LIN CARTER

 

Thongor und die

Stadt der Drachen

Zweiter Roman der Thongor-Saga

 

 

 

 

Roman

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

THONGOR UND DIE STADT DER DRACHEN 

 

Einleitung 

1. Vom Sturm erfasst 

2. Das Duell der Drachen 

3. Überfall der Kannibalen-Bäume 

4. Gefangene der Bestienmenschen 

5. Der Feuer-Tod 

6. Vor dem Drachenthron 

7. Thalaba, der Zerstörer 

8. Die Kreatur im Verlies 

9. Flucht aus der Drachenstadt 

10. Der magnetische Strahl 

11. Gefangene der wandelnden Toten 

12. Die Verlorene Stadt Omm 

13. Der schwarze Nebel des Wahnsinns 

14. Der Vampir-König 

15. Die Belagerung von Patanga 

16. Schwerter gegen Magie 

Epilog 

 

Anhang: Aus den Chroniken von Lemuria 

 

Fortsetzung folgt 

 

Das Buch

 

Tausend Jahre lang hatte Xothun in der Verlorenen Stadt Omm regiert – ein Beherrscher geheimnisvoller Kräfte, doch selbst beherrscht von seiner Gier nach dem Blut der Menschen! Die Bewohner jener Verlorenen Stadt dienten allein dem Zweck, Xothun zu ernähren...

Bis ein Abenteurer und Krieger aus dem fernen Land der Barbaren nach Omm kam: Thongor, der Schwertkämpfer – bereit, die Menschen zu befreien, eine Prinzessin zu erlösen und für sich selbst unsterblichen Ruhm zu erlangen...

Dies ist nun Thongors schwerste Prüfung: Ihr Ausgang mochte ein ganzes Volk aus der Sklaverei retten – oder aber ihn selbst vernichten...

 

THONGOR UND DIE STADT DER DRACHEN, der zweite Band der von Christian Dörge neu übersetzten Ausgabe der legendären THONGOR-Saga von Lin Carter, einem Klassiker der Fantasy-Literatur.

 

 

Der Autor

 

Lin Carter (* 9. Juni 1930, + 7. Februar 1988).  

 

Linwood Vrooman Carter war ein US-amerikanischer Science-Fiction- und Fantasy-Schriftsteller, Herausgeber, Dichter und Kritiker.

Carter wurde in St. Petersburg, Florida/USA geboren. Er diente während des Korea-Krieges (1951 – 53) in der US-Infantrie, anschließend besuchte er die Columbia University in New York City. Zweimal war er verheiratet: mit Judith Ellen Hershkovitz (1959 bis 1960) und mit Noel Vreeland (1963 bis 1975). Er lebte während seiner aktivsten Zeit als Schriftsteller in Hollis, New York.

Für gewöhnlich schrieb und veröffentlichte er unter dem Namen Lin Carter – bei verschiedenen Gelegenheiten benutzte er allerdings die Pseudonyme H.P. Lowcraft (für eine H.P. Lovecraft-Parodie) und Grail Undwin.

1965 gab er mit The Wizard of Lemuria (1980 als Thongor und der Zauberer von Lemuria in Deutschland erschienen) sein Roman-Debüt. 1969 wurde er schließlich Berufsautor. Er schrieb häufig mehrere Romane und Kurzgeschichten pro Jahr und war Herausgeber diverser Fantasy-Geschichtensammlungen wie z.B. Beyond The Gates Of Dream (1969) und Lost Worlds (1980). Er verhalf den Geschichten von Robert E. Howard zu einer Renaissance, indem er zusammen mit L. Sprague DeCamp und Björn Nyberg Howards Geschichten sammelte, ordnete und mit eigenen Geschichten und Romanen ergänzte.

Zu seinen populärsten Werken in Deutschland zählen neben seinen H.P. Lovecraft-Pastiches und Robert E. Howard-Adaptionen vor allem seine Thongor- und Callisto-Zyklen.

 

 

 

THONGOR UND DIE STADT DER DRACHEN

 

  

  

 

  Einleitung

 

  Wie Thongor, der Mächtige, den Neun Städten des Westens erschien.

 

 

  Vor einer halben Million Jahren entstand die erste und ruhmreichste menschliche Zivilisation auf dem Verlorenen Kontinent von Lemuria inmitten der blauen Weiten des Pazifiks.

  Es war in der Mitte des Pleistozäns oder Diluviums, einer geologischen Epoche, die ungefähr 1.000.000 Jahre vor Christus begann und bis etwa 25.000 vor Christus reichte. Die Kontinente Eurasien, Afrika und Nord- wie Südamerika sahen damals ganz anders aus. Mammut und Mastodon und Säbelzahntiger kämpften um die Herrschaft auf der Erde, während der hochgewachsene, kräftige Cro-Magnon-Mensch und sein untersetzter, affenähnlicher Vorgänger, der Neandertaler, vor den unerbittlich näher rückenden, hochragenden Gletschern der Eiszeit flüchteten. Das Zeitalter der gigantischen Reptilien war längst vergangen; es hatte mit der Geburt  des Känozoikums fünfundsiebzig Millionen Jahre zuvor sein Ende gefunden.

  Doch in den dampfenden Urwäldern, den giftigen Sümpfen und brüllenden Vulkanen des Ur-Lemuria lebten die riesenhaften Saurier noch. Sie waren nahe daran gewesen, die ganze Erde zu beherrschen, und hätten die ersten kleinen und scheuen Säugetiere in den bebenden Schlick getrampelt.

  Aber die Neunzehn Götter, welche über die Welt wachen, griffen ein. Selten erlaubt der UNNENNBARE den Neunzehn Göttern, den Strom der Zeit zu beeinflussen - nur in Augenblicken kosmischer Gefahr dürfen sie auf der Ebene des Materiellen wirken. Die zukünftige Geschichte des Planeten stand jedoch auf Messers Schneide, und die ungeschriebenen Chroniken von Zeitalter um Zeitalter schwebten im Nebel des Ungewissen. So wurde den Neunzehn Göttern gestattet, zu handeln, und der Mensch erhob sich auf der Erde, um die Macht der Drachenkönige auf die Probe zu stellen.

  In den uralten Seiten der Chroniken von Lemuria steht geschrieben, dass dieser Krieg eintausend Jahre währte.

  Der Mensch triumphierte, die Drachen stürzten, das Zeitalter des Menschen begann. Doch von jenseits des Universums selbst planten die dunklen Kräfte des Chaos und der Ewigen Nacht und schmiedeten Ränke gegen die Herren der Schöpfung: Bösartige Kulte von Dämonen-Anbetern erhoben sich im Ur-Lemuria - schwarze Druiden, dem Dienst am Chaos verschworen, insgeheim die Neun jungen Städte des Westens untergrabend. König stand gegen König, Stadt gegen Stadt in zerstörerischem Krieg. Bald musste die helle Fackel der frühen Zivilisation ausgetreten sein, und der Mensch würde in den roten Dunst heulender Barbarei hinabsinken.

  Und ein zweites Mal durften die Neunzehn Götter eingreifen.

  Sie wählten sich einen Kämpen - den mächtigsten Krieger der Zeit. Obgleich er selbst nicht ahnte, dass der Himmel ihn prüfte, dass versteckte Kräfte um ihn wirkten, um ihn auf die Konfrontation mit den Dienern des Chaos auf der Erde vorzubereiten, wurde der grimme Barbar aus der Winterwüste des Nordens über das gebirgige Rückgrat des gewaltigen Kontinents hinabgeführt in die dekadenten und sündigen Städte, jene uneinigen Städte, in denen die Druiden herrschten.

  Der Schauplatz war bereitet für einen Kampf, von dessen Ausgang das Schicksal der Welt abhing. Ein Mann - ein riesenhafter, barbarischer Krieger - wurde der ganzen Verschlagenheit der Chaos-Zauberer entgegengeschleudert.

  Und der Name dieses Mannes war Thongor... 

 

 

 

  1. Vom Sturm erfasst

 

  »...in dieses gewalttätige Zeitalter der Zauberei und Eroberung, des Mörderdolchs und Giftkelchs, wo die Habgier des Sark gegen den Blutdurst des Druiden stand, um den Thron von Lemuria als Preis... kam ein Mann, ein wandernder Abenteurer aus der barbarischen Wildnis der Nordländer: Thongor von Valkarth, versehen mit den Eisensehnen des Kriegers und mit der Verachtung des Barbaren für die Gefahr...«

 

  Die Chroniken von Lemuria, 4. Buch, 2. Kapitel

 

 

 

  Ein gewaltiger Sturm brüllte über die dichten Urwälder des prähistorischen Lemuria hinweg. Blitze zuckten ohne Unterlass und erhellten eine unfassbare Szene wild zerrissener Wolken und peitschender Regenschauer, offenbart in flackernden Explosionen elektrischen Feuers. Regenfluten überschwemmten die bebenden Bäume, und der Wind, der den Dschungel wie mit einer Urgewalt überfiel, heulte gequälten Dämonen gleich.

  Hunderte Meter über dem Urwald kämpfte ein schlankes Metallboot im Zugriff des tobenden Sturms. Das Unwetter warf den schmalen Rumpf umher, an dem der Regen herabtroff, während es unter der ungebändigten Wut der entfesselten Winde erbebte, Die Rotoren mühten sich im fauchenden Sturm, als das Flugboot vergeblich versuchte, über das Unwetter hinauszugelangen, das den Himmel Lemurias so plötzlich und unerwartet verdunkelt hatte. Nur die völlige Schwerelosigkeit seiner Urlium-Panzerung verhinderte, dass das Flugboot vom Himmel hinabgeschleudert wurde, um im dichten Urwald zu zerschellen.

  In der kleinen Kabine des Flugbootes beobachteten drei Menschen das rotierende Pendel, das ihre Flugrichtung anzeigte.

  Der erste war ein schlanker, gutaussehender junger Mann in der edelsteinbesetzten Uniform eines Offiziers, mit glatten schwarzen Haaren und scharfen, intelligenten Augen – Karm Karvus, der verbannte Prinz von Tsargol, einer Küstenstadt im tiefen Süden. Er kauerte vor der einfachen Steuerung des Fluggeräts und rang darum, es auf Kurs zu halten, das Gesicht verkrampft vor Anstrengung und Konzentration. Hinter Karm Karvus stand ein zierliches junges Mädchens Ihr schönes Gesicht war ein cremeweißes Oval unter dem zerzausten Vlies glänzend-schwarzer Locken, die auf ihre nackten Schultern herabfielen. Ihre großen, dunklen Augen waren schwarze Edelsteine, jetzt erfüllt von gehetzter Angst, als sie das rasend schnell kreisende Pendel in seiner Glaskugel beobachtete. Ihre stolze, gerundete Gestalt und ihre Gliedmaßen schimmerten durch die Risse in ihrer kärglichen Kleidung, die, obschon zerfetzt und beschmutzt, von einer Feinheit war, die fürstlichen Rang und Reichtum verriet. Dieses Mädchen war Prinzessin Sumia aus Patanga, auch sie im Exil, durch die Habgier und Geilheit eines machthungrigen Druiden von ihrem rechtmäßigen Thron vertrieben.

  Neben ihr, einen muskulösen Arm um ihre Weißen, bebenden Schultern gelegt, um sie vor den Stößen zu schützen, die die schwankende Kabine erschütterten, stand der riesenhafte Barbarernheld Thongor von Valkarth, der sie aus tausend Gefahren gerettet hatte und sie jetzt nach Patanga und zum Thron ihrer Vorfahren zurückbringen wollte.

  Er war ein mächtiger, bronzener Riese von Mann, sehnig wie ein wilder Gott, nackt bis auf den ledernen Lendenschurz und die Riemen eines wandernden Söldner-Schwertkämpfers. Sein gebräuntes, ausdrucksloses Gesicht wirkte majestätisch und streng unter der dichten Mähne schwarzen Haares, die über seine breiten Schultern floss, von einem Lederband an der Stirn festgehalten. An seiner Hüfte hing ein riesiges Valkarth-Breitschwert aus Stahl in der schwarzen Lederscheide, von den Schultern wallte ein weiter, scharlachroter Umhang, mit einer dünnen Goldkette an seinem Hals befestigt. Er presste die Lippen zusammen, aber seine fremdartigen goldenen Augen verrieten keine Spur von Angst, während er beobachtete, wie Karm Karvus mit der Steuerung rang.

  »Es hat keinen Zweck«, sagte Karm Karvus schließlich. »Ich kann die Nemedis bei diesem Orkan nicht auf Kurs halten - wir werden mit jedem Augenblick weiter von unserem Weg abgetrieben!«

  Der schlanke Metallrumpf erzitterte unter dem Ansturm von Wind und Regen, als das seltsame Fluggerät zum wehrlosen Spielball der Naturkräfte wurde. Thongor forderte Karm Karvus auf, die Rotoren abzuschalten, und half Prinzessin Sumia und dem Tsargolaner, sich mit einem Metallhaken, der durch eine Schleife ihrer Lederarmierung geführt und an stählernen Wandringen befestigt wurde, anzuschnallen.

  »Dank dem schwerelosen Urlium kann das Boot nicht abstürzen«, sagte der Valkarthaner. »Wir werden deshalb versuchen, den Sturm zu überstehen und unseren Weg fortzusetzen, sobald seine Wut sich gelegt hat« Er befestigte sein Ledergeschirr an einem anderen Haken der Rumpfwand und blieb bei ihnen stehen, den wirbelnden Tanz des ungesteuerten Flugbootes stoisch erduldend.

  

  Einige Zeit - vielleicht Stunden - später erfüllte ein plötzlich aufgleißender Blitz den Himmel ringsum mit grellstem blauen Licht und offenbarte einen grauenerregenden, atemberaubenden Anblick. Dichte schwarze Gewitterwolken umtosten den dahintorkelnden Gleiter, und ihre oberen Schichten wurden vom Toben des Sturmwinds in Fetzen gerissen. Unter ihnen hatte der triefende schwarze Urwald ebenem Grasland Platz gemacht, glatten Wiesen, unterbrochen nur von einzelnen Wäldchen.

  »Wir müssen irgendwo über Kovia sein«, meinte Thongor.

  Karm Karvus nickte. »Oder über Ptartha«, sagte er. »Auf jeden Fall sind wir Hunderte Worn von Patanga entfernt.«

  Eine quellende Wolkenwand versperrte wieder ihren Blick, und sie rasten in die Dunkelheit hinein. Sumia fröstelte, vom eisigen Regen durchkühlt, und der junge Barbar löste den roten Umhang von seinen Schultern und legte ihn um ihre zierliche

Gestalt.

  »Nur Mut, Prinzessin, sagte er. »Der Sturm wird bald nachlassen, seine Energie verströmt sein. Bis Mitternacht erreichen wir Patanga.«

  Sie lächelte ihn mit zuckenden Lippen an, dann sanken die Lider mit den langen, schwarzen Wimpern herab, und sie schlief ein. Auch Karm Karvus ließ den Kopf sinken und döste, aber Thongor blieb wachsam.

  Erneut teilten sich die Wolken und eröffneten diesmal den Blick auf einen matten, bleifarbenen Schild unter ihnen; die Wälder und Ebenen von Süd-Kovia waren verschwunden. Dies musste nun der Golf von Patanga sein, jener gigantische Wasserkeil, der den lemurischen Kontinent fast in zwei Hälften teilt.

  Thongor hoffte jedenfalls, dass er es war. Der Sturm konnte sie doch wohl nicht so weit von ihrem Kurs abgebracht haben, dass sie sich über Jaschengzeb Chun, der Südlichen See, befanden!

  Aber der furchtbare Sturm wütete nun schon seit mehr als fünf Stunden, und die Heftigkeit der Winde ließ sich nicht mehr messen. Es mochte durchaus sein, dass sie sich inzwischen bereits über den unerforschten Wasserwüsten von Jaschengzeb Chun, der Südlichen See, befanden - und wenn das zutraf, bedeutete dies, dass jeder Augenblick, der verging, sie weiter von den Küsten des Riesenkontinents forttrug. Bis der heulende Sturm vorüberging und Aarzoth, der Herr der Winde, den Lärm seiner mächtigen Winde minderte, mochten sie sich über den rätselhaften Wellen des gigantischen Ozeans verirrt haben, wo kein Seemann aus Lemuria, und sei er noch so wagemutig, je eine Kielspur gezogen hatte.

  Es sprach unter solchen Umständen auch wenig dafür, dass sie je wieder nach Hause finden würden, denn da der Magnetkompass erst ein plumpes Spielzeug war, das menschliche Wissen über die irdische Geographie noch unentwickelt, und diese fährtenlosen Meere, bewohnt von titanenhaften Seeungeheuern mit ungeheurer Kraft und unvorstellbarer Gier nach Beute, käme es dem Selbstmord gleich, sich weiter als auf Sichtweite vom Land zu entfernen.

  Der riesenhafte Barbar biss bei diesem Gedanken grimmig die Zähne zusammen, aber er wies seine erschöpften Gefährten nicht auf diese trostlose Möglichkeit hin; er ließ sie schlafen.

  Dann ein Aufzucken elektrischen Feuers - eine donnernde Explosion -, und aus den dichten, wirbelnden Sturmwolken fetzte eine zuckende Lichtschlange heran und packte das hilflose, umhergeschleuderte Flugboot mit eisernem Griff. Einen langen, entsetzlichen Augenblick spürte Thongor, wie der qualvolle elektrische Schlag durch seinen Körper raste, durch jeden Nerv und Muskel seiner mächtigen Gestalt. Der Gleiter schwebte in einem flackernden, leuchtenden Nimbus aus elektrischen Flammen. Lange Funkenbogen knisterten und schnalzten von jeder scharfen Kante und jedem Vorsprung des Metallrumpfs.

  Sumia schrie unter dem Peitschenhieb des elektrischen Schocks auf - Karm Karvus brüllte -, sogar Thongor stieß in der zischenden Agonie des unheimlichen Schlages einen Schrei aus.

  Aber dann war er vorbei. Er verging so schnell, wie er gekommen war, und ließ sie betäubt und schlaff und halb gelähmt zurück, bis ins Mark erschüttert und der Kraft beraubt von der peitschenden Wucht des Blitzschlages. Das Himmelsfeuer traf Menschen selten, und wenn doch, meist tödlich. Nur die Tatsache, dass ihr Fahrzeug in der Luft schwebte - dass es nicht geerdet war -, bewahrte sie vor dem augenblicklichen Tod. Die Gewalt des Blitzschlages hätte sie sonst durch seine ungeheure Stromstärke zu schwarzverkohlten Leichen verbrannt.

  Thongor war der erste, der sich von dem Schock erholte. Seine vor Kraft strotzende Gestalt und seine immense Lebenskraft waren von solcher Art, dass er das Vielfache dessen ertragen konnte, was einen schwächeren, in der Stadt aufgewachsenen Mann niedergeworfen hätte. Von Geburt an in der wilden, felsigen Ödnis des höchsten Nordens aufgezogen, einen erbitterten Krieg gegen die feindselige Natur, grausame Tiere und noch grausamere menschliche Feinde nahezu jeden Augenblick seines Daseins um das Überleben führend, waren seine Kraft und Ausdauer beinahe übermenschlicher Art.

  Er vergewisserte sich rasch, dass seine beiden Begleiter, obgleich schwach und durchgeschüttelt und von ihrem Erlebnis entnervt, nicht ernsthaft zu Schaden gekommen waren, dann widmete er seine Aufmerksamkeit dem Zustand des Gleiters. Die schimmernde Urlium-Hülle war zernarbt, wo der zuckende Blitz eingeschlagen war, und lange, schwarze Streifen verunstalteten die metallene Oberfläche, aber darüber hinaus schien alles normal zu sein. In der Kabine roch es prickelnd nach Ozon.

  Thongor löste seine Ledergurte aus dem Ring an der Kabinenwand und trat hinaus auf das Deck des dahinfegenden Flugbootes. Augenblicklich wurde er von der eisigen Regenflut durchnässt, und die körperlosen Finger des Windes packten ihn mit Urgewalt. Die eiserne Kraft seiner Barbarensehnen genügte jedoch, ihn am Geländer festzuhalten.

  Seine Mutmaßung erwies sich als richtig: Die Nemedis sank hinab. Durch vereinzelte Risse in den Wolken unter sich konnte er das matt schimmernde Gewässer näher kommen sehen.

  Thongor kehrte in die Kabine zurück und teilte die düstere Wahrnehmung seinen Begleitern mit. Sie starrten ihn sprachlos an.

  »Als Sharajsha, der alte Magier, dieses Flugboot reparierte, erzählte er mir etwas von der Natur des der Schwerkraft trotzenden Metalls, das Ulim Phon, der Alchimist von Thurdis, geschaffen hat. Seine Kraft, die Schwerkraft aufzuheben, wird durch Elektrizität wie in Form von Blitzschlägen zunichte gemacht.«

  »Auf Dauer?«, fragte Sumia.

  Thongor hob die Schultern.

  »Das weiß niemand. Vielleicht ist das nicht der Fall. Vielleicht wird die Nemedis ihre Fähigkeit, über der Erde zu schweben, nach einiger Zeit zurückgewinnen. Auf jeden Fall sinken wir jetzt langsam. Wir befinden uns keine siebenhundert Fuß mehr über dem Wasser.«

  »Geben wir die Hoffnung nicht auf«, erklärte Karm Karvus mannhaft, »Beten wir zu den Neunzehn Göttern, dass das Urlium, bevor der Gleiter ganz aufs Meer hinabgesunken ist, die volle Anti-Schwerkraft-Wirkung wiedererlangt, die dem Metall ursprünglich verliehen war. Wir müssen warten - und hoffen.«

  Wie in einem ironischen Kommentar zu ihrem neuen Problem begann die Wut des Sturmes jetzt nachzulassen. Der Regen verringerte sich zu gelegentlichen Böen, und die Pausen zwischen den Blitzen wurden immer länger. Der Wind allein behielt seine Gewalt und trieb das Flugboot vor sich her. Es dauerte nicht mehr lange, bis sie unter den Wolken waren und nur noch hundert Meter über der See schwebten. Die Wucht des Orkans peitschte das Wasser zu schwarzen Springfluten empor, und selbst Thongors Mut sank, als seine Phantasie begann, sich ihr Schicksal auszumalen, sobald sie in das wirbelnde Chaos aus Schaum und tobendem Wasser sanken.

  Mit jedem Augenblick ging die Nemedis tiefer hinab, schwerfällig vor den Böen schwankend, der Auftriebskraft fast völlig beraubt.

  Sumia bemerkte, wie der Sturm nachließ, und sagte hoffnungsvoll: »Vielleicht hört der Wind ganz auf, sobald wir in die Wellen hinabsinken, so dass wir wenigstens nicht mit solchen Sturzfluten zu kämpfen haben.«

  Thongor schüttelte zweifelnd den Kopf.

  In diesem Augenblick erwuchs den hilflosen Reisenden eine neue Gefahr: Ein gewaltiger, glitzernder Schädel stieß aus den schwarzen Wogen empor, und Augen von kalter, bösartiger Gier starrten sie an.

  »Beim Gorm!«, fluchte Thongor.

  »Was ist das?«, rief die Prinzessin, in die schützenden Arme des starken Valkarthaners flüchtend.

  »Das... ist der Larth«, erwiderte Karm Karvus.

  Der Schädel des Ungeheuers war fast so groß wie das Flugboot. Es war ein Schlangenkopf mit stumpfer Schnauze, gepanzert mit dicken Schuppen aus mattgrauem Horn. Die schwarzen Augen des Wesens lohten in rasendem Hunger. Der drachenartige Körper des Meeresmonsters war so gigantisch, dass sein ganzes Leben aus einer endlosen Suche nach Nahrung bestand, um diesen brüllenden Hungerschlund zu füllen. Nun, da es den langsam herabsinkenden Gleiter entdeckt hatte, war der Riesenschädel an einem langen, schlangenförmigen Hals aus den übereinander stürzenden Wogen gereckt, Dutzende von Metern über der See schwebend. Die gewaltigen Kiefer öffneten sich und zeigten einen klaffenden, schwarzen Schlund, besetzt mit Fangzähnen, die zwei Meter Länge erreichten, drohende, gebogene Krummsäbel aus stahlhartem Bein.

  »Können wir ihn bekämpfen?«, fragte Karm Karvus.

  Thongor zog sein mächtiges Breitschwert aus der Scheide, dass die Stahlklinge sang.

  »Wir können es nur versuchen«, sagte er mit volltönender Stimme. »Man stirbt nur einmal!« Und er stieß den dröhnenden Kriegsruf der valkarthischen Schwertkämpfer aus. Der massige Schädel des Meeresungeheuers schwang sich überrascht davon.

  Obwohl die Nemedis nun kaum sieben, acht Meter über dem wogenden Meer schwebte, flog sie doch noch, und die Winde trieben sie vorwärts. Während das Ungeheuer unentschlossen zögerte, ließ das Flugboot es hinter sich, aber einige Augenblicke später raffte es sich auf und verfolgte sie. Der lange Schlangenhals durchschnitt die Wellen wie der Bug eines bizarren Schiffes, und das Wesen peitschte das schwarze Wasser mit Riesenklauen zu hochspritzendem Schaum.

  Das Flugboot sank tiefer, so tief, dass die Schaumkronen der Wellen den funkelnden Kiel streiften. Binnen Augenblicken schlugen die höheren Wogen über der Reling zusammen, und Wasser schwappte über das Deck. Der Wind ließ nach, obwohl von Zeit zu Zeit noch immer kalte Blitze hoch über ihnen im dichten Gewölk aufzuckten.

  Thongor stand an der Reling, das funkelnde Breitschwert entblößt in der Rechten, und Karm Karvus, mit einem dünnen Rapier aus Tsargol bewaffnet, nahm stumm seinen Platz neben dem Freund ein.

  Thongor bat Sumia, sich in die Kabine zurückzuziehen.

  »Nein!«, sagte das Mädchen und hob stolz den Kopf. »Wenn wir denn sterben müssen, dann gemeinsam. Und ich weiß keinen besseren Platz, zu sterben, als neben dem Mann, den ich liebt.«

  Thongor beugte sich vor und küsste sie. Ihre weißen Arme schlossen sich um seinen Hals. Er presste sie an sich, und sein Blut erhitzte sich zur Leidenschaft; als er ihren schlanken, kühlen Körper an dem seinen spürte. Dann riss er sich los, stieß sie in die Kabine und verriegelte die Tür.

  Der Larth war jetzt ganz nah, der Schlangenschädel schwebte über dem Flugschiff, die schwarzen Augen glühten vor Gier nach Menschenfleisch, die Kiefer tropften von Schaum. Und in diesem Augenblick prallte die Nemedis mit ungeheurer Wucht auf die Meeresoberfläche. Schwarze Wellen begruben das Deck unter sich. Thongor wurde losgerissen und vom Wassergewirbel davongefegt.

  Der letzte Laut, den er hörte, als die schwarze Flut über ihm zusammenschlug, war Sumias Schrei, als der Larth sich auf das Flugboot stürzte.

  2. Das Duell der Drachen

 

  »Rote Blitze rissen den Himmel entzwei - 

  Sie stürzten hinab in kochendes Gewimmel

  Von Wind und Wasser und schwarzem Getümmel -

  Und der Drachen eilte zum Kampf herbei!«

 

  Thongors Saga, IX, 2.

 

 

 

  Ein Geringerer hätte sein Schwert losgelassen und in Panik um sich geschlagen, als die Drachensee sich über seinem Kopf schloss -  doch nicht Thongor! Er stieß die Stahlklinge in die Scheide, um die Hände frei zu haben, und schwamm hinauf zur Oberfläche. Sein Kopf durchstieß die Wellen, er warf das nasse Haar zurück und schaute sich um.

  Vier, fünf Meter entfernt schwankte schwerfällig das Flugboot, von den Wellen umhergeschleudert, halb unter Wasser. Wieder durchzuckte ein gellender Schrei die Luft. Sumia kauerte in der Kabine, die Hand auf den Mund gepresst. Karm Karvus stand mit weit gespreizten Beinen auf dem Achterdeck des Gleiters und hieb mit seiner dünnen Klinge auf den Schädel des Larth ein. Der Meeresdrachen hatte eine Riesenklaue auf die Reling gelegt, und sein Schlangenhals ragte in die dunstige Finsternis hinauf, in der immer noch Blitze zuckten und der Wind kreischte. Der Gigantenschädel starrte böse auf die winzige Gestalt, die mit einer kleinen stählernen Nadel so beherzt angriff. Der Kopf zuckte herab, und die ungeheuren Kiefer mit ihren Fangzähnen klafften. Karm Karvus hieb mit verzweifelter Kraft auf das gepanzerte, geifernde Maul ein.

  Thongor hatte genug gesehen. Seine mächtigen Schultern glitten durch das eisige Wasser, als er sich mit ungebändigter Kraft vorwärtsstieß. Er erreichte mit einem halben Dutzend kraftvoller Schwimmzüge das Flugboot, ergriff mit einer Hand das Geländer und zog sich hoch - Thongor brüllte seinen Schlachtruf aus Valkarth hinaus und sprang Karm Karvus bei, der tapfer auf den Larth einhieb. Der Meeresdrache zögerte; der fauchenden Schädel pendelte in der Luft zwischen den beiden. Sein winziges Gehirn war verwirrt von der Art, wie diese winzigen, umherspringenden Wesen ihn bekämpften. In all den langen Zeitaltern, seit er die unermesslichen Meeresweiten durchpflügte und am mitternachtsschwarzen Meeresgrund dahinkroch, hatte er solche Geschöpfe noch nicht gesehen.

  Thongor sprang an die Reling, wo das Ungeheuer den Gleiter mit einer Klaue festhielt. Er stemmte sich hin, schwang das Schwert über den Kopf und hinab, den messerscharfen Stahl mit jedem Atom ungeheurer Kraft, die ihm zu Gebote stand, führend. Die gewaltigen Muskelwülste an seinen Eisenschultern, an dem mächtigen Brustkorb und an den strotzenden Armen wölbten und spannten sich.

  Das riesige Breitschwert sauste auf die Klaue des Drachens herab, die den Durchmesser eines großen Fasses besaß. Getrieben von der unwiderstehlichen Kraft der eisernen Sehnen Thongors, schnitt die Klinge durch Hornschuppen und Lederhaut, durch steinharte Muskeln und kaltes Reptilfleisch, durch den Knochen selbst und durchtrennte die rechte Vorderklaue des Drachens.

  Der Drachen bäumte sich unter Wutgebrüll und Schmerzgeheul auf. Die abgetrennte Klaue griff ins Leere und prallte auf das Deck, während der Stumpf eine schwarze Fontäne von Drachenblut hervorschießen ließ, die Thongor vom Hals bis zu den Füßen bespritzte.

  Karm Karvus ächzte. Er hatte in seinem ganzen Leben keine solche Tat unvorstellbarer Kraft gesehen. Er traute kaum seinen Augen.

  Der Larth verlor den Halt am Gleiter und klatschte mit ungeheurer Wucht ins Meer zurück. Die Wellen überschwemmten das schwankende Flugboot, das davongetrieben wurde, während die wutentbrannte Bestie mit peitschendem Schwanz das schwarze Wasser zu weißem Schaum aufrührte. Sie stieß den Klauenstumpf immer wieder in die Wogen, verzweifelt bemüht, die sengende Qual zu lindern... aber das Wasser färbte sich nur von seinem schleimigen Blut, das gallonenweise aus der gewaltigen Wunde schoss.

  Thongor packte Karm Karvus am Arm. »Schnell! Ans Steuer - die Rotoren einschalten. Die Nemedis mag nicht mehr fliegen, aber die Schrauben dienen vielleicht dazu, uns im Wasser voranzubringen. Hurtig!«

  Karm Karvus stürzte zur Kabine, und Thongor wandte sich dem Meeresungeheuer zu. Es ging auf das Flugboot los, die schwarzen Augen von rotglühender, hirnloser Wut funkelnd, kreischend und geifernd.

  Thongor nahm am Geländer Aufstellung, das Schwert erhoben. Er wusste, dass wenig oder keine Aussicht bestand, ein so gigantisches Wesen wie den Larth zu besiegen, aber in Thongors Wortschatz gab es den Ausdruck unmöglich nicht. Solange ein Tropfen Blut oder ein Funken Leben in seinem kraftstrotzenden Körper verblieb, solange wurde er kämpfen - ohne Rücksicht darauf, wie aussichtslos seine Lage erscheinen mochte.

  Die Rotoren setzten sich heulend in Bewegung, und das Flugboot erzitterte. Das Wasser am Heck wurde zu weißem Schaum aufgewühlt, als der spitze Bug die schwarzen Fluten zu durchschneiden begann. Aber Flucht war aussichtslos; der Larth war der Monarch dieser Gewässer, und seine ungeheure Kraft konnte ihn zehnmal so schnell vorwärtstreiben wie die schwächlichen Rotoren die Nemedis, die für Fortbewegung in dünner Luft gedacht waren, nicht in trägem Wasser.

  Ein Blitz verriet, wie nah der aufgebrachte Meeresdrachen herangekommen war. Noch eine Sekunde, und er würde unmittelbar über dem Gleiter sein und mit seiner Klaue das zerbrechliche kleine Gefährt zerfetzen und in Trümmer schlagen.

  Thongors Kiefermuskeln spannten sich. Er war zum Kampf entschlossen, gleichgültig, wie nutzlos ein solcher Versuch sein mochte. Wenn die Kriegsmaiden seinen Geist vor den Thron von Vater Gorm trugen, musste er in der Lage sein, Rechenschaft über sein Verhalten abzulegen. Er würde seinem Gott sagen können, dass er kämpfend untergegangen war...

  Aber was war das? Ein anderer brüllender Schrei durchgellte die Dunkelheit! Der Larth, das langsam gleitende Flugboot fast schon in seiner Gewalt, steckte, drehte den riesigen, stumpfen Schädel hin und her... und da, kaum hundert Meter entfernt

aus den schwarzen Wogen auftauchend, befand sich ein zweites Meeresungeheuer! Ein zweiter Riesen-Larth, erschienen, um mit dem angeschlagenen Monarchen um den Preis zu kämpfen.

  Thongor sog scharf den Atem ein. Nicht nur einer - zwei Meeresdrachen dürsteten jetzt nach ihrem Blut!

  Der erste Drachen fuhr herum, vergaß das Flugboot, als er spürte, dass seine Herrschaft bedroht wurde. Er stieß einen markerschütternden Wutschrei aus und griff den Neuankömmling an. Die beiden schwammen aufeinander zu und reckten ihre Riesenhälse, während sie ihr Kampfgebrüll anstimmten.

  Thongor zog sich in die Kabine zurück, wo Sumia sich in seine Arme warf und an ihn klammerte.

  »Ich dachte, du seist verloren, als wir ins Wasser stürzten und du über Bord gerissen wurdest«, sagte sie atemlos.

  Er küsste sie und lachte. »Bei Gorm, es braucht mehr als einen Sturz ins Wasser, um mich auszuschalten, meine Prinzessin!« Er schritt hinein und schlug Karm Karvus auf die Schulter.