Buchcover

Clara Viebig

Das schlafende Heer

Roman

Saga

Erstes Kapitel

Wie im Backofen die Brote, so bräunten sich jetzt die Landarbeiter in der glühenden, vor Hitze flimmernden Sommerluft. Auf den Hütten der Gutshörigen, die sich hinter den Steinwall duckten, lastete die Sonne. Heiss, unerträglich heiss war’s schon in der Frühe um vier; kein Tau war gefallen, der die Erde erquickt hätte. Dreist spiegelte sich das runde, tiefgelbe Sonnengesicht in den blanken Sensen und leckte mit seiner gierigen Zunge über das flache, schier endlos eintönige Land; über meilenweite Kornfelder, die schwer ihre reifenden Ähren neigten — über dunkelschollige Äcker, in deren fettem Boden, Pflanze an Pflanze gereiht, die Zuckerrübe wächst — über verstreute Herrenhöfe, die sich, durch Baumtrüppchen markiert, aus dem Meer der Felder herausheben — über wenige, dünnen Adern gleichende Strassen, die durchs ewig sich wiederholende staubige Grün der Rüben und staubige Gelb der Weizenfluren ziehen.

Von der Kreisstadt her, deren Strassen, kaum dass man sie verlassen hat, schon verschlungen sind von der Übermacht des Ackers, und deren Dom allein, als einziges Wahrzeichen, noch eine Weile über die Getreidewellen ragt, kam ein Gefährt. Eine kleine Britschka, mehr einem Karren als einem Wagen gleichend, überpackt mit Menschen. Und dahinter, in langsamerer, schwer-ratternder Fahrt, ein Leiterwagen, mit allem möglichen Haus- und Ackergerät belastet.

Der Mann auf dem Vordersitz der Britschka stiess jetzt den Kutscher, der, ihm vor den Füssen hockend, sehr geschickt auf der Deichselstange balancierte, fast hinab, so hastig drehte er sich um. Ihm war, als hätte hinten im Korbwagen jemand aufgeschluchzt. Was, fing die Frau schon jetzt mit Heulen an?!

„Kettchen!“ Er sagte es halb barsch, halb mitleidig, es war etwas Eigenes in dem Ton, der streng sein wollte und doch eine gewisse Bangigkeit in sich trug. Peter Bräuer fühlte selber ein seltsames Kribbeln in den Augen, die ihn schmerzten vom Sonnenbrand.

Zum Donnerwetter, dass auch hier gar kein Schatten war! Warum bepflanzten sie denn nicht die Chaussee mit Bäumen? Chaussee — hoppla, hat sich was mit Chaussee! Au, war das ein Stoss!

Verdriesslich schob Bräuer die Mütze, die ihm vom gewaltigen Ruck über einen Stein ganz auf den Hinterkopf gerutscht war, wieder nach vorn.

„Nennt ihr dat hierzuland en Chaussee? En ganz miserablen Landweg is dat ja“, brummte er und stiess den vor ihm Kauernden mit dem Knie in den Rücken.

Kein Muskel in dem stumpfen Gesicht des Kutschers regte sich. Er hob nur die Peitsche und liess sie mechanisch auf den grau bestaubten breiten Rücken des Braunen niederschwippen:

„Huj, het!“

„Peter“, bat jetzt die Frau in der Britschka, „sag ihm doch, er soll wat ruhiger fahren. Mer is dat gar nit so gewöhnt. Mir tun als so schon alle Knochen weh von dem lange Eisenbahnfahren. Sei so gut, sag et ihm doch!“

„Fahrt langsamer, fahrt langsamer!“

„Huj, huj, het!“ Der Kutscher hieb wie toll auf das sowieso schon unruhige, von Stechfliegen gepeinigte Pferd ein.

„Hört Ihr denn nit? Langsamer!“ schrie Peter Bräuer und fasste ihm über die Schulter in die Zügel. Hinter sich hörte er sein Weib und seine Kinder laut aufkreischen und sein Jüngstes, das der heftige Ruck beim jähen Anziehen des Pferdes aus dem Schlafe geschreckt, jämmerlich weinen. Der Zorn kam ihn an: der Esel mit seinem einfältigen Huihet!

Unsanft packte er den Kutscher an: „He, Polack, habt Ihr denn keine Ohren?“

Der zuckte nur stumm die Achseln und spuckte aus.

Weiter ging es wie bisher, über Steine und durch Löcher.

Die Sonne sengte. Noch war nicht das erste Dorf in Sicht, und zwei Dörfer musste man passieren, bis ganz hinten auf der Fläche, wie winziges Spielzeug unterm riesenweiten Horizont, die Häuschen der Ansiedlung auftauchen würden, mit ihren Zäunen von unbehauenen Fichtenstämmchen, mit ihren Äckerchen rundum, die noch nicht teilhatten an der Fülle des Sommers.

Peter Bräuer schob sich die Mütze auf dem Kopfe hin und her und rutschte unruhig auf seinem Sitz. Hm, was die Frau wohl dazu sagen würde? Ach je! Er war nicht ohne Besorgnis. Und merkwürdig, so weit und unbequem war ihm der Weg von der Bahnstation bis zur Ansiedlung noch nie erschienen! Und er hatte ihn doch schon ein paarmal gemacht in den acht Tagen, die er nun hier war. Das erstemal, als der Herr Gutsverwalter selber ihn von der Kreisstadt abgeholt und ihn hinausgefahren hatte, ihm die schriftlich erstandene Stelle zu weisen, hatte ihn Neugier beseelt, eine schier freudige Erregung; da war es ihm gewesen, als führe ihn der, der ihm so klar alle Vorteile des Ankaufs auseinandersetzte, in ein gelobtes Land. Es schien ihm sicher: mit Fleiss und Arbeit musste es hier gelingen, der Boden würde schon wiederzahlen, was man hineinsteckte an Kraft. Natürlich, das war ja ausser aller Frage!

Peter Bräuer reckte sich in seiner ganzen Stattlichkeit, und dann klopfte er, wie prüfend, seinen gewölbten Brustkasten: hei, er war doch noch ein Tüchtiger, trotz seiner Fünfzig, er nahm’s noch mit jedem von hierzuland, und war der auch zwanzig Jahre jünger, leicht auf!

Kritisch betrachtete er den halb eingeduselten Kutscher: hatte wohl Schnaps gesoffen, Wudka — wie sie den puren Kartoffelfusel nennen —, dass er am hellichten Tage schlief?! Ein verächtliches Lächeln zog des starken Mannes Mundwinkel herab, aber gleich wurde sein Gesicht wieder ernst: ’s war doch keine Kleinigkeit, mit fünfzig Jahren noch einmal von vorn anzufangen, noch dazu im fremden Land!

Was ihn vor acht Tagen, an der Seite seines beredten Führers, freundlich angesehn, dünkte ihn jetzt gewandelt. Blitzte ihn nicht der Himmel, der sich wolkenlos, stahlblau, ehern ob der hartgebrannten Erde spannte, so grimmig an, dass er die Blicke senken musste?

Bah — er rieb sich ungeduldig die Augen — nur nicht zag! Warum denn bange sein? Es hatte ihn ja auch bisher noch kein banger Gedanke beschlichen, auch nicht, als er zum zweitenmal allein dieses Weges gekommen. Da war er sogar die vier Stunden zu Fuss hinausgewandert und hatte sich, obwohl ermüdet, gleich ans Werk gemacht, hatte seine Stelle abgeschritten und sich den passendsten Platz zum Bau des Gehöfts ausgesucht. Ein Brunnen war schon vorhanden; aber dass er sich nicht auch das Haus von der Kommission hatte herstellen lassen, das reute ihn nicht. Nein, eines, akkurat so wie alle andern, so eine viereckige Dose, in die man Käfer sperrt — oder gar Stall und Scheune mit unter einem Dach —, so eines stand ihm denn doch nicht an! Und kein Baum, kein Strauch, kein Garten dabei, nicht einmal eine grüne Bleiche, auf der die Hausfrau das Leinen spreiten konnte, das passte ihm auch nicht! Nein, ein hübsches rheinisches Bauernhaus sollte es werden — ob weiss, ob wasserblau oder rosenrot getüncht, darüber war er sich noch nicht schlüssig —, ein Rebstock musste am Giebel sein, der sich bis zum Dachfensterchen reckte, dass man droben wie aus einem grünen Rahmen schauen konnte, hin zu den Sieben-Bergen jenseits des Stromes.

Ach, die Sieben-Berge — ein weicherer Ausdruck glitt über des Auswanderers hartes Gesicht —, die würde man nun freilich hier nicht zu sehen kriegen! Aber ein Gärtchen wenigstens würde da sein mit einer Laube, um die das Geissblatt am warmen Abend duftete; und Pflaumenbäume würden wachsen und Aprikosen am Spalier, dass die Frau was einzukochen hatte zum Schmierchen für die Kinder.

„Och, sieh ens, Peter! Kein einziger Apfelbaum steht hier im Feld“, sagte die Frau jetzt hinter ihm. Da schreckte er zusammen.

Frau Bräuer stellte sich aufrecht, mit beiden Händen stützte sie sich auf ihres Mannes Schultern, um so einen Halt zu haben im hin und her schleudernden Gefährt. Halb neugierige, halb ängstliche Blicke liess sie über die sonnenflimmernde Ebene schweifen. „Schöne Felder! Jesus, wat en Korn! So’n Felder gibt es bei uns zu Haus doch nit. Sag, wem gehören die?“

Er zuckte die Achseln: „Weiss ich nit!“

„Och Gott!“ — wie in einem plötzlichen Schmerz zog das Weib die Brauen zusammen — „dat weiss mer nit? Och ja, wat is dat doch all so — so — keine Häusches, keine Dörfches — Jesus, wat is dat all so leer!“

„No, dat kannste doch wahrhaftig nit sagen!“ Er versuchte ein heiteres Auflachen. „Sperr doch deine Augen auf! Du hast et ja selber gesagt: haste je so viel Korn auf einem Haufen gesehen? Kuck emal da, hier rechts, den Schlag Weizen! Kotzdonner, mindestens hundert Morgen sind dat — immerfort Weizen, un so schön von Farb! Als ganz dunkelgoldig. Et is en Staat! Hier links hat Roggen gestanden, den haben sie als geschnitten. Kuck einer an, den Staatsklee drunter! Brrr!“

Er fasste wieder über den Kutscher weg nach den Zügeln und war dann mit einem Plumps vom Wagen. Schon trappste er jenseits des tiefen Grabens in die Stoppel. Und jetzt stand er wieder bei seiner Frau und hielt ihr eine Faust hastig ausgerupften Klees unter die Nase.

„En Mass Vierblätter drunter! Und so fett! Wart, wann wir erst so ’ne haben! Dann biste auch vergnügt, gelt, Kettchen?!“

„Ja, och ja!“ Hastig nickte sie, aber sie vermied seinen Blick, der fragend den ihren suchte. Sie hatte ihren Mann nicht ansehen können; Tränen füllten ihre Augen, der strahlende Tag im wolkenlosen Mittagsglanz war ihr verdunkelt. Sie war froh, als Peter sich wieder vorn auf den Sitz schwang.

Und weiter ging die Fahrt, immer weiter durch die Endlosigkeit der reifenden Felder. Da stand Gerste, da Hafer — hoher, reichbesetzter Hafer, wie schwere Tränen hingen die Körner an der sich bleichenden Fahne — aber meist Weizen, Weizen so weit, dass dem Auge das tiefe Gold sich im gläsernen Blau des Himmels zu verlieren schien.

Hier musste bald geschnitten werden! Bräuer hielt prüfend Umschau: Herrgott, was war hier zu schaffen! Unwillkürlich wischte er sich den Schweiss von der Stirn. Es reichten Tausende von Händen nicht zu, all dieses Korn zu schneiden, zu binden, aufzusetzen, zu verladen, heimzuführen in die Scheunen. Und hier gab’s auch riesige Rübenfelder. Wenn deren Ernte auch noch lange ausstand: behackt will die Rübe auch sein, bepflügt und behäufelt.

„Frau, Kettchen“, rief er ganz aufgeregt, „siehste all die Zuckerrüben? Hierzuland kannste billig Zucker in deinen Kaffee tun! Donnerwetter, is da aber en Unkraut zwischen. Da müssten mal so en Stücker hundert Arbeiter ’erein. Hau, is dat noch en Arbeit!“

„Mer sieht ja hier gar kein Leut“, sagte die Frau leise; ihre Stimme klang gepresst. Die Hand über die Augen haltend, spähte sie in die Ferne mit einem unruhig suchenden Blick. Kam die Ansiedlung denn noch nicht?! So weit waren sie nun schon gefahren! Doppelt weit kam ihr diese Wagenfahrt vor; nun sie dem Ziele so nahe, deuchten sie diese letzten paar Stunden schier länger als die ganzen Tage der Eisenbahnfahrt vom fernen Rhein bis in die östliche Provinz.

Wie mochte Pociecha aussehen? Gab’s da Wälder, Berge, einen Fluss? Nein, aber Bäume würden dort sein. Peter hatte gesagt, dass ein Dorf ganz nah sei, ein altes Dorf; es gab da sicher Gärten mit alten, breiten, vielästigen Obstbäumen. Eine wahre Sehnsucht nach Schatten, nach Bäumerauschen ergriff die in Hitze und Seelenunruhe fiebernde Frau.

Wohin führte der Peter sie? So weit in die Fremde! Und wie würden die Kinder sich schicken? Voll zärtlicher Sorge wendete die Mutter ihre Augen auf die Kinder — lauter Blondköpfe waren es, zehn, acht, sieben und zwei Jahre alt — Settchen, Maria, Lena und das kleine Stinchen. Frau Kettchen hielt nicht viel vom Studieren, aber schön schreiben und auch richtig schreiben mussten sie doch lernen und hell singen und brav beten. Ob sie das hier auch alles lernen konnten?!

Der Mutter Blick suchte den Himmel: ach, der sah so verschlossen, so eisern aus wie ein blanker Schild, an dem selbst die Gebete, gestammelt von der Unschuldigen Mund, abprallen! Mit leicht zitternder Hand fuhr sie über einen lieben Kopf nach dem andern.

Schlaftrunken, übermüdet rekelten sich die Kinder. Ihre blonden Häuptchen hingen matt und nickten willenlos hin und her wie schwere Ähren im Wind. Beim nächsten heftigen Rädergerumpel rutschten alle vier vom unbequemen Sitz; da lagen sie zusammen auf einem Häufchen am Boden der Britschka.

Die armen Kinder! Frau Kettchen suchte sie zu ermuntern, aber dann gab sie’s auf: es war das beste, sie schliefen; zu sehen gab’s doch immer nur dieselbe gleiche, eintönige Weite! Ein Gefühl unendlicher Vereinsamung durchschauerte sie plötzlich, fast überlaut stiess sie heraus: „Peter, Peter!“

„Wat denn, Kettchen?“ Er drehte sich rasch nach ihr um, ihre Stimme hatte so verängstigt geklungen. „Is dir wat, Kettchen?“

„Och nix!“ Sie schämte sich. Sie hätte es ihm ja auch gar nicht beschreiben können, wie ihr zumute war, nun sie immer weiter und weiter fortkamen von der Station, wo doch wenigstens die Lokomotive schnaufte und dampfte, die sie der Heimat entführt, die sie aber wieder dorthin bringen konnte, dorthin, wo der Rhein fliesst. War ihr nicht jetzt so, als läge die Welt und alles, was gut und schön und glücklich war, hundert Millionen Meilen weit hinter ihr? Sie schwebte in einem ungeheuren Raum, in dem ihr tastender Fuss keinen Boden, ihre suchende Seele keinen Halt fand.

„Peter, sind wir denn noch nit bald da?!“

„Nur noch en klein Stund!“ tröstete er. „Dat erste Dorf kömmt jetzt gleich. Siehste, da is als Mais!“ Er wies ihr die hohen, tiefgrünen Maisstauden, deren Fruchtkolben noch von weisslichen, löffelförmigen Blättern verhüllt waren, mit deren seidenfädigen Schweifen, die im Sonnenlicht wie silbernes Haar glänzten, aber das heisse Sommerlüftchen winkend wehte.

„Da dervon bauen wir uns auch wat an für die Hühner“, sagte er, „da legen sie gut nach. Un für die Schwein is dat überhaupt ’ne Leckerbissen. Du sollst emal sehen, wat du für Eier nach der Stadt verkaufen kannst!“

„Och“ — ein wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mund — „dat is doch nit wie bei uns zu Haus? Wie soll ich denn hier nach der Stadt kommen? Die is ja viel zu weit!“

Aber gleich darauf machten sie doch miteinander Pläne: wenn sie erst Pferd und Wagen hatten, dann ging das doch! Oder noch besser, wenn erst die Eisenbahn fuhr — in einem oder spätestens zwei Jahren hatte man die ja, schon war die Strecke abgesteckt, Peter hatte es selber gesehen —, dann konnte der Valentin leicht, immer regelmässig zweimal die Woche, nach der Stadt fahren. Wo steckte übrigens der Junge? Bis vor kurzem noch war der Leiterwagen immer in Sicht gewesen, nun war er auf einmal ganz zurückgeblieben.

Besorgt schaute der Vater aus. Aber sosehr er auch spähte, nichts war zu sehen als das Wogen goldenen Korns und das Sonnengeflimmer zwischen Erde und Himmel. Dem Jungen würde doch kein Malheur passiert sein?! Er war an solche Wege nicht gewöhnt und auch nicht an diese Rackers von Pferden. Bräuer machte sich Vorwürfe: hätte er doch lieber in der Stadt einen Kutscher auch für den Leiterwagen gedungen, anstatt auf den Valentin zu hören, der gemeint hatte, fahren könne er noch leicht so gut wie hier einer. Nun war bei der verdammten Rumpelei gewiss eine Speiche gebrochen, oder der Wagen war in einem Loch steckengeblieben, lag vielleicht gar zur Seite in einem tiefen Graben?! ’s war hier keine so glatte Chaussee wie daheim längs des Rheins, auf der die Gäule nur immer so von selber dahintrabten, als machte es auch ihnen ein heilloses Pläsier.

Das konnte eine schöne Bescherung geben! Nun, vorderhand musste man erst noch mal geduldig ein wenig warten!

Auf den Ruf, den der Vater zurückschickte, kam keine Antwort. Die Britschka hielt an. Die Sonne prallte.

„Fahr ein bissken im Schatten“, bat die Frau.

Schatten, wo war der?! Kein Baum, kein Gebüsch, nichts Ragendes in der ganzen Runde.

Doch, halt, dort in der Biegung des Seitenwegs, was war das?!

„Peter, och, kuck da!“ Fast jubelnd streckte die Frau beide Hände aus.

Da stand ein Heiligenhäuschen, frisch getüncht, mitten im goldenen Korn; die Ähren streichelten seine rissigen Mauern. Wie ein Backofen sah sich’s an in seiner rund gewölbten Buckelform; aber wo man sonst die Brote einschiebt, standen hier drei Steinpüppchen in der Nische, nicht mehr erkenntlich, Steinklümpchen gleich, die tausend Jahre im Acker gelegen. Ein Pflüger hatte sie wohl aufgepflügt, und jetzt standen sie am Sonnenlicht in der Nische, und des gläubigen Volkes Hände hatten die Heiligen mit Flittern und Papierrosen, mit welkenden Sträusschen von Mohn und Kornblumen geehrt.

„Och, Peter, kuck, kuck!“ Die Frau strebte vom Wagen, der Mann musste ihr herunterhelfen. Es zog sie allmächtig zu jener Nische — ach, wenigstens etwas war hier so wie daheim!

Auf die Knie sinkend, sich bekreuzend und fromm die Hände hebend zum Himmel, der ihr nun auf einmal doch nicht verschlossen schien, murmelte sie jenes Gebet, das sie daheim vielhundertmal gebetet:

„Gegrüsset seist du, Maria, voll der Gnaden …“

Und die Kinder, aufgeweckt von vertrauten Klängen, falteten auch ihre Händchen und stammelten mit.

Vom polnischen Dorf, vergraben hinter Kornwellen, kam jetzt dünnes Mittagsgeläut. Der Kutscher zog den runden Hut und bekreuzte sich, sich so tief dabei verneigend, als strebe er mit der Stirn zur Erde.

Peter Bräuer stand dabei und guckte ein wenig verdutzt von seiner Frau zum Kutscher und von diesem wieder hin zu jener: Sieh mal einer an, der Polack betete ja auch!

Und plötzlich zog es auch ihn hin zu der kleinen Nische — eine Hand hatte ihn berührt, die reichte vom fernen West bis zum fernen Ost. Rasch neben seine Frau tretend, beugte er das Haupt.

Peitschengeknall und ein heller Pfiff schreckte die gläubig Versunkenen auf. Mit Gerassel und Gepolter kam der Leiterwagen angefahren. Valentin stand aufrecht darin und hieb lustig auf die schnaubenden Gäule.

„He, Vater!“

„Endlich, Jung! Ich kriegt et als mit der Angst!“

Peter Bräuer stiess einen erleichterten Seufzer aus: Gott sei Dank, da war kein Malheur passiert! Die kleinen Schwestern in der Britschka erhoben ein helles Jubelgeschrei, als sie den grossen Bruder sahen.

„No, wat denn?“ Der hübsche Bursche, dem eine noch unvertragene Soldatenmütze verwegen auf dem Krauskopf sass, zeigte lachend seine gesunden Zähne. „Habt ihr als gedacht, ich wär verlorengegangen? Nee — haha — so rasch nit!“

„Nee, aber man is doch hier fremd“, entschuldigte Frau Kettchen und sah ihren grossen Stiefsohn freundlich an. „Ich glaub, der Vater hatt’ als Angst, du hättst Malör gehabt!“

Valentin lachte wieder. „Dat hätt’ ich auch leicht gekonnt. Ich denk an nix, auf einmal machen die Pferd ’ne Satz, dat se mir die Zügel aus der Hand reissen. Rechts aus dem Korn springen der Mädchen Stücker zehn, zwölf — wie ’n Volk Rebhühner — husch — über die Strass in ’t Rübenfeld links. Ich glaub, se hatten ihr Mittagsschläfchen gehalten im hohen Korn. Ich schimpf — sie lachen. Mutter, du glaubst et gar nit, wie die so frech waren! In eins fort gelacht, und sowie ich wat gesagt hab, haben se noch viel mehr gelacht!“ Jetzt schmunzelte der junge Mensch behaglich in sich hinein. „Un dann haben se mir Kusshändches geschmissen un allerlei gerufen, wat ich nit verstehen könnt. ‚Demibuschi‘ un so wat! Weisste, Vater, polnisch müsste mer hier eigentlich doch können!“

„Unsinn, no, auch noch!“ Bräuer konnte sich ordentlich ärgern. „Lass se doch deutsch sprechen! Un nu voran!“

Staubwolken wirbelten, Hunde kläfften; Kinder, die, nur mit einem Hemdchen bekleidet, halbnackt zwischen den Schweinen auf der Strasse herumwuselten, schrien gellend hinter den Wagen drein, die das Dorf passierten.

Frau Kettchen machte grosse Augen: gepflastert war hier nicht! O weh, wenn’s hier regnete, tunkte man ja ein bis über die Knöchel! Unwillkürlich fasste sie nach ihren sauberen Röcken.

Im grossen Pfuhl, den die durstige Sommersonne halb ausgetrocknet hatte, wuschen Weiber ihre Wäsche zwischen dem grünschleimigen Entengries. Überm blanken Hemd nur einen kurzen Kattunrock, aber alle das anliegende Mützchen fest um die Ohren gebunden, schauten sie wenig freundlich den rasselnden Gefährten nach: Aha, wieder neue!

Bräuers Kinder quälten die Eltern mit Fragen: War das ein Dorf? Doch nicht das Dorf, wo sie hinsollten?! Kam das denn noch immer, noch immer nicht?

Aber als die letzte der aus grauem Lehm zusammengepatzten niedrigen Hütten mit ihrem, dem Staub der Strasse ähnelnden, graubraunen Strohdach verschwunden war, schloss ihnen die gleissende Monotonie der Felder bald wieder den Mund.

Frau Kettchens Gemüt, das sich noch eben im Gebet aufgerichtet hatte, wurde wieder niedergedrückt — also das war ein Dorf?! Die Hände im Schoss verschlingend, starrte sie trübe vor sich hin.

Die Stimme ihres Mannes schreckte sie auf. Peter Bräuer rief seinen Sohn an. Ein Zug nahte aus östlicher Richtung. Buntgescheckt, wie aus allerlei Flicken zusammengelappt, schob er sich heran durchs sonnige Gelb.

Frau Kettchen reckte den Hals: Wer waren die Männer im roten Hemd, Sensen auf der Schulter? Woher kamen die Weiber, müde dahinzockelnd, wie Lasttiere beladen mit Sack und Pack? Waren das etwa Zigeuner? Ängstlich sah sie auf ihre Blondköpfe — Zigeuner sollten doch Kinder stehlen — und dann nach ihrem Leiterwagen, der das erste unentbehrlichste Gerät enthielt.

„Wanderarbeiter“, sagte Peter Bräuer und beschattete die Augen mit der Hand, um besser ausschauen zu können. „Die kommen ’rüber von Russisch-Polen. Gott bewahr uns, sind denn noch nit genug Polacken hier?! So’n Gesindel! Aber, ich hab’t gehört, selbst der deutsche Herr in Przyborowo soll ihrer welche zum Schnitt gedungen haben!“

„Och, die Weiber, wat die sich abschleppen!“ Frau Kettchens Stimme klang mitleidig, und als sie ein paar Halbwüchsige sah, die ins Korn liefen, Ähren abrupften und gierig Körner daraus assen, fing sie an, im Körbchen, das ihr zu Füssen stand, zu kramen. „Die sind hungrig, mer könnt ihnen doch wat zu essen geben! Uns’ Kinder sind ja als satt.“

Aber ihr Mann verwies es ihr: „Lass dich mit denen nit ein. Die arbeiten im Akkord, die verdienen genug. Im Winter tun se alles verjuxen!“

Doch sie konnte den Blick nicht wenden.

Näher und näher kam der Trupp, langsamen, aber durch seine Stetigkeit unaufhaltsam fördernden Schrittes. All die stumpfen Gesichter mit den breiten Backenknochen glänzten braunrot vom Sonnenbrand.

Am hölzernen Weiser, der dort, wo der breite Fahrweg sich in noch drei andere fahrbare Strassen verzweigt, seine Kreuzesarme reckt, stiessen die Wanderer zusammen.

Der stumme Kutscher der Britschka hielt an. Der vorderste der Sensenmänner war vor den Wagen getreten; den Hut bis zur Erde ziehend, schien er nach dem Weg zu fragen.

Bräuer wunderte sich: konnte er denn nicht lesen? Da stand’s doch gross und breit, deutlich an jedem Kreuzesarm, wohin!

„Chwaliborczyce“, belehrte der jetzt plötzlich lebhaft gewordene Kutscher, und wies nach rechts — und dann ein wenig nach links: „Niemczyce“ — und dann ganz nach links: „Przyborowo!“

„Przyborowo — Przyborowo!“ Mit einem Aufatmen der Erleichterung wiederholte das die ganze Schar.

Mochten die müde sein! Frau Kettchens blaue Augen musterten die braunen Weiber: ach je, die waren ja alle noch ganz jung, nur eine Alte war dabei.

Die Weiber wiederum musterten sie. Plötzlich trat eine der Braunen, der das rote Kopftuch in einer spitzen Falte über die Stirn vorstand, dicht an die Britschka, haschte nach dem Kleid der darin Aufrechtstehenden und drückte es demütig an die Lippen. Aus dem an den vier Zipfeln zusammengebundenen Leintuch, das ihr schwer auf dem Rücken hing und ihre Schultern vordrückte, guckte neben dem irdenen Zwillingstopf zum Essentragen, neben einer Kesseltülle, einer Hacke und einem Löffelstiel, in ein Bettkissen eingebündelt ein Kinderköpfchen. Allen Strahlen der Sonne preisgegeben, schlief der Säugling, beperlt von Schweiss.

Begehrlich funkelten die Augen der jungen Mutter. Hastig langte Frau Kettchen nach ihrem Körbchen: ach, wie mochte der Armen zumute sein! Und sie teilte aus in die ausgestreckten Hände, denn auch die andern Weiber hatten sich hinzugedrängt. Alle Müdigkeit schien plötzlich von den erschöpften Gestalten gewichen, die bei der Anstrengung des Wanderns zusammengepressten Lippen hatten sich, glückselig lachend, geteilt; Dankesbeteuerungen und Segnungen, von denen die deutsche Frau nichts verstand, rauschten nur so dahin.

Peter Bräuer hatte seine Frau gewähren lassen; ihn interessierten die Männer, diese untersetzten, muskulösen, sehnigen Gestalten. Also so sahen die aus?! Hm! Sahen schon aus, als ob sie arbeiten könnten. Aber in Arbeit nehmen durfte man die drum doch nicht — nur nicht! Es war eine Gefahr, dass die sich hier festsetzten.

Die Herren hatten schon ganz recht, in der Zeitung, die man ihm zugestellt hatte, zu schreiben: ‚Weg mit ihnen, deutsche Arbeiter her! Nur dann wird man deutsches Land haben, und alles‘ — — — —

„No, wat is denn?“ Ein Zetergeschrei hatte Bräuers Betrachtungen gestört.

Die Halbwüchsigen, die sich im Korn verloren hatten, kamen schreiend angerannt: „Poludnica, poludnica!“ Und die Weiber griffen den Schreckensruf auf und gaben sämtlich Fersengeld.

Die Männer blieben zwar stehen, aber auch sie blickten beunruhigt: war da etwa das Mittagsgespenst, die Poludnica, die, wenn die Sonne hoch steht, durchs Korn streicht, um darin herumstreifende Kinder zu fangen?

Gen Niemczyce zu schlug das Korn im heissen Wind Wellen. Wie flutendes Wasser schwappte und wogte der goldene Schwall, und die scheitelrechte Sonne goss noch einen goldenen Strom vom Himmel dazu nieder. Mitten in diesem Meer, im blendenden Mittagszauber der Ähren war plötzlich eine Gestalt aufgetaucht, hell der Hut und das Gewand, hell das Gesicht, und die Flechten wie reifer Weizen.

„Hu, poludnica.“ Noch einmal kreischten die Weiber laut auf.

Selbst die Bräuers waren erschrocken, hatten sie doch niemand kommen gehört noch gesehen. Im wogenden Getreide war jene sacht dahergewandelt gekommen, auf kaum kenntlichen Fusspfädchen. Verdutzt starrten sie in das helle Gesicht.

Aber der Kutscher war blitzschnell von der Deichsel gesprungen; den Hut bis zur Erde reissend, wie vorhin bei dem Heiligen-Häuschen, grüsste er ehrfurchtsvoll, untertänig.

Da zog auch Peter Bräuer den Hut — die schien aber mal eine vornehme Dame!

Ein rascher Blick aus den hellen Augen der blonden Frau streifte ihn, dann nickte sie ihm freundlich zu: „Guten Tag!“

Horch, was war das? War das Musik? Glockenklang aus heimischem Land? Oder kam’s vom Himmel herab?!

Frau Kettchen war auf den Sitz zurückgesunken, ihre Lippen fingen plötzlich an zu zucken; heiss schoss es ihr in die Augen, jähe Tränen der Sehnsucht begannen über ihre Wangen zu rinnen. Aber es waren auch Tränen der Hoffnung. Einen Nebel legten sie wohl vor ihre Augen, doch der Nebel war nicht grau wie die Schleier des Abends, golden durchleuchtete ihn Licht des Morgens, denn mitten in ihm stand eine freundliche Gestalt, die Frau mit blonden Flechten und hellen Augen, und — die sprach deutsch.

„Guten Tag“, schrien die Kinder; es klang jubelnd.

„Guten Tag, gnädige Frau“, rief Valentin keck.

„Guten Tag“, sprach auch bedächtig und respektvoll der alte Bräuer. Und sein Weib stammelte — es konnte nicht laut sprechen vorm heftigen Klopfen des gerührten Herzens — leise nach:

„Guten Tag!“