Cover

Über dieses Buch:

Nina kann es nicht fassen: Sie soll ins Internat – ins Haus Anubis. Als sie dort ankommt, würde sie am liebsten sofort wieder verschwinden. Das Gemäuer ist gruselig, und vor kurzem verschwand eine andere Bewohnerin spurlos. Eine Mutprobe der anderen Kinder führt Nina auf die Spur eines uralten Geheimnisses: Gibt es einen verborgenen Schatz im Haus Anubis? Und ist an diesem seltsamen Ort überhaupt irgendetwas so, wie es scheint?

Die Buchreihe zur Nickelodeon-Erfolgsserie – jetzt als eBook!

In der Serie Das Haus Anubis erscheinen bei jumpbooks auch die folgenden eBooks:
Das Haus Anubis: Das Geheimnis des Grabmals

Das Haus Anubis: Der geheimnisvolle Fluch

Das Haus Anubis: Die Auserwählte

Das Haus Anubis: Das Geheimnis der Winnsbrügge-Westerlings

Das Haus Anubis: Die Träne der Isis

Das Haus Anubis: Pfad der 7 Sünden

Das Haus Anubis im Internet:
www.DasHausAnubis.de

www.DasHausAnubis-DerFilm.de

www.studio100.de

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eBook-Neuausgabe April 2016

Copyright © der Originalausgabe 2009 Studio 100 Media GmbH

Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer und Andrea Kluitmann

Text von Alexandra Penrhyn Lowe, basierend auf den Drehbüchern zur TV-Serie Het Huis Anubis von Hans Bourlon, Gert Verhulst und Anjali Taneja

Copyright © der Neuausgabe 2012 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München

Titelbildabbildung: © 2012 Studio 100 Media GmbH

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-003-9

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Das Haus Anubis

Der Geheime Club der Alten Weide

Das Buch zur TV-Serie

jumpbooks

1
Das Haus Anubis

Nina saß im Taxi und umklammerte die Hand ihrer Oma. Seit Tagen schon hatte sie Bauchschmerzen vor Anspannung, weil sie Abschied nehmen musste. Jetzt war es fast so weit. Sie schaute hinaus, die Bäume zogen wie ein grüner Vorhang am Fenster vorbei.

Könnte diese Taxifahrt bloß ewig dauern, dachte sie düster. Dann bräuchte ich nicht ins Internat. Sie wollte zurück in Omas gemütliches Haus in der Bergstraße, wo sie zwölf Jahre gewohnt hatte. Wo es nach Lavendel roch, und wo ihre Oma sie jeden Abend zudeckte und ihr eine gute Nacht wünschte, wenn sie in ihrem antiken Bett im obersten Zimmer unter der kuscheligen Dachschräge lag. Aber heute Morgen war sie zum letzten Mal dort aufgewacht.

Das Haus war verkauft worden.

Nina seufzte und verbarg ihr betrübtes Gesicht hinter ihrem braunen Pony, der ihr bis über die Augenbrauen hing.

»Es wird dir bestimmt prima gefallen«, sagte Oma und drückte kurz Ninas Hand. »Es ist doch viel netter, mit Leuten in deinem Alter zu wohnen als mit mir alter Schachtel.«

Nina nickte tapfer.

Das Taxi hielt, und der Fahrer wandte sich um. Er tippte an seine Kappe. »Meine Damen, hier sind wir. Das ist das Haus Anubis«, brummelte er unter seinem Schnurrbart. Er warf einen Blick durch die Frontscheibe.

»Hübscher Kasten«, sagte er mit sarkastischem Unterton.

Nina sah neugierig hinaus, aber ihre Sicht wurde von einem schwarzen Transporter behindert, dessen Tür mit einem Knall zugeschoben wurde. Der Wagen startete mit quietschenden Reifen und der Kies spritzte in alle Richtungen.

»Na, der hat’s ja eilig«, knurrte der Fahrer, während er dem Transporter nachschaute, der die Auffahrt hinunterpreschte. Aber Nina hörte es kaum. Sie starrte durch die Autoscheibe auf das große, düstere Haus, das bedrohlich im dunklen Gebüsch lag. Graugrünes Efeu bedeckte eine altmodische Fassade, und an der linken Seite ragte ein spitzes Türmchen über das Dach hinaus. Die vielen Fenster schienen sie anzustarren. Das Haus wirkte unheimlich und mysteriös, als würde es im tiefsten Innern ein Geheimnis bergen.

Das also ist das Haus Anubis, dachte Nina, und es lief ihr kalt über den Rücken. Hier sollte sie wohnen? Ihr Blick wanderte von dem düsteren Gebäude zu ihrer Oma, doch die nickte ihr aufmunternd zu. Der Taxifahrer öffnete hastig Türen und Kofferraum und stellte Ninas Koffer neben das Auto, als wollte er möglichst schnell hier weg.

»Komm, ich winke dir noch zum Abschied.«

Ninas Oma wollte aus dem Taxi steigen, aber Nina hielt sie davon ab.

»Oma, das ist wirklich nicht nötig, ich schaff das schon«, sagte sie und umarmte die alte Frau.

»Ich werde dich vermissen, Liebes«, sagte Oma. »Und wenn was ist, kannst du jederzeit anrufen, ja?« Sie lachte, doch sie kämpfte mit den Tränen.

Nina wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. Sie wollte nicht weinen. Warum konnte sie nicht einfach mit ins Altersheim? Dann bräuchte sie keinen Fuß über die Schwelle dieses scheußlichen Hauses zu setzen. Aber nun ja, das ging natürlich nicht. Sie schluckte und stieg schnell aus dem Auto.

»Ich schaff das schon, wirklich.« Mit Mühe hob sie den Koffer hoch. »Ich rufe dich bald an.«

»Warte!« Ihre Oma nahm etwas aus der Handtasche und reichte es Nina durch das offene Fenster. Es war ein kleiner Talisman. »Wenn du den bei dir trägst, kann dir nichts passieren.«

»Dankeschön, Oma«, sagte Nina gerührt. Sie öffnete die Autotür, küsste ihre Oma auf die weiche Wange und schloss die Tür schnell wieder, während die Tränen hinter ihren Lidern brannten.

»Tschüs, Liebes, halt die Ohren steif!« Ihre Oma winkte aus dem Fenster und der Taxifahrer hupte zum Abschied.

Erst nachdem das Auto die ganze Auffahrt hinuntergefahren und außer Sicht war, wandte sich Nina wieder dem Haus zu.

Sie erschrak. Einen Moment hatte es so ausgesehen, als wäre ein Schatten hinter einem der Fenster weggeschnellt. Sie schüttelte den Kopf, die Fantasie ging mit ihr durch. Vorsichtig stieg sie die Stufen der Freitreppe hinauf. Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Nina drückte sie sachte weiter auf und trat ein. In der Eingangshalle herrschte Totenstille.

»Hallo?« Sie zuckte zusammen, als die Tür laut hinter ihr zuschlug. Der Knall wurde von den Wänden zurückgeworfen. Nachdem er verebbt war, wirkte es noch stiller als zuvor.

»Hallo?«, rief sie wieder, nun etwas lauter. Sie machte ein paar Schritte in die Halle hinein. Sie hatte das Gefühl, ein anderes Jahrhundert betreten zu haben. An einer hohen dunkelroten Wand rechts von ihr hingen die Köpfe ausgestopfter Tiere. Ein Hirsch mit einem Riesengeweih starrte sie mit toten Augen an, daneben hing ein gewaltiges Wildschwein mit bedrohlichen Hauern. Eine alte Holztreppe wand sich ins düstere Obergeschoss.

»Funktioniert die Klingel nicht?«

Nina ließ vor lauter Schreck den Koffer fallen, der mit einem dumpfen Schlag auf den Fliesen landete. Vor ihr stand ein unfreundlich wirkender Mann mit Glatze. Er trug einen blauen verwaschenen Arbeitskittel und blickte Nina aus stechenden grauen Augen starr an. Nina lief ein Schauder über den Rücken.

»Ich ... ich bin Nina«, stammelte sie verwirrt und streckte die Hand aus.

Der Mann ignorierte ihre ausgestreckte Hand. Er sah sich um, als hätte Nina ihn bei etwas Verbotenem ertappt. »Du bist zu früh. Wir legen hier großen Wert auf Pünktlichkeit und Sauberkeit.«

Nina schluckte. »Wer sind Sie?«, fragte sie schüchtern und zog ihre Hand zurück.

»Victor Emanuel Rodemer«, antwortete der Mann eisig mit verkniffenen Lippen. »Ich bin der Verwalter in diesem Internat. Nimm deinen Koffer und komm mit.« Er ging zu den beiden Porträts an der linken Wand. Bei den abgebildeten Herrschaften handele es sich um das Ehepaar Winnsbrügge-Westerling, erzählte er Nina, die letzten Eigentümer vom Haus Anubis, das aus dem Jahr 1900 stamme. Nach ihrem Tod bei einem tragischen Autounfall wurde das Haus von Victors Großvater verwaltet. Danach war es vom Vater auf den Sohn übergegangen.

Nina betrachtete die beiden ernst blickenden Gesichter und fand, dass sie schauerlich echt aussahen. Sie lief hinter Victor her zu einem Foto auf der anderen Seite der Eingangshalle. Bewohner Haus Anubis stand darunter, und acht Gesichter schauten ihr lachend entgegen: ein hübsches blondes Mädchen, ein Junge mit einer großen Brille, ein Mädchen mit feuerrotem Haar ... Aber viel Zeit zum Anschauen blieb ihr nicht, denn Victors Fuß tippte ungeduldig auf den Boden – sie mussten weiter.

Während er ihr das Haus zeigte, widmete sich Victor ausführlich den hunderttausend Regeln, an die sich die Hausbewohner zu halten hatten: um Punkt zehn ins Bett, eine halbe Stunde Internet pro Tag, kein Fernsehen, solange es noch hell war ... Die Liste war ellenlang und die Aufteilung der Arbeitsdienste, die an der Kühlschranktür in der Küche klebte, sah auch ziemlich erschreckend aus, fand Nina, und dabei war Victor noch längst nicht fertig: nicht mit den Füßen auf den Kaffeetisch, immer einen Untersetzer verwenden, alles hinter sich aufräumen, sobald man fertig ist, keine Bücher herumliegen lassen. Die musste man in sein Zimmer mitnehmen ...

Nina fragte sich, wie sie das jemals behalten sollte. In ihrem Kopf drehte sich alles.

Zum Glück konnte sie kurz zu Atem kommen, als eine nett aussehende Frau mit kastanienbraunen Locken das Wohnzimmer betrat. Das war Rosie, sie kochte und wusch für die Bewohner. Rosie hatte spontan die Wäsche beiseite gelegt, Nina freundlich in die Wange gekniffen und sie zum Tee nach Rundführung und Kofferauspacken eingeladen.

Nina mochte Rosie auf Anhieb, aber sie wusste nicht so recht, was sie von dem Haus halten sollte. Ihr graute es vor all den ausgestopften Tieren, die auch sonst überall standen. Das Wohnzimmer wirkte wie aus einer verstaubten englischen Detektivserie. Die dunkelroten Wände hingen voller alter Gemälde und es gab einen offenen Kamin mit altmo-dischem Sims, vor dem braune Ledersofas standen. Die Führung wurde im Eiltempo fortgesetzt, die Treppe hinauf zu Victors Büro zwischen Erdgeschoss und erstem Stock. Die vordere Wand war fast ganz verglast.

Bestimmt, um alle im Auge zu behalten, dachte Nina und betrat das Büro. An den restlichen Wänden standen Holz-regale mit reihenweise Glasbehältern, in denen Tiere – oder nur Teile davon – in Alkohol schwammen. An der Decke hing ein großer weißer Schwan mit gespreizten Flügeln, als wäre er während des Fluges von der Kälte überrascht und steif gefroren aufgehängt worden. Auf dem Schreibtisch hockte ein Rabe.

Nina ging neugierig auf ihn zu und streckte die Hand aus.

»Finger weg«, sagte Victor scharf. »Das ist Corvuz.«

Seine Augen bekamen einen sanften Glanz, als er den Vogel ansah. Nina schaute noch einmal genau hin: Auch Corvuz war ausgestopft. Seine schwarzen Augen starrten sie tot an.

»Die Jungs schlafen unten, die Mädchen oben. Nach zehn müssen alle auf ihren Zimmern sein und es wird nicht mehr hin und hergelaufen, verstanden?«, sagte Victor, während er sein Büro verließ und eine Treppe hinaufging, die zu einem Gang führte. Auf einer der Türen sah Nina ein großes Schild mit dem Text Betreten auf eigene Gefahr und dem Foto eines rothaarigen Mädchens, das angriffslustig einen Baseballschläger schwang.

»Dort schlafen Mara Minkmar und Luzy Schoppa«, sagte Victor. Danach ging er zur nächsten Tür auf dem Gang. »Und hier schläfst du.«

»Und wer schläft da hinten?«, fragte Nina neugierig und zeigte auf die Tür am Ende des Flurs.

»Dort hast du nichts verloren«, sagte er sofort.

»Aber – was ist denn da?«, fragte Nina schüchtern.

»Es ist ausdrücklich verboten, den Dachboden zu betreten. Verstanden?«

Victor sah sie drohend an.

Nina nickte wieder.

»Das ist dein Zimmer«, sagte er, während er die Tür öffnete und Nina bedeutete, hineinzugehen. »Jetzt packst du am besten deinen Koffer aus. Die anderen kommen gleich aus der Schule, dann kannst du die auch ...«

Plötzlich hielt er inne, ging zum Schrank und zog einen Aufkleber ab.

Nina konnte gerade noch sehen, dass Linn daraufstand.

»Wer ist Linn?«, fragte sie.

Victor antwortete nicht, stattdessen nahm er ein Fläschchen und ein Tuch aus seiner Brusttasche. Ein durchdringender Geruch verbreitete sich im Zimmer, als er ein wenig Reinigungsmittel auf das Tuch träufelte und damit die Reste des Aufklebers beseitigte.

»Wer ist Linn?«, fragte Nina wieder. »Hat sie vor mir hier gewohnt?«

»Das geht dich nichts an. Pack lieber deinen Koffer aus.« Victor verließ das Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Nina lauschte den Schritten, die auf dem Boden des Gangs nachhallten. Was war das denn?, dachte sie erschrocken. Wer ist dieser unheimliche Mann?

Sie zog ihr Handy aus der Tasche. Sie musste sofort ihre Oma anrufen, die konnte doch nicht wollen, dass sie mit so einem schaurigen Kerl im selben Haus schlief. Weiß der Himmel, was der nachts so alles trieb!

Nina hielt sich das Telefon ans Ohr, aber sie hörte nichts. Sie schaute auf das Display. Null Striche. Auch das noch, dachte sie. Kein Empfang. Was sollte sie jetzt machen?

Seufzend ließ sie sich auf das nicht bezogene Bett fallen. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so elend gefühlt. Sie wollte überhaupt nicht in diesem Haus sein. Es interessierte sie nicht, ob ihre Oma alt war und meinte, es sei nett, mit Gleichaltrigen zusammenzuwohnen.

Nina zog die Beine hoch und legte die Arme um die Knie. Sie schaute sich im Zimmer um. In ihrem Teil stand nichts, dafür war die andere Seite völlig überfüllt. Über dem Bett ihrer Mitbewohnerin hing ein riesiges rosafarbenes Mückennetz, und auf dem Toilettentisch war die größte Ansammlung von Schminksachen aufgereiht, die Nina je gesehen hatte. Darüber hingen ein paar Fotos.

Nina vergaß einen Moment, wie lausig sie sich fühlte, und ging neugierig zu den Fotos an der Wand. Sie erkannte das ausgesprochen hübsche, blonde Mädchen von dem Foto unten in der Halle. Auf einem der Bilder saß es auf einem Pferd, auf einem anderen lag es tief gebräunt an einem azurblauen Schwimmbad, in der Hand ein Glas mit einem Sonnenschirmchen, und lachte mit strahlend weißen Zähnen in die Kamera. Auf ein paar anderen Fotos war ein gut aussehender Junge mit schwarzen Haaren. Für Nina sah er aus wie ein Fotomodell oder ein Mitglied irgendeiner Boygroup. Delia und Kaya, 1 Jahr stand auf einem Bild. Der gut aussehende Junge war demnach Kaya und er war bestimmt Delias Freund.

So heißt also meine neue Mitbewohnerin, dachte Nina. Sie konnte bloß hoffen, dass diese Delia nett war.

Sie setzte sich wieder auf ihr Bett, öffnete ihren Koffer und schloss ihn beschämt wieder. Verglichen mit Delias Sachen wirkten ihre auf einmal kindisch. Hatte sie wirklich ihre komplette Kuscheltiersammlung einpacken müssen? Sie machte den Koffer wieder auf und versteckte erst ihr Tagebuch sicher unter ihrer Matratze. Dann zog sie ihre Garfield-Pantoffeln aus dem Koffer. Nina spähte zu Delias Bett hin-über. Am Fußende stand ein Paar Pantöffelchen mit hohen Absätzen und roten Federn. Nina seufzte und schob ihre Hausschuhe weit unters Bett.

Zehn Minuten später zuckte sie von einem lauten Knall unten im Haus zusammen. Sie ließ das T-Shirt, das sie gerade in der Hand hielt, in den Koffer zurückfallen und stand auf. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Unten in der Halle ertönte ein wütendes Kreischen, und im nächsten Moment hörte sie eilige Schritte auf der Treppe. Nina schloss schnell die Tür und setzte sich wieder aufs Bett. Am liebsten wäre sie zu ihren Hausschuhen darunter gekrochen, aber dazu blieb keine Zeit mehr, denn drei Sekunden später wurde die Zimmertür aufgerissen. Dort stand das Mädchen von dem Foto. Es trug eine teuer aussehende pinkfarbene Jacke, ein dazu passendes Kleid und eine Sonnenbrille. Sein Gesicht war rußbeschmiert. Als es die Brille abnahm, kamen helle Augenringe zum Vorschein. Die blauen Augen schauten wütend auf die schwarzen Flecken auf seiner Jacke.

»Dieser blöde Felix mit seinen Späßen. Meine Jacke ist völlig ruiniert«, murmelte Delia. Mit beiden Händen versuchte sie erfolglos, den Ruß von der Jacke zu klopfen. Dann erst sah sie auf und entdeckte Nina.

»Hallo«, sagte Nina und versuchte zu lächeln.

Delia schaute sie ein paar Sekunden vollkommen verblüfft an, warf dann ihre Tasche auf den Boden und fing an zu schreien.

»WAS MACHST DU IN MEINEM ZIMMER?«, brüllte sie. Nina wollte gerade erklären, dass sie Delias neue Mitbewohnerin war, doch Delia ließ sie gar nicht zu Wort kommen. Unter dem Ruß wurde ihr Gesicht feuerrot. »Ist das noch so ein toller Streich von Felix?«, fragte sie wütend. »Darauf falle ich jetzt aber nicht mehr rein.«

Nina war verwirrt. »Felix?«, fragte sie. »Welcher Felix?«

»Netter Versuch«, fauchte Delia und stürmte auf Ninas Bett zu. Mit ungestümen Handgriffen warf sie Ninas Sachen zurück in den Koffer. Sie klappte den Koffer zu und zerrte ihn zur Tür.

»Hey, das sind meine Sachen«, sagte Nina, aber Delia hörte nicht zu.

Mit Schwung warf Delia den Koffer in den Flur. Er sprang auf, und Ninas Kleider und Schmusetiere flogen über den Fußboden. Delia marschierte quer durch die Sachen, steckte ihren Kopf ums Eck und brüllte laut in die Eingangshalle hinunter: »Netter Scherz, Felix – denkst du!«

Als Nina kurze Zeit später schüchtern das Wohnzimmer betrat, starrten sieben Augenpaare sie feindselig an.

»Und wer bist du?«, fragte ein Mädchen mit kurzen roten Haaren scharf.

Aber ehe Nina antworten konnte, erschien Victor im Türrahmen und legte ihr eine feuchte Hand auf die Schulter.

»Das ist Nina Martens, Luzy. Sie ist die neue Mitbewohnerin«, sagte er und schaute die anderen eisig an.

»Die neue Mitbewohnerin?«, fragte das rothaarige Mädchen, das anscheinend Luzy hieß, empört. »Und was ist mit Linn?«

»Linn ist weg«, sagte Victor.

Luzy schaute ihn ungläubig an. »Wie meinen Sie, weg? Wohin denn?«

»Das kann ich dir nicht sagen.«

»Aber ... das kann doch nicht sein!«, rief Luzy.

Doch Victor hob die Hand zum Zeichen, dass sie den Mund halten solle. »Linn ist weg, sie kommt nicht mehr wieder – und damit basta. Das ist Nina, sie nimmt Linns Platz ein.«

Nina stand noch immer unsicher im Türrahmen.

Luzy sprang auf. »Lassen Sie mich doch in Ruhe mit Ihrer Nina!«, schrie sie wütend. Ihre Augen blitzten Nina an. »Was willst du hier?!«

»Also wirklich, Luzy, so heißt man doch niemanden willkommen!« Rosie kam mit einer riesigen Teekanne und einer großen Schale Kekse ins Zimmer.

»Wow! Selbst gebackene Schokokekse!«, rief einer der Jungen und stürzte sich sofort auf die Schale. Er stopfte sich einen ganzen Keks in den Mund.

»Felix! Linn ist weg, und du redest von Keksen!«, schrie Luzy und schlug nach seinem dunklen Haarschopf, aber er tauchte schnell weg, zuckte mit den Schultern und grapschte sich den nächsten Keks.

»Denk bloß nicht, du bist hier willkommen«, sagte Luzy wütend zu Nina und verließ hoch erhobenen Hauptes das Wohnzimmer.

Nina fühlte sich so unglücklich wie noch nie. Mit gesenktem Kopf stand sie noch immer im Türrahmen. Ihre Füße schienen am Teppich festzukleben.

»Komm Nina, setz dich gemütlich dazu«, sagte Rosie und klopfte auf den leeren Stuhl neben sich.

Tapfer schluckte Nina die Tränen hinunter und setzte sich. Sie war sich jetzt ganz sicher, dass es keineswegs nett war, mit Gleichaltrigen zusammenzuwohnen, wie ihre Oma gemeint hatte.

Nach dem Abendessen war auch Ninas letzter Hoffnungsschimmer auf ein angenehmes Leben in diesem Haus verflogen. Luzy hatte sie während des gesamten Essens feindselig angestarrt, und Felix hatte ihr Spaghetti ins Gesicht geworfen, worauf die anderen in lautes Gelächter ausgebrochen waren. Ansonsten hatten alle sieben Bewohner sie völlig ignoriert. Keiner hatte sich ihr vorgestellt, und noch nicht einmal ihre Oma hatte sie am Telefon aufmuntern können. Nina war froh, als Victor sagte, es sei zehn Uhr und somit Schlafenszeit.

Sie stand neben ihrem Bett und zog ihren Schlafanzug mit den kleinen Blümchen an. Im anderen Bett hörte sie Delia leise lachen. Beschämt stieg Nina ins Bett und zog die Bettdecke bis zum Kinn.

Die Tür öffnete sich. Ein dunkelhaariges Mädchen in einem leuchtend blauen Pyjama stand im Türrahmen.

»Hey, Delia«, sagte es leise.

Es warf einen flüchtigen Blick auf Nina, beachtete sie aber nicht weiter.

»Mara, pass auf, gleich erwischt dich Victor. Dann kannst du morgen mit deiner Zahnbürste das Klo putzen«, flüsterte Delia.

»Alles in Ordnung bei dir? Du sahst beim Abendessen so fertig aus«, sagte Mara und ließ sich auf Delias Bett fallen.

Delia setzte sich auf und wickelte sich eine Haarsträhne um die Finger. Ihre Nägel waren mit hellrosa Glitzerlack lackiert.

»Hübscher Nagellack«, sagte Mara.

»Ja, was? Kann ich bei dir auch machen«, bot Delia eifrig an, aber Mara schüttelte den Kopf.

»Quatsch, das ist doch nix für mich, aber äh ...« Sie sah Delia fragend an.

»Ach, ich weiß nicht. Kaya benimmt sich so seltsam. Ich frage mich einfach, ob ... Ach, lass nur.« Delia legte sich frustriert wieder hin.

»Wenn du darüber reden willst, weißt du, dass ich da bin, ja?« Mara stand auf. »Ich verzieh mich jetzt besser, bevor Victor seine Runde dreht.«

Sie huschte aus dem Raum und zog die Tür leise hinter sich zu. Delia seufzte, drehte sich um und löschte ohne ein Wort das Licht.

»Gute Nacht«, sagte Nina, aber sie wusste schon im Vor-hinein, dass Delia nicht reagieren würde.

Sie schaute sich um. Der Mond, der durch die Vorhänge schien, warf Schatten auf die Wände. Über ihrem Kopf knackte etwas. Sie dachte an Victor, der jetzt auch irgendwo in diesem Haus war, und schüttelte sich. Sie schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, einfach unter der Dachschräge bei Oma zu liegen, aber wegen der unheimlichen Geräusche im Haus gelang ihr das nicht. Läge Nuck, ihr weißes Kuschelhäschen, doch nur neben ihr, dann würde sie sich in diesem kalten, gruseligen Haus vielleicht ein wenig sicherer fühlen. Aber Nuck lag einsam im Koffer unter ihrem Bett. Nina verbarg den Kopf unter der Bettdecke und fing leise an zu weinen.

Zwei Tage später radelte Nina im fahlen Sonnenlicht zum Seniorenheim. Sie dachte an das Haus Anubis.

Nach dieser ersten durchwachten, schrecklichen Nacht, hatte sich ihr Daniel, einer der Jungen vorgestellt. Nach Daniel war der Rest seinem Beispiel gefolgt, bis auf Luzy, die sie nur wütend angeschaut hatte. Aber immerhin, es war ein Anfang, fand Nina. Daniel kam ihr auf jeden Fall nett vor, und er war furchtbar gut in der Schule. Während des Geschichtsunterrichts hatte er den neuen Lehrer Luka Petkovic sogar in Verlegenheit gebracht, als er ihn bei einer falschen Jahreszahl erwischte. Herr Petkovic sagte, der Kinderkreuzzug sei 1202 gewesen, worauf Daniel sich gemeldet und ohne mit der Wimper zu zucken behauptet hatte, das sei 1212 gewesen. Und er hatte recht! Nina grinste. Herr Petkovic hatte es sportlich genommen. Er war an Fabians Tisch getreten, hatte einen Diener gemacht und gesagt: »Ich respektiere Ihre Überlegenheit, Kreuzritter Daniel.«

Sie lehnte ihr Rad gegen einen Baum neben einem großen grünen Teich, in dem ein paar Enten sich lärmend stritten, und ging auf ein großes weißes Haus zu. Plötzlich entdeckte sie ihre Oma draußen auf einer Bank in der Sonne.

»Oma!«, rief Nina froh. Eine Krankenschwester, die mit einer anderen alten Frau auf der nächsten Bank saß, sah verstört auf.

»Gut siehst du aus!«, sagte Nina etwas leiser und umarmte ihre Oma.

»Aber sicher, Liebes. Es ist hier wie im Hotel: Es gibt jeden Tag Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Und zu jedem Gericht eine andere Pille«, witzelte Oma und schaute Nina schalkhaft an. »Die meisten hier brauchen die aber auch.« Sie nickte in Richtung einer alten Frau, die nah am Teich in ihrem Rollstuhl hing und schlief. Aus ihrem rechten Mundwinkel tropfte ein Speichelfaden.

Nina kicherte.

»So, und jetzt erzähl mir endlich, wie es dir geht, dort in dem neuen Haus!«

Ihre Oma schaute sie prüfend an.

Nina spürte, wie ihre Wangen rot wurden. »Na ja, am Anfang waren die anderen nicht so nett, aber jetzt schon, weißt du«, sagte sie tapfer und erzählte ihrer Oma lieber nicht, dass Delia nur mit ihr sprach, wenn sie jemanden brauchte, um über Kaya klagen zu können. Wie Nina es sich schon gedacht hatte, war er tatsächlich Delias Freund und wohnte auch im Haus. Delia erzählte Nina von ihren Vermutungen, Kaya wäre in den Ferien fremdgegangen, wie grässlich sie es fand, dass fremde Mädchen auf seinen Urlaubsfotos waren und dass es sie auch störte, dass Mara Kaya bei Physik half.

Nina war klar, dass Delia nicht das geringste Interesse an ihr hatte. Geschweige denn Luzy. Sie hörte nicht auf, Nina Linns Verschwinden vorzuwerfen. Einmal hatte sie Nina sogar von einem Stuhl geschubst, weil das Linns Stuhl war. Die anderen ließen sie eigentlich ein wenig links liegen. Nur Daniel sagte ab und zu mal was zu ihr.

Ihre Oma nahm Ninas Hand und schaute sie eindringlich an. »Ganz sicher, Nina? Du schaust ein wenig bedrückt.«

»Nein, ganz bestimmt, alles ist okay.« Nina sprang auf. »Wo ist die Toilette?«

Im Gang legte Nina die Hände an ihre pochenden Schläfen. Sie wollte tapfer sein, weil ihre Oma sich nicht schuldig fühlen sollte, aber sie konnte die Tränen kaum unterdrücken. Sie atmete tief ein und aus und schaute in den langen Gang. Zur Ablenkung sah sie sich die Bilder an den Wänden an. Lauter Häuser: eine weiße Villa hinter großen Eichen und einem knallgrünen Rasen, ein Knusperhäuschen mit einem lila Lavendelfeld, das wahrscheinlich irgendwo in Südfrankreich stand und ...

Nina stieß einen überraschten Schrei aus. Auf einem der Bilder war das Haus Anubis abgebildet. Der Efeu war noch nicht so hoch, aber es gab keinen Zweifel: dieselbe Freitreppe zur Haustür, die vielen Fenster, der Turm an der linken Seite ...

»Das Haus Anubis«, hörte Nina eine krächzende Stimme hinter sich.

Sie drehte sich um. Im Gang stand eine alte Frau in einem bodenlangen weißen Nachthemd. Ihr schlohweißes langes Haar war sorgfältig frisiert und umrahmte ein freundliches, fast weiches Gesicht. Früher musste sie einmal sehr schön gewesen sein.

»Ja, das stimmt«, sagte Nina erstaunt.

»Das Haus Anubis ... gebaut im Jahre 1900. Das ist mein Bild – es ist sehr alt. Sehr alt«, sagte die Frau abwesend. Sie klang, als würde sie sich quer durch Nina hindurch das Gemälde ansehen.

»Interessant, dass es hier hängt«, sagte Nina. Sie fühlte sich ein wenig unsicher. »Ich wohne jetzt nämlich dort.«

Plötzlich kam die alte Frau auf Nina zu. Erschrocken wich Nina zurück. Einen Moment dachte sie, die alte Frau wolle sie angreifen, aber sie blieb dicht vor ihr stehen und schaute sie eindringlich an. »Nimm dich in Acht, mein Mädchen. Dort ist es gefährlich. Es ist ein schwarzes Haus und unter seinem Dach lauert Unheil. Ein dunkles Haus!« Ihre hellen Augen waren nun nicht mehr glasig, sondern funkelten und hielten Ninas Blick gefangen. »Dort wacht ein Vogel. Ein großer schwarzer Vogel. Nimm dich in Acht, Mädchen!«

Die Frau griff nach Ninas Handgelenk.

Nina gruselte sich und versuchte sich loszureißen, aber die knöcherne Hand umklammerte sie wie ein Schraubstock und ließ nicht locker.

»Nina?«

Nina drehte sich um. Im Gang stand ihre Oma. Die Frau ließ sie sofort los und schlurfte murmelnd weg.

Nina lief schnell zu ihrer Oma. »Wer war das?«, fragte Nina. Sie merkte, dass ihre Beine ein wenig zitterten.

»Die?« Ninas Oma legte ihr den Arm um die Schulter. »Keine Ahnung. Einfach eine verwirrte alte Frau, die durch die Flure schleicht. Von denen gibt es hier so viele.«

»Das Bild ... das Haus ... Sie hat mich gewarnt, ich sei in dem Haus in Gefahr«, sagte Nina fassungslos.

Ihre Oma sah sie fragend an und fing dann an zu lachen. »Liebes, hör nicht darauf. Diese Frau weiß nicht mehr, was sie sagt ... Komm, ich habe noch jede Menge Kekse, die wir aufessen müssen. Und danach können wir die Enten füttern.«

Aber Nina war immer noch unruhig. Widerwillig fuhr sie nach dem Abendessen – es hatte Erbsen und Möhren, Kartoffeln und Rinderrolladen gegeben, »echtes Alte-Leute-Essen«, wie ihre Oma meinte – zurück zum Haus Anubis.

Dunkle Wolken trieben am Abendhimmel über das Dach und ließen es total unheimlich aussehen. Sie hatte die Stimme der Frau noch im Ohr: Es ist ein schwarzes Haus … ein dunkles Haus …

Nina betrachtete ihr Handgelenk, konnte jedoch nichts Besonderes daran entdecken.

In der Halle hörte sie Geschrei aus dem Wohnzimmer. Luzys Stimme übertönte alle: »Ich lass mich nicht abwimmeln, Sie müssen mir die Nummer von ihren Eltern geben.«

Victors Stimme antwortete so leise, dass Nina die Ohren spitzen musste, um ihn zu verstehen.

»Das muss ich keineswegs, Luzy«, hörte sie ihn kühl sagen. Anschließend ertönte ein lauter Knall, als würde jemand etwas umstoßen.

Nina ging schnell die Treppe hinauf. Wenn Luzy in so einer Stimmung war, war sie die Letzte, der sie begegnen wollte. Sie schüttelte sich kurz beim Anblick des ausgestopften Raben hinter Victors Bürofenster. Sie hätte schwören können, dass das Tier sie mit seinen schwarzen Augen verfolgte. Schnell ging sie durch den Gang und riss ihre Zimmertür auf.

Delia stand strahlend mitten im Zimmer und hob den rechten Arm in die Höhe.

»Tadaa!!!«, rief sie. »Kuck mal, was Kaya mir geschenkt hat!« Delia zeigte Nina ein Armband mit Muscheln. Sie ließ sich aufs Bett fallen. »Er liebt mich wirklich«, sagte sie schmachtend.

»Wie schön«, entgegnete Nina, aber Delia hörte sie nicht einmal. Sie war ganz in ihr Armband vertieft. Nina zog sich seufzend aus, ignorierte Delias spöttisches Lachen, als sie wieder ihren Pyjama mit den Blümchen überstreifte, und fiel in einen unruhigen Schlaf. Sie träumte von der alten Frau:

Sie stand über sie gebeugt und sah Nina mit ihren hohlen Augen an. »Dort ist es gefährlich. Es ist ein schwarzes Haus, und unter seinem Dach lauert Unheil. Ein dunkles Haus!«

Nina spürte, wie die Hände der Frau ihre Handgelenke umklammerten. Sie versuchte sich zu befreien, aber der Griff der Frau war eisern. Ihr Gesicht kam näher und näher. Ihr Mund sah aus wie eine Riesenhöhle, die Nina verschlucken wollte.

»Nimm dich in Acht vor dem großen schwarzen Vogel«, sagte der Mund. »Nimm dich in Acht vor dem großen schwarzen Vogel.«

Nina wachte mit einem Schrei auf. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Zwei dunkle Schatten standen im Zimmer, und Nina schrie wieder.

»Nimm dich in Acht vor dem großen schwarzen Vogel«, hörte sie den einen Schatten sagen und sie erkannte Luzys Stimme. Jetzt, wo sie genauer hinschaute, sah sie Felix neben ihr. Er warf Nina lachend eine Hand voll Federn ins Gesicht.

»Hört auf damit! Weckt jemand anderes auf!« Delia saß aufrecht im Bett. Ihr Kopf war voller Lockenwickler. Luzy und Felix verließen das Zimmer lachend.

»Nimm dich in Acht vor dem schwarzen Vogel«, flüsterte Luzy noch einmal, bevor sie die Tür hinter sich schloss.

Delia sah Nina an. In ihren Haaren und auf ihrem Kissen waren lauter Federn. Sie weinte.

»Mensch, was für ein gemeiner Streich«, sagte Delia. »Warte, ich helfe dir.«

Sie stieg aus dem Bett und zupfte die Federn aus Ninas Haar. »Geht es wieder?«

»Ja, ich hatte einen Albtraum von einer alten Frau. Ich sollte mich vor einem schwarzen Vogel in Acht nehmen«, sagte Nina zögernd.

Delia sah sie erstaunt an. »Albträume von schwarzen Vögeln und alten Frauen? Ich habe höchstens Albträume, dass ich den Schlussverkauf verpasse!« Sie stopfte die Bettdecke fest um Nina. »So, jetzt schlaf schön weiter ... und nicht mehr von schwarzen Vögeln träumen!«

Luzy ließ Nina einfach nicht in Ruhe. Am nächsten Tag hatte Nina einen Riesenschrecken bekommen, als Luzy absichtlich mit dem Rad gegen ihres gefahren war. »Nimm dich in Acht vor dem schwarzen Vogel«, hatte sie spöttisch gerufen.

Daniel war nett zu ihr gewesen und war den Rest des Weges nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Er hatte ihr den gut gemeinten Rat gegeben, sich nichts daraus zu machen. Das wusste Nina selbst natürlich auch, aber es stimmte einfach nicht, dass Worte nicht wehtaten.

Noch schlimmer aber fand sie, dass die meisten sie völlig links liegen ließen. Auch Daniel hatte sich während der Pause zu der Gruppe an den Tisch gesetzt, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Nina kaute langsam auf ihrem Käsebrot. Mit den Fingern zog sie Linien auf den grünen Resopaltisch und schaute sich um.

Außer ihr schienen alle ihren Spaß zu haben. Überall in der Kantine sah sie kleine Gruppen von Schülern, die mit-einander sprachen oder lachten. Sie war die Einzige, die ganz allein saß. Sie versuchte, an etwas Schönes zu denken, aber ihr fiel nur ein, dass sie am nächsten Tag wieder zu ihrer Oma gehen würde.

Plötzlich stand Luzy vor ihr.

»Wir haben einen Auftrag für dich«, sagte sie. Ihre Augen blitzten gefährlich und ihre feurig roten Haare umrahmten das Gesicht.

»Was meinst du?«, fragte Nina.

Sie sah zu dem Tisch mit den Mitbewohnern, die plötzlich alle sehr interessiert in ihre Richtung schauten. Vielleicht bildete sie es sich auch nur ein, aber nickte Daniel ihr gerade ermutigend zu?

»Du willst doch so gern dazugehören, oder? Dann musst du einen Auftrag erledigen, eine Mutprobe, verstehst du?«

»Ja, und was soll ich tun?« Nina versuchte, nicht nervös zu klingen, trotzdem zitterte ein wenig ihre Stimme.

»Ha! Das sagen wir dir natürlich nicht vorher! Also sag schon, machst du’s? Ja oder nein?« Luzy kniff die Augen zusammen.

Nina zögerte. Sie wollte nur allzu gern akzeptiert werden, aber was, wenn sie als Mutprobe Würmer essen sollte? Oder sich in eine Wanne voller Maden legen? Sie war davon überzeugt, dass Luzy sich mühelos solche Dinge ausdenken konnte.

»Wann soll die Mutprobe denn sein?«, fragte sie nach einer Weile.

Luzy tippte mit dem Zeigefinger gegen Ninas Stirn. »Mensch, du bist vielleicht ein naives Rehlein! Als ob wir dir das sagen würden! Die Mutprobe ist dann, wenn du es am wenigsten erwartest. Du machst es also, ja?«

»Okay«, sagte Nina tapfer.

Sie würde das schon schaffen. Im Moment würde sie alles dafür tun, um dazuzugehören. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so einsam gefühlt.

»Hat die graue Maus etwa doch ein wenig Mumm? Da steht dir aber so einiges bevor!« Luzy lachte gemein und schüttete Ninas Milch über ihr Käsebrot. »Nicht so schlimm, oder? Ist ja alles von der Kuh!«, sagte sie und ging weg.

Nina hielt es für besser, ihrer Oma nichts von der Mutprobe zu erzählen. Sie sah schon so erschöpft aus. Das Neonlicht im Aufenthaltsraum betonte die Ringe unter ihren Augen, und ihre grauen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Normalerweise steckte sie ihre kinnlangen Haare immer sorgfältig zurück.

»Noch ein wenig Kaffee, Frau Martens?«, fragte eine korpulente Krankenschwester mit strohblondem Pferdeschwanz und roten Wangen. Sie hob eine Thermoskanne hoch.

»Nein danke, ich habe noch.« Ninas Oma winkte mit einer kleinen Geste ab. »Das ist das Einzige, was hier nicht so richtig schmeckt«, sagte Oma lachend, während sie angewidert auf die lauwarme braune Brühe in der Porzellantasse vor sich schaute. »Sie machen den Kaffee nie heiß genug, weil sie denken, wir sind allesamt senil und verbrennen uns den Mund.«

»Oma, soll ich dir schnell die Haare machen?«, fragte Nina vorsichtig.

Ihre Oma seufzte und tastete nach ihrem Kopf. »Das sieht schlimm aus, was? Ich habe in den letzten Tagen so steife Hände. Das liegt am Wetter, viel zu feucht. Eine anständige Frisur kriege ich einfach nicht hin.«

Nina stand auf und stellte sich hinter ihre Oma. Sie fuhr mit dem Kamm durch das Haar, das wie eine silberne Gardine durch ihre Hände glitt. »Jetzt brauche ich nur noch deine Haarklämmerchen«, sagte Nina.

»Hol sie doch bitte aus meinem Zimmer. In dem braunen Etui am Waschbecken.«

Im Badezimmer warf Nina einen Blick in den Spiegel.

»Alles wird gut«, sagte ihr Spiegelbild. »Du machst die Mutprobe, dann gehörst du dazu und alles wird viel besser.«

Sie schob das Kinn energisch vor, aber sie fühlte sich viel weniger mutig, als sie im Spiegel aussah. Sie hatte schlimme Geschichten über Mutproben gehört. Es waren schon Leute gestorben, weil sie von einem hohen Gebäude fielen, andere wurden von einem Auto überfahren oder erstickten mit dem Kopf im Schornstein.

Nina streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus, nahm das braune Etui mit und ging schnell in den Flur.

Plötzlich klammerte sich etwas Eiskaltes um ihr Handgelenk

2
Die Mutprobe

Nina schrie auf. Sie ließ das braune Etui fallen. Es klappte auf und die Haarklämmerchen sprangen durch den ganzen Flur. Vor ihr stand die alte Frau. Sie hielt Ninas rechten Arm fest. Nina versuchte sich loszureißen, aber die Frau war erstaunlich stark.

»Du musst mir zuhören«, drängte sie.

»Was wollen Sie von mir?«, fragte Nina ängstlich. Sie schaute sich um, ob ihr jemand helfen konnte, aber der Flur war verlassen.

»Ich habe es in deinen Augen gesehen. Du hast die Kraft. Nimm das hier mit.« Die Frau drückte Nina eine silberne Kette in die Hand, an der ein großes, schweres Medaillon hing.

»Aber was soll ich damit?« Nina verstand gar nichts mehr.

»Sag nichts, hör nur zu! Das Haus Anubis ... oh ... das Haus Anubis ...« Die Frau zog sie zu dem Bild und zeigte mit ihrem knöchernen Zeigefinger auf das dunkle Haus.

»Das Haus mit dem schwarzen Vogel verbirgt etwas ...«

»Was ist dort verborgen?«, fragte Nina.

Die Frau legte einen Finger auf ihre Lippen. »Schscht, die Wände haben Ohren, die Fenster haben Augen. In dem Haus liegt ein Schatz verborgen. Ein sehr kostbarer Schatz. Nur du kannst ihn finden und in Sicherheit bringen!«

»Ein Schatz?« Nina dachte plötzlich, dass die Situation an sich auch etwas Komisches haben könnte, wenn die Frau bloß nicht so gruselig aussähe.

»Aber nimm dich in Acht, denn solange der Schatz von der schwarzen Nacht umgeben ist mit ihren funkelnden Sternen, darf er nicht gesucht werden. Vergiss das nicht!« Die Frau zerrte so fest an Ninas Handgelenk, dass es wehtat. »Vertraue niemandem. Überall lauert Gefahr ... Pass gut auf dich auf!«

Endlich ließ die Frau sie los.

Nina schaute auf das Medaillon in ihrer Hand. »Ich kann das wirklich nicht annehmen«, sagte sie und versuchte, der Frau das Medaillon zurückzugeben.

»Du musst!«, sagte die Frau entschieden und drückte Ninas Hand um das Medaillon.

»Heb es gut auf. Du darfst mit niemandem darüber sprechen, hörst du? Mit niemandem! Sonst nehmen sie es dir ab! Versprich es mir!«

»Ich verspreche es«, sagte Nina mit zitternder Stimme. Das Medaillon lag kalt in ihrer Hand. Sollte sie es nicht doch lieber zurückgeben? Aber die Frau schlurfte schon wieder weg. »Hallo?« Nina streckte die Hand aus. »Ich kann das wirklich nicht ...«

Die Frau drehte sich um. »Glaub an dich! Nur du hast die Kraft!«, sagte sie energisch, aber plötzlich änderte sich ihr Gesichtsausdruck und sie schaute sehr traurig.

»Tu es für mich, ja?«, bat sie leise. Sie drehte sich wieder um und schlurfte weg. Nina bekam einen Kloß im Hals und ließ das Medaillon in ihre Tasche gleiten.

Als sie wenig später auf dem Rad saß, hörte sie noch immer die Stimme der alten Frau in ihrem Kopf: Ich habe es in deinen Augen gesehen. Du hast die Kraft.

Was meinte sie damit nur? Ob in dem Haus wirklich ein Schatz lag? Grübelnd stellte Nina ihr Rad ab und ging die breite Freitreppe zur Haustür hoch. Während sie ihren Schlüssel aus der Tasche zog, berührten ihre Finger das kalte Silber des Medaillons. Einen Moment hielt sie es in der Hand.

Warum hatte die Frau ihr das Medaillon gegeben? Sie würde es sich in ihrem Zimmer erst einmal in Ruhe ansehen.

In Gedanken versunken öffnete sie die Tür und ließ die Schlüssel wieder in ihre Hosentasche gleiten. Während sie die Tür hinter sich schließen wollte, bekam sie einen Schubs von hinten und etwas stülpte sich über ihren Kopf. Nina erschrak.

»Nimm du ihre Arme und Beine!«, hörte sie Luzys Stimme. Sofort wurde sie grob hochgehoben. Nina wehrte sich zunächst, bis ihr klar wurde, dass ihre Mutprobe angefangen hatte. Was würden sie mit ihr anstellen?

»Ab ins Wohnzimmer«, hörte sie Luzy flüstern. Sie hörte auch eine Menge Gekicher, das waren bestimmt Delia und Mara. Sie versuchte ruhig zu atmen, sie wollte vor allem nicht zeigen, dass sie Angst hatte. Aber mit dem Sack über dem Kopf bekam sie wenig Luft, und von dem Hin- und Hergeschaukel wurde ihr schlecht. Plötzlich schoss ein stechender Schmerz durch ihren Kopf.

»Aua!«, schrie Nina, aber ihre Stimme wurde von dem schweren Stoff gedämpft, der nach muffigen Kartoffeln roch. Ihr wurde ein wenig schwindelig.

»Seid aber vorsichtig, ja?«, hörte sie Daniel sagen.

»Sie ist doch nicht aus Zucker!«, sagte Luzy spitz. ‚Das gehört dazu!«

Endlich wurde sie abgesetzt und jemand zog ihr den Sack vom Kopf. Nina blinzelte. Sie befand sich im Wohnzimmer und saß auf einem Holzstuhl. Die anderen saßen ihr am Esstisch gegenüber. Die brennenden Kerzen auf dem Tisch tauchten ihre Gesichter in ein gespenstisches Licht. »Bist du Nina Martens?«, fragte Luzy, die in der Mitte saß. Sie hatte ganz offensichtlich das Sagen.

»Das bin ich«, sagte Nina entschlossen, und sie war froh, dass ihre Stimme normal klang.

»Gibt es jemanden unter uns, der das bestätigen kann?«, fragte Luzy feierlich.

Delia kicherte. »Ja, ich, Delia Seefeld. Das ist Nina Martens.« Sie zeigte über den Tisch hinweg auf Nina.

»Nina Martens, du bist hier, um zu beweisen, dass du mutig genug bist, um im Haus Anubis zu wohnen. Bist du dazu bereit?«

»Ja«, antwortete Nina bestimmt. »Dazu bin ich bereit.«

»Schlüssel«, sagte Luzy zu Felix, während sie die Hand ausstreckte. Er reichte ihr einen Schlüssel.

Allmählich dämmerte Nina, was ihre Aufgabe sein würde, und Luzy bestätigte es: Punkt Mitternacht sollte sie auf den Dachboden gehen. Und als Beweis sollte sie etwas mitbringen. Als Luzy ihre Ausführungen beendet hatte, grinste sie selbstgefällig. Aber Delia war ganz blass geworden. »Auf den Dachboden?«, stotterte sie. »Aber ...«

»Ruhe!«, rief Luzy laut. Sie schwenkte den Schlüssel vor Ninas Gesicht. »Und? Nimmst du diese Herausforderung an?«

Fest entschlossen griff Nina nach dem Schlüssel.

Felix und Magnus fingen an zu johlen. »Es spukt dort, wusstest du das? Buhuuuu!«, sagte Felix, während er sein Gesicht genau über der Kerze hielt.

Daniel unterbrach ihn scharf: »Luzy, kommst du mal einen Moment mit raus?«

Er zerrte sie fast in den Flur und schloss die Tür hinter sich. »Bist du verrückt geworden?«, fragte er besorgt. »Das hatten wir doch nicht abgemacht. Wenn Victor sie erwischt, wirft er sie raus!«

Luzy zuckte mit den Schultern. »Das ist ja wohl ihr Pro-blem. Ich sehe sie lieber von hinten als von vorne! Sie hat Linns Platz gestohlen!«

»Luzy, Nina hat nichts gestohlen! Sie kann nichts dafür, dass Linn verschwunden ist! Damit hat sie nichts zu tun. Das hier ist zu schlimm, du gehst jetzt wirklich zu weit!«, sagte Daniel. Er rieb sich über das Gesicht.

»Einer für alle, alle für einen, Daniel!«, zischte Luzy. »Wir sind doch Freunde.«

Nina schluckte, als sie die Tür zum Dachboden öffnete. Eine Holztreppe verschwand in einem dunklen Loch. Bildete sie es sich nur ein oder bewegte sich da oben etwas?

Ninas Knie waren wachsweich und das Herz schlug ihr bis zum Hals, aber sie wollte sich vor den anderen nichts anmerken lassen.

Unten schlug die Uhr. Eins, zwei, drei ...

»Es ist Zeit«, flüsterte Luzy, als der zwölfte Schlag erklungen war. Sie gab Nina einen Schubs in den Rücken. Nina schaute zu den anderen Bewohnern, die sie gespannt ansahen. Sie waren mucksmäuschenstill. Sogar Felix sagte vor Aufregung keinen Ton.

»Du brauchst das nicht zu machen, Nina«, sagte Daniel. Er lächelte ihr zu, aber Nina drehte sich resolut um und ging die Treppe hinauf.

Die Tür schloss sich knarrend hinter ihrem Rücken.

Sie war allein.

Plötzlich hörte sie eine Menge Gepolter auf der anderen Seite der Tür. Nina presste ein Ohr gegen das Holz, um die Stimmen besser verstehen zu können.

»Da ist Victor! Schnell!«, hörte sie eine Stimme durch die Tür. Sie erschrak und wollte die Tür gerade wieder öffnen, als der Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Sie hatten sie eingeschlossen! Sie traute sich nicht zu rufen. Was, wenn Victor sie hörte?

Ihr Herz klopfte wie wild bis zum Hals. Ganz ruhig bleiben, dachte sie. Ruhig. Das hier ist einfach ein Dachboden. Es ist dunkel, ja. Es ist gruselig, ja. Aber es spukt nicht.

Sie tastete sich an der rauen Wand entlang. Spinnweben blieben an ihren Fingern hängen, und schnell zog sie die Hand zurück. Sie erinnerte sich an den Talisman ihrer Oma, den sie an ihrem Schlüsselbund befestigt hatte, und nahm ihn in die Hand. Damit fühlte sie sich ein wenig besser, aber jetzt hörte sie im Flur schwere Schritte. Victors Schritte!

Sie schaute die Treppe hoch. Notfalls konnte sie schnell hinaufrennen. Bewegte sich dort etwas? Nina zuckte zurück, als eine Maus an ihren Füßen vorbeischoss. Sie schwankte auf der Stufe und konnte sich gerade noch halten, aber sie ließ ihren Schlüsselbund fallen. Mit viel Getöse fiel er zu Boden. Sie hielt den Atem an.

Geh weg, geh weg, dachte sie, so fest sie konnte.

Oje – drehte sich da gerade ein Schlüssel im Schloss?

Jeden Moment erwartete sie Victors Stimme: Habe ich dich erwischt! Aber nichts geschah.

Nach einer halben Ewigkeit verhallten die Schritte im Gang. Nina blieb noch eine Weile stehen, um ihre zitternden Beine unter Kontrolle zu bekommen. Dann setzte sie sich ein paar Stufen höher auf die Treppe.

Was sollte sie jetzt machen? Die anderen hatten sie eingeschlossen, und sie fragte sich, ob sie schnell wieder befreit würde. Sogar wenn sie es wollten, würde es nicht gehen, weil Victor nun auf der Hut war. Sie seufzte und rieb sich fröstelnd die Arme, denn auf dem Dachboden zog es. Ihre Augen hatten sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnt, und durch ein kleines Dachfenster fiel ein wenig Licht in den Raum. Jetzt sah sie auch, warum es so zog: Im Fenster befand sich ein Loch, vor dem ein dickes Spinnennetz sich im Luftzug hin und her bewegte und seltsame Schatten an die Wände warf.

Nina kniff die Augen fest zu, um die Schatten nicht mehr zu sehen, aber das machte alles nur noch schlimmer.

Plötzlich hörte sie neben sich ein leises Piepen und öffnete die Augen wieder. Die Maus saß ganz dicht neben ihr und schaute sie aus intelligenten Knopfaugen an.

Nina lachte. Hatte dieses Tierchen ihr so einen Schrecken eingejagt?

Sie streckte die Hand aus. Das spitze Näschen der Maus schnüffelte. Sie hatte natürlich Hunger. Nina durchsuchte ihre Taschen, aber sie fand nur das silberne Medaillon.

»Das ist wohl zu hart zum Nagen«, sagte sie und erschrak vor dem Klang ihrer eigenen Stimme. Die Maus offensichtlich auch, denn sie huschte weg und kam nicht mehr zum Vorschein.

Nina betrachtete das Medaillon in dem schwachen Licht. Auf der Rückseite ertastete sie eine Gravur. Sie hielt das Medaillon hoch, um besser sehen zu können. Vage erkannte sie ein S und am Ende ein A und ein H.

Mehr konnte sie nicht entziffern, also konzentrierte sie sich auf den Verschluss des Schmuckstücks. Sie brauchte eine Weile, bis das Medaillon aufklappte. Sie sah das Foto eines kleinen Mädchens mit langen Zöpfen. Es war altmodisch gekleidet.

Wer war das? Konnte es die alte Frau sein? Früher, als sie noch hier im Haus wohnte?

Du darfst mit niemandem darüber sprechen, hörst du? Mit niemandem! Sonst nehmen sie es dir ab! Sie hörte die Stimme der alten Frau wieder in ihrem Kopf und schüttelte sich. Wer sollte ihr das Medaillon wegnehmen? Lebende? Tote? Nina schaute ängstlich in die Dunkelheit des Dachbodens. Was ging hier nur vor sich?