Mord Mord West

Alfred Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2017.

Alfred Bekker

Mord Mord West: Drei Krimis

Drei Krimis mit Tatorten im Westen Deutschlands: Vom Sonsbeck  am Niederrhein über Düsseldorf und Mönchengladbach zieht sich eine Blutspur bis nach Ostfriesland. Tief im Westen liegen die Orte, an denen in diesem Buch gemordet wird.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Zweisam in Sonsbeck

Alfred Bekker: Der Armbrustmörder

Alfred Bekker: Eine Kugel für Lorant

Umfang: ca. 450 Taschenbuchseiten.

––––––––

Copyright

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

All rights reserved

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

ZWEISAM IN SONSBECK

Krimi von Alfred Bekker

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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Inhaltsverzeichnis

Title Page

Copyright-Seite

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Mord Mord West

Der Armbrustmörder

Prolog

1. Kapitel: Berringer, dein Freund und Helfer

2. Kapitel: In den Straßen von Mönchengladbach

3. Kapitel: Im Fadenkreuz

4. Kapitel: M – Eine Stadt sucht einen Mörder

5. Kapitel: Die Nacht des Jägers

6. Kapitel: Es gibt kein Zurück

7. Kapitel: Tote schlafen besser

8. Kapitel: Das Gesicht im Dunkeln

9. Kapitel: Der dritte Mann

10. Kapitel: Das letzte Kapitel

EINE KUGEL FÜR LORANT

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

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Die Stimmen.

Sie hören nicht auf.

Ich dachte, ich könnte sie zum Schweigen bringen, aber das war wohl ein Irrtum. Eine gewisse Traurigkeit überkommt mich. Ein Gefühl der Vergeblichkeit.

Zu Hause ist es manchmal ziemlich einsam.

Wenn ich niemanden habe, mit dem ich reden kann, höre ich die Stimmen.

Also muss ich immer dafür sorgen, dass ich nicht allein bin.

Es war an einem heißen Juli-Nachmittag, als die St. Gerebernus-Prozession durch Sonsbeck zog.

Letztes Jahr.

Der Musikverein Harmonie 1911 spielte.

Trotz der komischen Uniform, die nicht gerade feminin wirkt, fiel mir eine Trompeterin auf. Ich bin nicht sehr musikalisch, hatte aber das Gefühl, dass es nicht richtig sein kann, wenn man eine Trompete aus dem Bläsersatz dermaßen schrill heraushört. Dem Gesichtsausdruck des Dirigenten nach hatte ich mit dieser Einschätzung Recht.

Damals sah ich Franziska zum allerersten Mal. Allerdings wusste ich noch nicht, dass sie Franziska hieß.

Ich konnte sie einfach nicht vergessen.

Ihr Gesicht, meine ich.

Ich betrete das Sonsbecker Rathaus in der Herrenstraße 2. Es dauert eine Weile, bis ich mich durchgefragt habe und schließlich im Zimmer des Sachbearbeiters sitze, der dafür zuständig ist, einem Bedürftigen wie mir Hilfe zum Lebensunterhalt zu gewähren.

Der Sachbearbeiter heißt Wolke. So hat er sich mir gegenüber vorgestellt. Seine Kollegin, die während unseres Gesprächs mehrfach hereinschneit und uns mit irgendwelchen ach so dringenden Lappalien unterbricht, nennt ihn HEBBET.

Nicht HERBERT sondern HEBBET.

Vielleicht kommt sie aus dem Hessischen.

Jedenfalls ist sie nicht von hier.

Zugezogen.

Ihre Sprache verrät sie.

Sie ist blond und quirlig.

HEBBET ist genau das Gegenteil.

Dunkelhaarig und ziemlich behäbig. Richtig lahm. So, wie man sich einen Beamten in seiner Amtsstube eben vorstellt.

Wolke lehnt sich in seinem Sessel zurück und sieht mich abschätzig an.

"Sie wollen also Geld von mir haben."

"Nicht von Ihnen persönlich."

"Logisch", knurrt er. "War ein Witz."

"Ach, so."

Er atmet tief durch, beugt sich vor und greift sich anschließend mit schmerzverzerrtem Blick an den Rücken. Irgendetwas zwickt ihn da. Das sind eben die Folgen des Dauersitzens. Kann man in jedem Apothekenblatt nachlesen.

"Sie haben zurzeit keine Arbeit?", fragt er mich.

"Nein."

"Seit wann?"

"Seit ... Schon jahrelang."

"Wovon haben Sie gelebt?"

"Vom Geld meiner Mutter."

"Ist Ihre Mutter berufstätig?"

"Nein, jetzt nicht mehr. Sie steht nicht mehr auf. Jedenfalls nicht ohne Hilfe."

"Heißt das, sie ist ein Pflegefall?"

"Kann man so sagen."

"Zahlen Sie Miete?"

"Nein. Ich lebe im Haus meiner Mutter. Also, eigentlich ist es mein Haus. Sie hat es mir vor ein paar Jahren überschrieben."

"Außer den Zuwendungen Ihrer Mutter haben Sie keinerlei Einkünfte?"

"Ich habe hin und hin und wieder mal ..." Ich stocke.

"Schwarzarbeit?", erlöst er mich davon, mich selbst belasten zu müssen.

"Ja."

Er seufzt. Sieht genervt aus. Ich bereue schon, überhaupt hier her gekommen zu sein.

"Sie müssen mir Ihre Vermögensverhältnisse offen legen, sonst gibt es kein Geld für Sie", erklärt mir Wolke jetzt unmissverständlich. "Wenn Sie Ihre Mutter pflegen, dann hätten Sie auch vielleicht Anspruch auf Leistungen der Pflegekasse. Haben Sie Ihre Mutter vom medizinischen Dienst begutachten und in eine Pflegestufe einstufen lassen?"

"Nein."

"Das sollten Sie schleunigst veranlassen", sagt Wolke. "Ihren Schilderungen entnehme ich, dass Ihre Mutter bettlägerig ist."

"Ja."

"Dann sind Sie auf Grund der übernommenen Pflege auch nicht voll erwerbsfähig." Er seufzt, sieht auf die Uhr. "Wissen Sie was, ich muss heute pünktlich weg. Aber ich habe hier ein Formular für Sie. Füllen Sie das bitte aus und kommen Sie doch danach wieder in mein Büro."

"Wann?", frage ich.

Er zuckt die Achseln. "Die Tage mal."

Ich bekomme das Formular.

Seine quirlige Kollegin schneit noch einmal hinein. "HEBBET, eine Unterschrift!", säuselt sie, legt ihm was auf den Tisch. HEBBET unterschreibt ohne sich das Blatt durchzulesen.

"Alles klar?", fragt HEBBET Wolke.

"Alles paletti. Hast du übrigens schon gehört, dass da eine junge Frau vermisst wird?"

"Wirklich?"

"Ja, hier aus dem Ort."

"Nö, weiß ich nix von."

"Kam gerade im Radio. Den Namen habe ich vergessen, aber morgen ist sicher ein Foto in der Zeitung."

"Vielleicht kennen wir sie."

"Sandra Stahlke oder Stahnke."

"Nee, das ist 'ne Schauspielerin, da vertust du dich, Katharina."

"HEBBET ..."

"Ja, wirklich!"

"HEBBET, die heißt Susan Stahnke und ist auch keine richtige Schauspielerin sondern ... Wat weiß ich!"

Ich habe langsam das Gefühl, hier überflüssig zu sein. Immerhin weiß ich jetzt, dass die Quirlige Katharina heißt. Sie gefällt mir. Ich hätte sie gerne zu Hause. Nur so zum Reden. Nur zum Reden. Nicht für mehr.

Das Land hier am Niederrhein ist flach. Bäume, Häuser, Alleen, hin und wieder eine Kirche. So sieht es aus hier in Sonsbeck. Idyllisch könnte man dazu sagen. Mein Haus liegt ein Stück die Weseler Straße raus. Man kann es von der Straße aus nur im Winter sehen, wenn die Bäume kein Laub tragen. Mein Wagen, der Wagen, der meinem Vater gehört hat, steht jetzt in der Garage. Ich habe kein Geld für den Sprit mehr. Ich bin ein sparsamer Mensch, aber vielleicht war ich in der Vergangenheit nicht sparsam genug.

Jetzt fahre ich mit dem Fahrrad in die Stadt.

Geht auch.

Muss gehen.

Muss einfach.

Als ich später meine Mutter umbette, damit sie bequem liegt und keine Druckstellen bekommt, sagt sie: "Wir damals, in der schweren Zeit, wir haben ganz andere Sachen ausgehalten. Und du meckerst, wenn du mal in die Pedale treten musst!"

Als ich das Sozialamt verlasse, fällt mir das Plakat der Volkshochschule auf. "Volkshochschulzweckverband Alpen-Rheinberg-Sonsbeck-Xanten" , so nennt sich diese Institution mit vollem Namen. In Zimmer 22 des Rathauses residiert der offizielle Ansprechpartner, ein Herr mit einem holländisch klingenden Namen. Ich sehe mir das Plakat an. Karate für Anfänger, Wirtschaftsenglisch für Fortgeschrittene und Kreatives Schreiben.

MORD FÜR ANFÄNGER UND FORTSCHRITTENE, steht da in großen Buchstaben. Lernen Sie literarisch zu morden.

Klingt interessant, denke ich.

Schreiben befreit, heißt es. Man ordnet dadurch angeblich seine Gedanken.

Die vielen Stimmen im Kopf. Auch andere Dinge. Man ordnet seine Welt. Man erschafft seine Welt neu. Besser vielleicht.

Eine Weile habe ich das geglaubt.

Aber es stimmt nicht.

Gleichgültig, mit welch salbungsvollen Worten unsere Kursleiterin dies auch zu beschwören versucht. Die Stimmen sind immer noch da.

Und manch anderes auch. Aber in so einem Volkshochschulkurs für Kreatives Schreiben lernt man nette Menschen kennen. Frauen überwiegend. Und das ist doch auch etwas.

Es ist eine traurige Sache.

Warum bleiben sie nicht?

Warum erschrecken sie, wenn sie das Haus betreten? Weshalb beklagen sie alle sich über einen bestimmten Geruch, von dem sie nicht sagen können, wodurch er verursacht wird?

Sie wollen nicht bleiben und mit mir reden.

Ich weiß nicht warum.

Ist es zuviel, was ich verlange?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Und doch, es ist immer dasselbe.

Sie wollen nicht bleiben. Ich kann von Glück sagen, wenn sie sich wenigstens mit mir an den gedeckten Tisch setzen.

"Hat jemand etwas von Franziska gehört?", fragt die Kursleiterin irgendwann, nachdem Franziska schon das dritte Mal nicht zum Kurs gekommen ist.

Zunächst herrscht Schweigen.

Schließlich sagt eine junge Frau mit mattglänzendem Haar und einem sehr ernsten Gesicht, bei dem man unwillkürlich auf die Idee kommt, dass eine schwere Jugend sehr schwermütige Gedanken zur Folge hat:

"Ich habe bei ihr geklingelt, aber es war wohl niemand da."

"Also wenn ihr jemand zufällig begegnen sollte", so die Kursleiterin,

"dann möge er ihr doch bitte schöne Grüße von mir ausrichten und sie fragen, ob sie nun an unserer Lesung teilnehmen will oder nicht.

Irgendwann muss ich ja auch planen."

Sie wird nicht teilnehmen, denke ich.

Weder an der Lesung, noch an sonst irgendetwas.

Franziska wird gar nichts mehr tun.

Ich zünde die Kerzen an.

Der Schein der Flammen fällt auf ihre ebenmäßigen Züge und taucht sie in ein diffuses Licht.

Ich konnte sie nicht gehen lassen.

Ich konnte einfach nicht.

––––––––

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Ich spaziere gerne am Dassendaler Weg zwischen dem Römerturm und der St. Gerebernus-Kapelle. Manchmal sagen mir Stimmen, ich soll hier hin gehen. Vielleicht suche ich instinktiv die Nähe eines sakralen Gebäudes. Betreten habe ich die Kapelle nie. Auch keine andere Kirche.

Seit Jahren nicht.

Es wäre mir irgendwie unangemessen vorgekommen. Du hast dort nichts zu suchen! , sagt eine Stimme.

Aber eine andere widerspricht: Genau hier bist du richtig. Im Angesicht des Kreuzes. Wo sonst willst du Buße tun?

Ich schließe die Augen.

Kneife sie zu.

Drücke die Handflächen auf die Ohren.

Es ist dunkel.

So dunkel.

Der Chor der Stimmen verstummt nicht.

Ich spüre eine leichte Berührung. Sie wirkt wie ein elektrischer Schlag.

"Ist Ihnen nicht gut?", dringt eine weibliche Stimme in mein Bewusstsein. Ich erkenne sie wieder, öffne die Augen und sehe die quirlige Katharina aus dem Sozialamt. Ihr Gesicht wirkt besorgt.

"Alles in Ordnung."

"Wirklich?"

"Wirklich."

"Ich habe ein Handy dabei. Soll ich einen Arzt rufen?"

"Nein, danke."

Sie sieht mich zweifelnd an. "Na, Sie müssen es ja wissen."

"Eben!"

Geh weg.

Sofort.

"Ich meine, es ist halt so, dass Kurse meistens im Laufe der Zeit kleiner werden", sagt die Leiterin einmal. "Aber wenn man keine Lust mehr hat, könnte man sich eigentlich wenigstens abmelden, finde ich."

Hast du eine Ahnung!, denke ich.

Die Leiterin macht ein ernstes Gesicht.

Drei volle Sekunden Schweigen.

Dann wenden wir uns dem Text einer rothaarigen, sehr hageren und sehr unzufrieden wirkenden jungen Frau zu, die aussieht, als hätte sie in ihrem jungen Leben schon viel mitgemacht. "Ich habe das Problem, wie ich historische Fakten in meinen Krimi einbauen soll", sagt sie. "Ich möchte schließlich nicht aufdringlich oder belehrend klingen, andererseits ... Nun, ich habe einen Kompromiss zwischen spannender Handlung und historischer Genauigkeit versucht."

Wir hören ihr zu.

Nachdem sie zwei Seiten lang über die Gründung der Stadt Sonsbeck im Jahre 8 v. Christus durch den römischen Kaiser Tiberius doziert und Bezüge zur Herrschaft der Grafen von Cleve im zwölften Jahrhundert hergestellt hat, die in Sonsbeck eine Bockwindmühle besaßen, denke ich, dass dieser Kompromiss gründlich daneben gegangen ist. Eigentlich geht es ihr nämlich darum, einen Mord zu beschreiben, der in der Turmwindmühle stattfindet, die zu dem daneben liegenden Hotel gehört.

Als die Rothaarige anschließend noch ellenlange und detailreiche Beschreibungen des fast völlig von Efeu überwuchterten Mauerwerks zum besten gibt, denke ich: Man sollte die Todesstrafe wieder einführen.

Für Langweilerinnen.

Etwas fasziniert mich doch an ihr.

Ihr Gesicht.

Sie ist nicht mein Typ, das hatte ich innerhalb der ersten zwei Sekunden entschieden, in denen ich sie sah.

Trotzdem...

Ihr Gesicht - nein, ihr Gesichtsausdruck! - dieses fleischgewordene Monument aus Qual und Entsagung, muskulös durch das Kauen von Grünkernen und Müsli, gezeichnet durch den Ausdruck permanenter Unzufriedenheit, der sich bereits in Form von charakteristischen Falten verewigt hat, erinnert mich an Mutter.

Sie sah auch so drein.

Wenn sie von der schweren Zeit sprach.

Sie sprach oft davon.

Kein Wunder, dass sie früh Falten bekam.

Das mit den Stimmen fing an, als ich etwa fünf Jahre alt war.

"Dafür brauchen wir keinen Arzt", hatte Mutter damals gesagt. "Das wächst sich aus, wenn du größer wirst."

Es hat nie wieder richtig aufgehört. Sie sind immer da. Das Einzige, was sie vorübergehend übertönen kann, sind die Stimmen anderer.

Die Stimmen meiner Besucherinnen zum Beispiel.

Mutter hat keine von ihnen gemocht - und das, obwohl ich ihr nur das Beste über sie berichtet habe. Keiner von ihnen ist sie persönlich begegnet.

"Was ich gehört habe, reicht mir für ein Urteil", pflegte sie zu sagen.

Ein Urteil.

Das war es.

Ein Urteil ohne Berufung. Ohne Verteidiger. Nur eine einsame Richterin.

"Reg dich nicht so auf", sagte ich.

"Wieso soll ich mich nicht aufregen, wenn du dich mit den falschen Frauen triffst? Welche Mutter würde sich da nicht aufregen?"

"Weißt du nicht, dass so etwas einen zweiten Schlaganfall auslösen kann?"

"Ach, Junge!"

Gegenüber vom Sonsbecker Rathaus befindet sich ein Parkplatz.

Dahinter ragt die Silhouette der evangelischen Kirche hervor. Zwei Einsatzwagen der Polizei stehen auf dem Parkplatz. Als ich mit dem Fahrrad in die Herrenstraße einbiege, fallen sie mir wegen der eingeschalteten Blinklichter gleich auf. Irgendetwas muss passiert sein.

Ich fahre auf den Parkplatz. Um die Polizisten hat sich ein Pulk von schaulustigen Passanten gebildet. Uniformierte Beamte teilen Handzettel aus. Das Bild einer jungen Frau ist darauf zu sehen. Darunter die Frage, ob jemand ihr in den letzten Tagen begegnet sei. Ein Beamter kommt auf mich zu, drückt mir auch so einen Zettel in die Hand.

"Was ist passiert?", frage ich.

"Versuchen wir gerade herauszufinden."

"Sie ist doch nicht tot?"

Meine Stimme vibriert.

Warum eigentlich?

Der Beamte sieht mich an. Seine Augen sind dunkelgrau. Genau wie sein Schnauzbart, der so dick ist, dass man von den Lippen nichts sehen kann. Er mustert mich. Ich fange an zu schwitzen. Ich fange immer an zu schwitzen, wenn mich jemand so ansieht. Genau auf diese Weise.

Unmöglich zu sagen, woran das liegt. Ich weiß nur, dass sich dann meistens die Stimmen melden.

Geh weg.

Sofort.

Flieh!

"Sehen Sie sich das Bild genau an", sagt der Polizist. "Vielleicht kennen Sie die junge Frau ja ..."

Ich nicke.

Senke zögernd den Blick.

Bislang habe ich es vermieden, mir das Gesicht anzusehen.

Tu es nicht!

Sieh nicht hin!

"Schreckliche Sache", sage ich.

"Naja, wir wissen ja noch nicht sicher, was wirklich passiert ist", erwidert der Uniformierte.

"Ich glaube, dann würden Sie nicht so eine große Aktion starten."

"Also, was ist? Kennen Sie die Frau?"

"Nein."

Ich muss schlucken.

Er sieht dir deine Lüge an, denke ich. Er sieht dir an, dass du jeden Tag mit ihr sprichst, dass sie an deinem Tisch sitzt, dass ihr zusammenlebt wie ein altes Paar.

Ich höre die Leute reden. Von härteren Strafen und perversen Schweinen, von schlampigen Gutachtern und zu milden Urteilen wegen einer schweren Kindheit. Das ganze Stammtischgequatsche eben. Der Polizist geht weiter.

Geh weg.

Sofort.

Ich steige auf das Fahrrad, zittere dabei.

"Sie wollen wirklich schon gehen?"

Ihr Gesicht wirkt verlegen.

"Ja."

"Aber ..."

Woran liegt es nur? Mutter kann nichts damit zu tun haben. Sie liegt seit ihrem Schlaganfall starr da und wenn ich sie nicht alle paar Stunden umbetten würde, bekäme sie Druckstellen, die sich nach einiger Zeit dunkel verfärben. Manchmal ruft sie nach mir, das hat sie jetzt nicht getan. Der Hass, den sie meinen Besucherinnen entgegenbringt, kann doch nicht durch die Wände ihres Zimmers gedrungen sein wie eine schwarze Giftwolke!

Ich höre Stimmen.

Einen dumpfen, choatischen Chor, der lauter wird, anschwillt.

"Ich muss mich auf den Weg machen. Verstehen Sie mich doch, es ist höchste Zeit ..."

"Ich habe den Tisch gedeckt!"

"Hören Sie, ich will Sie nicht kränken, aber ..."

"Aber?"

"Ich weiß nicht, ob es richtig war, Ihre Einladung anzunehmen ... Was ich sagen will ist ..."

"Sie können mir das nicht antun! Ich habe für Sie gekocht!"

"Das ist sehr nett, aber - "

"Alles ist vorbereitet ... "

Sie runzelt genau in diesem Moment die Stirn.

"Vorbereitet?"

Viele von ihnen haben genau in diesem Moment die Stirn gerunzelt.

Ich kann es unmöglich erklären, aber es ist so.

Ich habe kein gutes Gefühl.

"Es gibt Lachs in Kräuterbutter. Dazu einen guten Wein. Es wird Ihnen schmecken ..."

Ich habe etwas Scheußliches getan.

Naja, das haben die meisten vielleicht irgendwann schon mal in ihrem Leben. Aber das, was ich getan habe, ist von besonderer Scheußlichkeit.

Ich weiß es, aber ich kann es nicht ändern.

Ich empfinde auch keine Schuld.

Es ist so gekommen.

Aus.

Fertig.

Reden wir über etwas anderes.

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Ich sehe ihr in die Augen, diese leuchtend blauen Augen, die mich ganz friedlich anblicken.

Sie sitzt mir gegenüber, mit diesen Augen, mit ihrem schmalen Mund, mit ihrem feingeschnittenen Gesicht. Ihr Mund lächelt nicht mehr. Er ist vielmehr unbeweglich, etwas starr, ich weiß auch nicht.

Ich hebe mein Glas und proste ihr zu.

Sie schweigt.

Ich rede mit ihr. Oder besser: Ich erzähle ihr alles Mögliche. Über mich. Über meine Ansichten. Über Gott. Und die Welt.

Nein, vielleicht doch nicht über Gott. Was ich damit sagen will ist Folgendes: Gott hat in dieser Geschichte eigentlich nicht allzu viel verloren.

Ich sollte ihn aus dem Spiel lassen.

Um seinetwillen.

Mein Mund produziert Worte. Eins nach dem anderen, ohne Unterlass. Eigentlich bin ich ein schweigsamer Mensch, vielleicht sogar schüchtern. Ich lebe zurückgezogen mit meinen drei Katzen. Wie schon gesagt: Das Haus, in dem ich wohne, liegt etwas abseits.

Ich habe es für mich allein und das ist gut so.

Ein Tag vergeht. Und ein weiterer.

Ich lasse sie am Tisch sitzen. Sie blickt mich starr an, wenn wir uns unterhalten.

Hätte ich sie doch gehen lassen sollen?

Vielleicht.

Ich konnte es nicht.

Es war einfach unmöglich.

Ich brauchte sie.

Und ich hoffe nur, dass ich ihr nicht allzu sehr wehgetan habe.

Jedenfalls hat sie nicht geschrien. Sie war wohl sofort tot. Ganz bestimmt.

Ich bette Mutter um. Von links nach rechts. Ihre Gliedmaßen sind starr. Ich packe Kissen zwischen die Gelenke.

Sie redet nicht mit mir. Sie ist beleidigt.

"Ist deine Besucherin noch da?", fragt sie plötzlich.

Der erste Satz - seit Tagen.

"Ja."

"Sie ist nicht gut für dich."

"Mutter!"

"Bring sie weg."

"Nein, noch nicht!"

"Ich mag sie nicht. Sie ist ..."

"Ja?"

"... wie die anderen."

Im Innersten meines Herzen weiß ich, dass Mutter Recht hat.

Bedauerlicherweise.

Ein Kursteilnehmer trägt eine Geschichte vor, die von einem Raubmord handelt. Er stottert beim Lesen. Der Text bricht plötzlich ab.

"Mir fällt kein Ende ein", meint der Schreiber, der sich mit der flachen Hand bei jeder Gelegenheit über das schüttere Haar streicht. Dadurch lädt es sich statisch auf, steht in der Gegend herum. Wie bei jemandem, der auf dem elektrischen Stuhl sitzt.

"Ich habe jetzt eine richtige Schreibhemmung, weil ich einfach nicht weiterkomme!", stöhnt er noch mal auf.

Er kann noch nicht richtig dichten, aber so gequält dreinschauen wie ein richtiger Dichter kann er schon.

Immerhin etwas.

Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben, heißt es.

"Vielleicht kann ich mich einfach nicht so richtig in einen Mörder hineinversetzen", meint der Wie-ein-gequälter-Dichter-Dreinschauende dann.

Er wendet sich an mich.

Ausgerechnet.

"Wie schaffst du das denn?"

"Ich?"

"Du hast doch letzte Woche auch eine Mörder-Story geschrieben."

"Ja."

"Na?"

"Ich weiß nicht."

Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich höre die Stimmen. Ich versuche zu verstehen, was sie sagen ...

"Ist Ihnen nicht gut?", dringen die Worte der Kursleiterin plötzlich in mein Bewusstsein.

"Mir? Wieso?"

"Sie sehen so blass aus!"

Am vierten oder fünften Tag nahm ich meine Besucherin über die Schulter und setzte sie in einen der großen Ohrensessel, die bei mir im Wohnzimmer stehen. Wir saßen beieinander. Es war schön. Jedenfalls besser, als wenn man alleine dasitzt.

Von Tag zu Tag gab es mehr Fliegen im Haus und mir war klar, woher das kam.

Ich betrachtete wehmütig ihr Gesicht.

Schade, aber ich würde mich von ihr verabschieden müssen.

Ich schob es noch ein paar Tage vor mir her. Schließlich hatte ich mich an ihre Gesellschaft gewöhnt.

Dennoch, es war unvermeidlich.

Ich löste ein paar Fußbodenbretter, unter denen ich eine Grube angelegt hatte und legte sie zu den anderen.

Später gehe ich zu Mutter.

Sie hat schon nach mir gerufen. Ziemlich ungeduldig. Die Stimmen in meinem Kopf haben die ihre übertönt. Das ist manchmal ganz angenehm. Gegen den großen Chor kommt sie eben doch nicht immer an. Ich lächele. Trotz der Sache mit meiner Besucherin.

"Willst du, dass ich Druckstellen bekomme?"

"Nein."

"Willst du, dass mir irgend ein Quacksalber das tote Fleisch herausschneiden muss?"

"Nein, natürlich nicht."

"Du weißt, dass ich Ärzte hasse und um keinen Preis einen dieser Pfuscher an mir herummachen lasse!"

Das hatte sie auch nach dem Schlaganfall gesagt, als ich sie fand. Mit starren Gliedmaßen, verkrampften Fäusten, einem hängendem rechten Augenlid.

Ich hatte sie damals kaum verstehen können, so undeutlich sprach sie.

Immerhin - das ist von allein besser geworden. Oder ich habe mich mehr daran gewöhnt. Ich bin mir nicht ganz sicher.

"Warum hast du mich dann solange warten lassen, Junge?"

"Ich habe sie weggebracht."

"Deine Besucherin?"

"Ja."

"Gott sei Dank."

Ich bette sie um.

Diesmal von rechts nach links. Sie liegt zusammengekrümmt wie ein Fötus da.

Ich schiebe Kissen unter die Gelenke.

Routine.

Jedesmal dieselbe Prozedur.

Ich muss sie genau einhalten - sonst bekommt Mutter Druckstellen, hat Schmerzen und wird sauer.

Außerdem bekomme ich die Klappe der großen Kühltruhe nicht zu, wenn ich sie falsch lagere.

ENDE

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Der Armbrustmörder

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Berringer ermittelt in Mönchengladbach

Krimi von Alfred Bekker

© 2008, 2012 by Alfred Bekker, CassiopeiaPress

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

All rights reserved.

Die Printausgabe dieses Titels erschien im Droste-Verlag

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 235 Taschenbuchseiten.

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Prolog

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Beinahe Mitternacht.

Schatten, die im Licht der spärlichen Beleuchtung dahinhuschten.

Ratten.

Vielleicht ...

Nur in den Büroräumen von EVENT HORIZON, der Event-Agentur von Frank Marwitz, brannte noch Licht. Ansonsten befand sich niemand mehr in dem kastenförmigen dreistöckigen Flachdachbau im Gewerbegebiet Mönchengladbach, in den sich ein paar aufstrebende Selbstständige eingemietet hatten, deren Unternehmen ihre beste Zeit noch vor sich hatten.

Marwitz saß an seinem Schreibtisch und fuhr gerade den Rechner herunter. Er hatte noch einmal den Veranstaltungskalender seiner Homepage überarbeitet. Nun war nichts mehr zu tun. Für diesen Abend hatte selbst ein so hyperdynamischer Jungunternehmer wie er, diese Rampensau des Niederrheins und Conferencier für alle Fälle, bekannt aus Funk, Fernsehen und lokalem Käseblatt, genug getan.

Der Flachbildschirm wurde dunkel. Marwitz stand auf. Sein Haar war gegelt, sah aber aus, als wäre es verschwitzt. Er war Mitte vierzig, fand aber, dass er wie Mitte dreißig aussah, und hatte ein Lebensgefühl, das er für das eines Fünfundzwanzigjährigen hielt.

Allerdings waren die allgewaltigen Unterhaltungschefs in den TV-Sendern in diesem Punkt anderer Meinung gewesen. Seine größten Erfolge war eine Nebenrolle in einer Vorabend-Soap und ein Moderatorenjob in einem Shopping-Sender gewesen. Aber der erste dieser beiden einzigen überregionalen Erfolge lag schon etwa zehn Jahre zurück, und der zweite hatte gerade sein unweigerliches Ende gefunden, weil der Shopping-Sender, für den er Trimmgeräte und Billig-Laptops angepriesen hatte, in Konkurs gegangen war.

So war Marwitz in gewisser Weise ein Opfer der allgemeinen Finanz- und Wirtschaftskrise geworden. Zumindest sagte er sich das, denn diese Version war leichter mit seinem Ego zu vereinbaren als die, dass seine Moderation möglicherweise einfach an der Zielgruppe vorbeigegangen war.

Genau das hatte man ihm bei einer Reihe von Castings gesagt, die er zwischenzeitlich hinter sich hatte.

Marwitz fragte sich nicht zum ersten Mal, wieso er das eigentlich mitmachte. Er moderierte Veranstaltungen mit mehreren tausend Gästen und half manchmal sogar als Stadionsprecher der Borussia aus – was nach dem Wiederaufstieg in die Bundesliga ja auch richtig Spaß machen konnte. Er brachte ganze Hallen zum Kochen und verwandelte halbtote Rentner in ekstatische, enthemmte Partygänger. Er machte manchmal selbst Butterfahrten und den Tanztee für Senioren zu einem unvergesslichen Bühnenereignis und lief zur Hochform auf, wenn bei der Abschlussfeier einer vierten Grundschulklasse zwar weder der Bär noch Eltern oder Lehrer, aber immerhin die Kinder tobten.

Aber für das Fernsehen schien er einfach nicht gut genug zu sein. Seine Karriere war in dieser Königsdisziplin des Showbiz schon am Ende gewesen, bevor sie richtig angefangen hatte.

Marwitz nahm ein Kaugummi aus der Tasche seines ausgebeulten Kordjacketts. Er hatte an diesem Tag seit dem spärlichen Frühstück, das aus einem angegessenen Schokoriegel von gestern bestanden hatte, noch nichts zu sich genommen. Es war einfach keine Zeit gewesen. Das Korschenbroicher Schützenfest stand zu Pfingsten vor der Tür, und da musste einiges organisiert werden, was gar nicht so leicht gewesen war. Vor allem war es schwierig gewesen, eine leistungsfähige PA-Anlage zu organisieren, die in der Lage war, ein Festzelt ausreichend zu beschallen.

Marwitz hatte den Job in Korschenbroich kurzfristig annehmen müssen, da ein Kollege ausgefallen war, und zu Pfingsten war so ziemlich jede funktionsfähige PA-Anlage im Land irgendwo im Einsatz. Ob nun beim Tanz in den Mai, einer Ü-30-Party oder beim Gemeindefest einer Pfarrgemeinde, alles was auch nur entfernt nach einem Lautsprecher aussah, wurde gebraucht, und Marwitz war einfach zu spät dran gewesen. Aber er hatte gute Kontakte und es schließlich doch noch auf die Reihe gekriegt.

Es fehlte nur noch eine Sache zu seinem Glück, und die raubte ihm den letzten Nerv.

Marwitz ging zur Fensterfront und drückte die Stirn gegen die Scheibe. Das gab zwar einen Schweißfleck, aber so konnte er hinaus in die Dunkelheit sehen, ohne nur sein eigenes Spiegelbild anzustarren, während er den Kaugummi weiterhin mit nervös mahlenden Kiefern bearbeitete.

Es ging um die Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle an der Hohenzollernstraße in zwei Tagen ...

Alles war perfekt organisiert gewesen. Eine Art überdimensionaler Kindergeburtstag für die Teenager der Achtziger, deren Musik durch den Tod von Michael Jackson eine unerwartete Renaissance erlebte. Ausgerechnet da war Marwitz das fest eingeplante Michael-Jackson-Double abgesprungen und hatte den Termin einfach gecancelled.

Angeblich, weil er eine Zerrung hatte.

„Opa-walk mit Krücke statt Moonwalk“, hatte er am Telefon gejammert. „Das will doch keiner sehen.“

Aber Marwitz hatte aus gut unterrichteten Quellen erfahren, dass diese Jackson-Doublette stattdessen ein Engagement in einer Disco in Moers angenommen hatte.

Für die doppelte Gage.

Der Tod eines Popstars konnte zwar die Party-Szene bisweilen gehörig anheizen, aber er verdarb leider sowohl die Preise als auch die Moral der Lookalikes. Es war immer dasselbe. Den Kerl zu verklagen half Marwitz nichts. In zwei Tagen musste ein Jackson-Double in der Kaiser-Friedrich-Halle auf der Bühne stehen, sonst war er erledigt. Der Act war groß angekündigt und überall plakatiert.

Und tatsächlich hatte der Event-Manager es geschafft, einen der wenigen Jackson-Doppelgänger zu finden, die gegenwärtig noch frei waren.

Und der hatte auch versprochen, noch an diesem Abend bei ihm vorbeizuschauen.

Aber er war bisher nicht aufgetaucht, und unter der Handynummer meldete sich nur die Mailbox.

Du schaffst es noch, dass ich wegen dir wieder anfange zu rauchen!, ging es Marwitz erbost durch den Kopf. Fünf Minuten gebe ich dir noch, und wehe du kannst dann den Moonwalk nicht so perfekt wie der King of Pop zu seinen besten Zeiten!

Ein Wagen fuhr auf den Parklatz vor dem Gebäude. Ein Mann stieg aus. Er war groß und schlank, mehr konnte Marwitz von ihm nicht erkennen, denn er war nur für einen kurzen Moment als Schattenriss zu sehen, dann verschluckte ihn die Dunkelheit.

Wenig später klingelte es an der Tür. Marwitz öffnete.

„Tag. Kann ich reinkommen?“

„Wenn Sie Michael Jackson sind.“

„Bin ich. Sie sind Marwitz, oder? Ich habe Sie in der Zeitung gesehen. ›Bunter Nachmittag für Senioren war ein voller Erfolg‹ oder so ähnlich. Stimmt‘s?“ Nichts, worauf ich stolz bin!, dachte Marwitz. „Kommen Sie rein!“, forderte er barsch. Die Tür fiel zu. Marwitz musterte das Jackson-Double von oben bis unten.

„Sie sehen Jacko überhaupt nicht ähnlich.“

„Mit Maske und Perücke schon. Sie werden mich nicht von ihm unterscheiden können.“

„Na ja ...“

„Krieg ich 'nen Vorschuss?“

„Jetzt?“

„Ich will fünfhundert Eier, gleich auf die Kralle, sonst trete ich nicht auf. Klar?“

„Nun mal langsam!“

„Scheiße, wenn ich gewusst hätte, dass Sie es doch nicht ernst meinen, wäre ich gar nicht erst hier rausgefahren.“

„Wo wohnen Sie denn?“

„Giesenkirchen. Ich habe da als Kellner im Los Morenos gearbeitet, aber die Gebrüder Moreno haben ihr Restaurant dichtgemacht, und nun stehe ich auf der Straße. Deshalb bin ich etwas knapp bei Kasse.“

„Wann sind Sie das letzte Mal aufgetreten?“, fragte Marwitz.

„Ist schon ein paar Jahre her. Nachdem dieser Kinderschänder-Prozess gegen Jacko angefangen hat, wollte plötzlich niemand mehr Jackson-Doubles. War 'ne ziemliche Scheiße für mich, ich hatte mir gerade erst neue Klamotten für Auftritte gekauft, und die sind ja nicht billig ...“

„Singen Sie mal 'nen Ton“, sagte Marwitz. „Irgendwas. ›Billy Jean‹ oder ›Dirty Diana‹ – was Ihnen so einfällt.“

„Oh, hatte ich das nicht gesagt? Ich singe nicht. Ich tanze nur und bewege den Mund.“

Marwitz atmete tief durch. Er singt nicht, er sieht Jackson nicht ähnlich, aber er will 500 Euro im Voraus! Na großartig!, durchfuhr es den Event-Manager, und dabei fühlte er, wie eine blutrote Welle in ihm aufstieg, die zur einen Hälfte aus Wut und zur anderen aus blanker Verzweiflung bestand.

„Aber ein paar Schritte Moonwalk werde ich doch jetzt wohl zu sehen bekommen.“ Marwitz hatte Mühe, das geschäftsmäßige Moderatoren-Lächeln, das bei ihm ansonsten von ganz allein und bei Bedarf auch zu jeder Tages- und Nachtzeit anzuspringen pflegte, nicht wie ein Zähnefletschen aussehen zu lassen.

„Null problemo!“, sagte der falsche Jacko. Er ahmte ein paar Tanzschritte seines großen Meisters nach, und seine Füße glitten dabei einigermaßen gelenkig über den Boden.

„Immerhin – der Griff in den Schritt war stilecht“, sagte Marwitz. „An dem Rest sollten Sie noch arbeiten.“

„Ich hab die falschen Schuhe an. Aber wenn ich verkleidet bin, kommt das gut!“

„Das will ich hoffen, sonst bin ich der Erste, der anfängt, Sie mit faulen Eiern zu bewerfen.“

„Was ist mit den Fünfhundert? Ich hab mehrere Angebote und muss Ihres nicht annehmen. Da laufen noch ein paar andere Partys, die ...“

„Ja, ja, schon gut.“

Marwitz ging zum Schreibtisch, öffnete eine Schublade und holte eine kleine Geldkassette hervor. Sie war nicht abgeschlossen, den Schlüssel hatte er verbummelt.

Größere Summen bewahrte er im Büro sowieso nicht auf, aber 500 Euro bekam er zusammen.

In diesem Moment zerplatzte die Scheibe. Ein Geschoss schlug durchs Fenster und traf den Flachbildschirm des Computers. Wie die Scheibe wurde auch der einfach durchschlagen, dann riss etwas Marwitz die Geldkassette aus der Hand, die zur gegenüberliegenden Seite des Raums geschleudert wurde. Fünf- und Zehn-Euro-Scheine flogen durch die Luft und sanken nieder.

Marwitz hatte sich zu Boden geworfen. Draußen war ein lauter Knall zu hören, und auch die anderen Fenster von Marwitz’ Büro zerbarsten. Der Event-Manager spürte selbst am Boden liegend noch die Hitzewelle der Explosion, die von draußen hereinfegte.

„Scheiße, mein Auto!“, rief der falsche Jacko.

Währenddessen knatterten draußen mehrere Motorräder, deren Fahrer anschließend – so hörte es sich an – einen Blitzstart hinlegten und davonbrausten.

Verdammt!, dachte Marwitz. Hört das denn niemals auf?

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1. Kapitel: Berringer, dein Freund und Helfer

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Ein klickendes Geräusch.

Der Geruch von Benzin.

Dann – Feuer!

Gelbrot, heiß ...

Wie die Hölle ...

Aus der einzelnen Flamme eines Feuerzeugs ein Flammenmeer ...

Darin: zwei Gesichter hinter den Scheiben einer Limousine.

Bettina ...

Alexander ...

Seine Frau und sein Kind, die Mienen im Schrecken erstarrt wie die Fratzen von Gargoyles.

Gefroren in der Zeit – und doch versengt im glutheißen Höllenfeuer.

Ich kann es verhindern!, dachte Berringer. Diesmal kann ich es vielleicht verhindern!

Der Gedanke hatte sich noch nicht einmal zur Gänze in seinem Kopf gebildet, als sein Körper längst handelte. Er wirbelte herum, fasste den hoch gewachsenen Mann mit dem Dreitagebart am Handgelenk und an der Schulter und drückte ihn grob gegen die Wand.

Der Kerl schrie auf und ließ das Feuerzeug fallen, und Berringer löste seine Finger vom Handgelenk des Mannes und presste ihm den Unterarm gegen die Kehle.

„Hör auf, Berry!“, rief eine schrille Stimme, die ihn vage an etwas erinnerte. An jemanden. An ein anderes Leben, das nie hätte Wirklichkeit werden dürfen.

Jemand fasste ihn an den Schultern. Er wandte den Kopf, blickte in ein Gesicht, das ihm bekannt vorkam. Ein Frauengesicht. Fein geschnitten, die Augen weit aufgerissen. Die Frisur hatte Stil, die Ohrringe nicht. Sie klimperten. Über dieses Klimpern hatte sich Berringer schon oft geärgert, aber jetzt rettete es ihn, denn es holte ihn augenblicklich zurück. Zurück ins Hier und Jetzt.

„Willst du unseren Klienten abmurksen, oder was soll der Mist?“, fauchte die Frauenstimme. Sie klang schrill und hoch und war genau richtig, um durch den Panzer aus Watte zu dringen, der Berringer im Moment zu umgeben schien und alle seine Empfindungen und Sinneseindrücke extrem dämpfte.

Er spürte plötzlich wieder den Schweiß auf seiner Stirn. Sein Herz schlug wie ein Hammerwerk. Er hatte einen Puls eines zum Tode Verurteilten, kurz bevor man ihn auf dem Elektrischen Stuhl festschnallte.

„Vanessa ...“, murmelte er.

Seine Stimme klang heiser und entsetzlich schwach. Und dieselbe Schwäche machte sich plötzlich auch in seinen Armen und Beinen breit. Seine Knie begannen zu zittern.

„Na, endlich merkst du es, Berry. Jetzt lass den Kerl los. Zwing mich nicht dazu, dir eins überzubraten. Du kannst von Glück sagen, dass die ›Zehntausend legalen Steuertricks‹ von Konz nicht an ihrem Platz im Regal stehen, warum auch immer.“ Berringer atmete tief durch. Vanessa Karrenbrock, Mitte zwanzig, BWL-Langzeitstudentin ohne den Ehrgeiz, den man Studierenden dieses Fachs für gewöhnlich nachsagte, arbeitete stundenweise in Berringers Detektivbüro, und Berringer fragte sich manchmal, ob das Chaos in seinen Ermittlungen, für das ihr loses Mundwerk stets sorgte, durch die Ordnung aufgewogen wurde, die sie in seine Buchhaltung und Steuerunterlagen brachte.

Aber so sehr Berringer die Erkenntnis auch widerstrebte – in diesem kritischen Moment hatte sie auf ihre rustikal-schrille Art sogar etwas Ordnung in sein zertrümmertes Seelenleben gebracht. Zumindest für den Augenblick.

Berringer wandte den Blick dem völlig verängstigten Dreitagebartträger zu, dessen Nasenflügel vor Angst bebten. Berringer ließ ihn los, strich sein Jackett glatt und trat einen Schritt zurück.

Bei dem Dreitagebartmann übernahm Vanessa das Glattstreichen des Jacketts. „Er hat’s nicht so gemeint“, versicherte sie – Worte, die etwa die gleiche Überzeugungskraft hatten, als wenn ein Lude seinen Mastiff spazieren führte und jedem Passanten versicherte: „Der macht nix. Der will nur spielen.“ Endlich kam der Mann, der vor diesem Ereignis zumindest potenziell als „Klient“ der Detektei Berringer anzusehen gewesen war, zu Atem, während er sich mit einer unbewussten fahrigen Geste erst einmal selbst die Gelfrisur nachhaltig ruinierte, woraufhin ihm die Haare zu Berge standen. „Der Typ ist ja nicht ganz richtig im Kopf! Ich frage mich, wie so ein Psycho frei herumlaufen kann!“

„Sag, dass es dir leid tut, Berry“, forderte Vanessa auf ihre unnachahmliche nachdrückliche Art und Weise. „Fix!“

Berringer schluckte. Allmählich begriff er, was er angerichtet hatte. Er bückte sich, um die Sonnenbrille aufzuheben, die bei dem Handgemenge zu Boden gefallen war.

Ein Billigmodell, das teuer aussehen sollte, erkannte Berringer gleich. Er reichte sie dem Mann. „Es war wirklich nicht meine Absicht, Sie zu erschrecken. Sie müssen verstehen, ich ...“

„Klar, jemand versucht mich umzubringen, vor meinem Büro fliegt ein Wagen in die Luft, die Polizei hilft mir nicht, und der Typ, auf den ich meine letzte Hoffnung setze, nimmt mich in den Schwitzkasten und erwürgt mich fast. Aber ich kann das natürlich alles verstehen und sehe das ganz easy!“

Er schielte zu dem Feuerzeug, das noch am Boden lag.

Berringer hatte es eigentlich genau wie die Brille aufheben wollen, aber er konnte es einfach nicht. Er fühlt sich wie gelähmt.

Nein, du darfst nicht wieder abdriften!, versuchte er sich selbst zurechtzuweisen und mental an die Kandare zu nehmen. Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Deine Frau und dein Kind sind tot, und du lebst jetzt!, versuchte er sich selbst auf dem Pfad der Realität zu halten – einem sehr schmalen Pfad. Nimm das Feuerzeug! Überwinde dich! Setz dich dem Trigger aus und erfahre, dass er dich nicht mehr beherrscht!

Aber es ging nicht. Wie zur Salzsäule erstarrt stand Berringer da.

Der Kerl mit der selbst ruinierten Gelfrisur wagte es ebenfalls nicht, sich zu rühren, geschweige denn, das Feuerzeug selbst aufzuheben, denn dazu hätte er dem in seinen Augen völlig unberechenbaren Berringer zu nahe kommen müssen.

Vanessa erfasste die Situation. Seufzend schob sie Berringer noch ein Stück weiter zurück, sodass sich der Abstand zwischen den beiden Männern noch vergrößerte, und bückte sich nach dem Feuerzeug.

Anschließend versuchte sie, ihr Lächeln charmant aussehen zu lassen, als sie das Feuerzeug seinem Eigentümer zurückgab.

„Danke“, murmelte der Mann. „Ich mach mich dann besser vom Acker. Irgendwie bin ich hier anscheinend fehl am Platz.“

„Bleiben Sie“, sagte Berringer. „Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Sie mir gerade so beiläufig entgegengeschleudert haben, dann sind Sie hier sogar genau richtig.“

„Ach ja?“

„Es gibt nur wenige, die Ihnen helfen können. Viele werden das von sich behaupten, aber das sind Kaufhausdetektive und Leute, die nur Ihr Geld wollen, denen Ihre Sicherheit aber vollkommen gleich ist.“

„Ich hatte gerade nicht den Eindruck, dass sie Ihnen was bedeutet.“

„Fangen wir von vorn an. Ich heiße Berringer, und das ist meine Hilfskraft Vanessa Karrenbrock, die Ihnen die Rechnung schreiben wird, wenn wir für Sie tätig werden. Ich bin ehemaliger Polizeihauptkommissar und kenne mich aus. Außerdem habe ich noch einen guten Draht zu den Kollegen und komme so an Informationen heran, die nicht so einfach zugänglich sind.“

„Das war's also. Ein Zwei-Mann-Betrieb. Ich habe gehört, dass amerikanische Detekteien oft mehr als ein Dutzend Mitarbeiter haben, und selbst hier in Deutschland ...“

„Wir haben noch einen dritten Mann“, warf Vanessa ein - wobei sie ihrer Formulierung nach dann ebenfalls ein Mann sein musste, aber die Herausstellung ihrer weiblichen Identität schien ihr wohl im Moment von zweitrangiger Bedeutung.

„Herr Mark Lange ist ein hoch qualifizierter Mitarbeiter aus der Sicherheitsbranche, den wir glücklicherweise abwerben konnten. Tja, Sie sehen, gute Leute sind überall rar. Das ist bei Ihnen wahrscheinlich genauso. Ich ... äh, ich meine ... das schätze ich mal, obwohl ich noch nicht weiß, wer Sie sind und was Sie so machen.“

„Frank Marwitz, Event-Agentur EVENT HORIZON“, stellte er sich vor, und die Geschäftsmäßigkeit, mit der er dies tat, verriet, dass er diesen Halbsatz wahrscheinlich jeden Tag fünfzig Mal am Telefon aufsagte.

„Setzen wir uns“, schlug Berringer vor. „Kaffee ist leider alle, aber mich würde Ihr Problem interessieren.“

Marwitz schien noch nicht so recht entschieden zu haben, ob er dem Braten nun trauen sollte oder ob nicht doch sein ursprünglicher Entschluss, die Detektei fluchtartig wieder zu verlassen, die bessere Idee war.

Berringer ging zum Tisch und setzte sich auf einen der einfachen Stühle. Abgesehen von einer Computeranlage und allem Telekommunikationszubehör, was man in einer Detektei so brauchte, war die Einrichtung eher spärlich. Es gab in diesem etwas heruntergekommen wirkenden Büro im Düsseldorfer Stadtteil Bilk nur das Allernötigste – dafür aber einen großartigen Ausblick auf die uralte, langsam verblassende Blümchentapete, deren unmerkliche Verwandlung vom schrillen Hippie-Design zum zarten Aquarell wohl Jahrzehnte in Anspruch genommen hatte.

Das Telefon klingelte.

Berringer ging ran. Es war Mark Lange, der von Vanessa so hoch gepriesene, hoch qualifizierte dritte Mann der Detektei. In Wahrheit war er ein arbeitslos gewordener Angestellter des Sicherheitsunternehmens Delos, das vor ein paar Jahren in die Insolvenz gegangen war, weil einige leitende Mitarbeiter die Kundengelder von Banken und Versicherungen, die sie eigentlich von A nach B transportieren und dabei bewachen sollten, in die eigene Tasche gesteckt hatten. Das Ganze hatte nach dem berühmten Schneeballprinzip funktioniert, und folgerichtig war diese Blase irgendwann geplatzt. Die Verantwortlichen saßen nun im Knast und die Mitarbeiter auf der Straße, wobei dieses Schicksal alle gleichmäßig unbarmherzig getroffen hatte, die Ehrlichen wie die Halunken.

Mark war im Grunde ein armer Hund und keineswegs ein hochkarätiger Sicherheitsfachmann. Er hatte vor seinem Engagement bei Delos nur eine kurze Umschulung hinter sich gebracht, die aus ihm einen Wachmann hatte machen sollen.

Berringer wusste aus seiner Zeit bei der Düsseldorfer Polizei, wie erbärmlich der Ausbildungsstand dieser Sicherheitsfirmen häufig war. Das qualitativ Hochwertigste an diesen Security Guards, die auch zur Bewachung von Werksanlagen oder als Sicherheitsdienst in Bürohäusern eingesetzt wurden, war oft schon die respekteinflößende Fantasie-Uniform, mit deren martialischer Pseudoautorität sich die Obdachlosen aus den noblen Passagen herausmobben ließen.

„Brauchst du mich heute?“, fragte Mark. „Ich hab da einen lukrativen Schwarzarbeit-Job. Möbelschleppen bei einem Firmenumzug. Da könnt ich mir 'n paar Euro dazuverdienen, damit endlich mal mein Konto wieder im Plus ist.“

„In Ordnung“, sagte Berringer.

„Aber wenn bei dir irgendwas anliegt, dann hat das natürlich Vorrang.“

„Ich hab hier gerade einen Klienten. Du beurteilst die Lage am besten vor Ort und entscheidest dann nach Lage der Dinge“, sagte Berringer in einem Tonfall, der an Ernsthaftigkeit und Bedeutungsschwere kaum zu überbieten war.

„Irgendwie redest du heute komisch“, fand Mark.

„Ist schon in Ordnung.“

„Na ja, wie auch immer. Danke, dass du mir keine Knüppel zwischen die Beine wirfst und mich Geld verdienen lässt. Mein Kühlschrank und mein Bankkonto werden es dir danken.“

„Wiedersehen und alles Gute“, sagte Berringer und beendete das Gespräch. Dann fuhr er – an Vanessa gewandt, in Wahrheit aber mehr an Marwitz gerichtet – fort: „Auf Mark werden wir im Moment verzichten müssen. Die Observation zieht sich noch etwas hin. Aber er ist zuversichtlich, dass wir die Angelegenheit heute noch zum Abschluss bringen können.“

„Wunderbar!“, sagte Vanessa etwas zu übertrieben, als dass es wirklich überzeugend gewesen wäre. Doch Marwitz war dennoch beeindruckt. Vielleicht war auch seine Furcht vor dem, weswegen er die Detektei aufgesucht hatte, größer als die Angst davor, von Berringer noch einmal in den Würgegriff genommen zu werden.

Zögernd setzte auch er sich. „Ihr Laden scheint gut zu laufen. Offenbar behandeln Sie nicht alle Ihre Klienten so grob wie mich.“

„Ich kann mich gern noch dreimal entschuldigen, wenn Sie wollen“, erwiderte Berringer knurrig. Die Situation hatte ihn mindestens genauso mitgenommen wie das „Opfer“ seiner Attacke. „Aber es wird Ihnen wahrscheinlich kaum ein Trost sein, wenn ich Ihnen den Grund dafür erkläre, weshalb ich mich Ihnen gegenüber – wie soll ich sagen? – etwas merkwürdig benommen habe.“

„Das ist reichlich untertrieben“, erwiderte Marwitz. „Ich betrete Ihr Büro und denk mir nichts Böses, da fällt der Herr des Hauses mich an, als ob ich ein Einbrecher oder was weiß ich wäre! Ich habe Ihnen weder etwas getan, noch Sie provoziert oder beleidigt. Ja, genau genommen hatte ich ja noch nicht einmal die Möglichkeit, überhaupt ein Wort zu sagen, da haben Sie mich schon angegriffen!“ Er betastete seinen Hals, insbesondere die Gegend um den Adamsapfel. „Glauben Sie mir, wenn ich nicht so verzweifelt wäre, ich wäre schon weg. Davon abgesehen ...“ Er räusperte sich. „Ein Bekannter hat Sie mir empfohlen, den Sie offenbar nicht so traktiert haben.“

„Darf ich fragen, wer dieser Bekannte ist?“

„Frank Meier. Besser bekannt als Paul Pauke.“

Berringer nickte. „Ja, da klingelt’s bei mir.“

Frank Meier trat unter dem Namen Paul Pauke als Partysänger in den Clubs von Mallorca auf und hatte unter den Nachstellungen einer Stalkerin gelitten, bis Berringer dem ein Ende gesetzt hatte.

Marwitz wurde etwas lockerer. „Ich war es ja, der Paul Pauke dazu überredet hat, auch in Deutschland aufzutreten. Schließlich gibt es genügend Leute, die ihre Urlaubserinnerungen von der Sonneninsel in der Heimat gern wieder auffrischen lassen, und wo immer wir zusammen aufgetreten sind, sind wir auch hervorragend angekommen. Und ... nun, wenn Sie nicht gewesen wären, würde diese Spinnerin Paul noch immer belästigen. Aber Sie haben genug Beweise sammeln können, um sie schließlich juristisch an den Eiern zu kriegen und ...“ Marwitz stockte. Offenbar war ihm die Absurdität seines Sprachbilds selbst aufgefallen. „Also, Sie wissen schon, was ich meine.“

„Klar“, sagte Berringer.

„Wussten Sie, dass Paul Pauke wegen dieser Verrückten schon fast so weit war, die Auftritte in Deutschland abzublasen?“

Berringer nickte. „Ja, das hat er mir gesagt, und ich habe ihm damals erklärt, dass ihm das sehr wahrscheinlich nichts nützen würde, weil dieser Täter-Typ notfalls auch den letzten Cent dafür ausgibt, dem Opfer zu folgen. Oder in diesem Fall Dauerurlaub auf Mallorca zu machen.“

„Nun, jedenfalls hat mir Paul Pauke so ziemlich alles erzählt, was Sie für ihn getan haben, und ich bin natürlich froh, dass er weitermacht und ich ihn weiterhin als Party-Act in hiesigen Discos einsetzen kann. Na ja, daher wusste ich auch, dass Sie bei der Polizei waren und auf Ihrem Gebiet wirklich gut sind. Mein Problem ist ja so ähnlich wie das von Pauke. Nur, dass diese Stalkerin nicht versucht hat ihn umzubringen.“ Während Marwitz redete, hatte er wieder sein Feuerzeug hervorgezogen und spielte damit herum. Wie ein Taschenspieler ließ er es durch die Finger wandern, bis es ihm zu Boden fiel. Dabei bewegte sich der Mund des Event-Managers unablässig, er machte nicht einmal eine Komma-Pause, auch nicht, als er sich nach vorn beugte, um das Feuerzeug wieder vom Boden aufzunehmen, woraufhin er anfing, damit herumzuklicken.

Berringer spürte, wie sich wieder Schweiß auf seiner Stirn bildete. „Hören Sie auf damit!“, unterbrach er Marwitz so barsch, dass sich dagegen jeder Unteroffizier morgens auf dem Kasernenhof wie ein säuselnder Sozialpädagoge ausnahm.

„Wie ...?“, fragte Marwitz.

„Tun Sie besser, was er sagt“, bat Vanessa und verdrehte genervt die Augen.