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HARUKI MURAKAMI

VON MÄNNERN,
DIE KEINE FRAUEN HABEN

Erzählungen

Aus dem Japanischen
von Ursula Gräfe

VON MÄNNERN,
DIE KEINE FRAUEN HABEN

DRIVE MY CAR

Kafuku war schon mit vielen Frauen im Auto mitgefahren. Er unterteilte sie grundsätzlich in zwei Typen: Die einen fuhren ihm zu waghalsig, die anderen zu vorsichtig. Zahlenmäßig überwogen – glücklicherweise – die letzteren. Insgesamt betrachtet fahren Frauen rücksichtsvoller als Männer. Allerdings geht ihre höfliche und defensive Fahrweise anderen Verkehrsteilnehmern bisweilen auf die Nerven.

Andererseits halten sich wohl viele jener Frauen, die zu den waghalsigen gehören, selbst für erstklassige Autofahrerinnen. Sie pflegen sich über die zaghaften lustig zu machen und brüsten sich damit, selbst ganz anders zu sein. Doch bei einem tollkühnen Spurwechsel merken sie oftmals gar nicht, dass um sie herum mehr als einer mit angehaltenem Atem oder sogar fluchend auf die Bremse steigt.

Natürlich gibt es auch solche, die keiner der beiden Kategorien angehören. Frauen, die weder zu rasant noch zu vorsichtig, sondern ganz normal fahren. Einige sind richtig versiert. Aber selbst an ihnen nahm Kafuku immer eine gewisse Anspannung wahr. Er konnte nicht genau definieren, woran es lag, aber immer wenn er auf dem Beifahrersitz saß, vermittelte sich ihm diese »Aufgeregtheit« und machte ihn nervös. Seine Kehle wurde trocken oder er begann eine überflüssige, banale Konversation, um die Stille zu füllen.

Natürlich gibt es auch bei Männern gute wie schlechte Autofahrer. Aber sie vermittelten Kafuku nicht diesen Eindruck von Nervosität. Nicht, dass sie immer besonders entspannt gewesen wären. Vielleicht waren sie in Wirklichkeit auch nervös. Aber es schien ihm, als könnten sie ihre Aufregung irgendwie ganz natürlich – vielleicht unbewusst – von sich abkoppeln. Sie waren in der Lage, sich aufs Fahren zu konzentrieren und sich trotzdem ganz normal zu unterhalten. So war das eben. Es war Kafuku ein Rätsel, wie dieser Unterschied zustande kam.

Sonst empfand er im Alltag kaum einen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Sie verfügten über die gleichen Fähigkeiten. In seinem Beruf arbeitete er sowohl mit Männern als auch mit Frauen zusammen, und eigentlich fand er es sogar angenehmer, mit Frauen zu arbeiten. In der Regel achteten sie genauer auf Details und hörten besser zu. Nur wenn eine Frau im Auto neben ihm am Steuer saß, war ihm der Unterschied immer sehr bewusst. Allerdings behielt er das für sich. Es war kein Thema, das man offen erörtern sollte.

 

Aus diesem Grund wirkte Kafuku nicht gerade glücklich, als Oba, der Besitzer seiner Autowerkstatt, ihm auf seine Frage, ob er ihm einen Chauffeur empfehlen könne, eine junge Frau nannte. Oba lächelte verständnisvoll. »Nein, nein, Herr Kafuku«, sagte er, »die Kleine kann wirklich fahren. Das garantiere ich Ihnen. Wollen Sie sie nicht wenigstens einmal kennenlernen?«

»Na gut, wenn Sie es sagen«, antwortete Kafuku. Er brauchte schnell einen Chauffeur, und Oba war ein Mann, dem man vertrauen konnte. Kafuku kannte ihn schon seit fünfzehn Jahren. Seine Haare standen vom Kopf ab wie Draht, was ihm ein lausbubenhaftes Aussehen gab, aber wenn es um Autos ging, irrte er sich nie.

»Ich möchte mir zur Sicherheit noch Ihre Lenkradeinstellung anschauen, aber wenn es da kein Problem gibt, können Sie den Wagen übermorgen um zwei in einwandfreiem Zustand abholen. Ich bestelle das Mädchen her, und Sie können eine Probefahrt mit ihr machen, in Ordnung? Sollten Sie nicht zufrieden sein, sagen Sie es einfach. Nur keine Hemmungen.«

»Wie alt ist sie denn?«

»Vielleicht Mitte zwanzig. Ich habe sie nicht gefragt«, sagte Oba. Er runzelte ein wenig die Stirn. »Allerdings muss ich Sie vorwarnen. Sie ist eine versierte Fahrerin, wie gesagt, aber …«

»Aber?«

»Wie soll ich sagen? Sie ist etwas exzentrisch.«

»In welcher Hinsicht?«

»Sie ist ziemlich schroff und wortkarg. Außerdem raucht sie unentwegt«, sagte Oba. »Besser, Sie sind vorgewarnt. Sie ist nicht gerade der Typ ›süßes Mädchen‹. Lächelt so gut wie nie. Ehrlich gesagt, sie ist ein Raubein.«

»Macht nichts. Bei einer Hübschen wäre ich auch nicht entspannt, außerdem kommen bei so was nur dumme Gerüchte auf.«

»Dann ist sie vielleicht sogar genau die Richtige.«

»Aber sie ist wirklich eine gute Fahrerin?«

»Auf jeden Fall. Nicht nur für eine Frau – sie ist einfach gut.«

»Was macht sie im Moment?«

»Ich weiß es nicht genau. Anscheinend schlägt sie sich mit Zeitarbeit an Supermarktkassen oder mit Jobs bei Lieferservices durch. Jobs, bei denen sie sofort aufhören kann, wenn sich etwas Besseres bietet. Ein Bekannter hatte sie mir gebracht, aber die Werkstatt läuft im Augenblick nicht so gut, dass ich jemand Neues einstellen könnte. Ich beschäftige sie auf Abruf. Ich finde, sie ist ein ziemlich vernünftiges Mädchen. Zumindest rührt sie keinen Tropfen Alkohol an.«

Bei der Erwähnung von Alkohol verdüsterte sich Kafukus Gesicht. Er fuhr sich spontan mit der rechten Hand über den Mund.

»Also dann übermorgen um zwei«, sagte er. Das schroffe, wortkarge, unsüße Mädchen interessierte ihn.

 

Zwei Tage später um zwei Uhr waren die Reparaturen an seinem gelben Saab-900-Cabriolet abgeschlossen. Eine Delle vorn rechts war beseitigt und die Stelle so sorgfältig lackiert worden, dass kaum noch etwas zu sehen war. Der Motor war gewartet, die Gangschaltung eingestellt, auch Bremsbeläge und Scheibenwischer waren erneuert worden. Der Wagen war gewaschen und poliert, die Radkappen waren gereinigt. Wie üblich hatte Oba tadellose Arbeit geleistet. Kafuku fuhr den Saab schon seit zwölf Jahren, und der Wagen hatte über hunderttausend Kilometer auf dem Tacho. Das Verdeck war mittlerweile etwas verschlissen, und an Tagen, an denen es heftig regnete, leckte es. Aber er hatte momentan nicht die Absicht, sich einen neuen Wagen zuzulegen. Bisher waren keine größeren Reparaturen nötig gewesen, doch vor allem hing er sehr an diesem Wagen. Er liebte es, sommers wie winters mit offenem Verdeck zu fahren. Im Winter trug er einen dicken Mantel und wickelte sich einen Schal um den Hals, und im Sommer trug er eine Mütze und eine dunkle Sonnenbrille, wenn er am Steuer saß. Frohgemut fuhr er durch die Stadt, und wenn er an einer Ampel warten musste, betrachtete er stillvergnügt den Himmel. Er beobachtete die ziehenden Wolken und die Vögel auf den Telefondrähten. Das Cabrio gehörte zu seinem Lebensstil. Nun schritt Kafuku langsam um den Saab herum und nahm jedes Detail in Augenschein, wie jemand, der vor einem Rennen den Zustand seines Pferdes überprüft. Als er den Wagen gekauft hatte, war seine Frau noch am Leben gewesen. Die Farbe hatte sie ausgesucht. In den ersten Jahren hatten sie viele Ausflüge gemacht. Seine Frau konnte nicht Auto fahren, also hatte immer Kafuku am Steuer gesessen. Sie waren auch weitere Strecken gefahren, zum Beispiel nach Izu, Hakone oder Nasu. Doch seit zehn Jahren fuhr er fast immer allein. Nach dem Tod seiner Frau hatte er zwar einige Frauen kennengelernt, aber aus irgendeinem Grund nie eine Gelegenheit gefunden, sie im Wagen mitzunehmen. Er verließ auch niemals mehr die Stadt, wenn sein Beruf es nicht verlangte.

»Natürlich ist er hier und da schon ein bisschen in die Jahre gekommen, aber noch immer gut in Schuss.« Oba streichelte liebevoll das Armaturenbrett wie den Kopf eines großen Hundes. »Auf den Wagen können Sie sich verlassen. Schwedische Autos wurden damals für die Ewigkeit gemacht. Um die Elektronik muss man sich kümmern, aber die Mechanik ist unverwüstlich. Sie haben ihn ja auch gut gepflegt.«

Als Kafuku gerade die Papiere unterschrieb und man ihm die einzelnen Posten der Rechnung erklärte, kam die junge Frau. Sie war ungefähr 1,65 Meter groß und nicht dick, hatte aber breite Schultern und einen kräftigen Körperbau. Rechts auf ihrem Hals war ein ovales, violettes Muttermal von der Größe einer Olive zu sehen, aber sie schien sich nichts daraus zu machen, da sie es ganz offen zeigte. Ihr dichtes schwarzes Haar hatte sie im Nacken zusammengebunden, damit es nicht störte. Als schöne Frau konnte man sie nicht bezeichnen. Ihr Gesicht war, wie Oba gesagt hatte, ziemlich reizlos und voller Akne-Narben. Sie hatte große Augen, ihr Blick wirkte scharf, mit einem Anflug von Argwohn. Ihre Ohren waren ebenfalls nicht gerade klein und ziemlich abstehend, wie Radarschüsseln. Sie trug ein für den Monat Mai etwas zu warmes Herrenjackett mit Fischgratmuster, braune Baumwollhosen und schwarze Converse-Turnschuhe. Unter ihrem weißen, langärmligen T-Shirt zeichneten sich ihre vollen Brüste ab.

Oba stellte sie Kafuku als Misaki Watari vor.

»Misaki schreibt man mit Hiragana-Zeichen. Brauchen Sie einen Lebenslauf? Kann ich Ihnen geben.« Ihr Ton war nicht gerade verbindlich.

Kafuku schüttelte den Kopf. »Nicht nötig. Sie können einen Schaltwagen fahren, nicht wahr?«

»Schaltung fahre ich am liebsten«, sagte sie kühl. Als hätte er einen eingefleischten Vegetarier gefragt, ob er grünen Salat esse.

»Es ist ein alter Wagen, also habe ich kein Navi.«

»Brauche ich nicht. Ich habe viel als Lieferantin gearbeitet und kenne mich ganz gut aus in der Stadt.«

»Gut, dann machen wir mal eine Probefahrt, ja? Mit geöffnetem Verdeck, das Wetter ist ja schön.«

»Wohin?«

Kafuku überlegte. Die Werkstatt lag in der Nähe von Shinohashi. »Wir biegen an der Kreuzung Tengen-ji rechts ab, parken dann in der Tiefgarage vom Supermarkt Meidi-ya, ich mache dort ein paar Einkäufe, dann fahren wir zum Arisugawa-Park hoch und an der französischen Botschaft vorbei auf die Meiji-dori. Und dann wieder hierher zurück.«

»Einverstanden«, sagte sie, ohne die Route noch einmal zu wiederholen. Nachdem Oba ihr den Schlüssel ausgehändigt hatte, stellte sie sich den Sitz und die Spiegel ein. Mit den Armaturen kannte sie sich offenbar bereits aus. Sie trat die Kupplung und schaltete probeweise die Gänge durch. Anschließend nahm sie aus der Brusttasche ihres Jacketts eine dunkelgrüne Ray-Ban-Sonnenbrille. Sie nickte Kafuku kurz zu. »Fertig« sollte das heißen.

»Ein Kassettendeck«, sagte sie nach einem Blick auf die Musikanlage wie zu sich selbst.

»Ja, ich bevorzuge Kassetten«, sagte Kafuku. »Sie sind praktischer für mich als CDs. Ich lerne meine Rollen damit.«

»Ich habe schon lange kein Kassettendeck mehr gesehen.«

»Als ich anfing, Auto zu fahren, benutzte man 8-Spur-Kassetten«, sagte Kafuku. Misaki sagte nichts, aber ihr war anzusehen, dass sie keine Ahnung hatte, was 8-Spur-Kassetten waren.

Wie Oba es ihm garantiert hatte, war sie eine hervorragende Fahrerin. Sie schaltete geschmeidig und ohne dass es je einen Ruck gab. Es herrschte viel Verkehr, und sie mussten häufig an Ampeln stehen bleiben, aber sie schien sich zu bemühen, die Drehzahl des Motors konstant zu halten. Er sah es an ihrem Blick, wenn sie schaltete, aber schloss er die Augen, bemerkte er es kaum. Er hörte es allenfalls an den veränderten Geräuschen des Motors. Wenn sie bremste oder beschleunigte, geschah es ebenfalls weich und konzentriert.

Vor allem genoss er es aber, dass Misaki die ganze Zeit völlig entspannt war. Offenbar war sie beim Fahren gelöster als sonst. Ihr Ausdruck war nicht mehr so schroff, und auch ihr Blick wurde sanfter. Nur an ihrer Wortkargheit änderte sich nichts. Solange er sie nichts fragte, machte sie den Mund nicht auf, was Kafuku jedoch nicht im Geringsten störte. Konversation war auch nicht gerade seine Stärke. Gesprächen mit guten Freunden war er nicht abgeneigt, aber sonst schwieg er lieber. Er lehnte sich in seinem Sitz zurück und betrachtete geistesabwesend die an ihm vorübergleitenden Szenen der Stadt. Ihm, der stets selbst hinter dem Steuer gesessen hatte, eröffnete sich so eine ganz neue Perspektive.

Kafuku ließ Misaki zur Probe mehrmals auf der dicht befahrenen Gaien-nishi-dori rückwärts einparken, aber sie zeigte sich dieser Aufgabe problemlos gewachsen. Sie verfügte über ein sehr gutes Augenmaß und ein ausgezeichnetes Reaktionsvermögen.

Wenn sie lange an einer Ampel warten mussten, rauchte sie Marlboros, offenbar ihre bevorzugte Marke. Sobald die Ampel auf Grün schaltete, machte sie die Zigarette aus. Sie rauchte nie während der Fahrt. An den Stummeln klebte kein Lippenstift. Auch ihre Nägel waren nicht lackiert. Überhaupt schien sie kein Make-up zu tragen.

»Ich hätte noch einige Fragen an Sie«, sagte Kafuku, als sie sich dem Arisugawa-Park näherten.

»Fragen Sie«, sagte Misaki Watari.

»Wo haben Sie fahren gelernt?«

»Ich bin im Gebirge aufgewachsen. Auf Hokkaido. Ich fahre seit meinem elften Lebensjahr. Ohne Auto ist man dort völlig aufgeschmissen. Die Ortschaften in den Tälern bekommen kaum Sonne, und die Hälfte des Jahres sind die Straßen vereist. Selbst schlechte Fahrer müssen dort was können.«

»Aber rückwärts einparken lernt man doch nicht im Gebirge?«

Sie antwortete nicht. Vielleicht hielt sie die Frage für dumm und keiner Antwort würdig.

»Hat Herr Oba Ihnen erzählt, warum ich so plötzlich einen Chauffeur brauche?«

»Sie sind Schauspieler«, sagte sie unbeteiligt und sah nach vorn. »Im Moment haben Sie sechs Vorstellungen pro Woche. Sie fahren immer mit dem Auto ins Theater. U-Bahn oder Taxi sind für Sie keine Alternative, denn im Auto können Sie Ihre Rollen üben. Kürzlich hatten Sie einen kleinen Auffahrunfall, und der Führerschein wurde Ihnen entzogen, weil Sie etwas getrunken hatten und außerdem Probleme mit den Augen haben.«

Kafuku nickte. So klang es wie der Traum eines anderen Menschen.

»Als der Augenarzt, zu dem die Polizei mich geschickt hatte, mich untersuchte, stellte er Anzeichen für ein Glaukom fest. Offenbar ist mein Gesichtsfeld beeinträchtigt und hat rechts einen toten Winkel, den ich bis dahin nicht bemerkt hatte.«

Da der Alkoholgehalt in seinem Blut gering gewesen war, wurde die Anklage wegen Trunkenheit am Steuer fallen gelassen. Glücklicherweise hatte die Klatschpresse nichts mitbekommen. Aber Kafukus Agent wusste nun von seiner Sehschwäche und wollte nicht, dass er bis zu einer neuerlichen Untersuchung Auto fuhr. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass ein von hinten rechts kommender Wagen in seinen toten Winkel gelangte und Kafuku ihn übersah.

»Herr Kafuku?«, sagte Misaki. »Darf ich Sie so nennen? Ist das Ihr wirklicher Name?«

»Ja, das ist mein Name«, sagte Kafuku. »Er bedeutet so etwas wie ›familiärer Wohlstand‹, aber viel genützt hat es bisher nicht. Keiner meiner Verwandten ist reich geworden.«

Wieder schwiegen sie. Dann setzte Kafuku ihr auseinander, was er ihr als Chauffeurin im Monat zahlen konnte. Es war nicht viel, aber die finanziellen Möglichkeiten seiner Agentur waren nun einmal begrenzt. Er war zwar ein einigermaßen bekannter Schauspieler, doch bei Film und Fernsehen bekam er keine Hauptrollen, und die Einkünfte eines Bühnenschauspielers waren mäßig. Für einen Schauspieler seiner Kategorie war ein persönlicher Chauffeur ein ungewöhnlicher Luxus, auch wenn es nur für einige Monate sein sollte.

»Meine Arbeitszeiten ändern sich je nach Spielplan. Im Moment arbeite ich vor allem am Theater, also werden Sie vormittags meist frei haben. Abends wird es in der Regel nicht später als elf. Sollte ich danach noch einen Wagen brauchen, nehme ich ein Taxi. Sie bekommen einen freien Tag in der Woche.«

»Gut«, sagte Misaki rasch.

»Die Arbeit an sich ist nicht schwer. Das Harte daran sind eher die Wartezeiten, in denen Sie nichts zu tun haben.«

Misaki schwieg. Sie presste nur die Lippen aufeinander. Ihr Gesicht sagte, dass sie bisher schon massenweise Härteres erlebt hatte.

»Ist das Verdeck geöffnet, können Sie von mir aus rauchen. Aber wenn es geschlossen ist, möchte ich das nicht«, sagte Kafuku.

»Verstanden.«

»Gibt es noch etwas, worauf Sie Wert legen?«

»Nein.« Misaki schaltete. Ruhig atmend, die Augen schmal. »Ich mag diesen Wagen«, fügte sie hinzu.

Die übrige Zeit verbrachten sie schweigend. Als sie wieder in der Reparaturwerkstatt ankamen, zog Kafuku Oba beiseite. »Ich nehme sie«, sagte er.

 

Vom nächsten Tag an war Misaki Kafukus persönliche Chauffeurin. Um halb vier Uhr nachmittags kam sie zu seinem Apartment in Ebisu, holte den gelben Saab aus der Tiefgarage und fuhr ihn nach Ginza ins Theater. Wenn es nicht regnete, fuhren sie mit geöffnetem Verdeck. Kafuku saß auf dem Beifahrersitz, hörte seinen Text auf Kassette und las mit. Onkel Wanja von Tschechow, so bearbeitet, dass es in der japanischen Meiji-Zeit spielte. Kafuku hatte die Rolle des Onkel Wanja. Er konnte den gesamten Text, wiederholte ihn jedoch täglich, um sich seiner Sache sicher zu sein. Das hatte er sich seit Langem angewöhnt.

Auf dem Rückweg hörte er häufig ein Streichquartett von Beethoven. Er liebte Beethovens Streichquartette und wurde ihrer niemals müde. Denn er konnte dabei sehr gut nachdenken oder eben an gar nichts denken. Wenn er etwas Leichteres hörte, waren es amerikanische Oldies. Die Beach Boys, die Rascals, Creedence Clearwater Revival oder die Temptations. Hits aus seiner Jugend. Misaki äußerte sich nie dazu, und Kafuku wusste nie, ob eine Musik ihr gefiel, ob sie sie grauenhaft fand oder ob sie überhaupt nicht zuhörte. Sie war eine sehr stoische junge Frau.

Normalerweise war Kafuku gar nicht imstande, seine Rollen in Gegenwart anderer zu üben, aber bei Misaki war das anders. In diesem Sinne kamen Kafuku ihre Ungerührtheit und Kälte sehr zupass. Ganz gleich, wie laut er neben ihr seinen Text rezitierte, sie tat so, als hörte sie nichts. Vielleicht hörte sie ja auch wirklich nichts. Offenbar war sie immer völlig aufs Fahren konzentriert. Vielleicht versetzte Autofahren sie ja auch in einen tranceartigen Meditationszustand.

Kafuku hatte keine Ahnung, was Misaki von ihm hielt. Er wusste nicht, ob er ihr einigermaßen sympathisch oder völlig gleichgültig war oder so zuwider, dass es sie schauderte, sie ihn aber ertrug, weil sie die Arbeit brauchte. Nicht, dass es ihn besonders interessiert hätte, was sie dachte. Er mochte ihre geschmeidige und akkurate Fahrweise, und es gefiel ihm, dass sie nicht mehr redete als nötig und ihre Gefühle nicht vor sich hertrug.

Sobald sein Auftritt beendet war, schminkte Kafuku sich ab, zog sich um und verließ eilig das Theater. Er hielt sich nicht gern länger dort auf, als er musste, und hatte kaum Freunde unter seinen Kollegen. Er rief Misaki mit seinem Mobiltelefon an und bestellte sie an den Bühnenausgang. Wenn er dort ankam, wartete sein gelbes Cabrio bereits auf ihn. Gegen halb elf war er wieder in seinem Apartment in Ebisu. So ging es fast jeden Tag.

Hin und wieder hatte er noch ein anderes Engagement. Einmal in der Woche musste er zu Aufnahmen für eine Krimiserie zu einem Fernsehsender. Sie war nichts Besonderes, hatte aber hohe Einschaltquoten, und die Gage war gut. Er spielte einen Wahrsager, der eine Kommissarin unterstützte. Für diese Rolle hatte er sich sogar ein paar Mal als Wahrsager verkleidet auf die Straße gestellt und Passanten die Zukunft vorausgesagt. Er spielte die Rolle so überzeugend, dass er dafür bekannt geworden war. Sobald am Abend die Dreharbeiten beendet waren, eilte er ins Theater in Ginza. Dieser Teil war der riskanteste, aber er schaffte es immer. Nach der Matinee an Wochenenden gab er noch Abendkurse an einer Schauspielschule. Kafuku fand Gefallen daran, junge Menschen zu unterrichten. Misaki oblag es, ihn dorthin zu bringen und wieder abzuholen. Kafuku gewöhnte sich daran, auf dem Beifahrersitz seines Saab zu sitzen, während Misaki ihn stets nach Plan hierhin und dorthin kutschierte. Mitunter schlief er sogar ein.

Als es wärmer wurde, tauschte Misaki ihr Fischgratjackett gegen ein dünneres Sommerjackett ein. Beim Fahren trug sie stets eines von beiden. Wahrscheinlich als Ersatz für eine Chauffeur-Uniform. Die Regenzeit kam, und das Verdeck des Wagens blieb meistens geschlossen.

Seit Kafuku auf dem Beifahrersitz saß und sich von Misaki fahren ließ, musste er aus irgendeinem Grund sehr viel an sie denken. Seine Frau war auch Schauspielerin gewesen, zwei Jahre jünger als er und wunderschön. Kafuku war »Charakterdarsteller« und hatte auch früher schon häufig leicht kuriose Nebenrollen gespielt. Sein Gesicht war etwas zu lang und zu schmal, und er hatte bereits als junger Mann schütteres Haar bekommen. So war er für Hauptrollen nicht geeignet. Seine Frau hingegen war eine wahre Schönheit gewesen und hatte entsprechende Rollen und Gagen bekommen. Doch obwohl auch Kafuku mit zunehmendem Alter als Darsteller individueller Charaktere immer mehr an Ansehen gewonnen hatte, hatten die beiden nie miteinander konkurriert, und ihre jeweilige Popularität und ihre Gagen waren zwischen ihnen nie ein Thema gewesen.

Kafuku hatte seine Frau geliebt. Schon als er sie (mit neunundzwanzig) das erste Mal sah, fühlte er sich stark zu ihr hingezogen, und bis zu ihrem Tod (da war er neunundvierzig gewesen) hatte sich daran nichts geändert. Er hatte während ihrer Ehe kein einziges Mal mit einer anderen Frau geschlafen. Die Gelegenheit hatte sich nie ergeben, aber er hatte auch nie den Wunsch danach verspürt.

Sie hingegen hatte hin und wieder mit anderen Männern geschlafen. Soweit Kafuku wusste, waren es insgesamt vier gewesen. Zumindest vier, zu denen sie eine regelmäßige sexuelle Beziehung unterhielt. Natürlich hatte seine Frau ihm nichts davon verraten, aber er wusste es sofort, wenn sie mit einem anderen Mann geschlafen hatte. Kafuku war sehr intuitiv veranlagt, und ein ernsthaft Liebender spürt so etwas, so schmerzlich es sein mag. An ihrem Tonfall erkannte er auch immer gleich, um wen es sich handelte. Die Männer, mit denen sie schlief, waren Schauspieler, mit denen sie in einem Film auftrat, und meistens jünger als sie. Die Affären dauerten ein paar Monate und endeten nach Abschluss der Dreharbeiten von allein. Nach diesem Muster verlief es vier Mal.

Warum sie mit diesen anderen Männern schlief, wusste Kafuku nicht. Er hatte es bis heute nicht verstanden. Denn seine Frau und er waren sich seit ihrer Hochzeit unverändert zugetan. Wann immer sie die Zeit dazu hatten, unterhielten sie sich lebhaft über die verschiedensten Dinge und waren stets bestrebt, einander zu vertrauen. Auch emotional und sexuell passten sie gut zusammen. Bei ihren Bekannten galten sie als harmonisches, ja, ideales Paar. Kafuku wünschte, er hätte zu Lebzeiten seiner Frau den Mut aufgebracht, sie zu fragen, warum sie dennoch mit anderen Männern schlafe. Was suchst du in ihnen? Was an mir genügt dir nicht? Immer wieder hatte er über diese Fragen nachgedacht und sie ihr einmal sogar beinahe gestellt. Das war wenige Monate vor ihrem Tod gewesen. Aber er hatte es nicht über sich gebracht, seine Frau, die unter heftigen Schmerzen mit dem Tode rang, damit zu konfrontieren. Und so verschwand sie ohne jede Erklärung aus Kafukus Welt. Keine Fragen, keine Antworten. Noch während er im Krematorium ihre Knochen aus der Asche las, verfolgten ihn diese Fragen. So sehr, dass er nicht einmal die Beileidsbekundungen hörte.

Es war natürlich furchtbar für ihn, sich seine Frau in den Armen eines anderen Mannes vorzustellen. Unbeschreiblich furchtbar. Wenn er die Augen schloss, sah er es ganz plastisch vor sich. Er wollte sich diese Dinge nicht vorstellen, aber er konnte es nicht verhindern. Die Bilder drangen erbarmungslos in ihn ein wie ein scharfes Messer. Manchmal wünschte er sich, von all dem nichts zu wissen. Doch Kafuku glaubte fest an die Überlegenheit der Wahrheit, ganz gleich, worum es sich handelte. Ganz gleich, wie schmerzhaft etwas ist, ich muss es wissen, dachte er. Nur durch Wissen erlangte ein Mensch Stärke.

Schmerzlicher noch als seine Vorstellung war es gewesen, ein normales Leben zu führen und dabei zu wissen, dass seine Frau Geheimnisse vor ihm hatte, die sie ihm nie offenbaren würde. Immer ein heiteres, lächelndes Gesicht zu zeigen, während es ihm das Herz zerriss und in seinem Inneren das Blut rauschte. Alltägliche Dinge zu erledigen, belanglose Gespräche zu führen, mit ihr zu schlafen, als wäre nichts. Ein normaler Mensch hätte das vielleicht gar nicht gekonnt. Aber Kafuku war professioneller Schauspieler. Es war sein Beruf, aus sich selbst herauszutreten und in eine Rolle zu schlüpfen. Und er gab sein Bestes, sie perfekt zu spielen. Ein Theaterstück ohne Publikum.

Doch abgesehen davon, dass sie hin und wieder heimlich mit anderen Männern schlief, führten die beiden eine glückliche Ehe ohne Auseinandersetzungen. Beide waren erfolgreich in ihrem Beruf und finanziell abgesichert. In ihrem fast zwanzigjährigen Eheleben hatten sie unzählige Male miteinander geschlafen, und zumindest aus Kafukus Sicht war es befriedigend gewesen. Nachdem seine Frau Gebärmutterkrebs bekommen hatte und wenig später gestorben war, hatte er mehrere Frauen kennengelernt und auch mit ihnen geschlafen. Doch bei keiner hatte er die innige Befriedigung und Freude empfunden wie bei seiner Frau. Was er empfand, war ein seichtes Déjà-vu, als vollzöge er etwas nach, das er schon einmal erlebt hatte.

 

Da seine Agentur ein offizielles Dokument brauchte, um Misakis Honorar auszuzahlen, bat er sie, ihm ihre Adresse, ihren familienrechtlichen Wohnsitz, ihr Geburtsdatum und die Nummer ihres Führerscheins aufzuschreiben. Sie wohnte in einem Mietshaus in Akabane in Kita, dem nördlichsten Bezirk Tokios. Ihr Familiensitz befand sich in Kamijunitaki auf Hokkaido, und sie war vierundzwanzig Jahre alt. Kafuku hatte keine Ahnung, wo auf Hokkaido dieses Kamijunitaki lag, wie groß es war und welche Art von Menschen dort lebte. Aber als er Misakis Alter sah, musste er schlucken.

Kafuku und seine Frau hatten ein Kind gehabt, das nach nur drei Tagen auf der Säuglingsstation im Krankenhaus gestorben war, ein Mädchen. Ganz plötzlich und ohne jede Vorwarnung hatte sein Herz aufgehört zu schlagen. Als der Morgen kam, war das Kind tot. Die Diagnose lautete auf einen angeborenen Herzklappenfehler. Kafuku und seine Frau wollten dem nicht weiter nachgehen. Auch eine Überprüfung der Ursache würde ihnen ihr Kind nicht zurückbringen. Glücklicher- oder unglücklicherweise hatten sie ihrer Tochter noch keinen Namen gegeben. Wäre sie am Leben geblieben, wäre sie jetzt vierundzwanzig gewesen. An jedem Geburtstag seines namenlosen Kindes legte Kafuku die Hände zum Gebet zusammen und rechnete nach, wie alt es wäre, hätte es gelebt.

Der plötzliche Verlust ihres Kindes hatte die beiden natürlich tief getroffen. Eine tiefe, düstere Leere war zwischen ihnen entstanden. Es dauerte lange, bis die beiden sich davon erholten. Sie schlossen sich zu Hause ein und verbrachten die meiste Zeit schweigend. Denn alles, was sie sagten, erschien ihnen belanglos. Sie trank nun häufig Wein. Er widmete sich eine Zeit lang mit seltsamer Leidenschaft der Kalligrafie. Mit schwarzer Tusche Zeichen auf blütenweißes Papier zu bringen gab ihm das Gefühl, die Regungen seines Herzens besser durchschauen zu können.

Doch indem sie sich gegenseitig stützten, genasen die beiden allmählich von ihrer Verletzung, und es gelang ihnen, diese gefährliche Zeit zu überstehen. Sie konzentrierten sich nun noch stärker auf ihre Arbeit. Fast gierig stürzten sie sich auf das Studium ihrer Rollen. »Es tut mir leid, aber ich möchte kein Kind mehr«, sagte Kafukus Frau, und er fügte sich ihrer Entscheidung. Einverstanden, wir werden kein Kind mehr bekommen. Wir tun, was du für das Beste hältst.

Rückblickend war dies wohl der Moment, in dem seine Frau begann, sexuelle Beziehungen zu anderen Männern zu unterhalten. Vielleicht hatte der Verlust ihres Kindes dieses Bedürfnis in ihr geweckt. Aber letztlich waren das nicht mehr als Spekulationen. Nur etwas, das vielleicht so gewesen war.

 

»Darf ich Ihnen eine Frage stellen?«, fragte Misaki.

Kafuku, in seine Gedanken und die Betrachtung der vorübergleitenden Aussicht versunken, sah sie überrascht an. Misaki fuhr jetzt seit ungefähr zwei Monaten für ihn, hatte aber nur in den seltensten Fällen von sich aus gesprochen.

»Natürlich«, sagte Kafuku.

»Warum sind Sie Schauspieler geworden, Herr Kafuku?«

»An der Uni überredeten mich ein paar Freundinnen, an ihrer Theater-AG teilzunehmen. Ursprünglich hatte ich gar kein besonderes Interesse am Theater. Eigentlich hatte ich mich für Baseball eintragen wollen. In der Schule spielte ich als Shortstop und war ein guter Verteidiger. Aber das Niveau der Baseballmannschaft an der Uni war etwas zu hoch für mich. Also dachte ich, ich könnte es ja einmal mit der Theatergruppe versuchen. Außerdem wollte ich mit den Mädchen zusammen sein. Doch nach einer Weile merkte ich, dass das Spielen mir Freude machte. Ich konnte verschiedene Rollen einnehmen, ein anderer werden und, wenn ich damit fertig war, zu meinem eigenen Ich zurückkehren. Ich empfand es als beglückend.«

»Es ist beglückend, eine andere Person zu werden als die, die man ist?«

»Solange man weiß, dass man wieder zurückkann.«

»Kommt es auch vor, dass Sie nicht zu sich selbst zurückwollen?«

Kafuku überlegte. Es war das erste Mal, dass ihm jemand diese Frage stellte. Sie waren auf der Stadtautobahn und fuhren auf die Ausfahrt Takebashi zu. Sie kamen gerade in einen Stau.

»Aber wo sollte ich denn sonst hin?«, fragte Kafuku.

Misaki äußerte sich nicht.

Eine Weile herrschte Schweigen. Kafuku nahm seine Baseballkappe ab, inspizierte gründlich ihre Form und setzte sie wieder auf. Sie standen neben einem riesigen Transportlaster mit unzähligen Reifen, und das gelbe Saab-Cabriolet wirkte regelrecht zerbrechlich. Wie ein winziges Ausflugsboot neben einem Tanker.

»Es geht mich ja eigentlich nichts an«, sagte Misaki wenig später. »Aber es liegt mir auf der Seele. Darf ich Ihnen noch eine Frage stellen?«

»Natürlich«, sagte Kafuku.

»Warum haben Sie eigentlich keine Freunde, Herr Kafuku?«

Kafuku blickte sie neugierig von der Seite an. »Woher wollen Sie wissen, dass ich keine Freunde habe?«

Misaki zuckte ein wenig die Achseln. »Wenn man jemanden zwei Monate lang täglich fährt, merkt man so was.«

Kafuku musterte eine Weile interessiert die riesigen Reifen des Transporters. »Eigentlich hatte ich nie jemanden, den ich als Freund bezeichnen würde.«

»Auch nicht als Kind?«

»Doch, als Kind natürlich schon. Wir haben Baseball gespielt, sind schwimmen gegangen und solche Sachen. Aber als ich erwachsen wurde, hatte ich kein Bedürfnis mehr nach Freunden. Nachdem ich geheiratet hatte, erst recht nicht.«

»Das heißt, Sie hatten Ihre Frau und brauchten deshalb keine Freunde mehr?«

»Mag sein. Meine Frau und ich waren sehr gute Freunde.«

»Wie alt waren Sie, als Sie geheiratet haben?«

»Dreißig. Wir spielten zusammen im selben Film. Sie in der weiblichen Hauptrolle und ich in einer Nebenrolle. So haben wir uns kennengelernt.«

Der Wagen kam im Stau nur langsam voran. Wie immer, wenn sie auf der Stadtautobahn fuhren, war das Verdeck geschlossen.

»Trinken Sie überhaupt keinen Alkohol?«, fragte Kafuku, um das Thema zu wechseln.

»Nein, ich vertrage keinen«, sagte Misaki. »Meine Mutter hat viel getrunken, und wir hatten häufig Probleme deswegen. Wahrscheinlich hat es damit zu tun.«

»Ist das noch immer so?«

Misaki schüttelte den Kopf. »Meine Mutter lebt nicht mehr. Sie hatte getrunken, verlor die Kontrolle über das Steuer ihres Wagens, kam ins Schleudern und prallte gegen einen Baum. Sie war sofort tot. Ich war damals siebzehn.«

»Das tut mir leid«, sagte Kafuku.

»Sie war selbst schuld«, sagte Misaki unbekümmert. »Früher oder später musste es passieren.«

Wieder schwiegen sie einen Moment lang.

»Und Ihr Vater?«

»Ich weiß nicht, wo er ist. Er hat uns verlassen, als ich acht war. Ich habe ihn nie wieder gesehen und auch nichts von ihm gehört. Meine Mutter gab immer mir die Schuld.«

»Warum?«

»Ich bin ein Einzelkind. Wäre ich ein hübsches Mädchen gewesen, wäre mein Vater nicht fortgegangen, sagte sie immer. Er sei nur weggegangen, weil ich von Geburt an so hässlich war.«

»Sie sind nicht hässlich«, sagte Kafuku ruhig. »Ihre Mutter brauchte nur eine Schuldige.«

Misaki zuckte wieder kurz mit den Schultern. »Normalerweise war sie nicht so, aber wenn sie getrunken hatte, wurde sie richtig gemein. Das wiederholte sich immer und immer wieder. Und es tat weh. Es gehört sich vielleicht nicht, das zu sagen, aber um ehrlich zu sein, war ich erleichtert, als sie tot war.«

Es folgte ein längeres Schweigen.

»Haben Sie denn Freunde?«, fragte Kafuku.

Misaki schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Warum nicht?«

Sie gab keine Antwort und starrte nur mit zusammengekniffenen Augen nach vorn.

Kafuku schloss die Augen, um ein wenig zu schlafen, aber bei dem ständigen Anfahren und Anhalten im Stau ging das nicht, auch wenn Misaki beinahe unmerklich schaltete. Der Transporter auf der benachbarten Spur ragte bald vor, bald hinter dem Saab auf wie ein riesiger schicksalhafter Schatten.

»Das letzte Mal, dass ich einen Freund hatte, war vor ungefähr zehn Jahren.« Kafuku gab den Versuch zu schlafen auf und öffnete die Augen. »Genauer gesagt, eine Art Freund. Er war sechs oder sieben Jahre jünger als ich und ein sympathischer Typ. Er genehmigte sich gern einen. Wir gingen immer etwas trinken und unterhielten uns.«

Misaki nickte und wartete darauf, dass er fortfuhr. Kafuku zögerte ein wenig, aber dann fasste er sich ein Herz.

»Um die Wahrheit zu sagen: Dieser Mann hat eine Zeit lang mit meiner Frau geschlafen. Aber er wusste nicht, dass ich es wusste.«

Misaki brauchte einen Moment, bis sie begriff, was er gesagt hatte. »Der Mann hatte Sex mit Ihrer Frau?«

»Ja, drei oder vier Monate lang.«

»Und wie haben Sie davon erfahren?«

»Sie wollte es natürlich vor mir geheim halten, aber ich wusste es einfach. Es würde zu lange dauern, es zu erklären, aber ich bin ganz sicher, ich habe es mir nicht eingebildet.«

Misaki korrigierte mit beiden Händen den Rückspiegel, während sie hielten. »Und das hat Sie nicht davon abgehalten, mit diesem Mann befreundet zu sein?«

»Eher im Gegenteil«, sagte Kafuku. »Ich habe mich gerade deshalb mit ihm angefreundet.«

Misaki schwieg. Sie wartete auf eine Erklärung.

»Wie soll ich sagen …? Ich wollte es verstehen. Verstehen, warum meine Frau ausgerechnet mit diesem Mann schlafen musste. Zumindest zu Anfang war das mein Beweggrund.«

Misaki stieß einen tiefen Seufzer aus. Ihre Brust hob und senkte sich sichtbar unter dem Jackett. »War das nicht sehr schwer für Sie? Mit dem Mann zu trinken und zu plaudern, von dem Sie das wussten?«

»Ich kann es nicht leugnen«, sagte Kafuku. »Ich dachte an Dinge, an die ich nicht denken wollte. Er erinnerte mich an Dinge, an die ich mich nicht erinnern wollte. Aber ich spielte meine Rolle. Das ist schließlich mein Beruf.«

»Eine andere Person zu werden«, sagte Misaki.

»Richtig.«

»Und dann wieder zu sich selbst zurückzukehren.«

»Richtig«, sagte Kafuku. »Auch wenn es nicht angenehm ist. Man unterscheidet sich danach immer ein wenig von dem Menschen, der man vorher war. Es ist unmöglich, wieder ganz und gar derselbe zu sein.«

Es begann leicht zu regnen, und Misaki schaltete die Scheibenwischer auf Intervall. »Und konnten Sie es dann besser verstehen? Warum Ihre Frau mit diesem Mann geschlafen hat?«

Kafuku schüttelte den Kopf. »Nein. Es gab Dinge, die er hatte und die ich nicht hatte. Wahrscheinlich sogar ziemlich viele. Dennoch wusste ich noch immer nicht, was meine Frau an ihm so anziehend fand. Man kann so etwas nicht orten. Der zwischenmenschliche Umgang, besonders der zwischen Mann und Frau, ist – wie soll ich sagen? – zu komplex. Verschwommen, selbstsüchtig, schmerzhaft.«

Misaki dachte eine Weile nach, bevor sie sprach. »Aber Sie sind weiter mit dem Mann befreundet geblieben, obwohl Sie es nicht verstanden?«

Kafuku nahm wieder seine Baseballmütze ab und legte sie diesmal auf seinen Schoß. Dann rieb er sich die Schädeldecke. »Wie soll ich es Ihnen erklären? Hat man einmal ernsthaft eine bestimmte Rolle angenommen, ist es nicht leicht, sie abzulegen. Auch wenn Sie seelisch darunter leiden, Sie können nicht mittendrin abbrechen, solange Sie keine sinnvolle Stelle dafür finden. Es ist so ähnlich wie in der Musik, wo man ohne einen bestimmten Schlussakkord nicht zu einem harmonischen Ende kommen kann … Verstehen Sie, was ich meine?«

Misaki nahm eine Marlboro aus der Schachtel und steckte sie zwischen ihre Lippen, zündete sie aber nicht an. Sie rauchte niemals, wenn das Verdeck geschlossen war. »Und während dieser ganzen Zeit hat der Mann mit Ihrer Frau geschlafen?«

»Nein, nein«, sagte Kafuku. »Das wäre dann doch zu unecht gewesen. Wir wurden Freunde, bald nachdem meine Frau gestorben war.«

»Und war der Mann wirklich Ihr Freund? Oder war das alles nur gespielt?«

Kafuku überlegte. »Es war beides. Mit der Zeit wusste ich selbst nicht mehr, wo die Grenze verlief. Wenn man eine Rolle sehr ernst nimmt, kann das passieren.«

 

Kafuku empfand schon bei ihrer ersten Begegnung eine Art Sympathie für den Mann. Er hieß Takatsuki, war Anfang vierzig, groß, gut aussehend und geeignet für die Rolle des Liebhabers, aber kein besonders guter Schauspieler. Es fehlte ihm an Präsenz, und seine Einsetzbarkeit war begrenzt. Meist spielte er einen sympathischen, nicht mehr ganz jungen Mann. Er wirkte immer freundlich, aber im Profil haftete ihm bisweilen etwas Melancholisches an, und er war der Schwarm aller älteren Damen. Kafuku begegnete ihm im Warteraum eines Fernsehsenders. Da der Tod seiner Frau erst ein halbes Jahr zurücklag, stellte Takatsuki sich ihm vor und sprach ihm sein herzliches Beileid aus. Er habe einmal in einem Film mit Kafukus Frau zusammen gespielt, und sie sei damals sehr hilfsbereit gewesen, sagte Takatsuki artig. Kafuku bedankte sich. Seines Wissens stand Takatsuki chronologisch am Ende der Liste der Männer, mit denen seine Frau sexuell verkehrt hatte. Kurz nach der Affäre mit ihm hatte man bei einer Untersuchung entdeckt, dass sie Gebärmutterkrebs im fortgeschrittenen Stadium hatte.

»Ich hätte eine Bitte an Sie«, sagte Kafuku, nachdem der förmliche Austausch beendet war.

»Ja, gerne. Worum geht es denn?«

»Würden Sie mir etwas von Ihrer Zeit opfern? Ich würde gerne bei einem Glas mit Ihnen über Ihre Erinnerungen an meine Frau sprechen. Sie hat häufig von Ihnen gesprochen.«

Takatsuki wirkte entgeistert. »Schockiert« trifft es vielleicht noch besser. Er zog seine schön geformten Brauen zusammen und musterte Kafuku wachsam. Offenbar fragte er sich, was hinter dieser Frage stecken mochte, konnte aber keine bestimmte Absicht erkennen. Kafuku trug den verhaltenen Ausdruck eines Mannes zur Schau, der vor Kurzem seine langjährige Ehefrau verloren hatte. Einen Ausdruck, der an einen Teich erinnerte, nachdem die Wellenringe, die sich auf ihm ausgebreitet hatten, zur Ruhe gekommen waren.

»Ich möchte einfach mit jemandem über meine Frau sprechen«, sagte Kafuku. »Ehrlich gesagt, ist es manchmal ein wenig traurig allein zu Hause. Natürlich möchte ich Sie nicht behelligen, Herr Takatsuki.«

Takatsuki schien erleichtert. Es sah nicht so aus, als wüsste Kafuku über die Affäre Bescheid.