LIN CARTER

 

Thongor und die

schwarzen Götter

Dritter Roman der Thongor-Saga

 

 

 

 

Roman

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

THONGOR UND DIE SCHWARZEN GÖTTER 

Prolog: Die Legende von Thongor, dem Barbaren 

1. Der Dieb von Tsargol 

2. Die Prinzessin in Todesgefahr 

3. Der unterirdische Palast 

4. Der Berg des Unheils 

5. Am Rande des Abgrunds 

6. Schangoth, der Nomade 

7. Der Zauberstab 

8. Thongor zähmt einen Zamph 

9. Der Schrecken aus dem Dschungel 

10. Die Rose des Todes 

11. Die Stadt der tausend Zeitalter 

12. Die Schwarzen Drachen schlagen zu 

13. Die magische Festung 

14. Das Zeichen der Götter 

15. Eine letzte Beschwörung 

16. Der Sieg der Schwarzen Drachen 

 

Fortsetzung folgt 

 

Das Buch

 

Ein neuer Herrscher regiert über den Westen des alten Kontinents Lemuria: Thongor von Valkarth, der Barbar aus dem Norden, dessen Mut und dessen Schwert ihn zum Lord über die Drei Städte erhoben.

Doch dann wird Prinzessin Sumia, Thongors erwählte Frau, entführt. Und Thongor weiß, dass seine geschworenen Feinde, die Diener der Schwarzen Götter des Chaos, ebenso verschlagen wie skrupellos sind. Und er weiß, dass er die Schwarzen Götter selbst bekämpfen muss...

 

THONGOR UND DIE SCHWARZEN GÖTTER, der dritte Band der von Christian Dörge neu übersetzten Ausgabe der legendären THONGOR-Saga von Lin Carter, einem Klassiker der Fantasy-Literatur.

 

 

Der Autor

 

Lin Carter (* 9. Juni 1930, + 7. Februar 1988).  

 

Linwood Vrooman Carter war ein US-amerikanischer Science-Fiction- und Fantasy-Schriftsteller, Herausgeber, Dichter und Kritiker.

Carter wurde in St. Petersburg, Florida/USA geboren. Er diente während des Korea-Krieges (1951 – 53) in der US-Infantrie, anschließend besuchte er die Columbia University in New York City. Zweimal war er verheiratet: mit Judith Ellen Hershkovitz (1959 bis 1960) und mit Noel Vreeland (1963 bis 1975). Er lebte während seiner aktivsten Zeit als Schriftsteller in Hollis, New York.

Für gewöhnlich schrieb und veröffentlichte er unter dem Namen Lin Carter – bei verschiedenen Gelegenheiten benutzte er allerdings die Pseudonyme H.P. Lowcraft (für eine H.P. Lovecraft-Parodie) und Grail Undwin.

1965 gab er mit The Wizard of Lemuria (1980 als Thongor und der Zauberer von Lemuria in Deutschland erschienen) sein Roman-Debüt. 1969 wurde er schließlich Berufsautor. Er schrieb häufig mehrere Romane und Kurzgeschichten pro Jahr und war Herausgeber diverser Fantasy-Geschichtensammlungen wie z.B. Beyond The Gates Of Dream (1969) und Lost Worlds (1980). Er verhalf den Geschichten von Robert E. Howard zu einer Renaissance, indem er zusammen mit L. Sprague DeCamp und Björn Nyberg Howards Geschichten sammelte, ordnete und mit eigenen Geschichten und Romanen ergänzte.

Zu seinen populärsten Werken in Deutschland zählen neben seinen H.P. Lovecraft-Pastiches und Robert E. Howard-Adaptionen vor allem seine Thongor- und Callisto-Zyklen.

 

 

 

THONGOR UND DIE SCHWARZEN GÖTTER

 

  Prolog: Die Legende von Thongor, dem Barbaren

  

 

  »...Es war eine Zeit der Magie, als die Macht von Zauberern gegen die Fluten der Dunkelheit kämpfte, die bedrohlichen Schwingen gleich über den Ländern der Menschen schwebten. Und die Welt wird nie mehr ähnliche Zauberkünste sehen, wie sie einst herrschten, als das stolze Lemuria noch jung war und ehe die Mutter der Reiche ihre Banner über Aegyptus, das junge Atlan und die rosenroten Städte der Maya-Könige breitete.  

  In dieses gewalttätige Zeitalter der Zauberei und der Eroberung, des Dolchs der Mörder und des vergifteten Kelchs, als die Raubgier der Sarks mit dem Blutdurst der Druiden um den Thron von Lemuria als Preis rang... kam ein Mann, ein umherziehender Abenteurer aus der ungezähmten Wildnis des Nordlandes: Thongor von Valkarth, gewappnet mit den eisernen Sehnen des Kriegers und der Verachtung des Barbaren für die Gefahr. Mit der Hilfe des großen Zauberers Sharajsha überwältigte er die Drachenkönige und vereitelte ihre gigantische Verschwörung, die Schwarzen Götter des Chaos von jenseits des fernsten Sterns herbeizurufen. Der erste dieser Gebieter über die Dunkelheit war Yamath, dessen lodernde Altäre er zerschmetterte, dessen Gelbe Druiden er ins Exil trieb – und Thongor bestieg schließlich gar den Thron von Patanga, wo Yamath geherrscht hatte.

  Doch zwei der Schwarzen Götter blieben unbesiegt: Noch immer herrschte der blutige Slidith im grimmen Tsargol, noch immer die Roten Druiden über die steinerne Stadt am südlichen Meer...«

 

  aus: Die Chronik von Lemuria 

 

  1. Der Dieb von Tsargol

 

 

  Mit Lug und Trug führt manch einer Krieg! 

  Scharf ist die Zunge, sie tötet schnell,

  So wie der Dolch allzu oft bringt den Sieg,

  Ist feige Mörderhand gewiss zur Stelle

 

 

 

  Die Mitternacht hing wie ein schwarzes Leichentuch über Tsargol.

  Die von roten Steinmauern umgebene Stadt erhob sich steil an der Südküste des alten Lemuria, wo die eisigen Wellen von Yashengzeb Chun, dem Südmeer, sich donnernd an den Riesenklippen brachen.

  Alles lag in Dunkelheit. Kein Licht brannte in den Turmkuppeln, keines loderte in den breiten Straßen. Der Prachtpalast der tausend Fenster ragte als Berg aus tiefster Schwärze empor, denn der letzte Monarch von Tsargol war tot. Weder Laterne noch Kandelaber leuchteten im Tempelviertel, wo die Druiden von Slidith wohnten, die Zauberpriester des barbarischen und blutigen Kults, der seit dem Tode Drugunda Thals, des letzten Sarks, die rote, steinerne Stadt unangefochten beherrschte.

  Die Stadt war so dunkel wie ein Ort der Toten.

  Und sie war stumm... abgesehen vom niemals endenden Donner der Brandung, wo die See sich in ohnmächtiger Wut gegen die Gigantenmauer warf - so wie schon seit tausend Jahren und so, wie es noch in zehntausend Jahren sein würde.

  Aber nicht alle in der Küstenstadt schliefen in dieser schwarzen, sternlosen Nacht. In einer kleinen, quadratischen Kammer, hineingeschnitten in jenen Granit, auf dem die Stadt ihre Krone von Türmen und Kuppeln trug, vierzig Meter unter dem geheiligten Scharlachroten Turm des Sternensteins, saßen vier Männer in schwarz-samtenen Kapuzenkutten an einem massiven Tisch aus blutroter Jade - und sie verschworen sich.

  In dieser Tiefe vernahmen sie nur die absolute Stille der Ewigkeit, denn nicht einmal der unbarmherzige Schmiedehammer der peitschenden Brandung vermochte das Urgestein zu durchdringen, das sie umgab. Der Raum wurde erhellt von großen Kerzen in einem Eisenhalter auf dem Tisch. Drei Kerzen, jede so dick wie der Arm eines Kriegers, warfen ein düsteres, flackerndes Licht über die blutrote Jade-Tischplatte und die vier Gesichter.

  Am einen Ende des Tisches saß die hochgewachsene, hagere Gestalt von Yelim Pelorvis, des Roten Erzdruiden, der Tsargol im Namen von Slidith, dem Herrn des Blutes, beherrschte. Seine gebeugte Gestalt war ausgezehrt, abgemagert, beinahe skelettartig. Er hatte ein kaltes, schmales Gesicht, fleischlos wie ein Totenschädel. Sein Kopf war rasiert, und er schimmerte im zuckenden Licht wie eine Kugel aus poliertem Elfenbein. Seine geschlitzten Augen waren farblos und ohne jeglichen Glanz. Ihr Blick war nach innen gerichtet, wie bei einer Person, die unter dem Einfluss der tödlichen Nothlaj-Droge stand, der Blume der Träume.

  Mit dünner, tonloser Stimme sagte er: »wie üben wir Rache an diesem Thongor, dem Gossenköter eines Barbaren, der das Heiligtum unseres Herrn Slidith entweiht und von dort den Sternenstein gestohlen hat, jenen heiligen Talisman, der vor tausend Jahren aus dem Himmel über der Scharlachroten Stadt gefallen ist? Der Herr Slidith hat in meinen Träumen zu mir gesprochen und erklärt, dass die Schwarzen Gebieter den Tod des Barbaren verlangen. Sprecht!«

  Links neben Yelim Pelorvis saß Numadak Quelm. Er war ein jüngerer Mann, ebenfalls mit kahlrasiertem Schädel, und in seinem harten Gesicht loderten Augen, in denen der glühende Wahnsinn des Fanatikers lag. Unter seiner Robe aus schwarzem Samt trug er die gelbe Seide eines Priesters des verbotenen Kults Yamaths, des Feuergottes. Seine Stimme vibrierte vor Hass, als er das Wort ergriff.

»Auch mir haben sich die Götter flüsternd genähert, als ich im Schlummer lag und mein Astralleib das Schattenland durchstreifte. Die Stimme Yamaths sprach zu mir und forderte, der Barbar, Thongor - der meinen Herrn, den Gelben Erzdruiden Vaspas Thol, getötet und den Thron von Yamaths heiliger Stadt Patanga gemeinsam mit seiner Braut, der Prinzessin Sumia, bestiegen hat – müsse sterben; sonst würden die drei Gebieter des Chaos die Herrschaft über diesen Planeten nicht wiedererlangen. Thongor muss getötet werden - aber wie?«

  Links neben dem ausgestoßenen Druiden von Patanga saß ein kleiner, fetter Mann, dessen Umhang aus schwärzestem Samt Kleidung von schreienden, grellen Farben verhüllte, mit Brokat und Juwelen überreich verziert. In seinem krötenhaften, schwammigen Gesicht funkelten bösartige kleine Knopfaugen. Dies war Arzang Pome, Sark von Shembis im Exil, dessen sadistische Lust an der Grausamkeit dafür Sorge trug, dass allein die Erwähnung seines Namens in den südlichen Reichen Angst und Schrecken auslöste. Ihn hatte Thongor gestürzt und ins ruhelose Exil vertrieben, um an die Stelle seiner blutigen Herrschaft jene von Thongors tapferem Kameraden, des jungen Ald Turmis, zu setzen.

  Arzang Pome rieb seine fetten, abstoßenden Hände, so dass die Edelsteine seiner vielen Ringe im trüben Licht funkelten. »Der Barbar hat mich von meinem Thron gestoßen«, sagte er gierig, »damals, als ich mich mit Phal Thurid, dem Sark von Thurdis, verbündete und Patanga mit Krieg überzog. Ich sage: Entfesselt die Heimtücke der Mördergilde gegen ihn - lasst einen vergifteten Kelch oder einen Dolch aus den Schatten der Dunkelheit das Ende dieses Hundes aus dem Nordland herbeiführen.«

  Der Gelbe Erzdruide von Patanga zog die Brauen zusammen. »Nein. Ein Dolch ist nur so gut wie die Hand des Attentäters, die ihn führt - Gift ist nicht sicherer als das Geschick des Giftmischers. Ich sage, versichern wir uns der Hilfe unserer Brüder, der Schwarzen Druiden von Zaar, die dem Dritten Herrn des Chaos dienen. Mit der Macht der großen Stadt der Zauberer hinter uns können wir den Nordländer mit unfehlbarer Magie sicher und gefahrlos niederwerfen.«

  Der Rote Erzdruide schüttelte den Kopf,

  »Numadak Quelm, Ihr irrt Euch: Zaar, die Stadt der Zauberer, liegt tausend Meilen von meiner Stadt Tsargol entfernt, jenseits der Dschungel und Urwälder und den endlosen Ebenen im Osten, wo die Blauen Nomaden wandern und herrschen, jenseits des Berges des Unheils, am äußersten Rand Lemurias. Es bleibt keine Zeit, von der Schwarzen Bruderschaft einen dunklen Todeszauber zu fordern. Mit jedem Tag wird das junge Reich Thongors größer und mächtiger. Schon beherrschen der Barbar und seine Prinzessin die drei Städte Thurdis, Patanga und Shembis am Golf. Jeden Augenblick mag er seinen wilden Blick nach Süden richten, auf Tsargol. Wir müssen umgehend handeln!«

  Das vierte Mitglied des geheimen Rates hatte noch nicht das Wort ergriffen, es saß in Gedanken versunken dabei, das Gesicht von der schwarzen Kapuze verhüllt. Nun beugte sich der Mann vor in das flackernde Licht der drei Riesenkerzen, die Kapuze fiel zurück und gab seine Züge frei. Er war groß, kräftig gebaut, gekleidet wie ein Krieger in ein Kettenhemd über einem ledernen Wappenrock. Sein Gesicht war gebräunt und kantig; ein seltsam bedrohlich wirkender, schwarzer Bart umrahmte seinen harten, grausamen Mund; die Augen waren scharf, wach und  intelligent. Sein Name war Hajash Tor, und er war der besiegte und verbannte Daotarkon oder Befehlshaber des Heeres von Thurdis, Er war es, dessen kranker, ungesteuerter Ehrgeiz, dessen Träume von Eroberung den schwachen Sark von Thurdis auf die blutrote Straße gedrängt hatten, an deren Ende ein mächtiges Reich hätte stehen sollen. Als Thongor die Belagerung seiner Stadt Patanga durchbrochen hatte, war Hajash Tor geflohen und hatte den armseligen, feigen König von Thurdis gemeuchelt, den seine Intrigen in diesen irrsinnigen Krieg getrieben hatten.

  »Es gibt noch einen anderen Weg, hoher Erzdruide«, sagte er nun, »um Patanga den Untergang und dem Barbaren den Tod zu bringen...«

  Yelim Pelorvis wandte ihm glanzlose Augen zu. Mit seiner leisen, farblosen Stimme sagte er: »Welchen Weg meint Ihr?«

  Hajash Tor beugte sich weiter vor und zog die Aufmerksamkeit der drei anderen Verschwörer mit einem zwingenden Blick seiner scharfen, magnetisch bannenden Augen auf sich.

  »Ich bin einer Meinung mit Yelim Pelorvis der Meinung, dass Patanga vernichtet werden muss, bevor dieses Reich uns verschlingt. Thongor baut zurzeit eine Luftflotte jener fliegenden Schiffe, deren Geheimnis allein Patanga kennt. Das Flugboot ist die tödlichste aller Waffen, denn ausgerüstet mit einem einzigen davon, durchbrach Thongor meine Belagerung Patangas und besiegte eine ganze Armee, die unter meinem Befehl stand. Der Schlag muss jetzt geführt werden, meine Herren, in diesem Augenblick. Bevor das Jahr sich neigt, wird Thongor seine Flotte fertiggestellt und seine fliegenden Krieger ausgebildet haben - und Patanga wird unbesiegbar sein, die am stärksten bewaffnete und mächtigste Stadt in ganz Lemuria. Aber Thongor darf nicht von einem Meuchelmörder getötet werden - und auch nicht durch Zauberei.«

  »Aber auf welche Weise dann?«, stieß der fette kleine Ex-Sark von Shembis hervor.

  Ein grausames Lächeln umspielte die Lippen Hajash Tors. »Ihn schnell zu töten, würde bedeuten, uns unserer Rache zu berauben«, sagte er. »Der Tod ist ein absolutes Ende - aber es gibt Qualen, die gleichbedeutend sind mit tausend Jahren Todeskampf, bevor der Tod sie für immer beendet.«

  Seine Worte fielen tropfend in die erstickende Stille der unterirdischen Geheimkammer. Tors glitzernde Augen leuchteten bösartig auf. Stumm wurden seine Äußerungen von den anderen überdacht.

  »wie sollen wir Thongor den Händen unserer Folterknechte ausliefern, Hajash Tor, mitten aus seiner mächtigen Armee und dem Herzen seiner ummauerten und wohlbewachten Stadt heraus?«, fragte Yelim Pelorvis.

  Hajash Tor lächelte wieder. »Wir werden ihn selbstverständlich dazu veranlassen, dass er aus freien Stücken zu uns kommt«, sagte er leise.

  Der junge Erzdruide von Yamath schob den Kopf vor. Seine Augen glühten fanatisch. Er befeuchtete gierig die Lippen. »wie wollt Ihr das bewerkstelligen?«

  Hajash Tor senkte die Stimme zu einem Wispern. »Nun... wir werden aus dem Innern von Thongors Palast, geheim und verstohlen, seine Gefährtin, Prinzessin Sumia, und ihr neugeborenes Kind, den Prinzen Tharth, entführen. Ein einzelner Mann vermag durch ein Heer von Wachen zu dringen, wo eine ganze Armee scheitern würde.«

  »Fahrt fort«, sagte der Rote Erzdruide tonlos.

  »Sobald Sumia und ihr Kind innerhalb unserer Mauern sind, können wir Thongor von Thongor verlangen - falls er seine Sarkaja und ihren Erstgeborenen lebend wiedersehen will -, die Tore von Patanga unserer Armee zu öffnen und seinen Männern zu befehlen, die Waffen niederzulegen und sich uns auszuliefern. Weigert er sich, werden wir jene töten, die er am meisten liebt.«

  Yelim Pelorvis überdachte den Vorschlag mit glanzlosen, nachdenklichen Augen. »Wird er unserem Boten Glauben schenken?«

  »Wir werden ihm einen Beweis schicken«, sagte der Befehlshaber mit bösartigem Grinsen. »Eure Folterknechte sind geschickt genug, der Sarkaja die linke Hand abzutrennen und doch ihr Leben zu erhalten. Unser Bote soll das blutige Beweisstück dem edlen Barbaren bringen – dorthin, wo er inmitten von tausend Kriegern auf dem Thron sitzt. Er wird es eilig haben, zu uns zu kommen, glaubt mir.«

  Der kleine, krötenhafte Sark von Shembis kicherte schrill - ein furchtbarer, unheimlicher Laut. »Wo finden wir einen Mann, der verschlagen genug ist, diese Tat zu vollbringen?«

  Hajash Tor lehnte sich behaglich zurück »In Tsargol gibt es einen gewissen Dieb namens Zandar Zan...«

 

  Zwei Wochen später ritt ein schlanker, junger Mann auf einem staubigen Kroter durch das riesige Westtor von Patanga. Es war Mittag. Die Sonne brannte hinunter auf die flammengelben Mauern der mächtigen Stadt, schlug Feuer aus den gebrannten Schindeln auf den spitz zulaufenden Dächern der Türme und schimmerte grell auf den Kuppeln aus vergoldetem Messing und grünlichem Kupfer. Das gewaltige Tor überragte ihn wie eine Klippe und verdunkelte den klaren, blauen Himmel. Der Sonnenschein blinkte wie Gold auf Lanzenspitzen und Helmen der auf der Mauer stationierten Wachen. Auf einem Dutzend Türmen knallten und flatterten die golddurchwirkten Banner Patangas, nun bestickt mit dem Schwarzen Falken von Valkarth, im frischen Wind.

  Der schlanke, junge Mann blieb unbemerkt, als er inmitten eines Schwarms von Menschen in die Stadt ritt. Da waren Kaufleute aus Zangabal, die weiße Stoffmützen mit bernsteinfarbenen Troddeln trugen, die Lederwaren, Messinggerät und bunte Seidenteppiche von den Webstühlen Dalakhs und Cadornas mitführten; würdevolle Botschafter aus Kathool im Norden, getragen in verhüllten Sänften, mit Geschenken aus Gold, Silber und unschätzbarem Jazit; Bauern aus den umliegenden Provinzen auf großen Wagen, die von riesigen, schwerfälligen Zamphs gezogen wurden, beladen mit frischen Sarnbeeren und Wasserfrüchten, mit Weizen und Hafer.

  Und mit ihnen drängten sich staubige junge Schwertkämpfer aus dem fernen Ashembar herein, Bogenschützen und berittene Lanzenträger aus Darundabar, und Söldner aus Vozashpa, angezogen vom Zauber der Legende um Thongor, den mächtigsten aller Krieger, den tapfersten und großzügigsten aller Könige, um in seine anschwellenden Armeen einzutreten oder vielleicht die geheimnisvollen Künste zu erlernen, wie man die schlanken, silbrigen Flugboote steuerte, die wie verzauberte Schiffe hoch in der funkelnden Luft über dem königlichen Patanga schwebten und kreisten.

  Er gelangte durch das hohe Westtor und ritt auf dem gewaltigen Thorischen Weg, jener Prachtstraße, die das Herz der Stadt bis zu dem großartigen Platz in Patangas Mitte durchschnitt. Ringsum erhoben sich Paläste und Tempel, Wohngebäude und Handelsstätten - staunenswert, in tausend Farben schillernd und von barbarischer Pracht nur so strotzend!

  Bunte Teppiche und glänzende Banner hingen von Balkonen und Fenstern und Mauern; Flaggen entrollten sich von Minaretts und Türmen. Herrliche Fassaden aus gemeißeltem Marmor, behauenem Stein oder schillerndem Mosaik fingen die Mittagssonne ein. Im großen Bazar von Patanga schrien und gestikulierten Händler unter orange, blau und blutrot gestreiften Vordächern. Grüne Bäume trugen ihre Last aus Laub, die kühle Schattenseen auf das heiße Pflaster warfen, und hier und dort sah man zwischen den Gebäuden Gärten voll phantastischer Blumen.

  Die Gassen und Straßen waren angefüllt von einem farbenfrohen Treiben - Frauen beim Einkauf auf dem Markt, Soldaten, unterwegs zu ihren Posten, königliche Herolde in schwarz-goldenen Wappenröcken mit Schriftrollen und Briefen, Priester des weisen Vater Gorm oder der sanften Tiandra, Lords und Adlige in Goldkarossen oder auf schlanken, peitschenschwänzigen Krotern, Laufburschen mit unbekannten Aufträgen - doch niemand bemerkte den stillen, jungen Mann auf dem staubigen Kroter im verwaschenen und geflickten Gewand eines wandernden Troubadours mit einer Elfenbeinlaute auf dem Rücken.

 

  Zandar Zan - denn natürlich handelte es sich um ihn - bog am großen Bazar in eine Seitenstraße ein und stieg vor einem großen Gasthof mit dem Namen Kopf des Drachen ab, wo ein Stallbursche sein Reitreptil zu den Stallungen führte. Er betrat den Gasthof, bezahlte ein Zimmer für die Nacht und bestellte beim Wirt einen Krug Sarn-Wein und eine gebratene Bouphar-Keule. Danach legte er sich auf sein Bett und erwartete in aller Ruhe die hereinbrechende Dunkelheit.

  Als die Nacht kam und der große, goldene Mond über dem alten Lemuria den Himmel mit seinem Licht erfüllte, verließ Zandar Zan den Kopf des Drachen, in einen weiten Umhang von stumpf-grauer Farbe gehüllt. Er hatte sein buntscheckiges Gewand gegen ein seltsames hautenges Kleidungsstück von tiefstem Schwarz ausgetauscht, das ihn vom Hals bis zum Handgelenk und zur Ferse einhüllte. Doch diese ungewöhnliche Kleidung war durch den grauen Umhang mit Kapuze allen Blicken entzogen. Er huschte durch dunkle Gassen und Winkelige Nebenstraßen durch die sonst gut beleuchtete Stadt und erreichte endlich die Mauer, die den Palast des Königs umgab.

  Er wartete auf einen Augenblick, in dem der Mond hinter einer Wolke verschwand, und zog sich in die Tintenschwärze eines großen, blühenden Othlarbaumes zurück. Dort legte er den grauen Umhang ab und stülpte ihn blitzschnell um. Der Umhang war an der Innenseite ebenso tiefschwarz wie sein Gewand und entzog ihn so jedem Blick. Dann zog er eine schwarze Maske über sein Gesicht und brachte aus einer versteckten Tasche im Umhang eine Spule dünnen Drahts zum Vorschein, an dessen Ende ein vielzinkiger Haken aus schwarzem Eisen befestigt war. Die Zinken waren mit dickem Stoff umhüllt, damit sie kein Geräusch verursachten.

  Als der Mond wieder hinter eine Wolke glitt, schleuderte Zandar Zan seinen Greifhaken über die Mauer des Königspalastes. Die Zinken scharrten auf der Mauerkrone entlang und verfingen sich in einer Reihe scharfer Metalldornen, die zur Abwehr von Eindringlingen in den Stein eingelassen worden waren. Schnell und lautlos kletterte der Schwarze Dieb von Tsargol die Mauer hinauf, löste die Zinken und sprang hinunter in den dunklen Garten.

  Der Palast der Tausend Sarks stand inmitten einer prachtvollen Parkanlage - eines Labyrinths aus dichtem Gebüsch, blumenreichen Gärten und Hainen von Elemibäumen, mit kleinen Wasserläufen und Lotusteichen dazwischen. Soldaten der Schwarzen Drachen - des persönlichen Regiments des Sarkons, bestehend aus ausgewählten Männern - waren an verschiedenen Stellen im Park postiert. Unsichtbar in seiner schwarzen Kleidung glitt der Dieb durch das dichte Strauchwerk, und es fiel ihm leicht, sich vor den ahnungslosen Wachen zu verbergen.

  Schließlich erreichte er eine Wand des Palastes. Sollten die Pläne, die er in Tsargol studiert hatte, mit den örtlichen Gegebenheiten übereinstimmen, so befanden sich in diesem Turm die Privatgemächer von Thongor und Sumia. Ohne Zeit zu verschwenden, zog Zandar Zan aus einem Beutel zwei seltsame Geschirre, die er über die Stiefel schob und festzurrte. Scharfe Nebiumdornen, aus dem stärksten aller Metalle, ragten aus den Geschirren. Dann zog er Spezialhandschuhe an, an denen Dornen gleicher Art befestigt waren.

  Und er ging an der senkrechten Wand hinauf!

  Zandar Zan war kein gewöhnlicher Dieb. Er war der Dieb aller Diebe: gewandt und biegsam wie ein Akrobat, mit den Muskeln eines Gladiators, besaß er die Geschicklichkeit des Attentäters und die Kraft des Soldaten. Aber selbst seine staunenswerten Fähigkeiten wurden vollständig in Anspruch genommen, als er diese schwere Aufgabe in Angriff nahm.

  Die Wand des Palastturmes war aus riesigen Blöcken glatten, schimmernd-gelben Marmors erbaut worden. Aber zwischen jedem Steinblock gab es eine weichere, schwammigere Fuge aus Zement. In diese trockene, bröckelnde und poröse Substanz trieb der Meisterdieb seine scharfen Dornen zuerst hinein. Er zog sich mit Kraft und Gewandtheit hoch und stieß die Stiefeldornen zwischen die Marmorblöcke darunter. Auf den Stiefeldornen balancierend, riss er die Handdornen mit geübtem Griff heraus und stieß sie eine Fuge höher wieder hinein. Wie ein riesengroßer, schwarzer Wurm schob er sich Stück für Stück mühsam an der Mauer hinauf.

 

  Prinzessin Sumia war allein in ihren Gemächern und erwartete  Thongors Ankunft. Prinz Tharth war eben von seiner Kinderfrau gefüttert worden. Der Kleine, erst ein Jahr alt, schlief in einer Wiege neben dem großen, thronartigen Sessel, in dem die junge, schöne Sarkaja von Patanga träumte.

  Heute Abend gab es kein Bankett, keinen festlichen Ball, keinen Staatsempfang. Heute Abend würden sie und Thongor allein in ihren Gemächern zu Abend speisen, nur sie beide, ganz allein. Sie lächelte schwach bei dem Gedanken. Die Belange des Reiches waren in letzter Zeit so in den Vordergrund getreten, dass sie und ihr Gefährte kaum noch eine Stunde für sich zur Verfügung hatten. Aber der heutige Abend gehörte ihnen ganz - ihnen und ihrem Sohn, denn in wenigen Augenblicken würde Thongor hereinstürzen, nach Wein rufen und sie so innig an sich pressen, dass ihr der Atem verging. Er würde ihre lächelnden Lippen mit einem Kuss schließen, der ihr Kraft und Atem rauben würde, sie dann loslassen und den Kleinen hochheben. Mit dröhnendem Lachen wurde der Valkarthaner das fröhlich krähende Kind in die Luft werfen und mit starken, sanften Armen sicher wieder auffangen, während die Prinzessin ihr Spiel mit stolzen Augen verfolgen würde. Bald... 

  Doch jä wurde ihr Traum zerstört!

  Dieses Geräusch! Das Fenster -?

  Sie drehte sich um, als unerwartet Stahl klirrte, und unvermittelt schrie sie auf. Eine Gestalt in schwarzem Umhang mit Kapuze, schwarz und riesig wie ein Fledermaus-Ungeheuer, stand im großen, offenen Fenster und richtete die finsteren, kalten Augen auf sie.

  Sumia sprang blitzschnell hoch und schrie gellend um Hilfe.

  Aber nicht minder schnell stürzte sich die schreckliche schwarze Gestalt auf sie, und sie sah den tödlichen Schimmer einer nackten Stahlklinge in einer schwarzen Hand auf ihre Kehle zu zucken...

 

 

 

  

  2. Die Prinzessin in Todesgefahr

 

  Ein eisern' Lied, klingt Stahl auf Eisen, 

  Hau'n wir dem Gegner rote Schneisen,

  Durchstoßen siegreich seine Reih`n,

  vom Kampf so trinken wie vom Wein!

 

 

 

 

  Thongor von Valkarth schwang sein gewaltiges Nordlandschwert mit der vollen Kraft seiner Riesensehnen hinter jedem mächtigen Hieb. Sein Gebiss war gebleckt zu einem Tigergrinsen, und in seinen seltsamen, goldenen Augen flammte die rote Kampfeslust.

  Stahl traf auf Stahl, klirrend in der grimmigen Musik des Krieges. Funken flogen, als die Klinge seines Gegners unter der unwiderstehlichen Kraft Thongors zersprang. Der Mann wurde halb in die Knie gezwungen und hob seinen Lederschild, um den nächsten Hieb des Langschwertes abzufangen. Der Cherm, wie der lemurische Schild genannt wurde, war ein kleiner, runder Buckelschild, am linken Unterarm befestigt. Zähes, gegerbtes Drachenleder spannte sich über einen Rahmen aus leichtem Arld-Holz, und man gebrauchte den Schild eher dazu, Streifschläge mit einem Schwert abzuwehren, als der vollen Wucht einer herabsausenden Klingenkante begegnen zu wollen.

  Die starken Muskeln von Thongors nackten Schultern wölbten und spannten sich mächtig. Der Hieb schleuderte den knienden Kämpfer zu Boden, dessen Cherm in einem Gewirr von zerschmettertem Holz und zerfetztem Leder zerbrach.

  Thongor spreizte die Beine und lachte, als ein Kamerad dem Gestürzten auf die Füße hall, »Gut gemacht, Charn Kojun! Aus Euch machen wir noch einen echten Drachen!«, dröhnte Thongor und schlug dem jüngeren Mann auf die Schulter.

  Charn Kojun zuckte zusammen und grinste. »Gewiss, Sire, sofern es mir gelingt, die Ausbildung lebend zu überstehen.«

Thongor steckte lachend sein Schwert ein. Er ließ sich von einem Soldaten einen großen, blutroten Umhang geben und warf ihn über die muskulösen Schultern, zog ein Ende des Stoffes unter dem Arm durch über die Brust und befestigte das Kleidungsstück mit einer Bergkristallspange am Schultergurt seines Harnischs.

  Der Valkarthaner war eine eindrucksvolle Erscheinung – ein bronzefarbener Riese, gemeißelt wie ein Titan, breitschultrig, mit gewaltigem Brustkorb, schmalen Hüften und langen Beinen. Sein wohlproportionierter Körper war nackt bis auf einen Harnisch aus schwarzem Leder, einen Gürtel, einen scharlachroten Lendenschutz und schwarzen, wadenhohen Schnürstiefeln. Seine dunkle Mähne von Widerborstigem Haar fiel über die Schultern, durch ein Lederband um die Stirn von seinen Augen ferngehalten.