INHALT

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Karte
  8. KAPITEL EINS - Die Insel Likoma – 1694
  9. KAPITEL ZWEI - Am nördlichen Njassasee – 1887
  10. KAPITEL DREI - London – Februar 1983
  11. KAPITEL VIER - Malawi – März 1983
  12. KAPITEL FÜNF - Malawisee – Mai 1983
  13. KAPITEL SECHS - London – Mai 1983
  14. KAPITEL SIEBEN - London – Gegenwart
  15. KAPITEL ACHT
  16. KAPITEL NEUN
  17. KAPITEL ZEHN
  18. KAPITEL ELF
  19. KAPITEL ZWÖLF
  20. KAPITEL DREIZEHN
  21. KAPITEL VIERZEHN
  22. KAPITEL FÜNFZEHN
  23. KAPITEL SECHZEHN
  24. KAPITEL SIEBZEHN
  25. KAPITEL ACHTZEHN
  26. KAPITEL NEUNZEHN
  27. KAPITEL ZWANZIG
  28. DANKSAGUNG

Über dieses Buch

Spannung, Romantik und Abenteuer vor beeindruckender Landschaft – willkommen in Beverley Harpers Afrika!

Auf der Suche nach ihrem verschollenen Vater reist die Geologin Lana nach Malawi, Afrika. Sie hat die Hoffnung nie aufgegeben, ihn lebend wiederzusehen. Vor Ort lernt sie den attraktiven englischen Diplomaten Tim Gilbey kennen, der ihr bei den Nachforschungen hilft. Je tiefer Lana bei ihrer Spurensuche in die Vergangenheit eintaucht, umso näher kommt sie auch Tim. Doch schon bald merkt sie, dass sie sich auf ein gefährliches Unternehmen eingelassen hat: Sie wird verfolgt, absichtlich auf falsche Fährten gelockt und sogar überfallen. Offenbar versucht jemand zu verhindern, dass Lana das Verschwinden ihres Vaters aufklärt – um jeden Preis …

Über die Autorin

Beverley Harper, geboren in Australien, reist mit sechsundzwanzig Jahren nach Afrika, wo sie ein Jahr bleiben wollte. Es wurden fast zwanzig Jahre, die sie in Botswana, Malawi und Südafrika verbrachte, bevor sie mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen wieder nach Australien zog. Beverley Harper starb 2002 in Beverley Hills. Ihre Asche wurde nach Afrika gebracht.

Beverly Harper

Das Gold von
Afrika

Roman

Aus dem Englischen von
Karin Dufner

beHEARTBEAT

Dieses Buch ist meiner Familie gewidmet,

insbesondere Mona und Fairy

Außerdem widme ich es dem Gedenken an

Debbie Gange-Harris

karte.tif

EINS

Die Insel Likoma – 1694

Die dunkle Wasserfläche war fast spiegelglatt. Am Ufer schwankte das Schilf träge im Wind. Ein Fischadler stieß einen schrillen, wilden Ruf aus, der von seiner Gefährtin erwidert wurde. Es war schwül, und Spannung lag in der Luft. Winzige Wellen plätscherten lautlos an den Strand. Im weißen Sand hinterließen sie Spuren, die kaum länger waren als der kleine Finger einer Männerhand.

Der Strand wurde durch runde, glattgeschliffene Sandsteinfelsen von einer kleinen Bucht abgetrennt. Es war ihnen noch anzusehen, dass sie sich früher einmal unterhalb des Wasserspiegels befunden hatten. Im Licht der Abenddämmerung wirkte das Wasser seidig und schwarz, durchzogen von den silbrigen Strudeln verborgener Strömungen.

Diogo Pedago war kein Feigling. Mit seinen achtunddreißig Jahren hatte er schon viele Schlachten geschlagen. Regelmäßig reiste er ins größtenteils unerforschte afrikanische Hinterland, in das kaum ein Mann einen Fuß zu setzen wagte. Er hatte Afrikas schroffe, unberechenbare Küste umschifft, Männer an Krankheiten und Schlangenbissen zugrunde gehen sehen und miterlebt, wie sie im Kampf fielen. Diogo wusste, dass auch er gegen die Fügungen des Schicksals machtlos war, aber für ihn war das Leben eine Folge von Herausforderungen, denen es sich zu stellen galt. Für Reue oder gar Selbstvorwürfe hatte er ebenso wenig Verständnis wie für Hasenfüße und Muttersöhnchen. Seiner Auffassung nach war jeder seines Glückes Schmied, und er war überzeugt davon, gegen jedes Leid gefeit zu sein.

Doch in dieser tiefschwarzen Nacht sollte Diogo Pedago Zeuge eines Ereignisses werden, das ihn in Angstschweiß ausbrechen ließ.

König Lundu war eine imposante Erscheinung, ein Mann, dessen Alter man nur schwer schätzen konnte. Er trug seine Macht mit einer fast übertriebenen Würde und duldete, wie seine Untertanen sehr wohl wussten, keinen Widerspruch. Durch die Fettwülste unter seinem Kinn, an seinen Armen und Beinen und an seinem Bauch wirkte sein nahezu unbehaarter Körper massig und ehrfurchtgebietend. Für seine Untertanen war sein Leibesumfang ein Zeichen gewaltiger Körperkräfte und außergewöhnlichen Mutes. Über sein kleines Reich herrschte er wie alle Könige dieser Zeit – Angst, Gehorsam und rückhaltlose Verehrung waren die Voraussetzungen dafür, am Leben zu bleiben.

Auf ein Zeichen des Königs hin wurden Fackeln entzündet. Ihr flackerndes Licht fiel auf das tiefschwarze Wasser der Bucht und ließ die Schatten derer, die sich um König Lundu versammelt hatten, auf den Felsen tanzen. Auch das große Lagerfeuer oben auf dem Hügel wurde entfacht. Die hoch emporzüngelnden Flammen waren noch auf dem Festland zu sehen. Diogo Pedago erschauderte, obwohl der Abend warm war. Grausiger als das, was gleich geschehen würde, konnte der Tod nicht sein.

Ng’ona hatte die Flammen auch bemerkt. Er lauerte drei Meter unter der Wasseroberfläche, schlug mit dem Schwanz und schwamm im Kreis herum. Seinem kleinen Reptiliengehirn war klar, was das bedeutete: Nahrung. Er wartete. Beim ersten Platschen würde er nach oben schießen und den Körper des Opfers um die Mitte packen wie ein Vogel, der einen Fisch im Schnabel trägt. Er würde sich hintenüberwälzen, auf den Grund des Sees hinabtauchen und seine Beute so lange umklammern, bis sie die sinnlosen Fluchtversuche aufgab. Dann erst würde Ng’ona zu der Stelle hinübergleiten, an der er seine Vorräte aufbewahrte, und die Leiche dort für einige Tage lagern, bis der Verwesungsgeruch ihm verriet, dass sie zerrissen und verschlungen werden konnte.

Diogo Pedago warf einen Blick auf den stolzen, kraftstrotzenden jungen Mann, der das Opfer sein würde. Seine Muskeln spielten im Schein des Feuers unter der tiefschwarzen, schimmernden Haut. Aufrecht und hoch erhobenen Hauptes stand er da. Sein Schicksal war besiegelt, und es blieb ihm nichts, als in Würde zu sterben. Als Diogo das leichte Zittern des Mannes bemerkte, überlegte er, was in diesem Moment wohl in dessen Kopf vorging. Würde er von selbst springen? Oder würde man ihn ins Wasser werfen müssen? Bei seinem Volk war ein Mann, der als Feigling starb, bis in alle Ewigkeit zu einem Geisterdasein verdammt. Obwohl Diogo Mitleid mit anderen eigentlich fremd war, empfand er es als Verschwendung, einen guten, kräftigen Krieger wie diesen Mann zu töten.

Dem Portugiesen Diogo Pedago rann der Schweiß übers Gesicht, doch er wagte nicht, ihn abzuwischen, denn es würde nicht unbemerkt bleiben, wenn er Schwäche zeigte. Für die Eingeborenen war der Mut eines Mannes von großer Bedeutung. Dass Diogo die Opferung des bedauernswerten Kriegers miterleben sollte, war gewiss eine Prüfung. Er war auf die Hilfe des Königs stärker angewiesen als dieser auf seine, und deshalb zwang er sich, nicht auf seine brennenden Augen und die Moskitostiche zu achten.

Um sich abzulenken, überlegte Diogo, warum der König ausgerechnet diesen Mann als Opfer ausgewählt hatte. Die Entscheidung schien ganz beiläufig gefallen zu sein, als Antwort auf Diogos Frage: »Besteht Gefahr?«. Daraufhin hatte der König mit den Fingern geschnippt, und der Krieger war, ohne zu zögern, vorgetreten. Der junge Mann hatte keine Miene verzogen, als der König ihm befahl zu sterben.

Ein unheilvoller Trommelwirbel kündete davon, dass sein Tod nicht mehr fern war.

Ng’ona, der drei Meter unter der Wasseroberfläche verharrte, spürte die dumpfen Trommelschläge. Träge schwamm er im Kreis herum. Das, was man ihm hin und wieder vorwarf, war leichte Beute und ihm weder an Kraft noch an Geschwindigkeit ebenbürtig. Mit seiner Länge von fünfeinhalb Metern war er stark genug, ein Rhinozeros zur Strecke zu bringen, und so schnell, dass er im Notfall eine ausgewachsene Antilope erlegen konnte. Er war hundertvierundsechzig Jahre alt, mit ein wenig Glück würden ihm noch weitere fünfzig bis sechzig Jahre beschieden sein. Und er konnte mit einem langen Leben rechnen, denn niemand hätte auch nur daran zu denken gewagt, ihm etwas anzutun. Es hieß, er sei der Geist von König Lundus Urgroßvater, der in Gestalt eines Krokodils auf die Erde zurückgekehrt sei, um seinen Urenkel und dessen Getreue zu schützen. Er lebte in einer Höhle unter dem Wasser, herrschte über die kleine Bucht und den umliegenden See und wurde wegen seiner Größe und Kraft gefürchtet, geachtet und verehrt.

Diogo sah zu dem Felsen hinüber. Der Krieger stand allein und unbewacht da. Sicher, der Mann hätte fliehen können, aber wohin? Die Insel Likoma war acht Kilometer lang und nur knapp vier Kilometer breit. Bis zum Festland waren es dreizehn Kilometer. Diogo vermutete, dass der Mann, wie die meisten von König Lundus Untertanen, kaum schwimmen konnte.

Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, rosiger Feuerschein spiegelte sich im glatten, schwarzen Wasser. König Lundu erhob sich langsam von seinem Lebensthron. Die Schlange auf seiner mit Perlen verzierten Krone schien im flackernden Licht zum Leben zu erwachen. Hinter ihm bliesen Musiker auf ihren siwas – kunstvoll geschnitzten, in verschiedenen Tonarten gestimmten Elfenbeinhörnern – eine laute, klagende Melodie zu dem Klang der Trommeln. Die Todesbotschaft hallte durch die Nacht. Als der König den Arm hob, trat schlagartig beklommenes Schweigen ein.

Diogo Pedago sah, wie der Mann auf dem Felsen sich zum Sprung bereitmachte. Ohne sich noch einmal nach seiner Familie umzublicken und ohne ein letztes Wort vollführte er einen hohen Sprung, als wolle er den letzten schrecklichen Moment noch hinauszögern. Dann stürzte er sich mit den Füßen zuerst in die schwarze Umarmung des unermesslichen Grauens. Er ging unter, tauchte sofort wieder auf und versuchte, langsam auf die Küste zuzuschwimmen. Seine unbeholfenen Bewegungen zeigten, dass er sich kaum über Wasser halten konnte. Ng’ona packte ihn so heftig um die Mitte, dass beide, Mensch und Tier, fast zwei Meter emporgeschleudert wurden. Schaum spritzte über die lange Schnauze und die gelben Schlitzaugen des Krokodils. Diogo beobachtete, wie der Mann in Todesangst die Augen weit aufriss, als der Schmerz ihn fasste und ihm klar wurde, dass sein Leben unwiderruflich zu Ende war. Noch einen letzten Blick konnte Diogo auf den jungen Mann erhaschen, bevor das Krokodil sich herumwälzte und mit einem fast anmutigen Schwanzschlag verschwand. Flackernder Fackelschein tanzte auf dem Wasser der Bucht. Kurz darauf lag der See wieder spiegelglatt da, so als hätte es nie einen Toten und ein Krokodil gegeben.

Wortlos nahm König Lundu auf seinem Lebensthron Platz, und die sechs Träger hoben die Sänfte vorsichtig an, um ihn nicht zu verärgern. Der König musste die achtundfünfzig steilen, schmalen Stufen, die man in den Fels gehauen hatte, hinaufgetragen werden. Sie führten vom Strand unmittelbar in den größten seiner fünf Höfe oben auf dem Hügel. Die jungen Männer mussten mit größter Sorgfalt zu Werk gehen, damit ihr Herrscher nicht durchgerüttelt wurde oder aus der Sänfte fiel. Ihnen folgten die Priester und Ältesten und Diogo als Ehrengast. Die übrigen Dorfbewohner hielten ehrfürchtig Abstand. Die Familienmitglieder des toten Kriegers gingen als Letzte in der Reihe.

Lampen in Hunderten von Felsnischen beleuchteten den Weg. König Lundus Höfe erstreckten sich bis zum Macholo, dem höchsten Punkt der Insel, und waren ein beeindruckendes Zeugnis der Baukunst und Steinmetzarbeiten seines Volkes. Nachdem die Träger den Aufstieg bewältigt hatten, trugen sie den König über den Audienzhof und eine Arkade entlang. Am Eingang eines seiner Empfangssäle wurde die Sänfte behutsam heruntergelassen. Höflinge traten vor, um den Lebensthron und auch die Schwerter und Sonnenschirme zu entfernen, die der König stets mit sich führte. Während sie die Gegenstände an ihren Platz schafften, wartete Diogo unter der Arkade. Inzwischen war auch sein Übersetzer gekommen.

Der König winkte Diogo zu sich und betrat den Empfangssaal, wo er sich umrahmt von Priestern, Ältesten und Soldaten niederließ. Er wartete ab, bis Diogo und der Übersetzer vor ihm Platz genommen hatten. »Bist du zufrieden?«

»Ja, Allerheiligster. Der Schatz ist sicher.«

»Und wie ist dieser Schatz in deine Hände geraten?«

Der König war allein von der Masse der Halsketten, Schnitzereien, Schalen und Kultgegenstände verschiedenster Formen und Größen beeindruckt gewesen. Einige davon bestanden aus massivem Gold, andere aus vergoldetem Holz. Diogo hatte den gesamten Frachtraum seines Schiffes damit füllen können. Ein zweites Schiff war mit Getreide, Stoffen, Perlen, Elfenbein, lebenden Tieren und Rumfässern beladen – alles Geschenke für den König.

Schon früher hatte Diogo Geschäfte mit dem König getätigt. Bis zum letzten Jahr hatten seine Schiffe rechtmäßig erworbene Handelsware transportiert – Drahtspulen aus Eisen, Kupfer, Bronze und Gold, Blattgold, Goldperlen, goldene, bronzene und kupferne Ketten, Armbänder und Masken, Kupferbarren, kupferne Schmuckstücke, Gongs aus Metall, Statuetten und Schnitzereien, Geschirr aus Speckstein und sogar goldene Werkzeuge. Er hatte von Sofala an der Ostküste bis zum Sambesi im Landesinneren Handel getrieben. Dann war er nach Süden zu den Märkten am Limpopo und am Sabi und nach Groß-Simbabwe im Norden gereist und hatte schließlich den großen See zur Insel Likoma überquert, wo der König seine Waren im Austausch gegen Geschenke für ihn lagerte. Zu guter Letzt wurden die Gegenstände von Sklavenschiffen, die nach Osten fuhren, nach Kilwa und Sansibar geschafft.

Im vergangenen Jahr jedoch hatte der Mambo, der Herrscher von Groß-Simbabwe, sämtliche portugiesischen Händler aus seinem Königreich verbannt. In seiner Säuberungsaktion hatte er auch den Munhu Mutapa und seine Gefolgsleute, die Shona, von der Hochebene vertrieben und sein eigenes Shona-Reich für das Volk der Rozvi gegründet. Die Portugiesen waren zwar auf den Märkten des Munhu Mutapa im Norden immer noch willkommen, doch die goldreiche Hochebene von Groß-Simbabwe war nun für sie verbotenes Gebiet. Eine Weile hatten sich die Portugiesen – so auch Diogo – afrikanischer Zwischenhändler, der Vashambadzi, bedient. Allerdings hatte sich diese Lösung als wenig zufriedenstellend erwiesen, denn für die Vashambadzi war der Handel nur ein Nebenerwerb, sie beschäftigten sich den Großteil des Jahres mit Ackerbau und Viehzucht.

Wie Diogo Pedago wusste, war dem König durchaus klar, dass er durch regulären Handel nie in Besitz dieser Schätze gekommen wäre. Die sprechenden Trommeln Afrikas – ausgehöhlte Baumstämme, bis zu zwei Meter lang, anderthalb Meter dick und im Umkreis von etwa dreißig Kilometern zu hören – hatten ihn binnen Stunden vom Beschluss des neunhundert Kilometer entfernten Mambos in Kenntnis gesetzt. Diogo war ein vorsichtiger Mann. Im unberechenbaren Afrika hatte so mancher Ausländer nur wegen einer unbedachten Bemerkung sein Leben lassen müssen. Er überlegte, wie viel er dem König verraten durfte. In der Vergangenheit war Lundu stets ein zuverlässiger Geschäftspartner gewesen, doch was würde er sagen, wenn Diogo einen Diebstahl zugab? Der König sah ihn abwartend an. Und da Diogo die Vorliebe Lundus und seines Volkes für gute Geschichten kannte, blieb er bei der Wahrheit.

»Der Mambo der Rozvi ist kein Freund der Portugiesen«, begann er. »Im letzten Jahr hat er uns verboten, mit ihm Handel zu treiben.« Diogo spuckte aus. »Er befürchtet, wir könnten ihm sein Königreich wegnehmen.«

König Lundu nickte. »Davon habe ich gehört. Er will mehr Macht.«

»Und dabei schafft er sich Feinde. Sei auf der Hut, Allerheiligster, denn er betrachtet sich als Herrscher über alle Länder Afrikas.«

Der König runzelte die Stirn.

»Wir Portugiesen machen seit Jahrhunderten hier Geschäfte«, fuhr Diogo fort. »Und haben wir etwa versucht, dir das Land wegzunehmen?«

»Der Munhu Mutapa ist nichts weiter als eine Marionette der Portugiesen«, entgegnete der König mit unbewegter Miene.

Diogo musste König Lundu zugestehen, dass er sehr gut unterrichtet war. »Es ist wahr, wir haben dem Munhu Mutapa geholfen und würden auch dem Mambo gern helfen.«

König Lundus fetter Wanst wabbelte, als er sich eine bequemere Sitzposition suchte. »Dann ist der Mambo ein Narr, der nichts für sein Volk tut«, erwiderte er leichthin.

Diogos Hoffnung wuchs. Offenbar würde es den König nicht kümmern, dass der Schatz gestohlen war. »Du bist äußerst weise, Allerheiligster. Der Mambo hat eine Lektion erhalten, die er nicht vergessen wird. Groß-Simbabwe hat keine Schätze mehr, und es war nicht schwer, sie ihm abzunehmen.«

König Lundu zuckte gleichmütig die Achseln. »Warum auch nicht? Sie bauen ihre Städte, ohne an die Verteidigung zu denken. Ein Kind könnte ihnen die Schätze rauben.«

Vorsicht, dachte Diogo. Pass auf, dass er nicht den Respekt vor dir verliert. »Du hast recht, Allerheiligster, selbst ein Kind könnte ihnen die Schätze rauben.« Er hielt inne und fügte dann schlau hinzu: »Aber ein Kind könnte der Rache der Rozvi nicht entgehen. Viele Männer sind beim Kampf ums Leben gekommen. Zum Glück waren es hauptsächlich Rozvi.«

»Sprich«, befahl der König.

Diogo machte eine dramatische Pause und fuhr dann fort. »Die Nacht war dunkel, Allerheiligster. Der Mond war jung und noch nicht aufgegangen. Wir haben uns in den Bäumen vor der großen Festung verborgen und gewartet, bis es still wurde.«

»Wie viele wart ihr?«

»Ich hatte fünfundzwanzig Männer. Und wir hatten noch fast zweihundert Nguni mitgebracht«, fügte er hinzu. Das war der Stamm, zu dem der König selbst gehörte.

Lundu verzog höhnisch das Gesicht. »Dann wart ihr ebenso stark wie der Gegner.«

»Nur um die Schätze zu tragen, Allerheiligster. Die Nguni sind nicht mit uns in Groß-Simbabwe eingedrungen.«

Endlich schien der König beeindruckt.

»Der Schatz befand sich im Turm des Mambo. Wir haben die vier Wachen getötet und alles mitgenommen. Meine Männer und ich sind unzählige Male zwischen Groß-Simbabwe und unserem Versteck hin- und hergelaufen. Niemand hat uns gesehen oder gehört.« Diogo gestattete sich den Anflug eines selbstzufriedenen Lächelns. »Als der Mond aufging, waren wir schon wieder fort.«

»Und der Kampf?«

»Ach, Allerheiligster, es war ein gewaltiges Gemetzel. Vier Tage später, als wir uns dem Sambesi-Fluss näherten, holten die Rozvi uns ein. Als der Tag sich dem Ende zuneigte, war keiner von ihnen mehr am Leben. Der Fluss war rot von ihrem Blut. Von den Ngoni sind nur zwei Dutzend gefallen.« Diogo erwähnte nicht, dass dreihundert Krieger des Munhu Mutapa ihnen zur Hilfe gekommen waren. Er verließ sich darauf, dass so eine unwichtige Einzelheit dem König nicht zu Ohren gekommen war. Und König Lundus Worte bestätigten diese Vermutung.

»Das ist gut. Und nun segelst du nach Malindi?«

»Am Morgen«, entgegnete Diogo. »Der Schatz bleibt hier, bis für den Transport nach Kilwa gesorgt ist. Ich werde dir Nachricht geben.«

Das Geschäft war unter Dach und Fach, die Geschichte erzählt, und die beiden Männer hatten sich nicht mehr viel zu sagen. Nachdem der König den Empfangssaal verlassen hatte, begab Diogo sich in die Gästeunterkunft.

Drei Tage später brach ein heftiger Sturm los, der die Wogen des Sees aufpeitschte. Diogo Pedagos Schiff sank vor der felsigen Küste von Makanjira Point und riss die gesamte Besatzung mit in den Tod. König Lundu, der auf Nachricht von ihm wartete, vergaß den Schatz bald. Für ihn besaß er keinen Wert, und außerdem wütete in seinem kleinen Königreich die Malaria. Der König und achtzig Prozent seines Volkes erlagen der Krankheit. Die Überlebenden verließen die kleine Insel Likoma und siedelten aufs Festland über. Die riesige Festung, die ihr Zuhause gewesen war, fiel dem wuchernden Busch, den Ameisen und der Witterung zum Opfer. Im Jahr 1886, fast zweihundert Jahre später, als die anglikanische Kirche in ihrer Weisheit beschloss, auf Likoma eine Kathedrale zu errichten, waren sämtliche Spuren von König Lundu und seinem Volk bereits verschwunden. Eine Ironie des Schicksals wollte es, dass die St. Peter Kathedrale in Chipyela erbaut wurde, also genau auf dem Verbrennungsplatz oberhalb des Strandes, von dem aus Diogo Pedago die Hinrichtung des jungen Kriegers beobachtet hatte. Die anglikanische Kirche wollte damit die finstere Vorgeschichte dieser Insel durch gute Werke ungeschehen machen.

Ng’ona lebte weitere dreiundsechzig Jahre. Die Fütterungen durch König Lundu hörten zwar auf, doch im großen See wimmelte es von Fischen. Zufällig starb Ng’ona zu der Zeit, als die Insel wieder besiedelt wurde, diesmal von Fischern vom Stamm der Nguni. Dennoch mieden die Menschen die Bucht, über die einst das große Krokodil geherrscht hatte. Im Jahr 1871 ließ sich wieder ein Krokodil in der Bucht nieder, das allerdings viel kleiner als Ng’ona war. Die geschützte, von Schilf gesäumte Bucht und die geräumige, trockene Höhle, in der sich merkwürdige goldene Gegenstände türmten, eigneten sich großartig als Unterschlupf.