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Inselwelten

Eng umgrenzt im Grenzenlosen

 

 

 

F.A.Z.-eBook 10

Frankfurter Allgemeine Archiv

Projektleitung: Franz-Josef Gasterich

Produktionssteuerung: Christine Pfeiffer-Piechotta

Redaktion und Gestaltung: Hans Peter Trötscher

eBook-Produktion: Rombach Druck- und Verlagshaus

Alle Rechte vorbehalten. Rechteerwerb: Content@faz.de

© 2012 F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main.

Titelgestaltung: Hans Peter Trötscher.

Titelfoto: Die Insel Dokdo © F.A.Z.-Foto / Carsten Germis

 

ISBN: 978-3-89843-216-0

Vorwort

Von Hans Peter Trötscher

Mit Inseln verbinden wir mitunter eine Art eskapistische Robinson-Romantik, bei einem Inselaufenthalt lassen wir die rasant globalisierte Welt hinter uns. Denn Inseln sind überschaubar, ein eng umgrenzter Raum im umgebenden Grenzenlosen. Entwicklungen auf Inseln verlaufen meist anders als auf dem Festland. Ein großer Teil externer Einflüsse bleibt ausgegrenzt. Inselbewohner wehren sich gerne und häufig erfolgreich gegen Einflussnahme von außen. Das Resultat sind einzigartige Beispiele, die zeigen, wie es auf dem restlichen Globus auch hätte laufen können.

Oft stellt die Außenwelt eine existenzielle Gefahr für das Inselleben dar. Pflanzen und Tiere, die sich mit oder ohne menschliches Zutun auf einer vorher fremden Insel ausbreiten, zerstören die Einzigartigkeit genau so nachhaltig, wie der Mensch selbst. Mitunter wirken Inseln auch wie regelrechte Inkubatoren des Bösen, man denke an insulare Sträflingskolonien oder Zufluchtsorte von Meuterern und Piraten, wie das abgeschiedene Pitcairn, wo sich in der größten Abgeschiedenheit unter den Nachfahren der gestrandeten Bounty-Meuterer unfassbare Verbrechen abspielten, die die Insel noch heute prägen.

Deutschland

Sylt: Die Gedanken sind befreit

Sylt ist trotz Sansibar, Whiskystraße und Friesenkitsch immer eine Insel der Demut gewesen. Das hat sich gründlich geändert. Und doch gibt es noch genügend Platz für alle jene, denen der Wind die beste Wellness ist.

Von Judith Lembke

Nackt und gebrochen ragen die Speichen aus dem Abfalleimer. Von dem schützenden Nylontuch sind nur noch schwarze Fetzen übrig. Doch der Nordwind ist kein großmütiger Sieger: Längst hat der Schirm kapituliert, und trotzdem zerrt der Wind immer weiter an den Stoffresten, die sich hilflos flatternd seiner Macht beugen müssen.

Wir wissen nicht, wer den schwarzen Regenschirm in den Mülleimer an der Hörnumer Hafenmauer gesteckt hat, aber wir ahnen zwei Dinge: Zum einen war der Besitzer mit den Nerven am Ende, als er sich des kaputten Versagers entledigte. Darauf lässt die Mischung aus Kraft und Nachlässigkeit schließen, mit der er den Schirm in den Abfalleimer gestopft hat. Zum anderen muss er ein Neuling auf Sylt gewesen sein. Denn kein Stammgast käme auf die Idee, einen Schirm auf die Insel zu bringen, geschweige denn aufzuspannen, schon gar nicht bei so einem Nordwind.

Sylt-Touristen sind immer für ihre Demut bekannt gewesen, jedenfalls bisher. Groß geworden mit dem Satz, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung gebe, betritt der Gast unserer Erinnerung die Insel in seiner Allwetterjacke und mit der Gewissheit, dass er sie bis zu seiner Abreise nur noch zum Schlafen ausziehen wird. Bis dahin wird sie zu seiner zweiten Haut geworden sein, geduldet auch in den besseren Restaurants, sofern sie von der richtigen Marke ist. Selbst das Kopfhaar passt der demütige Stammgast den meteorologischen Gegebenheiten an: Streng zurückgebunden und mit viel Spray zu einem Pferdeschwanz fixiert, tragen das Haar selbst jene Damen, die es auf der Düsseldorfer Kö oder der Hamburger Waitzstrasse gerne sanft onduliert und hochgeföhnt haben. Die Zeit zwischen An- und Ausziehen seiner Jacke verbringt der wetterfest frisierte Sylt-Tourist auf dem Fahrrad, mit dem er immer gegen den Wind anstrampelt, in der Nordsee, in der achtzehn Grad Wassertemperatur hochsommerlicher Luxus sind, oder er lässt sich beim Wattwandern die Fußsohlen »massieren«. Die demütige Haltung zeigt der Tourist auch gegenüber seinen Gastgebern. Für das Privileg, auf der Insel Urlaub machen zu dürfen, nimmt er in der Hauptsaison winzige Zimmer zu gigantischen Preisen in Kauf. Und dass die Krabbensuppe manchmal eher nach Tüte als nach Nordsee schmeckt, obwohl der Kutter nur ein paar Meter entfernt im Hafen liegt, ist ihm gleichfalls keine Klage wert.

Doch in den vergangenen Jahren ist dieser Stammgast auf der Insel ebenso selten geworden wie die Dreizehenmöwe. Er wurde von einem neuen Touristentypus verdrängt, einem wie unserem Schirmbesitzer. Für ihn ist die Allwetterjacke kein Schicksal. Er bucht sein Hotel je nach Wetterbericht und reserviert das Ferienhaus nicht schon ein Jahr im voraus. Seine Alternativen zu Sylt sind nicht Föhr oder Amrum, sondern Ibiza und Sardinien. Und die veränderten Reisegewohnheiten hinterlassen ihre Spuren auf Sylt. Am deutlichsten sind sie an den Spitzen zu sehen, in List ganz im Norden und vor allem in Hörnum, am südlichen Zipfel der Insel.

Rolf Speth ist der Bürgermeister von Hörnum, eines Ortes, dessen Existenz von den meisten Sylt-Besuchern bis vor wenigen Jahren ignoriert wurde. Für die Porschefahrer und Austernschlürfer aus Kampen oder Keitum begann hinter der »Sansibar« in den Rantumer Dünen das Sylt der weißen VW Passat ohne Extras und der selbstgeschmierten Graubrotstullen. Die Familien aus Westerland oder Wennigstedt wiederum kamen vor allem an die Südspitze, um dort in ein Ausflugsschiff nach Amrum zu steigen. Hörnum war eine Enklave der Demütigen. »Wir hatten Gäste, die zu uns passten: einfache Leute, die keinen großen Luxus brauchten«, sagt Speth und klingt dabei fast ein bisschen wehmütig. Doch seitdem es in Hörnum einen Golfplatz, ein Luxushotel und eine Ferienanlage des Timeshare-Anbieters Hapimag gebe, sehe man hier auch immer mehr »SUVs oder wie diese Dinger heißen«.

Eines sagt der Bürgermeister des Tausend-Einwohner-Ortes allerdings nicht. Urlaub in Hörnum hieß nicht nur Abwesenheit von Luxus, sondern auch Anwesenheit von Tristesse. Seit den sechziger Jahren hatte die Bundeswehr dort einen Stützpunkt, im Ort lebten vor allem Soldatenfamilien. Als das Militär Anfang der neunziger Jahre abzog, verschwanden die Menschen, doch die Kasernen blieben, leere Gebäude, die im Laufe der Jahre immer mehr verkamen. Nicht alle Gäste zeigten sich leidensfähig. Die Besucherzahlen gingen zurück. Im Norden, in List, war die Situation ähnlich. Sylt drohte an den Rändern abzubrechen, noch bevor die Sturmfluten das schaffen würden.

Das wäre ein Jammer gewesen. Wer einmal um die Odde läuft, wird selbst ein bisschen demütig und versteht die Stammgäste, die dem Ort auch in den schwierigen Jahren die Treue hielten. Den linken Fuß im Meer, den rechten Fuß im Sand, umrunden wir die Südspitze der Insel. Grüner Seehafer, heller Sand, blaues Meer, ein Bild für den Seelenfrieden. Auf dem Meer kreisen Möwen um einen Austernkutter, der Wind trägt ihr Kreischen herüber, das einzige Geräusch neben dem Meeresrauschen. Wir sind fast ein bisschen traurig, als unsere kleine Wanderung zu Ende ist. Was vor ein paar Jahren noch fast drei Stunden dauerte, schaffen wir nun in einem Drittel der Zeit. Die Meeresströmung trägt den Sand von der Sylter Südspitze ab. »Hörnum schrumpft, Amrum wächst«, sagen die Einheimischen, und ihr Ton lässt darauf schließen, dass sie mit dem Strömungsverlauf überhaupt nicht einverstanden sind.

Im Hafen lassen wir uns von Krabben-Dieters Werbespruch überzeugen: »Sogar der Bauer auf dem Trekker, isst Dieters Krabben, die sind lecker.« Wir holen uns eine Portion und setzen uns zum Pulen an die Kaimauer. Der süße Duft von Heckenrosen mischt sich mit der Salzluft. Mit seinen Fischkuttern und Bootsschuppen hat der Hörnumer Hafen zum Glück gar nichts mit den Ferienort-Marinas gemein, in denen außer Segelyachten höchstens ein Museumsschiff liegt. Weit und breit sehen wir keine alten Friesenhäuser mit tief heruntergezogenen Reetdächern, keine Friesenwälle, keinen »La Martina«-Shop, keine Champagnerbar. Es macht den Reiz von Hörnum aus, dass Sylt hier nicht so aussieht wie im Fotokalender.

Das war die Chance des Ortes, und sie wurde genutzt. Seit zwei Jahren hat Hörnum einen Golfplatz und ein Fünf-Sterne-Hotel ohne Folklore-Schnickschnack. Während die Luxushotels in der Inselmitte wie das Landhotel Stricker und der Söl‘ringhof wirken, als hätten sie ihren Friesenkragen ein bisschen zu hoch geschlagen, um sich gegen den Nordwind oder vielleicht auch neugierige Blicke zu wappnen, ist das Hotel Budersand offen und seiner Umgebung zugewandt. Die großen, mit Holzlamellen verkleideten Fensterflächen holen viel Licht ins Innere, der quadratische Bau biedert sich der Dünenlandschaft nicht an, und dort, wo früher verlassene Kasernen standen, breitet sich jetzt ein Golfplatz aus. Hier sammelt sich die neue Sylt-Klientel – Menschen, die meist für ein paar Tage kommen und nicht für mehrere Wochen, die immer kurzfristiger buchen und bei der Reservierung nach dem Wetter fragen, die mit dem Flugzeug anreisen und nicht dem Autoreisezug aus Niebüll.

Hier finden wir die demütigen Sylt-Touristen unserer Erinnerung ganz bestimmt nicht. Deswegen fahren wir nach Norden, vorbei an »Sansibar«, auf deren Parkplatz sich eine Dame im Porsche Cayenne lautstark darüber beschwert, dass sie ganz hinten parken und die fünfzig Meter zum Restaurant zu Fuß zurücklegen muss. Nichts wie weiter. Da wir Familien als besonders leidensfähig in Erinnerung haben, halten wir am TUI Dorfhotel in Rantum. Nordseeurlaub war für einige Eltern eine willkommene Abhärtungsmaßnahme. Wie oft hörten wir am Strand von Westerland die Mahnung, sich nicht so anzustellen, wenn Fünfjährige über das sechzehn Grad kalte Wasser jammerten. Doch Kälte lehrt Demut, am Abend waren die Sprösslinge für die heiße Badewanne in der Ferienwohnung dankbar. Ein bisschen nach Zucht und Ordnung sieht auch das Dorfhotel aus, denn es unterscheidet sich im Baustil kaum von der Kaserne nebenan – die Anmutung ist ähnlich praktisch und lieblos, darüber können auch die aufgemalten Büsche an den Häuserwänden nicht hinwegtäuschen. Allerdings muss hier kein Kind zur Abhärtung ins kalte Meer gescheucht werden, stattdessen verspricht das Dorfhotel »Badespaß auf hohem Niveau« im eigenem Hallenbad. Und auch die Eltern müssen sich zur Entspannung nicht mehr die Füße vom Wattboden massieren lassen, sondern können dabei auf einer bequemen Liege Platz nehmen.

Wir entdecken die Demut dort, wo wir es am wenigsten erwartet hätten: in Kampen. Es hat etwas von Selbstunterwerfung, Millionen in ein Haus zu investieren, das sich von den anderen an der Straße höchstens in der Zahl der Fenster unterscheidet. Kein Wunder, dass wir uns in den Wohngebieten von Kampen immer wieder verirren: neben den Straßen rechts und links schmale Grünstreifen, dann Friesenwälle aus runden Findlingen als Grundstücksabgrenzung, dahinter die Häuser mit vielen Gauben und natürlich tief heruntergezogenen Krüppelwalmdächern aus Reet – fertig ist das Modell Friesentraum zum Monte-Carlo-Preis. In der Whiskystraße werfen wir einen Blick in die Auslage eines Maklerbüros. Er hat ein schönes Reetdachhaus am Ortsrand für neun Millionen Euro im Angebot.

Es ist verblüffend, wie viel Platz noch für Demut bleibt zwischen lauter korkenknallenden Autohausbesitzern und den dazugehörenden Gucci-Taschenträgerinnen. Es ist der Weg durch die Dünen zum roten Kliff, Friesenkitsch im Nacken und im Gesicht nur die Abendsonne am fahlen Himmel, der uns milde stimmt. Die Luft schmeckt nach Salz, im Seehafergras umschwirren sich zwei Zitronenfalter. Hier spielt es keine Rolle, welches Auto man fährt oder ob die Schuhe handgenäht sind, denn es läuft ohnehin jeder barfuß. Alle eint der Wunsch, dass diese Dünenlandschaft nie enden möge. Wir wollen immer weiterlaufen, denn mit jedem Schritt bleibt ein Gedanke zurück. Sylt räumt den Kopf auf. Wer diese Wirkung einmal gespürt hat, will immer wieder zurück – egal, zu welchem Preis.

Da unser Wunsch nach Unendlichkeit nicht erfüllt wird, fahren wir weiter nach Norden. Hinter List, am nördlichsten Zipfel der Insel, gibt es Stellen, an die nur Schafe gelangen und Windfreunde. Auf dem Ellenbogen, einer Halbinsel, die schmal und lang in die Nordsee ragt, sind die Straßen für Militärfahrzeuge ausgelegt, nicht für Sportwagen. Viele Jahre war der Norden ähnlich abgehängt wie der Süden, mit seiner sturmumtosten Weite viel schöner als die Inselmitte, aber dominiert vom Militär. Auch nach List kamen viele Touristen nur, um die Insel mit der Autofähre zu verlassen. Wer nach List fuhr, suchte Natur und Ruhe – oder nahm beides wegen der günstigen Preise in Kauf.

Irgendwann kam als weitere Attraktion dann die Fischbraterei Gosch hinzu, die sich zwar »nördlichste Fischbude Deutschlands« nennt, in Wirklichkeit aber die nördlichste Alternative zur Wiesngaudi ist. Im vergangenen Mai hat die Deutsche Seereederei dem Imbissbesitzer Gosch ein riesiges Geschenk gemacht. In Hördistanz zum Möwengeschrei des Lister Hafens hat sie das Arosa Grand Spa Resort eröffnet, hundertsiebenundsiebzig Zimmer und Suiten für Menschen, die im Urlaub nichts falsch machen wollen: ein bisschen Golf für Papa, ein großes Spa für Mama und den Rosinis Kinderclub für die Kleinen, alles genauso wie in den anderen drei Arosa-Resorts, nur dieses Mal mit Nordseepanorama. Und wer einmal keine Lust auf den hauseigenen Italiener oder die Sushi-Bar hat, geht zu Gosch, um dort Thai-Nudeln oder Scholle zu essen, die garantiert genauso schmecken wie in den Gosch-Filialen am Düsseldorfer Rheinufer oder am Frankfurter Flughafen.

Für die Demütigen, die unter Wellness keine Ayurveda-Massage, sondern das Wennigstedter Neujahrsbaden verstehen, ist im neuen List kein Platz mehr. Doch finden sie nirgendwo mehr Asyl auf der Insel, wie Kulturpessimisten seit der Eröffnung des TUI Dorfhotels und des Arosa Resorts lamentieren? Nein. Zwischen den windgeplagten Schirmbesitzern und den Schönwetterbuchern werden die Kaltwasserfreunde heute nur leichter übersehen. Dabei haben sie ihr Zentrum noch immer dort, wo es schon seit fast hundert Jahren ist, am vielleicht schönsten Strand der Insel, in den Dünen zwischen List und Kampen. Im Klappholttal wohnt es sich wie 1919 von den Vätern der deutschen Jugendbewegung geplant: in kleinen, in die Dünen geduckten Hütten, die schöne Vogel- oder Pflanzennamen haben, aber manchmal keine Toiletten. Dafür kommen wir hier der Natur, die Sylt ausmacht, so nah wie nirgendwo sonst – dieser Weite, in der sich Inseln aus weißem Pudersand im sturmzerzausten Hafergras verlieren. »Frei von Luxus, aber in Harmonie mit sich und der Natur leben«, war der Leitspruch des Gründers Knud Ahlborn. »Wir verharren nicht im Konsumieren, sondern probieren selbst aus«, sagt Akademieleiter Hartmut Schiller und zählt die Workshops auf: Kunst, Feldenkrais, Qi-Gong und Yoga, Musik und Tanz.

Für viele Klappholttaler, wie Schiller seine Gäste nennt, beginnt der Tag mit einem Morgenbad, ein Ritual, ebenso wie das gemeinsame Essen im Speisesaal. Seit 1919 wurde jedes Essen von einer Glocke eingeläutet, bis im vergangenen Sommer ein Brandstifter den Speisesaal niederbrannte. Knapp ein Jahr später ist das Haus wieder aufgebaut, und die Glocke, die monatelang verstummt war, soll wieder läuten. Zu diesem feierlichen Anlass haben sich alle Gäste in den Dünen versammelt, viele haben ihre Allwetterjacken um die Taille geknotet, es ist ein sonniger Tag. Als Schiller zu sprechen beginnt, wird es still im Klappholttal. Neben seiner Stimme hört man nur noch das Summen der Bienen in den Hagebuttenbüschen. Als schließlich die Glocke geschlagen wird, fallen sich viele Gäste in die Arme, einige wischen sich verstohlen Tränen aus den Augen, und wir wissen: Solange die Glocke im Klappholttal läutet, wird Sylt ein Ort der Demut bleiben.

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Reisetipps:

Sylt Marketing, Telefon: 04651/ 82020, www.sylt.de. Weitere Auskünfte unter www.budersand.de, www.dorfhotel.com, www.resort.a-rosa.de und www.akademie-am-meer.de.

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29.9.2011

Helgoland: Muffin ist der Schlüssel zum Geheimnis

Auf Helgoland lotst der Inselpastor Besucher mit Geocaching zu den schönsten Ecken der Insel. Seine kleine Kirche ist natürlich auch darunter – missioniert aber wird man dabei nicht.

Von Dagmar Gehm

Fremde Menschen greifen ihm an die Kehle, doch Muffin lässt es einfach geschehen. Er knurrt nicht, beißt nicht. Der Terrier vor dem Pfarrhaus rührt sich nicht vom Fleck. Bis wir das Metallplättchen, das neben der Hundemarke am Halsband hängt, entdeckt und gelesen haben: Muffin ist Träger eines Travelbugs, einer »Reisewanze« – so nennt man die Anhänger, mit denen beim Geocache Informationen an die Mitspieler weitergegeben werden. Das Herrchen des Hundes ist Mathias Dittmar, der Inselpastor von Helgoland. »Muffin ist sich seiner wichtigen Aufgabe bewusst«, beteuert er.

Der evangelische Geistliche ist von zwei Leidenschaften beseelt: Theologie und Technik. Die erste erwartet man von ihm, mit der zweiten überrascht er seine kirchliche, aber auch eine weltweite Gemeinde. Vor allem, weil Pastor Dittmar beides geschickt miteinander verzahnt, und sein Hobby als Wegweiser zum Gotteshaus zu nutzen weiß. Geocaching heißt die elektronische Schnitzeljagd, mit der er Besucher bis zur St.Nicolai-Kirche im Oberland lotst – auf Pfaden, gespickt mit Rätseln, die zum Innehalten anregen.

»Ich zeige Ihnen Helgoland mal aus einer neuen Perspektive«, sagt er, drückt uns ein GPS-Gerät in die Hand, und geht los. Wir folgen. Einundzwanzig sogenannte Cache-Strecken, deren Koordinaten man per GPS ermittelt, gibt es auf der nur ein Quadratkilometer großen Insel und dem vorgelagerten Eiland Düne. Es ist eine enorme Dichte, wenn man bedenkt, dass die Verstecke einen Abstand von einhundertfünfzig Metern zueinander haben sollen. Drei Pfade hat der ehemalige Marinepastor seit seiner Benennung 2008 auf Helgoland gelegt. Andere – quasi in ökumenischer Solidarität – stammen von Jörg Kessels von der katholischen Kirchengemeinde. Er trägt den Geocacher-Namen »Jogi-Bär«. Pastor Dittmar nennt sich »Aestiva«.

Er hat seine Pfade Helgoländer Micro-Pilgerpfad, Helgoländer Sommernachtstraum und Stop for getauft. Wir nehmen den Pilgerpfad, er ist registriert unter der Einloggnummer GC1P2EX. Sechshundert Meter ist er lang, der Weg von der Fähre zum Start nicht mitgezählt. Der Pfad ist ein »Multi« mit Aufgaben, die es zu lösen gilt. Die Koordinaten führen uns zur ersten Station, einem Findling an der Westklippe. Nicht immer haben Geocacher das Glück, von demjenigen, der das Versteck gelegt hat, direkt geführt zu werden. Noch seltener handelt es sich dabei um einen Pastor, der auch gleich noch die passende Stelle aus dem Alten Testament vorliest, die von einem Vorgänger in den Stein eingraviert wurde: »Lobet Gott, der Himmel und Erde schuf, Klippe und Meer, so spricht Gott der Herr, Ihr sollt mein Eigentum sein, denn die ganze Erde ist mein.« An der Klippe, zerzaust vom Wind, verfehlen die Worte ihre Wirkung nicht.

Weiter geht‘s, das GPS-Gerät führt uns jetzt vor die St. Nicolai-Kirche. Dort sollen wir die Leute in den Booten zählen. Welche Boote? Ratlos blicken wir uns um, da ist kein Hafen, nur die Grabsteine des Friedhofs, der die Backsteinkirche säumt – von Booten keine Spur. Der Pastor lächelt. Lektion Nummer eins: Beim Geocaching gibt es immer eine zweite Ebene, die es zu entdecken gilt. Und so findet sich die Lösung schließlich auf dem Relief an der Kirchentür: Jesus und seine Jünger in einem Boot in stürmischer See.

Eine Besonderheit birgt der sogenannte Final des Pilgerpfads. Es ist der mobile Travelbug Muffin. Wer die Plakette am Halsband sichtet, darf die darauf eingestanzte Nummer als »discovered« einloggen. »Damit man ihn finden kann, muss Muffin sich möglichst oft draußen aufhalten. Das kommt der ganzen Familie zugute«, sagt Pastor Dittmar. Weil der Terrier so putzig ist, mutierte er zu einem der meistfotografierten Hunde innerhalb der Geocaching-Community.

Vor dem Pfarrhaus treffen wir ein Paar aus Hannover. Sie machen Urlaub auf Helgoland, das Jagdfieber hat auch sie gepackt. Möglichst alle Caches wollen sie knacken. Der Micro-Pilgerpfad ist Nummer 11, mit einem Hund als Travelbug hatten sie nicht gerechnet. Dass auch sein Herrchen mit auftaucht, noch dazu ein Pastor, ist eine weitere Überraschung: Durch Geocaching wird man zu besonderen Orten geführt, lernt aber auch Menschen kennen, denen man normalerweise nicht begegnet wäre. Einfach so hätten sie die Kirche wahrscheinlich nicht besucht. Das sei zwar schön, doch nicht ausschließliches Ziel seiner virtuellen Lehrpfade, sagt Dittmar: »Ich mache Geocaching nicht, um Leute an die Kirche zu binden, sondern bin ein Pastor, der Geocaching macht.« Tatsächlich aber besuchen durch die virtuellen Pfade Menschen die Insel, die sonst gar nicht hergekommen wären – Helgoland hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Hochburg für norddeutsche Geocacher entwickelt – auch wegen Dittmars Engagement.

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Der klassische Anblick von Helgoland. Rechts die »Lange Anna«. F.A.Z.-Foto / Torsten Silz

Power-Cacher jedoch, die möglichst viele Verstecke an einem Tag abhaken wollen und dadurch den Blick für anderes verlieren, verpassen auf Helgoland die schönsten Ecken. Etwa beim »Klippenrand-Quickie«, einem Cache, von dem aus man einen wunderbaren Blick zur Düne genießen kann. Er wurde allerdings nicht von Pastor Dittmar, sondern von der Gartenlaubenkolonie angelegt – deshalb der frivole Name. »Für mich als Pastor ist Geocaching nicht zuletzt deswegen hochinteressant, weil es einen Blick für die Schönheit der Schöpfung schafft«, sagt der Pfarrer. »Wer in der Dämmerung hierherkommt und aufs Meer blickt, der bleibt meistens eine Weile und genießt.«

Auch mit den Konfirmanden geht der Pastor manchmal zum Geocaching. Er vermittelt ihnen damit, wie wichtig es ist, anderen Menschen genau zuzuhören – und zwar nicht nur dem, was sie sagen: »Ich muss die Botschaft des Menschen, der mich zum Versteck führen möchte, erkennen. So entsteht eine Kommunikation. Virtuell zwar, aber doch ganz direkt.«

Seine Schäfchen sind dem Geistlichen, der Seelsorge häufig auf der Gartenbank erteilt, näher als es in vielen Gemeinden auf dem Festland üblich ist. Etwa tausenddreihundert Einwohner zählt Helgoland, 730 von ihnen gehören der evangelisch-lutherischen und 120 der katholischen Gemeinde an. Im Sommer besuchen bis zu 150 Menschen den Gottesdienst von St. Nicolai – Kirchen auf dem Festland können von solchen Zahlen nur träumen.

Unerschrocken ist er, dieser Gottesmann und ehemalige Marinepastor, und das erwartet er auch von der Cachergemeinde. Auf dem zwei Kilometer langen Helgoländer »Sommernachtscache«, führt er uns in gereimten Rätseln über den nächtlichen Friedhof zur Kirche: »Folg dem Licht, und Du wirst sehen, wohin auf Lun die Winde wehen. Dort kräht kein Hahn zur Morgenstunde, nur ein Schiff dreht still die Runde.« In der sternenklaren Nacht fällt es nicht schwer, die Lösung zu finden: Statt des üblichen Hahns steht auf dem Turm der Nicolai-Kirche, die im April 1945 durch einen Bombenangriff zerstört wurde, ein Schiff. Und »Lun« nennen die Insulaner Helgoland.

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Ein ungewöhnlicher Anblick. Helgoland mit Regenbogen. F.A.Z.-Foto / Christian Pohlert

Im Dunkeln laufen wir weiter, das Cache führt uns jetzt zum Schaukasten der Gemeinde – ein wenig Schleichwerbung, was sie sich alles einfallen lässt. Auf den heiligen Nikolaus hat der Pastor winzige Reflektoren geklebt, die aufleuchten, als wir sie mit der Taschenlampe anstrahlen. Die Anzahl der Fische auf dem Hemd des Heiligen ist wiederum ein Hinweis, wie es weitergeht für uns. Einer der Gründe, warum er auf die Kirche aufmerksam machen will, sei die Finanzierung eines neuen Kirchturms, »ein permanenter Hilferuf für ein Denkmal von nationaler Tragweite«, sagt Dittmar. Etwa dreihunderttausend Euro soll er kosten.

Die letzte Station der Sommernachtscaches hat der Pastor in einen der Häfen gelegt. Hier dümpelt sein Boot, die »Aestiva«. Leinen los zum Helgoland-Törn! »Hallo Karkhijar!«, grüßt es von umliegenden Booten: Das ist Hallunder, die Helgoländer Sprache, und bedeutet »Hallo Pastor«. So begrüßt zu werden, sei wie ein Ehrentitel für ihn, sagt der Pfarrer. Bedeute es doch, dass er schon fast mit dazugehöre. Er bedankt sich mit einer Geste, seinem »kleinen Taschensegen«, nimmt dazu eine Hand in die Jeanstasche und schlägt mit dem Daumen der anderen ein Kreuz in der Luft: »Das habe ich als Pastor bei der Marine erfunden. Wenn ich die Leute wie hier im Hafen segnen will, kann ich das schlecht mit einem groß durchgezogenen kirchlichen Segen tun.«

Der seefeste Prediger segelt hoch am Wind. Kreuzpeilung im doppelten Sinne bis auf die andere Seite. Immer kleiner wird das Wahrzeichen Helgolands, der Felsen »Lange Anna«. Auch für die Mitsegler gibt es alle Hände voll zu tun. Weniger Einsatz zeigt nur der dösende Muffin. Als Travelbug hat er sich jedoch bewährt.

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Reisetipps:

Im Internet unter www.geocaching.com findet man auch Informationen zu Helgoland. Wer sich einloggt, erhält die Koordinaten von Pastor Dittmar. Nach seiner demnächst anstehenden Versetzung werden die von ihm gelegten Caches vom katholischen Kollegen Jörn Kessels weiter gepflegt.

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15.9.2011