cover
Melanie Schubert

Ein Millionär unterm Weihnachtsbaum

Weihnachtsroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

 

Ein Millionär unterm Weihnachtsbaum

Liebesroman

 

Melanie Schubert

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.11

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig.

 

 

 

Inhalt:

 

Endlich Weihnachten! Dieses Jahr klappt es garantiert – alles wird anders. Hab ich gedacht! Bis vor zwei Tagen standen die Chancen dafür auch gar nicht so schlecht. Aber … offenbar wieder Fehlanzeige. Ist ja auch nicht so schlimm. Ich sitze am Heiligabend doch gerne mit meinen Eltern bei Kaffee und Kuchen, um dem Nachbarschaftstratsch zu lauschen. Was gibt’s Schöneres? Und mal ehrlich – was soll ich überhaupt mit einem Mann? Wozu brauche ich ’ne starke Schulter? Was bringt mir ein ausgewachsener Kerl, der zärtlich ist, zuhören kann und …? Nö, so einer kann mir gestohlen bleiben. Ehrlich!

 

Aber ich merke schon, so wird das auch nichts. Deshalb springe ich mal zum Anfang der Geschichte. Das erklärt vielleicht ein paar Dinge. Insbesondere, warum ich mich – einen Tag vor Heiligabend – am liebsten aus dem Fenster stürzen oder wenigstens sinnlos besaufen möchte. Wer wissen will, was diesen emotionalen Super-GAU ausgelöst hat, sollte weiterlesen ...

 

Am Ende gibt es noch eine kleine Leseprobe von:

Küssen kann man nicht alleine: Alles auf Anfang …(1)

 


 

_______*hEl*hEl*________*hEl*hEl*_____

_____*hEl*___*hEl*____*hEl*___*hEl*____

___*hEl*______*hEl*_*hEl*_______*hEl*__

__*hEl*__________*hEl*__________*hEl*_

__*hEl*________________________*hEl*_

___*hEl*_____ Frohes Fest_______*hEl*__

____*hEl*____ für alle _____*hEl*____

______*hEl*________________*hEl*_____

________*hEl*____________*hEl*_______

__________*hEl*________*hEl*_________

____________*hEl*____*hEl*___________

______________*hEl**hEl*_____________

________________*hEl*_______________

__________________Y________________

 


 

1

 

Freitagabend

 

»Ernie – sei mir bitte nicht böse, aber du siehst echt beschissen aus. Sorry!«

»Du sollst mich nicht Ernie nennen, das weißt du doch.«

»Wie soll ich dich denn dann nennen? Ernestine darf ich ja auch nicht sagen.«

Ich schnaubte geräuschvoll, um meinen Unmut zu verkünden. »Ich würde meine Eltern am liebsten heute noch umbringen.«

»Zweiunddreißig Jahre danach ... ist das nicht ein bisschen spät für blutige Rache?«

»Bei solch einem Namen kann es dafür nie zu spät sein, glaub mir.« Mein Tonfall passte zu dieser traurigen Erkenntnis. »Aber jetzt sag schon, was meinst du mit: Ich sehe beschissen aus?«

»Augenringe, Krähenfüße – deine Haare könnte man glatt mit ’ner Perücke aus den achtziger Jahren verwechseln. Reicht das? Oder soll ich weitermachen?«

»Herzlichen Dank! Du kannst einen wirklich aufbauen.« Ich schenkte meiner Freundin Lucy noch ein genervtes Kopfschütteln obendrauf. Außerdem fragte ich mich, ob sie, angesichts solcher drastischen Worte, überhaupt noch den Titel Freundin verdiente.

»Sorry, Schätzchen. Haben wir nicht mal abgemacht, dass wir ehrlich zueinander sein wollen?«

Ich nickte, obwohl mir mein Verstand nur ein sehr vages Bild dieser angeblichen Vereinbarung lieferte. Typisch!, brüllte eine gehässige Stimme in meinem Hinterkopf. Lucy war eine Meisterin im Taktieren, bewusst oder unbewusst. Sie hatte ihr Opfer – also mich – in die Enge getrieben, es erlegt und war nun im Begriff es auszuweiden.

Aber so schnell wollte sich dieses vermeintliche Opfer nicht geschlagen geben. »Glaubst du nicht, dass jeder irgendwann mal an diesem Punkt ankommt?«, hielt ich mit leiser, jedoch fester Stimme gegen. »Besser gesagt: Hoffentlich nicht!« Ich setzte mein schönstes künstliches Lächeln auf. »Das wünsche ich nämlich nicht mal meiner schlimmsten Feindin.«

»Bis jetzt weiß ich ja noch nicht mal, wovon du redest.« Lucy schaute sich um. Wir saßen in unserem Stammbistro mitten im wunderschönen Hamburg-Poppenbüttel. Tatsächlich verbrachten wir so gut wie jeden Abend hier, weil keine von uns beiden es ernsthaft mit dem Kochen hatte. Die zwei Tische neben uns waren frei, ansonsten hockten hier und dort ein paar vereinzelte Gestalten, die uns allerdings keinerlei Aufmerksamkeit schenkten. Trotzdem senkte meine Freundin ihre Stimme, bevor sie fortfuhr: »Sag schon, was meinst du?«

»Ich rede von meinem Leben!«, betonte ich Wort für Wort.

»Und was bitte ist mit deinem Leben nicht in Ordnung?« Lucy schaute mich misstrauisch an. Ihre Miene verhieß gleich diverse Vermutungen. Angefangen bei einer unheilbaren Krankheit, dem Plan, endgültig nach Südafrika auszuwandern, bis hin zum lange geplanten Freitod. »Du kannst mit mir doch über alles reden, Schätzchen.«

Ich spürte, wie sich mein Gesicht verzog, und konnte es nicht mal bremsen. Mir flogen hundert Sätze im Kopf herum. Aber keiner davon schaffte es auch nur ansatzweise, mein aktuelles Dilemma vernünftig zu erklären. Trotzdem ließ ich es auf einen Versuch ankommen: »Ich würde es als eine Art Bankrotterklärung bezeichnen. Als Insolvenzantrag, mein Leben betreffend.«

Lucy schaute mich schon wieder komisch an. »Sag mal, hast du sie noch alle? Rede ich hier mit meiner Freundin oder mit ’ner Anwältin.«

»Beides!«, gab ich schnippisch zurück. »Schließlich bin ich Anwältin und hab jeden Tag beruflich mit dem Mist zu tun.«

»Mist?«

»Hast du eigentlich eine Ahnung, was mein Job mit sich bringt?« Ich holte tief Luft, um weiter auszuholen: »Hinter jeder Insolvenz steht auch eine menschliche Tragödie. Heute ist es eine Frittenbude, deren Inhaber mit einem Herzinfarkt umfällt und seine Rechnungen deshalb nicht mehr bezahlen kann. Und morgen sitzt mir der smarte Firmenboss gegenüber, der sich bei seinen Investitionen gründlich verkalkuliert hat. Egal, ob groß oder klein ...«

»... Sitzen muss sein?«, vollendete Lucy kichernd.

»Ist das nicht der Spruch auf deinem Toilettendeckel?« Ich bekam nur ein vorsichtiges Nicken als Antwort, deshalb fuhr ich ungerührt fort: »Hinter jeder Insolvenz steckt ein ganz besonderes Schicksal. In vielen Fällen sogar gleich mehrere davon.«

»Wenn du mich fragst, hättest du lieber Nachrichtensprecherin werden sollen. Das würde zu dir passen.« Lucy lachte, hielt jedoch abrupt inne, als ihr klar wurde, dass ich diesen Frohsinn nicht zu teilen bereit war. Deshalb verwöhnte sie mich mit einer weiteren Frage: »Und ... ist das alles?«

Ich schüttelte den Kopf. In einem Spiegel an der gegenüberliegenden Wand konnte ich sehen, wie dabei meine dunkelbraunen Locken umherflogen. Ein lustiger Anblick. Außerdem hatte Lucy recht: Es wurde höchste Zeit für einen Termin beim Friseur. Aber wo sollte ich den noch unterbringen? Wenn ich in der Woche Feierabend hatte, saßen sämtliche Friseure der Stadt schon lange auf ihren Sofas und genossen das Abendprogramm. Und samstags? Da war Ausschlafen angesagt ... wenigstens einmal in der Woche. Denn auch den Sonntag verbrachte ich gerne im Büro, weil es dort herrlich leer war und ich am meisten schaffte. »Wenn das alles wäre, würde ich nicht mal darüber reden«, stellte ich abschließend mit Grabesstimme fest.

»Dann mach mal weiter«, mahnte mich meine Freundin zum Fortfahren. »Ich bin ganz Ohr!«

Nach einem tiefen Atemzug setzte ich von Neuem an. Dabei kam mir mein nächster Satz völlig irre vor: »Eigentlich hat bei mir alles schon in der Schule angefangen ...«

Lucy schaute mich an, als würde sie an meinem Verstand zweifeln. »Du brauchst tatsächlich Hilfe, Schätzchen?« Ihr Gesicht verzog sich auf typische Weise. Vielleicht spielte sie bereits mit dem Gedanken, einen Rettungswagen zu rufen. Zunächst folgte allerdings die logische Frage: »Wie meinst du das – es hat schon in der Schule angefangen?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Ich war definitiv keine Außenseiterin, aber auch keines von diesen Mädchen, die permanent im Mittelpunkt stehen mussten.«

»Okay, bis hierhin hab ich’s verstanden.« Das Gesicht meiner Freundin drückte zwar das Gegenteil aus, aber ich wollte ihr glauben. »Vielleicht kannst du mir jetzt noch erklären, was das mit heute zu tun hat?«

»Ich war immer fleißig und ganz besonders zielstrebig. Man könnte auch sagen: todlangweilig.« Das war er wohl, der negative Zenit meiner Selbsterkenntnis. »Ich war immer anders. Während die Mädels alle mit vierzehn oder fünfzehn in kurzen Röcken rumliefen, hab ich mich in Jeans und Pullover gequetscht. Ich war halt ...«

»Du klingst schon wieder wie 'ne Nachrichtensprecherin«, unterbrach mich Lucy. »Außerdem – bis jetzt kann ich da keine außergewöhnliche Anomalie diagnostizieren.«

Oh! Ich sollte noch erwähnen, dass meine Freundin Lucy Ärztin ist. Noch genauer: Internistin. Und wenn es in unseren Gesprächen gelegentlich mal um mein Seelenleben geht, dann neigt sie gerne dazu, alles zu bagatellisieren.

»Vielleicht wartest du mal ab, bis ich fertig bin.« Ich hatte sie etwas zu grob angefahren und entschuldigte mich gleich mit Blicken dafür. Schließlich hatte sie meinen Zorn als Allerletzte verdient.

»Kein Problem. Kommen wir noch mal zurück auf die Schule und ihre langfristigen Folgen ...«

»Darauf wollte ich doch gar nicht hinaus.«

»Und worauf dann?«

»Nach dem Abi hab ich mich von meinem Vater breitschlagen lassen und Jura studiert. Das war der erste große Fehler.«

Lucy ermunterte mich durch Nicken zum Fortfahren. Jetzt schoss ihre Hand nach oben, denn sie wollte meinem anfänglichen Fazit wohl doch noch etwas hinzufügen: »Dein alter Herr ist auch Anwalt und genauso trocken wie du. Wahrscheinlich hast du deine Humorlosigkeit von ihm geerbt.«

Ich schaute sie an und schüttelte den Kopf. »Tu mir bitte einen Gefallen: Wenn bei euch im Krankenhaus mal einer über Selbstmord nachdenkt, dann lauf so weit wie möglich davon. Du bist wirklich die Letzte, die einem Verzweifelten helfen kann.«

»Mach ich!« Sie nickte heftig und schenkte mir ein Grinsen. »Wir waren bei deinem Jurastudium stehengeblieben – deinem zweiten Fehler, wenn man so will.«

»Danke.« Ich deutete im Sitzen eine künstliche Verbeugung an. Eigentlich fehlte mir mittlerweile jegliche Lust zum Fortfahren. Aber ich tat es trotzdem: »Und vielleicht erinnerst du dich noch – ich wollte eben keine Scheidungsopfer, Berufsverbrecher oder angriffslustige Gartenzwergbesitzer vertreten.«

»Genau! Und deshalb hast du dich damals auf Insolvenzrecht spezialisiert.« Lucy reckte den Daumen nach oben. Was auch immer das bedeuten sollte.

»Womit wir bei Fehler Nummer drei angekommen wären«, gab ich stöhnend von mir. »Vielleicht sogar dem schlimmsten von allen.«

Lucy schaute auf ihre Uhr. »Wir müssen uns ein bisschen beeilen, Süße. Ich hab morgen Frühdienst und muss um halb sechs aus der Koje.«

»Morgen ist Samstag!«

»Und du wirst es nicht glauben, es gibt tatsächlich Ärzte, die auch samstags antreten müssen. Kann ja nicht jeder Anwalt werden.«

»Wann und wo hab ich dich eigentlich kennengelernt?«

Lucy überlegte einen Moment lang. »Ist schon ’ne Ewigkeit her. Bei der Ü-30-Party im Hühnerposten.«

Ich schnaufte vernehmlich. »Wäre ich damals bloß zu Hause geblieben!«

»Das meinst du doch nicht ernst?«, empörte sich meine Freundin künstlich.

Mein schelmisches Lächeln bestätigte sie in ihrer Vermutung. »Weißt du, was das Allerschlimmste ist?«, fragte ich sie, von einem schweren Atmen begleitet.

Lucy zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung! Hast du deine Tage? Würde mich nicht wundern – so, wie du drauf bist.«

»Negativ, Sir ... aber bald ist Weihnachten.«

Meine Freundin entließ die Luft mit einem Pfeifen. »Also, erstens sind es noch zwei Wochen. Und zweitens schieb ich an Weihnachten wie immer Dienst. Schließlich gibt es genug Kollegen mit Familie. Die haben Vorrang. Noch!«

Ich grübelte einen Moment über diesem Fazit. Das Ergebnis meiner Gedanken war recht simpel: »Ich hätte auch Ärztin werden sollen.«

»Dafür hättest du aber ein Einser-Abi gebraucht ...«

Ich zuckte mit den Schultern. »Na und?«

Lucy musterte mich mit skeptischen Blicken. »Sag nicht, du hast ...?«

Ich unterbrach sie mit meinem energischen Kopfschütteln. »Hab ich doch gar nicht gesagt! Aber wozu gibt’s denn Photoshop?«

 

 

2

 

Montagmorgen. Für mich der Beginn einer weiteren Woche im Irrenhaus.

»Sie wollten mich sprechen, Doktor Scharfenberg.« Ich stand mitten im Büro meines Chefs und fühlte mich mal wieder wie ein kleines Schulmädchen, das vor seinem Direktor schlotterte. Hinzu kam, dass Doktor Clemens Ferdinand von Scharfenberg meinem früheren Schulleiter auch noch recht ähnlich sah. Vielleicht lag es daran?

»Nehmen Sie Platz, Frau ...«

»Hartmann!« Man muss sich mal vorstellen, dass ich seit über drei Jahren in dieser Anwaltskanzlei arbeite. Und dieser Volltrottel von Doktor vergisst meinen Namen regelmäßig.

»Richtig, setzen Sie sich, Frau Hartmann.«

Ich ließ mich vorsichtig auf den ledergepolsterten Stuhl hinab und schaute meinen Chef freundlich an. Und weil der mir noch keine Aufmerksamkeit schenkte, warf ich einen Blick durch die riesigen Panoramafenster hinter ihm. Das Büro unserer Kanzlei liegt mitten in der Speicherstadt. Bei gutem Wetter kann man fast den kompletten Hafen überblicken. Traumhaft!

Meine eigene Wirkungsstätte – ein muffiges Loch von vier mal vier Metern – hat als Aussicht nur eine Hauswand in drei Metern Entfernung zu bieten. Hinzu kommt, dass im Gebäude nebenan vor Kurzem ein Callcenter eingezogen ist. Mein Ausblick zeigt auf dessen Raucherraum und ein Fenster, das fast den ganzen Tag lang geöffnet ist. Und ob man es glaubt oder nicht, wenn ich mein Gegenstück mal einen kleinen Spalt öffne, dann rieche ich eine Mischung aus Zigarettenqualm, Pfeifentabak und manchmal sogar einen Hauch von Pfefferminze. Damit versucht die qualmende Horde wohl, ihren Gestank zu überdecken.

»Sie haben einen neuen Auftrag«, informierte mich Doktor Scharfenberg in lustlosem Singsang. Übrigens: Immer noch, ohne mich dabei anzuschauen.

»Um was geht es?«, fragte ich so routiniert wie möglich. In mir kochte Wut hoch, aber die sollte ich vielleicht lieber zügeln.

»Eine Firma für Software-Entwicklung. Der Geschäftsführer – ein gewisser Tom Lambert – war am Freitag beim Amtsgericht und hat Insolvenz angemeldet.« Mein Chef präsentierte sein schmierigstes Grinsen. »Der zuständige Richter ist Schopperhauer ... und er hat unser Haus zum Insolvenzverwalter erklärt.«

Welch ein Wunder!, ging es mir durch den Kopf. Getreu dem Motto: Wer gut schmiert, der gut fährt. Aber da ich solche Vorwürfe nicht beweisen konnte, hielt ich mich damit lieber gepflegt zurück. Zufällig wusste ich allerdings, dass mein Chef und dieser Richter Schopenhauer sich regelmäßig auf dem Golfplatz trafen. Ja, das Leben besteht schon aus seltsamen Glücksfällen. Also streckte ich bereitwillig meine Hand aus, um den Auftrag in Empfang zu nehmen.

»Ich stelle Ihnen dieses Mal übrigens einen Assistenten zur Seite«, bemerkte mein Chef ganz beiläufig. »Die Sache ist wichtig und wir dürfen uns keine Fehler erlauben.«

Gottverdammt! Im Geiste ging ich bereits die infrage kommenden Kandidaten durch. In unserer Kanzlei gibt es nur drei Kategorien. Bluthunde, Arschkriecher und Normalos. Dass Letztere es im Alltag am schwersten haben, brauche ich vermutlich nicht zu erwähnen. Aktuell ging mir jedoch durch den Kopf, mit wem ich wohl die nächsten Tage Schulter an Schulter verbringen müsste. Eine größere Insolvenz brachte eine Menge Arbeit mit sich. Und wenn der Auftrag dann noch vom Chef höchstpersönlich stammt, hat der immer ein besonderes Auge darauf.

»Sie kennen unseren Nachwuchsstar schon – Doktor Böhme?«

Herzlichen Glückwunsch!

Hatte ich gerade eben noch etwas von drei Kategorien gefaselt?

Alexander Böhme gehört zu einer vierten, man könnte sagen, seltenen Ausnahmekategorie. Dabei handelt es sich um eine besonders gefährliche Mischung aus einem Bluthund und einem Arschkriecher. Einer, der mit Bravour nach oben hangelt und dabei ohne jede Rücksicht nach unten trampelt. Ganz ehrlich: Ich hätte kotzen können.

Und weil mein Chef mir meine Stimmungslage offensichtlich ansah, kam er sofort mit einer Frage daher: »Haben Sie ein Problem damit, Frau ...?«

Ich schüttelte den Kopf und versuchte, so überzeugend wie möglich zu wirken. Außerdem wollte ich dieses Mal darauf verzichten, ihm meinen Namen zu verraten, damit er ihn gleich wieder vergessen konnte. Deshalb beschränkte ich mich auf läppische drei Worte: »Warum sollte ich?«

Mein Chef verzog das Gesicht. »Sah einen Moment lang so aus.«

Ich hielt ihm erneut wortlos meine Hand entgegen. Dieses Mal reichte er mir die Akte und verabschiedete mich nur mit einem Nicken. Letztendlich war alles gesagt und ich wollte am liebsten zur Toilette laufen und meinen Magen entleeren. Dazu kam ich allerdings nicht, weil direkt vor der Tür meines Chefs schon die nächste unangenehme Überraschung auf mich wartete: Doktor Alexander Böhme. Live und in Farbe. Der Typ war keine dreißig und machte ein Gesicht, als würde er jeden zweiten Tag das Pulver neu erfinden.

»Wir müssen es wohl ein paar Tage miteinander aushalten«, flüsterte er auf widerliche Art und Weise. Dabei lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Als er mir dann die Hand schüttelte und ich das Gefühl hatte, ein feuchtes, totes Stück Fleisch in meinen Fingern zu spüren, hätte ich ihm am liebsten vor die Füße gekotzt.

»Schön, ich freue mich schon.« War das wirklich meine Stimme? Höchste Zeit, die Toilette aufzusuchen!

 

 

3

 

»Wie gehen Sie an einen neuen Fall ran?«

Zuerst fühlte ich mich gar nicht angesprochen. Erst als dieser Alexander Böhme sich lautstark räusperte, wusste ich, dass ich gemeint war. »Ich verstehe nicht mal Ihre Frage«, gab ich etwas zu lustlos zurück. Dazu musterte ich ihn vom Beifahrersitz seines nagelneuen BMW. Vermutlich war das Teil geleast und er musste sich die Raten im wahrsten Sinne des Wortes vom Munde absparen. Schließlich war der Typ spindeldürr und sah aus, als könne der Wind durch seine Rippen pfeifen.

Böhme lachte. Dabei verzog sich sein ohnehin schmales Gesicht so weit zu einer Grimasse, bis ich es vorzog, mich abzuwenden. »Ich meinte, wie oder wo Sie anfangen?«

»Lassen Sie sich doch einfach überraschen!« Diese Antwort passte bestens. Schließlich rollten wir gerade auf den Parkplatz der insolventen Software-Firma. Durch das Glasdach des BMW konnte ich ein stylisches Schild erkennen, von dem aus mir der Firmenname entgegen leuchtete: ToLa-Soft. Der erste Teil stand natürlich für den Inhaber: Tom Lambert. Hoffentlich würden wir es nicht mit so einem selbstverliebten Egozentriker zu tun bekommen. Einem Typ Mensch, der sich selbst für den Mittelpunkt der Erde hielt und entsprechend auftrat. Aber in solchen Momenten konnte auch ich meine Krallen ausfahren. Schließlich hatte ich die jahrelang an Gesetzbüchern und deren Paragrafen gewetzt.

»Was soll ich machen?«, fragte mich dieser Böhme, bevor er am Türöffner zog.

Ich zuckte mit den Schultern und schaffte es, ihm ein halbwegs überzeugendes Lächeln zu schenken. »Erst mal gut zuhören – mehr nicht.«

 

»Mein Anwalt hat mir vor zwei Wochen geraten, so schnell wie möglich Insolvenz anzumelden.« Nachdem wir uns am Empfangsdrachen vorbeigeschoben hatten, begrüßte uns Tom Lambert in seinem Büro. Er klang freundlich, aber auch ein bisschen nervös und reserviert. »Darf ich Ihnen vielleicht etwas anbieten?«

»Kaffee wäre nett«, gab ich lächelnd zurück.

»Haben Sie auch Tomatensaft?«, fragte Alexander Böhme neben mir. Und weil er sich für diese selten dämliche Frage ein Kopfschütteln abholte, schwieg er danach einfach.

Sind wir hier im Flugzeug, oder was?

»Ich habe die Geschäftsunterlagen von meinem Steuerberater aufbereiten lassen«, fuhr der Firmeninhaber fort. Mittlerweile war er hinter seinem Schreibtisch angekommen. »Und weil ich nicht weiß, was Sie brauchen, habe ich alles für Sie bereitgestellt.« Er deutete auf Dutzende von Aktenordnern, die fast seinen gesamten Schreibtisch blockierten. »Ich hoffe, es ist alles da.« Nach diesem letzten Satz fiel Tom Lambert auf seinen Chefsessel und rollte ungewollt ein ganzes Stück zurück. Unsere Blicke trafen sich und ich musste kurz kichern.

Mein Adlatus hingegen langte bereits nach dem ersten Ordner und schlug den sofort auf. »Wir brauchen auf jeden Fall eine vernünftige Summen- und Saldenliste. Mit der hier können wir nichts anfangen. Außerdem wäre es besser, wenn Sie zukünftig ...«

Meine Hand schoss empor. Das sorgte nicht nur für Ruhe zu meiner Rechten, sondern auch für einen verwunderten Blick von gegenüber. Herr Lambert hatte alle Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen »Wie sieht es denn auf Ihren Girokonten aus?«, fragte ich ihn mit freundlicher Stimme.

»Da herrscht aktuell weitestgehend Ebbe. Wir haben letzte Woche sehr viel Geld an unsere Software-Entwickler überwiesen.«

»Das holen wir uns sowieso alles zurück!« Wieder Alexander Böhme, der sein vorlautes Mundwerk augenscheinlich nicht halten konnte.

Und weil Tom Lambert mir einen verwirrten Blick schenkte, holte ich zu einer Erklärung aus: »Es ist tatsächlich so, dass wir zuerst die letzten sechs Wochen zurückdrehen.«

»Was bedeutet das konkret?« An dem skeptischen Gesicht vor mir hatte sich kaum etwas geändert. »Soll das bedeuten, meine Programmierer müssen das Geld zurückzahlen?«

Ich kaute einen Moment auf meiner Antwort herum, präsentierte dann aber doch ganz unverblümt die Wahrheit: »Die meisten davon mit Sicherheit. Das hängt allerdings von vielen Faktoren ab.«

»Von welchen Faktoren genau?«, wollte Tom Lambert wissen.

Mir wurde in diesem Augenblick klar, dass es sich bei dieser Insolvenzabwicklung um keinen gemütlichen Dauerlauf handeln würde. Angesichts dieser Erkenntnis probierte ich es mit einer langerprobten Reißleine: »Ich erkläre Ihnen im Laufe unserer Zusammenarbeit gerne jedes Detail. Aber Sie müssen verstehen: Wir haben in diesem Stadium einer Insolvenz nur wenig Zeit, um die erste und wichtigste Entscheidung zu treffen ...«

Tom Lambert verzog kurz das Gesicht, hatte sich aber schnell wieder im Griff. »Darf ich dann wenigstens erfahren, worum es bei dieser Entscheidung geht?«

Erneut war es dieser Böhme, der meiner freundlichen Variante einer Antwort mit rüder Stimme zuvorkam: »Wir müssen entscheiden, ob wir Ihren Laden gleich dichtmachen oder erst später.«

»Und was wird dann aus meinen Leuten?« Eine Frage, die ich im Verlaufe der letzten Jahre viel zu häufig gehört hatte. Es gab kaum einen Chef, der sich nicht um seine Angestellten sorgte, während er selbst bis zum Hals im finanziellen Morast steckte. Manch einer hätte sich vielleicht früher darüber Gedanken machen sollen, dann wäre es womöglich gar nicht so weit gekommen.

Mein nächster Satz klang selbst für mich wie heruntergeleiert: »Um die kümmern wir uns schon – machen Sie sich keine Sorgen.« Wenigstens mein Lächeln sorgte auf Tom Lamberts für ein bisschen Entspannung. »Wir machen das nicht zum ersten Mal und das Wohl Ihrer Mitarbeiter steht im Vordergrund.«

 

»Das mit dem Wohl der Mitarbeiter klang gut«, lobte mich Alexander Böhme mit schmierigem Grinsen. Wir standen zusammen in der Teeküche der Softwarefirma. In den letzten zwei Stunden hatten wir sämtliche Aktenordner durchforstet und befanden uns kurz vor einem ersten Ergebnis.

»Was soll das heißen: Klang gut?« Mein Gesicht drückte hoffentlich meinen Missmut eins zu eins aus. »Das sind keine Worte, das ist meine Überzeugung!«

Ich erntete ein Lachen. Darüber hinaus sah ich in kalte, arrogante Augen. »Sind Sie sich sicher, dass der Job das Richtige für Sie ist?«

Vor einer Antwort nahm ich einen großen Schluck Kaffee und setzte den Becher etwas zu heftig auf der Spüle ab. »Sehen Sie das anders?« Ich konnte mein eigenes Gesicht natürlich nicht sehen, war aber überzeugt davon, dass auch ich keinen Funken Sympathie versprühte. »Wenn Sie diesen Job wie ein Aasgeier betreiben wollen, sollten lieber Sie sich Gedanken machen ...«

»Ist ja gut«, entschuldigte sich Böhme halbherzig. Trotzdem schien er nicht sonderlich beeindruckt. Und auch seine Stimme klang unverändert herablassend, als er mir den nächsten Satz entgegenschleuderte: »Ich denke immer zuerst an das Wohl meines Arbeitgebers. Liegt vielleicht daran, dass der mich am Monatsende bezahlt.«

Ich zuckte mit den Schultern, was eigentlich ausdrücken sollte, dass ich genug hatte. Trotzdem fuhr der komische Vogel geradezu euphorisch fort: »Und wenn wir hier entsprechenden Reibach machen, hat mir Doktor Falkenberg ab Januar ein eigenes Büro versprochen. Klingt doch gut, oder?«

Mittlerweile wollte ich meinen Ohren nicht trauen. Dieser Typ war nicht nur skrupellos und oberflächlich. Nein! Er war schlichtweg widerlich und ich hatte sogar das Gefühl, als würde ich noch lange nicht jede seiner finsteren Seiten kennen. »Haben Sie sich mal Gedanken darüber gemacht, dass hinter jeder Insolvenz Menschen stecken?«

»Klar!« Der Widerling nickte eifrig. Und tatsächlich schaffte es diese Geste, einen Funken neuer Hoffnung in mir zu entfachen. Die nächsten Worte machten den jedoch wieder zunichte: »Menschen, die unsere Kasse füllen.«