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Karl Edward Wagner

Dark Crusade (1976)

Die deutsche Erstausgabe erschien 1979 in der Reihe »Bastei-Lübbe Fantasy« [20009].

Die Übersetzung wurde für die vorliegende Neuausgabe grundlegend überarbeitet und ergänzt.

© 2002 by the Estate of Karl Edward Wagner

Published by Arrangement with

KARL EDWARD WAGNER LITERARY GROUP

vermittelt durch die Agentur Thomas Schlück in Garbsen

© dieser Ausgabe 2015 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Simone Heller

Redaktion: Hannes Riffel

Korrektorat: Robert Schekulin

Titelbild: Tom Edwards [www.tomedwards.berta.me]

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36 | 12683 Berlin

golkonda@gmx.de | www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-92-9 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-942396-95-0 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Prolog

1. Kapitel – Der Mann, der keinen Schatten warf

2. Kapitel – Der Mann, der Schatten fürchtete

3. Kapitel – Goldfische

4. Kapitel – Mordende Schatten

5. Kapitel – Haie

6. Kapitel – Rote Ernte

7. Kapitel – Der Wendepunkt

8. Kapitel – Ursprung der Stürme

9. Kapitel – Das Schmieden

10. Kapitel – Im Turm von Yslsl

11. Kapitel – Der Jammer des folgenden Tages

12. Kapitel – Die Bluttaufe

13. Kapitel – Belagerung

14. Kapitel – Verträge und Beschwörungen

15. Kapitel – Omen

16. Kapitel – Zerbrochenes Schwert

17. Kapitel – Kinderstunde

18. Kapitel – Traum und Delirium

19. Kapitel – Göttin

20. Kapitel – Ihre Lippen leuchten rot ...

21. Kapitel – ... und ihr Lächeln bringt den Tod

22. Kapitel – Bluten soll es

23. Kapitel – Tore

24. Kapitel – Unter dem Sandmeer

25. Kapitel – Vergeltung

26. Kapitel – Desperado

27. Kapitel – Im Banne Yslsls

Weitere Bücher aus dem Golkonda Verlag

Für Bob Herford –

Dann treiben wir uns also nicht mehr herum

bis weit in die Nacht hinein …

Und des glücklosen Soldaten Seufzen

rinnt blutrot Palastgemäuer hinab.

– William Blake, London

Prolog

»Hier findest du keine Zuflucht.«

»Was?«

Der gehetzte Mann wirbelte herum und blickte erschöpft in das Zwielicht. Da, in der dunklen Ecke unter dem Steinpfeiler – eine schwarz gekleidete Gestalt, die er vorhin nicht bemerkt hatte, als es ihm gelungen war, sich mit letzter Kraft in den Schatten des uralten Turmes zu schleppen. Aus den dämmrigen Gassen, durch die er geflohen war, hallten bereits die Schreie seiner bewaffneten Verfolger herüber. Hier in der schwarzen Stille unter dem Turm hörte er nur das heisere Keuchen seines Atems und das leise Tropfen des Blutes, das von seinem Arm rann. Sein Schwert hob sich schwerfällig der Stimme entgegen.

»Es gibt hier keine Zuflucht für dich«, wiederholte die schwarz gekleidete Gestalt. »Nicht im Turm von Yslsl.«

Eine knochige Hand schlängelte sich aus der schattenhaften Robe und deutete auf den schwarzen Steinturm, der in den sternenlosen Nachthimmel ragte.

Der verwundete Schwertkämpfer ließ seinen Blick der Geste folgen und starrte an der schwarzen Masse des verlassenen Turmes hinauf. Der Turm sei älter als die Stadt Ingoldi, hieß es. Sogar älter als die Festung Ceddi, deren zerfallene Mauern den Turm einst umschlossen hatten. Schon lange unbewohnt und verlassen, gab er einen dankbaren Hintergrund für viele düstere Legenden ab. Und in dieser Nacht war sein gähnendes Tor mit der spinnwebenüberzogenen Wendeltreppe dahinter ein willkommenes Versteck vor den Fackeln schwingenden und waffenstarrenden Verfolgern.

»Was weißt du, alter Mann?«, knurrte der Gehetzte.

»Nur dass die Wachen, die deiner Blutspur folgen, keinen Augenblick zögern werden, den Turm zu durchsuchen. Im Netz von Yslsl gibt es kein Entkommen für dich. Der tapfere Orted wird hier seinen letzten Kampf ausfechten müssen, hier, wo ihm nur Spinnen und Fledermäuse den Rücken decken können.«

Der Krieger reckte die Schultern, die gut zu einem Stier gepasst hätten. »Du kennst mich also, alter Mann.«

»In ganz Shapeli kennt man Orted und seine Taten. Und jeder in Ingoldi redet über die Falle, in die du heute mit deinen Wölfen getappt bist, als du in die Stadt eindringen wolltest, um den Markt der Zünfte zu plündern.«

Der Bandit lachte verbittert auf. »Niemand aus dem einfachen Volk würde in Shapeli eine Hand gegen mich erheben – es war einer meiner eigenen Männer, der mich verraten hat.«

Er trat näher an die schwarz gekleidete Gestalt heran. »Aber ich kenne dich, Alter. Du bist ein Priester des Sataki mit deiner schwarzen Robe und dem goldenen Medaillon. Ich dachte, die Sataki versteckten sich in den staubigen Hallen von Ceddi und hielten sich abseits vom gewöhnlichen Volk.«

»Wir haben die Welt außerhalb von Ceddi nicht vergessen«, erwiderte der Priester. »Und wir sind keine Freunde derer, die die Armen ausbeuten, um weltliche Reichtümer anzuhäufen.«

In den knotigen Fingern, die an Orteds blutigem Ärmel zogen, lag eine überraschende Kraft. »Komm. Wir bieten dir Zuflucht in Ceddi.«

»Ist das eine weitere Falle? Ich warne dich – du wirst nicht lange genug leben, um dich an meinem Kopfgeld zu erfreuen.«

»Sei kein Narr! Ich hätte längst Alarm schlagen können, wenn ich deinen Tod wünschte. Komm. Deine Verfolger sind schon fast hier. Ganz in der Nähe gibt es einen geheimen Durchgang unter der Mauer.«

Da er nichts mehr zu verlieren hatte, folgte Orted der Hand, die an seinem Ärmel zerrte. Der Priester führte ihn tiefer in die Schatten des Turmes und über einen schuttbeladenen Hof zu einer eingefallenen Mauer. Eine Steinplatte schwang am Fuß der Mauer beiseite und legte Stufen frei, die in die Tiefe führten. Der Priester stieg ohne Zögern hinab. Mit einem unguten Gefühl folgte ihm der Banditenanführer. Man wusste nicht viel über die Sataki, und das Wenige, das über diesen alten Kult und seine Priester bekannt war, klang nicht sehr Vertrauen erweckend. Doch die Fackeln waren schon sehr nahe, und die Pfeile in Schulter und Hüfte zehrten an seinen Kräften.

Als er den düsteren Tunnel am Fuß der Treppe erreichte, schloss sich der Eingang über ihm lautlos. Orted fuhr herum, um zu sehen, wer ihn geschlossen hatte. Er spürte die schnelle Bewegung des Priesters hinter sich.

Dann nichts mehr.

Nach einer Weile nahm er seine Umgebung wieder wahr. Sein Hinterkopf pochte schmerzhaft. Kalter Stein presste sich gegen sein bloßes Fleisch. Seine Arme und Beine waren gestreckt und unbeweglich. Er öffnete die Augen.

Über ihm in der Dunkelheit hing ein nackter Mann, die Glieder weit ausgestreckt.

Orted schüttelte den Kopf und kämpfte gegen Schmerz und Schwindelgefühl an. Sein Blick klärte sich. Er sah, dass er in einen schwarzen Spiegel blickte, der über ihm an der hohen Decke hing. Der nackte Mann war er selbst.

Er lag ausgestreckt auf einem runden schwarzen Stein. Riemen hielten seine Hand- und Fußgelenke. Arme und Beine wurden in Vertiefungen gepresst, die in den schwarzen Stein geschnitten waren. In dem Spiegel über sich erkannte er die Schriftzeichen, die rund um den Rand des Steins eingemeißelt waren. Es waren die gleichen wie auf dem goldenen Medaillon des Priesters – das avellanische Kreuz in einem Kreis uralter Symbole.

Aber auf dem Kreuz lag er selbst, und dies war der Altar von Sataki.

Orted knurrte einen Fluch und zerrte an seinen Fesseln. Selbst wenn er nicht verwundet gewesen wäre, hätte es keinen Sinn gehabt.

Die schwarz gekleideten Gestalten, die den Altar umstanden, sahen auf ihn herab. Ihre Gesichter waren ausdruckslose weiße Flecken in den Schatten ihrer Kapuzen.

Orted brüllte sie an. »Wo bist du, du pockenzerfressener, verlogener Hurensohn? Ist das die Zuflucht, die du mir versprochen hast? Warum hast du mich nicht gegen die Wachen kämpfen lassen – das wäre ein sauberer Tod gewesen!«

»Es wäre ein nutzloser Tod gewesen«, zischte die vertraute Stimme. »In diesen düsteren Zeiten sind Opfer schwer zu finden. Meine Brüder sind nur noch wenige und zu alt. Monate ist es jetzt schon her, dass es uns zum letzten Mal gelang, einen Narren nach Ceddi zu locken, dessen Verschwinden niemandem auffiel. Auch wenn ein Leben des Banditentums und der Wegelagerei hinter dir liegt, tapferer Orted, dein Ende wird ein Akt des Dienens sein. Schon seit Jahren haben wir Sataki keine Seele mehr darbringen können, die so stark war wie die deine.«

Ohne weiter auf seine Flüche zu achten, begannen sie mit der Anrufung ihres Gottes. Mit einem wütenden Heulen riss der Bandit an seinen Fesseln – aber seine Schreie vermochten den dumpfen Gesang der Priester genauso wenig ins Stocken zu bringen, wie seine schweißtriefenden Glieder die Riemen zerreißen konnten. Orted, der sich nie um irgendwelche Götter geschert hatte, flehte zu Thoem, zu Vaul, zu all den anderen Göttern, deren Namen er kannte. Als die Angerufenen kein Interesse an ihm zeigten, wandte er sich an Thro’-ellet, den Siebenäugigen, an Tloluvin den Herrscher und an Sathonys und andere der Dämonenfürsten, deren Namen man besser nicht aussprach. Falls sie ihn hörten, unternahmen sie nichts.

»Unser Gott ist viel älter als jene, die du jetzt in deiner Verzweiflung anflehst!«, flüsterte höhnisch der Priester, der jetzt das Siegel des Sataki auf die Brust des Banditen malte. Den Pinsel tauchte er in das Blut aus Orteds offenen Wunden.

Ein bittersüßer Geruch hing in der Luft, betäubende Rauchschwaden zogen über den Altar und lähmten Orteds verzweifelten Kampf gegen die Fesseln. Der dröhnende Gesang, unverständlich für seine Ohren, schien leiser zu werden und sich zu entfernen. In dem schwarzen Spiegel über ihm trübte sich das Bild nach und nach ...

Nein. Aus dem Spiegel wallte schwarzer Nebel, der allmählich Gestalt annahm und Orteds Spiegelbild mit rauchigen Schwaden verdeckte.

Da schrie Orted. Mit aller Kraft bäumte sich sein Leib auf dem Altar auf, ohne auf den vernachlässigbaren Schmerz seiner Wunden zu achten.

Etwas wurde aus ihm herausgerissen ...

Der Kreis der Priester beendete seinen Gesang und zog sich erwartungsvoll einige Schritte zurück ...

Aber es geschah nicht das, was sie erwarteten – und selbst die schrecklichsten Aufzeichnungen der uralten Chroniken ihres Kultes konnten sie nicht auf das vorbereiten, was sich ereignete.

Mit tausend Fühlern strömte der Nebel aus dem schwarzen Spiegelrund herab. Wie Spinnweben aus Pech legten sie sich über die gemarterte Gestalt auf dem Altar. Und auf diesem düsteren Netz kroch der nur halb wahrnehmbare Schatten von etwas herab, das den bewegungslosen Mann verschlang. Altar und Opfer verschwanden in einer Wolke zuckender Finsternis.

Wer von den Zuschauern nicht längst geflohen oder vor Angst gestorben war, konnte später nicht sagen, wie lange der Schatten dort gehangen hatte. Demütig zusammengekauert verbargen sie ihre Gesichter in ihren weiten Roben. Wie es Namen gibt, die man besser nicht ausspricht, so gibt es Dinge, die man besser nicht betrachtet.

Und nach einer Zeit des Schreckens befahl eine Stimme: »Erhebt euch und seht mich an!«

Als die Priester des Sataki ihre vom Grauen gezeichneten Gesichter hoben, erblickten sie ein Wunder jenseits allen Verstehens.

1. Kapitel – Der Mann, der keinen Schatten warf

Der Markt der Zünfte in Ingoldi hatte seit drei Tagen seine Tore geöffnet. Mit ihrer zentralen Lage an den Handelsstraßen, die dieses von tropischen Wäldern bedeckte Gebiet durchzogen, war die Stadt der ideale Standort für dieses Ereignis. Aus ganz Shapeli reisten die Handwerker nach Ingoldi, um einmal jährlich ihre Arbeiten den abschätzenden Blicken der Kaufleute und Händler darzubieten, die aus dem Waldland und von noch weiter her kamen – wettergegerbte Seeleute, deren Handelsschiffe das Binnenmeer im Westen befuhren, dunkelhäutige Reiter, deren Karawanen über die endlosen Grasebenen der südlichen Königreiche zogen, wo das Waldland an Shapelis südlicher Grenze in die Savanne überging. Auch für diejenigen, die weder Handwerker noch Kaufleute waren, bedeutete der Markt der Zünfte ein großes Ereignis, eine willkommene Abwechslung in einem mühsamen bäuerlichen Leben. Aus unzähligen Städtchen und Dörfern kamen alle, denen es möglich war, für eine Woche des Vergnügens nach Ingoldi.

In Buden und Pavillons, auf Wagen und vor hastig aufgebauten Ständen, überall auf dem Platz der Zünfte und in den umliegenden Gassen feilschten Käufer und Verkäufer um die angebotenen Waren. Kostbare Pelzmäntel und Lederarbeiten, Ballen fein gewebter Baumwolle und kräftigen Linnens. Reisetruhen aus tropischen Harthölzern, in denen man das erworbene Gut sicher nach Hause bringen konnte. Kostbare Kämme aus Elfenbein und Schlangenhaut als Schmuck für das wundervolle Haar der Herzensdame. Geschirr aus Zinn und Kupfer, Töpferei und geblasenes Glas, hölzerne Tabletts und silberne Teller. Exquisites Geschmeide aus Silber und Gold, Smaragde und Opale und – um sie zu schützen – Hartholzbögen und eisenverstärkte Pfeile, Messer und Schwerter mit Klingen aus echtem Carsultyal-Stahl – bei Thoem, ich schwöre es, echter Carsultyal-Stahl!

Tavernen und fliegende Weinhändler versorgten die durstigen Massen mit Bier und Wein, Weinbrand und erlesenen Spirituosen. Frisches Obst und Gemüse, stark gewürzte Eintöpfe und Fleischspieße vom Holzkohlengrill sättigten Aussteller und Besucher. Unter den nachsichtigen Augen der Stadtwache gingen Taschendiebe und Beutelschneider ihrem Handwerk nach. Unternehmungslustige Huren versuchten, mit rauem Lachen und aufgesetztem Lächeln die Kaufleute von der Arbeit fortzulocken. Akrobaten, Schauspieler und Straßensänger bemühten sich, mit ausgefallenen Vorführungen ihrer Künste die Aufmerksamkeit der geschäftigen Menge zu erringen.

Der Markt der Zünfte war ein Gewirr froher Farben, exotischer Gerüche, schrillen Geschreis und dichten Gedränges. Über ganz Ingoldi lag die Atmosphäre eines ausgelassenen Festes, und der fehlgeschlagene Versuch Orteds und seiner Banditen, den Markt am vorigen Tag zu überfallen, gab schon kaum mehr Gesprächsstoff ab.

Doch Hauptmann Fordheir, der Kommandant der Stadtwache, vergaß den gescheiterten Überfall nicht. Fordheirs Bogenschützen waren es gewesen, unter deren wohlgezielten Pfeilen sich Orteds sorgfältig geplanter Raubzug gestern in ein Blutbad verwandelt hatte. Von dem hohen Kopfgeld für den Banditenführer in Versuchung geführt, hatte einer von Orteds Männen den geplanten Überfall verraten.

Ingoldi war eine träge, weitläufige Stadt, die Jahrhunderte des Friedens hinter sich hatte. Die Stadtmauer verfiel, ihre Steine wurden als Baumaterial verwendet. Auf dem Höhepunkt des Marktes der Zünfte sammelte sich hier ein unschätzbares Vermögen in Form von Münzen und leicht beweglichen Luxuswaren, dessen einzigen Schutz die unterbesetzte Stadtwache bildete. Orteds Plan war verwegen gewesen, aber das einfache Volk jubelte dem kühnen Banditen zu und wäre den reichen Kaufleuten und der bezahlten Stadtwache nie zu Hilfe gekommen. Warum sollte man es für Gold, das man niemals selbst besitzen würde, mit Banditenschwertern aufnehmen?

Orted hatte vorgehabt, hundert seiner Männer unter die Menge zu mischen, während er auf den Platz der Zünfte ritt. Die Augen des Verräters waren scharf gewesen wie die Fänge einer Natter, und als Orted mit seiner Bande in die enge Handelsgasse geprescht war, hatte er nicht einmal mehr die Hälfte seiner Männer zur Verfügung gehabt. Plötzlich waren aus Händlerkarren Barrikaden geworden, und hinter den Fenstern der überhängenden Handelshäuser waren Bogenschützen aufgetaucht. Für die meisten Banditen war es ein plötzlicher und schneller Tod gewesen.

Fordheir bereitete es Sorge, dass Orted selbst bisher entkommen war. Als die Falle zugeschnappt war, hatte der Banditenführer sein Pferd vor Fordheirs Augen in das Auslagenfenster eines Ladens gelenkt. Schon von zwei Pfeilen getroffen, hatte Orted es irgendwie geschafft, mit den Bogenschützen im Haus fertigzuwerden und dann durch das Labyrinth von Seitengassen und Hinterhöfen zu entkommen, während in der Stadt wilde Panik ausgebrochen war. Die Wache hatte ihn den ganzen Nachmittag und bis in die Nacht hinein gejagt, aber schließlich musste ihm wohl doch die Flucht geglückt sein.

Fordheir runzelte die Stirn, als er sich daran erinnerte, wie die Blutspur des Banditen auf unerklärliche Weise vor der Mauer der alten Festung Ceddi plötzlich verschwunden war. Eigentlich hätten sie Orted dort stellen müssen, aber irgendjemand hatte dem Verbrecher offenbar geholfen. Falls es einer seiner eigenen Männer gewesen war, hatte Orted die Stadt schon weit hinter sich gelassen. Aber es mochte auch sein, dass jemand aus der Stadt selbst dem Banditen Unterschlupf gewährte.

Fordheir hatte lange darüber nachgedacht, wie widersprüchlich Orteds Beliebtheit war. Für den einfachen Mann war er ein Volksheld – ein kühner Rächer, der nur seine Unterdrücker ausraubte. Fordheir gab wenig auf solchen Edelmut – was sollte man auch den Armen schon stehlen? Abgesehen davon wusste er genug über den Banditenführer, um auch die brutale, weniger pikareske Seite des blutigen Räuberhandwerks zu sehen.

Auf der anderen Seite waren Fordheir und seine Stadtsoldaten auch nur eine verachtete Söldnertruppe – von den Kaufleuten und den Aristokraten Ingoldis angeheuert, um in der Stadt die bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten. Für einen Hungerlohn, der nur dank gelegentlicher Bestechungsgelder für Unterhalt und Ausrüstung reichte, musste die Stadtwache die Bürger von Ingoldi voreinander schützen. Das gemeine Volk verspottete Fordheirs Männer, und der Adel verlangte lautstark Auskunft, wie es möglich war, dass Orted hatte fliehen können. Das reichte eigentlich, dachte Fordheir, dessen blondes Haar längst dünn geworden war und dessen Gelenke bereits die Gicht des Alters spürten, ihn mit Sehnsucht nach den Tagen seiner Jugend zu erfüllen, als er in die uferlosen Grenzkriege der südlichen Königreiche gezogen war. Aber ein alternder Söldner musste dienen, wo man ihn eben nahm.

Müde reckte er sich im Sattel und spreizte die Zehen in den ausgetretenen Stiefeln. Zusammen mit zwanzig berittenen Stadtsoldaten kehrte Fordheir nach einigen Stunden vergeblicher Suche vor den Mauern von Ingoldi in die Stadt zurück. Wenn man aus dem Wald kam, boten die hohen Giebel, die krummen Schornsteine und die Kuppelpaläste der Reichen dazwischen einen willkommenen Anblick. Die schwarzen Mauern von Ceddi ließen die düstere Festung neben dem feiernden Ingoldi wirken, als entstamme es einer anderen Welt.

Hinter ihnen lagen eine schlaflose Nacht und ein anstrengender Tag. Fordheirs müde Knochen schmerzten, sein Magen war übersäuert und seine Stimmung miserabel. Er musste sich eingestehen, dass ihnen der Banditenführer offenbar endgültig entschlüpft war. Aber ein gutes Essen, ein Krug Bier und ein paar Stunden in der Koje der Wachbaracke, und die Welt käme wieder ins Lot.

Ein Reiter galoppierte ihnen entgegen. An seinem dunkelgrünen Hemd und dem roten Streifen auf der Hose erkannte Fordheir ihn als einen seiner Männer. Er fragte sich, was seine Eile wohl zu bedeuten hatte.

Der Reiter war völlig außer Atem, als er sein Pferd neben Fordheir zügelte. »Leutnant Anchara befahl mir, Euch zu suchen, Hauptmann! Eine Gruppe von Sataki ist auf dem Markt. Sie halten eine Ansprache. Anchara glaubt, dass es Ärger geben könnte.«

Fordheir fluchte. »Wenn dieses hohlwangige Priesterpack während des Marktes nicht in seinen Steinlöchern bleibt, ist es nicht unsere Schuld, wenn die Menge sie in Stücke reißt!«

»Darum geht es nicht«, erwiderte der Gardist mit leichter Sorge. »Leutnant Anchara glaubt, dass das Volk hinter ihnen steht.«

»Bei Thoems Klöten! Den einen Tag sind es Banditen, den nächsten eine Bande querköpfiger Fanatiker! Denkt Anchara wirklich, wir müssten eingreifen? Er hat doch Männer da – warum nimmt er nicht die?«

»Ich weiß es nicht, Hauptmann. Aber da liegt wirklich irgendwas in der Luft. Leutnant Anchara glaubt, einige von Orteds Männern in den Reihen um die Sataki gesehen zu haben.«

»Leutnant Anchara glaubt! Warum fragte er nicht Tapper, ob es Orteds Männer sind? Dafür bezahlen wir diese kleine Schlange doch!«

»Unser Informant ist verschwunden, Hauptmann.« Ancharas Bote machte einen noch unglücklicheren Eindruck.

Fordheir spuckte angewidert aus. »Dann also das Ganze noch einmal von vorn. Vielleicht versucht Orted es ein weiteres Mal. Sehen wir uns die Sache an!«

Während er seinen Männern durch die engen Gassen von Ingoldi voranritt, fragte sich Fordheir, was hinter diesen neuen Unruhen stecken mochte. Soweit er wusste, verließen die Sataki ihre verfallene Zitadelle in der Regel nicht und zeigten wenig Interesse an der Außenwelt. Von Zeit zu Zeit flüsterte man sich zu, dass sie für das Verschwinden eines Straßenjungen oder eines betrunkenen Bettlers verantwortlich wären, aber bisher waren diese Gerüchte nie ernst genug gewesen, um Nachforschungen in ihrer Festung anzustellen.

Die Überlieferungen berichteten, dass die Sataki den Dämonengott einer alten Welt anbeteten und dass Ceddi (der Name bedeutete angeblich »Altar«) auf den Ruinen einer noch älteren Festung erbaut worden war, von der nur noch der Turm des Yslsl zeugte. Der Kult war gewiss sehr alt und inzwischen beinahe ganz ausgestorben. Der religiöse Fanatismus war erloschen, seit die Dualistische Häresie vor einigen Jahrhunderten das Feuer entfacht hatte, in dem das Serranthonische Reich untergegangen war. Heute beteten die Menschen des großen Nordkontinents, die nicht ohne Gott auskommen konnten, im Allgemeinen zu Thoem oder Vaul. Namen wie Sataki oder Yslsl gab es in keinem Pantheon mehr. Die nur selten auftretenden schwarzen Priester stießen beim Volk auf einiges Misstrauen, und nach der Dämmerung wagten sich nur wenige in die Nähe der Mauern von Ceddi. Obwohl man nichts Genaues über den Kult wusste, hielten sich doch unerfreuliche Gerüchte.

Der Platz der Zünfte war so überfüllt, wie Fordheir es noch nie erlebt hatte. In einem Umkreis von hundert Schritt stand die Menge so dicht beineinander, dass man kaum gehen konnte. Über der Menschenansammlung lag eine Atmosphäre unterdrückter Energie und anschwellender Spannung. Während er sich einen Weg zu Leutnant Anchara und seinen Männern bahnte, stellte Fordheir fest, dass ihm diese Atmosphäre gar nicht gefiel. Zu viele Köpfe hatten sich von den Geschäften des Marktes ab- und der kleinen Gruppe schwarz gekleideter Priester zugewandt, die eine Bühne in der Mitte des Platzes in Besitz genommen hatten. Auf diese Entfernung konnte Fordheir nicht hören, was die Sataki predigten, aber das zustimmende Gemurmel der Menge verhieß nichts Gutes.

Sein Leutnant begrüßte ihn mit einem nervösen Grinsen, als er vor ihm das Pferd zügelte. »Hoffentlich halte ich Euch nicht von wichtigen Angelegenheiten ab ...«

Fordheir schüttelte den blonden Kopf. »Keineswegs.« Anchara hatte schon vor einer Ewigkeit in den südlichen Königreichen unter ihm gedient. Fordheir gab viel auf das Urteil dieses Mannes. Und auch er hatte das Gefühl, dass hier etwas Bedrohliches vorging.

»Wie lange läuft diese Vorstellung schon?«

»Vor ungefähr einer Stunde habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass diese Horde auf eine Bühne geklettert ist und mit ihrer verdammten Predigt begonnen hat. Einige Leute versuchten am Anfang, die Kerle niederzuschreien. Aber wenn Ihr genau hinschaut, werden Euch in dem Kordon um die Bühne eine ganze Menge verdammt hässlicher Bastarde auffallen. Es gab ein Handgemenge mit den Schreihälsen. Ich habe mich noch gefragt, ob ich überhaupt etwas unternehmen muss, als mir einige Gesichter bei der Schutztruppe der Sataki auffielen. Der verdammte Tapper verlangte sofort sein Geld und machte sich davon, als wäre der Teufel hinter ihm her. Deshalb kann ich mir nicht sicher sein – aber ich könnte schwören, dieser große Bastard mit den Ohrringen ist einer von denen, die Tapper verpfiffen hat.«

Fordheir musterte die Truppe, die den Kordon um die Bühne bildete. Die schmutzige und bunt zusammengewürfelte Kleidung der Männer hatte ein gemeinsames Merkmal: eine Armbinde aus rotem Tuch, auf der ein mit schwarzer Tinte gemaltes »X« in einem Kreis prangte. Fordheir erinnerte sich vage, dass so das Siegel von Sataki aussah.

»Ihr habt recht«, sagte er zu Anchara. »Diese verrückten Priester haben sich da eine Bande ganz schön harter Burschen zusammengeholt, die für sie die Wachhunde spielen. Ich frage mich, woher sie das Geld haben, solche Kerle anzuheuern.«

»Ich schwöre, es sind Männer von Orted dabei.«

»Das können wir ja nachprüfen lassen. Wie lange hören die Leute ihnen schon zu?«

»Nun, wie ich erzählt habe, gab es am Anfang ein paar Zwischenrufer, aber die wurden schnell still. Dann blieben die Leute stehen, die zufällig in der Nähe waren, um sich anzuhören, worum es eigentlich ging. Einige zogen weiter, aber die meisten blieben. Die Menge wurde immer größer. Die Leute kamen her, weil sie wissen wollten, warum hier so viel los war. Inzwischen ist der Markt völlig vollgestopft, und niemand kommt noch zu den Ständen oder sonst wohin.«

»Dann treiben wir sie besser auseinander«, entschied Fordheir, der sich erinnerte, wer sie bezahlte.

Die Ansprache der Priester schien ihrem Höhepunkt entgegenzusteuern. Über die Köpfe der Menge wehten nur wenige verständliche Worte zu Fordheir herüber. Besonders oft hörte er das Wort »Prophet« und die Phrasen »ein neues Zeitalter«, »eine neue Welt der Finsternis«, »ein Prophet, den Sataki uns gesandt hat«, »er, der uns führen wird«. Fordheirs Blicke wurden von der großen Gestalt eines Priesters angezogen, der in der Mitte seiner Brüder stand – schweigend, reglos. Eine Kapuze aus schwarzer Seide verbarg sein Gesicht. Sein schwarzes Gewand war mit dem Siegel Satakis bestickt, sodass der Schriftkreis wie ein roter Ring um seinen Oberkörper lag und das avellanische Kreuz sich über Brust und Rücken erstreckte, mit dem Kopf im Mittelpunkt des »X«. Die Worte und Gesten der Priester schienen sich mehr und mehr auf ihren schweigenden Bruder zu beziehen. Die gespannte Aufmerksamkeit der Menge wandte sich nun der geheimnisvollen Gestalt zu.

Plötzlich brach die leidenschaftliche Ansprache der Priester ab. Fordheir hörte ihren Schrei: »Seht her! Der Prophet vom Altar!«

Mit einer dramatischen Geste streifte der schweigende Priester seinen Umhang ab.

Anchara schnappte nach Luft und streckte die Hand aus. »Bei Thoem! Seht Euch das an!«

Fordheir sah es. Alle sahen es.

Mit der Majestät eines Halbgottes stand Orted vor ihnen. Der Löwenschädel mit dem wilden, braunen Haarschopf und dem glatt rasierten Gesicht war nicht zu verkennen – allerdings sah er gepflegter aus, als es zu einem Banditenanführer passte. Die Arme in die Seiten gestemmt, gekleidet in eine enge Hose und ein weitärmeliges Hemd aus schwarzer Seide, wirkte er überlebensgroß. Das goldene Siegel Satakis hing vor seiner breiten Brust und glitzerte in der späten Nachmittagssonne. Sein stechender schwarzer Blick schweifte über die Gesichter in der Menge vor ihm, und er schien jedem direkt in die Augen zu sehen.

Er warf keinen Schatten.

»Lasst alle Straßen sperren, die vom Markt wegführen«, befahl Fordheir. »Und schickt einen Reiter zu den Baracken. Wir brauchen hier sofort jeden Mann. Ich begreife noch nicht, was das alles soll. Aber Orted ist kein Narr.«

Grimmig musste er feststellen, dass es kaum möglich sein würde, durch die Menge zur Bühne vorzudringen. »Wir müssen unsere Bogenschützen holen«, ergänzte er seinen Befehl. »Wir dürfen nicht zulassen, dass er in der Masse verschwindet und entkommt.«

»Hauptmann!« Ancharas Stimme klang unsicher. »Er scheint keinen Schatten zu haben.«

»Ich weiß.«

Auf dem Platz der Zünfte wurde es still. Die allgemeinen Überraschungsrufe angesichts des Auftauchens des Banditen waren abgeklungen. Die Atmosphäre des vergnügten Festes wurde von einer Aura der Verheißung und Verwunderung überschattet. In die eingetretene Stille hinein sprach Orted mit volltönender, deutlich vernehmbarer Stimme. Sein Tonfall war beherrscht.

»Ich bin der Mann, der einmal Orted war, von anderen als Bandit und Rebell bezeichnet. Dieser Orted bin ich nicht mehr. Ein Gott ist in mich gefahren, und sein Wille ist mein Wille, meine Worte sind seine Worte. Hört, was ich euch zu sagen habe, denn ich bin Orted Ak-Ceddi, der Prophet des Sataki!

Die Welt des Lichtes ist zum Untergang verurteilt, und die Götter des Lichts werden mit ihr vergehen, und die Kinder des Lichts werden mit ihren Göttern fallen. Vor dem Licht war die Finsternis, vor der Ordnung war das Chaos. Licht und Ordnung sind vergängliche Ausnahmeerscheinungen im natürlichen Zustand des Kosmos. Sie sind niemals von langer Dauer. Die Götter der Finsternis und des Chaos sind um ein Vielfaches älter und mächtiger! Vor ihrer Weisheit und ihrer Macht müssen die jungen Götter, die ihren Platz raubten, fallen.

Die Kriege der Götter finden außerhalb des menschlichen Begreifens und der menschlichen Wahrnehmung statt. Aber die Zeit ist nahe, da der Sieger hervortreten wird und die Unterlegenen der endgültigen Vernichtung anheimfallen. Der Tag wird bald kommen, an dem die Finsternis sich wieder über unsere Welt ausbreiten wird, an dem die nichtigen Götter der Menschen zerstört werden, und mit ihnen ihre Tempel und alle Narren, die in diesen Tempeln Schutz suchen.«

Die Schatten des Abends legten sich über den Platz. Sie kamen rechtzeitig, um die düsteren Worte des Mannes zu unterstreichen, der keinen Schatten warf. Fordheir spürte die Aura der Furcht, die sich der entsetzten Zuhörer bemächtigte. Die Stimme des Mannes hatte etwas Hypnotisches, das alle in seinen Bann schlug. Fordheir fühlte, wie sich eine beklemmende Hoffnungslosigkeit in seine Gedanken stahl.

»Es gibt nur eine einzige Hoffnung auf Rettung.«

Die dicht gedrängten Menschen verharrten in atemloser Stille.

»Die Kinder des Lichts werden mit ihren Göttern vergehen – aber die Götter der Finsternis werden all jene erretten, die sich ihnen unterwerfen und sie ehren. Unsere Welt wird in der Finsternis auferstehen, und für alle, die ihre Seelen der Finsternis verschreiben, wird es eine Wiedergeburt in dieser Welt geben. Für die Kinder der Finsternis wird ein neues Zeitalter anbrechen, und sie werden ihren Anteil an der Beute erhalten. Sie sollen die absolute Freiheit des Chaos kennenlernen, und sie sollen ein Leben führen wie Götter. Kein Vergnügen wird ihnen vorenthalten werden, keine Lust unerfüllt bleiben. Gefallene Götter sollen ihre Sklaven sein, gefallene Göttinnen ihre Konkubinen, und die Kinder des Lichts werden der Staub unter den Füßen der Kinder der Finsternis sein!«

Wilde Schreie hallten über den Platz.

Orted Ak-Ceddi wartete, bis die aufgeregten Rufe anschwollen, dann gebot er mit erhobenen Armen Stille.

»Sataki, der größte aller Götter der Finsternis, ist in mich gefahren, und er bittet mich, euch dies zu sagen: Dass er, Sataki, der von der Menschheit schon fast vergessen war, die Menschheit nicht vergessen hat. Dass er, Sataki, der Menschheit ihre Vergesslichkeit verzeiht, denn er weiß, dass die Menschheit zu lange von falschen Göttern verführt wurde. Dass er, Sataki, beschlossen hat, die Menschheit aus ihrer Unwissenheit zu führen, damit viele Tausend teilhaben am Triumph der Finsternis. Dass er, Sataki, mich, Orted Ak-Ceddi, auserwählt hat, sein Prophet zu sein und die Menschheit in das neue Zeitalter zu führen!«

»Die Männer sind auf ihren Posten«, flüsterte Anchara, der sein Pferd nervös neben das von Fordheir drängte. »Die Straßen sind abgeriegelt, aber wenn der Mob auf uns losgeht ...«

Fordheir spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. »Ich kann nicht sagen, dass ich begreife, was hier vorgeht«, bemerkte er grimmig. »Aber ich begreife, was unsere Pflicht ist. Die Bogenschützen sollen sich bereithalten, sobald der Befehl ergeht. Wenn wir dieser Sache ein schnelles Ende bereiten können, umso besser. Aber beenden werden wir sie.«

Orted Ak-Ceddi hob abermals die Arme, um die Menge zum Schweigen zu bringen.

»Sataki lässt euch weiter sagen: Er befiehlt, dass alle Menschen seinen Namen ehren und auf seinem Altar opfern sollen. Der Tag des letzten Sieges ist nahe, und Sataki befiehlt, dass die Kinder des Lichts von den Kindern der Finsternis vernichtet werden, so wie die Götter des Lichts von den Göttern der Finsternis vernichtet werden.

Dies ist Satakis Wille: Jeder muss wählen – Sataki oder den Tod! Allen Menschen, die seinen Namen ehren, gibt Sataki die Reichtümer und die Vergnügen dieser Welt und verspricht ihnen die Herrlichkeit des neuen Zeitalters, das bald kommen wird! Allen Menschen, die sich ihm nicht unterwerfen, gibt Sataki nichts als den Tod in dieser Welt und ewige Erniedrigung in dem Zeitalter, das kommen wird! Ihr Besitz und ihre Reichtümer fallen Sataki zu, und die, die ihm folgen, sollen diese Beute unter sich aufteilen! Und das einzige Gesetz soll sein: Diene Sataki und tu, was du willst! Und der einzige Befehl soll sein: Diene Sataki oder stirb!«

Die Menge tobte – überall brachen Handgemenge aus, da über die Botschaft Satakis Uneinigkeit herrschte. Die Lage drohte außer Kontrolle zu geraten, stellte Fordheir fest und begrub alle Hoffnung, den Banditen-Propheten schnell und still von der Bühne verschwinden zu lassen. Er gab den Bogenschützen, die sich so weit herangearbeitet hatten, wie die Menschenmenge es ihnen erlaubte, das Zeichen.

Eine Wolke von Pfeilen ging auf die Bühne nieder, zum großen Schrecken aller Umstehenden. Ein halbes Dutzend Schäfte trafen Orted Ak-Ceddi. Seine mächtige Gestalt schwankte unter der Wucht der Treffer, während die Eisenspitzen von seinem Körper abprallten. Schreie und wütende Rufe aus der Menge wurden laut. Der Prophet schaffte es, sich auf den Beinen zu halten.

»Er muss unter diesem schwarzen Zeug ein gutes Kettenhemd tragen«, wunderte sich Anchara.

»Wollt ihr mich töten, ihr Narren!«, donnerte der Prophet. Abrupt riss er sich das von Pfeilen zerfetzte Hemd von der Brust. »Stahl kann dem Fleisch nichts anhaben, das Sataki berührt hat!«

Orted Ak-Ceddi trug keinen Harnisch. Sein nacktes Fleisch wies keine Verletzungen auf, weder frische noch alte.

»Noch mehr Zauberei!«, keuchte Anchara. »Stahl hilft uns nicht gegen Zauberei!«

»Das werden wir bald genauer wissen!«, knurrte Fordheir. »Fertigmachen zum Vorrücken!«

Die Bogenschützen hatten innegehalten, verwirrt durch ihren Misserfolg.

Orteds Schrei übertönte den Aufruhr der Menge. Triumphierend hob er die Arme. »Seht, wie Sataki seinen Propheten schützt! So wird Sataki alle beschützen und belohnen, die ihm dienen! Wählt nun – Sataki oder den Tod! Wollt ihr Sataki dienen?«

»Sataki!«, brüllte die Menge.

»Sataki!«, rief der Prophet zurück.

»Sataki!« Der Schrei wurde lauter und lauter, ging in einen Singsang über.

»Dann bringt den Ungläubigen den Tod!«, befahl Orted über das Geschrei hinweg. Er wies auf die Bogenschützen. »Tod!«

»Tod!«, wiederholte die Menge.

Die Bogenschützen begriffen die Gefahr und versuchten, sich zur Haupttruppe der Stadtwache zurückzuziehen. Zu spät. Die Menge stand zu dicht gedrängt. Der Mob wandte sich gegen sie und schleuderte Steine und Stöcke. Die Bogenschützen schossen blind in die Masse tobender Körper.

Die Köcher waren gut gefüllt, aber es dauert, einen neuen Pfeil aufzulegen. Die meisten Bogenschützen kamen nicht mehr zum zweiten Schuss ...

Fordheir zog seinen langen Säbel. Das plötzliche Gemetzel ließ Übelkeit in ihm aufsteigen. Die Gewalt tobte sich auf dem überfüllten Platz in zahllosen einzelnen Kämpfen Mann gegen Mann aus. Die ersten Stände und Pavillons brachen unter dem Ansturm plündernder Meuten zusammen. Von seiner Bühne aus feuerte Orted Ak-Ceddi den Mob an.

»Können wir sie auseinandertreiben?«, fragte Leutnant Anchara.

Knapp hundert Berittene gegen einen blutrünstigen Mob? Hauptmann Fordheir wusste, dass seine Männer unter normalen Umständen mit dem Aufruhr fertig würden. Aber diesmal?

»Heraus mit den Säbeln«, befahl Fordheir. »Vorwärts. Macht sie nieder!«

Die Wache rückte, die Pferde im Schritt, gegen die aufrührerische Menge vor. Die Strahlen der untergehenden Sonne berührten ihre grimmigen Mienen und brachen sich in ihren rasiermesserscharfen Säbeln. Tausende wütender Gesichter reckten sich ihnen entgegen.

»Auseinander! Macht den Platz frei!«

Der Mob wich zurück, drängte sich gegen die nachrückenden Reihen weiter hinten, um den Hufen und Säbeln zu entgehen. Ein paar Plünderer versuchten, sich mit ihrer Beute in die Seitengassen in Sicherheit zu bringen.Ein Befehl wie ein Fanfarenstoß erging: »Für Sataki! Schlagt zu! Tod!«

»Sataki!«, brüllte der Mob. »Tod!«

Steine und Stöcke flogen, gefolgt von einigen Pfeilen. Messer und Knüppel erschienen in aufgebrachten Fäusten.

»Vorwärts!«

Säbel hieben auf die wütenden Gesichter ein. Hufe keilten nach zur Seite drängenden Leibern. Vor den Reitern lösten sich die ersten Reihen des Mobs in fliehende oder blutend auf dem Pflaster liegende Gestalten auf. Aber der Druck aus der Menge trieb die Menschen vorwärts. Sie standen zu dicht, um weglaufen zu können, und in den zusammengedrängten Menschenmassen ließen sich die Pferde nicht mehr manövrieren.

Die Wachsoldaten kämpften sich vorwärts durch Hunderte von Händen, die sie aus dem Sattel zerren wollten. Mit tödlicher Treffsicherheit hoben und senkten sich die geröteten Säbel. Doch der Mob drängte sich selbstmörderisch zwischen die Reihen der Wachen, löste sie auf und schloss kleine Gruppen der Reiter in der tobenden Menge ein. Pferde brachen wild wiehernd zusammen, rissen ihre Reiter mit sich in den Tod. Steine und geworfene Messer leerten einen Sattel nach dem anderen. Fordheirs Männer wehrten sich wie Skorpione gegen eine Armee von Ameisen. Sie schlugen wild um sich, und um sich schlagend begrub die Menge sie unter sich.

Am Rand des Platzes, wo der Mob mehr Gefallen an der Plünderung eines Juwelierstandes fand, als sich gezückten Säbeln entgegenzuwerfen, gelang es den überlebenden Wachsoldaten, sich noch einmal zu sammeln. Kaum zwanzig Männer blieben Fordheir noch, alle erschöpft und verwundet. Sie waren von der heulenden Menge umgeben – wilden Bestien, in denen der Prophet die angeborene Lust des Menschen an der Gewalt freigesetzt hatte.

Leutnant Anchara war von einem Schlag über die Augen halb geblendet. Mechanisch wischte er sich das Blut ab und band sich ein Tuch um den Kopf. »Können wir uns da durchschlagen?«, fragte er benommen.

Fordheir starrte zu den Straßen am Ausgang des Platzes hinüber, wo Mord und Plünderung sich langsam auf die Stadt auszuweiten begannen. Dann schweifte sein Blick über den Mahlstrom wilder Gestalten, die sich um die letzten Wachen drängten. Jeder Knochen tat Fordheir weh, und er sehnte sich verzweifelt nach einem Krug kühlen Bieres.

»Ich denke, das werden wir nicht schaffen, Anchara«, antwortete er. »Für jeden kommt einmal die Zeit zum Sterben. Ich glaube, diese Zeit ist jetzt für uns gekommen.«