Die Indianerin

Thomas West

Published by Uksak Sonder-Edition, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Die Indianerin | von Thomas West

Sign up for Thomas West's Mailing List

Further Reading: Acht Super Western Juli 2017

Also By Thomas West

About the Publisher

Die Indianerin

von Thomas West

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2012 der Digitalausgabe 2012 by AlfredBekker/CassiopeiaPress

www.AlfredBekker.de

Es war ruhiger im Lager als sonst. Kein Gesang, kein Gelächter, kein lautes Palaver. Die Frauen tuschelten nur leise, statt zu schnattern und zu kichern wie an anderen Tagen. Die Krieger riefen sich nicht wie sonst Grüße und Scherze zu. Selbst das Spiel der Kinder hatte nichts Ausgelassenes an diesem Tag. Nur wenige balgten sich zwischen den Tipis. Und selbst sie wirkten seltsam gehemmt.

Die meisten der Kinder standen oder hockten in den Schatten der Tipis um den fast kreisrunden Platz in der Mitte des Lagers. Von dort aus beobachteten sie den Mann beim Totempfahl. Zorniger Bison, der Schamane. Ein weitausladendes Büffelgehörn auf dem Kopf und ein Büffelfell über den Schultern, schritt er um den Totempfahl herum. Schon seit Stunden.

Manchmal drehte er sich abrupt herum, riss die Arme hoch und stieß einen klagenden Ruf himmelwärts, wo die sengende Mittagssonne zwischen spärlichen Wolken flimmerte.

Dann ging ein Rucken durch die Kinderschar, als würden sie erschrecken, die Squaws sahen von ihrer Arbeit auf und lauschten, und die Männer erhoben sich und sahen gespannt hinüber zu dem alten Medizinmann.

Meistens aber umkreiste Zorniger Büffel einfach nur den Totempfahl. Dabei bewegten sich die schmalen Lippen in seinem dunklen, lederartigen Gesicht. Hin und wieder konnten die Kinder ein brummendes Gemurmel hören. Und von Zeit zu Zeit warf sich der Schamane flach auf den Boden, bedeckte sich vollständig mit dem zotteligen Büffelfell und rührte sich minutenlang nicht mehr.

"Er spricht mit den Geistern der Erde", raunte Blauer Vogel ihrer Mutter zu. Die Frauen hockten im Schatten des Häuptlings-Tipis und schnitten Büffelfleisch in kleine Streifen.

Das Tipi des Häuptlings stand am Rand des Versammlungsplatzes im Zentrum des Lagers. Keine zwanzig Schritte gegenüber des Totempfahls und des Bisonfelltipis, in dem der Schamane hauste.

Gespannt blickte Blauer Vogel hinüber zu dem reglosen Fellbündel im niedergetretenen Gras. Endlich erhob sich Zorniger Büffel, warf eine Handvoll Erde und Gras in die Luft und blieb mit ausgestreckten Armen stehen. Die Augen unter dem Büffelschädel waren geschlossen, die Lippen bewegten sich lautlos.

Seit dem Sonnenaufgang dauerte die Beschwörungszeremonie nun schon an. Seit fast acht Stunden. Blauer Vogel konnte sich an Tage erinnern, da Zorniger Büffel die Sonne zweimal unter- und dreimal aufgehen ließ über seinem Gespräch mit den Geistern der Erde und der Sonne. Damals, vor sieben Wintern, als die Weißen immer zahlreicher in die Jagdgründe der Cheyenne einfielen. Blauer Vogel war noch ein kleines Mädchen gewesen in diesen Tagen.

Und auch heute suchte Zorniger Büffel den Rat der Geister wegen der Weißen. Seit dem Zwischenfall gestern trugen die Ältesten des Stammes tiefe Sorgenfalten auf ihren sonnenverbrannten Gesichtern.

Zorniger Büffel stieß einen langzogenen Ruf aus. Wie ein hungriger Kojote nachts zwischen den Grashügeln der Prärie. Blauer Vogel erschauderte.

Neben ihr klatschte Zeltstoff auf Zeltstoff. Sie blickte auf: Ihr Vater hatte den Eingang seines Tipis aufgeschlagen. Schweigend stand er in der Öffnung des Häuptlingstipis und beobachtete den Schamanen.

Die gedrungene, aber kräftige Gestalt des Häuptlings war in einen verblichenen Offiziersmantel der US-Kavallerie gehüllt. Das Geschenk eines Majors, mit dem Kleiner Bär vor Jahren einen Friedensvertrag ausgehandelt hatte. Heute nur noch ein wertloser Fetzen Papier.

Eine Kette aus Bärenkrallen zierte seine nackte Brust. Nur mit einem Jagdmesser bewaffnet, hatte der Häuptling sich ihrem ehemaligen Besitzer gestellt. Dessen Fell diente ihm seitdem als Schlafdecke.

Kleiner Bär trug keinen Kopfschmuck heute. Dichtes, zu zwei Zöpfen geflochtenes Grauhaar umrahmte sein zerfurchtes Gesicht. Wie der Schnabel eines Adlers sprang die große Nase über die zusammengepressten Lippen des breiten Mundes. Eine steile Falte stand zwischen seinen Brauen.

Auch Häuptling kleiner Bär quälte die Sorge um die Zukunft seines Stammes. Einige seiner jüngeren Krieger hatten gestern Nacht einen Weißen getötet. Es war schon aus nichtigeren Anlässen zum Krieg mit den Blauröcken gekommen.

Die Jungkrieger hatten sich im Schutz der Dunkelheit an die Wagenburg des großen Siedlertrecks herangepirscht. Sie wollten ein paar Pferde stehlen. Die weißen Landräuber sollten wenigstens bezahlen, wenn ihr Treck schon die Büffeljagd störte. Und freiwillig taten sie das nicht.

Die jungen Cheyenne waren von Wachposten überrascht worden. Es kam zum Schusswechsel, ein Weißer starb.

Als Zorniger Büffel fortfuhr, den Totempfahl zu umkreisen, zog der Häuptling sich wieder ins Innere seines Tipis zurück.

Kleiner Bär hatte sich seit dem Morgengrauen kaum vor seinem Zelt blicken lassen. Nur die seltenen Beschwörungsrufe des Schamanen hatten ihn von Zeit zu Zeit ins Freie gelockt.

Blauer Vogel wusste, dass ihr Vater weder aß noch trank an solchen Tagen. Erst wenn der große Geist der Sonne dem Schamanen geantwortet hatte, durften Blauer Vogel und ihre Mutter Fleisch, Maisfladen und Wasser ins Häuptlingstipi bringen.

Das Ritual dauerte bis zum Abend an. Irgendwann verschwand Zorniger Büffel einfach in seinem Zelt. Nach und nach fanden sich die Ältesten beim Häuptling ein. Gemeinsam warteten sie auf den Schamanen.

Der tauchte erst bei Sonnenuntergang zwischen den Bisonfellen seines Zelteingangs auf. Mit hängenden Schultern schlurfte er über den Platz. Als hätte er den ganzen Tag schwer gearbeitet.

Er schlüpfte in das Häuptlingstipi.

Blauer Vogel und ihre Mutter blieben vor dem Eingang sitzen. Nach und nach gesellten sich immer mehr Krieger und Squaws zu ihnen. Bald drängte sich der halbe Stamm um den Totempfahl und zwischen den Tipis in der Mitte des Lagers. Alle lauschten gespannt.

"Der große Geist zeigte mir einen Schwarm Krähen." Die knarzige Stimme des alten Schamanen drang aus dem Häuptlingszelt. "Sie fielen über unsere Jagdgründe her. Ich sah unserer Krieger aufstehen und sie verscheuchen. Aber die Krähen kehrten zurück. Eine von ihnen verwandelte sich in einen Adler. Und die Geister der Erde ließen mich den Hufschlag vieler Pferde hören. Große, schwere Pferde, wie die Blauröcke sie benutzen."

Lange Augenblicke sprach niemand ein Wort im Inneren des Tipis. Schwer lastete das Schweigen auf den um das Häuptlingszelt versammelten Zuhörern.

Dann noch einmal die Stimme des Schamanen: "Kleiner Bär möge sich und den Stamm sorgfältig vorbereiten. Es wird Krieg geben..."

*

Die Tür zur Kommandantur wurde aufgestoßen. Captain Dave Cunningham und Lieutenant Sherman nahmen Haltung an und legten die Fingerspitzen an die Hutkrempen. Die beiden Reiteroffiziere, ein Captain und ein Major, grüßten flüchtig. Als hätten sie es brandeilig, nahmen sie alle drei Stufen der Vortreppe auf einmal und hasteten über den kleinen Innenhof des Forts auf die Stallungen zu. Sie waren Abgesandte des Regimentskommandeurs aus Fort Dodge. Eine geschlagene Stunde hatten sie beim Colonel verbracht.

Cunningham schätzte, dass die ruhigen Wochen in Fort Laramie vorbei waren. Der alte General Forrest hatte seine Offiziere und ihren Tross nicht zum Spaß auf den tagelangen Ritt durch die Prärie geschickt.

Er wandte sich an Tom Sherman. "In ein paar Tagen geht's Richtung Süden gegen die Paiute, wetten?"

Sherman schüttelte den Kopf. "Es geht morgen schon los, Dave. Unser Colonel hat Feuer unterm Arsch. Je früher er sich mit den Rothäuten prügeln kann, um so besser."

"Nach Süden, behaupte ich." Dave Cunningham holte einen Silberdollar aus seiner fransenbesetzten Hirschlederjacke. Anders als Sherman trug er die abgewetzte Kluft eines Waldläufers. Er hielt den Silberdollar zwischen sich und den Lieutenant.

Tom Sherman kraulte nachdenklich seinen dunklen Vollbart. Dann wieder ein Kopfschütteln. "Ich tippe auf Nordwesten. Gegen die Sioux oder die Cheyenne."

Sie schlugen ein.

Die dunkelblaue Uniformjacke mit dem gelbem Besatz der US-Kavallerie hing wie ein Sack an Shermans hochgewachsenem, schlaksigen Körper. Sie war falsch geknöpft; der rechte Kragensaum stand zwei Finger breit über dem linken.

Dave musste grinsen. Solche Nachlässigkeiten waren typisch für seinen alten Freund. Der große Bursche aus Texas hatte bis vor ein paar Jahren die Viehtrecks seines Vaters nach Saint Louis getrieben. Er hatte sich freiwillig bei der Kavallerie gemeldet und war ein verdammt guter Soldat. Aber die schlecht geschnittene Uniform trug er noch immer wie ein ungeliebtes Korsett.

Wieder ging die Tür auf. Colonel Roosters kleingewachsene Gestalt erschien im Türrahmen, mit seinem harten, bis auf den gepflegten Schnurrbart glattrasierten Gesicht und dem langen, hinter die Ohren gekämmten Haar. Sein braunes Haar wies einen deutlichen Rotstich auf. Das und sein rüder Führungsstil hatte ihm seinen Spitznamen eingetragen: Reddog - roter Hund.

Er wirkte beunruhigend zufrieden. Viel zufriedener als vor einer Stunde noch, als Cunningham und Sherman die beiden Gesandten des Regimentskommandeurs in sein Büro geführt hatten. Seine grauen Augen lächelten, was nicht oft vorkam. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass General Forrest ihn mit einem Auftrag beglückt hatte.

"Wir haben einen Marschbefehl, Gentlemen. Es geht gegen die Cheyenne. Sorgen Sie dafür, dass alle drei Schwadronen antreten. In einer Stunde will ich zu den Männern sprechen." Das war's schon. Er drehte sich um und schlug die Tür hinter sich zu.

Sie hatten kaum die Stufen der Vortreppe betreten, da wurde die Tür hinter ihnen wieder aufgerissen.

"Verdammt, Sherman!", bellte Rooster. "Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass Sie sich vorschriftsmäßig zu kleiden haben?"

"Verzeihung, Sir." Sherman fummelte an den Knöpfen seiner Uniform herum. Die Tür fiel zum zweiten Mal ins Schloss.

"Du hast gewonnen." Dave Cunningham kramte den Silberdollar heraus und drückte ihn in die ausgestreckte Hand des Lieutenants. In verschiedene Richtungen liefen sie zu den Mannschaftsquartieren.

Cunningham fühlte sich plötzlich sehr unwohl in seiner Haut. Nicht dass er die Strapazen des langen Rittes scheute, der vor ihnen lag. Oder den Kampf mit den Indianern. Nein - es gab nicht allzuviel auf Gottes wildem Erdboden, vor dem ein Dave Cunningham zurückgescheut wäre. Abgesehen von schlechtem Whisky oder warmem Bier.

"Cheyenne" - dieses Wort hatte sich wie ein Pfeil in seine Eingeweide gebohrt.

Cunningham zog seinen braunen Trapperhut vom Kopf und strich sich sein langes Blondhaar aus dem Gesicht. Er betrachtete die beiden gekreuzten Pfeile auf der Vorderseite des Hutes. Ein wehmütiger Zug legte sich auf sein kantiges, von Wind und Sonne gegerbtes Gesicht.

"Cheyenne" - das klang für Cunningham wie für andere "Kentucky", "Missouri" oder "Maine". Je nachdem, wo einer zu Hause war. Zu Hause - so klang dieses Wort in den Ohren Dave Cunninghams. Sein halbes Leben hatte er bei den Cheyenne verbracht. Über fünfzehn Jahre.

Er setzte den Hut mit den Silberpfeilen und der rotweiß geflochtenen Baumwollkordel wieder auf. Nur die Späher der US-Armee trugen solche Hütte.

Cunningham bog um die Ecke der Stallungen. Ein großer Hof öffnete sich vor ihm. Gegenüber der Ställe befanden sich die Baracken mit den Mannschaftsräumen. Einige Dutzend Soldaten hockten davor, Angehörige der dritten Schwadron. Sie putzten Gewehre und Colts oder flickten Sattelzeug. Einige sahen auf, als sie Cunningham kommen sahen.

"Hey, Captain - es geht gegen die Rothäute, stimmt's?" Solche und ähnliche Fragen schwirrten ihm entgegen.

Natürlich hatte sich die Ankunft der Delegation aus Fort Dodge längst herumgesprochen. Und bis zum untersten Dienstgrad hatten sich die Männer ausgerechnet, was das zu bedeuten hatte.

"Endlich gibt's was zu tun!", rief Lesley McAuley, Cunninghams Partner. Der alte Waldläufer hasste nichts mehr, als untätig herumzusitzen. "Man verrottet ja in diesem gottverdammten Fort!" Genau wie Cunningham war er Späher im Range eines Captains.

Ein relativ kleiner, aber drahtiger Mann erhob sich von einer Munitionskiste und kam Cunningham entgegen. Er hatte blauschwarzes Haar, das zum Mittelscheitel gekämmt und im Rundschnitt kurz über den Ohrläppchen gestutzt war. Seine Haut war auffallend dunkel, und ein misstrauischer Zug lag um Mund und Augen. Sergeant Shakopee. Ein Halbblut. Seine Mutter war eine Sioux.

Fragend runzelte er die Stirn.

"Lass die Jungs antreten, Shakopee", sagte Cunningham. "In einer Stunde will der Colonel zu ihnen sprechen."

"Wohin geht es, Dave?"

"Gegen die Cheyenne." Das Wort wollte ihm kaum aus dem Hals.

*

"Cheyenne aus Little Bears Stamm haben einen Siedlertreck überfallen!" Colonel William Rooster stützte sich auf das Holzgeländer der Veranda vor seinem Büro. "Sie haben einen Mann getötet!" Seine Stimme überschlug sich fast, so laut schrie er. Bei jedem Wort tänzelte er hin und her.

Nicht weit neben ihm stand seine Frau, Helena Rooster. Blond und schlank, in einem hochgeschlossenen grauen Kleid. Sie war nicht wesentlich kleiner als ihr Mann. Aber gut fünfzehn Jahre jünger als der über vierzigjährige Offizier.

In Reih und Glied waren fast zweihundert Kavalleristen im Innenhof des Forts aufmarschiert. Die erste, zweite und dritte Schwadron des Fünften US-Kavallerieregiments. Das Regiment des alten Reitergenerals Aaron Forrests bestand insgesamt aus zwölf Schwadronen. Drei standen in Fort Kearney, sechs in Fort Dodge unter dem direkten Kommando des Generals. Und die ersten drei unter Rooster eben hier in Fort Laramie, im äußersten Westen.

"Die Rothäute in der Großen Ebene sind seit langem aufsässig und feindselig!", rief der Colonel seinen Leuten zu. "General Forrest hat mir heute den Befehl gegeben, sie in ihre Schranken zu weisen!"

Cunningham spürte die Augen der Frau auf sich, noch bevor sich seine und ihre Blicke trafen. Wie meistens war ihm das unangenehm. Und wie meistens erregte es ihn.

Helena Rooster war eine schöne Frau. Aber sie war die Frau seines Vorgesetzten.

"Wir werden ihnen eine Lektion erteilen, die sie so schnell nicht vergessen!" Rooster beugte sich weit über das Geländer. "Es geht in den Kampf, Soldaten! In den Kampf gegen die Wilden! Morgen, gleich nach Sonnenaufgang, brechen wir auf!"

Jeder wusste, dass Rooster nichts Besseres hatte passieren können, als von Forrest mit dieser Strafexpedition beauftragt zu werden. Und zumindest die Offiziere wussten auch warum: Rooster war der Meinung, lange genug Colonel gewesen zu sein. In spätestens zwei Jahren würde der General in den Ruhestand gehen. Man erzählte sich jetzt schon, dass er auf einer Koppel kaum noch ein Pferd von einer Kuh unterscheiden konnte.

In spätestens zwei Jahren wollte Rooster sein Kommando übernehmen. Er brannte darauf, bis dahin so viele Lorbeeren wie möglich anzuhäufen.

Cunningham konnte nichts anfangen mit solchen ruhmsüchtigen Kriegshelden. Schon gar nicht, wenn sie dazu neigten, ihre Karriere mit dem Blut ihrer Soldaten zu düngen.

Verstohlen schielte er zu der Frau hinüber. Noch immer ruhten ihre Augen auf ihm. Unter seinem Zwerchfell schien ein großer Vogel mit den Flügeln zu schlagen. Er riss seine Augen von runden Wölbungen ihres Körpers los und versuchte sich auf seinen Kommandeur zu konzentrieren.

"Die erste Schwadron wird hier im Fort bleiben!", ordnete der Colonel an. Enttäuschtes Geraune ging durch die Reihen der betroffenen Männer. Shermans Schwadron. Cunningham hätte gern mit ihm getauscht. "Lieutenant Sherman wird das Kommando hier übernehmen!"

Jetzt war auch Cunningham enttäuscht. Sie hatten sich im gleichen Jahr zur Kavallerie gemeldet. Noch nie war er ohne seinen Freund Tom Sherman geritten.

"Für die zweite und dritte Schwadron gilt heute Abend Alkoholverbot!", fuhr der Colonel fort. "Ich will ausgeruhte Soldaten sehen morgen früh!"

Rooster ließ abtreten und zog sich in sein Büro zurück. Eine halbe Stunde später sah ihn Cunningham an der Spitze einer kleinen Abteilung aus dem Fort reiten. Sherman und Shakopee begleiteten ihn. Vermutlich würden sie zu den umliegenden Farmern reiten, um Proviant zu ordern. Zwei Schwadronen wollten verköstigt sein.

Cunningham ging in die Stallung. Angeblich, um nach den Pferden zu sehen. In Wirklichkeit wollte er allein sein. Der bevorstehende Auftrag verursachte ihm Magenschmerzen.

Seit vier Jahren war er als Kundschafter bei der Kavallerie, seit einem Jahr im Rang eines Captains. Bisher hatte er Glück gehabt: Fünfmal war er unter Rooster gegen die Indianer gezogen. Gegen Sioux, gegen Comanchen, gegen Paiutes. Aber nie gegen Cheyenne. Jetzt war es soweit. Und alles in Cunningham sträubte sich dagegen. Ob er Rooster bitten sollte, ihn hierzulassen?

Ein Schatten bewegte sich zwischen den Pferden. Eine Frauengestalt tauchte vor Cunningham auf. Klein und drall, mit schwarzer Hautfarbe. Norma, Helena Roosters Hausmädchen.

"Meine Herrin will Sie sprechen", flüsterte sie. "Jetzt gleich. Mrs. Rooster erwartet Sie in meiner Kammer."

Lautlos verschwand sie wieder in den Tiefen des Stalls. Und ließ einen verblüfften Cunningham zurück. Was wollte die Frau des Colonels von ihm? Wieder war da das Flattern unter seinem Zwerchfell.