LIN CARTER

 

Thongor am Ende

der Zeit

Fünfter Roman der Thongor-Saga

 

 

 

 

Roman

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

THONGOR AM ENDE DER ZEIT 

 

ERSTES BUCH: Der Zauberer hinter der Maske 

Kapitel 1: Jener im schwarzen Gewand 

Kapitel 2: Am Altar der Neunzehn Götter 

Kapitel 3: Der geheime Rat 

Kapitel 4: Der fliegende Mensch 

 

ZWEITES BUCH: Thongor im Land der Schatten 

Kapitel 5: Im Zwischenreich 

Kapitel 6: Das Schwert im Edelstein 

Kapitel 7: Die Straße der Jahrmillionen 

Kapitel 8: Feuerfluss und  Eismauer 

 

DRITTES BUCH: Sklaven des Piratenreichs 

Kapitel 9: In den Wolken 

Kapitel 10: In der Gewalt der Drachen 

Kapitel 11:  Barim Rotbart 

Kapitel 12: Ein Messer im Rücken 

 

VIERTES BUCH: Thongor bei den Göttern 

Kapitel 13: Herr der Sternenweisheit 

Kapitel 14: Hinter den Sternen 

Kapitel 15: Der Herr der Drei Wahrheiten 

Kapitel 16: Milliarden Morgen 

 

FÜNFTES BUCH: Schwert gegen Schwert 

Kapitel 17:  In der Piratenstadt 

Kapitel 18: Schwarze Katakomben 

Kapitel 19: Wettlauf gegen die Zeit 

Kapitel 20: Aus den Schatten! 

Epilog 

 

Anhang: Vom Ursprung des Mythos von Lemuria 

 

Fortsetzung folgt 

 

Das Buch

 

Der Schwarze Druide lebt – und Thongor soll sterben!

Der Mann in Schwarz betrachtete ihn verächtlich von oben und quittierte den Anblick der blassgesichtigen, bebenden Gestalt mit einem schiefen Grinsen bösen Humors. Als er zu sprechen begann, war seine Stimme ein gefährlich-samtenes Schnurren, bedrohlich und furchterregend. »Geh' zu deinem Herrn, Hund, und sag' ihm, dass sein Herr gekommen ist. Ja, einer, den er und die ganze Welt für tot hält und von dem man glaubt, er sei in den kalten Fluten von Takonda Charm, dem Unbekannten Meer, ertrunken, vor drei langen Jahren. Aber er hat den Untergang überstanden, ist der Wut des barbarischen Köters Thongor entgangen und lebt noch immer, um den Hund von Valkarth kalt und leblos in seinem Grabgewölbe zu sehen!«

Und Mardanax' selbst ist so bösartig wie seine Worte: Mit ruchloser Macht erschlägt er Thongor, verwandelt seine wunderschöne Gemahlin mittels einer Droge in seine willenlose Sklavin und entführt seinen Sohn und Erben. So fällt Thongors Reich in die Hände des Chaos.

Doch Thongor ist nur scheinbar tot; er durchwandert das Land der Toten – und findet dort das mächtige Schwert des Lichts...

 

THONGOR AM ENDE DER ZEIT, der fünfte Band der von Christian Dörge neu übersetzten Ausgabe der legendären THONGOR-Saga von Lin Carter, gilt als der epischste und düsterste Roman der Serie – und zugleich als ein Höhepunkt der Sword-and-Sorcery-Fantasy.

 

 

Der Autor

 

Lin Carter (* 9. Juni 1930, + 7. Februar 1988).  

 

Linwood Vrooman Carter war ein US-amerikanischer Science-Fiction- und Fantasy-Schriftsteller, Herausgeber, Dichter und Kritiker.

Carter wurde in St. Petersburg, Florida/USA geboren. Er diente während des Korea-Krieges (1951 – 53) in der US-Infantrie, anschließend besuchte er die Columbia University in New York City. Zweimal war er verheiratet: mit Judith Ellen Hershkovitz (1959 bis 1960) und mit Noel Vreeland (1963 bis 1975). Er lebte während seiner aktivsten Zeit als Schriftsteller in Hollis, New York.

Für gewöhnlich schrieb und veröffentlichte er unter dem Namen Lin Carter – bei verschiedenen Gelegenheiten benutzte er allerdings die Pseudonyme H.P. Lowcraft (für eine H.P. Lovecraft-Parodie) und Grail Undwin.

1965 gab er mit The Wizard of Lemuria (1980 als Thongor und der Zauberer von Lemuria in Deutschland erschienen) sein Roman-Debüt. 1969 wurde er schließlich Berufsautor. Er schrieb häufig mehrere Romane und Kurzgeschichten pro Jahr und war Herausgeber diverser Fantasy-Geschichtensammlungen wie z.B. Beyond The Gates Of Dream (1969) und Lost Worlds (1980). Er verhalf den Geschichten von Robert E. Howard zu einer Renaissance, indem er zusammen mit L. Sprague DeCamp und Björn Nyberg Howards Geschichten sammelte, ordnete und mit eigenen Geschichten und Romanen ergänzte.

Zu seinen populärsten Werken in Deutschland zählen neben seinen H.P. Lovecraft-Pastiches und Robert E. Howard-Adaptionen vor allem seine Thongor- und Callisto-Zyklen.

 

 

 

THONGOR AM ENDE DER ZEIT

 

 

 

  

  ERSTES BUCH: Der Zauberer hinter der Maske

  

 

  »...Größe kam über Patanga, die Stadt der Flamme, in der Zeit, nachdem Zaar, Stadt der Zauberer, von der Unbekannten See verschlungen und zermalmt worden war; und in dieser glanzvollen Zeit erstanden sechs stolze Städte unter den schwarz-goldenen Bannern von Thongor dem Mächtigen, und siehe, die Götter empfanden Freude. Aber jenes grimme, unersättliche Schicksal, das selbst über die Götter triumphiert und das weder vom Glanz noch von der Macht der Könige zu blenden ist, schlug den Krieger des Westens mit grausamstem Unheil, und die Kiefer des Todes klafften weit, um seinen unbesiegbaren Geist zu verschlingen...« 

 

  - Die Chronik von Lemuria, 5. Buch, l. Kapitel

 

 

 

 

  

  

  Kapitel 1: Jener im schwarzen Gewand

 

 

  »Die Götter - unergründlich, alt und weise, 

  die ins Vergangene zu schau'n versteh'n,

  sie  wissen um der Zukunft dunkle Reise

  und lassen Thongor den Todespfad nun geh'n...«

 

 

 

 

  Thongor, der Mächtige, griff sich an die Kehle. Er schwankte, er taumelte – dort, am Hochaltar im Großtempel seiner Königsstadt Patanga. Seine Brust schwoll an, nach Luft ringend rasselte seine Lunge. Mit einer Hand riss er das reichbestickte Staatsgewand zur Seite und entblößte den keuchenden Brustkorb, auf dem ein kleines Amulett aus grünem Stein an einer Lederschnur um seinen sehnenstarrenden Hals hing. Er wehrte sich gegen die Betäubung, die gleich einem eisigen Gift durch seine Adern strömte - bemühte sich, die wirbelnden, blutroten Nebel zu verjagen, die seinen Blick trübten. Während sich das Licht ringsum verdichtete, sah er undeutlich durch die dunkelnden Schatten die erstaunten Gesichter seiner Fürsten und Hauptleute, Höflinge und Adligen - unter ihnen das bleiche Gesicht seiner Gefährtin Sumia und die entsetzten Züge seines jungen Sohnes, Prinz Thar.  Die Mittagssonne leuchtete prächtig in den überfüllten Tempel, wo sich sein Gefolge versammelt hatte, um Zeuge zu werden, wie der Herr des Westens das Frühlingsopfer für die Götter darbrachte.

  Stattdessen wurden sie Zeuge einer ganz anderen Art von Opfer...

  Dann verließ ihn die Kraft, und er stürzte der Länge nach die Marmorstufen hinunter und blieb wie ein Toter vor dem Altarsockel liegen. Schreie ertönten, Frauen kreischten vor Entsetzen und Verwirrung. Der alte Lord Mael, einer der höchsten Adligen und Berater Thongors, stand in der ersten Reihe und war so als erster bei seinem hingestürzten König. Er legte das Ohr auf die regungslose Brust des Barbaren, dann untersuchte er rnit fliegenden Händen den Körper. Als er das Gesicht zu Sumia Sarkaja hob, war es von furchtbarer Blässe, gezeichnet von Leid.

  Die junge Königin hatte die schlanken Arme um den Prinzen gelegt und tröstete den Erschrockenen. Sie brauchte Maels zögernde Worte nicht, um zu wissen, dass ihr wilder, königlicher Gefährte tot war.

  Aber auf diese Weise... beginnt die Geschichte nicht. Dazu müssen wir die Seiten im Buch der Zeit zurückblättern zu einem Augenblick fünfzehn Tage vor dem geschilderten Ereignis.

  Der Ort: das gewaltige Osttor Patangas.

  Die Zeit: kurz nach der Morgendämmerung.

  Und hier beginnt die Geschichte von Thongors schrecklichstem und unfassbarstem Abenteuer erst...

 

*

 

  Es war an einem frühen Morgen im Frühling, im Jahr 7017 der Reiche des Menschen. Charn Thovis, der junge Otar der Schwarzen Drachen, die drei Jahre zuvor Thongor bei dem Hinterhalt in den Bergen der Donner-Kristalle das Leben gerettet hatten, war wie gewohnt bei Tagesanbruch aufgestanden.

  Thongor hatte seine Tapferkeit als Hauptmann über hundert Krieger belohnt und ihn als Kojan des Reiches in den Adelsstand erhoben. So wohnte er nun im Palast der Hundert Sarks, dessen hochragendes Mauerwerk sich am Thorischen Weg erhob, jener Prachtstraße, die vom Großen Platz in der Mitte der großartigen Metropole zu den aufgetürmten Bastionen des Westtores führte. Dorthin schlenderte er an diesem Morgen, während die goldene Sonne des alten Lemuria über den Rand der Welt emporstieg und das ganze Land mit Licht überflutete.

  Er war ein hochgewachsener junger Krieger. Sein gebräunter, schlanker, kraftvoller Körper war halbnackt. Er trug nur einen lemurischen Harnisch aus schwarzen Ledergurten. Das begehrte Drachenemblem prangte am Sehwertknauf. Er hatte ein glattrasiertes Gesicht, ein kräftiges Kinn, klare, graue Augen und glattes, schwarzes Haar, das er kurzgeschnitten trug. Seine Stiefelabsätze hallten auf dem Steinpflaster wider, während er durch die Straßen schritt. Ein riesiger, schwarzer Umhang wölbte sich glockenartig um seine breiten Schultern, und die Sonne glitzerte auf seinen Juwelen an Armband, Gürtel und Sehwertknauf.

  Die riesigen Tore Patangas wurden bei Sonnenaufgang geöffnet, denn die großen Frühlingsriten standen bevor, und schon schleppten schwerfällige Zamphs gigantische Wagen, beladen mit Korn und Obst und anderen Produkten des Landes, zum Markt im berühmten Bazar der Stadt der Flamme.

  Durch die Tore der Festungsstadt strömte buntgekleidetes Volk. Bauern und Gutsbesitzer auf dem Weg zum Markt, ein wandernder Barde, ein paar Jongleure. Hier ritt ein Krieger mit weitem Umhang auf einem schlanken, schnellen Kroter, dessen Reptilschuppen in der Morgensonne funkelten; dort schwankte ein geschlossener Palankin irgendeines Lords oder Botschafters am Hof des mächtigen Herrn des Westens auf den breiten Schultern von Rmoahal-Sklaven, die Edelsteine in den Ohren trugen.

  Und dazwischen schritten junge Männer im Kriegsharnisch. Sie trugen Schwerter an den Hüften oder hatten Bogen und Pfeilköcher um die Schultern geschnallt. Es waren junge Männer, grau vom Staub der Landstraße, müde und durstig, aus den Neun Städten des Westens. Sie kamen von Zangabal oder Pelorm oder Shembis, von Tsargol und Cadorna und Thurdis, der Drachenstadt, nach Groß-Patanga gelockt vom Zauber, der von Thongors Namen ausging, und den Legenden seiner großen Taten.

  Charn Thovis lächelte, wenn er sie sah, denn vor nicht allzu vielen Jahren war er selbst ein jugendlicher Chanthar oder Krieger aus dem fernen Vozashpa im Osten gewesen, Abkömmling einer uralten, angesehenen Familie, die verarmt war.

  Über eine halbe Welt hinweg war er gekommen, um mit der Vergangenheit zu brechen und sein Schwert dem großen Helden-König der Zeit, Thongor von Valkarth, Herrn der Sechs Städte, zu weihen.

  Nun, die Burschen würden ihren Platz in den Legionen des kaiserlichen Patanga finden, entweder im Heer oder, wenn das Glück ihnen lächelte, bei den Bogenschützen oder in der neuformierten Flug-Garde, deren glitzernde und silbrige Flugboote unermüdlich am Morgenhimmel über der Stadt kreisten; oder vielleicht sogar im ruhmreichsten aller Regimenter, bei den Schwarzen Drachen, die geschworen hatten, Leben und Leib ihres Herrn, des Sarkons, seiner Gefährtin, der Sarkaja, und ihres Sohnes, des jungen Jasark, zu schützen. Platz gab es in den gepanzerten Legionen der Stadt genug, denn obgleich Thongor in den neun Jahren - seit jener Zeit, als er zu der geliebten Frau auf den Thron gelangt war - Mächtiges geleistet hatte und vier Städte seiner Feinde im Krieg gefallen waren, wiewohl das

Reich groß und stark geworden und auf dem ganzen Kontinent Lemuria kein Ebenbild hatte, betrachteten noch immer eifersüchtige und machtvolle Feinde Patanga und seine Pracht mit begehrlichen Augen und schmiedeten Pläne, um die schwarz-goldenen Banner der Stadt in den Staub niederzureißen.

  Beschäftigt mit diesen Gedanken, achtete Charn Thovis nicht auf eine unauffällige, hinkende Gestalt, die hinter einem klappernden Trupp von Speerschützen auf großen Kriegs-Zamphs durch das Stadttor hereinkam. Der Mann war gebeugt und schlurfte dahin, als sei er uralt, gestützt auf einen langen Stab. Sein hagerer Körper war in abgerissene, staubige Gewänder aus schwarzem Stoff gewickelt. Er hatte eine zerfetzte Kapuze über seinen gesenkten Kopf gezogen, als wolle er das Sonnenlicht von seinem Gesicht fernhalten.

  Der Mann in Schwarz bemerkte dagegen den jungen Krieger, der die Vorbeiziehenden betrachtete, und hinkte hinüber zu ihm, zu dem Pylon, wo gemeißelte Inschriften die längst vergangenen Triumphe König Numidons schilderten, der in Patangas Jugendzeit lange geherrscht hatte.

  Der Krieger drehte sich herum und betrachtete die schlurfende, verhüllte Gestalt. Nach dem Zustand der abgerissenen Kleidung, die mit Straßenstaub bedeckt war, hielt er den Alten für einen Bettler. »Es tut mir leid, Alter, ich bin heute ohne meinen Beutel weggegangen«, sagte Charn Thovis mit offenem Lächeln. »Ihr könnt aber gewiss an der öffentlichen Wohlfahrt an den Palasttoren teilhaben, wo die Armen der Stadt Nahrung erhalten...«

  Der Kapuzenmann schüttelte schwach den Kopf und sprach mit einer heiseren Stimme, die kaum lauter war als ein Flüstern. »Ein alter Mann dankt Euch, Hochgeborener, aber es ist nicht Euer Gold, das ich begehre, sondern Eure Hilfe. Ich suche das Haus des Barons Tallan, wenn Ihr mich dorthin weisen könnt.«

  »Wahrhaftig? Nun, nichts einfacher! Diese Straße ist der große Thorische Weg. Folgt ihm bis zum Bazar-Platz und biegt ein in die Sphinx-Straße, die nach Süden zum Viertel der Kaufleute führt. Ihr findet das gesuchte Haus dort, wo die Straße sich gabelt und links zum Bazar-Tor und rechts nach Süden durch das Viertel führt.«

  Der alte Bettler verbeugte sich dankbar und tappte davon, um bald in der Menge unterzutauchen.

  Charn Thovis sah ihm versonnen nach. »Bei Karchonda, dem Gott der Krieger!«, sagte er laut. »Das ist wahrlich seltsam...«

  »Was ist seltsam, Charn Thovis?«, fragte eine dröhnende, tiefe Stimme.

  Der junge Krieger drehte den Kopf und sah die hochragende Gestalt eines Rmoahal-Kriegers in prächtig funkelndem, juwelenbesetztem Harnisch aus großer Höhe herablächeln.

  »Belarba, Schangoth«, begrüßte er den anderen mit dem vertrauten lemurischen Grußwort. »Ihr steht früh auf!«

  »Nicht früher als Ihr«, sagte Schangoth grinsend. Der riesige Rmoahal, fast zweieinhalb Meter groß, völlig kahl und mit indigoblauer Haut, war einer der starken Nomadenkrieger aus dem fernsten Osten, ein Prinz der Jegga-Horde, mit dem Thongor sich vor acht Jahren angefreundet hatte, als er auf den Großen Ebenen Abenteuer gesucht hatte. Schangoth und mehrere Krieger aus seinem Gefolge hatten den großen Valkarthaner nach Patanga begleitet, um in seine Leibgarde einzutreten, und der tapfere Rmoahal mit seiner schlichten, barbarischen Würde und tiefempfundenen Treue zum Herrn des Westens hatte schnell viele Freunde unter den ersten Adligen und Gardisten Thongors gefunden, trotz seines seltsamen Aussehens und seiner unmäßigen Größe.

  Schangoth wiederholte seine Frage. »Als ich herankam, habt Ihr etwas von seltsam gemurmelt. Was habt Ihr gemeint?«

  Charn Thovis rieb sich nachdenklich das Kinn.

  »Ach, eigentlich nichts. Ein alter Bettler kam eben durch das Tor, als ich hier stand. Er erkundigte sich nach dem Hause Tallans, was ein wenig verwundert...«

  »Und weshalb verwundert das?«, fragte Schangoth geduldig.

  »Dafür gibt es eigentlich keinen bestimmten Grund, nur... - nun, vielleicht wisst Ihr nicht, dass Tallan selten bei Hofe erscheint, weil er dort nicht sehr willkommen ist. Sein Name ist Dalendus Vool, ein schmieriger Kröterich von Mann, adlig durch nichts als den Titel Baron von Tallan, den er zufällig geerbt hat. Er ist Angehöriger des alten Adels, und es gelang ihm, seine Stellung zu bewahren, als Thongor die Stadt der Flamme vom Würgegriff der Feuerdruiden befreite, Der Sarkon schickte die meisten Mitglieder des alten Adels, die den tyrannischen Druiden ihre Unterstützung geliehen hatten, ins Exil, aber gegen Dalendus Vool gab es keine Indizien, abgesehen von seinem schlechten Ruf. Mich wundert jedenfalls, dass ein Bettler das Haus von Tallan sucht, denn ich habe noch nie gehört, dass Dalendus Vool wohltätig sei.«

  Schangoth zuckte die Achseln und lachte. »Nun, wenn das alles ist, was Euch beschäftigt, dann kommt mit mir! Kehren wir zurück zum Palast. Der Tag ist jung, und wir haben noch genug Zeit, uns im Innenhof mit Breitschwertern zu üben, bevor das Morgenmahl bereitet wird, Kommt - ich fordere Euch zu einem Kampf heraus!«

  »Und ich nehme an«, erwiderte Charn Thovis grinsend, »obwohl ich aus Erfahrung weiß, dass ich mich nach einer Viertelstunde Fechten mit Euch den ganzen Tag kaum mehr werde rühren können!«

  Sie schritten in munterer Unterhaltung davon, und erst viele Tage später hatte Charn Thovis Ursache, sich an seine erste Begegnung mit dem schwarzgewandeten Bettler zu erinnern.

  

  Die gebeugte, humpelnde Gestalt im zerfetzten, staubigen Gewand schlurfte langsam die Sphinx-Straße hinunter und erreichte am frühen Vormittag das Haus von Dalendus Vool. Es war ein hochragendes, palastartiges Gebäude und hatte eine reichverzierte Fassade mit farbigen Fliesen, auf denen phantastische Ungeheuer zwischen gepanzerten Gestalten und geometrischen Mustern ihr Unwesen trieben.

  Der Bettler bewegte sich langsam zum Hintereingang des Hauses und trat durch die Küchenräume ein. Der köstliche Geruch von gesottenem Fleisch hing schwer in der Luft, und Köche hasteten umher, gossen gekühlten Wein in Karaffen und häuften Früchte auf Tabletts. Zartes Gebäck lag auf einem nahen Tisch, und Fleischpasteten wurden von halbnackten Gehilfen aus dampfenden Öfen gezogen - all dies für einen einzigen Mann namens Dalendus Vool. Er war ein großer Gourmet, der sein Vergnügen eher an einem schwerbeladenen Tisch und dem randvollen Weinbecher fand statt auf der Jagd, im Turnier oder im Krieg.

  Die demütige Gestalt des Bettlers war derart unauffällig, sein Erscheinen in den Küchen so lautlos, dass einige Augenblicke lang niemand auch nur seine Anwesenheit bemerkte. Erst als der Kämmerer - ein dicker, wichtigtuerischer Mann - hereineilte und nach Auskunft über den Stand der Vorbereitungen für das Mahl verlangte, fiel der Bettler auf. Er glotzte die stille Gestalt an, und sein Gesicht rötete sich vor Zorn.

  »Wer hat diese Vogelscheuche aus der Gosse hereingelassen?«, quietschte er. »Du da! Hinfort, und zwar schnell, oder ich lasse dich hinauswerfen! Wenn mein Herr wüsste, dass hier Straßenbettler herumlungern in seinem - seinem... - « Seine Stimme schwankte und erstarb. Seine Augen traten vor Erstaunen halb aus den Höhlen, und sein rotes Gesicht entfärbte sich rasch.

  Vor seinen Augen richtete sich die gebückte Gestalt zu ihrer vollen Größe auf. Nun strahlte der kalte Stahl hochmütiger, königlicher Autorität aus der hageren, schwarzgekleideten Figur, und Augen von smaragdenem Feuer funkelten mit kalter, bösartiger Flamme in dem eingefallenen Gesicht, dessen Züge von der Kapuze verdunkelt und verhüllt wurden. Irgendetwas in diesen unheimlich flammenden Augen - eine unirdische Kraft, eine Vorahnung der Gefahr - schien das Blut in den Adern des dicken Kämmerers erstarren lassen zu wollen.

  Der Mann in Schwarz betrachtete ihn verächtlich von oben und quittierte den Anblick der blassgesichtigen, bebenden Gestalt mit einem schiefen Grinsen bösen Humors. Als er zu sprechen begann, war seine Stimme ein gefährlich-samtenes Schnurren, bedrohlich und furchterregend. »Geh' zu deinem Herrn, Hund, und sag' ihm, dass sein Herr gekommen ist. Ja, einer, den er und die ganze Welt für tot hält und von dem man glaubt, er sei in den kalten Fluten von Takonda Charm, dem Unbekannten Meer, ertrunken, vor drei langen Jahren. Aber er hat den Untergang überstanden, ist der Wut des barbarischen Köters Thongor entgangen und lebt noch immer, um den Hund von Valkarth kalt und leblos in seinem Grabgewölbe zu sehen! Geh', Narr, und bring' meinen Sklaven Dalendus Vool vor den Schwarzen Lord.«

  In den glotzenden Augen des Kämmerers war Entsetzen zu lesen, seine Stirn war von Schweiß bedeckt. Der Mund zuckte. Aber durch den Kuss der Peitsche hatte er längst gelernt, den Baron nicht ohne triftigen Grund zu stören, so dass er tief aus sich so viel Mut herausholte, um eine kurze Frage zu stammeln.

  »Wie ist Euer... Name?«

  Die smaragdenen Augen leuchteten mit kalten Hexenfeuern, als dünne Lippen sich bewegten, um den gefürchteten Namen eines längst für tot Gehaltenen auszusprechen.

  »Mardanax von Zaar!« 

 

 

 

  

  Kapitel 2: Am Altar der Neunzehn Götter

 

 

  »Der Flut entkam, als Zaar, die große Stadt gefallen, 

  ein einz'ger Mann

  - den Untergang bedeutete sie sonst allen -,

  damit am Westen schwarze Rache er nun planen kann.«

 

 

 

 

  Drei Jahre vor diesen Ereignissen hatte die Luft-Armada von Patanga endgültig über Zaar, die tote Stadt der Zauberer, triumphiert - auf dem Höhepunkt eines gewaltigen Krieges zwischen den freien Menschen des Westens und der uralten Schwarzen Stadt des äußersten Ostens. Bewaffnet mit den neuen Blitzgeschützen - konstruiert vom großen Nephelos, Iothondus von Kathool - brachten die Legionen Patangas schreckliche Verwüstung über die Festung bösartiger Zauberei und zerbrachen die Riesen-Seemauer aus schwarzem Marmor - die titanischen Wellen von Takonda Charm, dem Unbekannten Meer, überfluteten die Schwarze Stadt und zerstörten sie. So starben die letzten der Schwarzen Bruderschaft, die lange Zeit versucht hatte, mit ihrer unheimlichen Wissenschaft und fremdartigen Magie die jungen Städte des Westens zu unterjochen.

  Und in dieser Katastrophe starben auch die letzten der Neun Zauberer, jene überragenden und schrecklichen Meister der Magie, die ihrem Ziel, die Reiche der Menschen unter ihre eiserne Tyrannei zu bringen, gefährlich nahe gekommen waren. Gefangen durch überlegene Macht, als hilflose Sklaven in die dunklen Kiefer der schwarzen Tore von Zaar geschleppt, hatten sich Thongor der Mächtige und sein Freund Schangoth, der große Rmoahal-Krieger, befreit und die Neun Lords von Zaar mit blutrotem Tod überzogen, bevor die Himmelsflotten von der wolkenbedeckten Höhe herabstießen. Die schwere, bronzene Streitaxt des Nomadenprinzen hieb Vual, das Gehirn, Sarganeth von der Nuld und Xoth, den Schädel, nieder. Thongor selbst schlug in einem gewaltigen Duell den Roten Prinzen, während der Tempel unter dem Ansturm der Flugschiffe Patangas einstürzte - unter Tonnen Mauerwerk die Leiche Pytumathons begrabend, der im Tode Adamancus und Thalaba, dem Zerstörer, Gesellschaft leistete.

  Die Welt glaubte, dass Mardanax, der Schwarze Erzdruide, bei diesem Weltuntergang zu Tode gekommen sei. Aber in dem kreischenden Chaos dieses Augenblicks, während Thongor gegen Maldruth den Scharlachroten kämpfte, entfernte sich der Schwarze Herr von Zaar von seinem ebenholzschwarzen Thron unbemerkt und verschwand durch eine Geheimtür. So entkam der maskierte Magier auf verborgenen, obskuren Wegen aus seiner alten Stadt und entging ihrem entsetzlichen Untergang - aber um welchen Preis! Seiner magischen Waffen und Instrumente beraubt, in seinen Kräften geschwächt, allein und ohne Freunde in einem feindlichen Land, wo seine große Macht dahinging, stand Mardanax vor der schweren Aufgabe, sich durch einen halben Kontinent voll seiner Gegner durchzuschlagen. Doch er hatte die fast unlösbare Aufgabe bewältigt. Die Gefahren, die er überwand, die Bedrohungen, die er überlebte, die Schrecknisse, denen er entging, würden eine erregende Abenteuerballade ergeben, aber sie wird für immer ungesungen bleiben, denn sie steht nicht in der Chronik von Lemuria.

  Nun war er endlich in das Lager seiner Feinde gelangt. Insgeheim und allein war er am großen Golf entlanggewandert, jenem riesigen Keil, der ins Meer hinausragt, das den lemurischen Kontinent beinahe in zwei Hälften teilt, von Tarakus, der südlichsten Stadt am Ende des Vorgebirges, bis Patanga an der Spitze des Golfes, das sich an der Mündung der Zwillingsflüsse erhebt. Er war durch das Tor getreten und unbemerkt von allen, außer Charn Thovis, durch die Straßen gewandert. Und hatte schließlich das Haus seines einzigen Verbündeten in der ganzen großen Stadt der Flamme erreicht.

  Denn Dalendus Vool, Baron von Tallan, war in Wahrheit ein Agent Zaars, der geschworen harte, den Sturz Patangas herbeizuführen. Hier in diesem Haus war der Schwarze Meister in Sicherheit, um seine Pläne zu schmieden und im Verborgenen zu arbeiten, damit seine Verschwörung Früchte tragen konnte.

  Während der langen Jahre schmerzlichen Duldens und Mühens, während er sich qualvoll und langsam durch den Kontinent nach Patanga bewegte, hatte der Verschlagene einen meisterlichen Racheplan entworfen. Inzwischen waren alle Einzelheiten festgelegt. Der Plan war fehlerlos. Er musste gelingen. Thongors Schicksal war besiegelt. Selbst hier, inmitten seiner eigenen Stadt, umringt von hunderttausend Kriegern, würde der schwarze Schatten des Letzten Druiden ihn finden und in den Staub werfen...

 

  Tage vergingen, und die Stunde des großen Frühlingsfestes war gekommen. Gekleidet in feierliche Gewänder, versammelten die Großen des Westens sich in der mächtigen Säulenhalle des Tempels der Neunzehn Götter, um mitzuerleben, wie der Herrscher am Hochaltar das Opfer darbrachte. Der witzige, spöttische, stutzerhafte Prinz Dru war anwesend, der joviale alte Krieger Lord Mael von Teso.ni mit seinen jungen Töchtern Inneld und Lulera. Makellos in funkelndem Silberharnisch und himmelblauem Umhang stand Thom Pervis von der Luft-Garde neben seinem alten Kameraden Zad Komis, dem Führer der Schwarzen Drachen. Prinz Schangoth von der Jegga-Horde überragte die anderen. Das ruhige, junge Gesicht des großen Nephelos, Iothondus von Kathool, war in der ersten Reihe zu erkennen, zusammen mit Charn Thovis, dem alten Baron Selverus und all den kleineren Adligen und den Botschaftern aus den tributpflichtigen Städten Shembis und Tsargol, Zangabal und Pelorm, von denen letztere erst seit einem Jahr unter den Bannern des Reiches stand.

  Bei den rangniedrigeren Lords stand der fette, unsympathische Dalendus Vool, in prächtige Kleider gehüllt. Edelsteine funkelten an Ohrläppchen, Stirn und Brust, und seine dicken Finger waren ein einziges Glitzern von Juwelen. Aber Reichtum und Protzerei vermochten die Hässlichkeit des Barons von Tallan nicht zu verbergen, denn die Natur hatte sich vom Augenblick seiner Geburt an gegen ihn verschworen. Dalendus Vool war das Opfer einer seltenen Krankheit, die seine Haut kränklich und bleich erscheinen ließ. Sein schütteres Haar war weiß. Die schwachen, wässrigen Augen waren unnatürlich rosarot getönt. Heute nennen wir diese Bedauernswerten Albinos. Wir bringen ihnen Mitgefühl entgegen. Aber für die Völker einer früheren, barbarischeren und abergläubischeren Zeit galten sie als Hexen und Zauberer und wurden gefürchtet und gehasst. Als Erbe einer großen und reichen Familie wurde Dalendus Vool jedoch vor der Verachtung und der Furcht des gemeinen Mannes bewahrt. Aber nichts milderte seinen Hass, den er für normale Menschen empfand, die glücklicher als er waren, wegen ihrer normalen Hautpigmentierung. Sein geheimer Hass fraß an den Wurzeln seines Wesens wie ein giftiger Krebs, und dieser Makel in seinem Charakter hatte ihn zu einem leichten Opfer für die Ränke Zaars werden lassen, wo man seine verräterischen Dienste für die Sache der Stadt mit dem lockenden Versprechen kaufte, ihn zum Herrn der Stadt zu machen und die Patanganer zu seinen Sklaven, mit denen er nach Lust und Laune verfahren durfte, sobald er den Schwarzen Zauberern dazu verholfen hatte, die Stadt der Flamme zu unterwerfen.

  Hätte jemand Anlass gefunden, darauf zu achten, wäre vielleicht aufgefallen, dass Dalendus Vool von einer mächtigen Gefühlsbewegung ergriffen war, als er dabeistand, umgeben von seinem kleinen Gefolge, und die Zeremonie beobachtete.

Schweiß glänzte feucht auf seiner farblosen Stirn, und in seinen kranken Augen glühte, spiegelte sich Entsetzen wider. Sein schlaffer, aufgeworfener Mund zitterte, und sein gedunsener Körper erbebte unter der Gewalt seiner Empfindungen. War es Angst? Oder Anspannung? Niemand hätte es sagen können, und tatsächlich achtete auch keiner darauf.

  Und wer mochte der hochgewachsene Fremde sein, der sich vor kurzem seinem Gefolge angeschlossen hatte? Eine hagere Gestalt, in Schwarz gekleidet, die Kapuze so tief im Gesicht, dass in dem Schatten, wo er stand, niemand seine Züge zu erkennen vermochte. Nur das Glitzern smaragdgrüner Augen, die wie erstarrte Höllenglut durchs Halbdunkel leuchteten, war zu erkennen: Mardanax von Zaar.

 

  Thongor opferte am Altar den Neunzehn Göttern, deren riesige Gestalten aus behauenem, poliertem Marmor ihn in einem großen Halbkreis umstanden. Die Gestalten Waren Vater Gorm und die lächelnde Tiandra, Aedir, der Sonnengott, und Illana, die Mond-Frau, Karchonda, der Schlachtenlenker, und der junge Iondol, Herr des Gesanges, der weise Pnoth, die grimme Avangra, Shastadion, der Herr der Meere, Diomala, die Erntegöttin, und alle anderen. Die Mittagssonne sandte mächtige Speere goldenen Lichts durch die gigantische Glaskuppel. Schimmerndes Licht leuchtete sanft auf dem glatten, weißen Marmor der riesenhaften, heroischen Götterfiguren, ein Lichtstrahl fiel auf den Altar selbst und erfasste Thongor, den Herrn des Westens, mit seinem gleißenden Licht.