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Der Mann ohne Kopf

erzählt von André Minninger

Kosmos

Umschlagillustration von Silvia Christoph, Berlin

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage

der Gestaltung von Aiga Rasch (9. Juli 1941 - 24. Dezember 2009)

 

 

 

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© 2002, 2009, 2011 Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten.

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

 

Based on Characters by Rober Arthur.

 

ISBN 978-3-440-12875-6

Satz: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

 

Im Fieber der Nacht

Die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Mit klopfenden Herzen hielten Justus und Bob den Atem an und wagten kaum Luft zu holen. Peter hingegen zwang sich zur äußersten Konzentration, denn für ihn ging es um alles: um Sieg oder Niederlage. Ruhig verharrte seine rechte Hand etwa zehn Zentimeter über der Tischplatte, während er den Mittelfinger Zentimeter für Zentimeter nach unten knickte. Langsam, ganz langsam berührte er das spitze Ende des Mikadostäbchens und drückte vorsichtig dagegen, so dass sich das andere Ende langsam in die Höhe hob. Hatte sich eins von den fünf restlichen Stäbchen, die verkeilt darunter lagen, bewegt? Erleichtert stellte er fest, dass dies nicht der Fall war.

BUMM-BUMM-BUMM!!!

Peter fuhr erschrocken zusammen. Reflexartig zuckte seine Hand zur Seite und stieß so heftig gegen die verbliebenen Mikadostäbchen, dass sie sich einzeln auf der Tischplatte verteilten.

»Ich bin am Zug!«, rief Justus begeistert. Er sammelte die fünf Stäbchen ein und hielt sie triumphierend in die Höhe. »Ich habe gewonnen, Peter! Gewonnen, gewonnen!«

BUMM-BUMM-BUMM!!!

»Welcher Idiot hämmert denn da gegen unsere Tür?« Erbost sprang Peter vom Stuhl auf, drückte die Klinke herunter und riss mit einem Ruck die Tür auf.

»Buhhh!«

Peter wich entsetzt zurück. Vor ihm stand eine dunkel gekleidete Gestalt, die einen schwarzen, breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen hatte.

»Ich bin Norman Hammley, der Kopflose, und lade euch zu einer Audienz ins ›Planet-Evil‹ ein!«

Peters Herz schlug bis zum Hals. »Wer … wer sind Sie? Und … was wollen Sie?«, brachte er stammelnd hervor.

Die dunkle Gestalt zog ihren Hut ab und lachte Peter unverfroren ins Gesicht. »Nun mach dir mal nicht gleich vor Angst in die Hose! Ich bin’s doch nur!«

»Jeffrey!« Peter zwang sich zu einem Lächeln. »Mann, hast du mir einen Schrecken eingejagt! Ist dir eigentlich klar, dass du mir mit deinem Auftritt den Sieg vermasselt hast?« Er deutete auf Justus, der gerade grinsend damit beschäftigt war, die Mikadostäbchen zu bündeln und mit einem Gummiband zu umspannen.

»Ich lag mit zwölf Punkten vor Justus. Wenn du nicht wie ein Irrer gegen die Tür gepoltert hättest, dann –«

»Willst du unseren Gast nicht erst mal hereinbitten, bevor du ihm den Kopf abreißt?«, schaltete sich Bob dazwischen und bedeutete Jeffrey mit einer zuvorkommenden Geste, in dem abgewetzten Sessel Platz zu nehmen. Jeffrey nahm diese Einladung dankend an, während Peter sich schmollend an die Spüle lehnte.

»Apropos ›Kopf abreißen‹«, wandte sich Justus an Jeffrey. »Hatte deine Begrüßung ›Ich bin Norman Hammley, der Kopflose‹ eine tiefere Bedeutung, oder wie darf man deinen spektakulären Auftritt, der mir letztendlich zum Sieg verhalf, interpretieren?«

Jeffrey setzte eine geheimnisvolle Miene auf. »Deiner Frage entnehme ich, dass das Stadtgespräch, das spätestens seit gestern Nacht ganz Rocky Beach beschäftigt, noch nicht bis zu euch vorgedrungen ist.«

Bob spitzte interessiert die Ohren. »Dann lass die Katze mal aus dem Sack!«

»Das ›Planet-Evil‹ kennt ihr doch sicher, oder?«, erkundigte sich Jeffrey bei den drei ???.

»Falls damit die Diskothek gemeint ist, die letztes Jahr in Rocky Beach eröffnet hat: Die ist mir ein Begriff. Obwohl ich zugeben muss, die Örtlichkeit noch nicht besucht zu haben«, entgegnete Justus in wichtigem Tonfall. »Das Tanzen zählt schließlich nicht zu meinen größten Hobbys.«

»Dem kann ich mich nur anschließen«, fügte Bob hinzu. »Außerdem ist mir mal zu Ohren gekommen, dass die ein unverschämt hohes Eintrittsgeld verlangen.«

Peter tippte sich mit dem Finger verächtlich gegen die Stirn. »Zwanzig Dollar, wenn mich nicht alles täuscht.«

»Ist ’ne Menge Schotter«, musste Jeffrey eingestehen. »Trotzdem habe ich mir den Schuppen letzte Nacht mal angesehen. War sozusagen ein Pflichtbesuch. Ein paar Freunde erzählten mir von dem abgedrehten Diskjockey Norman Hammley, der in der Lage sein soll, die Gäste des ›Planet-Evil‹ in so etwas wie einen magischen Bann zu ziehen.«

»Und?«, hakte Justus skeptisch nach. »Konntest du dem Urteil deiner Freunde zustimmen, nachdem du dir persönlich ein Bild dieser Diskothek gemacht hast?«

»Mehr als das!« Jeffreys Augen begannen zu leuchten. »Die tanzwütige Meute in dem Schuppen ist total ausgerastet! Gleich als Norman Hammley die erste Scheibe auflegte, waren die Besucher nicht mehr zu halten! Sie stürmten auf die mit Trockeneis vernebelte Tanzfläche und gaben sich voll und ganz der Musik hin!«

»Klingt ja nicht schlecht«, erwiderte Peter mit fragenden Unterton. »Aber was ist daran so außergewöhnlich?«

»Das Publikum tanzte wie in Trance! Mandy, meine Klassenkameradin, war die Erste auf der Tanzfläche. Je mehr sich der Beat der Musik steigerte, desto mehr verdrehte sie ihre Augen und stieß schrille Laute aus. Sie schien nicht mehr sie selbst zu sein, schwitzte am ganzen Körper und griff ständig mit ihren in die Höhe gestreckten Händen nach unsichtbaren Sternen.«

»Klingt zwar erstaunlich, aber noch ziemlich im Bereich des Normalen. Unter einem magischen Bann stelle ich mir etwas weitaus Spektakuläreres vor. Wenn beispielsweise –«

»Du lässt mich ja auch nicht ausreden«, fiel Jeffrey Justus unsanft ins Wort. »Das war ja erst der Anfang! Soll ich fortfahren?«

Justus nickte stumm.

»Die Musik, die Norman Hammley auf seinen beiden Plattentellern abspielte, war der pure Wahnsinn! Wärst du dabei gewesen, du hättest mir ohne Zweifel zugestimmt! Mir wurde richtig schwindelig. Der Beat schlug im gleichen Takt wie mein Herz, in meinem ganzen Körper vibrierte der Bass, und plötzlich … plötzlich verspürte ich ein noch nie da gewesenes Glücksgefühl, es war … absolut einzigartig! Und während ich tanzte, beobachtete ich, wie Norman Hammley auf dem Podest hinter seiner Musikanlage stand und mit flinken Fingern die Scheiben scratchte. Und dabei ist mir vollkommen unverständlich, wie er das ohne Kopf hinbekommen hat.«

»Wie bitte?« Auf Peters Stirn bildete sich eine tiefe Falte. »Wie meinst du das denn?«

»Ihr wisst es also tatsächlich noch nicht«, schürte Jeffrey die Neugier der Jungs. »Hammley ist hinter seinem Mischpult in eine dunkle Kutte mit einem hohen Stehkragen gekleidet. Doch an der Stelle, an der sich normalerweise sein Kopf befinden müsste, ist nichts zu sehen! Er fehlt … existiert gar nicht!«

Bob verzog die Mundwinkel zu einem Grinsen. »Hör schon auf herumzualbern. Ein kopfloser DJ, wie hört sich das denn an! Jeder Mensch hat einen Kopf auf seinem Hals sitzen!«

»Das musst du mir nicht extra erklären, aber ich habe es ja selbst gesehen!«

»Aber er muss doch irgendetwas sehen können!? Allein schon, um die Nadeln der Tonarme treffsicher in die Rillen der Scheiben aufzusetzen.«

»Ich hab keine Ahnung, Peter«, winkte Jeffrey ab. »Was weiß ich. Darum geht es doch auch gar nicht. Das Unfassbare ist doch: Nicht ich habe zur Musik getanzt, sondern die Musik gab mir vor, wie ich mich zu bewegen hatte! Und auf seinem Podest stand der DJ in seiner Teufelskutte und dirigierte uns, als wären wir Marionetten an Fäden. Mandy war seinem Bann willenlos verfallen. Ihr Körper führte exakt jede Bewegung aus, die ihr der DJ wie mit einem unsichtbaren Taktstock in seiner linken Hand vorzugeben schien. Vielleicht hat es auch nur an der Musik gelegen, aber Mandy war in ihrer Euphorie nicht mehr zu bremsen. Mehr und mehr fiel sie beim Tanzen in eine Art Trance, wobei ihre Augen ausschließlich auf Hammley gerichtet waren. Sie himmelte den DJ förmlich an. Und dann geschah es!«

»Ja was denn, zum Kuckuck?«, drängte Peter ungeduldig.

»Plötzlich richtete DJ-Hammley seine ausgestreckten Arme in Richtung Mandy, so als wolle er seine ›Anhängerin‹ in die Arme schließen, und dann …« Jeffrey holte tief Luft. »Es war wirklich unheimlich. Mandy schien wie von einer unsichtbaren Energieladung getroffen worden zu sein und sackte mitten auf der Tanzfläche ohnmächtig zu Boden. Sofort wurde ein Rettungswagen gerufen. Aber Mandy, die sich erstaunlich schnell wieder erholt hatte, weigerte sich strikt, von den Sanitätern nach Hause gebracht zu werden. Stellt euch vor: Sie wollte weitertanzen. Und auch die anderen Gäste ließen sich von dem Zwischenfall nicht im Geringsten beeindrucken. Eine irre Stimmung, sag ich euch, wie in einem Hexenkessel! Das müsst ihr euch unbedingt ansehen!«

»Vergiss es«, entgegnete Justus entschieden. »Die zwanzig Dollar Eintrittsgeld kann ich besser investieren. Ich habe nämlich schon seit Wochen die Anschaffung eines neu erschienenen Kriminallexikons im Auge, für exakt denselben Preis. Obwohl es mich, offen gestanden, reizen würde, mir den kopflosen DJ mal persönlich anzusehen, entscheide ich mich in diesem Fall doch eher für den literarischen Genuss.«

Jeffrey erhob sich aus dem Sessel. »Das Kriminallexikon sei dir gegönnt, Just, denn um das Eintrittsgeld braucht ihr euch nicht die geringsten Sorgen zu machen. Ihr seid von mir sozusagen – eingeladen!«

»Hast du eine Erbschaft gemacht?«, fragte Justus überrascht. »Oder im Lotto gewonnen?«

»Quatsch! Mache ich etwa den Eindruck? Aber eine Freundin meines älteren Bruders arbeitet im ›Planet-Evil‹ hinter dem Tresen. Sie war sofort bereit, gestern um Mitternacht das Klofenster von innen zu entriegeln, und hat mir versprochen, mir diesen kleinen Freundschaftsdienst heute Nacht noch einmal zu erweisen. Aber nur unter einer Bedingung: Falls man uns erwischt, dürfen wir sie nicht verpetzen.« Tatendurstig blickte Jeffrey die Jungs an. »Auch heute wird DJ Hammley zur Geisterstunde wieder kräftig einheizen! Habt ihr Lust, bei diesem Abenteuer dabei zu sein?«

»Na klar!«, riefen Peter und Bob wie aus einem Mund.

»Und wie sieht es mit dir aus, Justus?«

»Die Aussicht auf einen Diskothekenbesuch lässt mich relativ kalt, Jeffrey«, äußerte Justus gelassen. »Aber einen kopflosen DJ mal eingehend aus der Nähe zu betrachten, weckt meinen angeborenen Spürsinn. Ich bin dabei!«

 

Ungeduldig fieberten die drei ??? der kommenden Nacht entgegen. Diese war sternenklar. Keine Wolke zeigte sich am Himmel. Doch auch Jeffrey war nirgends zu sehen. Peter hielt immer wieder ungeduldig Ausschau nach ihm, während er mit Justus und Bob vor dem vereinbarten Treffpunkt, den beiden Klofenstern auf der Rückseite der Diskothek, auf ihn wartete. Es war kurz vor Mitternacht.

»Was machen wir, wenn Jeffrey nicht kommt?«, sprach Bob seine Bedenken aus.

»Darauf hoffen, dass uns das Klofenster trotzdem geöffnet wird.«

»Auf Jeffrey kann man sich verlassen.« Peter deutete zur Straße. »Da kommt er!«

Lässig schlenderte der Freund ihnen entgegen. »Hi!« Er hatte sein blondes Haar mit Gel zurückgekämmt und trug, ebenso wie Justus, Peter und Bob, Jeans, T-Shirt und Turnschuhe.

»Was habt ihr denn euren Eltern erzählt, wo ihr euch diese Nacht herumtreibt?« Jeffrey warf einen prüfenden Blick auf seine Armbanduhr.

»Wahrheitsgemäß übernachten wir heute bei Bob«, erklärte Justus. »Seine Eltern sind übers Wochenende zu Verwandten nach Las Vegas gefahren. Somit stand unserem Vorhaben nichts im Wege.«

Jeffrey vergrub die Hände in den weiten Taschen seiner Jeans. »Ich übernachte heute bei meinem Bruder. Er hält selbstverständlich dicht und will später auch noch in der Disko vorbeischauen. Das wird ’ne heiße Nacht werden! Habt ihr übrigens vorne am Eingang die lange Schlange von Besuchern gesehen? Der Türsteher ist ein ekliger und arroganter Schnösel und schickt jeden wieder nach Hause, dessen Gesicht oder Klamotten ihm nicht passen.«

Plötzlich merkten die Jungs auf. Direkt neben ihnen war ein leises Geräusch zu hören gewesen.

Jeffrey deutete zum Klofenster, das soeben von innen geöffnet wurde. In dessen Rahmen erschien das Gesicht einer jungen Frau.

»Beeilt euch!«, zischte sie und trat flink zur Seite, um ihnen den Einstieg zu ermöglichen.

»Du zuerst, Just! Ich mache dir eine Räuberleiter.« Peter handelte sofort. Er wusste, dass Justus mit seiner fülligen Figur der Unsportlichste von ihnen war und ihr Vorhaben ohne Hilfe nur unnötig verzögert hätte.

»Spitze, Ellen!«, freute sich Jeffrey, nachdem er als Letzter das Klofenster passiert hatte. »Wahnsinn, dass es auch dieses Mal –«

»Nicht so laut!« Hastig schloss die junge Frau das Fenster und legte warnend den Finger an die Lippen. »Wenn herauskommt, was ich hier mache, bin ich meinen Job los, das ist euch ja wohl klar! Also denkt an unsere Abmachung.«

Justus wollte gerade etwas Geistreiches erwidern, als vor ihnen plötzlich die Tür aufgestoßen wurde. Erschrocken zuckten die fünf zusammen.

»Was fällt euch denn ein? Was in aller Welt habt ihr hier zu suchen?«

In Partylaune

Entgeistert blickte Peter in das Gesicht einer jungen Frau. Ihre Augen, mit denen sie die vier Jungen streng fixierte, waren von greller Schminke umrandet. Ihr eng anliegendes Kostüm aus schwarzem Leder und die hochhackigen Stiefel unterstrichen ihr ohnehin schon strenges Auftreten.

»Seid ihr taub?« Entschieden trat sie näher. »Was habt ihr hier auf der Damentoilette zu suchen?«

Ellen handelte spontan. Sie verzog ihr Gesicht und deutete angewidert zum Waschbecken. »Eine Küchenschabe, Pam! Ich wollte mir gerade die Hände waschen, als plötzlich eine daumengroße Kakerlake aus dem Abfluss krabbelte! Ich schrie wie am Spieß, da kamen mir die Jungen hier zu Hilfe!«

»Du wirst in deinem Leben noch Hunderten dieser Schaben begegnen, Ellen!« Verächtlich warf die Frau einen Blick ins Waschbecken. »Amerika ist von diesen Krabbeltieren übersät. Sie sind nicht auszurotten und würden sogar einen Atomkrieg überleben.«

»Ich könnte mich übergeben!« Ellen schüttelte sich.

Die drei ??? und Jeffrey waren von der spontanen Schauspielkunst ihrer Komplizin hellauf begeistert. Pam hingegen wies mit säuerlicher Miene unmissverständlich zur Eingangstür der Damentoilette. »Raus jetzt, Jungs! Hier gibt’s nichts mehr zu glotzen! Ich übernehme den Rest.« Mit einer schnellen Handbewegung drehte sie den Wasserhahn auf und ließ heißes Wasser in das Becken laufen.

Erleichtert zog Justus seine Freunde mit sich nach draußen. »Wir sehen uns auf der Tanzfläche, Ellen!«

Während die beiden Frauen noch vor dem Spiegel standen, verließen die Jungs den neonbeleuchteten Waschraum und betraten über einen schmalen Flur mit klopfenden Herzen die düsteren, verwinkelten Räume der Diskothek.

Dröhnende Bässe erklangen von allen Seiten, bunte Scheinwerfer blitzten auf und aus jedem Winkel ertönten vergnügte Stimmen. Justus, Peter und Bob schauten sich interessiert, aber dennoch mit einem flauen Gefühl im Magen, um.

»Nun macht euch mal locker, Leute!«, ermunterte sie Jeffrey. Ihm war nicht entgangen, dass seinen Freunden die Unsicherheit gehörig in den Gliedern steckte. »Ellen hat doch spitze reagiert! Lasst alle Bedenken fallen. Man wird uns hier schon nicht rausschmeißen! Kommt, stürzen wir uns ins Getümmel!«

Die Jungen folgten erwartungsvoll den stampfenden Beats, die sie direkt zur Tanzfläche führten. Unter der mit Hunderten von kleinen Spiegeln bestückten Diskokugel offenbarte sich ihnen eine ausgelassene Tänzerschar, die sich schwitzend voll und ganz den Rhythmen der Musik hingab.

Rund um die Tanzfläche saßen auf Barhockern jede Menge junge Leute. Mit kühlen Getränken in den Händen beobachteten sie fasziniert das Geschehen auf dem mit Stahlplatten versehenen Tanzboden.

Justus ließ seine Blicke durch die Diskothek schweifen. Wo befand sich Norman Hammley? Zwar entdeckte er das etwa zwei Meter große Podest, auf dem ein Diskjockey, in offensichtlich bester Partylaune, heiße Scheiben auf den Plattentellern abspielte, aber dieser junge Mann sah ganz bestimmt nicht wie der geheimnisvolle DJ aus, den Jeffrey ihnen beschrieben hatte.

Jeffrey schien Justus Gedanken zu erraten. »Hammleys Auftritt erfolgt erst um Mitternacht, Justus! Die Stimmung unter den Gästen ist zwar schon gewaltig am Kochen, aber warte erst ab, bis der Magier persönlich erscheint!«

»Kollegen!« Bob deutete prustend zur Tanzfläche. »Täusche ich mich? Das ist doch Lucy aus der Oberstufe! Wie hat die sich denn zurechtgemacht?«

Peter reckte seinen Hals in die Höhe, um besser sehen zu können. »Ich krieg mich nicht wieder ein! Die ist ja kaum wiederzuerkennen!«

Für einen Moment widmeten die drei ??? dem Mädchen ihre ganze Aufmerksamkeit. Die sonst so unauffällige Klassenkameradin hatte ihre rötlichen Haare zu einer Löwenmähne auftoupiert, war stark geschminkt und tanzte in einem leopardengemusterten Overall zu den stampfenden Beats eines Songs im House-Stil.

»Was Schminke und Kleidung doch ausmachen«, bemerkte Peter treffend. Begeistert wippte sein Knie im Takt der Musik. »Wisst ihr was? Ich habe jetzt unglaublich große Lust zu tanzen!« Und ehe seine Freunde etwas erwidern konnten, erhob er sich schwungvoll vom Barhocker und steuerte auf die Tanzfläche zu.

Justus konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Ich habe Peter noch nie tanzen gesehen! Das wird bestimmt ein Höllenspaß! Ein Jammer, dass keiner von uns eine Videokamera dabeihat!«

»Mach dich über Peter nicht lustig, Just«, gab Bob zu bedenken. Dabei schaute er sich immer wieder prüfend um. »Sich auf die Tanzfläche zu begeben halte ich für einen klugen Schachzug. In der Disko ist das jedenfalls der günstigste Platz, um nicht aufzufallen. Wenn uns hier ein Ordner ohne den Eintrittsstempel auf unseren Handrücken erwischt, kann der Spaß, bevor er für uns erst richtig begonnen hat, schnell zu Ende sein. Deshalb würde ich sagen: Stehen wir Peter nicht nach und folgen wir ihm auf die Tanzfläche. Ein bisschen Bewegung täte gerade deiner fülligen Figur ausgesprochen gut, Just! Was ist mit dir, Jeffrey? Bist du auch dabei?«

Jeffrey nickte begeistert und folgte Bob, der Justus zielstrebig auf die dicht besuchte Tanzfläche mitzog.