Ein Krimi Trio

von Alfred Bekker, Glenn Stirling& A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 400 Taschenbuchseiten.

Kriminalromane der Sonderklasse: hart, überraschend und actionreich.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Glenn Stirling: Jagd auf die Millionendiebe

A. F. Morland: Abserviert von zarter Hand

Alfred Bekker: Undercover-Mission

Titelbild: Firuz Askin.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Copyright-Seite

Also By Alfred Bekker

Also By A. F. Morland

Also By Glenn Stirling

Jagd auf die Millionendiebe

Abserviert von zarter Hand

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Undercover-Mission

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Also By A. F. Morland

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Jagd auf die Millionendiebe

Krimi von Glenn Stirling

Eine Bande skrupelloser Halunken ist verantwortlich für mehrere spektakuläre Raubüberfälle mit hoher Beute. Sie nennen sich die „Pantherbande“ - und bisher hat sie die Polizei nie auf frischer Tat ertappen können. Sie waren schneller als ihre Verfolger und konnten rechtzeitig untertauchen. Immer mit einer Millionenbeute im Gepäck!

Diesmal haben sie einen besonders raffinierten Coup geplant: sie wollen Spendengelder stehlen, die für ein soziales Projekt der spanischen Regierung vorgesehen sind. Und sie wollen es so aussehen lassen, dass Baron Alexander von Strehlitz und seine Freunde die Übeltäter sind. Allerdings haben sie in ihren ganzen Plänen eins nicht berücksichtigt: der Baron versteht keinen Spaß in solchen Dingen. Und deshalb ist er fest entschlossen, der Pantherbande ein für allemal das Handwerk zu legen. Auf seine Weise!

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––––––––

Das schwere, schmiedeeiserne Tor fiel mit einem Klirren hinter dem Baron zu. Vor ihm lag der Park, von Nebelschwaden durchzogen und umwoben wie ein Märchenhain. Von den Ästen der Bäume tropfte es herab ins braune Laub, das die Kieswege bedeckte. Weit hinten, am Ende des Weges, stand das Landhaus. Der Nebeldunst dieses Novembertages ließ es nur schemenhaft sichtbar werden.

Als Baron Alexander von Strehlitz mit federndem Schritt den Weg entlang ging, raschelten die Blätter und knisterte der Kies unter seinen Tritten. Eine Amsel flatterte von einem der Büsche auf, die unter den hohen Ulmen gediehen. Trostloses Bild eines Novembertages.

Zwei der Fenster des Hauses waren erleuchtet. Dieser düstere Mittag zwang dazu, Licht anzumachen, und es fiel durch die Scheiben der Biedermeierfenster hinaus in den Waschküchendunst des Parks.

Ein Schleier feiner Wasserperlen bedeckte die alte Kutsche, die mit hoch gestellter Deichsel direkt vor der Auffahrt des breiten Landhauses stand. Efeu rankte an den Hauswänden. Silbern glänzte der Tau in den Nadeln zweier amerikanischer Eiben, die das Portal säumten. Aus dem Kamin wehte der Duft brennenden Buchenholzes, ein anheimelnder Geruch an solch einem Tag.

Der Baron trat an die Pforte, blickte auf den Messing-Klopfer, betätigte ihn und hörte, wie im Haus ein Gong anschlug. Doch lange regte sich nichts. Endlich aber schlurften Schritte näher, ein Schlüssel knirschte im Schloss, und als sich die Tür um einen Spalt öffnete, blickte der Baron in ein griesgrämiges, von einem schneeweißen Bart umrahmtes Altmännergesicht.

Der Baron lüftete seinen Hut. „Der General erwartet mich“, sagte er und reichte dem Alten seine Karte. Der alte Mann hatte die Tür etwas weiter geöffnet, und dabei zeigte sich, wie klein der Mann in der verschlissenen Dienerlivree war. Er musste zum Baron aufblicken wie zu einem Baum.

„Ja, Sir, ich sage Bescheid... bitte treten Sie ein!“ Der Alte ließ den Baron eintreten und schloss hinter ihm die Tür.

Behagliche Wärme schlug dem Baron entgegen, als er seinen Mantel auszog und ihn dem Alten reichte, der es in eine Nische schaffte und dann über den langen weißen Korridor davonschlurfte. Eine grelle Deckenlampe erhellte den Flur und ließ die aufgehängten Hirschgeweihe lange Schatten über den Fußboden werfen. Zwischen den Geweihen hingen die Bilder von irgendwelchen Ahnen, alles zusammen wirkte ziemlich staubig und alt.

Der Alte war in einer der drei hohen Doppeltüren verschwunden, kam aber bald wieder und murmelte: „Sie möchten eintreten...“

Hinter dem Baron schloss der Alte die Tür, und der Baron sah sich in dem etwas düsteren Zimmer um, in dem nur das Feuer des Kamins flackerte und gespenstische Lichter auf die verschossenen Seidentapeten warf, zuckend über den langen Marmortisch huschte und seine Flammen über die klobigen Stühle und Polstersessel spielen ließ.

Eine alte Standuhr tickte, die Buchenscheite knackten im Feuer, und auf der Kaminkonsole begann gerade in diesem Augenblick ein Glockenspiel in einer Rokkoko-Porzellanfigur zu schlagen.

Vergeblich sah sich der Baron nach dem Hausherrn um. Doch im Zimmer war wohl niemand, und es gab auch keine Seitentür zu einem der anderen Räume. Und dennoch hatte der Baron das Gefühl, nicht allein im Raume zu sein.

Er wollte gerade auf die schwere Ottomane zusteuem, die quer vor dem Kamin stand und ihm die Rückseite darbot, da tauchte über den Lehnenrand dieser Ottomane ein nackter Fuß, dann ein Unterschenkel - übrigens ganz zweifellos der einer Frau - und schließlich auch das Knie auf.

Eine betörend dunkle Frauenstimme sagte: „Kommen Sie ruhig näher, Baron, ich tue Ihnen nichts!"

Der Baron ging zwei Schritte nach vorn. Was er dann sah, hätte einem anderen den Atem verschlagen. Er aber lächelte.

Da lag hingegossen auf der Ottomane die Sünde in Perfektion. Schlank, rank und hinreißend. Alles, was diese blonde Schönheit trug, waren ein Chiffonschal um die Lenden und ein noch kleinerer um die Brüste. Beide waren nur ein Hauch von Stoff und verrieten alles, ohne zu verhüllen.

Sie war vielleicht zwanzig, vielleicht etwas mehr. Aber gegen sie konnte manche Filmdiva einpacken, hätten einige Schönheitsköniginnen nie den Titel erringen können.

„Ich hatte den General erwartet“, sagte der Baron lächelnd.

Sie richtete sich auf, strahlte ihn verführerisch an und gab sich keine Mühe, als ihr die Brustbedeckung gänzlich herabrutschte. „Bin ich so ein miserabler Ersatz?“, fragte sie dunkel. In ihrem Blick unter den seidigen Wimpern lockte alle Weiblichkeit, zu der eine Frau fähig sein konnte, und in ihrer Stimme war jener Hauch von Sex, bei dem kein Mann gleichgültig bleibt.

„Wollen Sie sich mit mir an seiner Stelle über trockene Zahlen unterhalten?“, fragte der Baron spöttisch. „Wer sind Sie überhaupt?“

Sie lachte leise. „Verzeihen Sie, Baron, mein Name ist Bessy Laudon. Ich wollte Sie schon lange kennenlernen. Ich habe so viel von Ihnen gehört und...“

„Glauben Sie, dass sich mein Eindruck von Ihnen verbessert, wenn Sie mich nackt empfangen?“ Der Baron wurde kühl. „Ist es eine Idee von General Winters, Sie mir hier zu präsentieren?“

Sie ignorierte seinen kühlen Ton und erwiderte aufreizend leidenschaftlich: „Ich habe ihn weggeschickt. Es ist meine Idee. Ich musste Sie kennenlernen. Ich will Sie haben, Baron. Sweety, setz dich zu mir!“

„Ihre Idee?“, fragte der Baron, ohne nur einen Millimeter näher zu kommen. „Winters schuldet mir dreißigtausend Dollar. Als Militär hatte er ziemlichen Erfolg. Er hat sich als fuchsschlauer Taktiker einen Namen gemacht. Vielleicht hat er von der Artillerie auf andere Geschütze umgesattelt, wie? Miss Laudon, ich weiß nicht, in welchem Verhältnis Sie zu General Winters stehen, aber ganz bestimmt bin ich nicht zum Plaudern oder zu einem Schäferstündchen gekommen. Dreißigtausend Dollar sind ein Betrag, bei dem ich ziemlich sachlich werden kann. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie einer Erkältung vorbeugen und sich anziehen würden. Und dann holen Sie mir bitte den General! Sie wissen, warum ich gekommen bin.“

Sie räkelte sich wie eine Katze, stand dann mit unnachahmlicher Grazie auf und trat vor ihn hin. Sie war nicht gerade klein, aber gegen ihn wirkte sie sehr zierlich. Sie hatte nun alle Hüllen unter sich sinken lassen und tätschelte ihm mit den geschmeidigen Bewegungen einer Schlange die Brust, rückte dann noch näher an ihn heran und flötete: „Ich liebe dich, du Narr! Ich bin verrückt nach dir! Stell dich nicht so an, du großer Junge!“

Und schon lehnte sie an ihm. Und genau in diesem Augenblick blitzte es grell auf. Ein Fotoverschluss knackte, und eine Stimme an der Tür sagte: „Danke, Baron, das genügt!“ Und etwas schroffer sagte sie dann: „Du kannst dich anziehen, Bessy! Los, verschwinde!“

Der Baron hatte sich der Tür zugewandt, in der ein großer, stämmiger Mann von etwa fünfzig Jahren stand, breitgesichtig wie eine Bulldogge, mit spärlichen grauen Haaren auf dem massigen Schädel, in einen Anzug gepresst, der zwar von kostbarem Stoff war, doch längst nicht mehr passte und mit einer Krawatte auf dem gestreiften Hemd, die so blau war, dass dem Baron die Augen tränten.

„Wer sind Sie denn?“, fragte der Baron.

Über das breite Bulldoggengesicht huschte ein Grinsen. „Ich bin Gregor Romanow, aber was sind schon Namen, Baron? Schall und Rauch - obgleich Sie meinen vermutlich noch öfters hören werden. Tja, mein Verehrter, ich glaube, nun können wir von Geschäften reden. Halt, nicht so voreilig, Baron, nichts überstürzen!“ Romanow hob abweisend die Hände und wollte damit einem Einspruch des Barons Vorbeugen. „Wir sind kein kleiner mieser Verein, Baron. Natürlich haben wir den General aus dem Gefecht gezogen, wenn man so sagen darf. Das Foto, das ich eben von Ihnen und der lieben, süßen Bessy machen ließ, wird Sie möglicherweise kompromittieren. Sie wissen ja, wie steif es im alten London zugeht. In Ihren Kreisen jedenfalls...“

„Also Erpressung“, sagte der Baron kühl.

Romanows breites Gesicht verzog sich erneut zu einem Grinsen, das den Baron an Chruschtschow erinnerte. „Es ist ein Beweis, mehr nicht.“

Romanow kam auf den Baron zu, ließ sich in einen der breiten Sessel sinken und schlug die korpulenten Beine übereinander. Sein Anzug platzte dabei fast aus den Nähten.

„Sehen Sie, Baron, wir sind keine Unmenschen. Alles, was wir von Ihnen wollen, ist doch, dass Sie bei uns ein paar Tage Ferien machen. Hier im Haus. Und Sie sind nicht einmal allein. Ihr Chauffeur, den wir vor ein paar Minuten an Land gezogen haben, wird auch mit von der Partie sein, ebenfalls dieser Mr. Dupont, Ihr bester Freund. Tja, und Ihren Sekretär Robert mussten wir natürlich auch in die Ferien schickten. Alles in allem, man wird Sie hier blendend versorgen, und Sie könnten nur einen einzigen Fehler machen: hier versuchen auszubrechen.“

Der Baron setzte sich. „Sie glauben doch nicht im Ernst, Romanow, dass ich mitspiele. Wozu soll das alles gut sein?“

Romanow, der aussah wie ein russischer Bauer und auch einen slawischen Akzent hatte, hob beschwörend die Hände. „Aber, Baron! Was heißt das schon? Wir haben noch nie über Dinge gesprochen, die wir machen wollen. Wir sind keine Schwätzer!“

„Woher wussten Sie überhaupt, dass ich herkomme?“, erkundigte sich der Baron.

Romanow zog eine Zigarre aus der Weste, biss das Ende ab und zündete sich die Brasil umständlich an. Als sie brannte, sagte er: „Im Gegensatz zu mir ist der General ein Schwätzer, Baron, und so hat er uns auf die famose Idee gebracht. Übrigens sollten Sie sich nicht für einen Übermenschen halten. Wir sorgen natürlich dafür, dass Sie unser Gast bleiben. Drei Tage, Baron. Nur drei Tage.“

Er erhob sich, lächelte dem Baron zu, und als der sich auch erhob, deutete Romanow zum Fenster. „Vergessen Sie den dort nicht!“

Der Baron warf nur einen kurzen Blick hin. Dort stand ein Mann, und trotz des Dämmerlichtes entdeckte der Baron die Umrisse einer Maschinenpistole in den Händen dieses Fremden.

„Sie haben partout nichts vergessen, wie?“, spottete der Baron.

„Nein, das ist übrigens Charly. Und noch etwas, Baron: Sie sollen sich bei uns wohlfühlen. Deshalb lassen wir Ihnen Bessy da. Vergessen Sie nur nicht, dass sie Charlys Braut ist. Charly reagiert da immer sehr eigenwillig. Adios, Baron!“

Damit watschelte der Dicke zur Tür. Sie flog vor ihm auf, und sofort richtete sich der Lauf eines schallgedämpften Revolvers auf den Baron. Dahinter streckte sich ein Arm in den Raum, und der Baron sah überdies ein schnauzbärtiges, olivfarbenes Gesicht mit dunklen buschigen Brauen und zwei fast schwarzen Augen.

Romanow blieb neben seinem Beschützer stehen, deutete auf ihn und sah den Baron an. „Und das, Baron, ist Oliver. Er wird Charly unterstützen. Also denn, Baron, die Arbeit zwingt mich zum Aufbruch. Und folgen Sie den beiden! Dann wird es Ihnen an nichts fehlen!“

Das olivfarbene Gesicht in der Tür entspannte sich zu einem diabolischen Lächeln. Romanow verschwand, und jener Oliver stellte sich in seiner ganzen Breite in die Tür. Groß war dieser Bursche nicht, dafür breit. Irgendwie hatte er gewisse Ähnlichkeit mit einem Gorilla, und als solcher fungierte er offenbar auch.

Der Baron sah sich um. Charly stand immer noch am Fenster.

„Ihrem Freund wird es draußen kühl. Holen Sie ihn ruhig herein“, sagte er zu Oliver.

Oliver war vielleicht fünfunddreißig, stammte ganz sicherlich nicht aus England, eher schon aus Südamerika. Als er den Baron nun angrinste, zeigte er seine quittegelben Zähne, die auch noch außerordentlich groß geraten waren, als bestünde tatsächlich eine gewisse Verwandtschaft zu den Menschenaffen.

Aber bevor der Baron eine Antwort von Oliver bekam, tauchte Bessy wieder auf. Sie stolzierte an Oliver vorbei, der ihr grinsend Platz machte. Diesmal war sie angezogen, aber der Hosenanzug, den sie trug, lag wie eine zweite Haut auf ihrem herrlichen Körper, so dass im Grunde wiederum nichts verborgen war.

Schade, dachte der Baron, dass in soviel Schönheit das Hirn einer Grasmücke sitzt.

„Hallo! Ich bin wiedergekommen.“

„Man sieht es“, erwiderte der Baron geringschätzig.

Sie pflanzte sich in einen Sessel und streckte sich wohlig aus. „Sind Sie mir böse?“, frage sie scheinheilig.

Der Baron gab ihr keine Antwort, sondern ging auf Oliver zu, der sofort seinen Schalldämpfer-Revolver hob und auf ihn zielte. „Stopp! Kommen Sie mir nur nicht zu nahe!“, sagte er in hartem Englisch.

„Woher stammen Sie denn? Bolivien?“, fragte der Baron.

„Das geht Sie nichts an! Setzen Sie sich hin!“

Der Baron tat nichts dergleichen. Er hatte zum Fenster gesehen und festgestellt, dass Charly nicht mehr dort stand.

„Hören Sie, wir haben Ihren Sekretär. Wenn Sie hier Zicken machen, bringen wir den mit dem Kopf nach unten in die Themse.“

Der Baron lächelte, als interessierte ihn das nicht. „Na und?“

Etwas verwirrt erwiderte Oliver: „Wollen Sie den einfach abschreiben?.“

„Ich bin nicht übermäßig sentimental, Sportsfreund“, bluffte der Baron.

„Sagen Sie das auch von Dupont?“ Oliver lehnte sich an den Türrahmen und sah sein Gegenüber gespannt an. „Er wird Le Beau genannt. Ist doch Ihr Freund? Sollen wir den vielleicht in die Themse schmeißen?“

„Die Nürnberger hängen keinen, den sie nicht haben, sagt man bei uns“, erklärte der Baron so gleichgültig, als spräche er über absolut belanglose Dinge.

„Wir haben ihn. Ich selbst habe ihn gebracht. Da!“ Oliver zog mit der Linken etwas aus der Tasche seiner Lederjacke. Es war die Brieftasche von Le Beau. „Reicht das? Ich kann Ihnen aber auch Le Beau selbst vorführen. Später. Jetzt haben wir noch andere Sorgen. Gleich kommen Sie auch damit dran. Wir brauchen nämlich Ihre Fingerabdrücke. Und ausziehen müssen Sie sich auch.“

„Huch! Wie schön!“, rief Bessy von ihrem Sessel her. „Ganz nackt?“

„Hör auf, du verrücktes Aas!“, fauchte Oliver. „Wenn das Charly hört, klebt er dir eine!“

„Man wird doch wohl noch einen Scherz machen dürfen“, maulte Bessy und kroch fast in die Polster. Jedenfalls sank sie in sich zusammen wie ein schmollendes Kind.

„Was habt ihr vor?“

Oliver trat ein, stieß die Tür hinter sich mit dem Fuß zu und lehnte sich gegen die Füllung. „Wissen Sie, Baron, wer Romanow ist?“

„Vorher nie von ihm gehört.“

„Aber von der Pantherbande haben Sie gehört. Oder?“

„Aha. Und das seid ihr?"

Oliver nickte grinsend und schob sich ein Stück Kautabak in den Mund, auf dem er lutschte wie auf einem Bonbon.

Also daher kommen die gelben Zähne, dachte der Baron.

„Wir sind es. Lauter große Fische, die wir an Land ziehen. Die Bodenbank in New York, Wells Fargo-Bank in Los Angeles, Staatsbank in Wien, die Brillanten von Sophia Loren, die Postgelder in Lyon, das ist unsere Marke. Da staunen Sie, was?“

„Und nun London. Was ist es diesmal? Der britische Kronschatz?“

„Das möchten Sie wissen, was? Aber Sie müssten es wissen, mein Lieber!“

Er tut sich wichtig, dachte der Baron. Er packt noch mehr aus, wenn ich ihn nur richtig behandle. Aber er wird Bessy scheuen, die dann womöglich darüber spricht.

„Können Sie Bessy nicht wieder zu ihrem Freund schicken? Ich glaube, hier ist sie absolut überflüssig.“

Oliver lachte und verlor fast seinen Priem dabei. „Ich dachte, Sie sind wild auf Weiber? Hat man gesagt."

„Romanow?“

„Stimmt. Und er hat’s vom Boss. Aber den kenne ich wieder nicht. Also gut, komm, Bessy, geh raus!“

Sie tauchte wieder hinter der Lehne auf. „Aber Gregor hat gesagt...“

„Raus! Er mag dich nicht!“

Bessy wuchs in die Höhe wie ein Periskop. „Sie mögen mich nicht?“, fragte sie und sah den Baron entrüstet an. „Ich bin doch nicht hässlich!“

„Ich mag Sie schon“, erwiderte der Baron, der nicht unnützerweise die Frau gegen sich aufbringen wollte. Sie schien ein rechtes eitles Dummchen zu sein, aber wenn es um ihre weiblichen Reize ging, kannte sie offenbar keinen Spaß. Schließlich war es alles, was sie an Kapital vorzuweisen hatte. „Ja, ich mag Sie, aber was wollen wir beide denn schon anfangen, jetzt und in dieser Lage?“

Sie kam um den Sessel herum, blieb vor ihm stehen und sah zu ihm auf. Alles an ihr wirkte weich und reizte zum Anfassen. „Ich mag dich auch, Sweety! Und wie ich dich mag. Du gefällst mir, Honey! Also gut, ich gehe. Aber ich komme wieder!“

Oliver machte ein saures Gesicht. „Wenn ich das Charly sage, legt er dich übers Knie!“, drohte er.

Sie stolzierte hoch erhobenen Hauptes an ihm vorbei, öffnete die Tür und sagte schnippisch: „Glaubst du, Charly ist der Größte? Gegen den Baron ist er ein mieser Knacker!“ Und raus war sie. Die Tür knallte hinter ihr zu.

Oliver sah wütend auf die Klinke und knurrte: „Weiber!“

Der Baron ging zum Fenster und sah in den nebelverhangenen Park. Aber es war die Rückseite des Hauses, und er erspähte keine Menschenseele.

„Glauben Sie, Oliver, dass Sie mich hier anbinden können?“

Oliver kam ein paar Schritte näher und setzte sich auf die Kante des Marmortisches.

„Sie werden klug sein, Baron. Man hat uns sehr viel von Ihnen erzählt, und immer waren Sie klug. Vielleicht leben Sie deshalb noch. Ich will Ihnen etwas sagen, was nicht einmal Romanow gesagt hätte: Sie kennen doch die Sammelaktion für das Kinderkrankenhaus in Madrid.“

„Natürlich, dafür habe ich selbst etwas tun können.“

„Ich weiß, Baron. Sie haben sogar ’ne Menge getan, als Sie die Wette mit Sir Allan gemacht haben, und dann mit einem Flugzeug von 1932 allein über den Atlantik geflogen sind. Für hunderttausend Mille, die in den Pott der Sammlung kommen sollten. Sir Allan und seine Zeitung haben die hunderttausend Dollar bezahlt. Dafür möchten wir Ihnen auch danken, Baron. Wir sind nämlich dabei, das Geld abzuholen. Ihre Wette und alles übrige. Insgesamt, sagt Romanow, ist es etwas über eine Million, alles Geld, das liebe englische Menschen für die armen spanischen Kinder gespendet haben.“

„Aha, jetzt komme ich darauf. Dieses Geld wird morgen der Bank zum Auswechseln in Gold übergeben.“

„Sie sind schlecht informiert, Baron. Ihr Sekretär fehlt Ihnen. Also das ist heute schon passiert. Aber die Spanier, die Regierung wollen das Geld in Gold haben. Die brauchen Devisen, verstehen Sie! Und dieses Gold wird heute schön in Stahlkisten verpackt von einer Abordnung der Sammelaktion im Hafen auf ein spanisches Schiff gebracht. Es wird nicht dort ankommen, Baron. Aber man hat natürlich Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Wir allerdings auch. Sehen Sie, Baron, und dazu brauchten wir Sie, Le Beau, Ihren Chauffeur und Ihren Sekretär. Die Leute, die den Überfall durchführen, Baron, werden so aussehen wie Sie, wie Le Beau, wie Ihr Sekretär und wie Ihr Chauffeur. Und Bessy wird auch dabei sein. Sie wird leider ihre Handtasche verlieren, in der sich ein Foto befindet. Das Foto, das wir eben von ihr und Ihnen gemacht haben. Dann kann die Polizei in aller Ruhe herausfinden, dass Sie es wirklich gewesen sind. Denn die Spur der flüchtigen Räuber führt hierher, Baron. Indessen sind wir mit der Beute schon weit.“

Der Baron lächelte. „Gut ausgedacht. Nur schade, dass nichts daraus wird!“

„Wieso?“

„Deshalb!“

Der Baron zuckte herum, warf eine Vase, die er von der Konsole des Kamins riss, auf Oliver zu, sprang nach und schlug dem Gorilla den Schalldämpfer-Revolver aus der Hand.

Oliver griff sofort an, aber der Baron begegnete ihm mit einem Karateschlag, den Oliver beim besten Willen nicht verdauen konnte. Er segelte über die Marmorplatte und plumpste mit dumpfem Schlag auf der anderen Seite auf den Teppich.

Der Baron sprang zum Fenster, stieß es auf, aber da tauchte dort wie ein Schatten Charly auf. Der Baron stieß sich ab, flog Charly entgegen, der seine Maschinenpistole hochriss, aber dann doch nicht mehr zum Schuss kam. Der Baron schlug, sie ihm aus der Hand, riss Charly mit sich auf den laubbedeckten Boden und wollte ihn gerade mit einem harten Karateschlag außer Gefecht setzen, da traf etwas seinen Hinterkopf mit solcher Härte, dass er meinte, in ein unendlich tiefes Loch zu versinken. Alles drehte sich, er sah rote Punkte vor Augen und versank in tiefe Bewusstlosigkeit. Er konnte nicht mehr hören, wie eine Stimme sagte:

„Ihr beiden Idioten! Schafft ihn wenigstens jetzt schnell weg! Und diesmal legt ihr ihm Handschellen an Hände und Füße!“

*

Als er erwachte, saß Bessy neben ihm. Er sah zuerst ihre Augen, die ihn so blau und so traurig anblickten. Dann entdeckte er über sich eine ziemlich tiefe Wand. Es roch nach Moder. Eine funzelige Lampe verbreitete nur spärliches Licht. Ihr Schein fiel genau in Bessys Gesicht, das bleich und bekümmert wirkte.

Er versuchte die Hände zu bewegen, aber das ging nicht. Ich bin gefesselt, dachte er.

„Sie haben nur eine Beule“, sagte Bessy. „Und eine kleine Platzwunde, aber die habe ich verpflastert.“

Verblüffenderweise verspürte der Baron keinen Schmerz im Kopf, noch nicht. Er entsann sich aber dessen, was geschehen war.

„Wo bin ich?“, fragte er, und seine Stimme klang dabei so merkwürdig, dass sie ihm selbst fremd vorkam.

„Im Keller. Sie wollten nicht, dass ich mich um Sie kümmere, aber dann hat Romanow es doch gestattet.“

„Wer hat mich niedergeschlagen?“

„Mike Down, einer von Romanows Männern. Er ist vom Dachfenster heruntergesprungen. Sie hatten wirklich Pech, dass er gerade oben war, als Sie weg wollten. Und Oliver war böse. So böse, dass Charly ihn zurückhalten musste, sonst hätte er Sie am liebsten umgebracht.“

„Und jetzt?“

„Sie sind alle weg, bis auf Oliver und Mike. Auch Charly musste mit. Romanow hat getobt, weil Sie bis in den Park gekommen sind und Charly die Maschinenpistole aus den Händen schlagen konnten. Man hat vorhin Fingerabdrücke von Ihnen genommen. Deshalb sind Ihre Hände so schwarz.“

„Was versprechen Sie sich davon, dass Sie hier bei mir sitzen?“, fragte er und sah sie prüfend an. So dämlich, wie er gedacht hatte, war sie womöglich gar nicht. Und hübsch sah sie auf alle Fälle aus, sogar im Dämmerlicht. Na ja, und sexy war sie auch, von Kopf bis Fuß. Eigentlich schrie alles an ihr nach Bett. Schamgefühl war ungefähr das letzte, was sie an der Erotik hindern konnte. Trotzdem war sie ihm rätselhaft. Was ging in diesem Mädchen vor? War sie ein Werkzeug, ein Robotertyp, dem man eine bestimmte Aufgabe eingeimpft hatte, oder besaß sie einen eigenen Willen?

Sie lächelte. „Ich mag Sie, Baron. Ich habe Sie eigentlich von dem Moment an gemocht, wo Sie aufgetaucht sind. Es ist mir nicht schwergefallen, das zu tun, was mir Romanow gesagt hatte.“

„Sie genieren sich offenbar nicht, unter Zeugen nackt vor einem Mann zu stehen.“

„Warum denn? Wenn er nett ist, dann schon gar nicht. Sie sind doch nett. Und genieren... was heißt das? Das ist etwas für Spießer.“

„Seit wann kennen Sie diese Leute, Bessy?“

„Seit ein paar Wochen. In Paris habe ich sie kennengelernt. Es ging mir dreckig. Ein Manager hatte mir versprochen, mich beim französischen Film zu lancieren, aber... na ja, Sie wissen ja, wie das so ist. Ich bin dann beim Tingeltangel gelandet.“

„Striptease?“

„Nein, das hätte ich schon gerne gemacht. Sie bezahlen es gut, aber nicht einmal dazu hat es gelangt. Ich war Animiermädchen in einer Nachtbar. Es war widerlich. Immer mit Gästen abknutschen, wildfremde Leute. Natürlich wollten die alle mit mir schlafen, aber das gab es nicht. Da hat die Chefin aufgepasst. Wenig Geld, jeden Abend viel Alkohol, zu viele Zigaretten. Ich vertrage das nicht. Und da lernte ich Charly kennen. Er hat mich dort ’rausgeholt.“

„Aus Dankbarkeit tun Sie nun alles, was diese Leute von Ihnen wollen.“

„Nicht alles. Charly hat mir gefallen. Sie sind aber besser, Sir.“

„Haben Sie nichts, um die Handschellen abzunehmen?“, fragte er.

„Es geht mit einem Schlüssel auf, aber den hat Romanow. Auch Ihre Füße sind gefesselt.“

„Oliver sagte, dass auch mein Freund Dupont, mein Chauffeur James und mein Sekretär Robert in der Gewalt dieser...“

„Ja, die sind auch hier gewesen, aber Romanow hat sie alle drei wegschaffen lassen. Der eine, den haben sie Le Beau genannt. Der hat vielleicht gekämpft. O je, das ist eine richtige Schlacht gewesen. Doch sie haben ihn überwältigt. Er hätte mir auch gut gefallen, dieser Le Beau.“

„Das ist Dupont.“

„Er hat mich an Jean Belmondo erinnert. Er ist nett.“ Sie blickte verträumt zur Decke.

Offenbar teilt sie die Männer in nette und weniger nette ein, dachte der Baron. Welch ein Glück, dass ich ihr gefalle. Vielleicht kann sie mir helfen. Sie weiss anscheinend auch eine Menge, und ich begreife nur nicht, dass Romanow sie einfach bei mir zurücklässt. Ist sie unsicher, kann er das doch nicht riskieren. Also muss er sicher sein, dass sie genau das tut, was er voraussehen kann.

Sie sah ihn wieder an, lächelte und sagte schlicht: „Jetzt fragen Sie sich, was Sie von mir halten sollen, nicht wahr?“ Sie flüsterte plötzlich: „Wenn Sie mir etwas versprechen, helfe ich Ihnen wirklich.“

„Was soll ich Ihnen versprechen? Die Ehe?“, fragte der Baron ironisch.

Sie lachte leise. „Sie Spaßvogel! Ich bin gar nicht scharf auf eine Hochzeit. Das geht doch sowieso immer schief. Nein, ich möchte etwas anderes. Sie können mir helfen. Sie haben so viele Freunde, auch welche, die beim Fernsehen und beim Film sind. Ich habe eine gute Stimme. In Boumemouth habe ich Sprachkurse gemacht. Ich war bei Madame Regnier in der Schauspielschule, aber dann hatte ich kein Geld mehr und musste aufgeben.“

„Weiß Romanow von diesen Ambitionen? Haben Sie keine Angst, dass er Ihnen heimleuchtet, wenn Sie hier abspringen?“, fragte der Baron, der nicht glauben wollte, dass Bessy dies alles auf eigene Rechnung sagte. Wer weiß, dachte er, wer ihr das eingetrichtert hat. Vielleicht ist das alles ein Stück von Romanows Plan.“

„Ach, Gregor, was kümmert den das schon“, murmelte sie und versank in Schweigen.

Seine Gedanken schweiften ab. Er entsann sich jener Sammelaktion, von der Oliver gesprochen hatte. Tausende hatten gespendet, auch und vor allem viele Menschen mit mittlerem oder kleinem Einkommen. Penny war zu Penny gekommen, Shilling zu Shilling, und schließlich machte der Betrag über zweihunderttausend englische Pfund aus, doch für die Klinik reichte das immer noch nicht. Da ging der Baron jene Wette ein, mit einem altersschwachen Doppeldecker den Atlantik im Nonstop Flug zu überqueren. Preis: hunderttausend Dollar. Zwei große Zeitungen, eine amerikanische und eine britische, setzten den Preis aus. Der Baron flog und schaffte den Sieg zum Wohl kranker spanischer Kinder, für die jene Spende gedacht war. Ein Ärzteteam und zwei berühmte Architekten wollten davon eine hochmoderne Klinik in Madrid bauen. Die spanische Regierung feierte dieses Vorhaben, wollte aber keinen Scheck, sondern pures Gold. Und genau das war auch das Ziel von Romanows Plan. Das Gold.

„Bessy. wissen Sie, dass Sie dabei sind, sich an einem Verbrechen mitschuldig zu machen?“, fragte er.

Bessy nestelte an ihrer enganliegenden Bluse herum. „Ja ich weiß, aber ich glaube nicht, dass ich mitmache. Ich bin bereits ausgestiegen, jedenfalls im Geiste. Und praktisch steige ich auch noch aus. Es hängt ziemlich viel von Ihnen ab. wie ich das schaffen kann.“

„Glauben Sie, dass Romanow das nicht vielleicht eingeplant hat? Oder denken Sie. dass er gar keine Vorsicht walten ließ?“

„Er denkt, dass ich auf die zwanzigtausend Dollar und die Flugkarte nach Hollywood scharf bin, die er mir versprochen hat. Ich war es wirklich. Ich war es bis vor einer Stunde, Baron. Und er weiß nicht, dass ich es nicht mehr bin.“

Der Baron traute ihr nicht, trotz allem. was sie behauptete. Aber wenn sie ihm jetzt helfen konnte, die Handschellen loszuwerden, war das zumindest ein Fortschritt.

„Besorgen Sie doch eine Stahlsäge oder dergleichen. Eine Feile würde es auch tun. Dann würde ich Ihnen glauben können, Bessy.“

„Sie können mir glauben, Baron!“, versicherte sie und stand auf. „Ich will sehen, dass ich etwas finde. Allerdings wird Oliver aufpassen - und wenn ich erst einmal hier herauskomme, lassen die mich nicht wieder herein. Die denken doch, dass ich nur Ihre Wunde am Kopf versorge. Deshalb bin ich hier.“

„Sagen Sie, Sie müssten noch etwas holen, Jod oder so etwas.“

„Ich will es versuchen.“ Sie nickte ihm aufmunternd zu und ging wegen der niedrigen Deckenhöhe gebückt zu einer Stahltür. Dort hing auch die Lampe. „Ich muss sie mitnehmen. Im Keller brennt kein Licht.“ Dann öffnete sie die Tür und ging gebückt nach draußen. Der Baron hörte ihre Schritte tappen, dann auf eine klirrende Leiter treten. Wieder quietschte eine Tür, und dann rief Bessy: „Oliver, mach auf! Ich muss etwas holen.“

*

„Nun halte das Foto doch mal höher, ich sehe ja nichts!“, rief der langhaarige, rotblonde Maskenbildner und beugte sich weit über die Schulter des Mannes im Sessel, dessen Gesicht er bearbeitete.

Neben dem Spiegel stand Charly White mit einem lebensgroßen Porträt des Barons in den Händen, das er so hielt, damit der Maskenbildner es immer vor Augen hatte.

Der Mann, an dem der rothaarige Maskenbildner arbeitete, war etwa fünfundzwanzig, aber je länger an ihm getuscht, gepinselt und geklebt wurde, desto mehr veränderte er sich in einen Menschen, der frappierende Ähnlichkeit mit seinem Vorbild auf dem Foto annahm.

Der Maskenbildner sah nicht nur aus wie ein Künstler, er war einer. Zwei Beweise dafür saßen in den Sesseln im Hintergrund des mit grellen Neonlampen erhellten, fensterlosen Raumes.

Der eine Beweis war mittelgroß, drahtig, muskulös, und im Gesicht wie von vielen Faustkämpfen gezeichnet. Das Gesicht Michel Duponts, genannt Le Beau. Aber das war nicht Le Beau, sondern ein in vielen europäischen Ländern bei Polizeiexperten bestens eingeführter Krimineller namens Jean Petit, und wie Le Beau war er Franzose und sprach mit entsprechendem Akzent.

Der zweite Beweis von der Kunst des Maskenbildners McDougall war ein großer und breitschultriger Mensch, der neben dem vermeintlichen Le Beau saß. Und auch er täuschte eine Person vor, die er nicht war, nämlich den Chauffeur James, der seit Jahren für den Baron fuhr und auch sonst eine Menge Dinge tat. Dieser hier war ein Double, wie es perfekter nicht kopiert sein konnte. Hinter der kunstvollen Maske steckte der Amerikaner Hank Forester, der seine Laufbahn vor zwanzig Jahren als Rausschmeißer in einem Nachtlokal in New York begann und allmählich Spezialist für brutale Gewaltanwendung wurde. Mittlerweile suchte ihn außer dem FBI, das ihm drei Morde nachgewiesen hatte, auch die französische Polizei, nachdem Forester in Lyon einen Polizisten totgeschlagen haben sollte.

McDougall konnte etwas, aber deshalb hatte er dennoch weder beim Film noch beim Fernsehen eine Chance, weil er im Zuchthaus von Dartmoor gesessen hatte. Ein Makel, den man ihm nie verzieh. Und außerdem war McDougall süchtig. Damit hatte alles angefangen.

Gregor Romanow marschierte hinter McDougall auf und ab. Seine Zigarre, die er wie einen Schnuller zwischen den Lippen klemmen hatte, dampfte wie der Schornstein einer Rangierlok. Jetzt blieb er stehen, nahm die Zigarre heraus und sagte schroff: „Wie lange willst du denn noch an ihm herumdoktern? Mensch, McDougall, wir wollen das Gesicht heute haben und nicht zu Weihnachten! Den Sekretär musst du auch noch machen.“

McDougall drehte sich empört um und sah Romanow wild an. „Entweder mache ich es richtig oder gar nicht!“, fauchte er gereizt.

„Du willst doch Stoff von uns, nicht wahr? Also streng dich etwas an! Du bekommst nichts, wenn du weiter so herumtrödelst. Wir müssen in einer Stunde unterwegs sein. Ich hoffe, das ist bei dir angekommen.“

Romanow zog seine Taschenuhr aus der Weste, ließ den Deckel aufschnappen und blickte zornig aufs Zifferblatt. „Bessy ist auch noch nicht hier! Charly, allmählich wird mir das mit deiner Kleinen zu dumm!“

„Soll ich im Landhaus anrufen?“, fragte Charly. Er blickte gleichgültig über das Foto, das er hielt, hinweg. Seine grauen Augen wirkten kalt und skrupellos. Ansonsten sah Charly gut aus. Blond, männlich, kräftig. Aber in den Augen und um seinen Mund stand geschrieben, was in ihm steckte. Zehn Jahre Fremdenlegion, davon fünf in Indochina, sieben weitere Jahre bei Romanow hatten ihn zu dem gemacht, was er jetzt war: zu einem eiskalten, knochenharten Burschen, der sich nur für zwei Dinge erwärmen konnte: für Frauen und Geld.

„Anrufen, anrufen!“, äffte ihm Romanow nach. „Das lassen wir schön bleiben! Es wird nicht telefoniert, wo jederzeit irgendwer mithören kann, und wenn es rein zufällig ist. Hoffentlich hast du diesmal nicht wieder Mist gebaut und die drei Experten gut an die Leine gelegt.“

„Die kommen nicht los. Dieser Le Beau spielte ja ganz schön verrückt, aber genutzt hat ihm das nicht viel.“

„Sieh noch mal nach den Brüdern, ich halte solange das Bild!“, befahl Romanow.

Charly White steckte sich ein Streichholz in den Mund und ließ es von einem Winkel zum anderen wandern, dann ging er lässig davon.

Er hatte nicht weit zu gehen. Das Haus lag direkt neben einer U-Bahn-Station, und das Rattern der Züge ließ jedes Mal die Mauern erzittern. Charly trabte über die eiserne Treppe nach unten. Seine Tritte hallten in dem verkommenen Gewölbe wider. Durch einen Lichtschacht fiel nur wenig Helligkeit auf die Stufen. Weiter unten brannte eine schmutzige Lampe. Sie erleuchtete eine Tür mit zerschlissenen Plakaten darauf.

Charly öffnete die Tür, gelangte in einen Kellergang, schloss die Tür wieder und erreichte in dem spärlich erhellten Gang eine weitere Stahltür, die braun von Rost war. Er musste sie aufschließen, kam in einen Raum, in dem ein Exhaustermotor für die U-Bahn-Belüftung stand, der einen infernalischen Lärm machte.

Charly ging um den Motor herum, knipste das Licht über einer weiteren Tür an, die er ebenfalls aufschloss. Dann nahm er eine Stablampe von einem Nagel und schaltete sie an. Als die Tür aufschwang, leuchtete Charly in einen dunklen Raum, in dem an zwei Stützpfosten drei Männer mit Handschellen angekettet waren. Der Hüne James, des Barons Chauffeur, der drahtige, muskulöse Le Beau mit dem zerschlagenen Gesicht, und an der zweiten Säule der glatzköpfige, etwas korpulente Robert, der Sekretär des Barons. Sie alle blickten geblendet in den grellen Schein der Lampe. Bei Le Beau sah man noch deutliche Spuren des Kampfes, den er seinen Bezwingern geliefert hatte. Auch James trug noch Zeichen davon. Robert, der nie ein Kämpfer war und auch nie sein wollte, wirkte wie ein misshandeltes Tier.

„Na, da seid ihr ja noch schön beisammen. Noch zwei Stunden, dann dürft ihr hier heraus.“ Charly lachte.

Heiser und krächzend rief ihm Le Beau zu: „Dann bete mal zu deinen Heiligen, mein Junge. Wenn wir frei sind, dann hast du keine ruhige Minute mehr. Dich nehme ich ganz persönlich auseinander!“

„Nimm nur das Maul nicht so voll, mein Freund! Mit dir sind wir einmal fertig geworden und werden es wieder. Und mit dir auch, Elefantenbaby!“ Dabei sah er auf James.

James war nicht nur groß und breit, er hatte auch Bärenkräfte, aber bevor sie ihn übermannten, bekam er einen Bausch Watte mit Chloroform ins Gesicht, und dagegen war kein Kraut gewachsen.

„Lach du ruhig, Söhnchen“, sagte James mit abgrundtiefer Bassstimme. „Lach nur, wenn dir das Spaß macht. Wir lachen auch mal wieder. Und dann, Söhnchen, wirst du nicht mehr lachen.“

„Versprechungen, alles Versprechungen! Ihr seht ja, wo ihr geblieben seid! Und wenn wir euch freilassen, dann habt ihr verdammt andere Sorgen! Haha!“

Und mit diesen Worten ging er wieder und schloss eine Tür nach der anderen hinter sich ab. Der rumorende Exhaustermotor übertönte alle übrigen Laute.

*

Der Baron wartete vergeblich auf Bessy; sie kam nicht wieder. Statt dessen brachte ihm nach einer halben Stunde der alte Mann mit dem Backenbart etwas zu trinken. Da der Baron keine Hand frei hatte, musste ihm der alte Diener die Tasse wie einem kleinen Kind an den Mund halten.

Auch Oliver war mitgekommen und lehnte unter der funzeligen Lampe neben der Tür. Amüsiert sah er zu, seinen schallgedämpften Revolver lässig in der Rechten haltend.

„Was habt ihr mit Winters gemacht?“, fragte der Baron, als er getrunken hatte.

Der alte Diener sah entsetzt auf Oliver, der jetzt herablassend grinste. „Sie haben ihn auf dem Speicher oben. Er ist von ihnen zusammengeschlagen worden! Diese Lumpenkerle!“

„Ruhig, Alter, nicht so wild!“, mahnte Oliver. „Übrigens, Baron, Winters hat uns die Schulden bezahlt, die er bei Ihnen hat. Er wollte das ja heute mit Ihnen regeln, aber wir waren so frei, den Scheck einzulösen. Er hatte ihn sogar schon für Sie geschrieben. Verlangen Sie also später nichts von ihm, was er schon einmal gegeben hat. Und Ihnen danken wir natürlich für diese milde Gabe.“ Oliver lächelte amüsiert und fuhr fort: „Bessy ist nicht mehr im Haus. Sie hat jetzt zu tun. Übrigens, unser Plan hat sich ein wenig geändert. Sie sind schon in zwei oder drei Stunden frei. Machen Sie es sich bis dahin bequem.“

„Oliver, was ist mit meinen Leuten?“, fragte der Baron scharf.

Oliver lachte. „Keine Sorge, Baron, denen geht es so gut wie Ihnen. Und damit Sie sich nicht ängstigen: Wir sind Männer, die einen Mord vermeiden, wenn es geht. Es liegt viel an Ihnen, ob wir das immer berücksichtigen können. Kommen Sie nur nicht auf die verrückte Idee, irgendwann einmal nach uns suchen zu wollen. Wir lassen jemanden zurück, den Sie nicht kennen, der Ihnen aber das Licht ausbläst, wenn Sie der Hafer juckt. Und jetzt raus, Alter! Die zwei, drei Stunden wird er auch ohne uns gut überstehen. Übrigens, Baron, dem alten John gebe ich dann die Schlüssel für die Handschellen. Er macht Sie los.“

Der Alte schlurfte hinaus, und Oliver folgte ihm, verriegelte dann von außen die Tür, und der Baron war wieder allein.

Hier half kein Trick, es gab auch keine Chance, die Ketten abzustreifen. Die Geschichte sah böse aus, und der Baron war sich völlig darüber im klaren. Ihm wurde auch bewusst, wie es sich weiter abspielen sollte. Diese Pantherbande hatte einen schlimmen Ruf, und was die Polizei verschiedener Länder am meisten bekümmerte, diese Verbrecher wandten nie die gleiche Methodik an. Aber eine Eigenart hatten sie doch: Ein paar Monate nach ihrer Tat sandten sie irgendeiner Zeitung jenes Landes die Mitteilung, dass sie, die Pantherbande, die Verantwortung für das bestimmte Verbrechen übernähmen. Bis zur Stunde war es noch keiner Polizei, ob in Frankreich, USA oder sonstwo, gelungen, nur ein Mitglied der Bande zu fassen. Und womöglich würde es auch diesmal wieder so sein, sagte sich der Baron.

Er sah sich im Geiste schon verhaftet. Natürlich würde ihm die Polizei nicht glauben, dass er von Verbrechern gedoubelt worden war. Oder doch? Der Alte wusste doch eine Menge. Der alte John würde der Polizei doch sagen, was gewesen war. Und Winters, der wusste doch auch ...

Halt, überlegte der Baron, hier steckte ein Haken. Romanow konnte sich das ebenso ausrechnen. Wieso also konnte er sicher sein, dass weder der alte John noch sein Herr, der General, reden würden? Wieso konnte er es sich leisten, Bessy plaudern zu lassen? Was gab Romanow soviel Sicherheit?

Vielleicht war das mit dem Überfall auf das Gold nur ein Bluff? Womöglich wollten die Verbrecher etwas völlig anderes durchführen. Auch diese Terminverschiebung hätte in dieses Bild gepasst.

Er sinnierte, fand aber doch keinen Ausweg, und vor allem konnte er sich nicht aus seiner gegenwärtigen Lage befreien. Im Film, dachte er, haben sie dann immer irgendwie noch eine Chance, können sich befreien, werden gerettet... aber die Wirklichkeit sieht eben anders aus, überlegte er bitter.

Die Minuten tröpfelten wie Honig.

*

Das Bild war täuschend echt. Der Bentley des Barons rollte mit rauschenden Reifen leise durch die Straße, am Steuer James, wie es schien. Hinten im Wagen saß Robert, wie immer, auf dem Klappsitz, den Rücken zum Fahrer gewandt. Im Fond der Baron, neben ihm Michel Dupont, genannt Le Beau. Dem Bentley folgte ein Sportwagen, der trotz des nebligen Tages kein Verdeck trug. In ihm saß Charly am Steuer, neben ihm Bessy mit wehendem Blondhaar. Jetzt hatte sie sich allerdings eine Pelzjacke angezogen und kuschelte sich tief in die Lederpolster.

Der rote MG schnurrte lautstark hinter dem Bentley her und bog hinter ihm in den Kreiselverkehr am Piccadilly ein. Ein dunkelblauer Polizeitransporter setzte sich jetzt zwischen Bentley und MG. Zwei mürrische Polizisten saßen vorn in diesem Bedford. Der eine Polizist hatte eine verteufelte Ähnlichkeit mit Oliver. Der Polizist im Inspektorrang neben ihm ähnelte wiederum Gregor Romanow. Alle drei Autos fuhren nun in Richtung auf den Hafen. Kurz vor der Hafenzone gesellte sich noch ein viertes Fahrzeug hinzu, ein unscheinbarer Mini Cooper, den eine Frau lenkte. An der Windschutzscheibe stand auf einem kleinen weißen Schild: Press Daily Mail.

Die junge Dame, die den Mini Cooper lenkte, war sehr schlank, trug eine Brille und hatte einen etwas zu strengen Gesichtsausdruck für eine junge Frau. Unbeirrt folgte sie jetzt dem Bentley, obgleich der Polizeiwagen hinter ihr mehrfach versucht hatte, sie zu überholen. Der Mini Cooper blieb dicht hinter der schweren Limousine.

Der Konvoi hatte jetzt den alten Hafenzoll erreicht und rollte durch die von Silos und Frachtschuppen umsäumte Straße zur Überseepier.

Indessen gelang es dem Polizeiwagen endlich, sich mit ziemlicher Rücksichtslosigkeit an dem Mini Cooper vorbeizuzwängen und hinter den Bentley zu setzen. Die junge Dame musste scharf bremsen, wobei ihr fast der MG ins Heck raste. Als nun auch der MG überholen wollte, war die junge Dame so erbost, dass sie wütend Gas gab und dicht hinter dem dunkelblauen Polizeikofferwagen blieb.

Der MG hupte, aber die junge Dame wich nicht.

Plötzlich sah sie im Rückspiegel, wie der Fahrer des MG etwas vor den Mund nahm, das wie ein Mikrofon aussah. Und keine zwei Sekunden später bremste der Polizeiwagen so heftig und unvermittelt ab, dass der kleine Mini Cooper mit einem Knall dagegen fuhr. Der Polizeiwagen gab wieder Gas, die junge Dame saß noch wie ein geprellter Frosch hinter dem Lenkrad ihres zum Stehen gekommenen Wagens, und der MG fegte jetzt rechts an ihr vorbei. Der Fahrer blickte zu ihr hinüber und grinste sie höhnisch an, während die Blondine neben ihm versuchte, ihr Gesicht zu verbergen.

Entrüstet stieg die junge Dame aus ihrem zerbeulten Wagen, sah sich um, doch keine Menschenseele schien in der Nähe zu sein. Und der Polizeiwagen als auch die beiden anderen Fahrzeuge wurden kleiner und kleiner.

Die Hafenstraße schien wie ausgestorben zu sein. Und der Mini Cooper hatte vom eine riesige Beule, kaputte Lampen und einen Motor, aus dem das Öl langsam, aber sicher auf das Kopfsteinpflaster tropfte.

Die junge Dame war den Tränen nahe, aber sie schluckte ihre Enttäuschung hinunter, stieg kurzentschlossen wieder in den Wagen, versuchte anzulassen, aber außer ein paar gequälten Anlassergeräuschen tat sich nichts. Wütend nahm die junge Frau ihre Handtasche, einen Fotoapparat, die dazugehörige Fototasche und verließ den Wagen und den Platz des kleinen Unfalls. Mit schnellen Schritten ihrer schlanken Beine folgte sie den längst entschwundenen drei Autos, die ihrer Meinung nach denselben Weg genommen hatten, den sie auch hatte fahren wollen.

Aber sie kam nicht weit. Plötzlich rollte von hinten ein Rover heran, dunkelblau, und mit einem Blaulicht auf dem Dach. Zwei freundlich winkende Polizisten sahen aus dem Fenster, der Wagen hielt neben der jungen Dame, und der Fahrer, ein nicht mehr sehr junger Beamter, fragte höflich: „Madam, ist das dort hinten Ihr Fahrzeug?“

„Ja, und man hat ihn mit Absicht beschädigt. Auch noch die Polizei!“

Der Beifahrer, ein etwas jüngerer Mann, stieg aus, kam mit den bewusst langsamen Schritten eines typischen Polizisten um den Wagen herum, baute sich wie das Denkmal Nelsons auf dem Trafalgar Square vor der jungen Dame auf und fragte mit Stentorstimme: „Dann zeigen Sie mir erst mal Ihre Papiere!“

„Die sind im Wagen.“

„Aha. Wie heißen Sie denn?“

„Ich bin Maud Lester vom Daily Mail.“

„Auch noch von der Presse. Na ja, die haben wir ganz besonders ins Herz geschlossen. Steigen Sie mal ein, wir fahren zu Ihrem Auto zurück ...“

In diesem Augenblick stand jedoch fest, dass sich Maud Lester, Journalistin beim Daily Mail, bereits in den Fall verbissen hatte. Auf der Suche nach einem Füller hatte sie rein zufällig das Auto des Barons gesehen und etwas gewittert, mit dem sie die zwei Spalten füllen konnte, die ihr noch fehlten. Jetzt aber ahnte sie schon, dass zwei Spalten gar nicht genügen würden.

*

Es lief ab wie ein Uhrwerk. Das Komitee der Sammelaktion ließ Anweisung geben, dass der Mann, der den Löwenanteil - wie man meinte - für die Aktion gesammelt hatte, mit seinen Begleitern und seiner Limousine durch die Absperrung fahren konnte, die Polizei und Beamte der Bank of England gebildet hatten. Auch das Polizeifahrzeug kam durch, und um die leichte Beule am Heck kümmerte sich keiner. Der MG fuhr nicht mit durch die Sperre auf der Pier. Er hielt direkt neben dem Schlagbaum, der den Liegeplatz des spanischen Motorschiffes „El Alcazar“ von der übrigen Freihafenpier trennte.

Direkt vor der Gangway waren zwei gepanzerte Bankfahrzeuge aufgefahren. Das Komitee der Sammelaktion hatte sich um den Kapitän des Frachters und einige Beamte der spanischen Regierung geschart. Presseleute standen in respektvollem Abstand, Kriminalbeamte hatten sich, wie sie meinten, unauffällig verteilt.

Die Bentley-Limousine des Barons rollte bis zum Komitee; der Polizeiwagen hielt daneben, und zwar so, dass er das Komitee regelrecht zwischen sich und dem Bentley hatte. In diesem Augenblick begann das, was die so zahlreich anwesende Polizei maßlos überraschte.

Ein Hubschrauber kreiste über der Pier, und die Aufschrift „Police“ an seiner Rumpfunterseite schien die Polizei sehr zu beruhigen. Doch plötzlich senkte sich der Hubschrauber, als wolle er landen. Und im gleichen Augenblick hatten Beamte der Bank of England die ersten der insgesamt sieben Kisten mit den Goldbarren aufgeladen. Sie hielten inne und schauten nach oben, wie es fast jedermann auf der Pier tat, weil alle fürchteten, der Hubschrauber könnte im Ladegeschirr des Frachters hängenbleiben. Ganz dicht kreiselte er mit seinem Rotor an den Trossen und Ladebäumen vorbei.

Wie auf ein Kommando flogen plötzlich Rauchbomben aus dem Bentley und dem Polizeiwagen heraus. Der Rotor des tief fliegenden Hubschraubers wirbelte den Rauch binnen weniger Sekunden dicht über den Boden und sorgte dafür, dass im Handumdrehen kein Mensch mehr die Hand vor Augen sah. Leute schrien, jemand drückte auf die Hupe seines Autos, eine Polizeipfeife gellte über die Szene, eine Frau kreischte - und über allem war der infernalische Lärm, den der Hubschrauber vollführte, ohne dass noch jemand imstande war, den Helikopter überhaupt zu sehen.