicht. Manchmal glaube ich, dass er nicht nur mit den Augen sieht. Selbst die Weisen meines Hofes haben Respekt vor ihm, und nicht wenige fürchten ihn sogar. Ein überaus ungewöhnlicher Sohn. Wenn ich das Für und das Wider abwäge, ist mir klar, dass er mehr ein Segen als ein Fluch ist, aber es gibt Augenblicke, in denen ich daran zweifle. Die gibt es tatsächlich.«

  Eirig hatte einiges an dieser Erklärung zu enträtseln, dann runzelte er die Stirn. Es war nicht das erste Mal, dass jemand in Bezug auf einen königlichen Spross solche Gedanken äußerte.

  

  Ich hasse diese verdammten großen Burgen!, dachte Colwyn, als er die große Halle betrat. Er blieb stehen, um sich Schweiß und Schmutz vom Gesicht zu wischen. Um ihn hingen bunte Fahnen und Wappen von den Balken herab, das Fackellicht spiegelte sich in Rüstungen. Eirigs Königreich war nicht besonders reich, aber ausgedehnt, und seine Bewohner neigten nicht dazu, mit ihrem Reichtum zu protzen. In dieser Beziehung hatten sie viel mit Turold gemeinsam.

  Er wollte durch das Bündnis nicht zu Geld kommen, sondern er suchte tapfere Männer, die bereit waren, für ihr Heim und ihre Welt zu kämpfen. Die Weisen an seinem Hof hatten versucht, ihm zu beweisen, dass ein solches Unterfangen von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Die Raubzüge der Slayers konnten nicht verhindert werden; schon der Gedanke daran war Wahnsinn. Am besten fügte man sich in sein Schicksal, so wie man einen harten Winter oder eine sommerliche Überschwemmung hinnahm.

  Colwyn weigerte sich zuzugeben, dass die Katastrophe unabwendbar war, die einige der Weisen voraussagten. Er fürchtete die Schwarze Festung und auch den Herrn der Schatten nicht, dessen Wohnstatt sie war. Er war nicht darüber entsetzt, dass die Festung offensichtlich von einer anderen Welt kam. Nur weil diese Heimsuchung neu und fremd war, bedeutete das noch lange nicht, dass man nichts gegen sie unternehmen konnte.

  Die Slayers konnten genauso getötet werden wie jeder andere Mensch, obwohl sie schreckliche Waffen besaßen und nicht so kämpften wie Menschen. Man musste nur den Willen haben, gegen sie anzutreten, den Willen und eine Armee von unerschrockenen Kriegern. Eirig und Turold gemeinsam konnten eine solche Armee auf die Beine stellen.

  Er ging weiter, stolperte vor Erschöpfung über seine eigenen Füße und riss sich zusammen. Seine Augen wanderten nach links. Von dort war ein leises Kichern gekommen.

  Sein Blick blieb an der halb geöffneten Tür haften. Selbst in der nur spärlich beleuchteten Halle wäre es schwer gewesen, die leuchtenden Farben zu übersehen.

  Lyssa lachte nicht wieder, sondern trat in das Licht hinaus. Ihr Kleid war schön, aber nicht reich bestickt, und sie war genauso sauber, wie Colwyn schmutzig war. Ihre Blicke trafen einander, und sie schoben sofort alle unwichtigen Gedanken beiseite.

  Sie ist so zart, dachte Colwyn. Ein Windhauch könnte sie davontragen. Oder doch nicht? Etwas an ihr widersprach diesem Eindruck. Ein dünner Baum kann starke Wurzeln haben, fiel ihm ein. Also schlank und kräftig, sowohl geistig wie körperlich. Das war die Lyssa, die er erwartet hatte. Sie ging auf ihn zu.

  »Ich habe eine gute Wahl getroffen«, sagte sie leise und offen. Das ist es, dachte er. Die Kraft, die er tief in ihr spürte, die gleiche Kraft, die aus ihren Briefen geklungen hatte. Sie lag auch in ihrer Stimme, obwohl sie leise sprach. Er hatte angenommen, einer viel hochgewachseneren Frau zu begegnen, aber während er sie betrachtete, wuchs sie in seinen Augen.

  »Ich ebenfalls«, konnte er gerade noch murmeln.

  »Gutaussehend.« Sie sah ihn offen an. »Damit hatte ich nicht gerechnet. Es hätte keine Rolle gespielt, aber wahrscheinlich ist es von Vorteil, wenn eine Frau ihren Mann als angenehmen Anblick empfindet.«

  »Das Leben ist lang und hat viele Morgen«, antwortete er. »Das erste Gesicht, das man täglich sieht, sollte einem nicht missfallen.«

  »Du sprichst von künftigen Tagen. An deinem Aussehen merke ich, dass die vergangenen Tage nicht sehr erholsam waren. War eure Reise genauso schwierig wie lang?«

  »Die Verzögerung war notwendig. Das Land zwischen Eirig und Turold ist von dem Elend erfüllt, das die Slayers angerichtet haben. Wir haben möglichst viele von ihnen auf den Feldern hingestreckt, die sie zerstört hatten.«

  »Du bist stolz darauf, dass du getötet hast?« .

  »Darauf bin ich nicht stolz. Mord ist nie lobenswert.«

  Sie nickte langsam. »Man berichtete mir, dass du tapfer bist, aber meine Berater wiesen immer wieder darauf hin, dass du kein gewöhnlicher Krieger bist. Du bist weise und siehst gut aus. Eine seltene Mischung.« Sie hob ihren Rock leicht mit beiden Händen und drehte eine Pirouette. »Du findest mich also anziehend?«

  »In den letzten Monaten musste ich am Hof unzählige müßige Fragen beantworten. Stell nicht auch du mir welche!« Er grinste.

  »Du gefällst mir, Meister des indirekten Kompliments.« Dann wurde sie ernst. »Wie ergeht es deinem Heimatland mit den Slayers?«

  »Nicht schlechter als den meisten - und besser als vielen. Anscheinend greifen sie die ärmeren Königreiche und kleineren Städte zuerst an. Wenn man ihnen nicht Einhalt gebietet, kommen sicherlich auch wir an die Reihe.«

  »Du glaubst, dass man ihnen Einhalt gebieten kann?«

  »Man kann sie töten, obwohl sie nicht wie Menschen sterben. Ich gebe denen, die der Auffassung sind, dass es unser Los ist, von ihnen überrannt zu werden, keineswegs Recht. Ich glaube nicht an ein unabwendbares Schicksal. Wenn ich es täte, wäre ich diese Ehe nicht gegen den Wunsch meines Vaters eingegangen.«

  »Und ich nicht gegen den Wunsch meines Vaters.«

  »Wir sollten also keine Zeit verlieren. Wird die Zeremonie hier abgehalten werden?« Er zeigte auf die weitläufige Halle.

  »Nein, es gibt in der Burg einen besonderen Raum dafür. Heute werden wir die Zeremonie gemäß den alten Bräuchen bei Mondaufgang beginnen. Ich liebe Rituale nicht, aber mein Vater besteht darauf. Er möchte, dass du dich bewährst.«

  »Das glaube ich gern.« Er schwieg und war plötzlich mit seinen Gedanken weit weg.

  Sag etwas!, ermahnte sich Lyssa, als die Stille zwischen ihnen lastend wurde. Der Mann fühlt sich unbehaglich. Sorge dafür, dass er sich entspannt! Ihr sollt Mann und Frau werden, keine Geschäftspartner.

  »Mein Vater behauptet, dass gute Kämpfer schlechte Ehemänner abgeben.«

  »Ich habe es genau umgekehrt gehört. Was sagt deine Mutter dazu?«

  »Meine Mutter starb, als ich noch klein war. Ich erinnere mich kaum an sie. Nein.« Sie legte ihm die Hand auf die Lippen, um zu verhindern, dass er die üblichen mitfühlenden Worte aussprach. »Das ist lange vorbei, und jetzt ist auch nicht die Zeit, sich mit der Vergangenheit zu befassen.« Sie lächelte ihn beruhigend an. »Manche finden, dass es vom Ehemann abhängt. Was meinst du?«

  Die Frau ist ebenso klug wie schön, überlegte Colwyn. Alles, was man ihm erzählt hatte, stimmte. Es gab in ihren Ländern viele anziehende Damen, viele Prinzessinnen in nahegelegenen Königreichen, aber es gab nur eine Lyssa von Eirig.

  »Meiner Meinung nach hängen Friede und Liebe zwischen zwei Völkern oder zwischen Mann und Frau nicht davon ab, dass man an alte Geschichten und Ammenmärchen glaubt, sondern dass die Beziehungen zwischen ihnen frei von Intrigen der anderen bleiben.«

  Ihr Lächeln vertiefte sich. »Eine kluge Antwort, Colwyn. Ich glaube, dass wir gut zueinander passen.« Sie beugte sich vor und küsste ihn leicht. Die kurze Berührung erinnerte ihn an den heißen Hauch aus einem Backrohr, das man schnell öffnet und ebenso schnell wieder schließt. Sie war zärtlich und verheißungsvoll. Sie trennten sich nur zögernd.

  »Der Anstand«, flüsterte sie und blickte an ihm vorbei, um sich zu vergewissern, dass die große Halle immer noch leer war und dass niemand sie beobachtet hatte.

  »Wir werden nur einmal heiraten, also müssen wir darauf achten, dass alles ordentlich abläuft. Ich bin deiner sicher, aber wir müssen einander sicher sein.« Ihre Hand strich leicht über seine Wange. Dann drehte sie sich um und verschwand durch die Tür, durch die sie gekommen war.

  Colwyn sah ihr nach, bis sich die Tür hinter ihr schloss. Seine Wange brannte an der Stelle, an der sie sie berührt hatte. Er bemerkte, dass seine Hände immer noch ineinander verschlungen waren, als würde er die ihren halten, und dass er den Atem anhielt wie ein Schwimmer, der eine lange Strecke unter Wasser zurückgelegt hat. Er atmete langsam aus.

  Die Slayers sollten sich lieber in Acht nehmen. Wenn er eine solche Frau an seiner Seite wusste, gab es nichts, was ihm nicht gelingen könnte.

 

 

 

 

 

  

  II. Die Vermählung

 

 

 

  Niemand wusste mehr, wer den ältesten Kern der Burg entworfen hatte. Der Baumeister, der sie errichtet hatte, war nur noch eine in Ehren gehaltene Erinnerung, und die Pläne, die er gezeichnet hatte, verstaubten irgendwo in den königlichen Archiven. Das Zentrum bildete ein besonderer Raum, der nur für ganz spezielle Zeremonien verwendet wurde.

  Ein zufälliger Beobachter hätte auch nicht sofort begriffen, warum es so gestaltet worden war. Ein Mathematiker hätte überrascht die Gesetzmäßigkeit erkannt, aber im Augenblick gab es in Eirig keine Mathematiker.

  Zwei Korridore verliefen im unteren Teil der Weiße Festung, beschrieben Kurven und Windungen, bis sie schließlich im Zentrum zusammentrafen. Ein kleiner Altar und ein Wasserbecken, das aus einem Leitungshahn gefüllt wurde, beherrschten das eine Ende des Raums.

  Leise Musik klang durch das Zentrum, aber nur wenige Teilnehmer an der Zeremonie achteten darauf. Eirig und Lyssa kamen durch einen Korridor, während am Ende des anderen Ganges Colwyn und sein Vater ungeduldig das Eintreffen der Braut erwarteten. Colwyn wäre es am liebsten gewesen, wenn er die Zeremonie schon hinter sich gehabt hätte, aber er versuchte nicht, ihren Ablauf zu beschleunigen. Er dachte daran, was Lyssa über Sitte und Anstand gesagt hatte.

  Die Bewaffneten blickten geradeaus, als das königliche Paar durch ihre Reihen schritt, obwohl einige von ihnen sich zu einem Blick auf die wunderschöne Lyssa hinreißen ließen, wenn sie an ihnen vorbeischwebte. Alle wussten, dass sie schon viele Bewerber abgewiesen hatte, und jeder Mann verglich sich im geheimen mit dem erfolgreichen Bräutigam, dem ernsten Colwyn von Turold. Sie empfanden jedoch kaum Neid. In ihren Herzen vermischten sich Bewunderung und Hoffnung. Sie wussten alle, welche Vorteile ihnen das Bündnis mit dem mächtigen Nachbar im Westen bringen konnte.

  Sobald Lyssa mit ihrer Fackel zwischen zwei Soldaten durchging, flammten deren Fackeln auf. Obwohl man sie darauf vorbereitet hatte, war es immer noch eine schreckhafte Überraschung für die Männer. Diese Fähigkeit der Prinzessin hatte mehr als einen Freier vertrieben, es war die Macht, die in ihren Augen lag und dem stärksten Mann den Mut raubte. Dass diese unausgesprochene Bedrohung Colwyn nicht abgeschreckt hatte, sprach am meisten für ihn.

  Und als Colwyns Fackel die Fackeln der Männer in dem zweiten Korridor entzündete, nickten die Bewaffneten beifällig. Dies war endlich ein gleichwertiger Partner für ihre Prinzessin. Wer konnte Voraussagen, was aus so einer Verbindung alles erwachsen würde?

  Sie trafen endlich in dem gewölbten Raum zusammen, der als Zentrum bezeichnet wurde, dem ehrwürdigen Ort der Vereinigung, dem Heiligtum, in dem die Mächtigen einander geheime Kenntnisse enthüllen konnten.

  Wie es Turold zustand, sprach er als erster, und seine Stimme klang fest und entschlossen. »Von diesem Tag an... gibt es mein Königreich nicht mehr.«

  Colwyn löste die Hand von der Fackel, die er gemeinsam mit seinem Vater hielt. Seine Augen waren halb geschlossen, und es sah beinahe aus, als würde er einschlafen. Aber er war hellwach. Die Fackel erlosch. Er blinzelte und wandte sich seiner Braut zu.

  »Das gilt auch für das meine«, sagte Eirig, der endlich davon überzeugt war, dass dieser Turoldianer der Richtige für seine Tochter war.

  Lyssa ließ ihre Fackel los, und die Flamme erlosch genauso schnell wie bei Colwyn. Turold trat einen Schritt vor, streckte die Hand aus und legte sie König Eirig auf den Oberarm. Eirig erwiderte die Geste.

  »Ein einziges Königreich, regiert von unseren Kindern. Von diesem Tag an soll niemand für Turold oder für Eirig sprechen. Unsere Völker sollen sich frei und ohne Furcht vermischen und einander in guten wie in schlechten Zeiten beistehen. Wenn in einem der Länder Blut vergossen werden muss, dann soll es nicht das Blut eines Bruders, sondern das der Slayer sein.«

  »So ist es beschlossen«, sagte Eirig ruhig. Die Bedeutung dieses Augenblicks hatte beinahe alle noch vorhandenen Zweifel verscheucht, und in Turolds Ton klang raue Freundschaft mit. »Jetzt begeben wir uns in die große Halle, damit die Hochzeitszeremonie gehörig vollzogen und der Bund besiegelt werden kann.«

  Beide Paare drehten sich um und gingen den Korridor zur Rechten hinauf. Colwyn und Lyssa schritten Seite an Seite hinter ihren Vätern her und waren sorgfältig darauf bedacht, einander nicht anzusehen. Die langwierige Zeremonie war eine schwere Belastung für Colwyn, und er konnte es nicht erwarten, die Reden und Anrufungen endlich hinter sich zu haben. Lyssa warf ihm Seitenblicke zu, die ihn zur Geduld mahnten, und flüsterte, ohne den Kopf zu wenden: »Trag es mit Fassung, mein künftiger Ehemann, das alles wird bald vorüber sein!«

  »Ich halte nichts von solchen primitiven Ritualen«, murmelte er als Antwort.

  »Sie sind notwendig. So steht es in den alten Büchern.«

  »Die Bücher haben uns beim Kampf gegen die Slayers nicht viel genützt. Warum sollte ich mich nach ihnen richten, wenn es um meine Hochzeit geht?«

  »Weil ich dich darum bitte, Colwyn.«

  Er grinste wider Willen. »Höre ich vielleicht Applaus?«

  Sie blieb hinter ihm zurück. »Nur, wenn du nicht bemerkst, dass ich dir überallhin folge.«

  Eirig drehte sich zu ihnen um; sie begannen gerade eine Wendeltreppe hinaufzugehen. »Seid ruhig, ihr beiden! Denkt an eure Stellung.«

  »Das werde ich tun, Vater, sobald die Zeit dafür gekommen ist.«

  Eirig runzelte die Stirn, entgegnete aber nichts. Vielleicht war es sogar ganz gut, ein so respektloses Kind endlich loszuwerden.