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Bente Melisander

Liebe in vollen Zügen

Roman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Traumreise

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hush now don’t you cry
Wipe away the tear drop from your eye
You’re lying safe in bed
It was all a bad dream spinning in your head

Your mind tricked you to feel the pain
Of someone close to you leaving the game of life
So here it is, another chance
Wide awake you face the day
Your dream is over...or has it just begun?

 

 

 

Reservierung

 

Auf Interrail ist man in einer permanenten Erwartungshaltung. Wie wird es sein? Was werde ich sehen? Und wenn man angekommen ist, plant man bereits die Weiterreise, ist man in Gedanken schon am nächsten Ziel. Was kommt ist wichtiger als das, was ist. Und du verlierst den Blick für die Gegenwart.

 

 

1.

 

Das Mädchen hat schwarze Haare, aber sie ist blond. Ich kenne sie.

Wie geht es ihr und was macht sie nach der Schule?

Schweigend, lächelnd geht sie an mir vorbei. Sie ist wunderschön.

Ich bin hier, möchte ich sagen, suchst du mich? Ich muss zu meinem Vater. Ich sehne mich nach Bewegung, aber ich will nicht nach Hause, weil dort jemand auf mich wartet. Niemand wartet. Ich hoffe, dass sie aus dem Fenster schaut, sich auf der Schwelle umdreht oder mich einfach nur ansieht, doch sie sieht mich nicht.

Wer bist du?, sage ich, oder denke ich es nur? Und sie antwortet etwas, oder es ist vielleicht auch nur in meinem Kopf, aber ich höre: »Die Fahrkarten, bitte.«

Es knallt und ich bin wach. In der Tür zu unserem Abteil steht der Schaffner. Nicht das Mädchen. Ein Traum. Nur ein Traum.

Niedersachsen ist am Ende, nächster Halt Amsterdam.

»Du kannst auch überall pennen, oder?«, sagt Chris. Es klingt wie ein Vorwurf.

»Ich bin viel zu früh aufgestanden«, sagte ich. Und außerdem schlafe und träume ich viel zu gerne. Träume von meiner Freundin, die ich nicht habe. Das sage ich aber nicht.

Wir zeigen unsere Tickets. Der Schaffner bedankt sich und wünscht uns eine gute Fahrt. Kaum ist die Tür wieder zu, grinst mich Nina an.

»Ich glaub das ja immer noch nicht, dass wir tatsächlich unterwegs sind«, sagt sie aufgeregt. Sie sitzt so aufrecht in ihrem Sitz, als hätte sie ein Brett im Rücken. Ihre kurzen dunkelblonden Haare hat sie hinter die Ohren gestrichen. Wenn sie grinst, bekommt sie ganz schmale Augen und einen breiten Mund, die Lippen fest zusammengepresst. Ich denke dabei immer an Meg Ryan.

Unter ihrer dunkelgrünen Windjacke blitzt weiße Schrift auf einem grauen T-Shirt. who killed Laura lese ich. Links fehlt I know und rechts Palmer. Das Bekenntnis des Spielverderbers auf ihrem T-Shirt wird besonders bei den Wörtern who und Laura in die Breite gezogen. T-Shirt. Habe ich genug dabei? Ein wenig zu spät, darüber nachzudenken. Sieben T-Shirts für vier Wochen. Wenn ich jedes T-Shirt zwei Tage anziehe, muss ich erst in Madrid waschen. Bei Unterhosen und Socken passt die gleiche Rechnung. Eine Jeans, zwei Shorts, Badelaken, Händehandtuch, und voll ist der Rucksack.

Im Gang vor den Abteilen trampeln sich die zugestiegenen Fahrgäste beinahe über den Haufen. Nicht wenige tragen große Rücksäcke, Schlafsack oben, Zelt unten, Trinkflasche in der Seitentasche, Schuhe mit den Schnürsenkeln an den Laschen festgebunden.

Vor dem halb heruntergezogen Fenster knattert der Wind. Unseren ersten Tag auf Achse habe ich mir anders vorgestellt, mit Sonne und blauem Himmel, Hitze und Alkohol. Sollten wir nicht ein paar Bier öffnen? Flo hatte versprochen, einen Sechserträger mitzubringen, für jeden ein Bier, um auf die große Fahrt anzustoßen. Doch es scheint, als habe uns der Regen auch die Lust auf Bier vermiest.

»Wir haben es uns auch unheimlich leicht gemacht«, sagt Flo. »So können wir immer die Sechserzimmer in den Jugendherbergen mieten.«

In seiner Stimme liegt unangebrachte Ironie. Er ist schließlich im Dezember als letzter zu unserer Gruppe gestoßen und hat unsere Gruppe erst so groß gemacht. Aber zu fünft hätten wir es auch nicht leichter.

Ich bin der Einzige, der Flo nicht Koffer nennt. Seinen Nachnamen zu Koffer zu verballhornen, so wie Nina und Britta es machen, klingt irgendwie abwertend und weit hergeholt. Aber immer noch besser als auf Christians Art, der ihn gerne beim Nachnamen nennt. Trelkowski. Flo ist netter und vor allem kürzer.

Flo dreht selber, raucht Kette, hält einen Mercedes schlicht für ein Fortbewegungsmittel und schwärmt von der sozialistischen Revolution. Sein Vater ist Abteilungsleiter bei einem Zulieferer für die Automobilindustrie, dem größten Arbeitgeber in Holzenheim. Flo hat stets einen blöden Spruch auf den Lippen und lässt seine Hemden immer offen, damit man seine behaarte Brust unter dem tief ausgeschnittenen T-Shirt besser sehen kann.

Manchmal glaube ich, er fährt am Wochenende nach Hamburg in die Hafenstraße und schmeißt zusammen mit Hausbesetzern Steine auf die Polizei. Er hat trotz seines proletenhaften Verhaltens immer etwas Elitäres, Distanziertes.

Er redet nicht viel und seinem Schweigen entnehme ich abgrundtiefe Verachtung für die pubertären Spielchen in unserem Jahrgang. Ich bewundere ihn manchmal für seine Coolness, auch Christian redet immer mit viel Respekt von Florian, der als einziger in meinem Freundeskreis einen so dichten Bartwuchs hat, dass er sich jeden Tag rasieren müsste.

In diesem Punkt tut er mir ein bisschen leid, aber ich versuche mir diese Abneigung gegen Körperbehaarung nicht anmerken zu lassen. Nur einmal ist mir ein ‚haariger Affe’ herausgerutscht. Daraufhin habe ich mir von ihm anhören müssen, ich könne mich mit einem trockenen Brötchen rasieren.

Stört mich nicht.

Florian war nie ganz Teil unserer Clique, und es überrascht keinen, dass seine zahlreichen Freundinnen nicht auf unsere Schule gehen.

»Aber es gibt doch kaum Sechserzimmer«, sagt Britta mit großen Augen. Wieder einmal hat sie ihre mittellangen, dunkelbraunen Haare mit einer silbernen Spange gescheitelt. Braves Mädchen.

Sie hat die Ironie in Florians Stimme nicht erkannt, aber das ist nichts Neues. Ich halte sie insgeheim für eine naive, dumme Nuss, die sich in der katholischen Dorfjugend engagiert.

Vor einem Jahr wurde der Kontakt zwischen uns enger. Das lag an einem von meinem Biolehrer nur spöttisch Kuppelvirus genannten Phänomen.

Es infizierte kurz nach den Sommerferien unseren Jahrgang. Nina und Christian kamen zusammen, Ninas beste Freundin Bettina und der Rüpel des Jahrganges wurden ein Paar. Und in der zweiten Clique meines Jahrgangs, bei den Strebern, fanden sich ebenfalls zweimal zwei Herzen, selbst ich wurde leider von diesem Virus angesteckt.

Britta wiederum fand in Oliver, einem Freund von Christian und mir, ihre verlorene Hälfte. Ihr Traummann, unser Traumpärchen. Beide katholisch und aus Dubbelode, einem Kaff vor den Toren unserer Kleinstadt. Dubbelode – wer aus diesem Dorf kommt, kann nur einen Schuss haben. Klingt wie eine Krankheit. Entschuldigung, sagt der Arzt nach der Untersuchung, aber Sie haben Dubbelode.

Jeden Morgen kamen sie mit dem Schulbus, jeden Nachmittag fuhren sie wieder zusammen zurück. In der Folge wurden die Partys, die regelmäßig im Haus von Christians Eltern stattfinden, um einige Personen erweitert.

Nina brachte Bettina mit. Ihr Freund, der Rüpel, entpuppte sich nach dem Fall einiger Masken als handzahm. Er war mit dem langhaarigen Musiker unseres Jahrgangs befreundet. Der Musiker kannte Florian. Florian war schwer in Ordnung. Die Kontakte verschränkten, das Netz verdichtete sich.

Der Kuppelvirus grassierte ein Jahr, bis wir nacheinander immun wurden. Die ersten Anzeichen der Resistenz zeigte ich bereits nach einem Monat, anschließend brachen die Beziehungen Schritt für Schritt auseinander. Bettina und Rüpel – Geschichte. Streberherzen – gebrochen. Christian und Nina sind die letzten Infizierten, denn kurz vor unserem Interrailurlaub trennten sich auch Oliver und Britta.

Wochenlang erlebten wir eine griechische Tragödie auf dem Schulhof. Tränen, Flehen, Flüstern, die Kann-ich-dich-mal-sprechen-Frage, die Partys, auf denen Oliver stundenlang mit Britta im Garten stand und sich anhörte, was er nicht wissen wollte. Hoffnung in Brittas Augen, Distanz in Olivers Blick, und die ersten blöden Witze über sie. Wir waren dennoch in dieser Konstellation losgefahren.

Oliver war schließlich unser Freund, ohne den wir nicht fahren wollten. Ohne Oliver, der sich zwei Wochen vor der Fahrt den linken Arm gebrochen hat und auf der Reise einen leichten, unkomplizierten Gips um den Unterarm trägt, blättert in einem Buch von T.C Boyle, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Wir finden, dass er sich damit von seinem Vater abgrenzen will, dem Autoverkäufer, dem Proleten. Sein größtes Ziel ist ein Medizin- oder Jurastudium in Hannover mit dem Geld seines Vaters. Christian betont gerne, dass Olivers Unterhose mehr kostet als mein gesamtes Outfit.

»Das war ein Scherz, Britta«, sagt Oliver, schlägt sich mit der freien Hand an die Stirn und zieht eine Grimasse.

»Dafür gibt es Sechserabteile, vor allem in Schlafwagen. Ist doch super«, sagt Christian. So kenne ich ihn. Loyal, nie auf Streit aus. Lange Jahre war Christian mein einziger Verbündeter. Immer auf der Suche nach dem Mädchen, das ihm gefiel und dem er sich anvertrauen konnte. Genauso erfolglos wie ich, genauso wählerisch, genauso einsam.

Zusammen gehen wir jede Woche ins Kino oder gucken nächtelang Video. Anschließend reden wir nicht über die Filme, das brauchen wir nicht. Wir verstehen uns wortlos. Meine Mutter kam einmal sogar in mein Zimmer, um zu sehen, was wir so treiben. Nichts, natürlich, außer Video gucken. So ein Quatsch, als ob ich jemals mit Christian irgendetwas treiben würde.

Ich mag Christian wie einen Bruder.

Wir waren eines Abends bei Oliver auf einer Party und hatten die Nacht durchgemacht. Morgens saßen wir im Arbeitszimmer von Olivers Vater auf unseren Schlafsäcken und quatschten über Mädchen. Wir hatten beide Beulen in den Unterhosen. Nichts war passiert. Was wir so treiben. So ein Quatsch. Wir waren Leidensgenossen. Mehr nicht.

Bis zu dem Sommer vor einem Jahr, als er Nina fand. Sie wohnt bei ihm um die Ecke. Das ist sehr bequem. Manchmal glaube ich, diese Bequemlichkeit spielt eine größere Rolle als ihr Charakter, ihr Aussehen oder ihre Liebe. Aber das streitet Christian ab. Nur einmal hat er mir nach einer dieser Fragen Neid vorgeworfen, weil er eine Freundin hat und ich nicht. Dabei gönne ich ihm sein Glück mit Nina wirklich.

Der Zug rattert über eine Weiche, schwankt, lärmt. Jemand reißt die Tür zum Abteil auf. Ein verpeilt aussehender Typ mit langen Haaren und Grungebart lässt seinen Blick über die sechs belegten Plätze gleiten. Wie zugedröhnt musst du sein, um nicht schon vom Gang aus zu sehen, dass hier kein Platz mehr ist. Wortlos schließt er die Tür wieder, zu schwungvoll, denn sie springt wieder auf. Im Gang raucht jemand. Christian beschwert sich und zieht die Abteiltür zu.

Ich habe nicht gedacht, dass wir mal zusammen in den Urlaub fahren. Doch es ist die einzige Rettung in diesem Sommer. 31 Tage lang muss ich nicht die Stufen zu unserer kleinen Wohnung in der vierten Etage in der hässlichsten Wohnsiedlung von Holzenheim nehmen, mich nicht in mein schmales Bett legen, meiner Mutter nicht beim Heulen in der Küche zuhören.

Der letzte Urlaub mit meiner Mutter war ein Alptraum. Wir haben meine Großeltern besucht, letzten Sommer. Nur sie und ich, und zuhause wartete die Austauschschülerin von Nina, eine niedliche Französin, die mich so sehr fasziniert hatte, wie kein fremder Mensch zuvor, der ich auf einer Party in den ersten Ferientagen die Frage stellte, was Cul hieße, Teil des Titels eines Film von Roman Polanski, und Britta, die immer besser Französisch sprach und Francoise, die Austauschschülerin, kicherten verlegen.

Ich weiß, wie ich überrascht zurücklächelte. Ob ich keine Ahnung habe, was es bedeuten könne, und ich sagte, der Rest des Titels laute de Sac, Cul des Sac, und die beiden lachten, nicht verlegen, sondern freundlich.

»Das heißt Sackgasse«, sagte Francoise. »Und Cul alleine heißt Hintern.«

Als ich rot wurde, lachten Britta und Francoise wieder. Meine Mutter machte mit diesem blöden Trip zu meinen Großeltern nach München alles kaputt. Als ich zurückkam, war Francoise wieder in ihrer Heimat und ich um eine Chance ärmer. Nie wieder fahre ich mit meiner Mutter in den Urlaub, ich werde sie nicht einmal anrufen, ich werde ihr einen Brief schreiben und sie bitten, mich in Ruhe zu lassen.

Der Zug rattert unruhig über eine Weiche. Vor dem Fenster huscht eine Landschaft vorbei, regennass, dunkelgrün, satt und von Zäunen begrenzt. Ab und zu ein rotes Haus. Kulissen, ohne Tiefe, abgetrennt von einer dünnen Scheibe aus Glas, durch die du alles sehen und nichts anfassen kannst. Dir bleibt, zu staunen und dich von dem, was du siehst, erregen zu lassen.

»Was erwartet ihr von diesem Urlaub?«, fragt Nina grinsend. Ich will irgendetwas Kluges antworten, aber mir fällt so schnell nichts ein. Ein Ticket und ein Rahmenplan: Fünf Länder in vier Wochen. Was erwarte ich? Was? Anzukommen?

»Ich erwarte, dass ihr euch benehmt«, sagt Flo ungerührt und holt ohne aufzusehen aus seiner Jackentasche einen Beutel Tabak. Oliver prustet vor Lachen. Ach, ich wäre gerne so cool wie Koffer.

»Nee, jetzt mal ehrlich, was erwartet ihr?«

Christian kratzt sich am Kopf. »Kannst du nicht einmal versuchen, weniger gezwungen tiefsinnig zu sein?«

»Du bist so blöd.« Nina wirft trotzig den Kopf nach hinten Sie hat ein paar Kilo zu viel auf den Rippen, was sich besonders bei ihren großen Titten bemerkbar macht, aber Christian scheint das zu mögen, jedenfalls hat er sich noch nie abfällig über ihr Gewicht geäußert. Für mich wäre das nichts. .»Also, ich will, dass wir uns bis zum Schluss gut verstehen.«

Britta nestelt an ihrem Pullover. »Ich will neue Eindrücke gewinnen.«

»Ich erwarte, dass ihr mein Zelt nicht ruiniert…«

»…weil es deinem Nachbarn gehört, ich weiß«, sage ich. Das hat er mindestens drei Mal erzählt. Wer soll schon sein Zelt kaputt machen?

»Ich hab gehört, dass in italienischen Zügen das Gepäck aus dem Zug geworfen wird, nachdem es ausgeplündert wurde.«

Oliver winkt ab. »Nina, du liest zu viel Mumpitz. Mach dir keine Sorgen.«

Florian wickelt Tabak ein, leckt das Papier der Länge nach an und rollt es zu einer perfekten Röhre. »Außerdem fahren wir überhaupt nicht nach Italien.«

Wohin fahren wir? Haben wir überhaupt ein Ziel? Oder wollen wir nur unterwegs sein, ohne anzukommen. Wenn überhaupt jemand ein Ziel hat, bin ich das. Aber das muss ich ihnen nicht erzählen. Vielleicht weiß ich es auch selbst nicht.

»Wollen wir eigentlich ins Disneyland?«, fragt Nina. Ich habe davon gelesen, es hat erst seit ein paar Wochen geöffnet. Die Feier war überall in den Medien. Kulturimperialismus, und das auch noch in Frankreich. Wieso eigentlich nicht Frankreich? In der Mitte Europas?

Britta ist nicht begeistert.

Ich hätte nichts dagegen. Ein großer Spielplatz voll mit Micky-Maus-Figuren. Das hört sich doch aufregend an. Vielleicht auf dem Rückweg, beschließen wir.

Was erwartest du? Ich erwarte eine Antwort, erwarte, dass ich Frieden finde, einen Ausweg aus meiner Sackgasse. Ich erwarte Freiheit. Und ein wenig freue ich mich auf das Unbekannte.

Ich freue mich darauf, meinen Big Mac bald in Gulden, Francs, Peseta und Escudo zu bezahlen und meine Unterschrift auf Rechnungen in Französisch, Spanisch und Portugiesisch zu setzen. Hoffentlich kann ich mit meiner brandneuen EC-Karte problemlos Geld aus den Automaten in Amsterdam, Paris, Madrid und Lissabon ziehen.

 

2.

 

Die Bremsen quietschen erst wieder in Amsterdam, gerade als die Wolkendecke aufbricht und Sonnenstrahlen durchlässt. Keine Zeit zum Nachdenken. Mein Rucksack ist so leicht wie eine Feder. Auf dem Vorplatz des Bahnhofes mache ich den ersten Schritt in die große, weite Interrail-Welt.

Ich bin wacher als sonst, meine Augen gieren nach Licht. Nur in meinem Hinterkopf schwirrt plötzlich der Name eines Platzes herum wie eine hektische Stubenfliege an einer schmutzigen Fensterscheibe: Leidseplein.

Vor ein paar Jahren las ich auf dem Cover eines Pornos, dass sich auf dem Leidseplein die Schwulen treffen. Leidseplein, der Ort für ausgelebte erotische Fantasien. Jetzt bin ich diesem Ort näher, als jemals gedacht. Auf dem Bahnhofsvorplatz in Amsterdam mache ich einen großen Schritt in eine neue, nie gedachte Fantasiewelt.

Der erste Geldautomat spuckt holländische Gulden aus. Ich hebe Geld für Britta ab, die ihre Urlaubskasse auf mein Konto eingezahlt hat. Ich hätte im Gegensatz zu ihr eine EC-Karte, zudem doch auch bestimmt nichts dagegen und keinen besseren Vorschlag. Dumme Nuss. Keine eigene EC-Karte.

Der Wind fegt unangenehm kühl über den Bahnhofsvorplatz, über den unablässig Straßenbahnen rumpeln. Ein Sommerurlaub fühlt sich anders an. Christian schimpft auf seinen Schlafsack, der immer wieder von seinem Rucksack rutscht. Oliver fragt, wer ihm den Ghettoblaster abnehmen kann. Wenn wir nicht nur Phillip Boa und New Model Army hören würden, täte ich es. Geht aber nicht, weil ich keine Kassetten dabei habe.

Florian will direkt zum ersten Coffeeshop, Oliver auch, die anderen zur Jugendherberge. Florian und Oliver haben das Nachsehen. Die zweite Entscheidung: Einzelfahrten? Tageskarte? Gruppenticket?

Nina will ein Tagesticket für 10 Gulden kaufen, um nicht zu viel zu Fuß gehen zu müssen. Oliver hält die Distanzen zwischen Museum, Kanälen und Herberge für zu kurz, um mit der Straßenbahn zu fahren. Mir ist es egal, Christian auch, Florian denkt an die Urlaubskasse, Britta sowieso. Oliver setzt sich durch. Einfache Fahrt.

Eine Straßenbahn trägt uns zur Jugendherberge am Vondelpark. Kein Familienzimmer verfügbar, wir müssen mit Etagenbetten im Schlafsaal vorlieb nehmen. Kiffen ist auch im Bistro nicht gestattet. Pizza hat für Florian und Oliver nur zweite Priorität.

»Erst ne Runde absoften«, sagt Oliver. Fahrig wischt er sich mit der Gipshand eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er wirkt gehetzt.

»Und dann langsam um die Ecke ditschen«, ergänzt Florian. Er raucht gelassen eine Selbstgedrehte.

Links Kanal, rechts Fahrradweg, Touristen queren, die Stadt ist voller Autos mit Parkkrallen, Brücken, Kontorhäuser, Verkehrsschilder auf Holländisch. Christian und Nina motzen sich an.

Sie sind seit fast einem Jahr zusammen, seine erste richtige Freundin für mehr als Händchenhalten, mehr als Rumknutschen, für den ersten Sex. Zu Beginn war ich mehr als eifersüchtig, denn Nina ist auf eine merkwürdige unregelmäßige Weise hübsch. Manchmal gefällt mir ihr breites, augenloses Grinsen, sehe ich ihre bemerkenswert großen Brüste, die bei jedem Schritt auf und ab wippen. Doch wenn ich es mir selber mache, denke ich nie an Nina.

Ihr leichtes Übergewicht, ihre spröde Art, ihre kurzgeschnittene, blondierten Haare und die vielen Leberflecke auf den Armen sind nicht Teil meines Traums. Ansonsten komme ich sehr gut mit Nina aus und rede ich gerne mit ihr.

Mich regt nur manchmal auf, dass sie nicht sofort versteht, wovon ich rede. Aber wer tut das schon. Vielleicht drücke ich mich auch immer zu undeutlich aus. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass ich nichts zu sagen habe.

Christians ständiges Problem ist, wie er mir unter der Hand gerne erzählt, Nina zu verstehen, doch besonders rätselhaft bleibt ihm, warum sich Nina im Herbst den Spaß an Twin Peaks verdorben und zu Beginn der Serie auf der Teletext-Seite von SAT.1 den Namen des Mörders nachgelesen hat.

Nicht selten hat sie Christian im letzten Herbst aus der Reserve gelockt, indem sie ihm immer wieder androhte, den Namen des Mörders laut auszusprechen. Und jeden Freitagabend um Viertel nach Neun hoffte ich, sie würde es wenigstens erst tun, wenn sie alleine waren. Zur Beginn der zweiten Staffel verriet sie es ihm schließlich, und weil Christian nicht alleine leiden wollte, trompetete er den Namen gleich im Anschluss aus. Es war ein verdammt mieser Herbst.

Neben mir zupft Britta Fäden aus ihrem Pulli. Zwischen jedem Faden ein Blick zu Oliver. Seinem Vater gehört eine Reihe von gut laufenden Autohäusern in der Provinz. Volkswagen ist für ihn keine Marke wie die anderen, es ist eine Lebenseinstellung. Ein Automobil für den bodenständigen Mann.

Er pilgert nach Wolfsburg und betet jeden Sonntag in der Dorfkirche. Doch sein heimlicher Götze ist der Mammon. Ich mag seinen Vater nicht, einen lauten, ziemlich übergewichtigen Mann mit einem zu großen Selbstbewusstsein, eine Mischung aus Helmut Kohl und Dieter Thomas Heck. Zum 18. Geburtstag hat er Oliver einen nagelneuen Golf III geschenkt. Für Oliver eine Selbstverständlichkeit. Seitdem kommt er nicht mehr mit dem Bus zur Schule. Nicht mehr mit Britta. Christian und ich sehen da einen Zusammenhang.

Oliver und Florian sind immer zwei schnelle Schritte voraus. Schwarzer Afghane oder Roter Libanese oder doch lieber Gras - sie werden aufgeregter, je näher wir einem Coffeeshop kommen. Die Tür zum Paradies, zwei Kinder im Spielzeugladen, das Schlaraffenland.

Vierzig Gulden später sitzen wir in einem Touristenrestaurant. Das erste Mal gehen wir in einem Restaurant essen.

Und nachdem wir die Rechnung gesehen haben vermutlich auch das letzte Mal. Für Interrailer viel zu teuer. Allein die Getränke kosten das Doppelte dessen, was wir zuhause dafür bezahlen.

Im Vondelpark vor der Herberge dreht Florian den ersten Joint meines Lebens. Dazu klebt er drei Blättchen aus seinem Zigarettenpapier zusammen, rollt aus einem Stück Pappe einen Filter und legt feingeschnittenen Tabak in die Rinne. Mit dem Feuerzeug erhitzt er das Haschisch.

Ein würziger Duft breitet sich aus. Niemand im Park nimmt Notiz von uns, obwohl wir wissen, dass öffentliches Kiffen nicht erlaubt ist. Schließlich leckt er die Klebefläche des Blättchens an und rollt den Joint zusammen, zwirbelt sogar die Spitze zwischen den Fingern. Ein Bild von einem Joint. Mein Herz klopft aufgeregt. Florian und Oliver erklären, wie es geht.

Rauch in die Mundhöhle saugen. Mund öffnen, dann erst einatmen. Ganz tief. Ich muss nicht husten. Stattdessen fliegen mir beinahe die Augen aus dem Schädel. Der Joint kreist. Nina nimmt einen Zug, Christian, Oliver, Britta nicht, dann Florian und wieder ich. Aus dem Ghettoblaster dröhnt Phillip Boa, live im Exil on Valletta Street. Was immer das auch heißt. Das Gras in meiner Hand ändert plötzlich seine Struktur. Die Vögel in den Bäumen werden laut. Ich spüre ein Kitzeln in meinem Bauch. Florian grinst unter seiner Kapuze.

»Na, Ralle? Wirkt er schon?« Er betont jeden Buchstaben. Das ist ziemlich komisch. Das Kribbeln in meinem Bauch wird zu einem Kitzeln und bricht als Lachen hervor. Der graue Himmel zieht blaue Schlieren, das Gras wächst hörbar.

Ich kichere, schmunzle, gröle und spotte. Brittas hellbraunes Haar ist ganz glatt, ihre Beine unendlich lang, Florians trockene Haut raschelt, Ninas Brüste wachsen unter ihrem bunten Pulli, Olivers Nase wird länger und länger und länger.

»Ich merk nix«, sagt Christian, bleibt ganz ernst, dabei hat er den besten Witz des Tages gemacht. Wieder und wieder purzele ich über die Wiese. Ich liebe Joints.

Vor dem Schlafengehen im riesigen Schlafsaal hockt sich Nina auf Christian und massiert ihm den Rücken, kniet sich Britta auf mich und drückt zaghaft meine Schultern. Ihre Griffe sind durch ihre Kraftlosigkeit unangenehm. Auch war die Belastung durch den Rucksack zwar ungewohnt aber bei weitem nicht so schmerzhaft, als dass ich eine Massage bräuchte. Warum massiert sie einen Betrüger, einen Hochstapler?

Fünf Minuten später wechseln wir, und ich berühre Brittas Rücken. Zwischen uns nur ihr rosa T-Shirt. Meine Hände sind nicht viel mutiger. Mein Mund ist trocken. Mein Hirn klebrig. Der Geschmack von Milch liegt mir auf der Zunge. Es ist gar nichts mehr komisch. Außerdem habe ich Hunger.

Mit knurrendem Magen lese ich in Stephen Kings letztem Gefecht, bis das Licht ausgeht. Das ABBA-Konzert ist toll, endlich ABBA, ich kann mein Glück gar nicht. Bin eine Magellansche Wolke, rot scheint sie im dritten Teil von Krieg der Sterne.

Endlich kann ich den Film sehen, wie er gedreht war, er ist schöner als ein Raumschiff, fliegende Raumschiffe. »Was machen Sie da?«

Ein Virus ist ausgebrochen, denkt er und ich weiß, dass ich nur eine Möglichkeit habe, zu überleben, ich muss den Zombies in den Kopf schießen, doch ich kann nur rennen. Meine Pistole hat ständig Ladehemmung, und ich schieße, aber die Zombies kommen näher.

Meine letzte Rettung ist die Schule. Ich verstecke mich in einem Gebäude, dabei weiß ich, dass ich das Abi nicht bekomme, weil ich die letzte Klausur nicht geschrieben habe.

»Das kann nicht sein?«

Das kann nicht sein, und als ich aufwache, weiß ich wieder, dass ich meine Fachhochschulreife habe und vorhabe, nach den Sommerferien die Schule abzubrechen. Irgendwo in der Nacht schnarcht jemand im Schlafsaal, ein anderer furzt.

Scheiß Träume. Nichts stimmte. Die Schule sah anders aus und ABBA geht nicht auf Tour. Zombies. Ladehemmung. Der Traum erinnert mich an damals, an meine Kindheit, als ich kontrollieren konnte, was nachts im Schlaf in meinem Kopf vorging.

Damals, als ich Klarträume hatte.

Die Traumbilder verschwinden.

Ich horche und lasse meine Hand in meine Unterhose gleiten. Dann stelle ich mir vor, wie ich aus der Herberge zum Schwulenstrich auf dem Leidseplein schleiche und von einem gesichtslosen Jungen angesprochen werde, wie ich dem jungen Typen in den Schritt greife und mich dann vor ihn knie, den Hintern in die Luft gestreckt. Nass klebt die dünne Decke an meinem Bauch. Noch zwei Träume bis zum neuen Tag. Ich freue mich darauf.

 

3.

 

Van Goch. Rembrandt. Heuhaufen. Goldhelm. Neben mir Britta, die immer dorthin sieht, wo Oliver nicht steht. Sie ist klein und traurig und viel zu still. Florian und Oliver denken an den nächsten Joint. Christian und Nina zicken sich an. McDonalds und Joint, Flaschenbier und Joint, Wachsfigurenkabinett und Joint. Und mit jeder Minute denke ich häufiger an den Leidseplein.

Ich weiß nicht, warum Nina und Britta nie Teil meiner Fantasie sind. Selten habe ich überhaupt ein konkretes Gesicht vor Augen, sondern blanke, alle Öffnungen penetrierende Geschlechtsteile in Großaufnahme. In den Tagträumen in der Schule frage ich mich manchmal, ob ich mit den Mädchen aus meinem Jahrgang schlafen würde. Verena, Maria, Melanie, Anne, Petra und Nina. Sie haben Pickel und spröde Lippen und sind kompliziert.

Keine ist so perfekt, so sehr nach meinen Vorstellungen, so sauber wie meine Fantasie, dass ich sie in meine Tagträume einschließe.

In einer Kneipe stocken Florian und Oliver ihren Vorrat an Schwarzem Afghanen auf. Sie lesen die in Plastik eingeschweißte Liste mit den angebotenen Drogen wie eine Speisekarte. Ich verschwinde auf die Toilette. Ein schummriges Loch. Bob Marley scheppert aus schlechten Lautsprechern.

An der Wand ein leerer Spender für Papiertücher, daneben ein Kondomautomat. Von drei Urinalen sind zwei mit aufgeschnittenen Müllbeuteln abgedeckt. Die Türen der beiden Toilettenkabinen haben die Kiffer der letzten Jahrzehnte mit obszönen Zeichnungen, Telefonnummern und blöden Sprüchen in allen Sprachen der Erde beschmiert. Es riecht nach Toilettenstein und kaltem Zigarettenrauch und ein bisschen nach Urin.

Rasch betrete ich die linke Kabine und schließe hinter mir ab. Meine Finger zittern, als ich den Gürtel öffne und die Hosen herunter lasse. Mit klopfendem Herzen lehne ich mich an die kalte Außenwand der Kabine und greife zu. Der Stromschlag jagt hinauf in mein Hirn.

Die Zeichnungen an der Trennwand variieren zwischen Abbildungen erigierter und gespreizter Geschlechtsteile, zeigen kopulierende Paare auf dem Niveau von schlechten Comics, darunter eine mit einem dicken Edding angefertigte Zeichnung einer Katze mit hocherhobenem Schwanz. In einer Ecke prangen völlig absurde Landschaftsszenen, die bestimmt nach der Einnahme bewusstseinserweiternder Drogen entstanden sind.

Plötzlich öffnet sich die Tür zu den Toiletten. Jemand tritt ein. Die Schritte werden lauter, verharren vor meiner Kabinentür. Ich atme ganz flach. Jederzeit kann ich kommen. Die Vorstellung, dass jemand neben mir steht, ist noch geiler. Wenige Sekunden nur steht die Person still, dann klappt die Tür der Kabine neben mir.

Das Schloss wird gedreht. Eine Gürtelschnalle klingelt. Mein T-Shirt raschelt rhythmisch, ganz leise, meine Hand erzeugt ein feuchtes Schmatzen. Ich schließe die Augen.

»Hey, you«, zischt es plötzlich aus der Kabine neben mir. Eine Männerstimme. Mein Herz bleibt vor Schreck beinahe stehen. Ich räuspere mich. Mein Blick geht nach oben. Die Wände zwischen den Kabinen sind bis zur Decke gezogen. Niemand kann mich sehen. Dennoch stoppe ich die Manipulationen.

»Yes?«, frage ich zurück. Ihm fehlt vermutlich Toilettenpapier. Zur Not kann er meines haben. Zwischen der Trennwand und den schmutzigen Fliesen ist genug Platz, um eine Rolle Papier von einer Kabine zur anderen zu wechseln.

»Ich hab dich reingehen sehen«, sagt der Mann auf Englisch. Augenblicklich werde ich wieder nervös. Meine Lust schwindet, meine Knie werden in einem Fluchtreflex weich. Was soll ich sagen? Soll ich überhaupt antworten? Er scheint kein Klopapier zu wollen.

»Lust auf was Härteres?«

Die Katze ist aus dem Sack. Was will er mir verkaufen? Heroin, Kokain, LSD? Blöde Sau. Hat mir den Höhepunkt verdorben.

»Nein, Danke«, sage ich und bücke mich nach vorne, um meine Hose hochzuziehen. Mein Blick bleibt an der Zeichnung der Katze auf der Trennwand hängen. An den schwarzen Linien, den groben Strichen, dem erhobenen Schwanz. Ich erstarre.

Ihr entblößter After ist nicht gemalt - er ist ausgesägt. Ich sehe durch ein Loch von der Größe eines Fünfmarkstücks in die andere Kabine und erschrecke. Mich blickt ein Auge an, blinzelt und verschwindet. Kurz sehe ich vor der gegenüberliegenden Wand ein nacktes Bein, und plötzlich schiebt sich ein erigierter Penis durch das Loch.

»Bedien dich«, sagt die Stimme. Mir ist von einer Sekunde auf die andere schwindelig, als habe ich einen Schlag gegen den Kopf bekommen. Ich weiche erschrocken zurück. Aus der weißen Wand ragt sein Ding wie ein rotbrauner Kleiderhaken, der leicht auf und ab wippt. Bedienen? Was meint er?

»Oder blas ihn, wenn du willst, aber mach irgendwas«, höre ich wieder den Mann. In seiner Stimme schwingt unverhohlene Lust, zitternd vor Erregung. Ich denke gar nicht daran.

Plötzlich zieht sich der Mann hinter der Wand zurück.

Mein Herz pumpt klebriges Blut durch meine Adern. Das metallische Klingeln einer Gürtelschnalle, ein Klicken des Kabinenschlosses, Schritte, die Toilettentür schlägt.

Ich ziehe die Hose hoch und verlasse die Kabine. Gerade als ich mir über dem schmuddeligen, serviettengroßen Waschbecken Wasser ins Gesicht sprühe, betritt Oliver die Toilette.

»Geht es dir gut?«, fragt er mit einer Zigarette im Mundwinkel und stellt sich an das einzige der drei Urinale, das noch benutzbar ist.

»Bestens«, sage ich. »Rauchen wir einen?«

»Na klar«, murmelt er und fummelt umständlich mit seiner unverletzten rechten Hand an der Hose.

Dabei hält er die linke Hand in Schulterhöhe, als habe er Angst, sich auf den Gips zu pissen.

»Erst ne Runde absoften und dann langsam um die Ecke ditschen.«

 

4.

 

Auf dem Weg durch die Stadt, an der Seite meiner Freunde, im McDonald’s, beim Kiffen im Park lähmt und erregt mich zugleich die Fantasie von einer gut aussehenden Holländerin, die mich anspricht, mich in eine dunkle Ecke zieht. Was war auf dem Kneipenklo passiert?

In der Jugendherberge stellt sich Florian beim Zähneputzen neben mich. Er riecht nach Zigarette und summt ein Lied von Phillip Boa. Ich habe Hunger. Wie wäre es, die Zahnbürste zu essen? Florian drückt mir seine Kulturtasche in die Hand.

»Ich muss noch aufs Klo. Legst du mir das aufs Bett?«

»Klar.«

»Aber nicht aufessen«, sagt er.. Habe ich laut gedacht? Florian kichert. Chris liegt schon im Bett. Ein paar Minuten später kommen Florian und Oliver in den Schlafsaal. Wir lachen noch ein wenig zu viert, um elf Uhr wird das Licht gelöscht.

Ich muss wieder an das Kneipenklo denken.

Du Idiot. Warum hast du die Gelegenheit verpasst? Warum hast du nicht wenigstens zugegriffen? Warum hast du es nicht gemacht, warum hast du ihn nicht in die Hand genommen?

Wie damals, damals, kurz vor meinem 15. Geburtstag, als mich meine Mutter im Sommer nach dem Auszug meines Vaters auf eine Freizeit schickte. Eines Tages waren mein Kumpel Stefan und ich die letzten auf dem Weg zum See. Der Flur wie ausgestorben, in der Etage Totenstille. Ich in Badehose, Stefan aufgeregt.

Ob ich noch kurz Zeit hätte. Ob ich das T-Shirt auf dem Stuhl hängen, die Shorts noch einmal ausziehen könne. Auf dem Bett, die Badehose sehr schmal, glitten seine Finger an den Innenseiten meiner Schenkel, am Saum meiner Badehose entlang auf meinen Bauch, drehten eine Runde und zitterten an der anderen Seite wieder hinab. Berührung statt blöder Witze.

Bei dieser Berührung hätte ich zurückzucken müssen. Nähe war nicht mein Ding. Weglaufen kam mir in den Sinn. Zurückzucken. Stefan, im Ferienlager, und ich auf dem Bett nur in Badehose. Nicht weglaufen, nicht zurückzucken.

Irgendwo in der Dunkelheit leises Schnarchen. Rattern, wie im Zug, Entzug, vom Kiffen wird man nicht süchtig macht nur die Bewegung hat eine Richtung nach vorne wird es hell.

»Unterwegs«, sagt Nina und lacht breit. Sie lächelt wie Meg Ryan, mit schmalen Augen, wie in Harry & Sally. Nina hat ihre Haare anders. Das kommt vom Kiffen. Britta und Oliver küssen sich im Gepäcknetz, wo mein Rucksack liegt, liegen sollte.

Hat den jemand geklaut?

Der Italiener, der ins Disneyland wollte, weil ich ihn nicht massieren will mich nur Christian schaltet den Fernseher an. Es läuft der Film schon eine Stunde.

»Tut mir leid, aber Nina wollte den auch sehen«, sagt Christian und setzt noch etwas hinzu, aber ich kann es nicht verstehen. Schade. Er hat mich verlassen, für Nina. Meine Mutter hat Recht. Wir wissen beide, dass Nina ein Mann ist. Beide werden wir verlassen für einen anderen Mann, meine Mutter und ich. Und obwohl meine Mutter nichts sagt, weiß ich, dass in Italien auch ein Mann wartet.

»Und jetzt?«, fragt Christian. Er schweigt, wieder einmal. Das weiß er doch. Wer zu spät kommt, kriegt aufs Maul. Doch er schweigt weiter, egal wie tief ich meine Faust in sein Gesicht presse.

Ich schlage und schlage und schlage, doch Christian grinst nur. Es ist zum Verzweifeln. Das Bett bewegt sich, ich spüre die dünne Decke, höre Schnarchen, es ist grau im Schlafsaal. Nicht Videoabend in meinem Zimmer, sondern, wo? Wo bin ich? Schlag drauf Christian in der Dämmerung in Amsterdam im Schlafsaal.

Herzklopfen. Ich habe geträumt. Was habe ich geträumt? Ich weiß es nicht mehr. Nur das Gefühl von Angst bleibt, Angst? Nein, Enttäuschung, nein, nicht Enttäuschung. Ich weiß es nicht mehr.