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Haus des Schreckens

erzählt von Marco Sonnleitner

Kosmos

Umschlagillustration von Silvia Christoph, Berlin

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage
der Gestaltung von Aiga Rasch (9. Juli 1941 – 24. Dezember 2009)

 

 

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© 2006, 2008, 2011, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

 

Based on characters by Robert Arthur.

 

ISBN 978-3-440-12892-3

Satz: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

 

Marriotts Island

»Da kommt Peter.« Bob schloss seinen Käfer ab und deutete unauffällig zu dem roten MG, der eben auf den Parkplatz gerollt kam.

»Ich habe ihn schon bemerkt.« Justus zog sich die Kapuze seines Sweatshirts über den Kopf und nickte. »Sieh lieber nicht hin.«

Bob schulterte seinen Rucksack und runzelte die Stirn. »Hoffentlich spricht er uns nicht wieder an«, flüsterte er. »Oder kommt sogar hierher.«

Der Erste Detektiv schüttelte unmerklich den Kopf. »Ich glaube nicht. Diesen Fehler macht er nicht noch einmal.« Dann ergriff er ebenfalls seine kleine Reisetasche und wies auf eine Gruppe von Leuten, die sich am Rande des Parkplatzes unter den ausladenden Ästen eines Kastanienbaums versammelt hatten. »Aber lass uns sicherheitshalber schnell rübergehen. So wie es aussieht, sind die meisten ohnehin schon da.«

Während Peter seinen Wagen ein gutes Stück von Bobs Käfer entfernt in eine Parklücke steuerte, liefen Justus und der dritte Detektiv über die breite Kiesfläche. Die Steine knirschten unter ihren Schritten, aber das Prasseln des Regens war so laut, dass sie dieses Geräusch kaum vernahmen.

»Wenn es nur endlich aufhören würde zu regnen«, schimpfte Bob. »Seit heute Morgen gießt es wie aus Eimern und es will gar nicht mehr aufhören, wie mir scheint. Das sind sicher die Ausläufer von Emily, die gestern halb Texas verwüstet hat.«

»Kann nicht sein«, beschied Justus knapp.

»Wieso denn nicht?«

»Weil das der erste Hurrikan wäre, der es über die Rocky Mountains geschafft hätte.«

»Trotzdem läuft da oben irgendetwas aus«, beharrte Bob und schaute grimmig in den wolkenverhangenen Himmel.

Bevor sie bei der Gruppe ankamen, warf Justus noch kurz einen Blick über die Schulter. Peter hatte sich seine Jeansjacke über den Kopf gezogen und hastete ebenfalls Richtung Kastanie. Seine rote Sporttasche klemmte er sich dabei mit einer Hand vor den Bauch. Dann waren sie da.

»Hallo, allerseits!«

»Guten Abend!«

Ein Mann mittleren Alters, der einen dunkeln Trenchcoat trug und einen überdimensionalen Regenschirm hochhielt, drehte sich zu ihnen um und lächelte sie freundlich an. »Ah! Wunderbar! Ihr müsst«, er holte einen kleinen Notizblock aus seiner Aktentasche, klappte ihn auf und überflog eine kurze Liste, »Bob Andrews und Justus Jonas sein. Richtig?«

»Ja, genau.«

»Schön, dass ihr trotz dieses Hundewetters gekommen seid. Willkommen! Ich bin Jack Lowell.« Er steckte den Block in die Aktentasche zurück, gab jedem der beiden Jungen die Hand und schüttelte sie kräftig. Dann blickte er über Bobs Schulter Richtung Parkplatz. »Und dieses kopflose Wesen da könnte Peter Shaw sein, wenn ich mich nicht irre.«

Alle drehten sich um und beobachteten den Zweiten Detektiv, der die letzten Meter zurücklegte. Erst unter dem Kastanienbaum kroch er aus seiner Jacke hervor.

»Hallo! Jack Lowell!« Der Mann streckte auch Peter sofort die Hand entgegen.

»Schweinewetter!«, stieß Peter hervor und ergriff die Hand.

Lowell gab sich überrascht. »Ich dachte, du wärst Peter Shaw.«

Alle lachten.

»Bitte?«, fragte Peter verwirrt. »Äh, ach so, natürlich.« Er grinste verlegen. »Ja, ich bin Peter Shaw.«

Lowell zwinkerte ihm zu. »Na dann … sind wir ja fast komplett. Einer fehlt noch, aber ich darf euch dreien, die ihr gerade zu uns gestoßen seid, schon mal die anderen vorstellen. Das ist Mr Alexander Nolan.«

Ein hagerer Mann mit schütteren, grauen Haaren nickte kurz. Er war sicher weit über fünfzig, machte aber einen sehr energischen Eindruck. Der Blick seiner dunklen Augen durchbohrte die drei Jungen förmlich.

»Das sind Mr und Mrs Ian und Mary Parsley.« Lowell wies auf ein Ehepaar, das links von Nolan stand.

»Hallo, Jungs.« Die rotbäckige Mrs Parsley lachte grundlos und viel zu laut. Sie schien ein wenig nervös zu sein.

»Freut mich«, nuschelte Mr Parsley, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Er tippte sich an seine Baseballkappe und sog gierig an seinem Glimmstängel.

Außer diesen Personen lernten die drei Detektive noch Jasper Kittle kennen, einen jüngeren Mann mit Nickelbrille, der sie neugierig von Kopf bis Fuß musterte, und zwei junge Frauen: Shawne Davison und Jaqueline Williams, beide recht hübsch, wie Peter fand.

Und dann stellte sie Lowell noch einander vor: »Peter, das sind Justus Jonas und Bob Andrews, Justus und Bob, Peter Shaw.«

Der Zweite Detektiv lächelte gönnerhaft und hielt Justus die offene Hand hin: »Na, Bruder, alles senkrecht? Gimme five!«

Justus glaubte, nicht recht zu hören. »Was? Äh, ja, sicher.« Sichtlich verwirrt klatschte er die Hand ab und sah Peter dabei aus großen Augen an.

»Bobby, was geht ab?« Peter streckte Bob die geschlossene Faust entgegen. Der sollte mit seiner Faust gegen Peters Knöchel stoßen.

»Freut … mich ebenfalls.« Der dritte Detektiv schüttelte verdattert Peters Faust.

»Und da kommt auch schon der Letzte!«, rief Lowell in diesem Moment und zeigte zur Einfahrt des Parkplatzes.

Justus und Bob sahen Peter noch für eine Sekunde irritiert an, aber der Zweite Detektiv grinste nur schelmisch. Dann wandten sich auch die drei ??? dem Neuankömmling zu.

Ein nagelneuer, silberfarbener Lexus SC glitt ohne hörbares Motorengeräusch über den Kies. Fast jedem verschlug es erst einmal die Sprache, so elegant sah dieser Wagen aus.

»Was der Schlitten kostet, verdiene ich in zwei Jahren nicht«, raunte Parsley, der dazu sogar die Zigarette aus dem Mund genommen hatte.

Die Nobelkarosse beschrieb eine große Kurve und parkte dann genau neben Bobs Käfer. Mit einem kurzen Nachglühen verloschen die Scheinwerfer.

»So wie der parkt, komme ich nicht mehr ins Auto«, flüsterte Bob Justus zu. »Der steht viel zu nah dran.«

»Woanders ist nichts mehr frei«, entgegnete Justus mit einem Blick über den Parkplatz. »Außerdem werden wir ja alle zur gleichen Zeit wieder aufbrechen, insofern kann er dich problemlos zuparken.«

»Hm«, knurrte Bob. Er hätte dennoch etwas mehr Respekt für seinen Käfer erwartet.

Die Fahrertür des Lexus öffnete sich und ein groß gewachsener Mann stieg aus. Als er auf die Gruppe zueilte, schätzte Justus, dass er an die zwei Meter messen musste. Er war gut und teuer gekleidet, hatte eine gesunde Hautfarbe und bewegte sich kraftvoll und geschmeidig. Alles an ihm strahlte Selbstbewusstsein und Überlegenheit aus.

»Das ist Lloyd Scavenger!«, entfuhr es auf einmal Shawne. »Lloyd Scavenger!«

»Tatsächlich!« Jaqueline machte große Augen und die beiden Freundinnen strahlten sich glückselig an.

Justus befürchtete, dass sie sich gleich vor Freude an den Händen fassen und zu hüpfen anfangen würden. Aber so weit kam es dann doch nicht. »Er ist es wirklich«, sagte er leise zu Bob.

»Musst du mir nicht erzählen. Scavenger produziert im Augenblick die ›Swampheads‹, ›Grunchnut‹ und ›Daddy’s Darlings‹. Er ist ganz dick im Geschäft.« Bob verdiente sich nebenher in Sax Sendlers Musikagentur etwas Taschengeld und war daher in Sachen Musikbusiness immer auf dem neuesten Stand. »Ich bin erst vor zwei Tagen an seinem Haus ganz hier in der Nähe in Beverly Hills vorbeigefahren. Imposante Hütte, sag ich dir.«

Scavenger war jetzt unter dem Kastanienbaum angekommen. Selbst der Regen schien vor ihm Respekt zu haben, denn das Wasser perlte an seinem schwarzen Anzug und der großen schwarzen Ledertasche, die er bei sich hatte, in kleinen Tropfen ab.

»Tut mir leid«, sagte er mit einer sonoren Stimme und lächelte verbindlich in die Runde. »Ich habe mich etwas verspätet, aber ich musste noch einen dringenden Termin wahrnehmen.« Mit flinken Bewegungen wischte er ein paar Tropfen von seinem Jackett, in dessen Brusttasche sogar ein gefaltetes Taschentuch mit eingestickten Initialen steckte: LS.

»Kein Problem!« Lowell begrüßte ihn mit einem leichten Klaps auf die Schulter und stellte ihm kurz die anderen vor. Anschließend rieb er sich unternehmungslustig die Hände. »Meine Damen und Herren, ich würde sagen, jetzt kann’s losgehen. Bitte folgen Sie mir!«

Alle nahmen ihr Gepäck und folgten Lowell zu einem Landungssteg. Von dem dahinter liegenden See sah man kaum etwas, da das Ufer dicht bewachsen war. Nur hier und da schimmerte das trübe Grau der Wasseroberfläche durch. Der Regen, der dort draußen auf dem Wasser einschlug, wurde jedoch immer lauter, je näher sie dem See kamen.

Einer hinter dem anderen liefen sie unter weit überhängenden, tropfnassen Ästen auf den Steg hinaus. An dessen Ende konnte man schon ein kleines Kabinenboot erkennen, das ruhig im Wasser dümpelte. Aber etwas anderes erregte ihre Aufmerksamkeit, als sie schließlich das Ende des Stegs erreicht hatten und über den See blicken konnten.

»Ian, sieh doch!« Mary Parsley fasste den Arm ihres Mannes.

»Klasse!«, befand Shawne.

»Sehr beeindruckend«, meinte auch Kittle.

Trotz der blassen Regenbahnen, die wie wehende Schleier über das Wasser zogen, konnte man das Bauwerk dort drüben auf der Insel gut erkennen, zumal der See nicht allzu groß war. Das Anwesen musste riesig sein. Die mächtige Fassade nahm fast die Hälfte der Insel ein, Dutzende von Türmchen, Erkern, Giebeln, Kuppeln, Balkonen und Balustraden hoben sich vor dem trüben Hintergrund ab, hunderte von Fenstern schickten ein mattes Funkeln über den See, und außen herum lag ein ausgedehnter Garten, dessen Pracht jedoch im Moment im grauen Einerlei unterging.

In schweigendem Staunen stiegen alle ins Boot. Lowell wartete, bis der Letzte an Bord war, und löste dann die Haltetaue. Danach warf er den Elektromotor an und tuckerte leise über den See.

Je näher sie dem Haus kamen, desto beeindruckender wurde es. Drei Stockwerke hoch erhob es sich auf der Insel, wobei es so verwinkelt und verschachtelt gebaut war, dass man kaum sagen konnte, wo das eine Stockwerk aufhörte und das andere anfing. Als das Boot schließlich an der Anlegestelle der Insel festmachte, nahm die Front des Gebäudes beinahe das gesamte Gesichtsfeld der Ankömmlinge ein.

»Da sind wir! Marriotts Island!«, verkündete Lowell. Er sprang auf den Kai und machte eine ausladende Geste.

Noch immer sagte keiner etwas. Jeder war vor allem mit Staunen beschäftigt und wusste gar nicht, wohin er zuerst schauen sollte. Justus fiel allerdings auf, dass sich Scavenger am wenigsten beeindruckt zeigte. Seine Gelassenheit konnte auch solch ein imposantes Bauwerk nicht erschüttern.

»Hier entlang, bitte!« Lowell betrat einen kleinen Kiesweg, der sich vom Ende des Stegs in sanften Windungen Richtung Haus schlängelte. Die Gruppe durchquerte den Garten, vorbei an bizarren Gewächsen, verwunschenen Tümpeln und Gnomen und Trollen, die als Gartenskulpturen dienten und im verschwommenen Dämmerlicht erschreckend lebendig aussahen.

»Ian!«, piepste Mary und klammerte sich noch fester an ihren Mann.

Aber auch Shawne und Jaqueline sah man an, dass sie sich im Moment nicht allzu wohl fühlten. Nolan, Kittle und Scavenger dagegen verzogen keine Miene.

Kurz bevor sie das Anwesen endlich erreicht hatten, passierten sie noch einen großen, runden Pavillon, der nur wenige Meter von der östlichen Hauswand entfernt stand. Viele der soliden, präzise gearbeiteten Holzbohlen wiesen an ihren Enden kunstvolle Schnitzereien auf, und auf dem roten Schindeldach thronte ein lebensgroßer Pfau aus Messing.

»Ist das dieses Pfauenhaus, von dem ich gelesen habe?«, wollte Nolan von Lowell wissen.

»Das war es, ja«, bestätigte Lowell. »Mrs Marriott liebte diese Vögel, und zu ihren Lebzeiten liefen fast ein Dutzend tagsüber frei im Garten herum. Nachts brachte man sie dann immer in diesem Pavillon unter. Heute halten wir allerdings nur noch ein paar Zierhühner, Seiden- und Sultanhühner vor allem. Um diese Zeit sind die schon alle im Pavillon, aber vielleicht sehen wir morgen früh ein paar davon.« Er wies auf eine kleine Klappe am unteren Ende der Eingangstür. »Sie können nach Belieben rein- und rausgehen.« Die Gruppe warf einen letzten Blick auf den prächtigen Hühnerstall und wandte sich wieder dem Haus zu.

»Warum sind die Fenster eigentlich alle vergittert?« Kittle wies auf die schmiedeeisernen Gestänge, die vor sämtlichen Fenstern des Hauses angebracht waren.

»Einbrecher«, sagte Lowell. »Anders können wir das Haus hier auf der Insel kaum vor ihnen schützen. Es ist ja nicht immer jemand hier.«

Endlich waren sie am Eingang angekommen. Die Gruppe drängte sich vor einer mächtigen Tür aus massivem Eichenholz. Das Türblatt zierten kunstfertige Einlegearbeiten, die ein Gewehr und ein überdimensionales M darstellten. Darunter befand sich ein schwerer Türklopfer in Gestalt eines gehörnten Fauns. Links und rechts der Tür grinsten sie zwei fratzenhafte Fantasiefiguren aus Marmor an.

Lowell nestelte einen Schlüssel aus seiner Tasche und führte ihn zum Schlüsselloch. Einen Moment zögerte er noch, doch dann steckte er den Schlüssel hinein und drehte ihn um.

In diesem Moment ertönte ein grauenvoller Schrei aus dem Inneren des Hauses.

Das Haus der Geister

»O Gott!« Mrs Parsley krallte sich nun auch noch an Peter fest.

Auch Shawne und Jaqueline erschraken heftig, Mr Parsley fiel die Zigarette aus dem Mund, und selbst Nolan und Kittle zuckten kurz zusammen. Nur Scavenger blieb die Ruhe in Person. Justus schürzte bewundernd die Lippen. Der Mann schien Nerven wie Drahtseile zu haben.

»Noch ist Zeit umzukehren.« Lowell sprach mit tiefer Stimme, blickte betont finster drein und wies Richtung Boot. »Doch dies ist die letzte Gelegenheit!«

Ein paar schluckten, und Mrs Parsley linste auch kurz zum See, aber keiner nahm das Angebot wahr.

»Also gut, wie Sie wollen. Aber sagen Sie hinterher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!« Lowell nickte bedeutungsschwer und stieß die Tür auf.

Ein Raunen ging durch die Gruppe. Vor ihnen öffnete sich eine prächtige Eingangshalle. Erhellt von flackernden Gasleuchten sah man direkt auf eine mächtige Treppe, deren Stufen mit einem schweren, roten Teppich ausgelegt waren. Die Wände waren holzvertäfelt. Justus tippte auf Mahagoni. Auf beiden Seiten des Vestibüls hingen je ein großer Gobelin und einige Ölbilder. Der Boden bestand aus einem Eichenparkett, über das sich ein breiter persischer Läufer quer durch das Foyer zog. Der Luxus, den diese Eingangshalle ausstrahlte, war so Ehrfurcht gebietend, dass sich kaum jemand mehr als drei Schritte hineintraute.

»Nur Mut. Treten Sie ruhig näher«, forderte sie Lowell daher auf. »Zumindest diejenigen, die gut versichert sind.«

»Wie bitte?«, fuhr Jaqueline herum.

Lowell lachte. »Kleiner Scherz. Aber Mr Parsley«, er deutete auf den glimmenden Zigarettenstummel zu dessen Füßen, »wenn ich Sie daran erinnern darf: Im Haus herrscht absolutes Rauchverbot.«

»Ich weiß, keine Sorge«, erwiderte Parsley.

»Danke.« Lowell schloss die Tür hinter Peter, der als Letzter eingetreten war, und stellte sich auf den Treppenabsatz. »Und nun darf ich Sie herzlich willkommen heißen im Marriotts-Mystery-House! Sie wissen sicher schon einiges über dieses sagenumwobene Gemäuer, aber ich möchte noch einmal das Wichtigste zusammenfassen, bevor ich Sie Ihrem Schicksal überlasse.« Er zuckte andeutungsvoll mit den Brauen, und bei Mrs Parsley reichte dies, um noch ein wenig blasser zu werden.

»Mrs Sarah Lockwood Marriott«, Lowell wies auf ein Ölbild zu seiner Rechten, das eine ergraute, würdevolle Dame zeigte, »hat dieses Haus von 1882 bis zu ihrem Tod 1920 erbauen lassen. Sie war die Witwe von Walter Wirt Marriott, dem Erfinder des berühmten Marriott-Repetiergewehrs – the gun that won the west«, setzte Lowell pathetisch hinzu. »Vor dem großen Erdbeben von 1906 hatte das Haus zwischen 500 und 600 Zimmer, von denen heute noch etwa 220 übrig sind, davon allein 39 Schlafzimmer, 13 Badezimmer und 6 Küchen. Es umschließt 2800 Quadratmeter Fläche, hat an die 9000 Fenster, 1900 Türen, 46 Kamine und 44 Treppen. Darüber hinaus weist es eine Reihe von äußerst merkwürdigen Besonderheiten auf, von denen Sie heute Nacht sicherlich noch einige entdecken werden: Fenster in Zwischenwänden, andere, hinter denen nichts als die Wand ist, und sogar einige im Fußboden. Eine kunstvolle Treppe, die an der Decke endet, und eine andere, die ganze 90 Zentimeter Höhenunterschied durch 18 Stufen bewältigt, indem sie erst sieben Stufen hinab- und dann wieder elf Stufen hinaufführt. Es gibt Gänge und Türen, die so niedrig sind, dass man sich nur gebückt hindurchzwängen kann. Andere wiederum sind so schmal, dass man nur mit einer Schulter voran weiterkommt. Des Weiteren besitzt das Haus etliche Geheimtüren, geheime Gänge in der Wand und geheime Wanddurchlässe, zahllose Gucklöcher und Spione, Schranktüren, hinter denen sich Zimmer verbergen, und Türen, hinter denen sich Abgründe auftun.« Lowell hielt kurz inne und sagte dann mit zusammengekniffen Augen: »Ich kann Ihnen also nur raten: Merken Sie sich die Örtlichkeiten und Ihre Wege so gut wie möglich und seien Sie vorsichtig. Wenn Sie sich verlaufen, kann es Stunden dauern, bis man Sie wieder findet, und wenn Sie nicht aufpassen, kann es auch gefährlich werden.«

»Und es gibt im ganzen Haus keinen Strom?«, fragte Peter.

»Kein Strom, kein Telefon, kein Internet«, antwortete Lowell. »Das ganze Haus wird über eine Gasanlage im Keller betrieben. Aber keine Angst: Es handelt sich bei den Lampen nicht mehr um die gefährlichen und stinkenden Karbid-Leuchten. Wir haben zwar die alten Lampen belassen, diese aber auf Propanbetrieb umgerüstet.«

»Und wenn wir heute Nacht aus irgendeinem Grund Hilfe benötigen sollten?« Justus sah den Mann fragend an.

»Ich werde für den Notfall dieses Handy hier lassen.« Lowell zog ein Mobiltelefon aus der Tasche seines Trenchcoats und sah sich suchend in der Gruppe um. »Und ich werde es … dir geben.« Lowell ging auf Bob zu und drückte ihm das Telefon in die Hand. »Pass gut darauf auf! Es ist heute Nacht eure einzige Verbindung zur Außenwelt.«

»Wieso geben Sie es mir?«, fragte Bob unsicher.

»Wieso nicht?«, antwortete Lowell ungerührt.

Mrs Parsley kam ein Stück hinter ihrem Mann hervor. »Und das mit den Geistern. Stimmt das wirklich?«, fragte sie zaghaft.

Lowell sah sie ernst an. »Vielleicht finden Sie es heute Nacht heraus.«

Mrs Parsley brachte nur noch ein Wimmern hervor.

»Geister?«, fragte Justus verwundert. »Wovon sprechen Sie?«

»Hast du die Informationsbroschüre nicht gelesen?« Lowell sah ihn tadelnd an.

Justus schüttelte den Kopf. »Das muss mir wohl entgangen sein.«