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© 2006, 2010 Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co.KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-440-12784-1

Satz: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

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Mutige Mädchen gesucht!

Detektivtagebuch von Kim Jülich

Sonntag, 18:07 Uhr

Verdammtes Mistwetter! Es regnet schon den ganzen Nachmittag, und mir ist STINKLANGWEILIG. Mein Vater hockt seit Stunden in seiner Hobbywerkstatt im Gartenschuppen, und meine Mutter ist mal wieder bei einem ihrer Wohltätigkeitsbasare. Ich glaube, diesmal wird Geld für die Kinder der Dritten Welt gesammelt. Wenigstens hat sie die zwei Nervensägen mitgenommen, sodass ich ausnahmsweise mal meine Ruhe habe. Manchmal sind kleine Brüder wirklich die Pest. Vor allem, wenn es sich um rotzfreche Zwillinge handelt, die nur im Doppelpack auftauchen, so wie Ben und Lukas. Eine echte Plage!

Eigentlich wollte ich den zwillingsfreien Nachmittag nutzen, um in aller Ruhe an der Kurzgeschichte für den Schreibwettbewerb vom Jugendzentrum zu arbeiten. Die beste Geschichte wird in der Tageszeitung abgedruckt. Super, oder? Wenn ich gewinne, wäre das der erste Schritt auf meinem Weg zum Ruhm. Ich will nämlich eine bekannte und ausgesprochen erfolgreiche Krimiautorin werden.

Ich liebe Krimis. Genau genommen lese ich nichts anderes. Mein ganzes Bücherregal ist damit voll gestopft. Darum will ich natürlich auch eine Kriminalgeschichte für den Wettbewerb schreiben. Aber dummerweise habe ich keine Ahnung, wie ich anfangen soll. Seit Stunden sitze ich vor dem Computer und zermartere mir das Gehirn. Leider ohne Erfolg. Hilfe, ich habe eine Schreibkrise!

Vor lauter Verzweiflung habe ich mir schon sämtliche Fingernägel der rechten Hand abgekaut und eine große Tüte Gummibärchen sowie Unmengen von Schokolade verdrückt. Wenn ich weiterhin so viele Süßigkeiten futtere, kriege ich bald den Knopf meiner Jeans nicht mehr zu. Aber was soll ich machen? Mein Gehirn arbeitet nun mal nur bei ausreichender Schokoladen-Zufuhr. So wie heute. Als ich gerade die zweite Tafel angefangen hatte, kam mir plötzlich der rettende Gedanke. Genau genommen waren es mehrere Gedanken:

1. Ich will eine Krimigeschichte schreiben, aber mir fällt nichts ein.

2. Anregungen aus Büchern reichen nicht.

3. Ich muss meinen eigenen Krimi erleben.

4. ICH GRÜNDE EINEN DETEKTIVCLUB!

Klasse Idee, oder? Jetzt muss ich nur noch die richtigen Leute für den Club finden. Und wenn wir dann erst mal mitten in den Ermittlungen stecken, werden die Ideen garantiert nur so sprudeln, und die Kurzgeschichte schreibt sich ganz von allein.

Kim warf die Schultasche in eine Ecke ihres Zimmers, setzte sich an den Schreibtisch und schaltete ihren Computer ein. Neben dem Bildschirm lag das aufgeschlagene Jugendclub-Magazin, in dem vor drei Tagen ihre Anzeige erschienen war:

Mädchen für Clubgründung gesucht!

Bist du mutig, clever und neugierig?

Interessierst du dich für Geheimnisse und ungeklärte Vorfälle?

Dann melde dich unter …

Kim hatte ewig an der richtigen Formulierung herumgefeilt, damit sich nicht nur lauter Idioten und Wichtigtuer meldeten. Sie hatte sogar extra eine neue E-Mail-Adresse eingerichtet, weil sie auf jeden Fall erst mal anonym bleiben wollte. Was sich inzwischen auch als ausgesprochen gute Idee herausgestellt hatte, weil sich leider trotz Kims sorgfältiger Wortwahl sämtliche Spinner der Stadt gemeldet hatten. Die meisten Mails waren von Jungs – dabei hatte sie extra »Mädchen für Clubgründung gesucht!« geschrieben. Eindeutiger ging’s doch wohl nicht, oder?!

»Jungs sind echt zu dämlich«, murmelte Kim, während sie die Internetverbindung herstellte. »Hoffentlich ist heute was Vernünftiges dabei.«

Plötzlich wurde die Zimmertür aufgerissen und die Zwillinge stürmten herein.

»Dürfen wir mal an deinen Computer?«, fragte Lukas.

Kim schüttelte den Kopf. »Nein. Ich hab zu tun, also macht euch vom Acker.«

»Nur ganz kurz, bitte!«, bettelte Ben und schwenkte eine CD-ROM. »Wir wollen bloß das neue Spiel von Dominik ausprobieren. Das soll der absolute Hammer sein.«

Kim stieß einen genervten Seufzer aus. Konnte sie denn nicht mal fünf Minuten am Computer sitzen, ohne dass die beiden Nervensägen in ihr Zimmer platzten und ihr mit ihren dämlichen Spielen vor der Nase herumwedelten? Dabei hatte sie ihnen schon tausendmal erklärt, dass der Computer absolut und unwiderruflich TABU für jeden war, der nicht Kim Jülich hieß. Aber das schienen sie irgendwie nicht zu kapieren. Die zwei hatten leider einen totalen Dickkopf. Aber den hatte Kim auch. Darum ging sie auch auf Nummer sicher und änderte jeden Tag ihr Passwort. Lukas und Ben war es nämlich durchaus zuzutrauen, dass sie sich auch ohne Kims Erlaubnis an den Computer setzten.

»Also – was ist jetzt?«, fragte Lukas. »Dürfen wir?«

»Nein«, sagte Kim. »Vielleicht später. Aber nur, wenn ihr jetzt auf der Stelle verschwindet.«

»Blöde Kuh!«, schimpfte Lukas und stürmte aus dem Zimmer. Ben folgte ihm und knallte die Tür hinter sich zu.

Kim atmete auf, als sie die Zwillinge die Treppe hinunterpoltern hörte. Jetzt konnte sie endlich in Ruhe ihre Mails lesen. Es waren immerhin fünf neue Nachrichten eingegangen. Die ersten drei löschte sie gleich, als sie die Namen der Absender sah: Sven, Martin und Leon. Da sich die meisten Jungs immer nur wichtig machten, aber kein bisschen Grips im Kopf hatten, waren sie für den Detektivclub absolut ungeeignet.

Kim seufzte enttäuscht. Sah ganz so aus, als wäre heute wieder nur Schrott dabei. Ohne große Hoffnung öffnete sie Mail Nummer vier.

Hallo Unbekannte,

ich bin mutig, clever und neugierig und interessiere mich für Geheimnisse und ungeklärte Vorfälle. Einige davon spielen sich sogar direkt vor unserer Nase ab … Bevor ich weitere Informationen preisgebe, würde ich aber gerne etwas mehr über dich wissen, große Unbekannte. Schlage darum möglichst bald ein persönliches Treffen vor. Wähle Ort, Zeit und ein Erkennungszeichen. (Oder kennen wir uns vielleicht schon?)

Bis dann,

Miss Marple

Während Kim den Text las, begann ihr Herz aufgeregt zu klopfen. Das klang total spannend! Wer sich wohl hinter dem Decknamen verbarg? Und was meinte Miss Marple mit den ungeklärten Vorfällen, die sich direkt vor ihrer Nase abspielten? Es gab nur eine Möglichkeit, um das herauszufinden: Kim musste sich mit Miss Marple verabreden.

Entschlossen klickte sie auf »Antworten« und schlug ein Treffen am kommenden Freitag um vier Uhr im Café Lomo vor. Dort fand alle zwei Monate eine Hörspiel-Lounge statt, bei der sich Fans der »Die drei ???« trafen, Hörspiele der berühmten Detektive aus Rocky Beach anhörten und über die verschiedenen Fälle fachsimpelten. Ab und zu war Kim auch schon bei diesen Treffen dabei gewesen.

Im Café Lomo konnten sie die Clubgründung ungestört und auf neutralem Boden abwickeln. Nachdem Kim die Antwort abgeschickt hatte, öffnete sie die letzte Mail.

Hey,

hab gerade deine Anzeige gelesen. Die Sache mit dem Detektivclub klingt spannend, ich bin dabei. Wann soll’s denn losgehen?

Ciao,

Marie Grevenbroich

PS: Bitte keine Treffen montags, dienstags oder donnerstags, da hab ich nämlich Gesangsstunde, Theatergruppe und Aerobic!

Kim schnappte nach Luft. Marie Grevenbroich! Ausgerechnet Marie Grevenbroich hatte sich auf ihre Anzeige gemeldet! Das war einfach der Hammer. Kim hatte Marie schon öfter im Jugendzentrum gesehen. Marie war in der Theater-AG, die zeitgleich mit dem Schreibworkshop stattfand, an dem Kim ab und zu teilnahm. Kim hatte zwar noch nie ein Wort mit Marie gewechselt, aber sie kannte sie natürlich. Jeder kannte Marie. Sie war so eine Art Berühmtheit und wurde ständig von ihren zahlreichen Bewunderern umlagert. Die Mädchen wollten alle so sein wie sie oder (wenn das schon nicht ging) zumindest mit ihr befreundet sein. Und die Jungs fuhren sowieso total auf sie ab. Marie sah nämlich super aus, konnte verdammt gut singen und schauspielern und hatte einen berühmten Vater: Helmut Grevenbroich alias Hauptkommissar Brockmeier, der Star aus der Krimiserie Vorstadtwache.

Angeblich hatte ihr Vater super viel Geld und las Marie jeden Wunsch von den Augen ab. Doch das war nur eins von vielen Gerüchten, die über Marie kursierten, und Kim hatte keine Ahnung, ob tatsächlich etwas dran war.

Kim starrte nachdenklich auf den Bildschirm ihres Computers und überlegte, ob Marie als Clubmitglied überhaupt infrage kam. Sie schien zeitlich ja schon ziemlich eingespannt zu sein. Außerdem hatte sie im Jugendzentrum immer einen äußerst arroganten Eindruck gemacht, wenn sie perfekt gestylt zu den Theaterproben stolziert war. Wahrscheinlich war sie total zimperlich und hatte nur ihren nächsten Friseurtermin und die neueste Idealdiät im Kopf, die sie natürlich überhaupt nicht nötig hatte.

Aber dummerweise war Marie die einzige Kandidatin, die abgesehen von Miss Marple halbwegs infrage kam. Außerdem musste Kim zugeben, dass sie auch ein kleines bisschen neugierig darauf war, die berühmte Marie Grevenbroich persönlich kennen zu lernen.

Nach längerem Grübeln entschied sich Kim schließlich dazu, Marie auch zu dem Treffen im Café Lomo einzuladen. Das würde auf jeden Fall interessant werden. Und wenn sich diese Tussi zu sehr aufplusterte, konnte sie sie immer noch abservieren. Schließlich war es ihr Club, und sie entschied, wer Mitglied wurde und wer nicht.

Schnell tippte Kim die Antwort-Mail und klickte auf »Senden«. Dann lehnte sie sich zufrieden zurück. Der erste Schritt zur Gründung des Detektivclubs war getan. Jetzt musste nur noch der Freitag kommen.

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Ein schwieriger Start

Am Freitagnachmittag war Kim so aufgeregt, dass sie viel zu früh ihre Jacke vom Garderobenhaken nahm, um sich auf den Weg ins Café Lomo zu machen.

»Tschüss, Mama!«, rief sie nach oben, wo ihre Mutter in ihrem Arbeitszimmer saß und über irgendwelchen Klassenarbeiten brütete. Wenn sie nicht gerade Wohltätigkeitsbasare organisierte, arbeitete Frau Jülich nämlich als Lehrerin an einer Grundschule.

Kim hörte Schritte im ersten Stock, und der Kopf ihrer Mutter erschien über dem Treppengeländer. »Wo willst du denn hin?«, fragte sie.

»Ich geh ins Café Lomo«, antwortete Kim. »Bin spätestens zum Abendessen wieder da.«

Frau Jülich nickte. »In Ordnung. Mit wem triffst du dich denn?«

»Mit ein paar Leuten von der Schule«, sagte Kim vage.

»Eine Arbeitsgemeinschaft?«, fragte ihre Mutter und machte ein interessiertes Gesicht. »Davon hast du ja gar nichts erzählt.«

»Na ja, so was Ähnliches«, murmelte Kim und wurde rot. Im Lügen war sie noch nie besonders gut gewesen. »Ist auch noch gar nicht sicher, ob aus dem Projekt etwas wird.«

»Wird schon klappen«, sagte Frau Jülich und lächelte Kim aufmunternd zu. »Du darfst nicht immer so pessimistisch sein. Viel Spaß, mein Schatz!«

Frau Jülichs Kopf verschwand, und Kim hörte, wie ihre Mutter zurück ins Arbeitszimmer ging. Erleichtert schlüpfte sie aus dem Haus, bevor ihrer Mutter einfiel, dass sie gar nicht nach dem Thema der Arbeitsgemeinschaft gefragt hatte. Manchmal war es wirklich anstrengend, eine Lehrerin als Mutter zu haben. Ständig wollte sie alles über die Schule wissen: welche Lehrer Kim hatte und wie sie mit ihnen klarkam, wann die nächsten Klassenarbeiten anstanden, an welchen AGs und Projektgruppen Kim teilnahm und wie der Notendurchschnitt ihrer Klasse aussah. Und sobald Kim mehr als eine Drei auf dem Zeugnis hatte, befürchtete ihre Mutter, dass sie durchs Abitur fallen, keinen Job finden und ein Sozialfall werden würde. Das war doch nicht normal, oder?

Zum Glück war wenigstens ihr Vater in Sachen Schulnoten ziemlich locker. Er fand gute Noten einfach nicht so wichtig und holte ihre Mutter immer auf den Teppich zurück, wenn sie sich mal wieder zu sehr über diesen ganzen Schulkram aufregte.

Kims Vater war Uhrmacher und ein leidenschaftlicher Bastler. In seiner Freizeit saß er stundenlang in seiner Hobbywerkstatt im Gartenschuppen und bastelte Kuckucksuhren. Er hatte schon über dreihundert Stück hergestellt. Eigentlich ein ziemlich verrücktes Hobby, aber irgendwie mochte Kim die Kuckucksuhren ihres Vaters.

Kim hatte zu Hause bisher noch nichts von ihrer Idee mit dem Detektivclub erzählt. Ihre Eltern fanden es zwar toll, dass sie viel las und sogar eigene Geschichten schrieb. Aber Kim war sich keineswegs sicher, ob sie es auch toll finden würden, dass sie jetzt praktische Erfahrungen in der Detektivarbeit sammeln wollte.

Darum hatte sie beschlossen, ihre Pläne erst mal für sich zu behalten, auch wenn sie Lügen eigentlich hasste wie die Pest. Aber sie hatte ja gar nicht richtig gelogen, sondern nur ein wenig ungenau geantwortet, oder?

Während Kim den Bürgersteig entlanglief, verdrängte sie ihr schlechtes Gewissen und überlegte, wie das Treffen wohl verlaufen würde. Hoffentlich wurde es kein kompletter Reinfall. Vielleicht würde sie vor lauter Aufregung kein Wort herausbekommen und sich total blamieren. Es hatte Kim schon immer nervös gemacht, mit wildfremden Leuten reden zu müssen. Sie war einfach nicht besonders gut darin, locker mit Leuten zu quatschen, die sie überhaupt nicht kannte.

Vielleicht fanden die beiden anderen ihre Idee vom Detektivclub ja total albern und kindisch. Was, wenn sie Kim einfach auslachten? Und hinterher überall herumerzählten, dass Kim Jülich einen totalen Knall hatte? Dann könnte sie sich nirgendwo mehr blicken lassen und müsste sich bis ans Ende ihrer Tage in ihrem Zimmer verkriechen.

Bei dem Gedanken bildete sich ein dicker Knoten in Kims Magen, und sie merkte, wie sie anfing zu schwitzen. Das Café Lomo kam in Sicht und Kim wurde immer langsamer. So konnte sie Miss Marple und Marie Grevenbroich auf keinen Fall unter die Augen treten, schließlich wollte sie möglichst locker und entspannt wirken. Also beschleunigte sie ihre Schritte wieder und ging zügig am Eingang des Cafés vorbei. Während sie noch eine Runde um den Block drehte, versuchte sie, sich selbst zu beruhigen. Ihre Mutter hatte recht, sie war wirklich zu pessimistisch. Sie musste positiver denken. Wenn sie von vorneherein davon ausging, dass das Treffen ein Reinfall wurde, dann würde wahrscheinlich auch genau das passieren.

Außerdem hätten sich Miss Marple und Marie Grevenbroich doch bestimmt gar nicht erst auf die Anzeige gemeldet, wenn sie die Idee mit dem Detektivclub total bescheuert fänden, oder?

Kim atmete einmal tief durch. Bestimmt reagierte sie mal wieder über und machte sich völlig umsonst verrückt. Das Treffen würde super laufen, und damit basta.

Inzwischen war es schon fünf nach vier, und Kim eilte zum Café zurück. Länger konnte sie die beiden anderen wirklich nicht warten lassen. Eigentlich hasste sie es, zu spät zu kommen. Mit wackeligen Knien ging sie auf die Tür zu, zog ein Buch aus der Jackentasche und betrat das Café.

Im Eingangsbereich blieb Kim stehen und sah sich um. Dabei umklammerte sie ihren Lieblingskrimi, Mord im Orientexpress von Agatha Christie, und kam sich ziemlich bescheuert vor. Wer lief schon mit einem vor die Brust gepressten Buch in ein Café und blieb dann wie zur Salzsäule erstarrt stehen? Als sie sich den Krimi als Erkennungszeichen für das Treffen überlegt hatte, war sie sich ziemlich witzig und originell vorgekommen. Aber nun änderte sie ihre Meinung. Es war eine total dämliche Idee gewesen.

Zum Glück war im Café Lomo nicht besonders viel los. Hinter der Theke stand ein junger Typ mit einem Ziegenbart, der sie komplett ignorierte. An einem Tisch in der Ecke saß ein Pärchen und knutschte wie wild herum. In der anderen Ecke saß ein älterer Herr und las Zeitung. Und ganz hinten hatte sich eine Gruppe Studenten niedergelassen, die jede Menge Bücher und Papierkram auf dem Tisch ausgebreitet hatten und offenbar ein Referat vorbereiteten. Dabei diskutierten sie lebhaft und machten einen irrsinnigen Lärm.

Wo waren Miss Marple und Marie Grevenbroich? Kim konnte niemanden mit einem Krimi entdecken. Marie war nirgends zu sehen, und Miss Marple müsste sich schon sehr gut maskiert haben, wenn sie entweder das knutschende Mädchen, der ältere Herr oder einer der Studenten war.

Kim schluckte und war gleichzeitig enttäuscht und erleichtert. Die beiden waren offensichtlich gar nicht gekommen. Vielleicht war ihnen ja inzwischen die Lust vergangen. Oder sie hatten nie ernsthaft vorgehabt, zu dem Treffen zu erscheinen. Wahrscheinlich war Marie eine zusätzliche Aerobic-Stunde dazwischengekommen. Oder sie musste sich gerade die Nägel lackieren.

Kim seufzte. Vielleicht war es ja besser so. Das Ganze hätte sowieso niemals funktioniert. Die Sache mit dem Detektivclub war eine totale Schnapsidee gewesen. So was funktionierte vielleicht in Büchern, aber nicht im richtigen Leben. Sie wollte sich gerade umdrehen und das Café unauffällig verlassen, bevor der Ziegenbart-Typ doch noch auf sie aufmerksam wurde, da schaute plötzlich ein roter Schopf hinter einer Säule hervor. Der Schopf gehörte zu einem Mädchen, das ungefähr so alt wie Kim sein musste. Es grinste und schwenkte ein Buch. Besser gesagt, ein Heft, wie Kim feststellte, als sie langsam auf das Mädchen zuging: Tim und Struppi, um genau zu sein.

»Hi«, sagte das Mädchen, als Kim bei seinem Tisch ankam. »Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr. Du musst die große Unbekannte sein. Ich bin Miss Marple, aber meine Freunde nennen mich Franziska Winkler, beziehungsweise Franzi. Sorry wegen des Comics«, sie zeigte auf das Tim und Struppi -Heft, »aber das war der einzige Krimi, den ich auftreiben konnte. Ich bin nicht gerade eine Leseratte, weißt du, ist mir irgendwie zu langweilig. Ich gehe lieber reiten. Ich hab nämlich ein eigenes Pony, es heißt Tinka. Du musst Tinka unbedingt kennen lernen, sie ist total süß. Übrigens fand ich deine Anzeige echt klasse. Ich wollte immer schon mal Detektiv sein. Aber sag mal, wie heißt du überhaupt?«

Kim ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Kim Jülich«, antwortete sie und versuchte, die vielen Informationen zu verarbeiten, mit denen Franzi sie gerade bombardiert hatte. Diese Franziska Winkler schien ziemlich gern zu reden. Und ziemlich viel. Das könnte auf Dauer ein bisschen anstrengend werden. Andererseits musste Kim selbst dann vielleicht nicht so viel reden, was wiederum ganz praktisch war.

Ansonsten schien Franziska recht nett zu sein. Sie war etwas kleiner als Kim, hatte rötlich-blonde Haare und ein paar Sommersprossen im Gesicht.

»Du kommst mir irgendwie bekannt vor«, sagte Franziska. »Kennen wir uns vielleicht aus dem Jugendzentrum? Oder gehst du auch auf die Georg-Lichtenberg-Gesamtschule?«

Kim nickte. »Ich bin in der 7b. Und du?«

»7f. Wir sind ganz oben unter dem Dach«, sagte Franziska. »Aber jetzt erzähl doch mal! Wie hast du dir das mit dem Detektivclub eigentlich vorgestellt? Sollen wir tatsächlich echte Fälle lösen? Wenn ja, dann hätte ich nämlich vielleicht schon einen. Darum hab ich mich auch sofort auf die Anzeige gemeldet …«

In diesem Moment landete ein Buch mit einem lauten Knall auf dem Tisch. Kim zuckte zusammen und starrte auf den Titel: Vorstadtwache – das Buch zum Film. Ein Muss für jeden Fan.

Das konnte eigentlich nur eins bedeuten …