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Henriette Wich

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Betrug beim Casting

Kosmos

Umschlagillustration von Ina Biber, München

Umschlaggestaltung von Friedhelm Steinen-Broo, eSTUDIO CALAMAR

 

 

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© 2006, 2010 Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co.KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

 

ISBN 978-3-440-12785-8

Satz: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Blume

Mord im Wohnzimmer

Marie drückte den letzten Rest aus der Tube mit Lebensmittelfarbe und beugte sich konzentriert über die Kuchenplatte. Nur noch ein Ausrufezeichen, dann hatte sie es geschafft. Da klingelte es Sturm an der Wohnungstür.

»Mist!«, schimpfte sie. Das Ausrufezeichen war total verrutscht. Marie pfefferte die Tube in die Ecke und lief zur Tür. Draußen standen Kim und Franziska. »Könnt ihr nicht einfach wie normale Menschen klingeln?«, begrüßte sie ihre Freundinnen vom Detektivclub, mit denen sie sich zu einem Krimi-DVD-Abend verabredet hatte.

»Was ist denn mit dir los?«, fragte Kim besorgt. »Geht’s dir nicht gut?«

Franziska zeigte kichernd auf einen Klecks roter Farbe auf Maries Nase. »Haben wir dich beim Schminken gestört?«

»Nein«, sagte Marie und rieb sich die Nase. »Das hab ich schon heute Morgen erledigt. Ich hab für euch geschuftet.«

Kim und Franziska folgten ihr in die Küche.

»Wow, du hast Muffins für uns gebacken!«, rief Franziska. »Hast du dafür überhaupt Zeit neben deinen tausend Gesangsstunden, Theaterproben und Aerobickursen?«

Marie holte bereits zu einer giftigen Bemerkung aus, da knuffte Kim Franziska in die Rippen. »Lass Marie in Ruhe! Die Muffins sehen super aus. Und du hast extra überall drei Ausrufezeichen draufgespritzt.«

Marie nickte. »Klar, schließlich haben die drei !!! was zu feiern. Vier Wochen gibt es unseren Detektivclub jetzt schon. Ehrlich gesagt, hab ich die Muffins gekauft. Nur die Glasur hab ich selbst gemacht.«

Franziska prustete los. »Typisch!« Doch als sie merkte, wie Marie genervt die Augen verdrehte, wurde sie schnell wieder ernst. »Entschuldige, ich hab’s nicht so gemeint. Kann ich was helfen?«

»Ja«, sagte Marie. »Bring die Muffins schon mal rüber ins Wohnzimmer. Was wollt ihr trinken?«

»Cola!«, riefen Kim und Franziska wie aus einem Mund.

»Alles klar«, sagte Marie.

Kurz darauf saßen sie auf dem riesigen, weißen Ledersofa im Wohnzimmer und ließen sich die Muffins schmecken.

Kim leckte sich die Lippen. »Hmm, die Schokostückchen sind das Beste. Ich muss mir gleich noch einen nehmen.« Bei Schokolade konnte Kim nicht widerstehen, die brauchte sie einfach als Nervennahrung, egal ob sie gerade ein kniffliges detektivisches Problem löste oder an einer Krimigeschichte schrieb.

Franziska sah sich inzwischen bewundernd im Wohnzimmer um. Neben dem Sofa stand ein schwarzer Flügel, und auf dem glänzenden Parkett lagen wunderschöne Orientteppiche. Marie hatte es echt gut. Ihr Vater verdiente als Schauspieler so viel, dass er sich eine sündhaft teure Altbauwohnung im nobelsten Viertel der Stadt leisten konnte. Am meisten beneidete Franziska ihre Freundin um den Swimmingpool auf dem Dach und den Fitnessraum mit Sauna im Keller. Aber fast noch mehr beneidete sie Marie um ihren Vater, obwohl sie das natürlich niemals offen zugeben würde. Maries Vater spielte nämlich den Hauptkommissar Brockmeier in der Vorstadtwache, und Franziska ließ sich keine einzige Folge der spannenden Krimiserie entgehen.

Da hob Marie ihr Colaglas. »Lasst uns endlich anstoßen. Auf die drei !!! und auf viele neue, spannende Fälle!«

»Auf die drei !!!«, riefen Kim und Franziska.

Sie tranken ihre Gläser in einem Zug aus.

Dann stand Marie auf und ging zu einem Regal, das vom Boden bis zur Decke mit DVDs gefüllt war. »Also, welchen Krimi wollt ihr sehen? Ein paar Folgen von der Vorstadtwache oder was anderes? Papa hat eine riesige Krimi-Sammlung.«

»Mord im Orientexpress« sagte Kim wie aus der Pistole geschossen.

Franziska lachte. »Das war ja klar. Damit hat alles angefangen. Wisst ihr noch, wie wir uns das erste Mal im Café Lomo getroffen haben? Kim, du mit deinem Buch Mord im Orientexpress als Erkennungszeichen in der Hand und ich mit Tim und Struppi

»Natürlich«, sagte Kim. Sie konnte sich noch an jede Einzelheit erinnern. Wie aufgeregt sie damals gewesen war! Sie hatte in einem Schülermagazin eine Anzeige aufgegeben und Mädchen für einen Detektivclub gesucht. Franziska und Marie waren die einzigen ernsthaften Kandidatinnen gewesen, mit denen sie schließlich ein Treffen vereinbart hatte.

»Damals wollte ich gleich wieder gehen«, sagte Marie und drehte sich grinsend zu Franziska um. »Ich dachte, ihr macht so eine Art Kaffeekränzchen und löst bloß lauter Babyfälle.«

Franziska verzog das Gesicht. »Und ich dachte, mit der arroganten Tussi will ich nichts zu tun haben. Du hast dich total wichtig gemacht, mit Fremdwörtern herumgeworfen und mit deinem berühmten Daddy angegeben.«

»Tja, ohne mich säßen wir jetzt gar nicht hier«, sagte Kim und schob sich genüsslich ihren dritten Muffin in den Mund. »Wenn ich nicht dauernd zwischen euch vermittelt hätte, hättet ihr nie festgestellt, dass ihr euch doch ganz gut leiden könnt, und wir hätten nie unseren ersten Fall gelöst.«

»Das stimmt«, sagte Marie. »Ohne dich läuft hier gar nichts.«

Franziska nickte. »Du bist der Kopf von den drei !!!.«

Kim wurde rot. »Übertreibt mal nicht.« Sie hasste es, im Mittelpunkt zu stehen.

»Ach übrigens«, sagte Marie, »du hast doch bestimmt Kontakt zu Michi. Wie geht es ihm denn?«

»Gut«, sagte Kim und wurde schon wieder rot.

Bei ihrem letzten Fall hatten die drei !!! Michi Millbrandt kennen gelernt, und Kim hatte sich sofort in ihn verknallt. Zum Glück lenkte Franziska von dem heiklen Thema ab.

Plötzlich packte sie Kim am Arm. »Das Beste hab ich euch ja noch gar nicht erzählt! Ich hab meine Eltern gefragt, ob wir den alten Pferdeschuppen bei uns hinterm Haus benutzen dürfen, und sie haben nichts dagegen!«

»Toll!«, rief Kim.

»Super!«, sagte Marie. »Du hast aber deinen Eltern hoffentlich nicht verraten, wozu wir den Schuppen brauchen?«

Franziska tippte sich an die Stirn. »Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Ich hab kein Wort gesagt, dass wir dort das Hauptquartier für unseren Detektivclub einrichten. Stattdessen hab ich erzählt, dass wir jetzt total gut befreundet sind und einfach einen Raum brauchen, wohin wir uns zurückziehen können.«

»Das ist ja nicht mal gelogen«, sagte Kim, die nichts mehr hasste als Lügen.

»Wie groß ist der Schuppen eigentlich?«, fragte Marie.

Franziska sah sich noch mal im Wohnzimmer um. »Hm, bestimmt halb so groß wie der Raum hier.«

»Dann können wir uns ja so richtig ausbreiten«, sagte Kim.

Franziska nickte. »Ja, aber erst wenn wir das ganze Gerümpel rausgeräumt haben. Der Schuppen ist randvoll mit alten Möbeln, Brettern und Müll. Ach ja, und in einer Ecke steht auch noch eine alte Pferdekutsche. Die könnten wir drin lassen und sie neu anstreichen. Dann hätten wir noch eine weitere Rückzugsmöglichkeit, wenn wir mal ganz geheime Dinge besprechen wollen.«

Marie rümpfte die Nase. »Eine Pferdekutsche? Wie romantisch!« Sie konnte mit Pferden nichts anfangen und würde nie verstehen, warum viele Mädchen so verrückt danach waren. Franziska erzählte auch ständig von ihrem Pony Tinka, und weil sie sowieso gern viel redete, hörte sie damit meistens nicht so schnell auf. Marie hatte keine Lust auf eine neue Tinka-Geschichte und lenkte lieber vorher ein: »Du hast recht, eine Kutsche ist gar nicht schlecht, vielleicht gibt es da ja ein Geheimfach unter dem Sitz, wo wir wichtiges Beweismaterial verstecken können.«

»Super, das mit der Kutsche«, sagte Kim. »Dann haben wir eine geheime Zentrale wie Die drei ??? auf dem Schrottplatz.«

»Noch ist es nicht so weit«, sagte Franziska. »Ich warne euch, das wird echt viel Arbeit. Da brauchen wir schon ein paar Tage dafür. Hoffentlich schaffen wir das überhaupt alleine mit dem Ausmisten.«

»Wir können Michi ja fragen, ob er uns hilft«, schlug Kim möglichst beiläufig vor.

»Gute Idee«, sagte Franziska.

Plötzlich leuchteten Maries Augen auf. »Und dein großer Bruder könnte uns auch helfen, Franzi! Stefan hat doch ein Auto. Damit kann er für uns die Sachen zum Wertstoffhof fahren.« Seit Marie Franziskas Bruder das erste Mal gesehen hatte, musste sie dauernd an ihn denken. Er war schon achtzehn und einfach so was von süß!

»Ich werde ihn fragen«, sagte Franziska. »Trotzdem muss jeder anpacken. Vielleicht solltest du dir bei dieser Arbeit ausnahmsweise die Fingernägel nicht lackieren, Marie.«

»Das lass mal meine Sorge sein«, sagte Marie, legte die DVD ins Laufwerk und griff zur Fernbedienung. »Aber jetzt entspannen wir uns!«

Die nächsten eineinhalb Stunden starrten sie gebannt auf den großen Flachbildschirm. Der Klassiker von Agatha Christie war einfach superspannend. Auch wenn die drei !!! natürlich schon vorher wussten, dass alle zwölf Fahrgäste gemeinsam das Opfer getötet hatten. Selbst beim Abspann schwiegen sie und waren alle noch ganz gefangen in der düsteren Krimi-Atmosphäre.

Schließlich räusperte sich Marie. »Es kommt mir vor, als wäre der Mord hier im Wohnzimmer passiert.«

Kim und Franziska nickten und spürten, wie ihnen eiskalte Schauer den Rücken herunterliefen. Dann lachten sie schnell, um die gruselige Stimmung zu vertreiben.

»Wir bräuchten endlich wieder einen neuen Fall«, seufzte Franziska. »Es muss ja nicht gleich ein Mord sein.«

»Ja«, stimmte Kim zu. »Ich könnte auch wieder neuen Stoff für meine Krimigeschichte gebrauchen.«

»Was ist eigentlich mit dem Schreibwettbewerb?«, fragte Marie. »Hast du schon was vom Jugendzentrum gehört?«

Kim nickte. »Ja, die haben mir einen Brief geschickt, drei Tage, nachdem ich meine Krimigeschichte abgegeben hatte. Ich hab leider nicht gewonnen. Die Geschichte war zu lang für den Wettbewerb, aber die meinten, ich soll sie ausbauen und die Figuren noch stärker entwickeln. Vielleicht wird ja sogar ein richtig großer Kriminalroman draus.«

»Du bekommst das bestimmt hin«, sagte Franziska. »Ich könnte so was ja nie.«

»Ich auch nicht«, gab Marie zu. »Aber falls dein Krimi verfilmt wird, würde ich gern die Hauptrolle übernehmen.«

Kim lachte. »Geht klar.«

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Franziska, während sie die Muskeln ihrer Beine dehnte, die vom gestrigen Skaten noch etwas verspannt waren.

Marie warf einen Blick in die Programmzeitschrift. »Wir könnten noch ein bisschen bei Afternoon reinzappen. Die bringen immer ganz gute Videoclips, Interviews, Flirt-Tipps und so.«

»Jetzt kommt’s raus!«, sagte Franziska. »Deshalb laufen dir also alle Jungs nach.«

Marie spielte mit einer ihrer langen, blonden Haarsträhnen und verzog die himbeerfarben glänzenden Lippen zu einem geheimnisvollen Lächeln. »Vielleicht …« Dann suchte sie den Sender.

Es lief gerade der Videoclip einer Mädchenband. Nach dem Song verkündete Moderatorin Sue: »Heute habe ich noch ein super Event für euch. Afternoon sucht eine Nachwuchs-Mädchenband, die regelmäßig bei uns im Studio auftreten soll. Die Band wird aus vier glücklichen Girls bestehen. Dazu veranstalten wir in den nächsten Wochen ein Casting in verschiedenen Städten. Alle Mädchen ab vierzehn Jahren können mitmachen, aber ihr braucht die Einverständniserklärung der Eltern. Die Details und Anmeldebedingungen findet ihr auf unserer Website.«

Marie stieß einen spitzen Schrei aus. »Ein Casting!«

Franziska und Kim sahen sich verständnislos an.

»Na, und?«, sagte Kim. »Es kommen doch ständig irgendwelche Castings im Fernsehen.«

»Ja, aber die sind sonst immer erst ab achtzehn«, sagte Marie aufgeregt. »Hier kann man schon ab vierzehn mitmachen. Und ich bin vierzehn!«

Jetzt hatte Franziska verstanden. »Sag bloß, du willst da mitmachen?«

Marie strahlte über das ganze Gesicht und nickte.

»Hm, warum eigentlich nicht?«, sagte Kim. »Du kannst super singen und siehst toll aus. Du hast sicher gute Chancen.«

»Meinst du?« Marie sprang auf, griff nach einem Muffin und hielt ihn sich als Mikrofon vor den Mund. »I wanna be a supergirl, I wanna be a supergirl. Look at me, I’m perfect. I wanna be a supergirl!«

Kim und Franziska schwiegen nach dieser spontanen Showeinlage verblüfft.

Dann fing Kim an zu klatschen. »Wow, das war toll!«

»Nicht schlecht«, sagte Franziska und pfiff durch die Zähne.

Marie lief wie ein Tiger durchs Wohnzimmer. »Hoffentlich ist Papa einverstanden. Er muss einfach Ja sagen. Wie bringe ich ihm das am besten bei? O Gott! Ich muss sofort ins Internet und mir die Formulare runterladen. Und dann rufe ich meine Gesangslehrerin an. Ich brauche doppelt so viele Stunden. Dafür lasse ich die Theater-AG erst mal sausen …«

»Hey!«, rief Franziska. »Komm wieder runter!«

»Geht das nicht alles ein bisschen schnell?«, warf Kim ein. »Überleg dir lieber alles noch mal in Ruhe. So ein Casting ist der Megastress.«

Marie sah ihre Freundinnen an, als wären sie zwei Bankräuber, die plötzlich aus dem Nichts auftauchten. »Sorry?«

Franziska seufzte. »Weißt du noch, wer wir sind? Franziska Winkler? Kim Jülich? Die drei !!!, Detektivclub?«

»Klar weiß ich das«, sagte Marie, war aber mit den Gedanken weit weg. »Würde es euch was ausmachen, wenn ihr jetzt geht? Ich hab noch so viel zu tun.«

Kim runzelte die Stirn. Marie war total im Castingfieber. Hoffentlich ging das nicht so weiter, sonst konnten sie ihren Detektivclub glatt vergessen. »Wir müssen noch einen Termin ausmachen«, sagte sie, um Marie festzunageln. »Wann fangen wir an, den Pferdeschuppen auszumisten? Der nächste Fall kommt vielleicht schneller, als wir denken, und dann brauchen wir unser Hauptquartier.«

»Wie wär’s am Samstag um drei Uhr?«, schlug Franziska vor. »Da ist Stefan auch zu Hause.«

Zum ersten Mal schien Marie wieder richtig zuzuhören. »Am Samstag um drei? Klar komme ich da!«

Blume

Das neue Hauptquartier

Marie trat in die Pedale ihres Fahrrads und summte dabei I’m not a girl, not yet a woman von Britney Spears vor sich hin. Der Titel war perfekt für die erste Vorrunde des Castings. Im Gesangsunterricht hatte sie ihn auch schon oft geprobt. Oder sollte sie doch lieber einen deutschen Song nehmen? Zum Beispiel Hungriges Herz von Mia? Der Refrain war so schön melancholisch: »Mein hungriges Herz beschwert ein bittersüßer Schmerz. Sag mir, wie weit, wie weit, wie weit, wie weit willst du gehn?«

Vor lauter Singen hätte Marie beinahe die Abzweigung zu Franziska verpasst. Im letzten Moment bog sie beim Wegweiser Tierarztpraxis Dr. Karl Winkler in den Schotterweg ein. Sie nahm die Hände vom Lenker und sah hinauf zu den alten Laubbäumen. Die Sonne hatte noch erstaunlich viel Kraft, obwohl es schon Anfang November war, und brachte die orange und rot gefärbten Blätter zum Leuchten. Marie sang noch lauter.

Da tauchte auch schon das Haus auf, in dem Franziska wohnte. Die roten Backsteine des Gebäudes leuchteten unter einer dichten Schicht Efeu hervor. Diesmal war Marie die halbstündige Fahrt total kurz vorgekommen. Fröhlich pfeifend stieg sie vom Rad und schob es hinüber zum alten Pferdeschuppen rechts hinter dem Haus.

Als sie ihr Fahrrad abstellte, stieß sie mit Franziska zusammen. Die schleppte gerade eine Matratze ins Freie. Keuchend warf sie diese auf den Boden und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ach, Supergirl ist auch schon da!«

Kim kam mit einem kleinen Regal unter dem Arm aus dem Schuppen. »Mensch, Marie! Du kommst viel zu spät. Wir hatten doch drei Uhr ausgemacht, und jetzt ist es vier.«

»Unser Supergirl will sich vor der Arbeit drücken«, sagte Franziska.

Marie biss sich auf die Lippe. »Quatsch! Ich hatte noch Gesangsstunde. Es tut mir leid, ich konnte nicht eher weg, ihr wisst doch, das Casting …«

»Das Casting, das Casting«, stöhnte Franziska. »Hast du nichts anderes im Kopf? Hier geht es um die Zukunft der drei !!!, da muss jeder seinen Beitrag leisten, auch du. Das ist echt nicht fair, was du da machst, weißt du? Du lässt uns einfach hier hängen, und es ist dir total egal.« Franziska steigerte sich immer mehr in ihre Wut hinein.

»Reg dich ab!«, rief Marie. »Die drei !!! sind mir überhaupt nicht egal. Ich hab doch schon gesagt, dass es mir leid tut. Dafür bringe ich das nächste Mal Visitenkarten für unseren Detektivclub mit. Ich hab schon am Computer verschiedene Varianten des Logos ausprobiert. Und Papa lässt die Karten für mich drucken.«

Franziskas Wut verrauchte ein bisschen. »Da bin ich ja gespannt!«

»Und ich erst«, sagte Kim. »Falls du Hilfe brauchst, ein Anruf genügt! Ich kenne mich ganz gut aus mit Grafikprogrammen.«

Marie nickte. »Danke.« Dann krempelte sie die Ärmel ihres Pullis hoch. »Also, was kann ich tun?«

Kim und Franziska zeigten ihr den Schuppen. Obwohl sie schon einen Teil des Gerümpels weggeräumt hatten, sah es immer noch ziemlich chaotisch aus. An der linken Wand stand die Kutsche, und nur, wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass sie früher mal blau gewesen sein musste. Davor türmten sich alte Stühle, kaputte Elektrogeräte, Sessel, Zeitungen und Kleider unter einer dicken Schicht Staub und Spinnweben.

Plötzlich wurde der Staub aufgewirbelt, und eine gebückte Gestalt mit einem Sessel auf den Schultern bewegte sich auf Marie zu.

Erst nach ein paar Sekunden erkannte sie, wer sich hinter der Staubwolke verbarg. »Hallo, Michi!«, begrüßte sie den Freund.

»Hallo, Marie!«, antwortete Michi. »Gehst du mal aus dem Weg? Das Ding hier ist verdammt schwer.«

Schnell sprang Marie zur Seite. Dann sah sie sich nochmal im Schuppen um und seufzte. Ausmisten hatte noch nie zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehört.

»Wo ist denn Stefan?«, fragte sie.

Franziska zuckte mit den Schultern. »In der Garage. Der bastelt noch an seinem alten Opel herum und versucht, ihn startklar zu machen. Der Vergaser spinnt mal wieder.«

»Meinst du, er braucht Hilfe?«, fragte Marie hoffnungsvoll.

»Nein!«, rief Franziska. »Wir brauchen Hilfe. Los, pack endlich an!«

Marie blieb nichts anderes übrig. Sie zog sich dicke Gartenhandschuhe an, die sie extra mitgebracht hatte, um ihre Hände zu schonen, und schnappte sich einen kleinen Hocker, der nicht allzu schwer aussah.

»Sachen aus Holz kommen da auf den Stapel«, sagte Kim, als Marie mit dem Hocker herauskam. »Ich hab mir aus dem Internet die Seite des Wertstoffhofs ausgedruckt. Da stand genau, welche Abfälle angenommen werden und wie man sie trennen muss.«

»Okay«, sagte Marie.

Zwei Stunden lang schufteten die drei !!! zusammen mit Michi, ohne sich groß dabei zu unterhalten. Die Arbeit war einfach zu anstrengend.

»Ich kann nicht mehr!«, stöhnte Marie schließlich und ließ sich auf eine Matratze fallen.

Franziska stieß ihr in die Rippen. »He, keine Müdigkeit vorschützen!«