STEPHANIE KARRASS
CHRIS TOMAS

NÄCHSTER HALT: STEPPE

10 000 KILOMETER DURCH KASACHSTAN UND CHINA

Erste Auflage 2016

© 2016 DuMont Reiseverlag, Ostfildern

Alle Rechte vorbehalten

Gestaltung: Herburg Weiland, München

Titelfoto: laif, Köln, VU, Claudine Doury

Karte: Stephanie Karraß; Gerald Konopik,

DuMont Reisekartografie

Fotos Innenteil:

Stefanie Karraß: (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>)

Chris Tomas: (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>), (siehe >>)

Kartenskizzen Innenteil: Stephanie Karraß

ISBN 978-3-7701-9996-9

www.dumontreise.de

Anmerkungen

Zum persönlichen Schutz einiger Gesprächspartner wurden deren Namen geändert.

Wechselkurse zum Zeitpunkt der Reise (Juni/Juli 2015): 206 Tenge = 1 Euro (Kasachstan), 6,8 Yuan = 1 Euro (China)

Die Geschichte wird abwechselnd von Chris Tomas und Stephanie Karraß erzählt. Chris wird dabei diese Schrift benutzen und

Stephanie diese.

INHALT

Fast da

Sary Arka – die große Steppe

Astana

Karaghandy

In die Steppe

Zurück in Karaghandy

Balchasch

Südkasachstan

Taraz

Türkistan

Schymkent

Um Almaty

Almaty

Über die Grenze nach China

Xinjiang

Ürümqi

Tian Chi

Turfan

Hami

Gansu

Dunhuang

Jiayuguan

Lanzhou

Labrang

Ostchina

Xi’an

Peking

Fast weg

Danke ...

Karte

Über die Autoren

Fast da

Chris

Unter uns ist alles schwarz.

Längst habe ich das Gefühl für Raum und Zeit verloren. Wie hoch sind wir? Ist es noch weit? Irgendwo dort in der Tiefe muss es sein, das Land. Unser Ziel, das ein Anfang ist. Ich presse mein Gesicht gegen die Scheibe. Doch die Dunkelheit lässt nichts erkennen, sie ist gestaltlos, hat keine Struktur. Keine Falten oder Furchen, die Hügel sein könnten oder Flüsse, seit Stunden nicht. Kein Licht, das ein Ort sein könnte. Nur Schwarz, nichts als Schwarz.

Der Pilot hat vor zehn Minuten den Sinkflug eingeleitet. Wo er dort unten eine Landebahn ausmachen will, ist mir ein Rätsel. Im Flugzeug herrscht rege Betriebsamkeit: Sitze werden hochgeklappt, Decken verstaut, Kopfhörer abgegeben. Vor der Toilette hat sich eine Schlange gebildet.

»Wo wollt ihr hin, nach Kasachstan? Und dann quer durch China? Gibt es dort überhaupt Straßen? Ist das nicht gefährlich, für zwei Frauen allein?« Wann immer wir von unseren Reiseplänen erzählten, blickten wir in verwirrte Gesichter. Zentralasien und der Westen Chinas sind für die meisten ein blinder Fleck auf der Landkarte – ein großes Fragezeichen auf dem sonst so erschlossenen Globus. Nur an Klischees herrscht kein Mangel. In Kasachstan lebt Borat, Chinesen sehen alle gleich aus, die einen essen Pferd, die anderen Hund, in China fällt an jeder Ecke ein Sack Reis um, und kasachische Pferde haben ähnlich viele Goldzähne wie ihre säbelschwingenden Reiter – so in etwa. Ich muss an den Mann in der Wechselstube am Münchner Flughafen denken. »Tenge?«, hatte der nur gelacht. »Also, wir führen hier über hundert Währungen, aber Tenge haben wir nicht.«

»Aber wissen Sie, wo ich die bekommen könnte?«

»Nee! Nirgends! Hahaha, Kasachstan? Da fährt doch keiner hin! Was wollen Sie denn da, etwa Urlaub machen? Hahaha!«

Vielleicht sind unsere Reisepläne wirklich ein wenig verrückt. Wir haben einfach eine Girlande über den Planeten gespannt, das eine Ende in Astana aufgehängt, der Hauptstadt Kasachstans, das andere in Peking. Zehntausend Kilometer liegen dazwischen. Kilometer, die wir nur mit zwei Rucksäcken, Bus und Bahn zurücklegen wollen. Auf einer Route, die ein Strich mit dem Filzstift im Atlas ist. Ich denke an die verheißungsvollen Namen, die ich im Atlas gesehen habe: Siebenstromland, Wüste Mujunkum, Himmelssee. Sie klingen mystisch, fast wie aus einem Märchen. In meiner Vorstellung ist Kasachstan ein Land, in dem man weiter schauen kann als irgendwo sonst auf der Welt. In dem sich die Steppe über Hunderte Kilometer am Horizont verliert. Das in seinem fernen Osten, irgendwo in der Wüste, nahtlos in China übergeht, ein Weltreich voll unentdeckter Schönheiten. Ich möchte sie kennenlernen, diese geheimnisvolle Unbekannte. Die dort draußen im Schwarz auf uns wartet.

Stephanie

Eines Abends saßen Chris und ich in einer Kneipe ums Eck. Wir hatten uns vor acht Jahren auf der Premierenfeier eines befreundeten Kabarettisten kennengelernt und schnell festgestellt, dass wir nicht nur im selben Viertel wohnten, sondern uns auch für dieselben Dinge begeisterten: Fotografie, Kunst und vor allem das Reisen. Inzwischen waren wir schon ein paar Mal zusammen unterwegs gewesen. Chris stellte ihr Weinglas ab und sah mich an: »Kasachstan! Ich würde ja echt gerne mal nach Kasachstan fahren.« Das Erste, was mir dazu einfiel, waren wettergegerbte Nomaden mit komischen Hüten. Das Zweite ein diffuser Bezug zur Sowjetunion. Karawanen und Kommunismus, sonst nichts. Usbekistan fand ich viel faszinierender. Samarkand, Buchara, Ferghana – schon die Namen versprachen Abenteuer und Tausende Geschichten. Aber Kasachstan?

Ein paar Monate später sitze ich aber doch neben Chris im Flugzeug und spiele »Wer ist was?«, um mir die Zeit bis zur Landung zu vertreiben. Eine Frau mit blonden Locken redet in leicht russisch gefärbtem Deutsch auf Kinder und Ehemann ein. Mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, bricht die Vorfreude auf die Ankunft ungezügelter aus ihr heraus. Bestimmt eine Kasachstandeutsche, die zum ersten Mal ihre Familie mit in die frühere Heimat nimmt. Ein bärtiger junger Mann mit Hosenträgern läuft den Gang entlang. Ihm folgt eine Frau, züchtig gekleidet und mit Häubchen auf dem Kopf. Mennoniten? Amis oder Kanadier, unterwegs auf der Mission Ahnenforschung? Dazu kommen Geschäftsreisende aus aller Herren Ländern, kasachische Großfamilien und eine Gruppe russischer Männer, die sich fast klischeemäßig während des Fluges einen antrinken. So ungefähr stelle ich mir mittlerweile auch Kasachstan vor: als Land im Dazwischen. Nicht ganz Europa, nicht ganz Asien. Mit alter Loyalität zu Russland, einer neuen Sympathie für Europa und gemischten Gefühlen gegenüber China. Ein unfreiwilliges Völkergemisch, in dem die kasachische Kultur einen Aufschwung erlebt. Ein junger Staat, der noch nicht geboren war, als ich in meinem Schulatlas die Welt entdeckte.

Irgendwann schlug ich Chris vor, wenn wir schon mal auf halbem Weg sind, gleich weiter bis nach Peking zu fahren. Dort hatte ich vor ein paar Jahren gelebt. Und war durch China gereist: In den Norden, mit Wintern so kalt, dass die Nasenhaare beim Einatmen gefrieren. In den Süden, wo in jedem Tal eine andere Sprache gesprochen wird. Und in die Großstädte des dicht besiedelten Ostens, deren grelle Farben und exzentrische Architektur miteinander wetteifern. Währenddessen hatte ich eine eigentümliche Zuneigung zu diesem Land entwickelt, in dem sich Kommunismus und Kapitalismus, Anarchie und Kontrolle, das Festhalten an Traditionen und rasender Fortschritt unauflösbar ineinander verkrallt haben. Der Westen des Landes ist mir bislang fremd geblieben.

Vor jeder großen Reise breite ich erst mal Karten aus. Zerlege das Unbekannte in kleinere Teile, mache es mir zugänglicher, vielleicht auch etwas weniger fremd. Ein Überbleibsel aus einem Sommerurlaub, als meine Eltern meinen Schwestern und mir »London A–Z« und eine Dreitageskarte für den öffentlichen Nahverkehr in die Hand drückten. Verbunden mit dem Hinweis, dass wir in der Stadt sowieso etwas anderes sehen wollten als sie und wir uns zum Abendessen wieder treffen würden. Über den Stadtplan gebeugt, schauten wir, wo wir hinwollten. Und fuhren kreuz und quer durch London. Damals war ich fünfzehn, Dorothee zwölfeinhalb und Kristina elf Jahre alt. Es waren die besten drei Tage des gesamten Urlaubs.

Auch diesmal schob ich Städte und Gegenden hin und her: »Von Astana und Karaghandy nach Baikonur. Dann über Almaty nach China? Oder warum nicht gleich durch Kirgisistan über den Torugart-Pass nach China? Und dann weiter über den Nordteil der Seidenstraße. Ach Mist, der Grenzübergang ist nur unregelmäßig geöffnet. Ein paar Tage im Niemandsland festzusitzen funktioniert zeitmäßig nicht. Also doch über die kasachisch-chinesische Grenze nach Ürümqi …«

Der Kasachstan-Reiseführer, den Chris mir zum Geburtstag geschenkt hatte, lag zwischen uns auf dem Küchentisch, daneben die Karten, die ich fast schon auswendig kannte.

»Was willst du denn in den beiden Ländern sehen?«, fragte ich, nachdem ich von meinen Überlegungen erzählt hatte.

»Die Steppe natürlich!«, sagte Chris, ohne lange zu überlegen. »Über China habe ich noch nicht nachgedacht, such du einfach was aus.«

Die Namen Turfan, Dunhuang und Labrang spukten seit dem Sinologiestudium in meinem Kopf herum. Vielleicht sollten sie unsere Fixpunkte werden auf dem Weg durch China? Der Rest würde sich unterwegs ergeben. Bislang war es immer so gewesen, dass ich einen vagen Plan hatte, der sich im Verlauf der Reise noch tausend Mal änderte. Warum sollte das dieses Mal anders sein?

Chris

Ich wende meinen Blick von der Fensterscheibe ab und krame auf dem Boden nach meinen Schuhen. Noch vor ein paar Monaten hatte ich mir nicht vorstellen können, dass dieser Tag tatsächlich kommen würde. Wir, im Flugzeug, zwei Monate Reise vor uns. Neben Stephanie postiert sich ein Mann im Gang. Er schnippt eine Münze auf den Boden: ja oder nein? Glück oder Unglück? Verstohlen sehe ich ihm zu. Er hebt sie auf und lächelt. Ein Zurück gibt es jetzt ohnehin nicht mehr.

Ich habe meine Reisen noch nie geplant. Flugtickets kaufen, Rucksack aufschnallen und los – über mehr habe ich mir selten Gedanken gemacht. In den letzten Jahren bin ich quer durch Europa gefahren, nach Nord- und Südamerika, Korea, Neuseeland, Hawaii. Mal ein paar Tage, mal für Monate. Mal mit Freunden, mal allein. Während Stephanie Karten studierte, Bücher verschlang, mögliche Routen durchging, tat ich – gar nichts. Kann man sich auf eine Reise ins Unbekannte vorbereiten? Vielleicht geht das gar nicht.

Reisen ist nicht immer leicht und schön. Nirgendwo kann man sich einsamer fühlen als in der Ferne, wenn das Zuhause ein Rucksack mit ein paar Habseligkeiten ist. Aber die Sehnsucht nach dem Unterwegssein, ohne zu wissen, wohin es führt, was mir begegnet, immer offen zu sein, wach zu sein, da zu sein – die ist immer größer gewesen als alle Bedenken. Wer kann schon wissen, was wir dafür brauchen? Irgendein Gepäckstück wird immer fehlen, ein anderes überflüssig sein. Klar, wir werden auf Hindernisse stoßen. Aber ganz sicher werden es andere als die, die wir uns vorher ausgemalt haben. Oder?

Je näher der Abflugtermin rückte, desto mehr mischte sich auf einmal eine seltsame Angst in meine entspannte Vorfreude. War das alles nicht wahnsinnig naiv? Konnte man Zentralasien überhaupt so bereisen? Ich dachte an die besorgten Gesichter meiner Freunde. Kasachstan, wirklich? Und so lief ich los, besorgte Dinge, von denen ich glaubte, sie könnten wichtig sein: eine neue Regenjacke, Ohrentropfen, Passkopien. Oder vereinbarte Arzttermine. Waren die Zähne in Ordnung? Brauchte ich Impfungen? Hatte ich mit meinen sorglosen Reisen in den letzten Jahren vielleicht nur großes Glück gehabt?

Meine vorgesetzten Redakteure zuckten bloß gleichmütig die Schultern, als ich ihnen meine Pläne unterbreitete. Ich arbeite als freie Journalistin und kann mir meine Urlaubstage selbst einteilen. »Hauptsache, du kommst wieder!«, sagten sie und wünschten mir eine tolle Zeit. »Du machst es richtig«, bewunderten mich die Kollegen. Wir stießen mit Sekt an und ich strahlte. Aber das mulmige Gefühl blieb.

Ich war froh, Stephanie an meiner Seite zu wissen. Im Gegensatz zu mir ist sie zuversichtlich und pragmatisch. Und: Sie spricht fließend Chinesisch. Für die zweite Hälfte unserer Reise wird das eine große Hilfe sein. Kasachisch, eine Turksprache, beherrscht keine von uns. Wir setzten darauf, uns mit ein paar Brocken Russisch durchzuschlagen. Im Norden des Landes ist das immer noch die Hauptverkehrssprache und als Halbkroatin bin ich mit slawischen Sprachen vertraut. Eine Woche klemmte ich mich hinter ein Russisch-Lehrbuch für Anfänger. Zum Glück waren die Unterschiede nicht groß. Ein paar neue Wörter, eine veränderte Aussprache – damit sollte auch die erste Hälfte zu bewältigen sein.

Was uns fehlte, waren Kontakte vor Ort. Stephanie hatte Freunde in Peking, doch auf dem ganzen langen Weg dorthin kannten wir niemanden. Ich hatte auf früheren Reisen gute Erfahrungen mit Couchsurfing gemacht. Weniger zum Übernachten, aber man konnte sich auch zum Essen oder einer gemeinsamen Stadtbesichtigung verabreden. Ob das in Zentralasien so beliebt war wie im Westen? Ich ließ es auf einen Versuch ankommen und staunte: Allein in Kasachstan waren über dreitausend Leute bei Couchsurfing registriert. Eine Woche später hatte ich mehr Angebote, als wir in einem halben Jahr hätten bewältigen können. Englisch sprach praktisch jeder, viele antworteten sogar auf Deutsch.

Den Stapel mit den Adressen und Telefonnummern legte ich ganz oben auf mein Gepäck. Wir würden nicht allein in Zentralasien sein. Wir hatten Anlaufstellen. Und mit diesem Wissen verschwand meine Angst. Fast so plötzlich, wie sie gekommen war.

Stephanie

Während wir dem Flughafen von Astana entgegensinken, bin ich in Gedanken schon bei der Einreise. Hoffentlich geht alles glatt, hoffentlich kommen wir rein. Auch bei den Reisevorbereitungen hatten mir unsere Visa das meiste Kopfzerbrechen bereitet. Jedem, der für irgendeine Art von Medien arbeitet, kann das Touristenvisum für China verwehrt werden. In Kasachstan sollte es ähnlich sein, hatte ich gehört. Wegen unseres Gabelflugs hatten wir außerdem keinen fixen Ausreisetermin aus Kasachstan. Dieses Ausgeliefertsein, die Abhängigkeit vom Wohlwollen eines Beamten und die Ungewissheit, ob alles funktionieren würde, waren für mich nur schwer zu ertragen. Immerhin hatte Xiao Chen, ein Freund aus Peking, uns eine Einladung mit Kopie seines Personalausweises geschickt, was die Erteilung des chinesischen Visums erleichtern sollte. Auf dem Weg zum Chinese Visa Application Service Center ging ich meine und Chris’ Unterlagen noch mal durch. Dabei entdeckte ich, dass Xiao Chens Personalausweis in sechs Tagen ablaufen würde.

»Auch das noch«, dachte ich mir.

Früher hatten in der kleinen überfüllten Visastelle des chinesischen Generalkonsulats in München schlecht gelaunte Beamte hinter drei Schaltern gesessen. In einem Tonfall zwischen gelangweilt und bärbeißig forderten sie Unterlagen, schmetterten Nachfragen ab und manchmal verschwanden sie auch einfach. Es war der siebte Höllenkreis der Bürokratie.

Seit es das Chinese Visa Application Service Center gibt, hat sich alles geändert. Auf dem Teppich in dem großen hellen Raum stehen Zitate deutscher und chinesischer Philosophen über das Reisen und die Völkerfreundschaft. Die Belegschaft scheint eine Schulung in Freundlichkeit bekommen zu haben. Und die Visa kosten doppelt so viel wie früher.

Hinter der Glasscheibe blätterte eine junge Beamtin durch meine Unterlagen. Als sie zur Kopie von Chens Personalausweis kam, hielt ich kurz die Luft an.

»Alles in Ordnung. Hier ist Ihr Abholschein für das Visum.« Dann nahm sie Chris’ Antrag, stutzte und rief einen Kollegen vom Nachbarschalter herüber. Beide flüsterten miteinander, blätterten immer wieder durch die Unterlagen.

»Den Antrag kann ich leider nicht annehmen. Das Foto ist zu alt. Es ist das gleiche wie auf dem Pass. Frau Tomas muss selber noch mal herkommen.« Alles Diskutieren war vergebens.

Die nächsten Tage war ich nervös, überlegte hin und her, was wir machen würden, wenn Chris ihr Visum nicht bekäme. Aber wir brauchten keinen Plan B: Drei Wochen später klebte neben dem chinesischen auch das kasachische Visum in unseren Pässen. Endlich konnte ich mich auf unsere Reise freuen. Darauf, gemeinsam mit Chris das Unbekannte zu entdecken. Auf die Menschen zwischen Astana und Peking, auf ihre Geschichten und Vorstellungen. Reisen ins Unbekannte waren in den letzten Jahren zu kurz gekommen. Aber in ein paar Minuten ist es endlich wieder so weit. Und das bisschen Einreiseformalitäten bringen wir auch noch hinter uns.

Chris

Jede Reise ist ein wenig wie ein Sprung vom Zehnmeterbrett. Ein Teil in einem sagt: Was tust du da? Bist du irre? Aber ein anderer, viel stärkerer Teil sagt: Vielleicht bin ich irre, aber ich kann nicht anders. Ich muss es ausprobieren. Und wenn man schließlich springt, fliegt, fällt, eintaucht, dann gibt es nichts Schöneres auf der Welt.

Ich will kein Zurück. Ich hatte davon geträumt, diese Ecke des Erdballs zu bereisen, seit ich denken kann. Es ist eine tiefe Sehnsucht, die mich hierherzieht, mehr noch als die Lust aufs Reisen an sich. Es ist der Wunsch nach Entgrenzung. Wo immer ich lebte, hatte ich Berge im Rücken. Mein Heimatort liegt an der Schweizer Grenze, im Süden war der Zoll, im Norden der Schwarzwald. Die Welt von damals ging nicht weit. Ich sehne mich nach einer totalen Offenheit, Platz zum Atmen, nach Freiheit. Gibt es sie – in der Steppe, die dort unter uns liegt, vom Dunkel verborgen? Kasachstan ist fünfmal so groß wie Deutschland, doch nur ein Fünftel unserer Einwohner lebt hier. Oder finde ich sie in der Wüste? In China werden wir durch die Gobi fahren. Anderthalb Millionen Quadratkilometer Geröll, das Landschaft gewordene Nichts. Einmal dort zu sein, davon habe ich geträumt, solange ich denken kann. Es ist, so stelle ich mir vor, ein Ort, an dem die Erde sich nicht mehr wie die Erde anfühlt.

Die Flugzeugcrew hat ihre Plätze eingenommen, gleich werden wir landen. Erste orangefarbene Lichter kündigen eine Landebahn an. Herausfordernd sieht es uns an, das Schwarz vor dem Fenster. Ein leeres Blatt Papier, das darauf wartet, von uns beschrieben zu werden. Was werden wir dort unten finden? Die Dunkelheit gibt keine Antwort.

Noch nicht, denke ich. Und lege meinen Sicherheitsgurt an.

SARY ARKA – DIE GROSSE STEPPE

Astana

Chris

»Bauarbeiten!«, schimpft Dana und balanciert über ein Brett, das auf den rutschigen Kies am Straßenrand gelegt ist. »Überall Bauarbeiten! So, hallo erst mal.« Sie begrüßt uns mit Handschlag. Dana ist unser erster Couchsurfing-Kontakt in Astana und heute treffen wir sie, um uns von ihr die Hauptstadt Kasachstans zeigen zu lassen. Die Zweiundfünfzigjährige war die Erste, die ich angeschrieben hatte. Auf ihrem Profilfoto war eine attraktive Frau zu sehen, mit dunklen Locken, kanariengelben Ohrringen, filmreifer Sonnenbrille und in einem so knappen Kleid, dass ich zweimal hinsehen musste, um es nicht für einen Badeanzug zu halten. Lasziv rekelte sie sich vor einer Art römischer Säule. So viel Pose – das konnte ja nur unterhaltsam werden. Eine Antwort war nach drei Minuten gekommen: »Ruft mich an, sobald ihr da seid!«

Jetzt stehen wir gemeinsam am Ufer des Jesil, und Dana sieht aus, wie ich sie mir vorgestellt habe: feurig, sinnlich, weiblich. Sie trägt einen ultrakurzen Jeans-Minirock, bunte Sportschuhe und einen Strohhut mit breiter Krempe. Ihre Fingernägel sind pink lackiert und das Flusswasser spiegelt sich in den Gläsern ihrer Sonnenbrille, als wir uns vorstellen. Der Treffpunkt ist gut gewählt: Der Jesil teilt Astana in zwei Hälften. Gegenüber, auf der rechten Seite, steht das alte Stadtzentrum aus Zeiten, als Astana noch Akmola hieß und ein unbedeutendes Städtchen irgendwo in Zentralkasachstan war. Seit Präsident Nursultan Nasarbajew den Ort 1997 zur neuen Hauptstadt gekürt hat, verblasst dieser alte Kern. Der Putz bröckelt sichtbar von vielen Fassaden. Sowjetische Konkursmasse. Denn auf der linken Flussseite, wo wir stehen, wächst eine zukünftige Weltmetropole heran. Die Arbeit daran ist unübersehbar: Direkt vor uns ragen halbfertige Wolkenkratzer wie eine Armee steinerner Gerippe in den Himmel. Es wird geklopft, gesägt und gehämmert, Betonmischer rotieren, Baukräne lassen ihren Drehkranz kreisen, Zäune werden lackiert, Rasen gesprengt, Blumen herangekarrt. Der Lärm ist ohrenbetäubend. »Als ich nach Astana kam, standen hier drüben gerade einmal zwei Häuser«, sagt Dana. »Inzwischen entsteht praktisch jeden Monat ein neues Gebäude.«

Der Taxifahrer, der uns gestern Nacht vom Flughafen zum Hotel bringen sollte, hatte lange nach der Adresse suchen müssen. »Wo soll das Ding sein? Ulpan heißt es, ja?« Rätselnd hatte er auf seinem Navigationsgerät herumgetippt. »Von dieser Straße habe ich noch nie gehört. Wahrscheinlich auch alles neu, oder?« In zahllosen Runden ging es um die Häuserblocks, unsere Rezeptionistin lotsend am Telefon, über notdürftig geteerte Pisten im Dunkel. Mal ein halb verfallenes, mal ein hochmodernes Gebäude am Rand, an den Hauptstraßen schon glitzernde Fassaden, dahinter noch fast dörfliche Ansiedelungen. Ratlos sahen wir ihm zu. Was hätten wir auch beitragen können? Wir waren ja selbst neu in dieser Stadt. Die ersten vorsichtigen Schritte am Flughafen waren gerade erst eine Stunde her: kasachischer Boden, Schilder mit kyrillischer Schrift, träge Stille in der Empfangshalle, Stempel in den Pass und die Migrationskarte (»Nicht verlieren! Abgeben bei der Ausreise!«).

Insgeheim wundere ich mich jedes Mal über andere Reisende, die ihre Rollkoffer mit so gelangweiltem Gesicht hinter sich herziehen, als täten sie Tag für Tag nichts anderes. Wann immer ich in einem neuen Land ankomme, fühle ich mich etwas wacklig auf den Beinen, so als würde ich über rohe Eier laufen. Alles erscheint merkwürdig fremd und fern. Jetzt nur nicht auffallen, denke ich dann und versuche, ein ähnlich gelangweiltes Gesicht aufzusetzen. Ohne Erfolg natürlich.

Bis der Taxifahrer unser Hotel gefunden hatte, war es schon weit nach eins. Vor einem einstöckigen, unverputzten Bau an einem Schotterweg hatte er uns abgesetzt, in die warme Juninachtluft hinein. Ich fühlte mich noch immer wie ferngesteuert. Die schmale Rezeption, umrahmt von Getränkekühlschränken, unser Zimmer im ersten Stock, vorbei an Sesseln und einem Bügelbrett, zwei Betten auf schweren Orientteppichen unter Rankentapeten, all das nahm ich nur halb wahr. Wir waren da! In Kasachstan! Aber richtig begreifen würde ich das vermutlich erst am nächsten Tag.

Wir schliefen lange. Und schon als ich die Augen aufschlug, freute ich mich auf das Treffen mit Dana. Das ziellose Herumtappen, das sonst so typisch ist für das Ankommen in einem neuen Land, blieb uns dank ihr erspart. Außerdem brannte ich vor Neugier: Wie würde sie sein? Was erwartete uns in dem Land, das gestern noch komplett im Schwarz gelegen hatte?

Um zehn Uhr klopfte die Rezeptionistin vorsichtig an unsere Zimmertür, Rührei und kasha, kasachischen Haferbrei, auf einem Tablett. Ob wir wohl bald aufstehen würden? Wir schlangen das Frühstück herunter, bewaffneten uns mit dicken Wasserflaschen und machten uns auf den Weg zum Jesilufer.

»Gut vorbereitet für unseren kleinen Spaziergang!«, lacht Dana, als sie unsere Flaschen sieht, und zieht ihren Hut tief ins Gesicht. Es ist noch nicht einmal Mittag, doch die Sonne brennt bereits unerbittlich und die wohltuenden Schatten der Hochhäuser werden zusehends kleiner. Vor uns liegt ein schnurgerades, baumloses Asphaltband: die Kabanbai-Batyr-Straße. Sie ist die Hauptschlagader der neuen Hauptstadt. Vom Jesilufer aus erstreckt sie sich mittlerweile über acht Kilometer nach Südwesten, dorthin, wo es vor zwanzig Jahren nichts als weite Steppe gab. »Mal sehen, wie weit wir kommen!« Dana schaltet ihren Schrittzähler ein.

Dana ist, was alle in Astana sind: zugezogen. Ihre Familie hat koreanische Wurzeln, sie selbst wuchs in Usbekistan auf. Vor zehn Jahren, erzählt sie uns, als wir loslaufen, packte sie die Koffer und verließ ihre Heimatstadt Taschkent, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Diesen Traum teilte sie mit Tausenden anderen: In den letzten Jahren sind mehr als eine halbe Million Menschen nach Astana gezogen. Die Einwohnerzahl hat sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt, achthundertfünfunddreißigtausend wurden vor einem Jahr registriert. Zwei Drittel sind ethnische Kasachen, sie kommen aus allen Teilen des Landes. Aber auch Usbeken, Kirgisen oder Aserbaidschaner zieht es hierher. Weil Astana boomt, weil sich hier etwas bewegt.

Im Jahr 1994 beschloss Präsident Nursultan Nasarbajew, dass Kasachstan, die damals noch junge Republik, eine neue Hauptstadt brauche. Almaty, die größte Stadt des Landes, liegt tief im Süden, weit entfernt vom russisch geprägten Norden. Für Kasachstan, das neuntgrößte Land der Erde, sei etwas Zentraleres wichtig, fand er. Etwas, womit sich alle identifizieren konnten. Außerdem gab es dem Präsidenten in Almaty zu viele Erdbeben. Man suchte, und man fand: das Städtchen Akmola, zentral gelegen und allenfalls für sein Kriegsgefangenenlager bekannt. Der Name Akmola bedeutet Weißes Grab. Drei Jahre später wurde das Grab zum Regierungssitz gekürt. Es bekam einen einprägsamen neuen Namen, Astana, das kasachische Wort für Hauptstadt, und dann ging alles schnell: Verträge wurden unterzeichnet, Bauherren angerufen, tonnenweise Material herangekarrt. Es war die Stunde null für das Superprojekt im Nirgendwo.

Noch immer heißt der Flughafen, auf dem wir in der Nacht gelandet waren, Tselinograd, die Neulandstadt. Unter Chruschtschow hatte Akmola diesen Namen bekommen. Statt einer Weltmetropole hatte er hier in den Sechzigerjahren ein neues landwirtschaftliches Zentrum geplant, die »Kornkammer der Sowjetunion«. Heute scheint das aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt. Denn jetzt wächst Astana. Die neue Hauptstadt frisst sich in die Steppe hinein, schafft sich ihren Platz und ihren Anspruch, und das in rasender Geschwindigkeit.

Die Ausmaße des Baubooms werden mir erst klar, als wir mit Dana die Kabanbai-Batyr-Straße entlangmarschieren. Obwohl sie ein gutes Tempo vorlegt, dauert es fast eine halbe Stunde, bis wir nur ein einziges Gebäude passiert haben. Außer uns sind keine Fußgänger zu sehen. Stattdessen donnert der Verkehr auf den sechs Spuren der Stadtautobahn vorüber. Schon jetzt läuft mir der Schweiß in Strömen übers Gesicht. Ob es so eine gute Idee war, die Stadt zu Fuß zu erkunden? Neidisch blicke ich auf Danas Hut.

Dana lebt allein in Astana, sie ist geschieden. Erst betrieb sie hier ein usbekisches Restaurant, erzählt sie uns. Doch mittlerweile hat sie sich als Finanzberaterin selbstständig gemacht. Ihr ältester Sohn ist in Taschkent geblieben, der jüngere studiert in Malaysia. Sie genießt ihr Leben in Kasachstan. »Es ist so viel freier hier«, sagt sie. »In Usbekistan wird von mir erwartet, dass ich ein Kopftuch trage. Und es ist nichts los abends! Kasachstan gefällt mir besser.«

Vor uns türmt sich der nächste Betonkoloss auf. Schon von Weitem zeichnet sich das kathedralenartige Gebäude ab, mit Zinnen, die sich wie Pfeile in den wolkenlosen Himmel bohren. »Der Triumph von Astana«, erklärt Dana mit unverhohlenem Stolz, »so heißt es. Das ist eines der beliebtesten Wohnhäuser der Stadt. Von der neununddreißigsten Etage hat man einen tollen Ausblick! Aber gut«, räumt sie ein, »es sieht halt ein bisschen aus wie in Russland.« Insgeheim gebe ich ihr recht: Der neoklassizistische Bau ist augenscheinlich den Sieben Schwestern in Moskau nachempfunden. Stalin hätte seine Freude gehabt mit der Sowjet-Reinkarnation in der einstigen Teilrepublik. Fast ein wenig unheimlich wirkt der Triumph, als gäbe es keine Wiederkehr für alle, die ihn betreten. Aber warum auch? Was immer man zum Leben braucht, findet man ohnehin unter diesem einen Dach, berichtet uns Dana. Viele Gebäude in Astana sind so konstruiert: Sie bestehen aus einem Komplex von Apartments, Büros, Ladengeschäften, Restaurants und Arztpraxen. Wer sein Haus nicht verlassen will, muss es auch nicht – das ist die kasachische Modernität.

Wieder dauert es fast dreißig Minuten, bis wir das Gebäude hinter uns gelassen haben. Die Mittagshitze lässt unsere Schritte immer schwerer werden. In Astana herrscht ein Klima der Extreme: vierzig Grad plus im Sommer, dreißig Grad minus im Winter. Einfach im Haus zu bleiben erscheint mir unter diesem Gesichtspunkt gar keine so schlechte Option. Wehmütig blicke ich dem Triumph hinterher. Am liebsten würde ich mir meine Wasserflasche einfach über den Kopf schütten. Stephanie geht es nicht anders. Nur Dana ist die Energie in Person. Zehn Jahre in Astana, das scheint zu stählen. »Kommt weiter!«, ruft sie fröhlich.

Langsam nähern wir uns dem Zentrum der neuen Hauptstadt: dem majestätischen Nurzhol-Boulevard. »Das bedeutet Weg des Sonnenstrahls«, sagt Dana. »Die gesamte Flaniermeile wurde nach Fengshui-Regeln angelegt. Gebäude, Grünstreifen, Blumenarrangements, Wasserkaskaden und Promenadenteile bilden Linien, damit positive Energie fließen kann. Das war ein Wunsch unseres Präsidenten.« Gestalten ließ Nasarbajew die Prachtstraße von dem japanischen Stararchitekten Kisho Kurokawa.

Zum ersten Mal überhaupt bei unserem ›Stadtbummel‹ biegen wir links ab – und dann bleibt mir fast die Luft weg. Ein verschwenderisch beleuchteter Springbrunnen eröffnet den Boulevard, um ihn schrauben sich schillernde Wolkenkratzer in Stahlblau und Gold in die Höhe. Der Himmel spiegelt sich in den Fassaden, Werbung flackert über fast lächerlich große LED-Bildschirme. Hinter dem Springbrunnen reihen sich Architektenträume wie an einer Perlenschnur auf, dazwischen eine Promenade, so breit, dass man Bundesligaspiele auf ihr austragen könnte. Waren wir in Las Vegas gelandet?

Während Stephanie und ich noch ungläubig vor der überirdisch anmutenden Komposition stehen bleiben, gibt es bei Dana kein Halten mehr. »Was ihr auf der Seite seht, dieser halbrunde Palast, ist der Sitz unseres größten Öl- und Gaskonzerns, KazMunayGaz. Toll, oder? Es gab ihn schon, als ich hergezogen bin. Damals stand er hier noch komplett allein, um ihn herum war nichts. Und seht ihr das Gebäude dahinter, das aussieht wie ein Zelt? Das ist ein Einkaufszentrum. Es ist ganz berühmt, wurde von Sir Norman Foster gebaut. Er ist Engländer, Norman Foster, oder Holländer? Da drin gibt es sogar einen Strand und eine Achterbahn, wirklich wahr. Geradeaus kommt dann die große Moschee, sie ist aber nicht die größte, weiter hinten, nach dem Präsidentenpalast, steht noch eine viel größere. Sie ist die allergrößte Moschee Kasachstans! Links ist das Transportministerium. Es ist das höchste Gebäude hier. Aber nicht mehr lange, denn seht ihr diese Baustelle dort drüben? Dort entsteht gerade das Abu Dhabi Plaza. Fünfundsiebzig Stockwerke sollen das werden, Wahnsinn! Ich glaube, dann ist es das größte Gebäude in ganz Zentralasien.«

Je weiter wir den Nurzhol-Boulevard hinablaufen, desto surrealer kommt mir all das vor. Auch hier sind kaum Menschen auf der Straße zu sehen. Die Gebäude rechts und links werden immer gewaltiger, doch gleichzeitig erscheinen sie mir hohl, wie blank polierte Oberflächen ohne Leben darin. Kühl und abweisend wirken sie, als seien sie gar nicht für Menschen gedacht. Mir fällt ein Brettspiel aus meiner Kindheit ein. Es hieß »Hotel«. Die Idee des Spiels bestand darin, möglichst viele Grundstücke und zugehörige Baugenehmigungen zu ergattern, um auf ihnen Hotels zu eröffnen. Die Hotels waren aus lackierter Pappe, trugen aber luxuriöse Namen wie President, Royal und Taj Mahal. Je mehr Hotels man baute, desto besser. Ziel war, die Mitspieler durch die hohen Kosten in den Ruin zu treiben. Astana, denke ich, ist eigentlich nichts anderes: Hotel 3.0.

»Wahnsinn«, staune ich. »Guck dir das an. Das ist so absurd! Das ist so irre, dass es schon wieder lustig ist.«

»Ich weiß nicht. Mir gefällt das nicht«, antwortet Stephanie. »Das dient doch alles nur der Machtdemonstration. Diese ganzen Protzbauten, die den Bürgern zeigen sollen, wie klein und unbedeutend sie sind. Ich finde das abstoßend.«

Ich schieße Foto um Foto, doch nicht einmal mit meinem Weitwinkelobjektiv kann ich die gesamte Szenerie erfassen.

Vor uns auf dem Nurzhol-Boulevard erhebt sich jetzt der Aussichtsturm Bajterek. Sein Name bedeutet Baum des Lebens und so sieht er auch aus: eine schlanke Stahlkonstruktion in Form einer Pappel, die sich zum Himmel hin öffnet. In dieser Öffnung liegt eine Kugel wie ein überdimensionales Ei in einem Nest. Der mythische Vogel Samruk soll es hier abgelegt haben, so geht die Legende, das Ei gilt als Symbol für die Geburt der neuen Hauptstadt. Es heißt, Nasarbajew habe den Entwurf für den Bajterek selbst gezeichnet. Auf einer Serviette.

Wahrzeichen der neuen Hauptstadt: der Aussichtsturm Bajterek

Ich kaufe Eintrittskarten für uns alle. Dann gleiten wir mit dem Aufzug geräuschlos ins Innere des heiligen Eis, zu einer Aussichtsplattform auf siebenundneunzig Metern Höhe. »Weil die Stadt 1997 gegründet wurde«, erklärt Dana. Ich nicke nur noch mechanisch. In Astana entsteht ja nichts zufällig. Oben drängen sich nicht wenige Besucher. Die meisten sind offenbar Kasachstaner, wie die Einwohner Kasachstans genannt werden, unabhängig von ihrem ethnischen Hintergrund. Familien mit Kindern blicken hinaus auf die Fassaden aus Stahl und Glas. Dazwischen finden sich Kuppeln und Ornamente, die uns daran erinnern, wo wir sind: in Zentralasien, nicht in den USA.

Hinter den Hochhäusern endet Astana abrupt. Es gibt keine Vororte, keine Übergänge. Wo die Wolkenkratzer aufhören, beginnt die Steppe. Unmittelbar. Von oben gesehen wirkt es, als sei die Stadt in einem Stück vom Himmel gefallen. Astana, am Computer entworfen. Ein Fantasieort. Der Start hier, sagt Dana leise, sei die härteste und beste Zeit ihres Lebens gewesen. Ich sehe sie an, sie wirkt verändert. Nachdenklicher. Gemeinsam schauen wir hinunter. Astana erzählt von Aufbruch und Pioniergeist, von Stärke und Modernität, die Stadt hat sich selbst erfunden, aus dem Nichts heraus, wie ein Phönix aus der Asche. Kann das funktionieren? Das frage ich mich. Was kann ein Zentrum sein in einem Land, das nie ein Zentrum hatte? In einem Land, in dem Nomaden umherzogen, deren Heimat überall war?

Eine Weile stehe ich so da, tief versunken in meine Gedanken. Als ich erwache, ist Dana verschwunden. Suchend blicke ich mich um. Dann entdecke ich sie am Fuß einer Wendeltreppe, die zu einer kleinen Empore führt. »Kommt mal mit«, winkt sie Stephanie und mich zu sich, »hier geht es noch weiter!« Sie lächelt jetzt geheimnisvoll. An der Treppe hat sich eine Schlange gebildet, in die wir uns einreihen. Kinder rangeln, jeder kämpft um den besten Platz. Um, und jetzt sehe ich es auch: um den vergoldeten Handabdruck des Präsidenten anzufassen, der auf einem Sockel thront. »Los«, fordert uns Dana auf, »das bringt Glück!« Ich blicke sie zweifelnd an. Doch es gibt kein Zurück, jetzt heißt es auch für uns: posieren, befühlen, Fotos machen. Die übrigen Besucher strahlen. Kinder werden hochgehalten, um den Abdruck ebenfalls berühren zu können. Noch vor Ort werden die Bilder im Internet gepostet.

Ich staune. Und bin verwirrt. In Deutschland hatte ich so viel gehört über den Diktator Nasarbajew, der seit 1990 mit harter Hand regiert, Wahlen zu seinen Gunsten manipuliert, Gegenstimmen nicht zulässt. Ein Alleinherrscher auf Lebenszeit! Demokratie nur auf dem Papier! Unter ihm, dachte ich, lebte ein ganzes Volk in Angst. Keine Meinungsfreiheit, keine Pressefreiheit! Ich hatte mit Ablehnung gerechnet, mit Frust, vielleicht auch mit Wut auf sein Regime. Doch hier, vor seinem Handabdruck in der Hauptstadt, gibt es nichts als ehrliche Begeisterung. Kein bestelltes Publikum. Keine Menschen, die jubeln, weil sie müssen. Sondern Stolz. Und von allen Dingen war Stolz nun wirklich das Letzte, was ich erwartet hätte.

Für den Rest des Tages will mir dieses Bild nicht aus dem Kopf. Ich denke sogar noch daran, als wir abends gemeinsam im usbekischen Restaurant Kishlak sitzen, zu dem uns Dana geführt hat. Muss man das alles ganz anders begreifen? Der erste Präsident dieser Republik scheint etwas zusammenzuhalten, das nie eine Einheit war. Anerkennend wird von ihm gesprochen, dem großen Staatsmann, dem Landesvater. Er strahlt, trotz aller Kritik, etwas aus, wonach sich das junge Land sehnt. Ist es Ansehen? Respekt? Ich hätte nicht gedacht, dass uns solche Fragen gleich am ersten Tag begegnen würden. Doch in Kasachstan scheint das dazuzugehören. Antworten auf sie zu finden, das wird eine unserer Aufgaben sein. Denn ich habe den Eindruck: Will man das Land auch nur ansatzweise verstehen, führt an Nasarbajew kein Weg vorbei.

Dana bestellt für uns manti, Teigtaschen mit Fleisch und Kürbis, und laghman, lange handgezogene Nudeln in einer würzigen Soße. Gierig stürzen wir uns darauf. Ich kann die Gebäude nicht mehr zählen, die wir noch gesehen haben. Den Präsidentenpalast, das Verteidigungsministerium, das Außenministerium. Die Nationalbibliothek, die aussieht wie ein überdimensionales Frühstücksei. Die neue Oper, Kunstmuseen, Kongresszentren, ein Einkaufszentrum, das Kamel heißt, das diplomatische Dorf. Und natürlich das riesige Gelände für die Expo 2017. In zwei Jahren schon soll die ganze Welt auf Astana blicken. Und Danas Schrittzähler, glaube ich, hat heute einen neuen Rekord verzeichnet.

Die Kellner tragen usbekische Tracht, eine Frau im schwarzen Kleid singt alte Schlager. Dana bewegt leise ihre Lippen dazu. »Ich habe auch noch eine Tochter gehabt«, sagt sie plötzlich. »Sie wollte nach Moskau gehen, aber ich war dagegen. Wir haben uns gestritten. Sie ist trotzdem gegangen. Drei Tage später hat man sie tot aufgefunden. Ermordet.«

Mir fällt fast die Gabel aus der Hand. Auch Stephanie hält mitten in der Bewegung inne. »Was sagst du da? Ermordet? Oh Gott, Dana! Aber was ist denn passiert?«

Dana zuckt die Schultern. »Niemand weiß es. Vielleicht wollte es auch niemand wissen. Ein Täter wurde nie ermittelt.«

»Aber wie kann das sein?«, frage ich fassungslos.

»Ich habe es nicht herausfinden können. Ich bin hingefahren, den ganzen Weg bis nach Moskau, habe herumgefragt. Aber das hat alles nichts gebracht. Ich glaube, es gab nicht mal eine richtige Untersuchung. Sie war eben Usbekin! So etwas interessiert in Russland keinen.«

Wir schweigen betroffen. Die Sängerin schwelgt in einem russischen Schmachtfetzen. Vor uns stehen die Teigtaschen, doch mir ist der Appetit vergangen.

Zwei Jahre, sagt Dana, habe sie gebraucht, um den Tod ihrer Tochter zu verwinden. Ihre Mutter erlitt bei der Nachricht einen Herzinfarkt. Eines der beiden Jahre habe sie sie in Taschkent gepflegt. Um sich von ihrer Trauerzeit zu erholen, fuhr Dana für vier Tage nach Istanbul, mit einer Internetbekanntschaft, einem italienischen Tauchlehrer. »Schaut«, sagt sie und zeigt uns ein Bild auf ihrem Handy, »das ist er. Mein Freund.« Auf dem Foto ist ein junger, braungebrannter Mann zu sehen. Jetzt, sagt sie, blicke sie nach vorn. So wie man in Astana nur nach vorn blicken kann. Sie blättert durch ihr Fotoalbum, zeigt uns weitere Bilder. Die kasachische Staatsbürgerschaft, sagt sie, sei ihr nächstes Ziel. Zurück nach Taschkent zu ziehen, das kann sie sich nicht vorstellen. Ihr Leben ist jetzt hier. Und es muss weitergehen.

Es ist spät, als wir zu unserem Hotel aufbrechen. Zurück an der Kabanbai-Batyr-Straße, verabschieden wir uns von Dana. »Danke«, sage ich, »für diesen ersten Tag. Für alles.«

»Ich hoffe, wir sehen uns mal wieder«, antwortet sie. Einen Moment stehen wir unschlüssig herum, doch dann umarmen wir uns.

»Ich wünsche dir alles Gute«, flüstere ich.

Um uns herum hat Astanas Glitzershow begonnen. Grüne, blaue, pinkfarbene Lichter tanzen über die Fassaden, ich fühle mich in eine Kirmeswelt versetzt, ein plastikbuntes Spektakel auf dem Architektur-Jahrmarkt. Nur die Mücken, die die Nacht in Schwärmen herantreibt, erinnern uns daran, wo wir uns eigentlich befinden – im unendlichen, weiten Grasland. Das, was gestern noch schwarz war. Ich kann nicht fassen, dass wir noch keine vierundzwanzig Stunden hier sind. So viel ist passiert an diesem einen Tag. Und noch zwei ganze Monate liegen vor uns!

Astana, hatte es lange geheißen, könne gar nicht funktionieren. In der Steppe erschienen wie eine Fata Morgana, vorgezeichnet auf einem Reißbrett. Hatte so etwas jemals geklappt? Waren vergleichbare Städte, Brasília und Canberra etwa, nicht leblos geblieben? Künstlich? Kasachstan scheint anders zu ticken. Hier ist die Sehnsucht groß, nach Einheit, nach Identität. Nach einem Neuanfang, für Menschen wie Dana. Und Astana, so wirkt es, bietet genug Platz dafür.