image

ISBN 978-3-7026-5932-5
eISBN 978-3-7026-5933-2

1. Auflage 2019

Einbandgestaltung: b3k

© 2019 Verlag Jungbrunnen Wien

Alle Rechte vorbehalten – printed in Austria

Druck und Bindung: Christian Theiss GmbH, A-9431 St. Stefan

Brigitte Jünger

Der Mantel

image

Brigitte Jünger

wurde 1961 in Köln geboren. Sie studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie und arbeitet als Autorin und freie Journalistin für mehrere Rundfunkanstalten in Deutschland. Sie macht Hörfunkbeiträge zu Themen wie Musik, Kunst, Religion, Zeitgeschichte, Naher Osten und das Zusammenleben verschiedener Kulturen.

Für Helena, Hannah und Alexander

Inhalt

Teil 1

1Agnes Stielow, siebenundsiebzig Jahre alt, immer noch rothaarig, wie als kleines Mädchen schon, wohnt in Stommeln, wo sie geboren wurde

2Fanette, vierzehn Jahre alt, erwartungsvoll, was die Zukunft angeht, aber besorgt an diesem Morgen, wohnt in Paris, 12. Arrondissement, Rue de Bercy No. 2, dritte Etage rechts

3Aron Schatz, fünfundneunzig Jahre alt, schlecht auf den Beinen, wohnt in Paris, 12. Arrondissement, Rue de Bercy No. 2, dritte Etage links

4Fanette, vierzehn Jahre alt, geduscht

5Aron Schatz, fünfundneunzig Jahre alt, hört es an seiner Wohnungstür läuten

6Fanette, vierzehn Jahre alt, sitzt ihrem Freund Moumouche wieder am Küchentisch in ihrer Wohnung gegenüber

7Aron Schatz, fünfundneunzig Jahre alt, nach einem anstrengenden Vormittag hat er jetzt endlich gefrühstückt und sitzt nun in einem Sessel, der fast so alt ist wie er selbst

8Susinka, mehr als eine Erinnerung, wohnhaft: Ja, wo wohnen die Toten? Irgendwo zwischen Himmel und Erde

9Aron Schatz, fünfundneunzig Jahre alt, erschöpft

10 Fanette hat einen Entschluss gefasst und bereut ihn sofort wieder

11 Monsieur Schatz ist glücklich und ein bisschen aufgeregt, obwohl ihm der Arm weh tut

12 Wolfgang, Susis Bruder, auch er aus einer schmerzhaften Ferne

13 Fanette braucht gar nicht viel zu sagen

14 Aron Schatz, im Himmel auf der Erde

15 Wolfgang, wieder diese Stimme aus dem Irgendwo

16 Monsieur Schatz bereut die Abwege, auf die er immer gerät

17 Zu treuen Händen 1

18 In einer Sommernacht vor langer Zeit

19 Zu treuen Händen 2

20 Jetzt aber wirklich: Abschied

21 Wenn von ihrem Mantel die Rede ist, ist Tante Jennys Stimme nicht fern

Teil 2

1Agnes Stielow und das rote Haar

2Viereinhalb Stunden

3Köln und Köln

4Wolfgang, erstaunt, immer noch

5Ankunft im Dorf

6Sonntägliche Schatten

7Susinka

8Dorfalltag

9Änni Mannebach, geborene Schreier, hört noch gut

10 Dringende Nachfrage

11 Langsame Antwort

12 Am gleichen Montagabend in Paris

13 Fanette gibt nicht auf

14 So viele Fragen!

15 Aron schaut die Zimmerdecke an

16 Änni, die eigentlich Mittagsschlaf halten will

17 Schabbat

18 Susi – so fern und doch so nah

19 An der Bushaltestelle

20 Jenny Stock

21 Schwerer Schlaf

22 Susinka

Teil 3

1Agnes Stielow geht wieder zur Schule

2Jenny

3Fanette kommt nicht aus dem Bett

4Aron unter der Dusche

5Wolfgang und der klappernde Briefkastendeckel

6Fanette, immer noch im Bett an diesem Montag

7Susi abfahrbereit

8Überraschung Jakob!

9Jenny gibt den Mantel zur Aufbewahrung

10 Agnes Stielow – wann fängt die Erinnerung an?

11 Zufällige Begegnung

12 Susi, Freitag, 17. Juli 1942 – Abschied 1

13 Wolfgang, Freitag, 17. Juli 1942 – Abschied 2

14 Agnes Stielow wundert sich

15 Wie Vieh

16 Bist du noch da?

17 Susi schaut auf den Rhein

18 Den Wind im Rücken

19 Wolfgang möchte hoffen können

20 Frühmorgendlicher Besuch

21 Unerwartetes Wiedersehen

Epilog

Nachwort

Teil 1

1

Agnes Stielow, siebenundsiebzig Jahre alt, immer noch rothaarig, wie als kleines Mädchen schon, wohnt in Stommeln, wo sie geboren wurde

Der Mantel der „ärm Jüddefrau“ begleitet mich schon, solange ich denken kann. Als ich ein kleines Kind war, seufzte mein Großvater einen seiner tiefen, gedankenschweren Seufzer, wenn die Großmutter im Frühling und im Herbst alle Kleider aus den Schränken holte und die Jacken und Hosen, die Sonntagskleider und Wintermäntel zum Lüften draußen auf die Leine hängte. Ein schwarzer, etwas altmodischer Damenmantel kam dabei zum Vorschein, der von allen mit größter Ehrfurcht behandelt wurde. Meine Großmutter bürstete noch das allerkleinste, unsichtbarste Stäubchen mit bedächtiger Vorsicht von den Ärmeln oder dem Kragen, kontrollierte den Saum und wischte über die sieben schwarzen Knöpfe. Wenn sie den Mantel nach einigen Stunden an der frischen Luft wieder hereinholte, betrachtete sie ihn erneut, fuhr noch einmal mit der Hand an ihm hinunter und seufzte ebenfalls. Dann bekam er ein paar neue Mottenkugeln verpasst und wanderte zurück in den großen Schrank im Schlafzimmer der Großeltern. Ich schaute dabei zu, wippte auf der Bettkante vor und zurück und erinnerte mich daran, dass dieser feine, schwarze Damenmantel in der Familie gehütet wurde, seit ich denken konnte. Ganz am Ende des Krieges, als die Amerikaner schon in Stommeln waren und es in ein Ober- und ein Unterdorf aufgeteilt hatten, mussten wir unser Haus des Öfteren stundenweise verlassen, denn die nahegelegene Bahnlinie wurde immer noch bombardiert. Dann suchten wir bei einer Familie im anderen Dorfteil Unterschlupf. Wenn wir zurückkamen, fanden wir manchmal die Schränke durchwühlt, und einmal lag sogar dieser schwarze Mantel auf dem staubigen Boden. Seither war er dabei, wenn wir das Haus verlassen mussten. Eingeschlagen in ein Bettlaken lag er zuoberst auf dem Handwagen, mit dem wir einige lebensnotwendige Dinge in Sicherheit brachten.

Den Auftrag der „armen Judenfrau“ nahm mein Großvater sehr ernst. Sie hatte den Mantel bei ihm, dem Schneidermeister Gottfried Johnen, für sich nähen lassen. Als sie fortmusste, bat sie ihn, den Mantel für sie aufzubewahren, damit sie das gute Stück nach dem Krieg, wenn sie wieder zurückgekehrt war, endlich tragen könne. Mein Großvater, der ein außerordentlich guter Schneider war, schaute weder auf den Stand noch auf die Religion seiner Kunden und nahm den Mantel in seine Obhut. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass wir irgendein anderes Kleidungsstück seiner Kunden mit uns genommen hätten.

Als der Krieg zu Ende war, warteten die Großeltern lange auf die Rückkehr der Besitzerin. Immer wieder fragte mein Großvater Leute aus dem Nachbardorf, ob Frau Jenny Stock, ihr Mann Max und die Kinder Susi und Wolfgang nicht endlich zurückgekommen seien. Doch niemand wusste, was aus ihnen geworden war.

So gingen die Jahre ins Land und meine Großeltern gaben das Fragen auf. Aus dem Warten wurden Stirnrunzeln und Kopfschütteln. Das ganze merkwürdige Bedauern, das diesen Mantel nun und für alle Zeit umgab, gehörte so selbstverständlich zu seiner Erscheinung wie die Tatsache, dass niemand den Mantel jemals anzog. Wenn jemand wie Lehners Kätt, die zufällig einmal vorbeikam, als die Kleidungsstücke im Frühling auf der Leine flatterten, zu meiner Großmutter sagte: Mariechen, der würde dir doch wie angegossen passen!, erntete sie empörten Widerspruch: Das ist doch der Mantel von der armen Judenfrau! Und dabei blieb es.

Der Mantel wurde ein Teil von uns. Er wanderte vom Schrank meiner Großeltern in den Schrank meiner Eltern. Meine Mutter hegte und pflegte ihn ebenso wie meine Großmutter. Heute hängt der Mantel in meinem Kleiderschrank. Wenn ich ihn zum Lüften gelegentlich heraushole und über den schwarzen Stoff streiche, überkommt mich ein Gefühl, das ich gar nicht beschreiben kann.

Denn der Mantel ist mehr als nur ein Mantel. Der Mantel, das ist die Familie Stock.

In meinem Kleiderschrank, unmittelbar neben meinem Bett, führen sie ein Leben, das keine Gegenwart und keine Zukunft hat, aber sehr viel Vergangenheit.

Von vielen anderen Menschen ist gar nichts geblieben, außer vielleicht einer Postkarte, geschrieben aus einem der Lager an die, die zu Hause geblieben waren, an die Nachbarn, an Freunde oder Bekannte. Dazu hatten die, die abtransportiert worden waren, noch Zeit, und Zeit bedeutete Hoffnung. Solche Postkarten liegen heute in dem einen oder anderen Museum.

Mein Schrank ist kein Museum. Der Mantel in meinem Kleiderschrank, eine Armlänge vom Bett entfernt, ganz in der Nähe meiner Herzgegend, ist ein Familienerbstück. Einerseits. Mehr noch, er ist wie eine zweite Haut, unter der die Vergangenheit lebendig ist.

Diese Vergangenheit teilt sich in eine Geschichte vor dem 18. Juli 1942 und eine danach. Über die erste Geschichte, aus der Zeit, als der Mantel noch Jenny Stock gehörte, weiß ich wenig. Eigentlich nur, dass mein Großvater, der Schneidermeister Gottfried Johnen, den Mantel für seine Kundin Jenny Stock genäht hat. Über die zweite Geschichte, die der Mantel in unserer Familie hat, nachdem Jenny Stock meinen Großvater gebeten hatte, ihn für sie aufzubewahren, weiß ich eine Menge.

Nach all dem hatte schon lange niemand mehr gefragt. Bis Fanette kam.

2

Fanette, vierzehn Jahre alt, erwartungsvoll, was die Zukunft angeht, aber besorgt an diesem Morgen, wohnt in Paris, 12. Arrondissement, Rue de Bercy No. 2, dritte Etage rechts

Das Klopfen! Wo war das Klopfen in dieser Nacht gewesen? Fanette schlug die Augen auf und betastete mit den Fingerspitzen die Wand hinter ihrem Rücken.

Auf der anderen Seite der Wand, in der Wohnung direkt nebenan, stand das Bett von Monsieur Schatz. Ein altes Bett aus dunklem Holz, das am Kopf- und am Fußende geschwungen war, wie eine in der Bewegung erstarrte Meereswelle. Dazwischen türmten sich Kissen und Decken, in denen der schmale alte Mann zu versinken drohte. Seine klaren, tiefblauen Augen im faltigen Gesicht waren die Bojen, die ihn an der Oberfläche hielten.

Bist du da?

Normalerweise sandte Monsieur Schatz regelmäßig Morsezeichen durch den riesigen schwarzen Ozean der Nacht, um Fanette und sich selbst zu vergewissern, dass er noch da war.

Hatte er durchgeschlafen?

Es wäre das erste Mal in der ganzen langen Zeit gewesen, die Fanette den Nachbarn schon kannte. Praktisch war das ihr ganzes Leben lang, auf jeden Fall aber das ganze Leben, an das sie sich erinnerte. Seine quälende Schlaflosigkeit gehörte ebenso dazu wie sein dichtes weißes Haar und der siebenarmige Leuchter auf der Kommode.

„Hypnos, der Gott des Schlafes, flieht vor den Dingen, die in meinem Kopf herumspuken“, pflegte Aron Schatz zu sagen. Aber das hörte sich so sanft und verständnisvoll an, als wäre eher der Schlaf zu bedauern als der alte Mann selbst.

Fanette musste lächeln. In der Welt des Monsieur Schatz gab es keine toten Dinge. Auch die Sorgen und sogar die Angst waren lebendige Wesen, die sich abwechselnd zu ihm gesellten, auf seiner Bettkante hockten oder zu ihm sprachen.

Bei ihm konnten sich Bäume Geheimnisse zuflüstern, Kochtöpfe erzählten wundersame Geschichten und sogar der Hund des Gemüsehändlers hatte etwas mitzuteilen, wenn man nur in der Lage war, ihn zu verstehen.

Früher, als Monsieur Schatz das Haus noch verließ, hatte sich Fanette jeden Tag davon überzeugen können, wenn sie zusammen mit ihm eine Runde durchs Viertel gemacht hatte. Rue de Dijon, Rue Joseph Kessel bis in den Parc de Bercy und manchmal bis an die Seine. Unter einem der Bäume saßen sie dann und Monsieur Schatz wies nach oben auf eine Stelle am Baumstamm, wo einmal ein Ast gewesen sein musste. Jetzt war da nur noch eine verharzte Stelle, die aussah wie eine große Ohrmuschel.

„Jede Nacht bekommt der Baum Besuch von jemandem, der etwas auf dem Herzen hat und mit niemandem darüber sprechen kann“, hatte Monsieur Schatz ihr erzählt und Fanette hatte sich vorgenommen, irgendwann einmal in der Nacht hierherzukommen, um zu sehen, wie jemand aussah, der mit niemandem sprechen konnte. Dann wanderten sie weiter durch den Park und die Straßen und schließlich zurück nach Hause, durch die Rue George Gershwin, in der Monsieur Schatz immer ein ganz bestimmtes Lied pfiff, weiter durch die Rue de Chablis bis in die Rue de Bercy Nummer 2. „Ströfeln“ nannte er das, ein Wort aus seiner Muttersprache, das sich nicht ins Französische übersetzen ließ. Es bedeutete so viel wie promenieren oder einfach spazieren gehen. Er hatte ihr dieses und unendlich viele andere deutsche Worte beigebracht, sodass die Sprache ihr mühelos über die Lippen ging.

Aron Schatz war Nachbar, Großvater und Vater in einer Person. Vertraut seit Anbeginn, doch immer umgeben von einer riesigen Portion Freiheit, die er jedem Menschen ließ.

Fanette tippte mit ihren Fingerspitzen gegen die Wand, ein leichtes, zaghaftes Klopfen, das nach dem Freund forschte, doch unbeantwortet blieb.

War das der Augenblick? Der eine, der unvorstellbare Augenblick?

Fanette versuchte, das Unaussprechliche nicht zu denken. Stattdessen schlug sie energisch das Plumeau zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Auf der Kante der Matratze blieb sie sitzen, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und legte den Kopf in beide Hände. Halb sieben.

Sollte sie den Schlüssel nehmen und nach nebenan gehen? Nachmittags, wenn sie aus der Schule kam und Maman, wie immer, nicht zu Hause war, war das normal. Aber morgens um halb sieben? Fanette fürchtete, sie könnte Monsieur Schatz bei irgendetwas überraschen, das nur ihm gehörte. Wie er zum Beispiel in einer Ecke seines Wohnzimmers stand und, vertieft in unverständliches Gemurmel, seinen Oberkörper vor- und zurückwiegte. Sobald sie daran dachte, erfasste Fanette der gleiche Schauder wie damals, als sie ihn zum ersten Mal so gesehen hatte.

War es im letzten Jahr gewesen? Da hatte sie ihren Pulli nebenan bei Monsieur Schatz liegen gelassen. Als sie ihn am nächsten Tag holen wollte, machte der Nachbar nicht auf. Da hatte sie mit ihrem Schlüssel die Tür geöffnet und war in die Wohnung gegangen.

Fanette hatte den Flur betreten und nichtsahnend das Wohnzimmer erreicht. Im nächsten Augenblick war sie erstarrt, als sie ihn dort in der Ecke neben dem Fenster stehen sah, um die gebeugten Schultern ein Tuch gelegt, das an den Enden blau gestreift war. Er hielt ein Buch in den Händen und wippte langsam vor und zurück. Es war nicht zu erkennen, ob er Fanette bemerkt hatte oder nicht.

Sie aber hatte sofort verstanden, dass er vollkommen versunken war in einer unsichtbaren Welt, zu der nur er den geheimen Zugang besaß. Eine unbekannte Energie umfasste ihn ganz und gar, als befände er sich in einer Art Raumschiff, das ihn an einen unbekannten Ort entführte, wobei sein Körper doch gleichzeitig in diesem Zimmer geblieben war. Er hatte Geheimnisse, über die er noch nie gesprochen hatte.

Fanette hatte die Erstarrung, in die sie damals für einige Sekunden gefallen war, abgeschüttelt und war auf Zehenspitzen wieder aus dem Zimmer hinausgeschlichen.

Ob Monsieur Schatz sie bemerkt hatte oder nicht, darüber verlor er kein Wort, deshalb wusste sie bis heute nicht, ob sie tatsächlich unsichtbar geblieben war oder ob er sie nur nicht ein zweites Mal in eine peinliche Situation hatte bringen wollen.

Drei Minuten nach halb sieben.

Fanette warf die zerzausten schwarzen Haare nach hinten und verscheuchte die Gedanken. In diesem Augenblick gab ihr Handy, das neben dem Bett auf dem Boden lag, ein schrilles Pling von sich. Moumouche! Wer sonst schrieb so früh am Morgen schon eine Nachricht?

Eiskonservierung – die Überlebenslösung!

Okay? Was sollte das jetzt heißen? Fanette brauchte gar nicht nachzufragen. Moumouche hatte mit Sicherheit wieder irgendeinen Artikel in der Zeitung entdeckt, von dem er ihr erzählen wollte, wenn er sie nachher abholen kam.

Fünf Minuten nach halb sieben, jetzt musste sie endgültig aufstehen. Noch einmal zögerte Fanette. Diesmal lauschte sie Richtung Flur und horchte darauf, ob die Wohnungstür nicht ins Schloss fallen würde. Jean-Claude? Philippe? Luc? Mamans Liebhaber zogen es üblicherweise vor, ungesehen in den Tag zu verschwinden. Fanette war das mehr als recht. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken, morgens einem Mann am Frühstückstisch begegnen zu müssen, der womöglich unrasiert war oder, noch schlimmer, nach einem übertrieben starken Rasierwasser roch.

Maman wusste das, obwohl sie nie darüber gesprochen hatten. Vielleicht zog sie dieses Verschwinden der Männer genauso vor wie Fanette. Reden war weiß Gott nicht ihre Stärke. Jedenfalls nicht, wenn es um persönliche Dinge ging. In ihrem Geschäft hingegen konnte sie quasseln, bis einem die Ohren abfielen. Es war ja auch viel einfacher, einen Kunden über den Unterschied zwischen Goldlegierung und Silberimitat aufzuklären, als Fanette ständig neue „Freunde“ vorstellen zu müssen. Maman liebte das Pièces d’Or, den piekfeinen Laden in der Rue de la Paix, mehr als alles andere auf der Welt. Er war ihr Heiligtum, dabei war sie dort nur angestellt, aber sie fühlte sich wie die eigentliche und rechtmäßige Besitzerin. Jedes Schmuckstück in diesem Geschäft hatte eine riesige Vitrine ganz für sich allein. Fanette musste jedes Mal lachen, wenn sie an die maßlose Platzverschwendung dachte. Das allein machte ein Viertel der unglaublichen Preise aus, die der Kram kostete.

Kein Laden, in den Moumouche überhaupt nur eingelassen worden wäre.

Ja, man musste eingelassen werden! Ein bulliger Mann im schwarzen Anzug stand vor der Tür und ließ nur diejenigen hinein, die ihm vertrauenswürdig erschienen.

Ob er auch schon mal bei ihnen zu Hause übernachtet hatte? Fanette hatte keine Ahnung und war froh, dass Maman sie damit verschonte.

Auf dem Weg ins Badezimmer sah sie durch das Milchglas der Küchentür den Schatten ihrer Mutter an der Anrichte, vermutlich mit der Kaffeetasse in der Hand. Ob sie schon auf Fanní, mit Betonung auf dem i, wartete?

Wenn sie bloß nicht wieder mit ihr diskutieren wollte! Seit zwei Wochen ging das jetzt so. Fanette konnte den Verlauf solcher Gespräche schon auswendig herunterbeten.

„Vier Wochen Auslandsaufenthalt und du willst in keine deutsche Großstadt? Gibt es noch dümmere Ideen? Was denkst du, wofür ich mein Geld ausgebe? Vier Wochen Landleben in einem öden Dorf, in dem du die Schafe zählen kannst? Wenn du schon die Möglichkeit hast, ein paar Wochen in Deutschland zu verbringen, dann musst du dort auch das richtige Leben kennenlernen, Kunst, Kultur, Geschichte, Geschäfte! Wenn du nur abhängen willst, kannst du auch zu Tante Jeanne nach Aubignac fahren, das ist billiger.“

Maman mochte keine Ferien und schon gar nicht auf dem Land. Eine Woche Nizza war das Äußerste, was sie sich gönnte, mit oder ohne Fanní.

Was den Auslandsaufenthalt anging, hatte Fanette irgendwann aufgehört zu argumentieren und auf stur gestellt. Maman machte sie einfach nur wütend. Du wirst das nicht für mich entscheiden! Wie ein Mantra ging Fanette dieser Satz durch den Kopf, sooft sie an die Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter dachte. Sie würde sich nicht dreinreden lassen und alleine bestimmen, wohin sie fuhr. Das hatte sie sich felsenfest vorgenommen.

Obwohl es ihr wirklich nicht leicht fiel, sich zwischen Hamburg, München, Köln oder Buxtehude, Ottobrunn, Pulheim – einer großen Stadt oder dem Umland – zu entscheiden. Im Internet sahen die großen Städte allesamt gleich interessant aus. Die kleinen, na ja, sie waren klein, aber einmal etwas anderes. Maman war für Hamburg oder München, da gab es wenigstens annähernd ähnliche Geschäftsstraßen wie in Paris, Betonung auf annähernd. Schon das hatte Fanettes Widerwillen hervorgerufen und ihren Widerspruchsgeist geweckt.

„Warum nicht Köln? Davon heißt es, es wäre so etwas wie das Paris des Nordens.“

Maman hatte eine wegwerfende Handbewegung gemacht. „Das muss die Erfindung eines schlauen Tourismusdirektors gewesen sein. Diese Stadt ist hässlich und dreckig und das Geschäftsleben – unterirdisch! Kein Modeschöpfer ist jemals auf die Idee gekommen, dort ein Geschäft zu eröffnen. Es fehlt an Kundschaft. Warum ist nicht Düsseldorf im Angebot?“

Keine Ahnung, woraus Maman ihr Wissen schöpfte. Sie hielt sich etwas auf ihre Kundenkontakte und die Erfahrungen der Vertreter zugute, die zu ihr ins Pièces d’Or kamen und von ihren Reisen ins Ausland erzählten.

„Aber Monsieur Schatz!“

Maman verdrehte wieder einmal die Augen. „Ja, er ist vor fast hundert Jahren in Köln zur Welt gekommen. Ist das ein Argument? Meinst du, du würdest noch irgendwas von seinem Köln vorfinden?“

Fanette lehnte sich an die Fliesen in der Dusche, stellte das Wasser an und prüfte die Temperatur zuerst mit den Füßen. Bei nächster Gelegenheit würde sie Monsieur Schatz um Rat fragen.

3

Aron Schatz, fünfundneunzig Jahre alt, schlecht auf den Beinen, wohnt in Paris, 12. Arrondissement, Rue de Bercy No. 2, dritte Etage links

Monsieur Schatz lag kerzengerade ausgestreckt in seinem Bett und starrte an die Decke. Die Wohnungstür nebenan war gerade ins Schloss gefallen, so wie eine Tür das normalerweise tut: mit einem leichten metallischen Schnappen, das von einem hölzernen Nachklang begleitet wird. Kein Geschrei, kein Gezeter. Gut!

Monsieur Schatz lauschte in die Stille und dachte an seine Mutter, die selige Machale, die ihn vor fünfundneunzig Jahren in Köln zur Welt gebracht hatte. Käme Machale jetzt ins Zimmer, hätte sie bei seinem Anblick ausgerufen: „Junge, was starrst du Löcher in die Luft, als würdest du dafür bezahlt! Steh endlich auf und beweg dich oder sollen sich die Hühner heute ihr Futter selbst aus dem Kasten holen?“

Hühner hatte damals jeder in Köln, der es sich leisten konnte und dem ein Fleckchen Grün ums Haus zur Verfügung stand. Der Tonfall von Arons Mutter Machale dagegen stach aus dem rauen Dialekt heraus, der in den Gassen der Kölner Südstadt zu hören war. Seine Mamme kam aus einem kleinen polnischen Dorf und hatte ihren jiddischen Singsang von dort mitgebracht. Diese Polacken, wie sie manchmal verächtlich genannt wurden, mit ihrem fremdartigen Jiddisch waren bei den vornehmen jüdischen Familien der Stadt nicht besonders gut angesehen, galten sie ihnen doch als altmodisch und zurückgeblieben. Sie kamen schließlich aus dem Schtetl, vom Dorf, und entsprechend einfältig sah es in ihrem Kopf aus. Doch Machale gab nichts darum. „A Jid is a Jid“, pflegte sie zu sagen, „ein Jude ist ein Jude, ganz egal, wo er herkommt!“ Dann rückte sie ihre Perücke zurecht und ging in die Synagoge, um sich auf der Frauenempore unter die Kölnerinnen zu mischen, die sich für etwas Besseres hielten. Sollten sie es wagen, etwas gegen die Leute aus dem Schtetl zu sagen – denen würde sie es zeigen.

Auch im Kölner Umland lebten Juden auf dem Dorf, in Rommerskirchen, Frechen und Brühl, in Stommeln, Pulheim und Fliesteden. Machale kannte diese Dörfer, denn sie hatte dort entfernte Verwandte und war stolz auf sie. Machten die ihre Arbeit nicht genauso gewissenhaft wie ihre christlichen Nachbarn? Machale konnte in Wut geraten, wenn sie an die feinen Herrschaften dachte, die auf sie herabsahen. Aber ihre Wut hielt nie lange an. Der Herr im Himmel mochte es nicht, wenn man in seinem Bethaus schimpfte, und war es auch nur in Gedanken. Wenn sie wieder nach Hause kam, war Machale so gutmütig wie immer, auch wenn sie ihren Sohn ein weiteres Mal aus dem Bett komplimentieren musste.

Damals war Aron Schatz widerwillig dem Rufen der Mutter gefolgt, obwohl er viel lieber weiter vor sich hin geträumt und Geschichten erfunden hätte.

Heute gab es keinen Grund mehr aufzustehen. Hühner waren in der ganzen Rue de Bercy nicht zu finden, falls es sie dort überhaupt jemals gegeben hatte. Seitdem die Kraft in seinen Beinen immer mehr nachließ, blieb Aron Schatz manchmal ganze Vormittage lang einfach im Bett liegen und niemand störte sich daran.

„Kannst ja liegen bleiben, bis du grün und blau bist!“ Aron Schatz hörte die Stimme seiner Mutter ganz deutlich und musste lachen. Liegen bleiben, genau das würde er machen! Das war sein Triumph. Einfach liegen bleiben, bis ihn irgendwann der Tod in die Arme nahm. Nicht dorthin geprügelt, geschlagen oder getreten werden, nicht gezwungen werden zu marschieren, niederzuknien und wieder aufzustehen, in sengender Hitze oder schneidender Kälte zu stehen, bis man zusammenbrach. Nicht aus dem Schlaf gerissen werden, nicht taub gebrüllt werden, nicht zusammengepfercht werden. Einfach liegen bleiben.

Plötzlich saß wieder der große schwarze Vogel auf seiner Brust und nahm ihm den Atem. Es war gefährlich, sich in die Vergangenheit zu begeben. Dort lauerten Stimmen, die Monsieur Schatz nicht hören wollte.

4

Fanette, vierzehn Jahre alt, geduscht

Das Handtuch um die Haare geschlungen, ging Fanette wieder an der Küchentür vorbei, doch kein Schatten war mehr zu sehen. Sie schaute kurz hinein – Maman war schon weg. Donnerstags ging sie immer um sieben Uhr früh, denn sie wechselte die Schmuckstücke in den Vitrinen aus. Okay, sollte sie tun, was sie nicht lassen konnte, Fanette war erleichtert. Sie kochte sich Kaffee, schaute hinunter auf die Straße und löste dabei das Handtuch vom Kopf. Während sie sich die Haare trocken rieb, trat im gegenüberliegenden Haus ein Mann in einem grünen T-Shirt ans Fenster und machte eine Handbewegung, die man für einen Gruß halten konnte.

Fanette überlegte, wann sie heute Gelegenheit haben würde, Monsieur Schatz zu besuchen. Der Tag war lang und sie käme mit Sicherheit erst spätnachmittags dazu.

Der grüne Mann hatte nun sein Fenster geöffnet und rauchte eine Zigarette. Dabei stützte er sich mit der freien Hand am Fensterkreuz ab und starrte zu Fanette hinüber. Sie streckte ihm die Zunge heraus und ging in ihr Zimmer.

Das Handy am Boden blinkte. Drei neue Nachrichten.

Mach langsam, die ersten beiden Stunden fallen aus. – Habs grad erst gesehen, bin aber schon unterwegs. – Kann ich bei dir vorbeikommen?

Moumouche! Na super, das waren gute Nachrichten.

Kannst kommen.

Pling. Willst du Flfl?

Zum Frühstück?!

Pling. image

Nein, danke!

Zehn Minuten später saß Moumouche bei Fanette in der Küche und biss in sein Falafelbrötchen. Den Salat, der an der Seite herausquoll, stopfte er sich mit den Fingern in die Mundwinkel. Dabei grinste er übers ganze Gesicht und stammelte: „Pa…nnez-moi, ich … nur ungebil…er Araber, der sisch nischt benehmn kann. Keine Erziehung!“

Fanette lachte und wuschelte ihm durch die krausen Haare.

„Du hast Glück, dass Madame Maman nicht da ist!“

Moumouche riss die Augen auf und biss wieder in sein Falafelbrötchen.

„Gross Gluck!“, quetschte er hervor.

Man konnte ihm wirklich schlecht beim Essen zuschauen.

„Falafel am frühen Morgen! Wie hältst du das nur aus?“

Moumouche kaute, grinste und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.

„Das braucht ein Araber, wenn er einen Vormittag Schwerarbeit durchhalten will!“, antwortete er. „Nur so ein suppiger Kaffee, igitt. Das ist vielleicht was für dünne Bohnenstangen wie dich, aber doch nicht für einen richtigen Mann!“

Fanette setzte sich ihm gegenüber an den Küchentisch und schaute mit einer hochgezogenen Augenbraue die Überreste seines Frühstücks an.

„Okay, okay, ich räums ja schon weg, keine Sorge, du musst nicht hinter mir her putzen!“ Moumouche stand auf und machte sich an die Beseitigung der Kichererbsenkrümel und Salatreste.

„Jetzt setz dich doch einmal ruhig hin!“

„Shwei shwei, sagt der Araber, immer schön langsam!“ Moumouche warf den Lappen in die Spüle und setzte sich wieder. „Also? Weißt du immer noch nicht, ob München, Hamburg oder Köln?“

Jetzt grinste Fanette. „Genau.“

„Heute noch nicht genug mit Madame Maman diskutiert oder was?“

„Noch gar nicht, zum Glück!“

„Na, dann freu dich doch!“

„Aber ich will endlich eine Entscheidung treffen.“

Moumouche stützte den Kopf in die eine Hand und malte mit der anderen unsichtbare Kreise auf die Tischplatte.

„Dann entscheide dich doch.“

„Kannst du mir vielleicht dabei helfen?!?“

„Sag mal, fahr ich nach Deutschland oder du? Mich interessiert Deutschland kein bisschen. Obwohl, da gibts gute Fußballspieler. Und eine Bundeskanzlerin.“

„Mohammed Khalidi!“

„Oh, grusel, sie nennt mich bei meinem vollen Namen, jetzt wirds ernst!“ Moumouche zog eine Grimasse und sah für einen Augenblick aus wie eines der Mammuts aus Ice Age.

„Aber was soll ich dir denn raten? Ich kenne Deutschland so wenig wie du, deshalb ist es am Ende doch völlig egal, wohin du fährst. Willst du eine große Stadt, nimm eine große Stadt! Willst du eine kleine Stadt, nimm eine kleine Stadt – oder ein Dorf oder was auch immer.“

Fanette ließ ihren Blick von Moumouches Gesicht hinüber zum Fenster wandern. Er redete unbeirrt weiter.

„Wenn du Museen und Geschäfte anschauen willst, wähle: Stadt. Willst du im Wald spazieren gehen und Pilze sammeln, wähle: Land. Vielleicht lernst du da ja die Leute besser kennen, keine Ahnung.“

Als Fanette immer noch ins Leere starrte, hob er die Hand und wischte in ihrer Augenhöhe durch die Luft.

„Oder frag doch den Hilfssheriff von nebenan. Hast du mir nicht erzählt, dass er aus Deutschland stammt? Vielleicht hat er den ultimativen Ratschlag.“

Fanettes Blick wurde wieder lebendig. „Genau das hab ich vor, und vielleicht mache ich das am besten sofort!“

„Al-Hamdu li-llâh! Gott sei Dank!“ Moumouche schaute hinauf zur Zimmerdecke, als säße dort dieser Gott, dem man danken könnte. Im nächsten Augenblick griff er neben sich und hob den Rucksack auf seinen Schoß. Er zog einen hölzernen Kasten heraus und legte ihn auf den Tisch. „Dann geh nach nebenan, aber bleib nicht zu lange weg, dann können wir noch ein Spielchen machen und du hast Gelegenheit aufzuholen. Falls du dich noch erinnerst, du bist achtzehn zu vier im Rückstand.“

Fanette schnalzte verächtlich mit der Zunge und ging hinüber zu Monsieur Schatz.

Moumouche begann, die Backgammonsteine aufzubauen.

5

Aron Schatz, fünfundneunzig Jahre alt, hört es an seiner Wohnungstür läuten

Liegen bleiben, einfach liegen bleiben, wer soll so früh am Morgen schon kommen, dachte Monsieur Schatz. Das Alter verschafft einem doch ungeheure Freiheiten.

Er musste lächeln, denn so ganz stimmte das natürlich nicht. Er hätte zum Beispiel gerne eine Tasse Kaffee gehabt, aber die kam leider nicht angeflogen. Also musste sie warten, bis er bereit war, aufzustehen.

Es läutete wieder und wieder. Monsieur Schatz sah für eine Millisekunde Männer in schwarzen Mänteln und hohen Lederstiefeln vor sich. Und seine Mutter Machale, die zu zittern begann.

Immer nachdrücklicher klopfte da jemand gegen die Wohnungstür.

„Monsieur Schatz! Bist du da? Antworte doch bitte!“

Fanette! Oh, großer Himmel, wieso kam sie so früh? Monsieur Schatz setzte sich in seinem Bett auf.

„Nimm deinen Schlüssel!“, rief er, so laut er konnte.