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Mina Hades

Der Fluch der Sibyllen

Die Jagd ist eröffnet (Der Roselore-Orden)





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Über das Buch

 

 

 

Der Fluch der Sibyllen

 

Alfie Burland hat einen einfachen Auftrag: Finde das mörderische Wesen, das ein kleines schottisches Dorf terrorisiert und eliminiere die Gefahr. Doch schon auf dem Hinweg muss er feststellen, dass in diesen Fall nichts ist, wie es scheint.

Esther Kirk besitzt die unwillkommene Gabe, in Zukunft und Vergangenheit blicken zu können.  Eine Fähigkeit, die sie zu einer Gejagten macht. Sie kann nur hoffen, dass die Agenten des Ordens  auf ihre Seite stehen und sie nicht – um ihren eigenen Hals zu retten – an einen uralten Vampir ausliefern.

 

 

 

Die Jagd ist eröffnet – Der Roselore-Orden

 

Erst vor einigen Jahren von Professor Blood und Queen Victoria gegründet, sucht der Geheimbund nach einem Heilmittel für eine heimtückische Seuche, die Großbritannien heimsucht: Vampirismus. In der Zwischenzeit beschützen die Agenten die Bevölkerung vor sämtlichen anderen übernatürlichen Wesen.

1

 

 

 

 

„Ich kann nicht mehr weiter laufen.”

Esther fiel über eine Baumwurzel. Ihr Kopf stieß gegen einen Stamm. Mit einem schwindeligen Gefühl richtete sie sich auf. „Erstaunlich, dass man sich daran gewöhnen kann.” Sie brauchte einen Moment, um zu Atem zu kommen. „Ich bin auch erschöpft. Denk an unsere Alternative und reiß dich zusammen.” Sie wischte die feuchte Erde von ihren Händen und zuckte. Sie rieb dadurch noch mehr Dreck in die kleinen Schnittwunden.

Ihre Cousine stützte ihre Hände auf den Oberschenkel ab und rang um Atem. „Er will dich, Esther. Mit mir weiß er doch gar nichts anzufangen.”

„Was glaubst du, geschieht, wenn er mich nicht findet? Er wird dich nehmen! Ihm bleibt keine andere Wahl. Er hat sein Wort gegeben.”

Phoebe berührte sie am Arm. „Ich bin nicht wie du und Ellie.”

„Nein und darüber kannst du froh sein. Aber dein Vater wird behaupten, du hättest unsere Fähigkeiten, und dann? Komm, wir gehen etwas langsamer. Wir können es uns nicht leisten, stehen zu bleiben.”

Ein paar Minuten später entdeckten sie ein Licht, das zwischen den Bäumen hervorlugte. „Warte! Da vorne ist jemand.”

„Glaubst du, er hat uns gefunden?”, fragte Phoebe voller Furcht.

„Ich weiß es nicht. Ich weiß noch nicht einmal, wo wir sind.“ Sie schüttelte den Kopf. „Die Lampe bewegt sich nicht.”

„Vielleicht ist es eine Hütte. Wir sollten fragen, ob wir dort die Nacht verbringen dürfen.”

„Wäre das Licht näher, würdest du mich mit den Augen rollen sehen. Erstens, erhaschen wir einen Vorsprung, wenn wir die Nacht durchmarschieren. Zweitens, möchte ich nicht in der Nacht massakriert werden. Wir wissen nicht, wer diese Leute sind oder wozu sie mitten in der Nacht Licht brauchen.”

Als sie näher kamen, erkannten sie den Ursprung. Eine kleine Laterne hing an einer Kutsche, aber die Lichtquelle war größer und schien von etwas direkt hinter dem Gefährt zu kommen. Die Straße war nicht gepflastert. Esther schloss daraus, dass das nächste Dorf noch eine ganze Weile entfernt liegen musste. Obwohl es bis vor Kurzem noch geregnet hatte, war der Weg nicht matschig. Nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte. Die Kleidung der beiden jungen Damen war nach ihrer Flucht durch den Wald gründlich ruiniert.

„Warum steht die Kutsche?“, murmelte sie für sich. „Bleib hier stehen und warte. Ich sehe nach.”

Esther hatte ein ungutes Gefühl, das sich beim ersten Schritt auf die Straße bestätigte. Sie erlitt einen ihrer Anfälle.

Ein goldener Schleier legte sich vor ihre Augen. Ihr war, als löse sie sich von ihrem Körper. Schwebend wurde sie zu ihrem Ziel gezogen. Sie nahm nur die beiden Gestalten wahr, denen sie sich nährte.

Wärme umgab Esther, beruhigte sie. Das Wesen trug nur ein dünnes Nachthemd. Es wehte mit jeder Bewegung umher. An ein paar Stellen war es zerrissen. Sie konnte keine Haut darunter ausmachen. Der Kopf des Wesens war deformiert. Die obere linke Seite fehlte oder war eingedrückt; Esther konnte es nicht genau sagen. Sobald sie sich darauf konzentrierte, verstärkte sich der Schleier in ihrer Sicht.

Es war bezaubernd. Esther erkannte, dass der goldene Schleier nicht nur durch ihren Anfall kam. Das Wesen selbst strahlte goldenes Licht aus. Es besaß eine innere Schönheit, die jedermann erkennen musste.

Es sprach zu ihr. Esther konnte keinen Ton hören oder Lippen ausmachen. Trotzdem verstand sie. Sie kam so nah, dass sie es berühren konnte. Respekt hielt sie davon ab.

Das Wesen schwebte vor einem Mann. „Ich verspreche es”, sagte er atemlos.

Er versprach, Esther zu beschützen. Das wusste sie. Er würde sie nicht mehr verlassen. Sie nahm seine Hand in ihre und blickte ihm in die Augen. Sie funkelten mit dem gleichen goldenen Schimmer zurück. Seine Mimik strahlte Ruhe aus. Sie erkannte: Auch er stand unter einem Bann.

Sie blickte zurück zu dem Wesen. Das Gesicht erschien vertraut. Esther blieb keine Zeit, sich zu erinnern. Sie fiel in einen weiteren Anfall.

Diesmal verließ sie Raum und Zeit. Der Schleier in ihrer Sicht färbte sich schwarz. Sie spürte Gefühle – nicht alle ihre eigenen. Angst. Der Boden war mit Blut getränkt.

Sie bemerkte ein Rütteln an ihrem Körper, das sie fast aus der Vision zehrte. Auch ohne Bewusstsein für ihren Körper erkannte sie das an dem verwackelten Blickfeld.

Körper, so viele Menschen lagen zu ihren Füßen. Tot. Sie empfand keine Trauer um sie, aber diese unheimliche Angst. Todesangst.

Der Mann.

Er hing über dem Boden. Seine Beine schlugen ins Leere. Verzweifelt riss er an seinem Hals, als versuche er, eine unsichtbare Hand wegzuschieben. Er bekam keine Luft. Was hielt ihn fest?

Wieder wurde Esthers Körper durchgeschüttelt. Sie konnte noch nicht gehen. Sie konnte den Mann nicht verlassen. Noch nicht. Sie musste wissen, was geschehen würde. Sie konzentrierte sich auf ihn. Die Luft um ihn schimmerte. Je mehr sie darauf starrte, desto deutlicher bildete sich eine Form. Sie erkannte die Hand, die seinen Hals fest umklammerte.

Das Wesen.

Das Wesen hielt ihn fest. Es ging um ihn. Ihre Angst drehte sich um ihn. Sie fürchtete sich nicht vor dem Wesen. Sie wollte diesen Fremden nicht verlieren.

Sie spürte einen tiefen Schmerz, obwohl sie ihren Körper nicht wahrnehmen konnte. Es war nicht ihr eigener. War es seiner? Nein, er wirkte ruhig. Er wollte atmen, aber er wehrte sich nicht gegen das Wesen als Verursacher seiner Pein. Er versuchte zu Atem zu kommen, aber stieß das Wesen dabei nicht von sich.

Es schwebte höher. Dann beugte es sich zu dem Mann herab. Esther schrie. Ihre Ohren sollten schrillen, aber sie konnte keinen Mucks hören. Das Wesen senkte seine Lippen auf die des Mannes. Es war ein Kuss des Todes. Sie sah ihn altern. Das Wesen entzog ihm Lebenskraft.

Sie begriff: er wurde bestraft, weil er sein Versprechen gebrochen hatte.

Nein.

Er durfte nicht sterben. Sie sah ihn zu Boden stürzen, als ihr Körper zu zittern begann. Der Schleier vor ihren Augen färbte sich tiefer und tiefer schwarz, bis sie nichts mehr erkannte. Sie fiel in ein tiefes Loch. Eine raue Stimme drang aus der Dunkelheit: „Hallo, mein Engel.”

2




Alfie verzweifelte langsam. Seit er für den Orden arbeitete, hatte er schon so einige seltsame Kreaturen getroffen. Jede Begegnung flößte ihm Angst ein.

Er liebte jede Sekunde.

Er sah in Unbekanntem eine Herausforderung.

Leider verflog die gute Stimmung, wenn man sich an den Gegner nur vage erinnern konnte. Wie kämpfte man gegen einen Gegner, dessen Schwächen man nicht kannte?

Sein Fehler lag darin, die Mission als noch nicht begonnen zu betrachten. Er sollte lediglich ein paar ungeklärte Morde in der schottischen Einöde aufklären. In der Gegend fand man blutleere Leichen. Ein sicheres Indiz für eine Vampir-Attacke.

Ein paar alte Zeitungen berichteten schon früher über unnatürliche Todesfälle in dieser Region. Eine Untersuchung war längst überfällig. In diesem kleinen Kaff versteckte sich mit Sicherheit kein Jahrhunderte alter Vampir. Wahrscheinlich war einer der Bewohner bei einem Ausflug nach Edinburgh oder Aberdeen gebissen worden und unbekümmert nach Hause zurückgekehrt, wo er sich jetzt von seinen Nachbarn ernährte.

Dieser Auftrag war eine Aufgabe für einen Anfänger. Sein Partner war unterwegs in den Süden und Alfie wollte die köstlichen Einzelheiten seiner Mission etwas früher erfahren. Er übernahm den Auftrag aus purer Langeweile.

Aber anstelle des Vampirs traf er diese ... diese Kreatur. Er konnte ihr nicht einmal einen Namen geben. Sie hatte ihn in eine Art Trance versetzt. Als er aufwachte, verblasste seine Erinnerung mit besorgniserregender Geschwindigkeit.

Er dachte erst, es wäre eine Sie gewesen. Dann wollte er an die Farbe denken. Er war sicher, die Haut der Kreatur hatte eine besondere Tönung. Er konnte sie nicht mehr benennen. Im nächsten Moment war er sich auch nicht mehr über das Geschlecht sicher. Je größer seine Anstrengung, desto undeutlicher sein Wissen. Das war übel.

Er gab dem Wesen ein Versprechen, an so viel erinnerte er sich. Aber worüber? Es hatte etwas mit der jungen Frau vor ihm zu tun. Sie schien noch in der Trance zu stecken. Er schüttelte sie leicht an den Oberarmen.

„Miss? Hallo, aufwachen Kleines.” Sie zeigte keine Reaktion. Plötzlich fing sie an zu schreien. „Ich muss doch sehr bitten! Es ist weit nach Mitternacht.”

Hinter der Kutsche kam noch ein Mädchen angelaufen. „Was haben Sie meiner Cousine angetan?”

Seine Ausbildung für den Kampf gegen Vampire war eine Sache. Aber wie wehrte man die schwachen Schläge einer Adoleszenten ab, ohne selbige dabei zu verletzen? Er hob die Hände in die Luft, um seine Unschuld zu signalisieren.

Das Mädchen wand sich ihrer Cousine zu. „Oh, sie hat einen ihrer Anfälle. Entschuldigen Sie vielmals.” Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen stellte sie sich vor die Blondine und sah dieser beim Schreien zu.

„Wollen Sie dann nichts unternehmen, Miss ...”

„Sie wacht gleich auf. Fahren Sie ruhig weiter.”

Das Mädchen machte auf ihn nicht den Eindruck, als wäre sie sonderlich beunruhigt. Er versuchte noch einmal ihren Namen zu erfahren, aber sie wich ihm aus.

Alfie liebte Rätsel.

Was trieben zwei junge Frauen allein im Wald? Um diese Uhrzeit? In dieser Kleidung? Dank seiner offenen Kutsche wusste er, dass es bis vor dreißig Minuten geregnet hatte. Die Luft war kühl, aber die Mädchen trugen keine Mäntel. Zu Fuß brauchte man mindestens noch eine Stunde bis ins nächste Dorf.

„In der Kutsche ist eine Decke, wenn Sie kalt haben. Unter der Sitzbank.” Bevor sie ihn ablehnen konnte, fügte er rasch „Ich bestehe darauf” hinzu.

Er liebte diesen Satz. Er erfuhr mit ihm viel über sein Gegenüber. Wohlerzogene junge Damen gehorchten, alle unterhalb der Tochter eines Dorfschmieds verprügelten ihn dafür — zumindest verbal. Meistens.

Dieses Mädchen ignorierte ihn.

Ihre Cousine begann zu zittern. Er sah, wie ihre Beine nachgaben, und eilte, sie aufzufangen. Er flüsterte: „Hallo, mein Engel”, als sie die Augen aufschlug.

Die Blondine in seinen Armen sah ihn verängstigt an. „Bitte sterben Sie nicht.”

„Das habe ich nicht vor. Noch nicht jedenfalls.” Die Unsterblichkeit zog ihn nicht an. Er hatte schon zu oft gesehen, wie sie Leben zerstörte.

Sie versuchte, die unangenehme Situation mit einem Lächeln zu überspielen, während sie sich aufrichtete. „Ich danke Ihnen für die Assistenz, Mr ...”

„Burland. Alfred Burland. Stets zu Ihren Diensten. Miss ...”

„Mein Name ist —”

Er hatte schon nicht mehr mit einer Antwort gerechnet. Die beiden verbargen etwas. Trotz ihres ungewöhnlichen Starts wollte er—

„Pssst! Wenn er uns an Papa verrät!”

War ja klar.

„Sei nicht unhöflich, Phoebe. Das wird er nicht tun.”

„Das kannst du nicht wissen.”

„Doch, ich weiß es. Er wird uns beschützen. Nicht wahr, Mr Burland?”

Er sah ihr in die Augen und las darin dieselbe Zuversicht, die auch er verspürte. Sie besaßen eine Verbindung. Ja, er würde sie beschützen. Er würde ihr auf jeden Berg und in jedes Land folgen; sie beschützen, sie ...

Was zum Henker?

„Ich darf meine Cousine vorstellen? Miss Phoebe Ellery. Ich bin Esther Kirk.”

Er schüttelte den Kopf, um sich von diesem Gedankenkreis loszureißen. Er verbeugte sich knapp. „Miss Kirk, Miss Ellery. Ich bin sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Darf ich Ihnen einen Platz in meiner Kutsche anbieten?”

Die Cousinen nahmen auf der Passagier-Bank hinter ihm Platz. Er setzte sich auf den Kutschbock und wunderte sich über die rasche Zustimmung. Er war ein fremder Mann, der weiß Gott was, mit den zwei Frauen anstellen könnte.

„Wir wären Ihnen unendlich dankbar, wenn Sie uns in die nächst größere Stadt bringen. Noch heute Nacht bitte.”

„Meine liebe Miss Kirk. Bedenken Sie bitte, welches Risiko wir damit eingehen würden. Die Kreatur könnte jederzeit wieder attackieren.”

„Das wird sie nicht.”

Alfie hatte das Geschöpf nicht erkannt, das ihn angegriffen hatte. Er bezweifelte, dass es durch die Mädchen vertrieben worden war. Es schien ihm wahrscheinlicher, dass es seine Aufgabe für diese Nacht erfüllt hatte und freiwillig ging. Dennoch konnte er einen erneuten Angriff nicht ausschließen. Zur Sicherheit beschloss er, nur bis ins nächste Dorf zu fahren und dort Unterschlupf für die Nacht zu suchen. Der Unterschied war gering. Dieses Dorf oder das Nächste. Die Opfer wurden auf dem Weg dazwischen aufgefunden. Er musste außerdem herausfinden, mit was für einer Art Monster er es hier zu tun hatte.

Er hielt die Kutsche kurz an und drehte sich nach hinten. Er wollte ihre Reaktion sehen. „Mir ist bewusst, dass sie vor Miss Ellerys Vater auf der Flucht sind. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich strafbar mache, indem ich sie mitnehme.”

Miss Kirks Lippen bewegten sich, obwohl sie sie fest zusammenpresste. Es stimmte also. Sie waren Ausreißerinnen. Er sollte sie nach Hause fahren.

Warum konnte er sie nicht gehen lassen? Etwas zog ihn an Miss Kirk an. Es war keine körperliche Anziehung, eher ein Grundbedürfnis in ihrer Nähe zu bleiben. Er musste sie beschützen. Sie gab ihm Halt.

Alle Überlegungen brachten ihn in dieser Nacht nicht weiter. Er fasste einen Entschluss: Für heute würde er es gut sein lassen. Morgen, nachdem er Zeit hatte seine eigenen Gedanken zu ordnen, würde er die beiden Mädchen befragen. Zusammengefügtes Wissen zeigte oft ein neues Bild. Vielleicht erinnerten sie sich an mehr als er.

Miss Ellery sah zwischen ihm und ihrer Cousine hin und her. „Was für ein Wesen? Was für ein Angriff?”

Alfie stellte diese Frage für gewöhnlich selbst. Er arbeitete in Diensten der Königin für einen Orden, dessen Existenz vielfach bestritten wurde. Außenstehenden seine Arbeit zu erklären, erwies sich oft als schwierig. Er konnte es nachvollziehen. Ihnen wurde mit einem Mal bewusst, dass viele der Wesen aus Märchen und Legenden, die sie ihren Kindern vor dem Zubettgehen erzählten, tatsächlich existierten. Das flößte Angst ein. Er sah nach seiner ersten Begegnung mit einem Vampir in jedem Schatten und hinter jeder Ecke etwas Verdächtiges. Er litt unter einem kleinen Verfolgungswahn.

Miss Ellerys Gemüt war nicht so leicht aufzuwühlen, wie es schien. Ihre Cousine lieferte eine simple Erklärung. „Das Übliche. Ich hatte einen Anfall.”

„Oh.” Neugierig sah sie zu Alfie. „Meine Cousine erinnert sich nicht an diese Vorfälle. Ich dachte gerade ... Sie wüssten nicht zufällig, ob noch jemand anders im Wald war? Kurz bevor sie den Anfall hatte?”

Sie war sehr vorsichtig in ihrer Wortwahl. Trafen die Cousinen schon früher auf die Kreatur? „Warum?”

„Sie erinnert sich meist an gar nichts. Aber manchmal, da spricht sie. Ich vermute, dass die Anfälle von etwas oder jemandem ausgelöst werden. Wir hatten noch nie die Gelegenheit eine zweite Meinung einzuholen.”

„Was geschieht während dieser Anfälle? Und worüber spricht sie während diesen Episoden?”

„Das geht Sie nichts an!”, fuhr Miss Kirk ihn an.

„Traumatisches Ereignis? Machen Sie sich keine Sorgen, ich werde Sie nicht weiter malträtieren.”

Er sollte fragen, warum sie ausgerissen waren. Miss Kirk erwähnte ihren Vater mit keinem Wort. Im Moment zeigte sich zumindest Miss Ellery gesprächsbereit. Er konnte das kleine Vertrauen, das sie ihm schenkte, nicht aufs Spiel setzen. Manchmal musste man auch wissen, wann man besser den Mund hielt.

Als sie ins Dorf einfuhren, blieb ihm keine Wahl. Obwohl er anbot, seinen Begleiterinnen ein eigenes Zimmer zu bezahlen, vermochte die Wirtin ihnen nur die Suite im obersten Stock anzubieten. Die Frau schämte sich. Sie hatte erst am Abend an eine größere Reisetruppe vermietet und sich über den Umsatz gefreut. Jetzt musste sie Räume mit Verbindungstür an einen Gentleman vermieten, der gleich zwei unverheiratete Damen begleitete und mit denen er in keiner verwandtschaftlichen Beziehung stand.

Es war skandalös.

Leider kam der Schlüssel für die Verbindungstür schon vor Monaten abhanden. Sie ließ sich nicht abschließen.

Alfie war nun gezwungen, nach dem Wohnort der beiden Mädchen zu fragen. Natürlich verweigerten sie ihm diese Auskunft. Das Glück war heute wirklich auf seiner Seite.

„Sagen Sie mir wenigstens, ob Sie aus diesem Ort stammen oder hier bekannt sind. Wenn Ihre Väter erfahren, wo Sie die Nacht verbracht haben, bevor ich abgereist bin, drehen sie mir die Gurgel um.”

Miss Kirk sah zu Boden, woraufhin Miss Ellery ihr tröstend den Arm streichelte. Die Blondine reckte sich schließlich und blickte ihm direkt in die Augen. „Wir stammen nicht aus diesem Ort, Mr Burland. Ich bin mir nicht sicher, wie weit wir von zu Hause entfernt sind, aber es muss ein ganzes Stück sein. Ich glaube nicht, dass mein Onkel uns hier findet. Was meinen eigenen Vater angeht ... Er wird Sie wohl kaum aus dem Grab heraus verfolgen.”

Sie hatte ja keine Ahnung.

„Es ist ja nicht so, als teilten wir uns ein Zimmer.”

Normale Menschen hätten die Tür verbarrikadiert. Sie kannten einander nicht. Der normale Mann hätte Angst vor Diebstahl; die normale Frau vor einem nächtlichen Übergriff.

Gewöhnlich war an ihrer Situation wenig.

Alfie begrüßte die Idee der Verbindungstür, als er sie zum ersten Mal hörte, herzlich. Sie gab ihm einen Zugang zu ihr. Wenn es zu einem Problem kommen sollte, wäre er gleich zur Stelle. Aber er glaubte nicht an einen weiteren Angriff durch das Wesen. Zumindest nicht heute Nacht, und nicht, solange er diese Tür hatte.

Sein Verstand und seine Ausbildung rieten ihm zur Vorsicht. Alle Opfer wurden außerhalb des Ortes gefunden, aber man wusste ja nie. Er konnte sich nicht erklären, warum er Miss Kirk beschützen wollte. Sie hatten bisher kaum drei Worte gewechselt, aber er spürte ein unsichtbares Band zwischen ihnen. Zu Miss Ellery hatte er keine derartige Verbindung.

Nachdem er sich umgezogen hatte, schlich er zur Tür. Er wollte sie nur einen kleinen Spalt öffnen. Zu seiner Überraschung öffnete sie sich gerade. Er blieb überrascht stehen. Niemand kam hindurch.

Verunsichert, ob sein Verstand ihm erneut einen Streich spielte, trat er näher heran. Er spähte in das andere Zimmer. Miss Kirk war auf dem Rückweg von der Tür und schlüpfte in ihr Bett.

Sie hatten eine Verbindung und sie spürte sie ebenfalls.

3




Trotz der langen Nacht stand Alfie bei Sonnenaufgang auf. Er zog die Vorhänge aus Prinzip nie zu. Das Sonnenlicht weckte ihn jeden Morgen. Während er sich wusch und rasierte, sortierte er seine Erkenntnisse über die jungen Frauen. Er kam nicht weiter, als in der vorherigen Nacht. Er musste aus den beiden heraus kitzeln, warum sie weggelaufen waren. Er hoffte, zu Miss Kirk eine Vertrauensbasis aufbauen zu können. Er würde versuchen, sie später am Tag allein abzupassen. Sein Partner war unterwegs. Vielleicht konnte er Miss Ellery in der Zwischenzeit ablenken.

Kirks Hohn war ihm jetzt schon sicher. Er mischte sich in die Angelegenheiten einer fremden Familie ein. Er sollte die Zwei nach Hause fahren oder dem örtlichen Schmied — oder wer auch immer Runeford als Ortsvorsteher diente — übergeben und sich um seine Mordfälle kümmern.

Das Übernatürliche war seine Aufgabe. Die Anziehung, die er zu Miss Kirk empfand, bereitete ihm Unbehagen. Sie wurde mit Sicherheit durch dieses Wesen verursacht und betraf sie damit beide. Miss Kirk war Teil der Untersuchungen.

Wie er es auch drehte und wendete, er hatte die jungen Frauen am Hals, denn Miss Kirk würde ohne ihre Cousine sicher nirgendwo hingehen.

Er beschloss, die Arbeit an seinem eigentlichen Fall aufzunehmen: die blutleeren Leichen dieser Gegend.

Im Gasthaus gab es eine Wirtsstube. Ein Mann saß mit dem Kopf auf der Theke abgelegt und schnarchte, ein anderer stand dahinter und reinigte die Arbeitsplatte.

„Guten Morgen”

„Moin. Frühstück gibt’s noch net. Gehen Sie wieder schlafen.”

Alfie gab ihm sein feinstes Grinsen. „Jetzt wo ich wach bin, komme ich ohnehin nicht mehr an. Ich überlege mir, in der Gegend ein Haus zu kaufen. Was gibt es denn hier Interessantes?”

„Nichts. Wir sind weit weg vom Schuss.”

„Dann ist es mir ein Rätsel, warum Ihre Zimmer ausgebucht sind.”

„Die Reisegruppe, ja, meine Frau hat es erwähnt, als sie heute Morgen zurück ins Bett gekrochen ist. Sie sind der, der sie um halb drei aus meinem Bett geholt hat.”

„Schuldig.” Er hielt die Hände schützend vor sich.

Der Wirt stellte sich als Mr Bryan vor. Er trug einen dichten Vollbart, der an einigen Stellen bereits ergraut war. Seine Frau schien ihn gut zu ernähren. Alfie glaubte am Armumfang zu erkennen, dass er unter dem dicken Bauch durchaus einige Muskeln versteckte. In einem Kampf war Mr Bryan nicht zu unterschätzen. Er zeigte sich nicht sonderlich gesprächig, grunzte oft unverständliche Laute und brachte mit jeder Faser seines Körpers zum Ausdruck, dass Alfie hier unwillkommen war. Dieser sprach mit ihm über Banales, bevor er zum eigentlichen Thema kam. Er behauptete, eine Agentur in Edinburgh mit der Suche nach einem geeigneten Haus beauftragt zu haben. Diese hätte ihn auf einige seltsame Todesfälle aufmerksam gemacht.

„Ich möchte eine Familie gründen. Meine Kinder sollen in einer sicheren Umgebung aufwachsen. Runeford ist so ein idyllischer Ort! Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier gefährlich ist. Ich wollte mir selbst ein Bild machen.”

„Dann sollten Sie von hier verschwinden.”

„Also gab es Vorfälle?”

„Ja, schon. Aber die Berichte stimmen nicht. Hier gibt es keinen Serienmörder.”

„Serienmörder!”, rief er mit gespieltem Entsetzen. Alfie gab den Ahnungslosen, denn er hatte das Wort „Mord” bisher bewusst nicht in den Mund genommen. „Ja stimmt, es stand etwas in der Zeitung über seltsame Todesfälle. Aber ein Serienmörder? Das ist doch sicher arg übertrieben?”

Der Mann schwenkte den Kopf hin und her, während er überlegte. „Schauen Sie! Man hat die Männer nur bei uns gefunden. Sie wurden von einem Tier angegriffen.”

„Es hieß, sie seien blutleer gewesen.”

„Wen wundert’s? Das Tier hat sie im Wald erwischt. Ein Körper verliert eben Blut, wenn er an so vielen Stellen aufgerissen wird.”

„Aber hier wurde kein Blut gefunden?”

„Ich sagte doch schon: Die Männer wurden im Wald getötet und dann zur Straße geschleift. Jemand hat den Tatort gefunden. Der Journalist war nicht weit genug von der Straße weg. Alles faule Idioten. Aus auf Sensation. Wurde alles richtiggestellt. Die Zeitungen hatten’s da schon gedruckt.”

Der Trinker hob den Kopf. „Hauen Sie ab, Mister.”

„Mercer. Halt die Klappe und schlaf deinen Rausch aus”, fuhr Bryan ihn an.

„Wie denn, wenn der all die Fragen stellt? Hör’n Sie! Bryan hier macht sich Sorgen, um seinen Umsatz, wenn er Sie noch heute Morgen packen schickt. Ich sag’ Ihnen jetzt, was Sie tun sollten: Abhauen! Und zwar schnell. Was immer die umgebracht hat, geht nur auf Männer los. Männer mit Frauengeschichten. Ich hab die Schnecken gesehen, mit denen Sie hier angekommen sind. Hübsch. Aber zwei auf einmal? Das gefällt dem Schreckgespenst nicht. Die Opfer haben ihre Weiber mies behandelt. Dafür wurden Sie bestraft. Treten Sie nicht in deren Fußstapfen.”

Alfie hielt es für das Beste, sein Verhältnis zu den beiden Damen nicht näher zu erläutern. Schreckgespenst. Meinte er das Wesen, das ihm gestern Nacht begegnet war?

Bryan mischte sich wieder ein und suchte Augenkontakt. „Es war ein Tier. Es greift nur im Wald an. Sie sind hier sicher.”

„Sicher ist er das“, höhnte Mercer.

Bryan versuchte, ihn einzuschüchtern. Der Orden bot einen ganzen Kurs an, der sich ausschließlich der Körpersprache widmete. Die Rekruten dienten sich gegenseitig als Versuchsobjekte. Alfie bestand mit Bravour. Der Wirt log.

„Was haben Sie gesagt? Wessen Haus wollten Sie kaufen?”

„Oh, keines hier im Dorf. Hier in der Nähe. Ich habe ein paar Objekte im Auge. Ich war gestern Abend müde. Ich konnte keine Meile mehr fahren. Wer weiß, vielleicht gefällt mir ja hier etwas? Haben Sie einen Geheimtipp für mich?”

Schön vage bleiben. Natürlich wusste Bryan von keinem einzigen Haus in der Umgebung, das verkauft werden sollte. Das war auch nicht anders zu erwarten.

4




„Du wolltest vor mir hier sein.”

„Oh, mein liebes Weib, wie sehr ich dich vermisst habe!”

Alfie boxte seinem Kollegen in den Arm. Er hatte ihm nach dem Frühstück auf dem Pferd sitzend auf der Straße aufgelauert. Er wusste, dass er hier auf dem Weg zum Treffpunkt vorbeikommen musste. Sie konnten ihre Untersuchungen auch von diesem Dorf aus leiten. Es wäre ein unnötiger Aufwand mit den Mädchen weiterzuziehen. Nachdem sie die Pferde im Stahl abgestellt hatten, wanderten sie gemächlich zum Gasthaus.

Albert Kirk stand ihm oft als Partner zur Seite. Er gehörte ebenfalls zu einer Gruppe Auserwählter innerhalb des Ordens, die in das größte Geheimnis Königin Victorias eingeweiht waren. Der Altersunterschied zwischen ihnen war gering. Kirk bevorzugte seinen Nachnamen als Anrede unter Freunden und schloss dank seiner offenen Art schnell Freundschaften. Das machte ihn zu einem ausgezeichneten Ermittler. Viele nahmen an, er nehme das Leben nicht allzu ernst. Er scherzte in den unpassendsten Momenten und lachte über Peinlichkeiten. Er überspielte Unannehmlichkeiten.

Alfie kannte ihn besser. Kirk war von seiner Karriere besessen. Der Mann führte kein Privatleben. Er war ein ernster Mensch.

„Fall gelöst? Vampir vernichtet?”

„Nein, viel zu einfach. Ich habe uns noch ein zweites Monster angelacht.”

Kirk blieb stehen. Er wartete auf eine Erklärung. Alfie fasste sein verbliebenes Wissen über die Attacke der gestrigen Nacht kurz zusammen.

„Ich hätte früher aus Aberdeen abreisen sollen. Alfie, Alfie, die Frauen sind doch mein Terrain.”

„Das hättest du wohl gerne. Vorschläge, was ich jetzt mit ihnen anstellen soll, sind sehr willkommen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie bei ihrem Onkel nicht gut aufgehoben ist.”

„Ist? Eine hat es dir also ganz besonders angetan?”

„Wir haben eine ... Verbindung. Ich verspüre den Drang, sie zu beschützen. Ich mache die Kreatur verantwortlich.”

Kirk nickte nur. „Spürt sie auch eine Verbindung?”

„Du kannst dir deine Anspielungen sparen. Ich werde unsere Mission nicht wegen eines Mädchens gefährden. Miss Kirk ist noch nicht einmal volljährig. Ich habe erwähnt, dass sie deine Namensvetterin ist?”

Sie traten ins Gasthaus ein. „Nein, aber der Name ist nicht selten. Wie heißt die andere?”

„Miss Ellery. Ich schätze sie etwas jünger ein, sechzehn, siebzehn.” Alfie lief in Kirks Rücken. „Gehst du heute noch weiter?” Der Mann stand fest in der Tür. „Kirk?”

„Esther.”

„Nein, das ist ihre Cousine. Esther Kirk und —”

„Phoebe Ellery. Ich weiß.”

Alfie schob sich an seinem Partner vorbei durch die Tür. Ihm gegenüber stand Miss Kirk — ebenso erstarrt. Sie kannten einander? Er verglich ihr Äußeres. Beide waren blond, aber in unterschiedlichen Schattierungen. Er erkannte keine großen Ähnlichkeiten zwischen ihren Gesichtsstrukturen oder ihrem Körperbau.

Er rezensierte, was er über die Familie seines Freundes wusste. Die Arbeit des Ordens verlangte nach absolutem Vertrauen in den Partner. Jede Einzelheit aus den Leben der Mitglieder wurde schriftlich fixiert und zumindest der innere Zirkel wusste alles von einander. Familie, Studium, Freunde, Bekannte, Kindermädchen, Lehrer, Beziehungen, Großmutter des Onkels des besten Freundes.

Alfie kannte Kirks Akte in- und auswendig.

Seine Eltern waren lange tot. Er hatte keine familiären Beziehungen. Dennoch stand hier eine Miss Kirk vor ihm. Oder war es Mrs Kirk? Er sprach die Frage aus.

Kirk fasste sich. „Sie ist meine Schwester.”

„Deine Mutter starb ein Jahr nach deiner Geburt. Miss Kirk sieht mir nicht annähernd alt genug aus.” Was verbarg Kirk noch vor dem Orden? Diese Akte war lückenhaft.

„Meine Halbschwester. Mein Vater hat wieder geheiratet. Ich gab Esther nach seinem Tod in die Obhut ihrer Tante.”

„Obhut?” Miss Kirks Gesicht verzog sich zu einer unästhetischen Grimasse. Dies war kein fröhliches Wiedersehen. Sie starrte ihren Bruder mit Abscheu an.

Ihre Cousine schritt vor. „Sie sind Albert?”

Kirk nickte. Miss Ellerys Hand erzeugte ein klatschendes Geräusch, als sie auf seiner Wange aufschlug. Die Ohrfeige war für Alfie nicht das Schockierende, sondern die Tatsache, dass sein Kollege nicht auswich. Durch den Schlag war sein Gesicht zur Seite gedreht. Er ließ es dort einen Moment.

Das Geräusch holte Miss Kirk aus ihrem Schock. „Das ist nicht dein Kampf, Phoebe.”

Kampf? Nachdem, was er dir angetan hat, verdient er Schlimmeres.”

Alfie scheuchte sie alle in den Schankraum. Es war Nachmittag. Die Reisegruppe, die das Gasthaus gestern Nacht belagert hatte, war bereits abgereist und sie hatten das Zimmer für sich allein. Er schloss die Tür hinter ihnen.

„Angetan? Jetzt stell mich mal nicht als Verbrecher dar, Cousinchen.”

„Für Sie immer noch Miss Ellery, Mr Kirk. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, war ich neun.”

„Also schön. Miss Ellery. Ich habe meiner Schwester mit Absicht nicht geschrieben. Esther konnte als Ihre Schwester aufwachsen. Sie hatte eine gute Familie, die sich um sie gekümmert hat. Ich wollte sie nicht mit alten Erinnerungen belasten.”

Seine Schwester musste widersprechen. Vergeblich versuchte sie, die Wut in ihrer Stimme zu unterdrücken. Sie spie ihn an: „Gute Familie? Du warst nie zu Besuch, Berti. Woher willst du wissen, ob ich es gut hatte?”

„Deine Tante ist die Zwillingsschwester deiner Mutter. Sie hat genau wie Eugenia ausgesehen. Das hat dir ihren Tod sicher erleichtert?”

„Es hat meine Erinnerungen an Mama kaputtgemacht.”

Es klopfte an der Tür. Alfie öffnete sie ein Stück und schaute durch den Spalt. Die anderen unterhielten sich unterdessen.

„Ein Herr fragt nach den beiden Damen.” Der Wirt lachte hämisch. „Besser Sie schicken sie raus. Der sieht nach Ärger aus.”

„Wie heißt er?”

„Sir Archibald”

Alfie schloss die Tür. „Kennen wir einen Sir Archibald?”

„Mein Vater”, erwiderte Miss Ellery an ihre Cousine gerichtet. „Er ist hier.”

5




Esther fluchte. Wie konnte er sie so schnell finden? Sie waren den ganzen Tag in der Gaststätte geblieben, damit keiner der Dorfbewohner ihm eine Beschreibung liefern konnte. Als ihr Bruder eintraf, waren sie gerade auf der Suche nach etwas Essbarem gegangen. Alsbald Mr Burland von seinem kurzen Gespräch mit Bryan zurückkam, lehnte sie ihr Ohr gegen die Tür und lauschte.

„Er weiß nicht, dass Sie hier sind. Der Wirt hat ihm nur von zwei Damen in männlicher Begleitung erzählt. Er will uns alle sehen und sich überzeugen, dass wir nicht die Entführer seiner Tochter sind.” Er warf Phoebe einen strengen Blick zu.

„Du bist von zu Hause weggelaufen? Hattet ihr eine Auseinandersetzung?”, richtete Kirk an seine Schwester.

„Etwas in der Art. Berti? Bitte schick ihn weg. Er darf uns nicht finden.”

Ihr Bruder schüttelte den Kopf. „Schon als du ein kleines Kind warst, hattest du diesen Rehaugenblick. Keiner konnte dir widerstehen. Du hast alles bekommen, was du wolltest. Werd erwachsen. Es ist mir egal, worüber ihr euch gestritten habt. Du gehst jetzt zu deinem Onkel und entschuldigst dich bei ihm. Ist das klar?”

„Ist das klar?” Sie verhöhnte ihn mit einer kleinkindlichen Stimme. „Ich bin zwanzig Jahre alt. Ich lasse mir von dir nichts befehlen. Ich sterbe, wenn er mich in die Finger bekommt.”

„Sei nicht so melodramatisch.”

„Er hat —” Sie schluckte heftig. „Ich kann dir nicht sagen, was er getan hat. Oder vorhat. Aber ich werde nicht in meinen Tod laufen.”

„Dann zeig es ihm.” Phoebe schlich sich hinter Esther und knöpfte ihr Kleid auf.

„Nein, hör auf! Ich will nicht, dass er es sieht. Das ist nicht der Grund für unsere Flucht.” Sie wackelte mit den Schultern und versuchte ihre Cousine abzuschütteln. Bei dem Unterfangen riss der Stoff ihres Oberteils. „Was hast du ... Oh, nein!”

Sie drehte sich, um einen Blick auf den Schaden zu werfen. Phoebe hielt unglücklicherweise noch ein Stück Stoff fest. Das Ergebnis war eine freie Aussicht auf Esthers oberen Rücken.

Die Männer konnten ihre Augen nicht von dem Anblick losreißen. Esther wusste, was sie dachten.

Das arme Mädchen muss furchtbare Schmerzen erlitten haben.

Die arme Waise, die von ihren Pflegeeltern misshandelt wurde.

Das arme Kind, das sich nicht wehren konnte.

Sir Archibald spielte ihr erst Mitleid vor und verhöhnte sie danach mit genau diesen Sätzen, sobald auch nur eine einzige Träne über ihre Wangen floss. Die Erniedrigung schmerzte mehr, als die Brandwunden. Sie hasste ihre körperliche Unterlegenheit. Bedauern erinnerte sie daran.

Sie ertrug es nicht.

„Das hättest du nicht tun dürfen, Phoebe.” Esthers Stimme klang klein. Sie wollte im Boden versinken. Sie war schwach.

Ihr Bruder antwortete. „Sie hat das Richtige getan. Warum hast du dich nicht an mich gewannt?”

Es klopfte wieder an der Tür.

„Könntest du ihn abwimmeln, Alfie? Wenn ich gehe, erkennt er mich womöglich noch”, sagte Kirk. „Ich denke, wir sind uns darüber einig, dass er alleine nach Hause fährt?” Seine Stimme hatte sich verändert. Sie erklang hart und mit einer plötzlichen Spur von alter Seele.

Als Mr Burland die Tür öffnete, ertönte lautes Geschrei. Sir Archibald drohte, sich an den Magistraten zu wenden. Esther wusste nicht, ob das Konsequenzen für Berti und Mr Burland mit sich ziehen würde. Für den Moment war sie froh, Unterstützung zu haben. Der Magistrat würde sie ohne Diskussion zurück zu ihrem Onkel schicken. Der Mann hatte die gesetzliche Vormundschaft über sie. Bis zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag in ein paar Wochen hatte er das Recht auf körperliche Züchtigung. Und auch danach würde es wohl kaum jemanden interessieren. Sie bezweifelte, dass man Brandwunden ein „angemessenes Mittel” nennen konnte.

Aber sie hatte Sir Archibald ein unbestreitbares Argument geliefert: Durch ihre Flucht bewies sie eine nur schwer zu zähmende „Lebhaftigkeit”.

Phoebe setzte sich an den Tisch, aber Esther und Kirk konnten keine Ruhe finden. Sie stellten sich beide je vor ein Fenster und sahen in die Natur. Sie mussten reden, aber sie konnten sich dabei nicht in die Augen sehen.

„Warum hast du mich nicht um Hilfe gebeten?”

„Das habe ich, Berti. Schon am ersten Tag habe ich dich angebettelt, mich nicht bei ihm zu lassen. Du hast es als Zickerei abgetan, wie immer. Du hast nie nach mir gefragt. Du hast mich nie besucht. Kein einziger Brief! Ich weiß, dass du mich immer gehasst hast. Ich hatte eine Mutter und du nicht; auch wenn Mama dich immer wie ihr eigenes Kind behandelt hat. Du hast dich immer ausgeschlossen gefühlt.”

Sie könnte sich selbst für dieses erneute Zeigen von Schwäche ohrfeigen. Es war unmöglich die Tränen zurückzuhalten. Sie hatten sich über Jahre angestaut. Jetzt brachen sie nicht wie ein wilder Sturm aus ihr heraus. Das hatte sie befürchtet. Nein, sie konnte sich genug kontrollieren, um sie einzeln und stumm über ihre Wangen gleiten zu lassen. Er sah sie nicht an. Nur ein leichtes Zittern in ihrer Stimme verriet sie. Sein geschultes Ohr nahm es wahr, aber er ließ es Esther nicht wissen.

„Du warst meine einzige Familie. Mein Bruder, Berti. Laut Sir Archibald hast du mich als Bestrafung zu ihm geschickt.”

„Das ist nicht wahr.”

„Oh, bewusst war dir das vielleicht nicht.”

Mr Burland kam zurück und schloss die Tür mit einem lauten Knall. Miss Kirk drehte sich zu ihm und versuchte ihn anzulächeln. Er stellte sich neben sie und berührte sie leicht am Arm. Er fragte nicht, wie es ihr ging. Ihr Gesicht sprach Bände.

„Wenn jemand fragt: Wir sind bereits drei Tage unterwegs. Ich kenne Sie seit Kindertagen und eskortiere Sie sicher zu einem Besuch bei Ihren Großeltern in Aberdeen. Kirk ist uns auf halbem Weg entgegen gekommen und Ihr Cousin. Ich wollte das Wort Bruder vermeiden. Oh, und ich beabsichtige Miss Kirk demnächst um ihre Hand zu bitten. Das weiß aber außer mir und Kirk noch niemand. Das ermöglicht uns auch private Einzelgespräche.”

„Wollte er uns persönlich sehen?”, fragte Esther.

Er schüttelte den Kopf. „Ihm war sein lautes Auftreten selbst peinlich. Ich habe ihm klar gemacht, dass seine Wortwahl für die zarten Ohren meiner guten Bekannten nicht geeignet sei.”

Phoebe rief: „Duckt euch!”

Sir Archibald schritt am Fenster entlang. Mr Burland blieb stehen, während sich die drei Anderen kniend an die Wand drückten. Er beobachtete, wie der Mann durch das Glas spähte. Er winkte ihm zu und signalisierte mit dem Zeigefinger, seine Begleitung befände sich oben. Übellaunig machte der Voyeur kehrt.

„Deine Ablenkungskünste waren auch schon mal besser”, beschwerte sich Kirk.

„Er wollte meine Aussage kontrollieren. Ich habe ihm eben schon gesagt, dass ihr oben währt. Jetzt wirkt es nicht wie eine Absprache. Sein Glas für Blamage wurde heute gut gefüllt. Er wird ins nächste Dorf ziehen und ganz sicher erfolglos zurückkommen. Aber bis dahin haben wir unseren Fall gelöst und ziehen weiter.”

„Glaub nicht an Heilige!”

6




Kirk zog in ein Zimmer im Stockwerk unter Alfie und den Mädchen ein. Sein Kollege überlegte nur kurz und beschloss die Verbindungstür vorerst für sich zu behalten. Er musste erst herausfinden, wie ausgeprägt die Beschützer-Instinkte des großen Bruders waren, bevor er diese Unschicklichkeit zu beichten wagte. Insgeheim war es ihm auch ganz recht. Er wollte bei Nacht über Miss Kirk wachen.

Am späten Abend zogen die Männer zur Jagd aus. Sie konnten sich auf ihren Pferden schnell bewegen und erweckten trotzdem den Eindruck, nur zwei harmlose Reisende zu sein. Sie ritten aus dem Dorf und schlenderten dahinter. Jeder beobachtete eine Seite des Waldes.

Alfie grübelte. Kirk hatte seine Familie nie erwähnt. Vor ihrem ersten gemeinsamen Auftrag hatte beide die Akte des jeweils anderen zu lesen bekommen. Ihre Arbeit verlangte absolutes Vertrauen zum Partner. Je weniger Geheimnisse, desto mehr Konflikte wurden in unpassenden Situationen vermieden. Die Akten des Ordens waren umfangreich. Jeder wurde durchleuchtet. Aber Alfie wurde das Gefühl nie los, dass der Professor, ihr Leiter, mehr wusste, als er preisgab. Miss Kirk und Miss Ellery bewiesen die Unvollständigkeit seines Auszuges aus den Akten.

Er wusste, dass Kirks Mutter früh gestorben war und sein Vater ein paar Jahre später wieder geheiratet hatte. Mit achtzehn wurde Kirk zum Vollwaisen. Von einer Halbschwester war nie die Rede gewesen. Sie musste ein Kind aus der zweiten Ehe sein. Der Orden lockte viele Männer ohne familiäre Bindungen an. Sie opferten sich für ihr Land, ohne Trauer zu hinterlassen. Diese Tatsache gehörte zu den wichtigsten Auswahlkriterien. Ihre Verlustrate war hoch. Der Kampf gegen Vampire endete oft tödlich.

Alfie besuchte seinen Vater nur gelegentlich. Er war ein religiöser Fanatiker, der den Tod seiner Ehefrau als Strafe Gottes betrachtete. Damals lernte Alfie seinen ersten Vampir kennen — er lernte, wie man sie tötete. Sich von seiner Familie loszureißen, befreite den damals Sechszehnjährigen. Der Professor sah etwas in ihm und nahm ihn zwei Monate später als Rekruten an.

„Du hast eine Halbschwester, eine Cousine, einen Onkel und eine Tante”, stellte er laut fest.

„Ich bin nicht mit den Ellerys verwandt”, erwiderte Kirk knapp.

„Blutsverwandt. Kirk —”

„Mir war nicht bewusst, wie nah sie wohnen, als ich den Auftrag übernommen habe. Lass uns keine Energie mit einem längst abgeschlossenen Thema verschwenden. Hier sterben Menschen. Wir müssen das verhindern.”

Woher kam diese Verbitterung?

Die Frage musste verschoben werden, denn sie stießen auf eine Leiche. Der Täter besaß die Gedankenlosigkeit, sein Opfer mitten auf dem Weg liegen zu lassen. Dachte heute niemand mehr an Frauen und Kinder? Der Anblick des in Blut badenden Körpers löste selbst in den gestandenen Männern Übelkeit aus.

Sie hielten sich Tücher vor den Mund, als sie den Leib näher untersuchten. Viel konnten sie in der Dunkelheit nicht ausmachen. Sie hielten ihre Laternen gemeinsam über den leblosen Körper. Ihre Erfahrung lehrte sie, dass der junge Mann von höchstens zwanzig Jahren seit mindestens zwei Tagen tot sein musste. Sein Blut sammelte sich in einer getrockneten Lache unter ihm.

Alfie überlegte laut: „Wir sind gestern aus der anderen Richtung ins Dorf gefahren. Wir haben ihn nicht gesehen. Es wundert mich, dass ihn hier sonst noch niemand gefunden haben soll. Folgt man der Straße, erreicht man binnen einer halben Stunde das nächste Dorf.” Er kannte das Kartenmaterial in- und auswendig. „Ich glaube, wir haben es hier nicht mit dem Täter zu tun, für den wir hergekommen sind.”

Kirk drehte den Kopf des Opfers zur Seite.

„Ein Vampirbiss und eine Stichwunde im Bauch. Hat der Wirt vermisste Personen erwähnt?”

„Nein, er war zugeknöpft. Ein Vampir würde die kostbaren Tropfen nicht verschenken. Mr Bryan wollte mir weiß machen, jemand hätte den Tatort im Wald an einer Blutlache identifiziert. Die Opfer seien zur Straße geschleppt worden. Er hat irgendwelche wilden Tiere verantwortlich gemacht. Diese Stichwunde spricht für einen menschlichen Täter. Vielleicht hat der Vampir ihn sterbend gefunden.”

„Warum lässt ein Vampir sein Opfer austrocknen? Das ergibt keinen Sinn. Vielleicht musste er fliehen? Warum nahm er seine Beute nicht mit?”

Kirk sah sich nach weiteren Anhaltspunkten um, während Alfie die Leiche näher untersuchte.

„Mich beunruhigt sein aufstehender Mund. Er sieht aus, als sei er schreiend gestorben. Ich schließe eine Vampirattacke für die anderen Morde aus. Nun die Kreatur, die uns bei meiner Anreise angegriffen hat ...”

„Baobhan Sith?”

„Möglich.”

Baobhan Sith entsprangen der schottischen Folklore. Sie durchbrachen die Haut ihres Opfers mit einem Fingernagel und tranken dann sein Blut.

In der Ausbildung des Ordens lernte jeder Student Sagen, Legenden und Märchen aus aller Herren Länder auswendig. Professor Blood begann vor wenigen Jahren mit der Erforschung dieser Wesen. Die Wahrheit wurde durch mündliche Überlieferungen und Verharmlosungen für Kinder mit jeder Generation weiter verfälscht. Heutzutage konnte niemand mit Sicherheit sagen, was Fiktion war und was wahrhaftig existierte. Nur dank der Förderung durch Mittel aus dem privaten Haushalt von Königin Victoria war der Professor in der Lage, Morde mit ihren unnatürlichen Verursachern in Verbindung zu bringen. Sie befanden sich noch immer im Stadium der Grundlagenforschung.

Mit fortgeschrittenem Ausbildungsstand bekamen die Rekruten Einsicht in archivierte Untersuchungsberichte. Die wenigen Baobhan Sith Sichtungen dieses Jahrhunderts entpuppten sich als Vampirinnen. Sie wurden stets als schön und verführerisch beschrieben. Vampire waren sexuell sehr aktive Wesen. Viele Schotten hatten noch nie von ihnen gehört. Also ordneten sie sie als etwas Bekanntes ein, an dessen Existenz doch niemand mehr glauben wollte. In den Märchen aus ihren Kindertagen waren Baobhan Sith alltäglich.

„Wenn ich mich nur an die Farbe erinnern könnte!”, schimpfte Alfie mit sich selbst. „Baobhan Sith werden immer als grün beschrieben.”

„Sie sollen in Gruppen auftreten.”

„Nein, sie war allein. Wie glaubwürdig sind die Berichte? In fünfundneunzig Prozent der Fälle überlebt man die Begegnung nicht. Die Überlieferungen sind unzuverlässig.”

„Sie war golden.”

Zögernd drehten sich die Männer zu der Stimme. Seine Befürchtung bestätigt, erhob Alfie sich, um die Frau von der Leiche wegzudrehen. Ein Luftzug vor seinen Augen ließ ihn zusammenfahren, noch bevor richtig aufgestanden war. Er konnte nicht sehen, welche Kreatur ihn seit ein paar Minuten beobachtet hatte.

„Was zum Henker machen Sie hier? Wissen Sie, in welche Gefahr Sie sich begeben haben? Das ist kein Ort für eine Frau!”

Miss Kirk scherte sich nicht um seine Kritik. Sie umrundete ihn. Ihre Hände fuhren ihm dabei über Brustkorb und Schultern.

„Es geht Ihnen gut. Wie ist das möglich? Sie sollten verletzt sein. Ich war in solcher Sorge.”

Sie war nett und interessant. Es war wirklich eine Schande. Er hoffte, ihre Geisteskrankheit war behandelbar.

Ihr unsagbares Geschrei von gestern Abend begann wieder.

Sie war wahnsinnig!

Wohin sah sie? Er konnte niemanden erblicken. Sie schritt vor. Sie schien mit etwas Unsichtbarem zu streiten, das hinter dem toten Jungen stand. Unvergossene Tränen sammelten sich in ihren Augen. Ihr Körper bebte mit jedem neuen Schrei. Ihre Stimme war während des Streits unhörbar. Nur ihre Schreie drangen durch. Das änderte nichts an ihrer Aufregung. Sie nahm ihre Umwelt nicht mehr wahr und agierte wie in Trance.

Alfie warf seinem Partner einen zweifelhaften Blick zu. Hielt er sie deshalb versteckt? Beschützte er sie vor den Experimenten des Ordens oder beschützte er die Welt vor ihr?

7




Esther ahnte, dass sie in dieser Nacht einen Anfall erleiden würde. Kaum dass ihr Bruder mit Mr Burland das Gasthaus verlassen hatte, verfiel sie in Panik. Sie spürte Nervosität und brach in glühenden Schweiß aus. Sie stahl das erstbeste Pferd aus dem Stall des Wirtshauses und ritt hinterher.

Ihre Ahnung bestätigte sich, als sie das goldene Wesen hinter Mr Burland erblickte. Es war im Begriff, ihm eine Hand auf die Schulter zu legen. Es verschwand, als er aufstand, um mit ihr zu reden.

Kurz darauf sah sie einen jungen Mann auf dem Boden liegen und ihr Anfall begann. Sie wusste, dass er längst tot war. Aber in ihrer Vision war er lebendig, lachte und trat ein paar Steine vor sich her. Etwas Dunkles kam mit rasanter Geschwindigkeit von hinten auf ihn zu. Sie war machtlos gezwungen zuzusehen. Sie schrie in der Hoffnung, die dunkle Gestalt aufhalten zu können. Sie warf ihm Flüche an den Kopf und hoffte, er möge ihr Beachtung schenken.

Es war grausam. Der Junge war in Wirklichkeit längst tot, aber sie konnte nichts gegen den Drang tun, es verhindern zu wollen. Sie sprang nicht wirklich durch die Zeit. Sie wusste das. Sie war verdammt tatenlos zu beobachten — hoffnungslos — so sehr sie sich auch dagegen wehrte.

Diese Nacht war anders.

Bevor der Junge seinen Angreifer auch nur wahrnehmen konnte, wurde Esther aus ihrer Vision gerissen.

Einen Moment lang war sie unsicher, ob sie tiefer eindrang und eine zweite Vision die Erste überlagerte. Eine Hand in ihrem Genick presste sie gegen einen harten Brustkorb. Starke Arme hielten sie unbeweglich fest. Während ihrer Anfälle gehorchte ihr ihr Körper nie. Aber als sie versuchte, sich aus dieser Umarmung zu lösen, gab Mr Burland nach. Er griff nach ihrem Gesicht, vergewisserte sich, dass sie wirklich wieder bei Bewusstsein war.

Niemand konnte sie aus einem Anfall befreien. Phoebe hatte es so oft versucht.

Er war ein Stück größer als sie. Als sie ihm ins Gesicht blickte, schwebte es nur wenige Zentimeter über dem ihren. Es war höchst unschicklich, dass er ihr so nah kam. Sie nahm keinen Anstoß daran. Sie fühlte sich in seinen Armen sicher. Sie war gekommen, um ihn zu retten.

Jetzt hatte er sie gerettet.

Sie wollte ihm nah sein, musste ihm nah sein. Sie hob eine Hand, um sie ihm an die Wange zu legen.

„Sie haben Nasenbluten”, sagte er.

Sie fasste sich stattdessen an die Nase und spürte eine Nässe. Sie begann zu schwanken, als sie die rote Flüssigkeit an ihren Fingerkuppen sah.

„Sie haben mein Hemd versaut”, erklärte Mr Burland. Er rieb über die Stelle und rieb den Fleck so noch tiefer in den Stoff.

„Dein Hemd! Sehr wichtig. Was machst du hier Esther?”, unterbrach Kirk ihre Vertrautheit.

Ihr war komisch. Bevor sie einen Anfall erlitt, traten Stimmen immer mehr in den Hintergrund. So war es auch jetzt. Aber statt ihren Geist von ihrem Körper zu trennen, spürte sie, wie jener Körper immer schwächer wurde und sie ein Gefühl von Schwerelosigkeit übermannte.

Als sie ohnmächtig zusammenbrach, sahen die Männer einander hilflos an. „Wir sollten sie ins Dorf bringen, bevor ihr frisches Blut Vampire anlockt”, überlegte Alfie laut.

„Ich dachte, wir schließen Vampire aus?”, fragte Kirk.

„Kannst du sicher ausschließen, dass hier keiner am Werk war? Ich überlasse deine Schwester nicht der Nacht. Bei ihrem mentalen Zustand, will ich mir nicht ausmalen, in welche Höllenkreatur sie sich verwandeln würde.”