kane1_titel.png


Karl Edward Wagner

Bloodstone (1975)

Die deutsche Erstausgabe erschien 1980 in der Reihe »Bastei-Lübbe Fantasy« [20023].

Die damals unter dem Pseudonym »Martin Eisele« publizierte Übersetzung wurde für die vorliegende Neuausgabe grundlegend überarbeitet und ergänzt.

© 2002 by the Estate of Karl Edward Wagner

Published by Arrangement with KARL EDWARD WAGNER LITERARY GROUP

vermittelt durch die Agentur Thomas Schlück in Garbsen

Titelbild © 2014 by Tom Edwards

© dieser Ausgabe 2014 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Simone Heller

Redaktion: Hannes Riffel

Korrektorat: Kassandra Sperl

Titelbild: Tom Edwards [www.tomedwards.berta.me]

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36 | 12683 Berlin

golkonda@gmx.de | www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-91-2 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-942396-94-3 (E-Book)


Titel

Impressum

Prolog

1. Kapitel – Tod im Feuerschein

2. Kapitel – Der Turm am Abgrund der Zeit

3. Kapitel – Staatskunst in Selonari

4. Kapitel – Ein Fremder bringt Geschenke

5. Kapitel – Das Land der Fäulnis

6. Kapitel – Wer alte Götter weckt ...

7. Kapitel – Ein Priester kommt nach Breimen

8. Kapitel – Tod im Nebel

9. Kapitel – Die Kriegsadler sammeln sich

10. Kapitel – Ein Fremder kehrt zurück

11. Kapitel – Gewitterwolken des Krieges

12. Kapitel – Siegesbeute

13. Kapitel – Die Fänge der Wölfin

14. Kapitel – Flucht in den Albtraum

15. Kapitel – Der Herr des Blutsteins

16. Kapitel – Der demaskierte Tod

17. Kapitel – Was für ein Mensch ...

18. Kapitel – Der Wolf schmiedet Pläne

19. Kapitel – Träume in Arellarti

20. Kapitel – Die Nacht des Blutsteins

21. Kapitel – Keine Tränen in Selonari

22. Kapitel – Die Tempelgewölbe

23. Kapitel – Riesen am finsteren Himmel

24. Kapitel – Die letzte Maske fällt

25. Kapitel – Wenn wahnhafte Träume sterben

Epilog

Weitere Bücher aus dem Golkonda Verlag

Für John F. Mayer –

Kollege und Freund,

in Ruchlosigkeit brüderlich mit mir vereint.

Prolog

Ungezählte Meilen weit erstreckte sich der Wald mit seinen riesigen Bäumen, die ihr Geäst im Kampf um Sonnenlicht und frische Luft himmelwärts reckten. Unter dem dichten Blattwerk lag eine andere Welt: das Zwielicht des Waldbodens. Hier wurde die kühle Düsternis nur von vereinzelten Sonnenstrahlen durchbrochen, die spärlich durch den Baldachin sickerten und auf dem dichten Lager aus Blatthumus und Fichtennadeln schmolzen, das den Boden bedeckte. Unterholz wucherte nur dort, wo ein Baumriese gestürzt war und eine Bresche ins Dach des Waldes gerissen hatte. Dort gab es Licht, und so vermochte sich Gebüsch für kurze Zeit wie ein Leichentuch auf der fruchtbaren Erde neben dem verfallenden Stamm auszubreiten, bis die Zweige oben die Kluft wieder ausfüllten und die lebenspendenden Strahlen erstickten.

Dennoch war der Waldboden bei Weitem keine leblose Ödnis. Eine Unzahl großer und kleiner Tiere krabbelte umher. Insekten raschelten in dem Teppich aus verrottenden Blättern, Nadeln und Ästen oder huschten an den großen Baumstämmen empor. Schlangen glitten über den Boden, ständig auf der Jagd nach Nagetieren, die ihren Bau zwischen dem Wurzelgewirr in den Boden gruben. Mehrere kleine Pelztierarten suchten sich ihren Weg durch die Höhlen und Furchen in den moosbehangenen Trümmern gefallener Äste und abgeworfener Blätter. Hoch oben zwitscherten Vögel, und irgendwo schimpfte ein Eichhörnchen. In der Ferne krächzte nervös eine Krähe – und war wieder still.

Die Hirschkuh hatte den halbherzigen Warnruf vernommen und erstarrte. Zitternd drückte sich das Kitz an ihre Flanke. Ihre großen Augen rollten unruhig, die aufgerichteten Lauscher spielten. Vorsichtig sog sie die Luft durch die empfindlichen Nüstern und suchte die Witterung eines Wolfs oder Bären oder eines anderen Raubtieres wahrzunehmen.

Minutenlang verharrte das Muttertier. Nichts wies auf eine drohende Gefahr hin, und der Geruch des Wiesenklees war verlockend ... Die Hirschkuh trat aus dem Schatten der Bäume, das Kitz folgte ihr dichtauf.

Der feste Lehmboden nahm ihre spitzen Hufabdrücke nur ein paar Schritte weit auf ... Ein Pfeil zischte heran und fuhr ihr zwischen die Rippen. In Todesqual keuchend, taumelte die Hirschkuh, fing sich wieder – und preschte in blinder Flucht davon. Das Kitz zauderte nur einen Moment, dann verdrängte der Instinkt die Verwirrung. Auf seinen stelzengleichen Beinen stürzte es seiner Mutter hinterher.

Ein Krähenschwarm erhaschte die Witterung von Blut und Angst und erhob heiseren Protest.

Der Jäger sprang aus seinem Versteck neben dem Wildwechsel. Ein zweiter Pfeil lag auf der Sehne. Die geduldigen Augen des Mannes erblickten die blutige Fährte, und er lächelte triumphierend.

»Mindestens die Lunge ... vielleicht auch das Herz, dem Blut nach zu urteilen. Lauf, solange du noch kannst, Miststück. Weit wirst du nicht kommen!« Er zog ein langes Messer und folgte der schimmernden Spur.

Bald schon verließen ihre Hufabdrücke den Pfad, die blutroten Kleckse auf dem Waldboden jedoch waren nicht zu übersehen. Die Hirschkuh war – wie der Jäger vermutet hatte – nicht weiter als ein paar Hundert Schritte gekommen, bis der rasch nahende Tod sie zu Boden warf.

Er fand sie in einer Senke, die vor Jahren schon vom Wurzelwerk eines stürzenden Baumriesen gerissen worden war. Röchelnd entwich ihr Atem aus rot schäumenden Nüstern, ihre Augen trübten sich bereits.

Geschmeidig kletterte er zu ihr hinab und schnitt ihr die Kehle durch. Während er sein Messer an ihrer Flanke säuberte, hielt er Ausschau nach dem Kitz. Es war spurlos verschwunden.

Nun, bis zum Morgen würde es Opfer irgendeines Raubtieres geworden sein, und so brauchte es wenigstens nicht zu verhungern.

Nur kurz verspürte der Mann einen leichten Anflug von Reue, weil er ein Muttertier getötet hatte, aber der Tag war lang gewesen, und seine Familie in Breimen hatte Vorrang. Außerdem wurde er dafür bezahlt, Wild für den Markt beizubringen, und nicht, um sich im idyllischen Wald zu ergehen.

Mit einem müden, aber zufriedenen Grunzen setzte er sich auf den Hang, wischte sich mit einem schmutzigen Ärmel über das Gesicht und ließ den Blick schweifen. Eine kurze Pause – dann hieß es, das Tier ausweiden, eine Lastschleife binden und die Beute nach Breimen schleppen. Dies würde vermutlich den ganzen Nachmittag in Anspruch nehmen.

Die Mulde, in der sich der Jäger ausruhte, maß mehrere Schritt im Durchmesser. Der Baum, der hier einst gestanden hatte, musste alt und von ungeheurer Größe gewesen sein. Der kahle Boden war noch immer zerfurcht. Aber von den Rändern her war bereits Erde in die Vertiefung gerieselt. Etwas glitzerte am Grund der Senke.

Ein Lichtspeer zuckte durch das Blattwerk herab und spießte etwas Helles, halb vom Erdreich Verborgenes auf. Einen Gegenstand, der dem Jäger einen silbrigen Reflex entgegenwarf. Mit verhaltener Neugier erhob er sich und näherte sich dem Gleißen. Was er vorfand, ließ ihn ein verwundertes Brummen ausstoßen, und er hockte sich nieder, um es genauer in Augenschein zu nehmen. Ein Ring lag im Erdreich eingebettet. Ringsum war der Lehmboden von einer weißen, krümeligen Substanz und rötlichen Flecken durchzogen. Verwitterte Knochen und verrostetes Eisen? Der Jäger wischte die lockere Erde beiseite. Einige grünliche Klumpen kamen zum Vorschein, bei denen es sich um korrodiertes Messing oder Kupfer handeln mochte. Möglicherweise hatte er die Leiche eines alten Kriegers gefunden.

Wie lange mochte dieser hier wohl gelegen haben? Das überstieg sein Vorstellungsvermögen. Lange genug jedenfalls, dass Knochen und Ausrüstung hatten zerfallen können. Und der Baum, der auf dem Grab gewachsen war, mochte Jahrhunderte alt gewesen sein.

Mit unsicherer Hand riss der Jäger den Ring aus seinem Bett aus verunreinigtem Lehm und wischte die Krümel ab, die an ihm klebten. Er spie darauf, polierte ihn an seinem ledernen Hosenbein und hob ihn schließlich abschätzend hoch. Silbern und kalt schimmerte die Fassung – doch bestand sie nicht aus Silber. Das hätte vom Alter schwarz verfärbt sein müssen. Außerdem war dieses Material weit härter.

Er betrachtete den gewaltigen, oval geschnittenen Stein: ein prächtiger, tiefgrüner Blutstein, dessen Tiefen rot geädert waren. Ein hervorragendes Exemplar dieser Edelsteinart, entschied er, während er ihn ins Licht hielt. Die Farben wirkten ungewöhnlich düster, und auch die durchsichtige Beschaffenheit war atypisch. Riesengroß war der Stein – erstaunlich groß für einen Ring – und geschickt mit seiner Fassung verschmolzen. Vorsichtig kratzte der Jäger die letzten hartnäckigen, von Knochenmehl durchsetzten Lehmkrumen aus der Innenseite des Ringes und hielt ihn vor seinen Finger. Wer auch immer dieses Ding vor Jahrhunderten getragen haben mochte, er musste ein Riese gewesen sein. Auf einen normalen Finger passte er jedenfalls nicht.

Voller Unbehagen erinnerte sich der Jäger an selonarische Legenden von Riesen und Dämonen, die einst durch diese Wälder geschritten waren, lange bevor sich die ersten Menschen hier niedergelassen hatten. Auch in seinem eigenen Volk gab es Erzählungen über die wilden Rillyti, die sich vermutlich nie weit vom glitschigen Schutz ihres Sumpfes entfernt hatten.

Aber der Jäger nannte einen derben, praktischen Verstand sein Eigen. Er murmelte ein Schutzgebet an Ommem, bat den Geist des verfallenen Skeletts um Vergebung und steckte den Ring in seinen Beutel.

Dann machte er sich daran, seine Beute auszuweiden, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was er da tat. Vielmehr spekulierte er die ganze Zeit über vergnügt über den Preis, den ihm sein Fund auf dem Markt der Juweliere in Breimen einbringen würde.

1. Kapitel – Tod im Feuerschein

Wie ein drohender Schatten saß der große Mann in seinen Umhang gehüllt vor dem lodernden Feuer. Gedankenverloren schlürfte er Wein aus einem irdenen Krug, der in seiner mächtigen Faust beinahe verschwand.

Das enganliegende Hemd und die Hose aus dunklem Leder wiesen frische Blutflecken auf, und der rechte Ärmel war über einen blutrot getränkten Verband zurückgekrempelt. Ein mit Silbernieten verzierter Gurt lag über der gewaltigen Brust des Mannes. Die Schwertscheide, die hinter seiner rechten Schulter hing, war leer. Das Schwert selbst ragte vor ihm auf, die Spitze in eine knorrige Baumwurzel gerammt.

Während der Mann sich geistesabwesend mit einem Fingerknöchel über den kurz geschorenen roten Bart strich, der sein grausames Gesicht säumte, grübelte er über die vielen Kerben und rotbraunen Flecken nach, welche die Klinge entstellten und im flackernden Licht zu Schemen heftiger Kämpfe wurden. Allem Anschein nach nahm er die anderen Männer gar nicht wahr, die in seiner Nähe gierig die Beute ausbreiteten, um sie untereinander zu teilen. Die Ocalidad-Berge, in deren Schutz die nördlichen Küsten des Waldlandes lagen, das inzwischen Wollendan hieß, waren ihrer Räuber wegen berüchtigt gewesen, lange bevor die blonden Seefahrer von der Küste her über ihre Pässe wanderten, um Städte in die riesigen Wälder des Südens hineinzutreiben. Damals waren die dunkelhaarigen Waldbewohner unwillig vor den Eindringlingen zurückgewichen und hatten sich in den zahllosen Höhlen und uneinnehmbaren Bergfesten aus längst vergessenen Zeiten verschanzt. Soweit jene, denen das Land gehörte, zurückdenken konnten, waren Karawanen, die sich über die Ocalidad-Berge mühten, noch niemals sicher gewesen. Trotzdem musste der Handel von der Küste ins Landesinnere und wieder zurück fließen. Die einträglichen Geschäfte mit den sagenhaften Städten jenseits der Meere belohnten jedes Risiko. Also überquerten Männer mit Reichtümern beladen die Berge – und dort warteten bereits Männer mit Schwertern darauf, sie ihnen abzunehmen. Die Geschichte der sich daraus ergebenden Maßnahmen und Gegenmaßnahmen war ebenso lang und bunt wie blutig.

Vor einigen Stunden hatte die Bande eine unbedeutende Tragtierkolonne angegriffen, die – nur von ein paar bewaffneten Männern eskortiert – aus dem Süden herüberkam. Für die Banditen hatte der Kampf nur wenig besser als unentschieden geendet. Den überlebenden Händlern war es schließlich gelungen, den Hinterhalt zu durchbrechen und sich in Sicherheit zu bringen. Allerdings hatten sie auf ihrer Flucht einiges zurückgelassen, und die Straßenräuber gaben sich damit zufrieden, über diese Beute herzufallen.

Während die Abenddämmerung hereinbrach, zogen sie sich in ihr Lager zurück, und jetzt waren sie damit beschäftigt, die Beute aufzuteilen – eine ebenso schwierige wie gefährliche Aufgabe.

»In diesem einen Beutel hier sind eine hübsche Menge Juwelen«, bemerkte ihr Anführer, ein narbengesichtiger Riese namens Hechon. »Irgendjemand ist jetzt um einen Haufen Geld ärmer. Möchte wissen, wohin das alles sollte. He, vielleicht stimmen diese Gerüchte doch, und Malchion wirbt tatsächlich noch Söldner an, weil er Selonari angreifen will.«

»Dieses alte Märchen wehte schon in der ein oder anderen Form um die Felsen der Ocalidad, soweit ich zurückdenken kann«, höhnte jemand.

Vorsichtig wurde der Inhalt des Beutels auf eine Decke geschüttet, wo die Edelsteine die Funken des Feuerscheins in einen Kreis gieriger Augen zurückwarfen. Ein Dutzend Händepaare zuckten, begierig darauf, nach dem Schatz zu greifen, doch solange Hechon die Beute prüfend begutachtete, hielten sich die Raubgesellen zurück. Er hatte das letzte Wort. Er bestimmte, wie die Beute aufgeteilt wurde.

»Verdammt! Das hier ist mal etwas Interessantes!«, murmelte er unvermittelt. Eine dreifingrige Hand griff hinab und hob einen Ring in den Lichtkreis des Feuers. Erfahrene Augen taxierten ihn.

»Hä! Dachte doch, der sieht seltsam aus! Viel zu groß für die Finger der meisten Leute, und ist das wirklich Metall? Für Silber ist es zu hart. Platin vielleicht. Ein kostbares Metall jedenfalls, und so hart wie Eisen. Ich hab gehört, dass man es irgendwo oben im Norden verarbeitet. Zuerst dachte ich, dieser Edelstein wäre ein Blutstein, aber so einen wie den hier habe ich noch nie gesehen. Seht nur, das Licht ... regelrecht aufgesogen scheint es zu werden. Man kann die roten Adern fast bis ins tiefste Innere des Steines verfolgen.«

»Zeig mir den Ring.« Endlich hatte sich der große Mann, der abseits von ihnen saß, zu Wort gemeldet. Hechons Entdeckung hatte ihn aus seiner grübelnden Zurückhaltung gerissen. Aller Augen wandten sich in die Richtung, aus der seine leise Stimme gekommen war. Hechon musterte ihn mit kluger Berechnung, und nach einem kaum merklichen Zögern warf er ihm den Ring zu.

»Sicher, Kane. Schau ihn dir nur an. Wenn du zu müde bist, um herüberzukommen und bei uns zu stehen ...«

Geschickt fing Kane den Ring mit der linken Hand und hielt ihn sich vor die Augen. Schweigend untersuchte er ihn, drehte ihn vorsichtig im Licht, als sehe er eine Inschrift darauf. Lange Zeit schien er in Gedanken versunken, dann verkündete er plötzlich: »Diesen Ring will ich haben. Er soll mein Anteil an der Beute sein.«

Der Tonfall, in dem er dies sagte, gefiel Hechon nicht sonderlich, genauso wenig, wie ihm der rothaarige Fremde gefiel.

Vor zwei Monaten war er mit einer Handvoll anderer Männer zu seiner Bande gestoßen. Sie waren die einzigen Überlebenden einer Gruppe Gesetzloser gewesen, die von einer Söldnertruppe überrascht worden war. Immer wieder sandten die Küstenstädte solche Trupps aus, um die Gebirgspässe für den Handel sicher zu machen.

Woher Kane eigentlich stammte, wusste Hechon nicht, und es interessierte ihn auch nicht. Allerdings wusste der Bandenführer um Kanes tödliche Gewandtheit im Kampf. Die schreckliche Kraft seines Schwertarms hatte rasch dafür gesorgt, dass sein Name überall in den Ocalidad-Bergen bekannt und gefürchtet wurde. Obwohl Hechon schon damals sogleich erkannt hatte, welche Bedrohung Kane für ihn darstellte, hatte er seine Position unter seinen eigenen Leuten für zu sicher eingeschätzt, als dass sie ihm der fremde Krieger ohne Umschweife hätte streitig machen können. Außerdem wog Kane bei einem Raubzug ein Dutzend schwächerer Schurken auf.

Die selbstsichere Art, mit der sich Kane nun allerdings den wunderlichen Ring aneignete, weckte Hechons Unwillen. Er entschied, seinen Führungsanspruch geltend zu machen, bevor die anderen anfingen, bei nächster Gelegenheit Kanes Wünsche als Gesetz anzunehmen.

»Ich entscheide, wie die Beute aufgeteilt wird«, knurrte er. »Ohnehin ist das ein wertvoller Ring, und ich habe selbst Gefallen daran gefunden.«

Kane runzelte leicht die Stirn und fuhr fort, den Ring mit dem Blutstein abwägend zu betrachten. »Ein Blutstein ist kein sonderlich wertvolles Juwel, und dieser Ring mag lediglich als Kuriosität einen gewissen Wert besitzen«, versuchte er Hechon zu beschwichtigen. »Aber ich finde ihn irgendwie – interessant, und es sieht so aus, als würde er mir fast passen. Also ist es vielleicht nur eine Laune, aber ich will ihn haben. Was den zweifelhaften Geldwert betrifft, so gehe ich ein großes Risiko ein, indem ich diesen Ring anstelle meines restlichen Beuteanteils nehme. Damit habt ihr anderen ein ganzes Stück mehr, das ihr unter euch aufteilen könnt.«

»Du bist nicht so dumm, so viel aufs Spiel zu setzen, es sei denn, du hast eine ziemlich genaue Vorstellung vom Wert dieses Ringes!«, hob Hechon argwöhnisch hervor. »Und wie ich schon sagte, ich bin hier der Anführer! Ich entscheide, wer was bekommt. Also gib den verdammten Ring zurück, Kane, und dann können wir zur Sache kommen. Du wirst nehmen, was ich dir überlasse. Und dieser Ring wird mir gehören.« Die Drohung verlieh seiner Stimme einen unangenehmen Beiklang.

Finster und hartnäckig blickte Hechon zu Kane hinüber. Die anderen Gesetzlosen beobachteten sie in nervösem Schweigen und wichen fast unmerklich von den beiden zurück. Abelin, Hechons schlaksiger Stellvertreter, wischte sich sorgfältig die Hände an den Oberschenkeln ab und bewegte sie aus Kanes Blickfeld, während er seinen Anführer ansah. Seine Männer würden ihm den Rücken decken, stellte Hechon befriedigt fest.

In der angespannten Stille wirkten mit einem Mal selbst die Laute der Nachtwesen gedämpft und fern. Der flackernde Lichtschein ließ Kanes Augen in blauem Feuer glimmen. Höhnisch grinste der kalte Tod in ihren Tiefen. Schon immer hatte Hechon ein Frösteln verspürt, wenn er in diese Augen blickte ... Es waren die Augen eines geborenen Mörders. Voller Unbehagen gedachte er des Wahnsinns, der darin sichtbar geworden war, als Kane blutbesudelt über den von ihm Getöteten gestanden hatte.

Das böse Glimmen des Blutsteins passte zu Kanes unheimlichem Blick. Selbst die scharlachroten Adern des Steins schienen im Schatten des Feuerscheins zu leuchten.

Und plötzlich wusste Hechon: Kane würde den Ring nicht zurückgeben. Mit einem Schaudern wurde ihm klar, dass nun kein Ausweg mehr blieb. Wenn er nachgab, verlor er sein Gesicht. Und dann würde es nicht mehr lange dauern, bis ein anderer seinen Leuten Befehle erteilte. Kanes Herausforderung bedurfte einer Antwort. Ein für alle Mal.

Kane saß unbeweglich, aber Hechon wusste um die tödliche Schnelligkeit, mit der er zuzuschlagen vermochte. Es würde ihm keine Mühe bereiten, sein Schwert aus dem Holz zu ziehen. Hechon behielt Kanes linke Hand scharf im Auge – seinen Schwertarm –, aber Kane war noch immer dabei, sich mit dem Ring über die Wange zu streichen. Der Anführer der Räuberbande zuckte mit den Schultern.

»Nun, wenn du den verdammten Ring unbedingt haben willst, so kannst du ihn als deinen Anteil behalten«, brummte er. Hechon schien sich zu entspannen und lächelte die anderen an. Dabei warf er Abelin einen Blick zu, dann spreizte er die Finger in einer deutlichen Geste der Hilflosigkeit. »Schließlich, Kane«, fuhr er fort, »ist es mir wichtiger, dich zu halten ...«

Schnell wie ein böser Gedanke schoss Abelins Hand zum Nacken hoch – und hatte gleich darauf das lange Messer aus der Scheide gerissen, das zwischen seinen Schulterblättern befestigt war. In einer fließenden Bewegung streckte sich der Arm von Hechons Stellvertreter, um die Klinge zu werfen.

Aber Kane war nicht auf Hechons scheinbare Einwilligung hereingefallen. Er kannte die Verschlagenheit des Anführers, und so war er doppelt wachsam gewesen. Der stumme Mordbefehl an Abelin war ihm nicht entgangen. Und obwohl Kane Linkshänder war, hatte die jahrelange Übung seinen rechten Arm fast so gewandt werden lassen wie den linken.

Im gleichen Sekundenbruchteil, in dem Abelins Messer auf sein Herz zuschoss, warf Kane sich zur Seite und riss in derselben Bewegung den im Stiefelschaft versteckten Dolch heraus, über dem seine rechte Hand längst schon gelauert hatte. Wie eine angreifende Viper zuckte die Klinge über das Feuer hinweg. Abelins Messer verfehlte ihn und schlug dumpf in einen Baumstamm. Abelin war noch zum Wurf nach vorne gebeugt, da keuchte er schon überrascht auf, als ihm Kanes Dolch ins Herz fuhr.

Zu diesem Zeitpunkt war Kane bereits auf den Füßen. Während Abelin sterbend in die Knie sackte, ergriff er sein Schwert mit der Linken; den Ring ließ er fallen. Ein wuchtiger Tritt zerfetzte das Feuer. Eine blendende, sengende Woge aus Kohlen und Glut stob den überraschten Raubgesellen entgegen und trieb sie verwirrt und unter Schmerzen zurück.

Hechon hatte blankgezogen. Den freien Arm hochgerissen, schützte er sich vor dem Feuer und Ascheregen und schlug blindlings um sich. Gerade noch rechtzeitig nahm er die Deckung höher, um Kanes Hieb abzuwehren.

Kane schnellte über das Feuer, wie eine auflodernde Fackel gleißte sein Schwert, als er zuschlug. Der Anführer der Räuberhorde parierte und griff seinerseits an. Kane wich aus, dann, blitzschnell, drang er wieder auf Hechon ein. Mit mächtigen Hieben schlug er seinem Gegner beinahe das Heft aus den betäubten Fingern. In die Defensive gezwungen, wich Hechon zurück. Verzweifelt mühte er sich, Zeit zu schinden, bis seine Männer ihre Überraschung überwanden und ihm zu Hilfe eilten ... falls sie das überhaupt vorhatten.

Kane gewährte der Meute diese Zeit nicht. Hechon glitt auf den weit verstreuten Kohlen aus; für einen winzigen Moment nur verlor er das Gleichgewicht. Und Kane nutzte die Gelegenheit. Scheinbar mühelos durchbrach er Hechons Deckung und rammte ihm die Klinge in die Schulter. Der Treffer ließ den Anführer wehrlos rückwärts taumeln. Und Kane drang weiter auf ihn ein.

Eine Sekunde später schlug Hechons lebloser Körper auf dem Boden auf. Sein Blut ergoss sich über den Ring mit dem grünen Juwel, und dessen böses Funkeln war das Letzte, was der Anführer der Räuberbande bewusst wahrnahm ... Kane schnappte sich den Ring mit dem Blutstein vom besudelten Boden und reckte sich. Grimmig starrte er die anderen Geächteten an, die ihm mit gezogenen Waffen gegenüberstanden, unsicher, was sie jetzt tun sollten, da ihre Anführer getötet worden waren.

»Gut!«, brüllte Kane, während er sein rotgefärbtes Schwert drohend erhoben hielt. »Dieser Ring gehört mir, und ich werde jeden verfluchten Narren umbringen, der ihn mir streitig macht! Teilt jetzt den Rest der Beute unter euch auf! Ich habe bekommen, was ich wollte, und verschwinde. Jeder, der gleich zur Hölle fahren will, kann versuchen, mich aufzuhalten.«

Niemand erhob eine Hand gegen ihn. Kane steckte seinen Dolch und eine Handvoll Goldmünzen ein, stieg auf sein Pferd und preschte in die Nacht davon.

Hinter ihm stritten sich die Schakale um das, was er zurückgelassen hatte.

2. Kapitel – Der Turm am Abgrund der Zeit

Die Steine unter den Hufen des Pferdes waren ihm inzwischen beinahe tröstlich vertraut, und ganz plötzlich war Kane sich nicht mehr sicher, ob fünfzig Jahre oder erst fünfzig Tage vergangen waren, seit er das letzte Mal über diesen Grat geritten war. Spärlich wuchsen verkümmerte Bäume aus dem rissigen und von Wind und Wetter geformten Fels, bizarre Schatten vor der orangeroten Sonne im Westen. Der Wind, der ihm das Haar zerzauste und unter den Wolfsfellumhang fuhr, trug den kalten Odem des Meeres mit sich, das als blaues Band um den dunstigen Horizont im Osten geschmiegt lag. Das schwache Murmeln der fernen Brandung hob das Brausen des Windes umso deutlicher hervor, und das schrille Kreischen aufsteigender Vögel legte sich wie eine gebrochene Melodie darüber. Jene fernen Schatten, die im Wind still verharrten oder kreisten ... waren es Raben, Falken oder Möwen? – Waren es überhaupt Vögel? Kane war zu sehr damit beschäftigt, dem kaum benutzten und beinahe zugewachsenen Pfad zu folgen, um ihnen weitere Aufmerksamkeit zu schenken.

Langsam kamen die Ruinen einer niedrigen Mauer in Sicht. Damit war auch der alte Weg, dem er folgte, besser zu erkennen. Unordentliche graue Steinhaufen deuteten auf eingestürzte Gebäude hin, und hin und wieder schmiegte sich ein dachloser Bau an den Kamm der Bergkette. Als Kane sich dem höchsten Punkt des Gebirgsgrates näherte, kamen nach und nach die wohlvertrauten Einzelheiten ihres Turms zum Vorschein. Vollkommen senkrecht ragte die Basaltsäule gen Himmel, etliche tausend Fuß über der weit darunter liegenden Küstenebene. Es war kaum vorstellbar, dass sie nicht schon vor Jahrhunderten in den Abgrund gestürzt war. Aber Kane wusste: Ihre Zerbrechlichkeit war reine Illusion. Die Stadt, die sich einst am Fuße des Turmes ausgebreitet hatte – sie war längst zu Schutt zerfallen, noch ehe der große Ozean von diesen Klippen zurückgewichen war, die er davor jahrein, jahraus mit seiner tosenden Brandung bestürmt hatte. Nur der Turm stand nach wie vor unverändert.

Kane fiel auf, dass hinter den hohen Turmfenstern Lichter aufleuchteten, während er sein Reittier die letzten paar hundert Schritte den unebenen Pfad empordirigierte, der zum Gipfel führte. Die Vertrautheit der Umgebung wirkte inzwischen viel stärker auf ihn, fast fühlte es sich an wie eine Heimkehr. Der unablässige Wandel, der seine Wahrnehmung des Daseins bestimmte, ließ für Kane die unheimliche Beständigkeit ihrer Welt umso fremder erscheinen. Ihm kam es vor, als gäbe es in Jhaniikests Turm einen Brennpunkt der Zeitlosigkeit in den ewig wechselnden Mustern des übrigen Universums ... eine Zuflucht vor der Zeit selbst.

Die Tore des Turms schwangen auf, als er sich näherte. Ein nebliger gelber Schein kroch in das Zwielicht heraus, das über den Bergrücken trieb. Geisterhafte Wächter einer längst ausgestorbenen Rasse hoben scheppernd eigenartige Speere zu einem steifen Salut. Kanes Pferd rollte verängstigt mit den Augen und wieherte nervös.

Müde vom tagelangen harten Ritt glitt Kane aus dem Sattel und führte sein schnaubendes Reittier in den Schutz eines Gebäudes ohne Dach nahe dem Fuß des Turmes, wo er es anband. Er sah, dass in den Ritzen zwischen den Bodenplatten genügend Futter wuchs, um das Pferd beschäftigt zu halten, bis er sich seiner richtig annehmen konnte.

Teilnahmslos beobachteten ihn die Wächter mit ihren Raubtieraugen, als er wenig später die Turmportale durchschritt.

Hinter ihm schlossen sich die Torflügel mit leisem Scharren, und er fragte sich, wann sie sich wohl zuletzt für einen Gast geöffnet hatten. Fackeln beleuchteten seinen Weg durch die Eingangshalle und die steinerne Treppe zu den oberen Stockwerken hinauf.

Jhaniikest stand hoch über ihm am Ende der Stufen. Ihre halb entfalteten Schwingen umrahmten den weiten Durchgang. Ein Lächeln hieß ihn willkommen, bei dem sich dünne rote Lippen über nadelspitze weiße Zähne zurückzogen. Sie streckte Kane eine Hand entgegen.

»Kane! Von weit oben sah ich dich kommen! Du hast den ganzen Nachmittag gebraucht ... Zuerst glaubte ich, du hättest dich verirrt, Jhaniikest vielleicht sogar in all den Jahren vergessen. Liegt es nicht schon Jahrhunderte zurück, seit ich dich das letzte Mal sah?«

»Nicht annähernd so lange, da bin ich sicher«, widersprach Kane, während er niederkniete, um die langfingrige, trügerisch zerbrechlich wirkende Hand zu küssen. »Auf dem Weg hierher war ich sogar der Meinung, nur ein paar Monate fortgewesen zu sein ...«

Sie lachte. Es war ein unheimliches, hohes Trillern.

»Kane ... Sagst du deinen Damen immer, dass die Jahre, die du fern von ihnen verbrachtest, wie Tage vergangen sind?« Ihre großen Silberaugen musterten ihn mit unverhohlener Neugier. Die schwarzen, senkrechten Pupillen wirkten beinahe kreisrund in dem verdunkelten Raum. »Du kommst mir unverändert vor«, stellte sie fest. »Aber letztlich siehst du immer gleich aus ... Genau wie meine Schattendiener hier. Komm ... Setz dich neben mich und erzähle, was du gesehen hast. Der Wein steht bereit, ebenso die Vorspeisen ...«

Von einem schlanken Dienstmädchen, deren Knochen längst zu Staub zerfallen waren, nahm Kane eine bauchige Weinflasche entgegen. Wie sie das schwere Tablett mit den Gläsern balancierte und dabei die Lippen konzentriert zusammenkniff, schien sie ihm wahrhaftig lebendig zu sein. Ja, er glaubte sogar, den schnellen Stoß des Atems zu erkennen, der das feine gelbbraune Fell über ihren Brüsten bewegte. Jhaniikests Zauber ist mächtig, sann er, während er am Wein nippte. Dämonenwein war es, herbeibeschworen aus einem unvorstellbaren Keller ...

»Ich habe dir etwas mitgebracht«, verkündete er und zog unter seiner Weste und dem Hemd einen Lederbeutel hervor. Einen Augenblick lang wühlte er darin, dann nahm er ein winzig kleines, in weiches Leder eingeschlagenes Päckchen heraus und reichte es ihr.

Jhaniikest ergriff es voller Neugier und ließ nur kurz die Finger darübergleiten, bevor sie das Band mit einer scharfen Kralle durchtrennte und die Umhüllung aufschlug.

»Ein Ring!«, lachte sie erfreut. »Kane ... was für ein wundervoller Stein.« Sie drehte den prächtigen blauen Sternsaphir im Licht, probierte ihn auf einem Finger, dann auf einem anderen, und bestaunte mit vergnügten Lauten, wie er wirkte.

Jhaniikest war ein unheimliches Wesen. Sie war aus der Verbindung der Priesterin einer untergegangenen Rasse aus vormenschlicher Zeit mit dem geflügelten Gott hervorgegangen, den sie verehrt hatte. Hexe, Priesterin, Halbgöttin – sie hatte sich in diesem Turm niedergelassen, der einst Tempel derjenigen gewesen war, die hier gelebt hatten. Mit ihrer Zauberkraft hatte sie ihn erhalten, während die alte Stadt zu Ruinen verfiel; und die Schatten ihres Volkes hatte sie heraufbeschworen, sodass sie ihr im Tode dienten. Eine ewig junge Göttin ohne Himmel. Oder vielleicht war dies ihr Himmel, denn sie hauste seit Jahrhunderten in diesem einsamen Turm und hatte sich mit so unvorstellbaren Künsten und Philosophien beschäftigt, wie es nur die alten Götter zu tun pflegten.

Kane hatte sie – teils durch Zufall – vor langer Zeit entdeckt.

Sie kniete auf ihrem Diwan, die langen Beine untergeschlagen. Ihre zarten Schwingen waren gefaltet, bewegten sich aber ruhelos, als würden sie von einer unsichtbaren Brise berührt. Abgesehen von diesen Flügeln war Jhaniikest einem menschlichen Wesen nicht allzu unähnlich. Ihre Statur glich fast der eines schlanken, etwa fünfzehnjährigen Mädchens. Sie war knapp zwei Meter groß, und ihre Gliedmaßen schienen unproportioniert. Vom Ansatz ihrer Flügel über die Schultern zogen sich dicke Muskelstränge nach vorne zu einem kielartigen Brustbein. Kleine, feste Brüste lockerten die scharfen Konturen ihres Oberleibes auf. Ein silbrig-weißer Pelz bedeckte ihren ganzen Körper – kurzes und feines Fell wie auf dem Gesicht einer Katze. Auf dem Kopf und am Hals wurde das Haar lang und gewellt, eine stolze Mähne, um die sie jede Hofschönheit beneidet hätte.

Jhaniikests Gesicht war schmal, mit feinen Zügen, Ohren und Kinn waren elfenhaft gespitzt. Ornamente aus Juwelen glitzerten auf ihrem Silberfell – ihrem einzigen Gewand außer einem goldenen Gürtel mit Edelsteinen und glänzenden Seidenschals.

Die Flügel waren das Herrlichste an Jhaniikest: fledermausartige Schwingen mit silbernem Pelz, die den Bereich zwischen Schultern und Hüfte einnahmen und eine Spannweite von zwanzig Fuß erreichen konnten. Angelegt ragten sie über ihrem Rücken auf wie ein Hermelinumhang. Im Flug schimmerten sie Opalen gleich in der Sonne. Mit der übermenschlichen Kraft, die ihrem verdichteten und hohlen Knochenbau innewohnte, konnte sie sich mühelos in die Lüfte schwingen und stundenlang im einsamen Himmel kreisen. Jhaniikest – die geflügelte Göttin eines untergegangenen Reiches. Wie Kane, der um ihre Freude an glänzenden Edelsteinen wusste, es erwartet hatte, gefiel ihr der Saphir – einer der schönsten, die ihm in etlichen Jahren seines Daseins als Dieb und Räuber in die Hände gefallen waren. Dabei wäre es ihr mit ihrer Hexenkunst gewiss ein Leichtes gewesen, selbst einen derartigen Schmuckstein – oder gar einen noch schöneren – herzustellen. Aber die Göttin erhielt in diesem Zeitalter kaum noch Gaben, und Kane hatte geahnt, dass sie sich über sein Geschenk freuen würde.

»Was also führt dich wieder in mein Reich?«, fragte Jhaniikest gleich darauf. »Sag nur nicht wieder, du wärst so weit geritten, um mir den Schmuck geben und ein wenig Zerstreuung bringen zu können. Das schmeichelt, aber ich kenne dich zu gut. Kanes Motive sind niemals das, was er mit einem Lächeln verkündet.«

Kane verzog keine Miene. »Ist das der Dank für meine Ritterlichkeit? Doch es war wirklich ein Ring, der mich zu dir führte. Ein Ring, der mir bekannt vorkam, obwohl ich ihn nie zuvor gesehen hatte. Wahrscheinlich habe ich davon gehört – oder irgendwann einmal etwas darüber gelesen. Möglicherweise habe ich vorschnell gehandelt, als ich den Tand an mich nahm. Aber wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, dann ist er der Schlüssel zu einer Kultur, die lange vor dem Erwachen der Menschheit existierte ... Ich habe einige Dinge bei dir zurückgelassen, Jhaniikest ... Unschätzbar wertvolle Gegenstände, von denen ich glaubte, sie könnten dein Interesse wecken. Hätte ich sie selbst behalten, sie wären mir rasch abhanden gekommen. Du wirst dich erinnern, dass mehrere alte Bücher dabei waren – alte Bände mit Zauberwissen jener Art, wie Menschen es selten zu Gesicht bekommen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich beim Studium dieser unheiligen Manuskripte auf die Erwähnung eines Blutsteinrings gestoßen bin ... eines Juwels vielmehr, das einem Blutstein ähnlich sieht. Um dieser Erinnerung nachzuspüren, war ich nun tagelang im Sattel. Andererseits hatte ich schon seit Langem vor, dich wieder einmal zu besuchen.«

Jhaniikest warf den Kopf zurück und lachte wehmütig. »Ich sehe, dein Ehrgeiz ist so grenzenlos wie eh und je. Ja, Kane, ich habe deine Sachen aufbewahrt, und diese Bücher sind im obersten Stockwerk, dort, wo du sie zuletzt gesehen hast. Nachher kannst du sie durchblättern. Aber bevor du zum Gelehrten wirst, sollst du mich erst einmal unterhalten. Es ist schon lange her, dass ich einen Besucher aus der Welt außerhalb hatte, und meine Gefährten hier sprühen nicht gerade vor Neuigkeiten ...«

Später an diesem Abend folgte Kane Jhaniikest in ein Gemach in den oberen Stockwerken des Turmes, in denen sie zahlreiche Utensilien hortete, die sie bei ihrem unergründlichen Tun benutzte.

Als er die Schriftrollen und Bücher mit eigenartigem Einband gefunden hatte, nach denen er suchte, ließ er sich an einem Tisch nieder. Er rückte die Lampe zurecht und begann murmelnd damit, die Texte durchzusehen.

Jhaniikest öffnete das breite Turmfenster. Kalter Bergwind fegte herein und ließ das Licht der Fackeln knisternd auflodern. Jhaniikest schwang sich auf den Sims und lehnte sich ohne jede Furcht über den Abgrund hinaus. Silbern schillerte Mondlicht auf ihrer Mähne und durch die halb ausgebreiteten Schwingen, die wie ein Vorhang vor der Fensteröffnung schwebten. Leise sang sie eine Melodie aus hohen, klimpernden Tönen und schaute dann mit geneigtem Kopf zu Kane hinüber, um zu sehen, ob es ihr gelang, ihn abzulenken. Aber seine Stirn blieb angespannt gerunzelt, während er sich auf die zerknitterten Seiten mit den geheimnisvollen Schriftzeichen konzentrierte, die in alter Zeit von seltsamen Händen niedergeschrieben worden waren. Zweimal jedoch schaute er zu ihr herüber, ohne es zu merken, während er gedankenverloren nach einem weiteren Buch griff.

Plötzlich verlangte einer der vergilbten Bände seine vollste Aufmerksamkeit, und wenig später schob er Alorri-Zrokros’ Buch der Ältesten behutsam zur Seite. Aus jenem Beutel, den er um den Hals trug, holte er den Ring mit dem Blutstein hervor. Und Kane lachte. Es war ein verwegenes, triumphierendes Lachen, das den Staub vieler schweigsamer Jahre in diesem Turm aufwirbelte. Von seinem plötzlichen Ausbruch aufgescheucht, glitt Jhaniikest an Kanes Seite und blickte ihm über die breite Schulter, um die Ursache seiner Begeisterung zu entdecken.

»Hier ist es!« Kane deutete auf die fleckige Seite. »In all den Jahren hat mein Gedächtnis nicht nachgelassen ... Aber Alorri-Zrokros’ Schreibstil setzt sich auch in jedem Verstand fest! Kannst du diese Handschrift lesen? Es ist eine schlechte Abschrift des Originals. Schau, hier steht die Geschichte dieses Ringes geschrieben. Ein Bericht von einer seit Jahrtausenden vergessenen Erde und von jenen, die unter Sternen lebten, die der Menschheit unbekannt sind! Hier … die Geschichte des Blutsteins! Soll ich dir vorlesen? – Möchtest du von jener unvorstellbaren Macht hören, die darauf wartet, mit diesem Ring erweckt zu werden ...?«

Und mit rauer Stimme, vor Spannung ganz heiser, übersetzte Kane die kaum leserliche Schrift. Einmal unterbrach ihn Jhaniikest mit einem scharfen Ausruf, als sie verstand. »Kane! Tu das nicht! In diesem Irrsinn sehe ich nur deinen Tod! Lass diese alte Macht begraben liegen!«

Aber Kane las weiter.

Und der Blutstein glomm ... leuchtete unter der Intensität des unmenschlichen Blicks. In den grünen Tiefen schimmerte das gebändigte Böse in düsterer Vorfreude auf die Dämmerung ...

3. Kapitel – Staatskunst in Selonari

Erst ertönte das Klopfen im Gleichklang mit dem Pochen seiner Schläfen, dann schien es sich zu einem eigenen Geräusch zu wandeln, bis es schließlich ein beständiges Trommeln war, das von durchdringendem Singsang begleitet wurde. Irgendwann zerfaserte das Gewebe des Schlafes endgültig, und Dribeck nahm die Rufe an der Tür seines Gemaches bewusst wahr.

»Mein Herr! Mein Lord Dribeck! Die Stunde, zu der Ihr geweckt werden wolltet, ist längst vorbei!« Der Kammerherr war es, der ihn quälte. »Mein Herr! Es ist beinahe Mittag! Ihr wolltet doch vor Mittag aufgestanden sein! Mein Herr, seid Ihr wach? So sagt doch etwas, damit ich sicher sein kann ...«

»Fahr zur Hölle, Asbraln!«, krächzte Dribeck. »Ich war schon wach …« Er warf die Felldecken zurück. Das Klopfen verstummte. Unsicher setzte er sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Dutzende von nadelbewehrten Blitzen zuckten durch seinen Schädel, und er drückte die Stirn in die Hände, wobei er sich mit auf den Knien aufgestützten Ellenbogen nach vorn lehnte. Sanft massierte er, fluchte und stöhnte. Irgendwann wich der ärgste Schmerz, und er wurde sich der Tatsache bewusst, dass über Nacht irgendetwas Unreines in seinem Mund verendet sein musste.

Bei Shenans Titten! War das eine Nacht gewesen! Ganz Selonari musste bei diesem Höllenlärm wachgelegen haben!

Der größte Teil seiner Edelleute und Söldnerführer hatte sich zum Bankett niedergelassen. In den letzten Phasen des Katzenjammers bedauerte Dribeck die unbedachten Weinbecher, die er geleert hatte. Es war verheerend, mit seinen stämmigen Untertanen Becher für Becher mithalten zu wollen ... Andererseits sicherte ihm genau dies ihren Respekt. Es bewies ihnen, dass er trotz seiner bescheidenen Statur seinen Mann zu stehen vermochte. Allerdings musste Dribeck zugeben, dass das verlockende Aroma des Weins am vorigen Abend keineswegs von Besonnenheit beeinträchtigt worden war.

Sein Gesicht fühlte sich schmierig an, wie Dribeck feststellte, als er die schulterlangen schwarzen Haare zurückwarf und den wirren Schnauzbart glatt strich. Kinn und Wangen zeigten ordentliche Stoppeln, obwohl das Wachstum für seine achtundzwanzig Jahre ärgerlicherweise sehr zu wünschen übrig ließ und demgemäß beileibe kein ansehnlicher Bart entstand. Eine Schande war das ... Ein Bart hätte seinen hageren Zügen eine Note der Stärke, der Kühnheit verliehen.

Dabei hatte er nicht das Gesicht eines Schwächlings. Frauen fanden es mitunter männlich, und Männer beschrieben den Ausdruck darin als ›wachsam‹ und ›listig‹. Damit machte Dribeck durchaus eine gute Figur als Regent eines Stadtstaates, auch wenn er sich in diesen Zeiten oft ein beeindruckenderes Äußeres gewünscht hätte ...

Fröstelnd stand er auf und schob sich auf wackligen Beinen durch die Vorhänge, die sein Bett umgaben. Pentri schnarchte und rollte halb auf seinen frei gewordenen Platz. Sie schlief noch oder gab es zumindest überzeugend vor. Ihre Erschöpfung war ihm eine Freude ... Dribeck erinnerte sich an ihr neckisches Lachen bei seinem trunkenen Liebesspiel. Unter den zerwühlten Fellen kam ein schmaler Streifen ihrer weichen Hüfte zum Vorschein, aber er widerstand dem Drang, die Decke zu richten, und tappte nach draußen, ohne die Vorhänge wieder zu ordnen. Sollte Pentri sich Frostbeulen holen und Asbraln doch vor Neid erblassen. Mit einem Fluch, weil er sich in einem zu Boden geschleuderten Kleidungsstück verfing, zerrte Dribeck eine Robe über seinen hageren Körper und schlurfte zur Tür.

Asbraln, ein Vermächtnis seines Vaters und sein einstiger Lehrer in Waffengebrauch und Staatskunst, wieselte in das Gemach seines Herrn. Glas knirschte unter seinen Stiefeln. Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete er die verstreut liegenden Scherben einer Weinflasche. »Letzte Nacht habt Ihr die Bemerkung fallen lassen ...«, setzte er an. Als er Pentri erblickte, weiteten sich seine Augen kurz. Sogleich jedoch wandte er den Blick ab. »Äh ... Ihr habt Eure Absicht kundgetan, früh aufstehen und mit Gerwein sprechen zu wollen, bevor Ihr zu Euren Gästen zurückkehrt.«

Dribeck knurrte mürrisch und massierte sich den Nacken. Inzwischen huschten Bedienstete in seinem Gemach umher und suchten in der Unordnung nach sauberen Kleidern für ihren Herrn. Pentri schimpfte verschlafen und vergrub sich in den Fellen. Während Dribeck ihr einen neidischen Blick zuwarf, überließ er sich der Fürsorge seiner Dienerschaft. Es gibt bessere Heilmittel für einen Kater, als sich in die verworrenen Feinheiten selonarischer Staatskunst zu stürzen, sann er.

»Hat man etwas über Gerweins augenblickliche Stimmung gehört?«, fragte er seinen Kammerherrn.

Asbraln spreizte die Finger. »Unsere Hohepriesterin ist erzürnt – erzürnt und argwöhnisch. Jene Gerüchte, die besagen, dass Ihr die Steuerbefreiung aufzuheben gedenkt, die Shenans Tempel in all den Jahren genossen hat, stimmen sie unglücklich. Und dieses jüngste Zusammenziehen militärischer Macht interpretiert sie als Zurschaustellung von Stärke ... Als Hinweis darauf, dass Ihr vorhabt, die Besteuerung von Shenans jungfräulichen Schatzkammern notfalls zu erzwingen. Ich glaube, sie macht sich auf eine großangelegte Plünderung gefasst ... Sicher ist, dass sie die Tempelwache unauffällig verstärkt hat.«

»Wenn sie es wagt, sich meinem Willen zu widersetzen, so wird dies auch angeraten sein! Aber sie kann doch mein Beharren darauf, dass wir unsere Streitkräfte gegen Breimen verstärken müssen, nicht völlig von der Hand weisen. Schon seit Jahren ist der Friede nur trügerischer Schein, und es ist allgemein bekannt, dass Malchion seit dem letzten Jahr seine Söldnertruppen verdoppelt hat.«

»Dessen ist sich Gerwein bewusst, mein Herr. Aber sie sieht auch darin eine Bedrohung für den Tempel. Sie argumentiert, dass die Kosten eines weiteren Krieges Euren Eifer, die Reichtümer des Tempels zu plündern, nur noch mehren würden ...«

»Nun, in ihren Vermutungen scheint es mir ein paar Widersprüche zu geben«, sann Dribeck. »Ich werde mit ihr reden und sie zu beschwichtigen versuchen. Ich begebe mich zu ihr in ihren Tempel, das wird sie als Zugeständnis an ihr Ansehen werten. Und während ich sie besänftige, kann ich ihr ein paar Hinweise auf die Folgen von Malchions aggressiver Haltung als Denkaufgabe hinterlassen. Wenn erst die Priester Ommems über Selonari herrschen, wird ihr Tempel mehr als nur ein paar Beleidigungen in Glaubensfragen hinnehmen müssen. Beginnt sie erst einmal, das Ganze als heiligen Krieg zu sehen, wird sie die Besteuerung weniger scharf zurückweisen, dessen bin ich mir sicher.

So werde ich die Einwände der eisigen Gerwein ein wenig eindämmen – zumindest, bis sie sich von der nächsten eingebildeten Kränkung provoziert sieht. Und dann – zurück zu meinen Gästen ...

Während des Tages überantworte ich ihre Unterhaltung dir. Ich werde mich von Gerwein rechtzeitig verabschieden, um mich den Spielen am Nachmittag anschließen zu können. Zu oft werde ich des Gelehrtentums beschuldigt, und deshalb darf kein Zweifel daran keimen, dass die Kriegskünste im Mittelpunkt meines Lebens und meiner Interessen stehen. Noch etwas von dringlicher Wichtigkeit, das ich für den heutigen Tag wissen muss?«

Asbraln zögerte kurz. »Mein Herr. Ein Mann bat um eine Audienz. Ein Fremder namens Kane. Er behauptet, eine Angelegenheit von beträchtlicher Dringlichkeit und Wichtigkeit mit Euch besprechen zu wollen.«

Dribeck richtete sorgfältig die Bänder seines Hemdes. »Mit mir besprechen? Ich nehme an, du siehst in einem Gespräch mit ihm mehr als unnötige Zeitverschwendung ... Offensichtlich muss er eine Menge Vertrauen in sein Anliegen haben, da es ihm Bestechungsgelder bis hinauf zu meinem Kammerherrn wert ist. Wie beurteilst du den Burschen, und was will er?«

Asbralns Miene zeigte verletzte Würde. »Er ist ein seltsamer Mann ...«, erklärte er. »Wild sieht er aus, ein hünenhafter Krieger, dabei aber ein Mann von Bildung und durchaus kultiviert. Seine Herkunft vermochte ich nicht in Erfahrung zu bringen. Er sagt, er komme von jenseits der Südlande. Ich bezweifle, dass er aus Wollendan stammt, obwohl sein rotes Haar und seine blauen Augen an dieses Volk erinnern. Sein Alter schätze ich auf etwa vierzig. Er macht einen ausgesprochen fähigen Eindruck – und einen gefährlichen noch dazu. Ich würde ihn als Söldnerführer bezeichnen – ein gutes Stück über dem Durchschnitt –, der Beschäftigung sucht. Alles, was er mir über sein Anliegen sagen wollte, war, dass er Euch einen Weg zu zeigen vermag, Eure Streitkräfte weit über Eure ehrgeizigsten Vorstellungen hinaus zu verstärken.«

»Erstaunlich«, brummte Dribeck. »Wenn an seiner Prahlerei etwas dran ist, so kommt er zum richtigen Zeitpunkt. Aber wahrscheinlich ist er entweder ein Verrückter oder ein Schwindler – oder gar ein von Malchion – oder Gerwein? – gedungener Mörder ... Ungeachtet all dieser Möglichkeiten kann ich mir aber ein paar Minuten Zeit nehmen, ihn anzuhören. Deinen Worten entnehme ich, dass es sich für mich lohnen könnte, seinen Schwertarm anzuwerben. Es sei denn, er misst seinen Diensten einen allzu großen Wert bei. Lass diesen Kane also während der Spiele zu mir bringen. Einem Mann wie ihm brauche ich keine förmliche Audienz zu gewähren. Und sorge dafür, dass er streng bewacht wird, während er bei mir ist. Wenn er ein Mörder ist, so soll er merken, dass sein Auftrag einem Selbstmord gleichkommt.«

Dann wanderten Dribecks Gedanken mit Grausen zu dem Frühstück, das seine Diener bereitet hatten. Sein Magen fühlte sich noch immer schrecklich flau an.