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Crescendo


Crescendo

Oper des Wahnsinns
1. Auflage

von: Sebastian Noll

4,99 €

Verlag: VSS-Verlag
Format: EPUB
Veröffentl.: 21.06.2018
ISBN/EAN: 9783961271146
Sprache: deutsch

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

Der mit Preisen überhäufte Star-Komponist und Dirigent Johann wacht mit einem dicken Brummschädel im Kassenraum des menschenleeren Opernhauses auf. Noch kann er sich nicht an den gestrigen Tag erinnern, doch als er überall seltsame Hinweise und Nachrichten findet, kehren die Erinnerungen Stück für Stück zurück. Schnell überkommt ihn das Gefühl, dass er doch nicht die einzige Person in dem altehrwürdigen Opernhaus sein könnte …
Ein packender Thriller aus der Welt der klassischen Musik und ihrer Stars.
Der mit Preisen überhäufte Star-Komponist und Dirigent Johann wacht mit einem dicken Brummschädel im Kassenraum des menschenleeren Opernhauses auf. Noch kann er sich nicht an den gestrigen Tag erinnern, doch als er überall seltsame Hinweise und Nachrichten findet, kehren die Erinnerungen Stück für Stück zurück. Schnell überkommt ihn das Gefühl, ...
Benommen und mit einem dicken Brummschädel wachte Johann auf und öffnete seine Augen.
»Ah, mein Schädel«, stöhnte er und hielt sich den schmerzenden Kopf. »Was ist nur passiert?«
Taumelnd richtete er sich auf. Ihm war schwindelig und er fühlte sich noch immer ein wenig benommen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er den Ort, an dem er sich gerade befand, wiedererkannte. Über ihm baumelte eine Hängelampe, dessen energiesparende Glühbirne den kleinen Raum mit unangenehmen Licht füllte. In der Ecke, in der er gerade noch gelegen hatte, standen neben seinem ungewollten Schlafplatz zwei leere Flaschen Grünländer Bier. Johann war sich nicht sicher, ob er getrunken hatte. Normalerweise mied er dieses bayerische Gesöff. Da bevorzugte er lieber einen edleren, trockenen Wein.
Sein Blick fiel auf den Schreibtisch, auf dem einige mit unleserlichen Notizen vollgekritzelte Zettel lagen. Eine Tasse mit einem dünnen Kaffeefilm auf dem Boden und ein vollgekrümelter Teller standen gefährlich nah am Rand des Tisches. Durch das Plastikglasfenster drang etwas Licht in das ansonsten finstere Foyer. Eine kleine Luke, durch die der Kassierer normalerweise Geld und Eintrittskarten mit den Gästen wechselte, war geschlossen. Weiter rechts neben dem Teller stand ein alter Computerbildschirm, dessen Tastatur ausschließlich mit Ziffern bestückt war, und ein Drucker, der etwa die Größe eines Toasters hatte.
Kein Zweifel: Er befand sich im Kassenraum. Es war kein Ort, an dem Johann sich oft aufhielt. Normalerweise stand er auf der anderen Seite der Glasscheibe im Foyer.
Wieso war er nur hier? Und wie spät war es überhaupt? Automatisch griff er mit seiner Hand in die linke Hosentasche, in der er in der Regel sein Smartphone aufbewahrte.
»Wo ist es nur?«, sagte er zu sich selbst, als er mit seiner Hand in die leere Tasche griff. Sein Smartphone war nicht da. Verzweifelt kroch er unter den Schreibtisch in der Hoffnung, es wäre ihm beim Schlafen aus der Tasche gerutscht. Aber außer einer Mausefalle, in der noch immer ein Stück Käse klemmte, war dort nichts. Auch zwischen den ganzen Zetteln fand er es nicht.
Mit brummenden Schädel sank er auf den lehnenlosen Kassenstuhl und versuchte sich zu erinnern. Was war passiert? Wie ist er hierher gekommen? Und wo war sein Smartphone? Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war die Freitagsvorstellung. Er ging zum Abschluss der Vorstellung als Letzter auf die Bühne und bekam dabei den größten Applaus von allen. Noch fünf Minuten, nachdem er die Bühne verlassen hatte, klatschten die Leute weiter. Danach verblasste seine Erinnerung.
Auf die Scheibe starrend entdeckte er durch das verschwommene Spiegelbild eine Uhr an der Wand hinter ihm. Der große Zeiger stand auf der vier und der kleine auf der sechs. Mit einem Ohr lauschte er nach einem Ticken. Da war etwas, ein ganz leises Ticken. Die Uhr war also nicht stehengeblieben, zumindest nicht ganz.
Aus der Dunkelheit schloss er, dass es abends sein musste. Auch dass um diese Uhrzeit das Foyer menschenleer war, konnte nur bedeuten, dass heute Samstag oder Sonntag sein musste. An jedem anderen Tag wäre das Foyer jetzt beleuchtet und voll mit schnatternden Besuchern, die sich auf die nächste Vorstellung freuten.
Johann entschied sich, erst einmal nach Hause zu fahren und sich mit einer Schmerztablette ins Bett zu legen. Sobald er diesen pochenden Kopfschmerz los wäre, würde ihm schon noch einfallen, was passiert war. Blieb nur die Frage, wie er am besten nach Hause kommen würde. Mit dem Brummschädel und vermutlich noch Restalkohol im Blut wollte er nicht ins Auto steigen. Er konnte es sich auch nicht leisten, betrunken erwischt zu werden. Ein Punkt mehr und er wäre seinen Führerschein für die nächsten Monate los. Am liebsten wäre er mit dem Taxi nach Hause gefahren, aber dazu müsste er erst einmal eines bestellen können – keine leichte Aufgabe ohne Smartphone. Also blieb ihm nur der Bus – das Verkehrsmittel, das er am meisten hasste. Verschmierte Sitze, pöbelnde Jugendliche, lange Wartezeiten und unfreundliche Mitfahrer waren Gründe für seine Abneigung gegen öffentliche Verkehrsmittel. Dennoch war es in dieser Situation die richtige Wahl, denn zum Laufen fühlte er sich gerade – verständlicherweise – nicht imstande (zumal die Strecke nach Hause auch relativ weit gewesen wäre).
Seine Hand griff in die rechte Gesäßtasche, um seinen Geldbeutel hervorzuholen. Er wollte prüfen, ob er noch genug Kleingeld für eine Fahrkarte dabei hatte. Geschockt stellte er fest, dass die Gesäßtasche, wo sein Geldbeutel normalerweise eine eckige Ausbuchtung hinterließ, ganz flach war.
»Das kann doch nicht sein«, sagte er und fühlte zur Sicherheit auch an der anderen Seite nach.
Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Smartphone weg; kein Geld; wie sollte er so nach Hause kommen?
»Die Kasse«, dachte er. Er könnte sich einfach etwas Kleingeld für die Fahrkarte aus der Kasse borgen. Morgen würde er es umgehend an Edwina zurückgeben. Zum Glück wusste er, wo Edwina, eine der Kassiererinnen, den Schlüssel für die Kasse aufbewahrte. Vor einigen Jahren, als er schon einmal sein Portemonnaie zu Hause vergessen hatte, zeigte sie ihm den geheimen Ort, damit er sich das Geld aus der Kasse leihen konnte.
Johann stand auf und hob das Polster vom Kassenstuhl wenige Zentimeter an, um dann mit der zweiten Hand darunter greifen zu können.
»Bingo«, rief er laut auf, als er den kleinen, metallenen Schlüssel spürte und ihn anschließend siegessicher hochhielt. Sofort schob er ihn das Schloss an der Kasse, die als Metallkasten unter dem Schreibtisch befestigt war, und drehte den Schlüssel um. Mit einem Klingeln sprang sie auf und Johann fand etwa sechzig Euro darin. Viel war das nicht. Die meisten zahlten mittlerweile bargeldlos oder bestellten die Karten im Internet. Er hatte Glück, dass die Kasse nach der letzten Vorstellung nicht gänzlich geleert worden war, und so nahm er sich etwa fünf Euro in Cent- und Eurostücken heraus. Das, so hoffte er, würde für eine einfache Busfahrt reichen.
Immer noch leicht taumelnd öffnete er die Tür zum Kassenraum und schritt etwas holprig durch das Foyer zum Ausgang, um eine der Eingangstüren aufzudrücken.
»Mist«, fluchte er, als er vergeblich an der geschlossenen Tür rüttelte, und fühlte anschließend mit den Händen die Hemdtaschen ab. Irgendwo musste er doch seinen Schlüsselbund haben … Das konnte doch alles nicht wahr sein! Erst das Smartphone, dann sein Portemonnaie und jetzt auch noch sein Schlüssel. Selbst wenn er es schaffen würde hier herauszukommen, würde er zu Hause vor verschlossenen Tür stehen.
Er taumelte zur nächsten Tür und rüttelte auch dort – wieder nichts. Auch die dritte der drei großen Eingangstüren war verschlossen.
Johann drehte sich um und fing an, im Foyer auf und ab zu laufen. Eigentlich wollte er darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte, aber ihm war kotzübel. Hatte er gestern Abend wirklich so viel getrunken? Er konnte sich einfach nicht erinnern. Es war wie ein schwarzer Fleck, der sich auf die Erinnerungen des gestrigen Abends gelegt hatte und den er einfach nicht wegwischen konnte.
Mit vorsichtigen Schritten, damit er nicht stolperte und umfiel, machte er sich auf den Weg zu den Toiletten. Vielleicht würde er sich nach einer Blasenerleichterung etwas besser fühlen. Doch noch bevor er die Tür zu den Toiletten aufstieß, wusste er, dass die Blase nicht das Einzige war, das erleichtert werden musste. Hastig schlug er eine der Kabinen auf, beugte sich über die Kloschüssel und übergab sich.
Nach einigen Minuten fühlte er sich wieder etwas besser und stellte sich vor eines der Waschbecken. Entsetzt betrachtete Johann sein Spiegelbild. Seine blonden Haare waren ganz strubbelig, fast so, als hätte ein Vogel versucht, ein Nest auf seinem Kopf anzulegen. Das Gesicht war blass. Unter seiner Nase klebte etwas vertrocknetes Blut, und an seinem Hals erkannte er einen langen Kratzer. An seinem sonst glattrasierten Kinn und um seinen Mund standen etliche kratzige Bartstoppeln hervor.
Dann wanderte sein Blick weiter nach unten. Er trug immer noch den Frack von der gestrigen Vorstellung, der allerdings von Staub und Flusen bedeckt war, und der bei seinen Zuschauern so sicherlich nicht mehr gut angekommen wäre. Auf dem weißen Hemd waren rötliche Flecken zu sehen und seine Fliege war offen und hing lieblos an seinem Hals herab.
Er sah fürchterlich aus. Nicht wie sonst, wenn er eine Vorstellung hatte. Normalerweise waren seine Haare glatt gestriegelt und etwas zur Seite gekämmt. Er legte sehr viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres und achtete genau darauf, dass seine Kleidung stets sauber und im besten Zustand war. Etwas anderes würde sein Publikum auch nicht von ihm erwarten.
Er öffnete den Wasserhahn, hielt die Hände unter das kalt fließende Wasser und spülte es sich ins Gesicht.

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