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Aus dem Amerikanischen von
Simone Salitter & Gunter Blank

Herausgegeben von Gunter Blank

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ISBN 978-3-8493-0098-2

Metrolit Digital,

veröffentlicht bei WALDE + GRAF bei METROLIT, Berlin, 2014

© Metrolit GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei WALDE + GRAF bei METROLIT

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Die englischsprachige Originalausgabe erschien im Juni 2011 bei SCRIBNER.

Copyright für die englischsprachige Ausgabe:

© 2010 by Nic Pizzolatto

First published in June 2011 by SCRIBNER a Division of Simon & Schuster, Inc., 1230 Avenue of the Americas, New York, NY 10020

Übersetzung:

Simone Salitter & Gunter Blank

Covergestaltung: studio grau, Berlin

Gestaltung und Satz: bonbonbüro, Berlin

E-Book Konvertierung: le-lex publishing service GmbH, Leipzig

www.metrolit.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

1 Der Arzt

2 Manche Erfahrungen überlebt man nicht

3 Abseits

4 Auf der anderen Straßenseite schlängeln

5 Am Donnerstag

6 Ich habe die Fenster im Erdgeschoss mit

Danksagungen

Galveston und eine kurze Geschichte des Noir.

Über das Buch und den Autor

Wie oft habe ich unterm Regen auf einem fremden Dach gelegen und an zu Hause gedacht.

William Faulkner

(»Als ich im Sterben lag«. Roman. Aus dem Englischen von Maria Carlsson. Rowohlt Verlag, Reinbek)

DER ARZT hat Bilder von meiner Lunge gemacht. Die sind voller Schneeflocken.

Als ich das Sprechzimmer verließ, waren die Leute im Wartezimmer froh, dass sie nicht ich waren. Gewisse Dinge lassen sich im Gesicht ablesen.

Ich wusste, dass irgendetwas nicht stimmte, denn zwei Tage zuvor hatte ich einen Typen eine Treppe hinauf in den zweiten Stock verfolgt und keine Luft mehr bekommen. Es war, als hätte mir jemand eine Hantel auf die Brust gepackt. Die zwei Wochen davor hatte ich ziemlich heftig gebechert, aber ich ahnte, dass mehr dahintersteckte. Der plötzliche Schmerz machte mich so wütend, dass ich dem Typen die Hand brach. Außerdem spuckte er Zähne. Er beklagte sich später bei Stan über meine maßlose Gewalt.

Aber deshalb wurde ich ja angeheuert. Immer schon. Weil ich maßlos bin.

Ich erzählte Stan von den Schmerzen in der Brust, und er schickte mich zu einem Arzt, der ihm vierzig Riesen schuldete.

Auf der Straße vor der Praxis holte ich meine Zigaretten aus der Jacke und wollte das Päckchen zerquetschen, beschloss dann aber, dass dies nicht der Augenblick war, um aufzuhören. Ich zündete mir direkt eine an, aber sie schmeckte beschissen, und der Rauch ließ mich an Baumwollfasern denken, die durch meine Brust waberten. Busse und Autos glitten vorüber, Chrom und Scheiben reflektierten das Licht. Hinter meiner Sonnenbrille schien es, als wäre ich am Grund des Meeres angelangt, und die Fahrzeuge waren die Fische. Ich stellte mir einen kühleren, düstereren Ort vor, und die Fische verwandelten sich in Schatten.

Die Hupe eines vorbeifahrenden Wagens schreckte mich auf. Ich trat auf die Straße und winkte ein Taxi heran.

Ich dachte an Loraine, die junge Frau, mit der ich früher mal zusammen gewesen war, und daran, dass ich mich einmal am Strand von Galveston eine ganze Nacht lang mit ihr unterhalten habe. Von dort, wo wir gesessen hatten, hatte man den dichten weißen Rauch der Ölraffinerien sehen können, der sich in der Ferne nach oben geschraubt hatte wie eine Straße, die in die Sonne führt. Das musste jetzt zehn, elf Jahre her sein. Sie war schon immer zu jung für mich gewesen.

Nicht nur wegen der Röntgenaufnahmen war ich stinksauer, Carmen, die Frau, die ich als meine Freundin betrachtete, hatte angefangen, mit meinem Boss Stan Ptitko zu schlafen. Jetzt war ich unterwegs, um ihn in seiner Bar zu treffen. Ziemlich sinnlos war das, aber du hörst nicht einfach auf, der zu sein, der du bist, nur weil in deiner Brust ein Wirbelsturm aus Seifenflocken tobt.

Ich hatte wohl keine Chance, da lebend rauszukommen, aber genau wissen, wann, wollte ich auch nicht. Ich würde einen Teufel tun, Stan und Angelo davon zu erzählen. Ich wollte nicht, dass sie, wenn ich nicht da war, in der Bar abhingen und Witze über mich machten.

Die Scheibe des Taxis war mit verschmierten Fingerabdrücken übersät, dahinter kam Uptown langsam näher. Manche Städte öffnen sich einem, aber New Orleans hat nichts von einem Tor. Die Stadt ist wie ein eingesunkener Amboss. Sie hat sich diese Atmosphäre selbst geschaffen und muss sie nun ertragen. Die Sonne flirrte wie ein Stroboskop zwischen Gebäuden und Eichen, Licht und Schatten huschten abwechselnd über mein Gesicht. Ich musste an Carmens Arsch denken und daran, wie sie mir über die Schulter zugelächelt hatte. Ich dachte immer noch viel an sie, was nichts brachte, denn sie war eine herzlose Hure. Als das mit uns anfing, war sie eigentlich mit Angelo Medeiras zusammen. Ich schätze, ich habe sie ihm mehr oder weniger ausgespannt. Jetzt war also Stan an der Reihe. Angelo arbeitete ebenfalls für ihn. Die Vorstellung, dass sie hinter Stans Rücken noch ein paar andere Typen vögelte, kühlte den Schmerz der Demütigung ein wenig.

Ich überlegte, wem ich von meiner Lungengeschichte erzählen konnte. Irgendjemandem wollte ich es erzählen, denn niemand wird bestreiten, dass das eine verdammt beschissene Nachricht ist, zumal wenn man noch Geschäfte zu erledigen hat.

Die Bar hieß Stan’s Place, ein Ziegelbau mit Blechdach, vergitterten Fenstern und einer verbeulten Metalltür.

Drinnen saßen Lou Theriot, Jay Meires und ein paar ältere Typen, die ich nicht kannte. Der Barkeeper hieß George. Sein linkes Ohr war in weißen Mull gepackt. Ich fragte ihn, wo Stan steckte, und er nickte in Richtung der Treppe, die zum Büro hinaufführte. Die Tür war geschlossen, deshalb setzte ich mich an die Bar und bestellte ein Bier. Dann erinnerte ich mich daran, dass ich bald sterben würde, änderte meine Bestellung und verlangte einen Johnny Walker Blue. Lou und Jay unterhielten sich über Probleme mit einem der Wettbüros. Das war nicht schwer herauszuhören, da ich mit Anfang zwanzig selbst eine Zeitlang im Wettgeschäft unterwegs gewesen war und die Art kannte, darüber zu reden. Doch dann unterbrachen sie ihre Unterhaltung und sahen mich an, weil ich zuhörte. Ich lächelte nicht und verzog keine Miene, also redeten sie weiter, viel leiser allerdings und mit gesenkten Köpfen, damit ich nichts mehr mitbekam. Die beiden waren nie besonders herzlich zu mir gewesen. Sie kannten Carmen schon aus der Zeit, als sie hier gekellnert hatte, lange bevor sie sich Stan an den Hals geworfen hatte, und ich war mir sicher, dass sie ihretwegen einen gewissen Groll gegen mich hegten.

Aber sie mochten mich wohl auch deshalb nicht, weil ich mich nie richtig in ihre Truppe eingefügt hatte. Stan hatte mich von seinem ehemaligen Boss, Sam Gino, übernommen, der wiederum hatte mich quasi von Harper Robicheaux geerbt, und letztlich war es hauptsächlich mein Fehler, dass mich die Typen nie richtig akzeptiert hatten. Sie pflegten immer noch diese Itaker-Attitüde – zwängten sich entweder in Trainingsanzüge oder in Hemden mit Umschlagmanschetten und schmierten sich Pomade ins Haar –, während ich Jeans, schwarze T-Shirts, Jacke und Cowboystiefel trug, weil ich das immer schon getragen hatte. Meine Haare waren länger, vor allem im Nacken, und ich hatte einen Vollbart. Ich heiße Roy Cady, aber schon Gino hatte damit angefangen, mich Big Country zu nennen, und jetzt tun es alle, wenn auch ohne jegliche Zuneigung. Ich stamme aus East Texas, dem goldenen Dreieck, und diese Typen haben mich immer als Abschaum betrachtet, was in Ordnung ist, weil sie andererseits auch Schiss vor mir haben.

Ich habe nie Lust verspürt, mich nach oben zu arbeiten.

Vor der Geschichte mit Carmen bin ich mit Angelo immer gut ausgekommen. Jetzt ist das anders.

Die Bürotür ging auf, und Carmen kam heraus, strich sich das Kleid glatt und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, bis sie mich sah und erstarrte. Doch Stan war schon direkt hinter ihr, deshalb ging sie langsam die Treppe herunter, gefolgt von Stan, der damit beschäftigt war, sein Hemd in die Hose zu stecken. Die alte Treppe ächzte unter ihren Schritten, und noch ehe sie unten war, zündete Carmen sich eine Zigarette an. Sie ging zum anderen Ende der Bar und bestellte einen Greyhound.

Mir fiel ein ätzender Spruch ein, den ich ihr an den Kopf hätte werfen können, musste ihn aber für mich behalten.

Der Hauptgrund, weshalb ich so sauer auf sie war, war der, dass sie mir das eigentlich angenehme Gefühl, einsam zu sein, verdorben hatte. Ich war schon seit geraumer Zeit allein gewesen, und wenn ich vögeln wollte, hatte sich immer jemand gefunden, aber ansonsten hatte ich viel Zeit allein verbracht und es genossen. Jetzt nicht mehr. Jetzt fühlte es sich alles andere als cool an.

Stan nickte Lou und Jay zu, kam dann zu mir rüber, sagte, dass Angelo und ich am Abend einen Job zu erledigen hätten. Ich gab mir alle Mühe, so zu tun, als fände ich es richtig klasse, mit Angelo zusammenzuarbeiten. Stan hatte diese sich wie Kliffs vorwölbenden Polackenbrauen, die Schatten über seine winzigen Augen warfen.

Er drückte mir ein Stück Papier in die Hand: »Jefferson Heights. Ihr stattet Frank Sienkiewicz einen Besuch ab.«

Der Name sagte mir was, der Vorsitzende oder ehemalige Vorsitzende oder Anwalt der Hafenarbeiter-Gewerkschaft.

Offenbar waren die Jungs ins Visier der Feds geraten, gerüchteweise hieß es, sie seien Ziel einer Untersuchung. Sie handelten Ware für Stans Partner, und das Geld, das sie dafür bekamen, hielt die Gewerkschaft über Wasser, aber Genaueres wusste ich auch nicht.

»Es soll niemand verletzt werden«, sagte Stan. »Das kann ich jetzt nicht gebrauchen.« Er trat hinter meinen Hocker und legte mir die Hand auf die Schulter.

Ich habe es nie vermocht, in diesen kleinen Augen zu lesen, die wie eingemeißelt unter den ausladenden Augenbrauen hervorlugten. Aber ein Geheimnis seines Erfolges musste mit der Gnadenlosigkeit zu tun haben, die sie austrahlten. Die slawischen Wangenknochen und der lippenlose Mund taten ihr Übriges. Stan hat die Züge eines brandschatzenden Kosaken, und wenn die Sowjets damals tatsächlich Leute gehabt haben, die ihren Opfern glühende Kleiderbügel in die Harnröhre schoben, mussten das Typen wie Stanislaw Ptitko gewesen sein.

»Ich will nur, dass der Mann kapiert, wie’s läuft. Dass er sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen hat. Sonst nichts.«

»Und dafür brauche ich Angelo?«

»Nimm ihn einfach mit. Man kann nie vorsichtig genug sein. Vorher holst du noch in Gretna etwas für mich ab. Also pass auf, dass du nicht zu spät kommst«, sagte er und schaute auf den Johnnie Walker in meiner Hand.

Stan kippte einen Stoli und schob das Glas zum Barkeeper zurück. Der Mull um Georges Ohr hatte in der Mitte einen gelben Fleck. Stan sah mich gar nicht mehr richtig an, als er seine Krawatte zurechtrückte und sagte: »Keine Eisen, verstanden?«

»Was?«

»Erinnerst du dich an den Trucker letztes Jahr? Ich will nicht, dass jemand eine Kugel abbekommt, nur weil einem die Nerven durchgehen. Deshalb lautet die Ansage an dich wie an Angelo: Lasst die Knarren zu Hause. Und Gnade euch Gott, wenn ich herausfinde, dass ihr trotzdem bewaffnet hingegangen seid.«

»Wird der Typ da sein?«

»Er wird. Schließlich schicke ich ihm ein Päckchen Liebesgaben.«

Er wandte sich ab, ging zu Carmen, küsste sie hart auf den Mund und knetete kurz eine ihrer Titten. Rachephantasien krochen in mir hoch. Dann verschwand er durch die Hintertür. Carmen rauchte und wirkte einfach nur gelangweilt. Ich dachte darüber nach, dass Stan gesagt hatte, wir sollten keine Knarren mitnehmen.

Was mir verdammt komisch vorkam.

Carmen warf mir vom anderen Ende der Bar aus finstere Blicke zu, Lou und Jay bekamen es mit und redeten auf sie ein, erzählten ihr, wie entspannt Stan wirkte, wenn er mit ihr zusammen war. Das stimmte sogar, es war nicht zu übersehen, und das wiederum zwackte ein bisschen, und irgendwo tief in meinem Herzen fühlte ich mich beschämt. Ich kippte den JW hinunter und bestellte einen neuen.

Carmen hatte ihr langes hellbraunes Haar hochgesteckt, die Haut ihres hübschen Gesichts wirkte strapaziert, und in den kleinen Fältchen und Furchen, die man nur sehen konnte, wenn man ganz nah ranging, sammelten sich Make-up und Puder. Sie erinnerte mich an ein geleertes Cocktailglas, in dem eine zerdrückte Limonenschale auf schmelzenden Eiswürfeln schwimmt.

Ich schätze, die Männer fuhren auf sie ab, weil sie diese unbändige körperliche Sinnlichkeit ausstrahlte. Man brauchte sie nur anzusehen und wusste – die ist für alles zu haben. Das ist zwar sexy, aber auch schwer zu ertragen.

Ich wusste von Dingen, die sie durchgezogen hatte, von denen Angelo keine Ahnung hatte. Mit mehreren gleichzeitig und so. Und mehr als einmal hat sie mir angeboten, noch ein Mädchen mitzubringen, um die Sache ein bisschen anzuheizen.

Aber ich steh da nicht unbedingt drauf. Damals hatte ich noch einen Sinn für Romantik, der mir heute ziemlich abwegig vorkommt.

Ich glaube, sie fuhr auf den Betrug mehr ab als auf den Sex. Als hätte sie noch eine Rechnung zu begleichen.

Sie behauptete, ich hätte sie einmal geschlagen, aber das nehme ich ihr nicht ab. Sie war eine kleine Schauspielerin, und ein dramatischer Auftritt war ihr wichtiger als die Wahrheit.

Obwohl ich zugebe, dass meine Erinnerung an diese Nacht lückenhaft ist.

In der Bar sagte Lou etwas zu ihr: »Man sieht, dass du weißt, wie man einen Mann bei Laune hält.« Oder so was in der Art.

Und Carmen erwiderte: »Zumindest kann niemand sagen, dass ich mir keine Mühe gebe.«

Sie lachten alle, und die 38er an meinem Steißbein fühlte sich auf einmal verdammt heiß an. Aber das hätte mir auch keine Befriedigung verschafft. Denn meine eigentliche Wut rührte daher, dass ich nicht so sterben wollte, wie der Arzt es mir prophezeit hatte.

Ich warf ein paar Scheine auf den Tresen und ging hinaus. Zwei Tage zuvor hatte ich mich mit Tequila zugedröhnt und meinen Truck stehen lassen. Er stand noch immer unversehrt vor der Tür. Ein großer Ford F-150 Pick-up, Baujahr 84. Drei Jahre war der jetzt alt. Eckig und kompakt, schwerer Motor, definitiv kein Spielzeug. Ich fuhr über den Pontchartrain Expressway, ohne das Radio einzuschalten, weil meine Gedanken in meinem Kopf brummten wie die Flügel einer Biene.

Gretna. Auf der Franklin Street fragte ich mich, wann ich wohl das letzte Mal zum Zug kommen würde. Jeder Sonnenstrahl, der auf die Windschutzscheibe schlug, während draußen die Bäume an mir vorbeirauschten, verlangte eigentlich, dass ich ihn zu schätzen wusste, aber ich kann nicht behaupten, dass ich das tat. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, nicht mehr zu existieren, aber ich besaß nicht genügend Einbildungskraft.

Das gleiche erstickende Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das mich mit zwölf oder dreizehn befiel, wenn sich die endlosen Baumwollfelder vor mir auftaten. Ich sehe es noch vor mir: Irgendein Augustmorgen, einen Leinensack über der Schulter, und Mr. Beidle zu Pferd mit seiner Trillerpfeife, der die Kinder aus dem Heim herumkommandierte. Die elende Vorstellung einer nicht enden wollenden Arbeit. Das Gefühl, nicht gewinnen zu können. Nachdem ich eine Woche lang Baumwolle gepflückt hatte, bemerkte ich zum ersten Mal die Hornhaut auf meinen Händen, als ich eine Gabel fallen ließ und meine Fingerspitzen nichts mehr spürten. Wenn ich jetzt auf die harten Stellen an meinen Fingern schaue, überkommt mich eine Woge des Zorns, und meine Hände umklammern das Lenkrad, bis die Knöchel weiß hervortreten. Das Gefühl, betrogen worden zu sein. Dann dachte ich an Mary-Anne, meine Mutter. Sie ist eine schwache, clevere Frau gewesen, die sich zwang, dumm zu wirken. Doch heute bestand keine Notwendigkeit, an sie zu denken.

Ich fand die Adresse, die Stan mir gegeben hatte, ein heruntergekommenes Apartmentgebäude, das von einigen Lagerhäusern umgeben war. Graffiti überzogen den blassen Ziegelbau, und hüfthohes Unkraut und blutrote Fingerhirse wucherten in der Brache nebenan. Auf dem Parkplatz standen ein paar Schrottlauben, und der für New Orleans typische Geruch nach Öl und dampfendem Müll stieg mir in die Nase.

Erster Stock, Nummer 12. Ned Skinner.

Ich ging einmal an seinem Fenster vorbei und schaute hinein. Drinnen war es dunkel, und ich konnte nicht erkennen, ob sich etwas bewegte. Ich ließ eine Hand in die Hosentasche gleiten, wo meine Schlagringe steckten, und ging die Galerie entlang. Dann ging ich wieder nach unten, ums Haus herum und überprüfte die rückwärtigen Fenster. Eine Brise ließ die Gräser erzittern.

Ich kehrte um und klopfte an seine Tür. Das ganze Gebäude schien verwaist zu sein, überall heruntergelassene Jalousien, weit und breit keine Fernseh- oder Radiogeräusche. Deshalb wartete ich eine Weile, dann zückte ich mein Klappmesser und bearbeitete den billigen Holzrahmen rund ums Schloss.

Ich schlüpfte hinein, schloss die Tür und betrat das spärlich möblierte Apartment. Überall lagen Müll und Abfall herum, Zeitungen und tonnenweise alte Wettscheine, Fast-Food-Verpackungen, ein uralter Röhrenfernseher mit gesprungener Mattscheibe. Auf dem Küchentresen standen leere Wodka-Flaschen, alles anständige Marken. Verwahrloste Säufer habe ich schon immer gehasst.

Es roch beschissen, nach abgestandenem Atem und säuerlichem Schweiß. Das Badezimmer war dreckverkrustet und mit Schimmel überzogen, und auf den Fliesen lag schmutzstarrende Wäsche herum. Das Schlafzimmer bestand aus einer Matratze mit zerschlissenen, vergilbten Laken, die auf dem Boden lagen. Auch hier übersäten zahllose zusammengeknüllte Wettscheine den Teppich wie abgeschlagene Blumenblüten.

Neben der Matratze fand ich ein gerahmtes Foto. Ich hob es auf. Es zeigte eine brünette Frau mit einem kleinen Jungen, beide ziemlich hübsch, sie lachten und strahlten in die Kamera. Es sah aus, als wäre es schon einige Jahre alt. Man konnte es an der Frisur und der Kleidung der Frau erkennen, auch das Papier war fester als das, was sie heute verwenden. Es war von ledriger Textur, und die Gesichter schienen über die Jahre verblichen zu sein. Ich trug es ins Wohnzimmer, wischte einen Pizza-Karton von einem Stuhl und setzte mich. Ich sah mir das Foto an und blickte mich dann im Zimmer um. Ich habe selbst in Löchern wie diesem gehaust.

Ich studierte das Lächeln auf den Gesichtern.

Etwas huschte an mir vorbei, ein Gefühl oder eine Erinnerung, die ich nicht zu fassen bekam. Etwas, das ich einmal selbst gefühlt oder erfahren hatte, eine Erinnerung, die es nicht an die Oberfläche schaffte. Ich mühte mich, aber sie entzog sich meinem Zugriff.

Trotzdem war sie ganz nah.

Das Licht, das durch die Jalousien fiel, legte sich wie Knaststreifen auf meinen Körper. Ich wartete lange, regungslos auf dem Stuhl sitzend, doch der Mann tauchte nicht auf. Und angesichts dessen, was später passierte, betrachte ich heute diese Wartezeit als Demarkationslinie in unserer beider Leben.

Es war der Moment, in dem die Dinge in die eine Richtung hätten laufen können, ehe sie in die andere liefen.

UM ACHT traf ich mich mit Angelo im Blue Horse in einer Seitenstraße der Tchoupitoulas Street. Es war eine dieser Biker-Bars, in denen ich mich immer wohler gefühlt habe als in Stans Laden.

Aber ich hatte mir die Zeit genommen, vorher noch kurz bei meinem Trailer vorbeizufahren. Vielleicht war es paranoid, aber seit Stan mich angewiesen hatte, keine Pistolen mitzunehmen, hatte ich ein ungutes Gefühl. Schließlich bin ich Profi, kein gewöhnlicher Laufbursche, den man herumkommandiert. Und warum wollte er, dass ich Angelo mitnahm? Mir kam der Gedanke, dass Stan mich reinlegen wollte. Vielleicht wollten beide mich wegen Carmen kaltmachen. Vielleicht glaubten sie, ich hätte sie geschlagen. Oder sie wollten einfach nicht, dass ich lebend herumlief, weil ich sie gevögelt hatte. Was auch immer es war, das Ganze fühlte sich falsch an, und deshalb spielte es keine Rolle, ob mich mein Instinkt täuschte, ich würde ihm dennoch folgen. Ich steckte meine Schlagringe und einen ausziehbaren Schlagstock ein, und schob auch den 38er Colt Mustang in den Stiefel. Meine bevorzugte Waffe. Außerdem schnallte ich mir ein Springmesser an den Unterarm. Ich hatte es seit Jahren nicht mehr benutzt, deshalb sprühte ich es mit WD-40-Öl ein und testete es mit angezogener Jacke. Sobald ich mein Handgelenk drehte, schoss es mir in die Hand wie ein kalter Blitzstrahl.

Allerdings überraschte mich Angelo gleich, als ich ihn in der Bar begrüßte. Er drehte sich auf seinem Hocker um und streckte mir die Hand entgegen. Er wirkte niedergeschlagen und fertig, deshalb ergriff ich sie, achtete aber darauf, ja nicht das Handgelenk zu drehen.

»Bist du bereit?«, fragte ich.

»Lass mich austrinken.« Er wandte sich wieder zur Bar und schlürfte seinen Highball. Sein dünner werdender Pompadour war schon ziemlich weit von seiner Stirn nach hinten gerutscht, und mit seinem schwarzen Trainingsanzug stach er hier heraus wie ich bei Stan. Ich setzte mich neben ihn und starrte auf die Flaschen.

Er sah zu mir herüber, eine Art wutentbrannte Traurigkeit im Blick, als könnte er kaum still sitzen und wüsste nicht, was er mit sich anfangen sollte. Pausenlos wippte er mit dem Knie und friemelte an seinen Fingernägeln. Dann begriff ich.

»Probleme?«

»Du weißt das mit Stan und Carmen?«, fragte er.

»Klar doch, ja.«

Er funkelte mich an.

»Ach, scheiß drauf«, sagte ich, ließ meinen Blick über die Flaschen streifen und dachte an meinen Krebs. »Johnnie Walker Blue. Einen Doppelten.«

Der Drink kostete vierzig Dollar, rann heiß und geschmeidig die Kehle runter, erwärmte meine Brust mit seiner Hitze und erweckte sie zum Leben.

»Sie ist einfach …«, brabbelte Angelo.

»Was?«

»Wie kann sie nur – einfach so – warum? Mit ihm? Du kennst die Geschichten über ihn genauso gut wie ich.«

»Sie ist nicht gerade die reinste Seele. Ich meine, komm schon, sie ist eine Schlampe.«

»Sag das nicht. Ich muss mir nicht anhören, dass du so über sie redest.«

»Dann red am besten überhaupt nicht über sie. Jedenfalls nicht mit mir.«

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er mich hasserfüllt anfunkelte.

Was die Männer außerdem an Carmen mochten, war ihre Fähigkeit zu wissen, was sie dachten. Man konnte sie sicher nicht als Blondchen abtun, sie war smart und ziemlich clever. Ich denke, viele Kerle glaubten, sie wäre schlauer als sie, und das kann durchaus ganz schön erregend sein. Ich schlürfte den Rest des phantastischen Whiskeys und wirbelte herum.

»Bereit?«

Einen Moment lang fürchtete ich, er würde mir eine reinschlagen, aber er seufzte nur und nickte niedergeschlagen. Dann schwang er sich auf und rutschte vom Hocker. Dabei musste er aufpassen, dass seine Beine nicht einknickten. Ich hatte nicht bemerkt, dass er betrunken war, und machte mir nun Sorgen wegen des Manns in Jefferson Heights. Sienkiewicz.

»Du fährst«, sagte er.

Mein Truck erwachte wie ein nasser Hund zum Leben, und die Stimme im Radio erzählte gerade etwas über Jim Bakker und dass ihm die Priesterwürde aberkannt worden war. Angelo saß neben mir, als hätte man ihm die Luft rausgelassen. Ich checkte die Adresse und fuhr auf der Napoleon Richtung Norden zur I-90.

Angelo beugte sich vor und schaltete das Radio aus. »Weißt du noch?«, sagte er leise und lallte ein bisschen. »Weißt du noch, wie wir vor ein paar Jahren diese Bürschchen fertiggemacht haben, die im Audubon Park gedealt haben?«

Ich musste kurz überlegen. »Ja.«

»Mann. Der Junge damals fing glatt an zu heulen. Weißt du noch – ich meine – wir hatten noch nicht mal angefangen. Und schon liefen ihm die Tränen …« Er kicherte.

»Ich erinnere mich.«

»Bitte nicht, wir tun’s doch nur, um die Uni zu bezahlen.«

»Yep.«

»Und du hast gesagt: Junge, hier ist die Uni.« Er hielt inne, richtete sich auf. »Erinnerst du dich noch an die Tasche?«

»Aber klar.«

Das war vor etwa fünf Jahren, ich war gerade zu Stans Truppe gestoßen. Der Junge hatte einen Matchsack voll mit kleinen Koksbriefchen und viertausend Dollar.

»Und weißt du noch, was wir damit gemacht haben?«

»Es Stan gegeben.«

»Ja.« Er drehte sich zu mir, die Hände schlaff im Schoß. »Ich weiß, dass du das Gleiche gedacht hast wie ich. Dass wir es einfach aufteilen könnten. Dass Stan es nicht zu wissen brauchte.«

Sein leises, herumirrendes Stimmchen schien mit den Lichtern zu verschmelzen, die die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos über die Windschutzscheibe jagten.

»Aber wir haben einander nicht getraut«, fuhr er fort. »Dran gedacht haben wir beide. Aber wir haben einander nicht getraut.«

Ich warf ihm einen Blick zu und holte tief Luft. »Worauf willst du hinaus?«

»Weiß nicht«, erwiderte er schulterzuckend. »Ich hab … ich hab nur so nachgedacht. Ich meine … Was haben wir schon vorzuweisen? Ich bin dreiundvierzig, Mann.«

Es war, als hoffe er in mir einen Kumpel zu finden, aber das stand ihm nicht zu. Außerdem war es ziemlich erbärmlich, diesem aufgedunsenen Spaghettifresser dabei zuzuhören, wie er über seine Gefühle zu reden versuchte, ohne über das dafür nötige Vokabular zu verfügen.

Während mir der Sarg angemessen wurde, jammerte er über sein Leben.

»Warum konzentrierst du dich nicht einfach auf unser Vorhaben?«

»Häh?«

Er starrte aus dem Fenster, und ich legte ein Tape von Billy Joe Shaver ein, von dem ich wusste, dass Angelo es hasste. Aber er verlor kein Wort über die Musik.

Ich bekam fast Schuldgefühle, weil ich plante, ihn nachher ins Genick zu stechen, und das war ungefähr so, als träte man einen Krüppel. Man brauchte einen guten Grund.

Fairness war für mich nie nur ein Wort gewesen.

Damit meine ich, wenn man mir einen Zettel in die Hand drückt, auf der dein Name steht, dann hast du irgendwas getan, damit er da draufsteht. Etwas, das du besser nicht hättest tun sollen. So läuft das eben.

Angelo glotzte stumpf aus dem Fenster und seufzte wie ein junges Mädchen, während ich die Steel-Gitarre, die aus den Tür-Lautsprechern wummerte, auf mich wirken ließ, bis meine Eingeweide kitzelten. Nach einer Weile fand ich das Haus, ein viktorianischer Kasten auf der Newman Avenue mit einem Hof, der von einem Zaun aus schmiedeeisernen Speeren umgeben war. Um sicherzugehen, dass das Haus nicht überwacht wurde, fuhren wir ein paarmal in größer werdenden Kreisen um den Block. Dann parkte ich den Truck auf der Central, damit wir uns zwischen den Häusern hindurch anschleichen konnten.

Ich kontrollierte meine Mitbringsel und steckte die Skimaske in die Jackentasche. Angelo wollte seine gleich überziehen, aber ich sagte ihm, er solle warten, bis wir da sind, was er denn auch tat, obwohl er sich benahm, als wäre er zu blöd, seine Schuhe zu binden. Ich war kurz davor, ihm zu sagen, er solle auf mich warten. Aber das hätte nichts gebracht, also schlichen wir über die Höfe zurück zur Newman. Dort brannte nur eine einsame Straßenlaterne, und die stand weit hinter dem Haus, das wir besuchen wollten. Es lag im Dunkeln, und ich konnte auch keine Hunde hören.

Ich sagte ihm, er solle vorne klopfen, ich würde hintenrum gehen.

Dann zog ich mir die Maske über, stützte mich an den Pfosten ab und sprang über den Zaun, durchquerte einen ruhigen kleinen Hinterhof, in dem sich ein kleiner Teich befand, in den über einen Natursteinhügel das Wasser floss, was ein beruhigendes, aber auch merkwürdiges Geräusch machte.

Ich stieg die Stufen zur Hintertür hinauf. Damals dachte ich nicht daran, aber mir hätte auffallen müssen, dass es hier keine Bewegungsmelder gab. Und ich hatte auch nicht bemerkt, dass das Haus das einzige in der Straße war, das in völlige Dunkelheit gehüllt war.

Aber ich hatte es eilig. Während ich an der Tür stand und lauschte, roch ich unter der Maske meinen Whiskeyatem und hörte das Blubbern des Teichs.

Ich bekam mit, wie Angelo an die Vordertür klopfte, wartete, erhaschte die Schritte, die sich zum Eingang bewegten. Ich trat einen Schritt zurück, fuhr meinen Schlagstock aus und zählte bis drei. Dann trat ich mit dem Stiefel die Tür ein. Das Holz splitterte.

Ich stürmte mit erhobenem Schlagstock blindlings in die Dunkelheit. Etwas Schweres landete auf meinem Schädel, und die Dunkelheit färbte sich rot.

Ich erwachte, als mich jemand zu Boden fallen ließ, in meinem Schädel tobte eine furchtbare Migräne, und ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Man hatte mir die Maske abgenommen, ich sah Angelo, der mir gegenübersaß. Sein Gesicht war blutüberströmt, er hob eine Hand an die Nase. Wir befanden uns in der Diele vor der senfgelb gestrichenen Haustür, die von einer kleinen Lampe an der Wand erleuchtet wurde, die hinter ihrem orangefarbenen Glas einen schmalen Lichtkegel ausstrahlte, der auf rote Tapeten fiel. Ein Mann stand über mir, ein zweiter neben Angelo. Sie trugen schwarze Overalls und Skimasken und hatten Pistolen mit aufgeschraubten Schalldämpfern in der Hand. Außerdem trugen sie schwarze Westen, deren Taschen sich ausbeulten, und zerschrammte Springerstiefel. Echte Profis. Ihre Augen bohrten sich in meine, kalt und gelb wie die von Stan.

Der neben Angelo sah sich um, und wir hörten Schritte. Ich glaubte, eine Frau wimmern zu hören. Ein Hauch von Pulverdampf hing in der Luft, und es roch nach Scheiße. Ich sah mich um.

Die Leiche von jemandem, der Sienkiewicz sein musste, lag im angrenzenden Zimmer auf der Seite. Sein Hemd glänzte feucht.

Ich hörte ein weiteres Aufschluchzen und dachte, es käme von Angelo, aber als sich mein Blick klärte, sah ich in der Dunkelheit des Zimmers links von mir ein Mädchen auf einem Stuhl sitzen. Ich konnte sogar ihr Gesicht gut genug sehen, um zu erkennen, dass ihre Wimperntusche über die Wangen floss. Sie hatte die Arme fest um ihren Körper geschlungen und zitterte.

Jetzt kapierte ich, was abging und warum Stan nicht gewollt hatte, dass wir unsere Waffen mitnahmen. Ich schaute zu Angelo hinüber, aber der schien komplett durch den Wind und nutzlos und starrte stumpf auf das Blut, das sich unter seiner Nase in der Handfläche sammelte.

Die Schritte kamen näher, und ein dritter Mann kam um die Ecke und machte sich im Gehen die Hose zu. Er hatte einen fetten, mit Papieren gefüllten Ordner unter dem Arm. Er trug den gleichen Kampfanzug wie die beiden anderen. Nachdem er sich die Hose zurechtgerückt hatte, zog er eine Pistole aus dem Gürtel.

»Stellt sie auf die Beine.« Er hatte einen komischen Akzent, weder amerikanisch noch europäisch.

»Was soll das«, polterte Angelo. »Wer seid ihr?« Einer der Männer zog ihm mit dem Pistolengriff durchs Gesicht. Angelo schlug die Hand vor den Mund, stürzte und wälzte sich am Boden.

Das Mädchen auf dem Stuhl atmete schneller und heftiger, als würde sie gleich ersticken.

Der Mann, der ihm eine verpasst hatte, zerrte Angelo an den Haaren wieder auf die Beine. Der andere drückte mir den Schalldämpfer an die Schläfe und sagte: »Hoch.«

Ich erhob mich langsam, aber der Lauf blieb, wo er war. Ich spürte, dass sie meine Taschen geleert hatten, und die 38er war nicht mehr in meinem Stiefel. Ich sah zu Angelo hinüber, der sich gerade vollpisste. Ein Nahkampf mit drei Pistolen, wir hatten keine davon – aus so einer Situation kommt man einfach nicht mehr raus.

Sie schoben Angelo gegen die Wand und schätzten die Entfernung zwischen ihm und Sienkiewicz’ Leiche im anderen Zimmer ab. Ich nahm an, sie wollten uns so positionieren, dass es aussah, als hätten wir uns gegenseitig umgebracht, aber sicher war ich mir nicht.

Der Mann neben mir schlug mich seitlich an den Hinterkopf und stieß mich vorwärts. Ich tat, als stolperte ich, und ließ mich auf ein Knie fallen.

Als er mich hochzerrte, drehte ich mein Handgelenk und trieb ihm das Stilett ins Genick. Heißes Blut sprudelte mir über Gesicht und Mund.

Ich ließ die Klinge stecken, und als die beiden anderen ihre Knarren hoben, ließ ich mich hinter ihn fallen. Einer schoss auf mich, kratzte aber nur eine Handvoll Putz aus der Wand, aber der andere erwischte Angelo, dessen Pompadour wegflog, während er in die Knie ging. Dann schossen sie beide auf mich. Ihre Schüsse machten plopp wie bei Luftdruckgeschossen und trafen alle ihren Mann. Er zuckte, die Klinge immer noch im Nacken, unter den Einschlägen zusammen. Ich hatte meine 38er direkt vor Augen, sie steckte hinten in seinem Hosenbund. Ich riss sie heraus und schoss durch die Blutfontänen auf den, der mir am nächsten stand.

Ich hatte nicht die Zeit, richtig zu zielen, und war vor Blut halb blind, aber ich erwischte ihn am Hals, und er zuckte zusammen, feuerte noch einen Schuss ab und fiel dann rücklings zu Boden.

Noch nie im Leben hatte ich einen solchen Treffer gelandet.

Was jetzt folgte, war grotesk – der dritte Mann, der, der Angelo abgeknallt hatte, wurde von seinem Kumpel erwischt, der im Sterben den Abzug gedrückt hatte. Seine Achselhöhle qualmte, er presste die Hand darauf und sank gegen die Wand. Seine Pistole lag jetzt einen guten Meter neben seinem Stiefel.

Angelo war derweil seitlich auf den Teppich gekippt.

Der Letzte der drei schaute auf seine Pistole, seinen Stiefel und, just als ich ihn in den Kopf schoss, zu mir.

Die ganze Geschichte hatte vielleicht fünf Sekunden gedauert.

Der Rauch hing in der Diele wie Sumpfnebel. Angelos Schädeldecke war weggeflogen, seine Wangen waren blut- und tränenüberströmt. Ich musste kotzen. Das Mädchen im Stuhl schluchzte heftiger und gab stöhnende Laute von sich.

Die drei schwarzgekleideten Männer lagen übereinander auf dem Boden, von ihren Körpern stiegen kleine Rauchschwaden auf. Die Klinge ragte wie ein riesiger Dorn aus dem Nacken des einen, und das orangefarbene Licht ließ sein Blut aussehen, als wäre es Farbe.

Das Mädchen saß zitternd und mit weit aufgerissenen Augen auf dem Stuhl. Ich ließ sie sitzen und durchquerte die Diele. In einem der hinteren Zimmer brannte Licht, ich schlich mich an. Die Leiche einer nackten Frau lag ausgestreckt auf dem Bett, das von einer Leselampe auf dem Nachttisch in grünes Licht getaucht wurde. Die Laken waren blutig, und sie hatte schwere Blutergüsse an den Schenkeln und am Hals. Sie war jung, jedoch nicht so jung wie die Kleine auf dem Stuhl.

Ich ging zurück zu ihr und sagte: »Steh auf, ich tu dir nichts.«

Sie rührte sich nicht. Sie sah mich nicht an, blinzelte nicht einmal. Ich musste sie einen Moment lang sitzen lassen, um mir das Blut aus den Augen zu wischen.

Mir fiel der Ordner auf, dessen Papiere mit Knochensplittern übersät auf dem Boden lagen. Ich ging in die Hocke, hob sie auf und wollte schon zur Hintertür, aber das Mädchen hatte mein Gesicht gesehen. Sie war immer noch starr vor Angst. Ich ohrfeigte sie leicht und zog sie am Arm vom Stuhl. »Steh auf, du kommst mit mir mit.«

»Was hast du vor?«, stammelte sie.

»Wir müssen hier weg.«

»Wo gehen wir hin?«

»Keine Ahnung.«

Zum ersten Mal nahm ich das Gesicht der Kleinen richtig wahr. Sie war jünger, als ich gedacht hatte. Die Wimperntusche war unbeholfen und viel zu dick aufgetragen und sah jetzt aus wie ausgelaufene Tinte. Sie hatte blondes, ganz kurzes Haar, und selbst mit dem Make-up, das ihr über die Wangen lief, wirkte sie noch kindlich, trotzdem war noch etwas anderes in ihrem Gesicht, etwas, das man manchmal auch in Carmens Augen erkennen konnte: der Wille zur Selbsterhaltung, die Bereitschaft, harte Entscheidungen zu treffen. Jedenfalls kam es mir so vor. Doch was immer ich sah, es huschte vorbei. Ein flüchtiger Moment des Mitgefühls, eine instinktive Wahrnehmung, mehr nicht.

»Komm mit«, sagte ich, und weil sie sich nicht rührte, hielt ich ihr die Pistole unter die Nase.

Sie starrte auf den Lauf und sah mich an. Im düsteren orangefarbenen Licht konnte ich nicht erkennen, welche Farbe ihre Augen hatten. Dann sah sie zu Boden. Sie rutschte vom Stuhl auf den Boden, kroch auf allen vieren zu den Leichen und durchwühlte die Taschen der Männer, die ich getötet hatte. Ich nahm an, dass sie nach Geld oder nach etwas, das sie ihr weggenommen hatten, suchte, und brachte Verständnis dafür auf, weil dies zu bestätigen schien, was ich über den pragmatischen Zug, der in ihren Augen aufschien, gedacht hatte.

Die ganze Zeit über rechnete ich mit Sirenengeheul. Ich ging zum Fenster und sah hinaus, die Nacht wirkte ruhig und ungestört. Das Mädchen hatte aus dem Nebenzimmer eine große Handtasche geholt und stopfte hinein, was sie in den Taschen gefunden hatte. Dann stand sie auf, ihr Blick war nüchtern und unbeugsam. »Vonda«, sagte sie. »Meine Freundin Vonda.«

Sie ging durch die Diele Richtung Schlafzimmer, aber ich erwischte sie noch am Handgelenk und schüttelte den Kopf. »Das willst du nicht sehen.«

»Aber …«

Ich zog sie am Arm durch die Hintertür, über die Straße in die Dunkelheit, wo ich immer noch auf die Sirenen, die vom Highway 90 kommen mussten, wartete. Blut und Pulver verstopften mir die Nase, ich spürte, wie das Blut auf meinen Wangen antrocknete. Ich zog mein Hemd aus, rieb mir kräftig das Gesicht ab und schnäuzte, was das Zeug hielt. Wir schlichen über die Höfe und durch die Schatten der Bäume, bis wir außer Sicht waren.

Als wir zu meinem Wagen kamen, schob ich sie hinein und ließ den Motor an. Billy Joes Gesang vermischte sich mit dem Aufheulen des Motors, und ich musste lachen. Mir schoss durch den Kopf, dass, wenn ich Stan von meiner Lunge erzählt hätte, dies alles nicht passiert wäre. Vielleicht hätte er beschlossen, der Natur ihren Lauf zu lassen.

Einen Moment lang saß ich hinter dem Lenkrad und grinste bis über beide Ohren. Damit machte ich dem Mädchen Angst, denn sie presste sich gegen das Seitenfenster und blickte stur zu Boden, bis ich endlich losfuhr und auf den Highway zusteuerte.

Jetzt, im Nachhinein, glaube ich, dass ich sie nicht nur mitgenommen habe, weil sie mein Gesicht gesehen hatte, sondern dass noch mehr dahintersteckte. Denn was interessierte es mich, dass sie mein Gesicht gesehen hatte. Ich würde demnächst sterben. Ich hätte mir den Bart abrasieren und die Haare schneiden können. Denn genau aus diesem Grund trug ich lange Haare: Wenn ich in der Klemme saß, konnte ich mich rasieren, mir einen Crewcut zulegen, schon war ich ein völlig anderer Mensch.

Ich glaube, für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich in der orangefarben erleuchteten, von Blut und Rauch durchwaberten Diele noch etwas anderes erkannt. Als die Schüsse in meinen Ohren klingelten und mein Kiefer starr vom Adrenalin war, war mir am Gesicht der Kleinen, auf dem sich Furcht und Kummer abzeichneten, etwas aufgefallen, das ich auch zuvor schon in dem leeren Apartment gespürt hatte. Das Gefühl von etwas, das ich zwar vergessen hatte, das aber immer noch als Erinnerung, als ein Verlust in meinem Unterbewusstsein widerhallte.

Und wie sich herausstellte, stammte das Mädchen wie ich aus East Texas.

DIE KLEINE hieß Raquel, aber alle nannten sie Rocky. Sie war völlig verschreckt, und angesichts dessen, was sie durchgemacht hatte, hätten eine Menge Leute komplett dichtgemacht, aber sie plapperte wie ein Papagei. Ich vermutete, dass sie schon vor den Ereignissen dieses Abends gelernt hatte, dass man mit allem leben kann.

»Mit Nachnamen heiße ich Arceneaux.« Sie sprach es Arson oh aus. »Wirst du mich umbringen?«

»Nein. Und hör auf, das zu fragen.«

Ich fuhr zu meinem Trailer in Metairie. Wir warteten eine Weile am Rand des Parks, aber in der Dunkelheit wirkte mein Double-Wide so, wie ich ihn verlassen hatte. Keine Fahrzeuge, die ich nicht kannte. Kein Licht in den Fenstern. Also gingen wir rein. Ich schob sie vor mir her und ließ das Licht aus.

»Hier wohnst du?«

»Klappe halten.«

Ich fragte mich, wann die Männer in den Kampfanzügen sich bei Stan zurückmelden sollten. Draußen war es fast zu ruhig, in den Eichen und Ahornbäumen rings um den Park regte sich nichts, es war windstill, die Äste hingen reglos über den viereckigen Wohnboxen, und das Licht aus den anderen Trailern verriet keinerlei Geschäftigkeit. Niemand ging am Fenster vorbei, das matte Licht erleuchtete die Unterseite der Äste und das Spielzeug und die Reifen, die wie Geschwüre auf den matschigen Vorplätzen wucherten. Ich machte das Dielenlicht an.

Ich legte meine Pistole auf den Deckel des Faulbehälters und wusch mir im Waschbecken im Badezimmer das Gesicht, schrubbte mir Hände und Unterarme mit Sandseife und kochend heißem Wasser, das in einem rötlichen Strudel in den Abfluss floss.

Ich holte ein frisches Hemd aus dem Schrank sowie eine kleine Kassette, wie man sie auch für die Schließfächer der Banken verwendet. Darin befanden sich etwas mehr als dreitausend Dollar, gefälschte Papiere – Führerschein und Pass –, die ich mir vor Jahren hatte machen lassen. Als Altersvorsorge sozusagen. Außerdem nahm ich eine Schachtel 38er-Munition aus dem Regal, ein sauberes Autokennzeichen und noch ein paar Klamotten und stopfte alles in einen alten Seesack.

Die Kleine hatte sich im Wohnzimmer in den einzigen Sessel gesetzt, einen extragroßen La-Z-Boy-Fernsehsessel, in dem ich an den meisten Abenden einnickte. Eine Armee leerer, am Boden verstreuter High-Life-Büchsen erklärte, warum; sie sahen tatsächlich wie eine Armee aus, weil ich mit dem Messer kleine Streifen, die wie Arme anmuteten, herausgeschnitten und die Deckel hochgeklappt hatte, damit sie wie Köpfe wirkten. So was machte ich, während ich «Fort Apache» kuckte, und es war mir ein bisschen peinlich, dass Rocky es mitbekam. Der Sessel stand natürlich vor dem Fernseher und dem Videorekorder, neben dem sich meine Videosammlung befand.