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und die Geisterinsel

erzählt von Robert Arthur

aus dem Amerikanischen übertragen
von Leonore Puschert

Kosmos

Umschlagillustration von Aiga Rasch (9. Juli 1941 – 24. Dezember 2009)

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage

der Gestaltung von Aiga Rasch (9. Juli 1941 - 24. Dezember 2009)

 

 

 

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© 1973, 1989, 2011 Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten.

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

 

Based on Characters by Rober Arthur.

 

ISBN 978-3-440-12883-1

Satz: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

 

Warnung! Stopp! Vorsicht ist geboten!

Diese Warnung gilt denen, die leicht die Nerven verlieren und zum Nägelkauen neigen, wenn Abenteuer, Gefahr und Hochspannung im Anzug sind. Wer jedoch eine Geschichte mit derlei Zutaten zu schätzen weiß – möglichst noch mit einem Schuss Geheimnis und einem Anlass für kriminalistische Ermittlungen als Würze –, der lese nun mit Genuss.

Wieder einmal habe ich die Ehre, meinen Lesern ein Abenteuer der drei ??? zu präsentieren, und ich kann nur sagen, dass sie noch kaum in so aussichtslose Situationen geraten sind wie hier. Ihr müsst mir das nicht glauben – lest das Buch und seht selbst!

Für den Fall, dass ihr mit den drei ??? (sprich: drei Detektive) jetzt erst Bekanntschaft schließt, sei erläutert: Sie heißen Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Alle drei sind in Rocky Beach, nicht weit von Hollywood an Kaliforniens Pazifikküste, zu Hause. Vor längerer Zeit haben sie sich zu einem Detektivtrio zusammengeschlossen, um gemeinsam alles Rätselhafte und Geheimnisvolle, das ihnen begegnen sollte, aufzuklären. Bis jetzt haben sie sich dieser Aufgabe stets gekonnt entledigt.

Justus Jonas, Erster Detektiv, ist der Kopf des Unternehmens. Peter Shaw, Zweiter Detektiv, ist groß und stark und ein hervorragender Sportler. Bob Andrews, der wissbegierige und ausdauernde Forschertyp, ist mit den Recherchen und der Führung des Archivs betraut.

Und nun ist es so weit! Bitte umblättern – und los geht die Reise mit den drei ??? zur Geisterinsel!

Albert Hitfield

Ein Fall für die drei ???

»Wie steht es eigentlich mit euren Tauchkünsten?«, erkundigte sich Albert Hitfield.

Die drei ??? – Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews – blickten ihr Gegenüber hinter dem mächtigen Schreibtisch im Universum-Studio gespannt an. Peter antwortete für alle.

»Gerade sind wir in die letzte Prüfung gestiegen, Sir«, sagte er. »Unser Lehrer hat uns vorgestern in die Bucht mit runter genommen und war zufrieden.«

»Allzu viel Übung haben wir noch nicht, aber wir kennen alle Handgriffe und Regeln«, setzte Justus hinzu. »Und unsere eigenen Masken und Flossen haben wir auch. Sauerstoffgerät und Atemschläuche leihen wir uns, wenn wir tauchen wollen.«

»Ausgezeichnet!«, sagte Mr Hitfield. »Dann meine ich, ihr seid genau die Richtigen für die Sache!«

Die Sache? Meinte er eine Sache, bei der es irgendetwas zu ermitteln gab? Als Bob danach fragte, nickte Mr Hitfield.

»Ja, so ist es«, sagte er. »Und daneben könnt ihr euch auch als Schauspieler betätigen.«

»Als Schauspieler?« Peter hegte sichtlich Zweifel. »Das sind wir doch nicht, Sir. Auch wenn Justus als ganz kleiner Junge mal bei ein paar Fernsehsendungen mitgewirkt hat.«

»Es werden ja keine Berufsschauspieler verlangt«, beschwichtigte Albert Hitfield. »Ganz normale Jungen sollen es sein. Peter, du weißt doch, dass dein Vater zurzeit im Osten mit Regisseur Roger Denton einen Abenteuerfilm dreht, ›Gejagt bis ans Ende der Welt‹.«

»Ja, Sir.« Peters Vater war ein hervorragender Technik-Experte beim Film, und in diesem Beruf kam er weit in der Welt herum. »Jetzt ist er gerade in Philadelphia.«

»Falsch!« Mr Hitfield weidete sich an Peters Erstaunen. »Jetzt eben ist er auf einer Insel im Atlantik, ganz unten an der Südostküste der Vereinigten Staaten, und hilft bei der Instandsetzung eines alten Vergnügungsparks für die Schlussszene des Films. Dieses Eiland heißt die Geisterinsel.«

»Geisterinsel? Oho!«, entfuhr es Bob. »Das hört sich nach geheimnisvoller Vergangenheit an.«

»Ja, die Insel war früher ein Schlupfwinkel für Piraten«, erklärte der Regisseur den Jungen. »Es heißt, ein Gespenst gehe dort um. Und am Strand findet man heute noch Skelettreste. Hin und wieder, bei stürmischer See, werden Goldmünzen angespült. Aber ehe ihr euch falsche Hoffnungen macht, lasst euch gesagt sein, dass es auf der Insel keinen Schatz gibt. So viel ist einwandfrei bewiesen. Auf dem Meeresgrund in der Bucht könnten Überreste eines Schatzes verstreut liegen, aber nicht auf der Geisterinsel selbst.«

»Und da wollen Sie uns hinschicken?«, fragte Justus Jonas begierig. »Sie meinen, es gibt dort ein Geheimnis zu enthüllen?«

»Es verhält sich folgendermaßen.« Albert Hitfield legte die Fingerspitzen gegeneinander. »Dein Vater, Peter, lebt zurzeit mit ein paar Kollegen in einem Campinglager auf der Insel. Zusammen mit einheimischen Hilfskräften richten sie einen Teil des Vergnügungsparks für die Schlussszene des Films her, der im Übrigen größtenteils in Philadelphia gedreht wird. Aber es geht nicht alles glatt. Teile ihrer Ausrüstung wurden gestohlen, und nachts hat sich jemand an ihren Booten zu schaffen gemacht. Sie haben einen ortsansässigen Mann als Wache angestellt, aber der Ärger geht weiter, nur in größeren Abständen. Die Geisterinsel ist landschaftlich sehr reizvoll, und das Meer ringsum nicht tief. Roger Denton dachte sich nun, dass sein Assistent Harry Norris, solange er selbst auf der Insel arbeitet, einen Kurzfilm drehen könnte. Zum Beispiel über drei Jungen, die an einem Ferientag zum Spaß nach Piratenschätzen tauchen.«

»Sir, das ist eine ausgezeichnete Idee«, sagte Justus.

»Es würde nur wenig Mehrkosten verursachen, und beim Filmteam ist ein gewisser Jeff Morton, ein hervorragender Sporttaucher und Unterwasserfotograf. Und jetzt kommt eure Rolle. Ihr könntet die drei Jungen spielen, eure Tauchkenntnisse vertiefen und in der freien Zeit die Stadt erkunden und vielleicht Anhaltspunkte für die rätselhaften Diebstähle ermitteln. Dass ihr Detektive seid, werden wir geheim halten, damit niemand misstrauisch wird.«

»Das hört sich großartig an!«, sagte Bob begeistert. »Wenn es uns nur von zu Hause erlaubt wird.«

»Ganz bestimmt, zumal Mr Shaw ebenfalls dort ist«, sagte Mr Hitfield. »Natürlich könnte sich am Ende herausstellen, dass es gar kein Geheimnis gibt, aber im Hinblick auf eure früheren Erfolge wäre es ebenso gut möglich, dass ihr mehr Entdeckungen macht, als wir anderen uns vorstellen können.«

»Wann soll es losgehen?«, fragte Peter.

»Sobald ich mit Mr Denton und deinem Vater, Peter, alles Notwendige besprochen habe«, sagte Albert Hitfield. »Geht jetzt nach Hause und packt eure Sachen, damit ihr morgen für den Flug zur Ostküste bereit seid. Bob, du hast ja das Archiv und die Recherchen unter dir – hier sind ein paar Zeitungsartikel über die Geisterinsel, die dich vielleicht interessieren: wie sie entdeckt wurde, was für Piraten sich dort einst niedergelassen hatten und anderes Wissenswerte. Macht euch damit schon mal vertraut. Es dürfte eine erlebnisreiche Reise für euch werden!«

Unerwarteter Empfang

»Da ist die Geisterinsel!«, rief Bob Andrews.

»Wo? … Lass sehen!«

Justus und Peter lehnten sich über Bob hinweg, um auch aus dem Fenster des schlanken silberglänzenden Flugzeugs sehen zu können.

Gerade überquerten sie im Landeanflug eine lange, schmale Bucht – Atlantic Bay. Bob zeigte auf eine kleine Insel, die jetzt fast genau unter ihnen lag. Ihre Form erinnerte sonderbar an einen Totenkopf.

»Ich erkenne den Umriss nach den Karten, die uns Mr Hitfield gegeben hat«, erklärte Bob.

Staunend und neugierig äugten sie zur Insel hinunter. Vor mehr als dreihundert Jahren war die Geisterinsel Unterschlupf für Piraten gewesen. Wenngleich Mr Hitfield behauptet hatte, es sei dort kein Piraten-Goldschatz vergraben – vielleicht täuschte er sich! Sie hofften es! Und auf alle Fälle gab es auf der Insel ein Geheimnis, und sie würden es zu ergründen versuchen.

Eine andere Insel, viel kleiner, kam in Sicht.

»Das muss dann die Hand sein!«, sagte Justus.

»Und das dort die Knochen«, fügte Peter hinzu und zeigte auf ein paar schmale Riffe, die zwischen der Geisterinsel und der Hand verstreut lagen. »Leute, stellt euch das mal vor – nach dem Mittagessen sind wir aus Rocky Beach abgeflogen, und zum Abendessen sind wir schon hier!«

»Seht mal«, sagte Bob. »Die Hand sieht wirklich wie eine Hand aus. Die Finger sind Felsenriffe, die meistens überflutet sind, aber von hier oben sieht man sie ganz deutlich.«

»Ich hoffe, wir bekommen Gelegenheit, diese Hand zu erforschen«, sagte Justus. »Ich habe noch nie eine echte Naturfontäne gesehen. In dem Zeitungsartikel, den uns Mr Hitfield gab, steht, dass bei Sturm das Wasser aus dem Boden schießt wie aus dem Spritzloch eines Wals.«

Jetzt ließen sie die Inseln hinter sich, und auch der kleine Ort Fishingport auf dem Festland, das Ziel ihrer Reise, blieb zurück. In einer Privatpension wartete dort ein Zimmer auf sie.

Als das Flugzeug zur Landung ansetzte, tauchte zu ihrer Rechten eine ziemlich große Stadt auf. Das war Melville, wo der Flugplatz lag. Ein paar Augenblicke später, nachdem die Maschine vor dem Flughafengebäude zum Stehen gekommen war, legten die Jungen ihre Sicherheitsgurte ab.

Sie stiegen die Treppe hinunter, blieben dann stehen und blickten zu der kleinen Menschenansammlung hinüber, die hinter einem Drahtzaun wartete.

»Ob dein Vater uns wohl abholt, Peter?«, meinte Bob.

»Er sagte, er würde es versuchen, und wenn es nicht ginge, würde er jemand herschicken«, antwortete Peter. »Ich sehe ihn nicht.«

»Da kommt jemand, der so aussieht, als schaue er nach uns aus«, sagte Bob leise, als ein kleiner, gedrungener Mann mit roter Nase auf sie zukam.

»Hallo«, sagte er. »Ihr seid sicher die drei Juniordetektive aus Hollywood. Ich soll euch hier abholen.« Er blickte die Jungen aus kleinen, verschmitzten Augen an. »Wie Detektive seht ihr mir nicht gerade aus«, stellte er fest. »Ich dachte, ihr wärt älter.«

Bob spürte, wie Justus erstarrte. »Wir sollen bei einem Film mitwirken«, sagte er. »Wie kommen Sie darauf, wir seien Detektive?«

Der Mann zwinkerte vielsagend.

»Es gibt nicht viel, das mir entgeht«, sagte er grinsend. »Ich bin mit dem Wagen da. Euer Gepäck wird dann mit einem anderen Wagen abgeholt – für uns kommt mit dem Flugzeug noch ein Haufen Zeug aus Hollywood an, und alles zusammen wäre zu viel für mein Auto.«

Er drehte sich um und schritt durch den Ausgang zu einem alten Kombiwagen voran.

»So, rein mit euch«, sagte er. »Die Fahrt dauert eine gute halbe Stunde, und es sieht nach einem Unwetter aus.«

Bob sah zum Himmel auf. Obwohl die Sonne noch schien, zogen tief am Horizont von Westen her in rascher Folge schwarze Wolken auf. Ab und zu zuckte Wetterleuchten über den Wolkensaum hin. Es sah tatsächlich böse aus – nach Sturm und Gewitter.

Die Jungen stiegen hinten ein, der Mann setzte sich ans Lenkrad und ließ den Wagen an.

»Entschuldigen Sie, Mister –«, begann Justus.

»Nennt mich einfach Sam«, sagte der Mann. »Alle nennen mich Sam.«

Gleichzeitig trat er aufs Gaspedal, und der Wagen schoss mit hoher Geschwindigkeit davon. Die Sonne war jetzt hinter einer Wolke verschwunden, und plötzlich war es fast dunkel.

»Bitte, Mr Sam«, fragte Justus, »arbeiten Sie eigentlich auch für die Filmgesellschaft?«

»Nicht ständig«, antwortete Sam, »aber ich hab zugesagt, euch hier abzuholen. Da, seht nur, wie das Unwetter aufzieht. Das gibt die rechte Kulisse für einen Auftritt unseres Karussellgespensts. Heute Nacht möchte ich lieber nicht draußen auf der Geisterinsel sein.«

Bob fühlte ein Prickeln sein Rückgrat entlangkriechen. Das Karussellgespenst! Die so gründlich studierten Zeitungsartikel hatten ihnen alles über das Gespenst mitgeteilt, das angeblich auf der Geisterinsel spukte. Der Sage nach war es der Geist der liebreizenden, aber halsstarrigen Sally Farrington, einer jungen Frau, die eines Abends vor nun fünfundzwanzig Jahren auf dem alten Karussell gefahren war.

Damals war plötzlich ein Sturm aufgekommen, und das Karussell war stehen geblieben. Alle anderen waren ausgestiegen, aber Sally Farrington weigerte sich, von ihrem hölzernen Pferd herunterzukommen. Die Legende berichtete, dass sie gerufen habe, kein Sturm könne sie an der Weiterfahrt hindern.

Während der Karussellbesitzer sie noch zu überreden versuchte, zuckte ein Blitz aus dem Himmel herab und schlug in die eiserne Mittelachse des Karussells ein. Zum allgemeinen Entsetzen war Sally Farrington auf der Stelle tot.

Ihre letzten Worte waren gewesen: »Ich fürchte mich nicht vor Gewittern, ich fahre weiter, und wenn es das Letzte ist, was ich im Leben tu!«

Alle waren sich einig, dass sie an ihrem tragischen Schicksal selbst schuld war. Aber niemand hätte sich träumen lassen, was dann geschah. Ein paar Wochen später, in einer stürmischen Nacht, als der Vergnügungspark geschlossen und leer war, sahen Leute vom Festland aus die Lichter des Karussells aufblinken, und der Wind trug die Karussellmusik zu ihnen herüber.

Mr Wilbur, der Besitzer des Parks, war mit ein paar Männern im Boot hinübergefahren, um die Sache zu untersuchen. Als sie sich der Insel näherten, sahen sie das Karussell kreisen und darauf eine weiß gekleidete Gestalt, die sich an eines der bemalten Holzpferde klammerte.

Dann ging urplötzlich das Licht aus, und die Musik brach ab. Als die Männer wenige Minuten später hinkamen, fanden sie den Park völlig menschenleer vor. Auf der Erde neben dem Karussell entdeckten sie jedoch ein durchnässtes Taschentuch, zart und fein und mit den Initialen »S. F.« bestickt. Es war leicht festzustellen, dass das Tuch einmal Sally Farrington gehört hatte.

Da breitete sich eine Welle abergläubischer Furcht unter der Stadtbevölkerung aus. Man munkelte, Sally Farringtons Geist sei erschienen, um die unterbrochene Karussellrunde zu Ende zu führen. Bald hieß es überall, im Vergnügungspark gehe ein Gespenst um. Viele Leute gingen nicht mehr hin, und im folgenden Jahr wurde er gar nicht mehr eröffnet. Die Achterbahn, das Riesenrad und das Karussell – alles verkam und vermoderte im Lauf der Jahre vollkommen. Doch die Legende von Sally Farringtons Geist hielt sich weiter. Fischer behaupteten, das Gespenst gesehen zu haben, wie es auf der Insel umherirrte, besonders in stürmischen Nächten. In den letzten Jahren war es ein Dutzend Mal gesehen worden, manchmal auch von zwei oder mehr Personen gleichzeitig. Der Volksglaube sah Sally Farrington zum ruhelosen Spuk auf der Insel verdammt, stets in der Erwartung, ihren todbringenden Ritt auf dem Karussellpferd zu vollenden. Und da sich das Karussell nun nicht mehr drehte, würde sie bis in alle Ewigkeit warten …

Die Geisterinsel war daher seit Jahren öde und verlassen. Da der Vergnügungspark geschlossen blieb, gab es keinen Anlass mehr, hinüberzufahren, höchstens vielleicht einmal zu einem Picknick im Sommer. Doch auch das kam nur ganz selten vor, die Insel war zu sehr in Verruf geraten.

»Ich hab gehört«, rief Sam zu den drei Jungen nach hinten, »dass die Filmleute das alte Karussell wieder in Betrieb setzen wollen. Darüber wird Sallys Geist sicher entzückt sein. Vielleicht kann sie ihre Fahrt endlich fortsetzen, wenn das Ding wieder läuft!«

Er lachte spöttisch. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Wagen zu, denn gerade erfasste ihn der erste Windstoß, der dem herannahenden Sturm vorausging.

 

Fragezeichen

Die Worte dieses Sam, »Es gibt nicht viel, das mir entgeht«, könnten zu denken geben. Hoffentlich entgeht den drei ??? nicht, dass Fremden, die offenbar allzu gut unterrichtet sind, nicht unbedingt zu trauen ist …

 

Sie fuhren durch eine Gegend, die wie ödes Marschland anmutete. Nach einer halben Stunde kamen sie zu einer Gabelung. Die Hauptstraße bog nach links ab, und im Scheinwerferlicht konnten die Jungen ein Schild erkennen, das in diese Richtung zeigte: »Fishingport 2 Meilen«. Zu ihrer Überraschung lenkte Sam den Wagen in die unbeschilderte Abzweigung nach rechts, die bald darauf nur noch aus zwei Fahrspuren im Sand bestand.

»Auf dem Schild stand, dass es nach Fishingport in die andere Richtung geht«, meldete sich Peter. »Wieso fahren wir dann hier weiter, Mr Sam?«

»Muss sein«, sagte Sam über seine Schulter weg. »Da hat’s was gegeben. Mr Shaw möchte, dass ihr noch heute Abend zur Insel rauskommt und nicht erst zu Mrs Barton in die Stadt fahrt.«

»Ach, so ist das«, meinte Peter etwas ratlos. Sie fragten sich alle, was es wohl gegeben haben mochte. War etwas Schlimmes passiert?

Als sie einige Zeit die Sandstraße entlanggeholpert waren, hielt der Wagen an. Die Scheinwerfer erleuchteten eine halb verfallene Anlegestelle. Ein kleines, ziemlich schäbiges Fischerboot war dort festgemacht.

»Raus mit euch, ihr Burschen!«, rief Sam. »Nicht so lahm! Gleich bricht der Sturm los.«

Sie stiegen aus dem Wagen, ein wenig überrascht, dass die Filmgesellschaft nicht über bessere Transportmittel verfügte. Aber es war wohl Sams eigenes Boot.

»Kommt unser Gepäck denn nach?«, fragte Justus, als Sam zu ihnen trat.

»Für euer Gepäck ist bestens gesorgt, mein Junge«, sagte Sam. »Steigt jetzt ein. Wir müssen noch ein gutes Stück schaffen.«

Sie stiegen ins Boot. Sam beugte sich über den Motor. Er bediente einen Schalter, und bald tuckerten sie über die kabbelige See. Die drei Jungen mussten sich krampfhaft festhalten, so schlingerte und tanzte das kleine Boot.

Dann kam der Regen. Erst war es feiner, dichter Sprühregen, mit winzigen Hagelkörnern vermischt. Später prasselte es wie aus Kübeln. Die Jungen, unter einer dünnen Segeltuchplane zusammengekauert, waren bald völlig durchnässt.

»Wir brauchen Regenmäntel!«, brüllte Peter zu Sam hinüber. »Sonst sind wir die ersten Menschen, die über Wasser ertrinken!«

Sam nickte und zurrte das Steuer fest. Er stampfte zu einem Einbaufach und zog vier gelbe Plastikumhänge mit Kapuze heraus. Einen warf er selbst über, die anderen gab er an die Jungen weiter.

»Zieht euch die über«, schrie er. »Die hab ich immer hier, falls mal jemand zum Fischen mitfahren will.«

Justs Umhang war zum Zuknöpfen zu eng, und der von Bob war viel zu lang. Aber sie hielten wenigstens den Regen ab. Sam kauerte sich wieder ans Steuer. Jetzt grollte der Donner aus allen Himmelsrichtungen. Das kleine Boot schaukelte gefährlich auf den hohen Wellen, und die Jungen fürchteten, es könne jeden Augenblick kentern.

Eine lange Zeit schien ihnen verstrichen zu sein, als endlich im aufzuckenden Schein der Blitze Land in Sicht kam. Sie sahen weder Anlegeplatz noch Landungsbrücke, und sie waren überrascht, als Sam mit dem Boot eine flache, ins Wasser hinausragende Felsplatte ansteuerte.

»Springt an Land, ihr drei!«, schrie er. »Los, los!«

Verwirrt sprangen die drei ??? vom Boot zum Felsen hinüber.

»Kommen Sie nicht mit, Mr Sam?«, rief Justus, als das Boot wieder abtrieb.

»Geht nicht«, brüllte Sam zurück. »Immer dem Fußpfad nach, dann kommt ihr zum Lager. Es kann nichts schiefgehen.«

Er ließ den Motor aufheulen. Im nächsten Augenblick war das Boot in der stürmischen Nacht verschwunden.

Geduckt gingen die Jungen gegen den prasselnden Regen an.

»Wir müssen schnellstens diesen Pfad finden!«, rief Peter. Justus nickte.

Da hörte Bob einen sonderbaren Laut, wie das heisere Schnaufen eines mächtigen Untiers. »Huuuuu-uisch!«, klang es. »Huuuuu-uisch!«

»Was ist das denn?«, schrie Bob. »Hört mal!«

»Irgendwas hier auf der Insel«, antwortete Justus. »Passt mal auf, ob wir’s nicht sehen können, wenn der nächste Blitz kommt.«

Alle drei starrten landeinwärts. Da zuckte ein heftiger Blitz herab. Im grellen Licht konnten sie erkennen, dass sie sich auf einer ziemlich kleinen Insel befanden – für die Geisterinsel war sie eindeutig zu klein!

Sie bestand ganz aus Felsen, aus denen sich in der Mitte ein Hügel mit ein paar verkrüppelten Bäumen erhob. Es gab keinen Fußpfad und kein Lager. Und gerade ehe sich der Himmel wieder verdunkelte, sahen sie eine Wasserfontäne mitten aus dem Hügel emporschießen. Wie ein zischender Geysir stieg sie in die Höhe, und gleichzeitig hörten die Jungen wieder das »Huuuuu-uisch!«.

»Eine Naturfontäne!«, rief Justus. »Sie kommt direkt aus dem Fels. Wir sind nicht auf der Geisterinsel! Wir sind auf der Hand!«

Voll Entsetzen blickten sich die Jungen an.

Aus einem ihnen noch unbekannten Grund hatte Sam sie auf der Hand ausgesetzt bei Nacht und Gewitter. Und es war unmöglich, wegzukommen oder Hilfe herbeizurufen!

Das Gespenst tritt auf

Justus, Bob und Peter kauerten unter einem überhängenden Felsen. Hier war es zwar nicht ganz trocken, aber einen gewissen Schutz vor Wind und Regen bot er doch. In den letzten Minuten waren sie genug auf der kleinen Insel herumgeirrt, um zu der Überzeugung zu gelangen, dass dies wirklich die Hand war und dass es dort weder Menschen noch ein Boot gab.