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Reiselesebuch

Ostsee

F.A.Z.-eBook 2

Herausgegeben vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Projektleitung Franz-Josef Gasterich

Produktionssteuerung Christine Pfeiffer-Piechotta

Redaktion und Gestaltung Hans Peter Trötscher

eBook-Produktion Rombach Druck- und Verlagshaus

Alle Rechte vorbehalten. Rechteerwerb: Content@faz.de

© 2012 F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main.ii

Titelbild: Hiddensee. F.A.Z.-Foto / Frank Röth.

ISBN: 978-3-89843-165-1

Vorwort

Von Hans Peter Trötscher

Die Ostsee bietet als Reiseziel eine einzigartige Vielfalt beeindruckender Landschaften und faszinierender Städte. Ausgehend von der deutschen Ostseeküste zwischen Nord-Ostsee-Kanal und Usedom, die mit den Inseln Rügen und Hiddensee, der einzigartigen Boddenlandschaft und wunderschönen Städten mit jahrhundertealter Geschichte ein stetig an Beliebtheit zunehmendes Urlaubsziel bietet, haben die Autoren der F.A.Z. sich aufgemacht, um die sehenswertesten Plätze rund um das »Mare Balticum« zu erkunden.

Die Skandinavischen Ostseeanrainer Dänemark, Schweden und Finnland können in touristischer Hinsicht sowohl mit einer gut entwickelten Infrastruktur als auch mit sehenswerten Zielen punkten. Wir besuchen die mit schönen Stränden und kulturellen Highlights aufwartenden dänischen Inseln, die herrlichen Schären vor der schwedischen und finnischen Küste. Die pulsierende Ostseemetropolen Stockholm und Helsinki sind selbstverständlich weitere Ziele, denen wir uns ausgiebig widmen. Nicht zu kurz kommen allerdings auch die touristisch weniger entwickelten Küsten Lettlands, Litauens und Polens. Tallin, Königsberg und Sankt Petersburg runden das Bild vom Reiseziel Ostsee ab.

Mit unserem Reiselesebuch »Ostsee« möchten wir Sie nicht nur auf Ihre Reisen einstimmen und mit kurzweiligen und informativen Geschichten die Grundlage für einen gelungenen Urlaubsaufenthalt geben. Wir freuen uns auch, wenn es uns damit gelingt, die ein oder andere Anregung für Ihre Reiseplanungen zu geben. Mit ausführlichem Kartenmaterial und Kurzinformationen zu einzelnen Zielen wollen wir Sie auch beim praktischen Teil der Reisevorbereitung unterstützen.

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Deutsche und dänische Ostsee

Alles hat seine Zeit oder Die angespannte Apathie

Wustrow, die Geisterinsel mit militärischer Vergangenheit: Beobachtungen in einem Kulturschutzgebiet an der Ostsee

Von Mark Siemons

Wustrow ist eine verbotene Insel. Über die schmale Düne, die sie mit dem Festland verbindet, ist kein Durchkommen. Im halbverfallenen grauen Wärterhäuschen neben dem Schlagbaum sitzen Tag und Nacht die Männer des »Sicherheitsdienstes« und passen auf, dass niemand sich an der Absperrung oder am Stacheldraht unten am Strand vorbeimogelt. »Zutritt verboten!« und »Lebensgefahr!« drohen die Schilder und, als ob das noch nicht genügte: »Bissiger Hund!« Die Insel Wustrow, gut dreißig Kilometer westlich von Rostock gelegen, wird man auf der Karte der Urlaubsziele in Mecklenburg-Vorpommern vergeblich suchen; perfekt wird die Tarnung dadurch, dass es auf der Halbinsel Darß ein anderes Wustrow gibt, das ein durchaus populäres Seebad in der Nähe von Ahrenshoop ist. Wustrow, die Insel, dagegen existiert eigentlich nicht, noch nicht.

Bis zum 18. Oktober 1993 existierte Wustrow nicht, weil es der Übungsstandort einer sowjetischen Garnison war und damit unter die militärische Geheimhaltung fiel. Heute existiert es nicht, weil es eine Immobilie von gigantischem Investitionsvolumen ist und damit unter die Diskretionsgebote der Treuhand Liegenschaftsgesellschaft in Rostock fällt. In der ganzen Welt ist die Halbinsel im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland zum Verkauf ausgeschrieben worden: »Catch Your Island«, lautete der Lockruf. Von mehr als fünfhundert Interessenten sind drei mögliche Investoren aus Deutschland übriggeblieben, aber bislang hat keiner den Zuschlag bekommen. Die anliegende Stadt Rerik, das Land und der Bund stehen samt ihren zugehörigen Gremien noch in Verhandlung mit den in Frage kommenden Unternehmen, mit keinem darf man es sich verderben. Deshalb bekommt der junge Bürgermeister von Rerik jedes Mal ein nervöses Flackern im Auge, wenn er um Auskunft gebeten wird. Man hat seine Erfahrungen mit der westdeutschen Öffentlichkeit gemacht und ist lieber ein bisschen vorsichtig.

Die gesamte Ostseeküste ist wieder ein Politikum, wenn auch aus anderen Gründen als zu DDR-Zeiten. Damals war das Gebiet eine Sicherheitszone, der Fremdenverkehr wurde entsprechend sorgsam durch die Massenorganisationen reguliert und kanalisiert. Die Teile der Bevölkerung, die für diesen Betrieb nicht gebraucht wurden, kamen zu Lohn und Brot durch phantasievoll ausgedachte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Heute ist dies ein Grund für die hohen Arbeitslosenzahlen in Mecklenburg-Vorpommern, das seine Chance jetzt vor allem im Tourismus sieht. Um die besten Plätze an der Küste und deren Gestaltung entbrannte ein heftiger Verteilungskampf. Die Einheimischen sind hin und her gerissen zwischen der Hoffnung auf rasche Zuwachsraten und der Angst vor dem Ausverkauf, davor, das eigene Land bald nicht mehr wiedererkennen zu können. Nur wenige Kilometer östlich von Wustrow finden sich zwei auf gegensätzliche Weise warnende Beispiele. In Kühlungsborn wird die Bettenkapazität trotz bisher mangelhafter Auslastung mehr als verdoppelt, was voraussehbar zu einem Preiskampf und damit zu einem die bisherigen Dimensionen energisch sprengenden Massenbetrieb führen wird. Heiligendamm dagegen, das älteste deutsche Seebad, wird vom Herbst an von der Kölner Immobiliengruppe Fundus zu einer exklusiven und teuren Adresse umgestaltet, das sich die frühere Klientel kaum mehr wird leisten können. Rerik, die Stadt bei Wustrow, wartet nun in angespannter Apathie, was auf ihre Insel zukommen mag.

Die einzige Möglichkeit, sich in Teilen des verlassenen Eilands umzusehen, sind vorerst die Führungen, die die Kurverwaltung jeden Mittwoch und am Wochenende veranstaltet. Mehr als hundert Leute sammeln sich am Schlagbaum, überwiegend junge Familien in kurzen Hosen, aber auch Ältere, die die Insel noch als Kinder kannten, bevor sie Sperrgebiet wurde. »47 mussten wir hier raus«, vertraut eine Frau mit Dackel im Einkaufskorb dem dicken Wachmann am Tor an. Sie macht einen einigermaßen aufgeregten Eindruck. Wir sind alle aufgeregt.

Kaum haben wir die Absperrung hinter uns gelassen, werden unsere Schritte auf dem Kopfsteinpflaster fast schwerelos. Wir bewegen uns wie auf dem Mond, wie auf einem noch unerforschten Territorium voll ungeahnter Schätze. Wo gibt es das schon noch in Deutschland, dass ein Fleckchen Erde nicht bis ins letzte vermessen, verplant und vermarktet ist? Ausgerechnet seine militärische Nutzung hat Wustrow vor der flächendeckenden Durchkalkulation bewahrt, die die Orte der Bundesrepublik sonst so voraussehbar und prosaisch macht. Der Natur sind die Flak-Übungen, die hier stattfanden, gewiss nicht gut bekommen, der Kultur im Sinne einer nicht auf ihre touristische Wirkung berechneten Landschaftsgestaltung dagegen schon. Wustrow in seinem jetzigen Zustand ist eine Art Kulturschutzgebiet. Aber natürlich nicht mehr lange.

Der Weg wird nach einem Kilometer zu einer von hohen Pappeln gesäumten Allee. Wir betreten die von der Roten Armee verlassene Geisterstadt, die schon in den dreißiger Jahren im Auftrag der deutschen Wehrmacht errichtet worden war. Links und rechts der Straße stehen einstöckige Mehrfamilienhäuser mit Gärten voller Apfelbäume. Wo nicht die Rollläden heruntergelassen sind, sind die Fensterscheiben zerbrochen. Es sind insgesamt 72 solcher Wohnhäuser, die meisten für jeweils fünf Familien, die diese »Gartenstadt« bilden. Am 17. Februar 1933, also nur wenige Tage nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, kaufte die Wehrmacht die Insel als Übungsplatz für eine neu geschaffene Flakartillerie-Einheit. Im vorderen Teil Wustrows wurde für die Zivilangestellten und die Familien der Offiziere die Gartenstadt errichtet. Im hinteren Teil entstand innerhalb weniger Jahre ein Militärkomplex mit insgesamt 314 Bauten: Kasernen, Wirtschaftsgebäuden, Werkstätten, ein Exerzierplatz und eine Schwimmhalle, die auch von der Zivilbevölkerung benutzt werden konnte. Gemäß den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens wurden die militärischen Anlagen samt Schwimmhalle 1945, nachdem die Insel kampflos an die Rote Armee gefallen war, gesprengt. Der hintere Teil der Insel wurde zur Besiedelung freigegeben. Doch schon 1949 rückten wieder Militärs ein. Die sowjetischen Truppen richteten sich häuslich ein und schlossen die Insel vor der Außenwelt ab.

Da die Offiziere ihre Familien mitgebracht hatten, war Wustrow eine eigene Stadt für sich – mit Postamt und der Volksschule und einem ehemaligen Kino, aus dem das »Haus der Kultur« wurde, in dem Komsomolzentreffen und Tage der deutsch-sowjetischen Freundschaft stattfanden. Spontane Verbrüderungen waren nicht gestattet, doch die russischen Offiziere gehörten mit ihren Frauen zum normalen Stadtbild von Rerik. Über sie lief wohl auch der rege Handel mit Benzin, Zigaretten und Wodka. Ganz offiziell wurden dagegen Hilfseinsätze der Armee zum Schneeschippen abgemacht. Zwischen 1990 und 1992 wurden zu Weihnachten in Rerik Paketaktionen für die russischen Kinder organisiert. Das Gras steht meterhoch zwischen den Gebäuden. Neben dem Kindergarten überwuchert es fast die Rutsche und die Schaukel, die auf dem Spielplatz stehen.

Die ursprüngliche Kommandantur mit einem Vorhaus und einer Terrasse aus Feldstein wurde bei den Sowjets zum Gästehaus; nur hier sind die Fensterscheiben noch unbeschädigt. Neben dem früheren Lebensmittellager steht ein kleiner Wachturm, von dem aus wohl nächtliche Diebe gestellt werden sollten. Eine Straßenlaterne liegt eingeknickt und aus ihrer Verankerung gerissen neben dem Weg. Offenbar sollte sie in die Heimat transportiert werden. Die Soldaten, die in eine ungewisse Zukunft zurückkehrten, hatten versucht, von Installationen bis zu Gehwegplatten möglichst viel mitzunehmen, als eine Art Lebensversicherung.

Wustrow hat eine Länge von zehn Kilometern und eine Breite von durchschnittlich zwei Kilometern, so dass man immer wieder zwischen Häusern und Bäumen einen Blick auf das Meer erhaschen kann. Am ehemaligen Hafen, den vornehmlich Patrouillenboote anliefen, sitzen bedrohlich ein paar Kormorane auf den rostigen Eisenbalken. Im hinteren Teil der Insel, der heute Naturschutzgebiet ist, fanden Ornithologen Vogelarten, die im übrigen Europa schon ausgestorben sind. Ansonsten ist die Natur von der Begegnung mit der menschlichen Zivilisation nicht unbeeindruckt geblieben. 250 Katzen sollen nach dem Abzug der Russen über die Insel gestreunt sein, von denen freilich nur die zähesten überlebt haben dürften. Unbekannt ist auch die Anzahl der Wildschweine. Die Schätzungen gehen von zweihundert bis fünfhundert Exemplaren aus. Viele davon, die Kreuzungen mit russischen Hausschweinen entstammen, sind schwarz-weiß gestreift.

Aus dem früheren Trauerhaus neben dem Lazarett wurde später eine Turnhalle mit Basketball-Vorrichtungen. Auf eine Mauer davor ist in leuchtend bunten Farben ein Kriegsschiff der baltischen Flotte gemalt. An die Wohnhäuser der Gartenstadt schließen sich die Baracken der Mannschaften an. Geht man noch einen Kilometer weiter, gelangt man an die Ruine des Gutshauses. Vermutlich gab es seit Anfang des 14. Jahrhunderts einen Bauernhof auf Wustrow. Gemäß den erhaltenen Urkunden war er zunächst im Besitz der Familie von Moltke, später derer von Oertzen. Unter diesem Geschlecht soll Wustrow eine besondere Blüte erlebt haben. 1524 wurde Matthias von Oertzen in den Ritterstand erhoben und damit zum letzten Ritter Mecklenburgs. Doch archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Gegend schon vor Jahrtausenden besiedelt war. Im Schweriner Verlag »Stock & Stein« ist eine Broschüre über Wustrow von Alexander Schacht erschienen, die den historischen Zeugnissen und den legendären Ausschmückungen bis ins Detail nachgeht. Seeräuber sollen auf Wustrow gehaust haben. Der Sage nach gab es einen unterirdischen Gang von der Insel zum Festland. In »gewissen Nächten«, heißt es, habe auf der Landzunge auch ein Feuer gebrannt. In den Jahrhunderten nach denen von Oertzen erlebte die Insel immer rascher aufeinanderfolgende Besitzerwechsel, bis sie die Wehrmacht erwarb. An der Mauer neben dem Schlagbaum steht heute in roter Schrift das Graffito: »Alles hat seine Zeit«.

Beim friedlichen Strandbetrieb von Rerik scheint die Zeit dagegen stehengeblieben zu sein. Hier werden keine Straßen aufgerissen wie im benachbarten Kühlungsborn, sondern zwischen den niedrigen, schmuck restaurierten Häusern geht das Leben seinen stillen, unaufgeregten Gang. Tagsüber liegen die Familien ohne große Geräuschentwicklung in der Sonne, abends kommen die Möwen und stelzen über den Sand – schönes besinnliches Mecklenburg-Vorpommern jenseits von Glatzen-Terror und dem Getöse, mit dem das Land derzeit gegen seine Stereotype ankämpft (»Und überhaupt ist bei uns manches anders, als man denkt«). In dieser Idylle scheint keiner auf allzu böse Gedanken kommen zu können.

Die Zeit, da dieser beschauliche Flecken von der Weltgeschichte in ihrer schrecklichsten Gestalt ergriffen wurde, lässt sich auf einen Tag im Oktober 1932 bestimmen. Von diesem Datum stammt eine Fotografie, die einem im Heimatmuseum von Rerik der Direktor, ein junger Mann mit Leidenschaft für alte Geschichten, in einem Album mit historischen Aufnahmen zeigen kann. Das Foto ist düster und verschwommen, man erkennt nur einen Innenraum, in dem die Stühle auf die Tische gestellt sind, und in der Mitte die Umrisse einer sitzenden Gestalt. Diese Gestalt ist Adolf Hitler auf einer Wahlkampfreise Ende Oktober 1932. Wie ein nebendran eingeklebter Zeitungsausschnitt erläutert, war Hitler im Kurhaus von Alt Gaarz, wie Rerik damals hieß, eingekehrt, als einer aus seinem Gefolge am Klavier zu spielen begann, erst marschähnliche Weisen, dann Volkslieder. Hitler hatte sich allein an einen Tisch in der Mitte des Saales gesetzt und hörte eine halbe Stunde lang regungslos zu, den Kopf in die Hand gestützt. In der Tür standen die Hausangestellten und starrten ihn an, ohne einen Laut, der ihn stören könnte, den Großen, in dem das Kommende brütete.

Das Kommende war vor allem der Krieg, der auch im neuen Militärstützpunkt Wustrow vorbereitet werden sollte. Vom Beginn seiner militärischen Bestimmung an war Wustrow das Ziel höchstrangiger NS-Staatsbesuche. 1935 kam Göring, 1936 Hitler, am 26. September 1937 noch einmal Hitler zusammen mit Mussolini. Bis Kröpelin fuhren die beiden mit dem Zug: »Brausende Heilrufe erfüllten die Bahnhofshallen«, berichtete der »Niederdeutsche Beobachter«. Auch italienische Rekruten wurden auf Wustrow ausgebildet. Auf dem neuen Friedhof, etwas außerhalb von Rerik, finden sich unter den 1942 bis 1944 gefallenen Soldaten einige italienische Namen; ein Grabstein der italienischen Republik ehrt ihr Angedenken. Einheiten der Flakartillerie-Schule waren 1938 an der Besetzung der Tschechoslowakei beteiligt. In den vierziger Jahren wurden dann auch Kriegsgefangene nach Wustrow verbracht.

Rerik hat seinen Namen aus ideologischen Erwägungen heraus bekommen. Der Archäologe Robert Beltz leitete 1935 Ausgrabungen, die beweisen sollten, dass hier der 808 zerstörte germanische Handelsplatz Reric gelegen habe. Doch er fand nur Reste einer slawischen Burganlage. Dennoch wurde auf Erlass des Reichsstatthalters Friedrich Hildebrandt am 1. April 1938 aus dem slawischen Alt Gaarz die neue Stadt Rerik. »Das tausendjährige Reric erstand aus der Versunkenheit«, schrieb die nationalsozialistische Presse.

Das Kurhaus, in dem Hitler damals brütete, ist heute eines der verfallensten Gebäude von Rerik, ein graues Haus mit kaputten Fensterscheiben. An seiner Stelle soll ein multifunktionales Dienstleistungszentrum entstehen, unten mit Geschäften, oben mit Hotel-Appartements. Wolfgang Gulbis, Reriks besonnener Bürgermeister (SPD), hält sich sonst aber mit Großprojekten zurück, trotz der hohen Arbeitslosenquote, die er auf vierzig Prozent schätzt. Die offizielle Statistik weise kurioserweise – wohl aufgrund eines Computerfehlers – einen einzigen Arbeitslosen aus, aber der sei noch nicht namentlich identifiziert. Rerik solle auf jeden Fall seinen kleinteiligen Charme bewahren. Manche meinten auch, sagt der Bürgermeister vorsichtig lächelnd, die Stadt habe noch so etwas »Östliches«.

Unter den Bewohnern gibt es mittlerweile eine gewisse Unruhe darüber, was nun aus ihrer Insel werden soll. Schon kurz nach dem Abzug der Russen liefen die ersten Angebote ein. Damals plante ein Investor einen großen Yachthafen im Salzhaff zwischen Halbinsel und Festland, mit Erlebnispark und Spaßbädern auf Wustrow selbst. Damals wuchsen die Bäume noch in den Himmel, heute sind alle Beteiligten skeptischer geworden. 1994 wurde der Bund Eigentümer der Insel, die in der kurzen Zwischenzeit Rerik gehört hatte.

Das Konzept des aussichtsreichsten Bewerbers, der schwäbischen Planungs- und Baugesellschaft »Archi Nova«, sieht ein geschlossenes ökologisches System vor, in dem die einzelnen Elemente sich gegenseitig stützen und bedingen. Angestrebt ist eine möglichst autarke Energie- und Wasserwirtschaft. Ein sozio-ökonomisches »Netzwerk« soll aufgebaut werden, bei dem Wohnen und Arbeiten, Kunst und Landschaft harmonisch zusammengehen. Die auf Wustrow geernteten Früchte und Kartoffeln könnten dann zum Beispiel direkt von den Gaststätten verwertet werden. Die Gartenstadt-Siedlung soll saniert und integriert werden, die Neubauten sollen aus natürlichen Materialien bestehen. Das Naturschutzgebiet im hinteren Teil der Insel bliebe dabei unangetastet. Die Insel soll möglichst autofrei bleiben, eine solarbetriebene Fähre die Gäste übersetzen. Joachim Eble, ein Architekt der Gesellschaft für Lebensraumentwicklung »econnis«, die mit »Archi Nova« zusammenarbeiten würde, sprach von einer »Gesundheitsinsel, im Sinne von gesunder Natur, eine Insel als wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Organismus«.

Als sich das Unternehmen kürzlich öffentlich in Rerik präsentierte, wurde deutlich, dass eine ins Detail gehende Planung wohl erst nach dem Zuschlag zu erwarten ist. »Archi Nova« will auf jeden Fall dreihundert Millionen Mark investieren und dafür vierhundert neue Arbeitsplätze schaffen. Geplant seien ein Landwirtschaftsbetrieb, Gaststätten und außer Hotels auch Forschungseinrichtungen und eine Bildungsakademie, damit auch außerhalb der Sommersaison auf Wustrow etwas los sei. Rund tausend Menschen sollen dort einmal ständig leben. Ein Projekt von dieser Größenordnung hat »Archi Nova« bislang freilich noch nicht verwirklicht. Der größte Konkurrent ist die Kölner Immobiliengruppe Fundus, die in Ostdeutschland und Berlin schon die prestigeträchtigsten Objekte erworben hat; sie baute das Adlon, Teile der Friedrichstraße und hat den Zuschlag für die Restaurierung Heiligendamms bekommen.

Manche in Rerik befürchten nun, dass demnächst anstelle des Schlagbaums ein goldenes Tor stehen werde, das ihnen den Zutritt abermals verwehrt. Sie sorgen sich um den stillen Charakter ihres eigenen Orts, der womöglich seines Zentrums beraubt werden wird. Und sie fragen sich, wo die Autos bleiben sollen, wenn sie nicht auf die Insel dürfen.

»Alles hat seine Zeit«: Aber die Leute in Rerik sind noch sehr im Zweifel über den Charakter der Zeit, die sich ihnen jetzt nähert.

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28.08.1997

»Ein Zug vollkommener Unberührtheit«

Darß und Zingst: Wo Deutschland in der Ostsee versinkt – Der große Auftritt der Kraniche

Von Caroline Möhring

Der Hafen von Zingst wird zur Bühne. Das Stück, das hier aufgeführt wird, ist grandios, Schau- und Hörspiel zugleich. Gegeben wird es von der Natur, und es gehört zum Herbst wie buntes Laub und Nebelschwaden.

Die Kraniche kommen. Zunächst sind es nur dunkle Schlieren am Abendhimmel, doch bald werden die exakt gestaffelten Formationen riesiger Schwärme sichtbar. Urplötzlich aber lösen sich die langen Ketten dann auf. Unter heiseren Rufen lassen sich die majestätischen Vögel zu Boden sinken, landen mit einem letzten bremsenden Flügelschlag auf den Inseln Kirr und Oie gegenüber dem kleinen Hafen.

Damit freilich ist das Spektakel noch nicht vorüber. Immer neue Schwärme erscheinen am Horizont, immer eindringlicher wird das markante Trompeten. Geschwunden sind derweil die Farben des Tages, an der Deichpromenade leuchten Laternen auf. Ein Ausflugsdampfer entlässt die Gäste aus seinem hellen, warmen Rumpf. Abendstille kehrt ein im Hafen von Zingst. Von drüben aber, von den Vogelinseln, klingt lang noch der Ruf der Kraniche.

Sie kommen aus Skandinavien, dem Baltikum oder Polen und sind auf dem Weg nach Südfrankreich, nach Spanien oder gar nach Nordafrika. Hier, an der vorpommerschen Ostseeküste zwischen Rügen und dem Darß, liegt ihr bedeutendstes Rastgebiet. Rund sechzigtausend der mythischen Vögel legen dort zwischen Ende September und Mitte November eine mehrwöchige Pause auf ihrer Reise über den ganzen Kontinent ein. Gewiss, auch im Frühjahr machen sie hier Station, bleiben jedoch nur wenige Tage – zu sehr zieht es die Vögel dann in ihre Brutgebiete. Jetzt aber lassen sie sich Zeit. Tagsüber finden die Kraniche sich – nicht zur ungeteilten Freude der Bauern – auf Maisäckern, Rübenschlägen und Wintergetreidefeldern des Festlandes ein, um sich Kraft anzufressen. Im letzten Licht indes suchen sie ihre traditionellen Schlafplätze im seichten Wasser der Bodden auf – in jenen flachen Buchten hinter Sandhaken, Halbinseln und Nehrungen, die nicht mehr so recht zum Meer und noch nicht zum Land gehören, aber verlässlichen Schutz vor Füchsen und anderen Feinden bieten.

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F.A.Z.-Foto / Frank Röth

Die Kraniche bleiben nicht die einzigen Gäste der Saison. Auch andere Fernflieger nutzen diese eigentümliche Landschaft als idealen Rastplatz. Kaum zu zählen sind die Wildgänse aus dem hohen Norden und der fernen Tundra, die sich hier für ihren Weiterflug nach Holland, Belgien oder Frankreich stärken. Mehr als hunderttausend dürften es nach den Schätzungen der Ornithologen sein, Graugänse, Saatgänse und Blessgänse vor allem. Auch sie kehren gegen Abend von ihrem Weidegang in den Schutz der Bodden zurück. Aber selbst wenn längst die ersten Sterne sichtbar sind, streichen immer noch wohlgeordnete Trupps von Gänsen über den Deich, malen schwarze Keile in den dunklen Himmel und bereichern den Chor der Kraniche um ihre durchdringenden Flugkommandos. Kinderträume steigen auf: Wie schön müsste es doch sein, nur ein einziges Mal wie der kleine Nils Holgersson mit ihnen auf die große Reise zu gehen.

Zu Kranichen und Gänsen gesellen sich weniger »auffällige« Weltreisende in großer Zahl. 160 durchziehende Vogelarten hat man hier registriert. Andere verbringen auch den Sommer in dieser abgeschiedenen Gegend, in der die Kräfte der Natur noch stärker als andernorts spürbar werden und – gemeinsam mit dem wirtschaftenden Menschen – eine Vielfalt an Lebensräumen schufen, in der manch selten gewordene Art ein Refugium gefunden hat. Alpenstrandläufer, Kampfläufer und Säbelschnäbler, Löffelenten, Spießenten und Kolbenenten, Flussseeschwalben und Brandseeschwalben – sie alle leben noch auf den Inseln Kirr und Oie. Im unzugänglichen Schilf der Boddenküste verbergen die scheuen Rohrsänger und Schwirlen, Rohrweihen und Wasserrallen sich und ihren Nachwuchs, mit etwas Glück ist mitunter sogar ein Seeadler, Deutschlands rar gewordener Wappenvogel, zu entdecken.

Ihnen allen und ihrem reichen Lebensraum zuliebe hat man die Region inzwischen mit dem strengsten Schutz belegt, den die deutsche Naturschutzgesetzgebung kennt, und 1990 vom Darß bis zur Westküste von Rügen den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft ausgerufen. Die Idee erscheint durchaus einleuchtend: Ein einzigartiges Vogelparadies soll bewahrt, ein letztes Stück unversehrter Ostseeküste erhalten bleiben. Hier sollen Wind und Wellen weiterhin ihr uraltes Spiel betreiben und die ungeschützte Grenze zwischen Wasser und Land immer wieder neu gestalten können. Hier sollen Städter und Büromenschen, die in einer betonierten und flurbereinigten Welt so seltene Chance erhalten, die gestalterischen Kräfte der Natur tatsächlich zu erleben, ja zu Zeugen erdgeschichtlicher Prozesse zu werden, die bis heute nicht abgeschlossen sind.

Schließlich ist die Ostsee, wie man hier unablässig lernt, noch ein sehr junges Meer. Erst nach der letzten Eiszeit entstanden, drang sie vor rund 7000 Jahren bis zu ihrer gegenwärtigen Küste vor und formt diese seither ständig um. So gibt es den seltsamen Haken namens Fischland, Darß und Zingst erst seit dem Mittelalter, weil drei Inseln zusammenwuchsen. Die letzte Lücke zwischen Darß und Zingst wurde nach einer verheerenden Sturmflut erst im Jahr 1872 geschlossen. Heutzutage nagen Sturm und Brandung vor allem am Westen des Darß, sichtbar für jeden, der es sehen mag. Jahr für Jahr hobeln Wind und Wellen ein, zwei und manchmal auch drei Meter Erdreich von der Küste ab. Selbst der Wald hält ihnen schließlich nicht mehr stand, immer wieder fällt ein Stück von ihm ins Meer. Blanke, bleiche Baumleichen am Strand bezeugen es. Im Norden hingegen, am Darßer Ort, wo die Kraft der Strömung nachlässt, entledigt die See sich ihrer Fracht. Hier wächst das Land schneller als irgendwo sonst in Mitteleuropa. Weit reicht es inzwischen über den preußischen Leuchtturm aus dem Jahr 1848 hinaus, etwa neun Meter kommen jedes Jahr hinzu. Rasch nehmen Pflanzen und Tiere es in Besitz – und irgendwann in ferner Zukunft, so lehrt das »Natureum« im Fuße des Turms, wird auch dort wieder ein Wald entstehen.

Der herbe Charme dieser Landschaft hat seine anziehende Wirkung auch am Ende des letzten Jahrhunderts nicht verfehlt. Es war die Zeit der Künstlerkolonien. Eine neue Generation von Malern floh den Großstadtateliers und zog hinaus in die Natur, richtete sich nach den Regeln der gerade modernen Lebensreform ein. Ausgerechnet Ahrenshoop, das ärmste Dorf auf dem Fischland, wurde eines ihrer Ziele. »Wir hatten von seiner Existenz keine Ahnung und blickten überrascht und entzückt auf dieses Bild des Friedens und der Einsamkeit. Kein Mensch war zu sehen, die altersgrauen Rohrdächer, die grauen Weiden und die grauen Dünen gaben dem ganzen Bilde einen Zug tiefsten Ernstes und vollkommener Unberührtheit. So sah Ahrenshoop damals aus. Nirgends ein öder Nützlichkeitsbau mit Pappdach, nichts, was den Gesamteindruck störte; die Dorfstraße sehr breit und sandig – man sagte: den Ahrenshooper erkennt man an seinem Gang –, kein Drahtzaun, keine Reklametafel … Stieg man weiter hinauf auf die sogenannte Schwedenschanze, so sah man in die Einsamkeit hinaus. Nirgends ein Haus: Dünen, Wald und See, in der Ferne die dunkle Linie des Darß. Die Dünen gekrönt von uralten Weißdornbäumen, Stechpalmen und wilden Rosen«, schrieb Paul Müller-Kaempff in seinen Erinnerungen.

Ob er tatsächlich der erste war, der den Ort für die Maler entdeckte, ist umstritten. Sicher aber ist, dass er die Entwicklung der mecklenburgischen Künstlerkolonie maßgeblich prägte. 1892 siedelte er sich hier an und eröffnete dort bald eine Malschule für Töchter aus gutem Hause. Andere folgten. Theobald Wachenhusen, Elisabeth von Eicken, Anna Gerresheim, Fritz Grebe, Martin Körte und Hugo Richter-Lefensdorf etwa fanden in dem armseligen Dorf, den Dünen, den Bodden und dem Meer sowie dem märchenhaften Darßwald einen beglückenden Reichtum an romantischen Motiven – und mussten nur ab und an ein ganz klein wenig nachhelfen, wie jene Malerin, von der man sich erzählt, dass sie jeden Morgen aufs neue die Pfütze auf der Dorfstraße mit Wasser füllte, weil sie zu ihrem Motiv gehörte.

Und heute, hundert Jahre später? Sind die Stadtflüchter der Gegenwart nicht in gleicher Weise auf der Suche nach ihren archaischen Wurzeln, einem unverfälschten, ungezähmten Stück Natur – oder zumindest einer romantischen Vorstellung davon? Wer heute kommt, kommt meist nicht mit Pinsel und Staffelei, sondern mit Fernglas und Kamera. Doch er kann, wenn er will, die schwärmerische Begeisterung der Koloniekünstler nacherleben und seinerseits die weiten Wälder des Darß durchstreifen mit ihren bizarren Baumgestalten, knorrigen Stämmen und hellen Lichtungen, mit mannshohem Adlerfarn, Moortümpeln und Erlenbrüchen. Er kann diese wundersame Vielfalt der Natur streng nach den Regeln der Pflanzensoziologie und Ökologie analysieren oder einfach ganz tief Luft holen, die Sonnenflecken am Boden, den Geruch der Pilze und die Stille genießen. Er kann sich an den Katen in Wieck und Born erfreuen, an den kleinen Häusern der Fischer und den etwas größeren der Kapitäne, oft frisch getüncht in Weiß, Blau oder Gelb und stets tief geduckt unter reetgedeckten Dächern. Er kann die verschwenderische Pracht der späten Dahlien in den Gärten bewundern oder in der alten Seemannskirche von Prerow den Übungen des Organisten lauschen und zugleich seiner heimlichen Freude an jenen Gestalten nachgeben, die das geschnitzte Taufbecken tragen und trotz der Flügel, die sie als himmlische Geschöpfe ausweisen, ihre Verwandtschaft mit den Galionsfiguren der Segelschiffe nicht leugnen können. Er kann auf noch immer ungepflasterten Wegen oder prachtvollen Alleen gelegentlich innehalten und den Gänsen zuschauen, die rechts und links der Straßen weiden, seine eigenen Erinnerungen suchen oder die der Großeltern und sich ganz der Illusion hingeben, die Zeit sei möglicherweise einfach stehengeblieben vor diesem entlegenen Zipfel Land an der deutschen Ostseeküste.

Doch sie ist es nicht. Man hätte es sich denken können. Allem romantischen Schein zum Trotz hat auch diese heile Welt tiefe Risse – vor kurzem noch hörte sie sogar ganz abrupt an Zäunen und Schranken auf. Weite Teile der Halbinsel Zingst und die Spitze des Darß waren strikt gesperrt und von den Landkarten verschwunden. Schon in der Zeit des Nationalsozialismus, vor allem aber in der des »Sozialismus« nämlich nutzte man die Region auf durchaus eigene Weise. Die Wälder des Darß, die unter Forstleuten seit alters her einen besonderen Ruf genossen, der durch schreibende Vertreter der Zunft wie den Freiherrn Ferdinand von Raesfeld oder Franz Mueller-Darß noch gefestigt wurde, avancierten im einen wie im anderen System zum bevorzugten Staatsjagdgebiet für verdiente Politiker und Parteigenossen. In der Honecker-Ära ließ man sich zudem gleich nebenan am Darßer Ort eine Feriensiedlung errichten und sorgte dafür, dass man unter sich blieb. Auch auf dem Zingst kam das gemeine Volk ungelegen, dienten weite Teile der Halbinsel doch seit 1937 als Bomben-Testgelände und Schießplatz, zunächst für die Wehrmacht, später für die Nationale Volksarmee. Flora und Fauna freilich ließen sich weder aussperren noch beeindrucken, sondern gerade in den Gebieten, die zu betreten verboten war, erhielt sich ein ungeahnter Reichtum an Tieren und Pflanzen.

Das Ende des »Sozialismus« brachte dies an den Tag, und die Naturschützer nutzten die Gunst der Stunde. Weite Teile der ehemaligen Staatsjagdgebiete, der Militärgelände und der Sperrzonen an der innerdeutschen Grenze wurden sogleich mit verschiedenen Kategorien des Schutzes belegt, auf dass sie als »Tafelsilber der deutschen Einheit« für die Nachwelt erhalten blieben. Bei der angestammten Bevölkerung indes stieß man damit keineswegs auf ungeteilte Begeisterung – fürchteten Bewohner aller betroffenen Regionen zwischen Sächsischer Schweiz und Ostseeküste doch, sie könnten schon wieder von der Welt und dem ersehnten Fortschritt ausgeschlossen werden, weil eine Sperrzone nur durch eine neue, nunmehr grün getarnte ersetzt würde. Auch die Vorpommersche Boddenlandschaft erlebte unruhige Zeiten. Lebhaft waren die Proteste, durchaus heftig die Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern des Nationalparks, die sich in jeweils eigenen Vereinen organisierten. Dass die Kernzonen des Parks just dort beginnen, wo die Welt einst für das normale Volk zu Ende war, und die staatlich bestallten Naturschützer auch gleich die Wachgebäude der Nationalen Volksarmee weiter benutzten, machte die Sache nicht eben besser. Derzeit scheinen sich die Wogen geglättet zu haben, wenngleich es unter der Oberfläche mancherorts weiter brodelt. Immerhin hätten sich einige der Skeptiker inzwischen von ihren Gästen zu einem Besuch in den Kernzonen des Nationalparks verleiten lassen, sagt Uli Lau, der am Eingang dafür Sorge trägt, dass sich die Menschen fortan nur noch zu Fuß, mit Fahrrädern oder Pferdewagen fortbewegen, bereitwillig Auskünfte erteilt und nebenher die Besucher zählt. Zwischen fünf- und elfhundert sind es am Tag, selbst um diese Jahreszeit – eine Tatsache, die manchen der Bewohner von Zingst und Prerow, Born und Wieck denn doch versöhnlich stimmt. Im sanften Tourismus nämlich, so hat man ihnen versprochen, läge ihre Zukunft. Doch wie sanft kann ein solcher Tourismus sein, und wie viel Zukunft kann er wirklich tragen?

Knapp zehn Kilometer sind es noch auf einer schnurgeraden Panzerplattenstraße bis zur östlichsten Spitze der Halbinsel. Dort legten ehedem jene seltsam breiten Kähne an, die hier Pram genannt werden und das Vieh über das schmale, flache Wasser vom Festland zu den Sundischen Wiesen brachten, die einst der Stadt Stralsund gehörten. Pramort heißt deshalb die Spitze von Zingst. Einen richtigen Ort gibt es allerdings schon länger nicht mehr, wenngleich die letzte Bewohnerin erst 1988 und gegen ihren einsamen Willen ausgesiedelt wurde. Stattdessen gibt es nun Beobachtungsstände, damit die Menschen die Kraniche, die Kraniche aber nicht die Menschen sehen. Vor Pramort nämlich liegt ein weiterer Schlafplatz der scheuen Vögel. Publikum vertragen sie gar nicht, und es scheint fast so, als versuchten die Tiere, dem Ansturm der Zuschauer auszuweichen, und zögen sich immer weiter zurück. Die Möglichkeiten dazu sind jedoch begrenzt. Ebenfalls aus gebührendem Abstand darf man aus der Kernzone auf die größte deutsche Wanderdüne schauen, damit die Natur in ihrem Wirken möglichst wenig gestört werde. Artig folgen die meisten der fernglasbewehrten Gäste den Geboten – und die Einheimischen wundern sich über diesen neuen Typ von Besuchern. Mit Erstaunen oder auch mit der stoischen Gelassenheit der Küstenbewohner nehmen sie zur Kenntnis, wie viele Fremde sich plötzlich für Wildgänse oder Kraniche interessieren, denen man hier doch ehedem kaum Beachtung schenkte.

 

»Nichts ist so konstant wie die Veränderung«, räsoniert Förster Groß und lässt dabei offen, ob er tatsächlich nur das Walten der Naturkräfte meint, die er so gut kennt. Immerhin versieht er seinen Dienst hier seit fast zwanzig Jahren, die längste Zeit im Auftrag der Nationalen Volksarmee. Nach der Wende musste er lediglich die Eicheln auf den Schulterstücken seiner Uniform um 180 Grad drehen. Hier trug man sie schlicht andersherum. Die Naturgesetze aber gelten nach wie vor. Gut drei Meter, so beobachtet Groß lange schon, tragen die Wellen jedes Jahr auch von der nördlichen Kante der Halbinsel ab. Immer tiefer dringt das salzige Wasser in die Wälder ein, die einmal mit viel Mühe als Windschutz angelegt wurden, und lässt sie nach und nach sterben. Der Heuweg, vor zwei Jahren noch gut befahrbar, ist inzwischen verschwunden. Natürlich könne man das alles nun geschehen lassen, sagt Groß. Doch so ganz will ihm und manchem anderen hier das denn doch nicht einleuchten – gäbe man so doch ein Gelände preis, das gerade erst als besonders wertvoller Lebensraum unter Schutz gestellt wurde. Mit den bei Vögeln so beliebten Wiesen am Bodden verhält es sich ähnlich. Wenn man sie getreu den Vorschriften eines Nationalparks nun ganz der Natur und sich selbst überließe, würde sich auch dort bald Wald einstellen – wie auf der Insel Bock, die vor zweihundert Jahren ebenfalls ein Vogelparadies war. Nun ist sie ganz und gar bewaldet, es gibt dort reichlich Wild, aber kaum Vögel mehr. Die bevorzugen vielfach die offene Landschaft mit den eigentümlichen Salzgraswiesen, die durch Jahrhunderte der Weidewirtschaft entstanden sind.

Letztlich führt kein Weg an der gänzlich unromantischen Erkenntnis vorbei: Selbst Fischland, Darß und Zingst, der so entlegene Zipfel Land im Meer, wird nicht nur von der Natur, sondern seit alters her auch vom Menschen gestaltet. Bis in seine Spitzen ist Deutschland ein altes Kulturland, das die Vielfalt seiner Landschaften und Lebensräume gerade dem Zusammenwirken von Mensch und Natur verdankt. Selbst Durchreisende wie die Kraniche profitieren davon.

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 31.10.1996