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Axel Düvel

FAB 51

Thriller


Für Miae, Daniela und Dana


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Angaben zum Buch

Inhalt

Der militärische Geheimdienst Chinas schleust eine Agentin in die taiwanische Halbleiterfabrik FAB 51 ein. Xia Wu kann beste Referenzen vorweisen, die 35-Jährige spricht aber nur ungern über ihre Vergangenheit. Ihr Auftrag: Das Produktionsverfahren für einen neuartigen Computerchip stehlen.

Dem deutschen Entwicklerteam der FAB ist es gelungen, die Funktion des menschlichen Gehirns auf einen daumennagelgroßen Schaltkreis zu bannen. Der Durchbruch in Sachen künstlicher Intelligenz hat das Potential, alle Bereiche von Industrie und Wissenschaft zu revolutionieren.

Xia gewinnt schnell das Vertrauen des deutschen Produktionsleiters Uwe Mayer. Schon bald muss sie feststellen: Die Produktion des Superchips läuft nicht ganz so reibungslos, wie die Firmenleitung behauptet. Und der mit den neuartigen Schaltkreisen bestückte Supercomputer zeigt ein unerwartetes Eigenleben. Xias Wunsch, die Mission abzubrechen, wird von Peking abgelehnt. Sie beschließt, ihre Auftraggeber mit belanglosen Informationen zu füttern - eine folgenschwere Entscheidung.

 

 

Autor

Axel Düvel  beschäftigt sich hauptberuflich mit der Fertigung von Computerchips. Er lebt mit Frau, zwei Töchtern und einem etwas zu groß geratenen Malteserhund in Daejeon, Südkorea.

Vorspiel

Formosa Strait

22:07

Hauptmann Li Song drückte die Nase seiner BY-127 in Richtung Meeresoberfläche. Gleich würde er die Wasserung einleiten und dann zusammen mit seiner Kopilotin Leutnant Ling Hui einige Proben aus dem Ozean entnehmen. Genau wie sie es schon in den Wochen zuvor mehrfach getan hatten. Beide waren sich bewusst, dass sie von den Streitkräften Taiwans genauestens beobachtet wurden. Das beunruhigte sie jedoch keineswegs. Genaugenommen legten sie es sogar darauf an und gaben sich keine Mühe, ihr Treiben zu verbergen.

Bei der BY-127 handelte es sich um ein Flugboot neuester Technologie. Der Hochdecker mit seinen zwei Motoren und dem flachen Rumpf ähnelte der Consolidated PBY Catalina, dem bis heute meistgebauten Flugboot. Die Catalina, benannt nach Santa Catalina Island vor der Küste Kaliforniens, wurde im zweiten Weltkrieg als Fernaufklärer, U-Bootjäger und zur Seenotrettung eingesetzt. Die Neukonstruktion war aber, im Gegensatz zum Original, vollständig aus glasfaserverstärktem Kunststoff gebaut und zeigte dem Feind nur einen kleinen Radarquerschnitt. Song hatte sich alle Mühe geben müssen, um dennoch auf dem taiwanischen Überwachungsradar zu erscheinen. Bis vor einigen Jahren war diese Bauweise Segelflugzeugen vorbehalten gewesen. Inzwischen wurde sie zur Gewichtsersparnis auch bei großen Passagierjets eingesetzt. Allerdings entwickelte niemand mehr größere Flugboote, niemand außer dem chinesischen Hersteller BY. Die Maschine war in der Lage, zwanzig voll ausgerüstete Soldaten samt dem Equipment für Kommandoeinsätze über fünftausend Kilometer zu befördern. Sie verfügte über eine KI, eine künstliche Intelligenz zur Flugsteuerung, und konnte auch autonom wie eine Drohne eingesetzt werden.

Ling Hui hatte gerade die Checkliste für den Endanflug auf ihrem Computerschirm aufgerufen, da fühlte sie einen harten Schlag in der Rumpfstruktur, begleitet von einem dumpfen Knall und einem tosenden Luftstrom, der sich seinen Weg durch die Kabine ins Cockpit bahnte. Sofort begann die Maschine zu schlingern und drohte, über die rechte Tragfläche abzuschmieren Die Bildschirme der Piloten wurden von Fehlermeldungen überflutet. Eine weibliche Computerstimme listete die Meldungen der Dringlichkeit nach auf:

 

Rechtes Triebwerk komplett ausgefallen

Feuerlöscheinrichtung aktiviert

Strukturelles Versagen der Rumpfstruktur


In einer normalen Maschine hätte der Ausfall eines Triebwerks so dicht über der Wasseroberfläche leicht in einem Desaster geendet. Nicht so in der BY-127. Der autonome Flugcomputer übernahm selbstständig die Steuerung, richtete die Maschine wieder auf und drosselte das noch intakte Triebwerk. Dann setzte das Flugboot den Landeanflug fort. Perfekt war die aktuelle Version der KI jedoch keineswegs. Wäre dies der Fall gewesen, hätte das System den Anflug abgebrochen. Es war so gut wie ausgeschlossen, mit dem Schub nur eines Motors wieder von der Wasseroberfläche zu starten. Song betätigte den Schalter für den Autopiloten, um die Steuerung wieder selbst zu übernehmen. Doch die Maschine reagierte nicht auf seine Befehle. Stattdessen erklärte die freundliche Frauenstimme:

 

Manuelle Steuerung nicht empfohlen


Kurzerhand langte er nach dem Reset-Knopf. Er machte sich nicht die Mühe, die Plexiglasabdeckung zu entriegeln und hochzuklappen, sondern hieb seine Faust mit voller Kraft auf das Panel neben ihm. Sofort erloschen die Bildschirme und ein Warnlicht mit der Aufschrift Notsteuerung leuchtete am Overheadpanel auf. Die Ruderklappen reagierten wieder auf seine Eingaben. Rasch schob er den Schubhebel des noch intakten Triebwerks nach vorn und glich das Drehmoment der mächtigen Turbine mit dem Seitenruder aus. Nur wenige Meter über der Wasseroberfläche begannen sie, wieder langsam zu steigen. Gefühlvoll zog er den Leistungshebel ein wenig zurück, um eine Überhitzung des verbliebenen Triebwerks zu vermeiden. Erst jetzt drang der tosende Lärm in sein Bewusstsein und er fand Zeit, nach hinten in den Laderaum zu schauen. Was er dort sah, verschlug ihm den Atem, trotz seiner fast zweitausend Flugstunden. In der rechten Rumpfseite konnte er ein metergroßes Loch ausmachen. Gegenüber steckte eines der sichelförmigen Propellerblätter noch in der Rumpfwand. Er erinnerte sich dumpf an den Bericht über die Erprobung des ersten Prototypen. Ein Materialfehler hatte zu einem ganz ähnlichen Versagen geführt. Bei dem Absturz war der Testpilot ums Leben gekommen. Nun, sie lebten. Aber wie lange noch? Die Steuerungstechnologie der BY-127 durfte auf keinen Fall in die Hände der Taiwaner fallen. Das hatte ihr Geschwaderkommandant deutlich gemacht. Die Folgen würden furchtbar sein, für sie und ihre Familien. Langsam drehte Song die Maschine auf das chinesische Festland ein. Dann legte er seine Hand beruhigend auf die Schulter der Copilotin. Sie konnten nur hoffen, dass die Maschine nicht auseinanderbrechen würde.

 

 

Peking

Wohnsiedlung Goldene Schlange Nr. 3


Ein wenig neidisch beobachtete Xia Zou das laute Treiben auf dem kleinen Spielplatz. Die meisten Mütter standen am Rande und schauten ihren Kindern zu. Einige Omas schienen sich zu kennen. Sie schnatterten aufgeregt miteinander und kümmerten sich nicht weiter um ihre Enkel. Es war einer der wenigen Tage in Peking, an denen der Himmel in einem tiefen Blau erstrahlte. Der Sand, in dem die Kinder tollten, war noch nass von dem reinigenden Regenschauer, der am Vormittag niedergegangen war. Es roch nach Frühling.

Xias Gedanken schweiften zurück zu ihrer eigenen Kindheit. Niemand war mit ihr zum Spielplatz gegangen. Soweit sie zurückdenken konnte, vermischte sich ihre Erinnerung mit dem Bild einer bröckelnden Fassade. Der Fassade des Waisenhauses Nr. 83, in dem sie aufgewachsen war. Ihre Eltern seien bei einem Busunglück ums Leben gekommen, hatten die Erzieherinnen ihr erzählt. Zusammen mit der älteren Schwester. Mehr wusste sie nicht über ihre Herkunft. Und sie hatte auch nie das Bedürfnis verspürt, mehr herauszufinden. Nicht zurückschauen, auf das Morgen konzentrieren. Später begann sie, in einer nahegelegenen staatlichen Chemiefabrik zu arbeiten und brachte es schnell zur Assistentin des Produktionsleiters. Der Tölpel hatte ihr gegenüber immer mit seinem Fachwissen geprahlt. Xia fand jedoch schnell heraus, das er sich nur aufspielte. Als sie ihm sagte, er würde eines Tages noch mit seinen unsinnigen Versuchen die gesamte Anlage in die Luft jagen, hatte er sie gegen die Wand gedrückt und versucht, zu vergewaltigen. Kampfsportarten waren eine der wenigen Abwechslungen im Waisenhaus gewesen. Xia hatte sich nicht nur in einer hervorgetan. Und so fand sich der Widerling von einem Moment auf den anderen am Fuße seines Schreibtischs wieder, mit einem gebrochenen Arm.

Herr Gong, so hieß der Produktionsleiter, war nicht zufälligerweise in seine Position gelangt. Nein, das geölte Räderwerk der Parteibürokratie hatte ihn, den Schwiegersohn eines Bezirkssekretärs, mit unerbittlicher Zielgenauigkeit dorthin befördert. Und so blieb den herbeigerufenen Polizisten, die sich der Situation wohl bewusst waren, nichts anderes übrig, als Xia mit auf die Wache zu nehmen. Wegen der Brisanz des Vorfalls trugen sie den Fall ihrem Vorgesetzten an. Herr Qi war ein weiser Mann. Er erkannte sofort, diese junge Frau konnte nicht wieder zurück an ihren alten Arbeitsplatz. Gegen den Schwiegersohn des Bezirkssekretärs ließ sich nichts unternehmen. Das hätte seine eigene Karriere um Jahre zurückgeworfen. Es widerstrebte aber auch den immer noch vorhandenen Resten seines Anstands, Xia in eine Zelle zu stecken. Er bat sie, doch einmal an einem Polizeianwärter zu demonstrieren, wie sie sich Herrn Gongs entledigt hatte. Eines Genossen, der immerhin Träger des schwarzen Gürtels in Karate war. Der junge Mann lag schneller auf der Matte, als Herr Qi blinzeln konnte. Das gleiche Schicksal erlitt der eilig herbeigerufene stellvertretende Dienststellenleiter. Und so war Xia Zou beim Pekinger Sonderkommando Synthetische Drogen gelandet, wo sie versuchte, Kinder und Jugendliche mit einer glücklicheren Kindheit als der eigenen, vor den Gefahren der Straße zu schützen.

Fast hätte sie die Zielperson übersehen, die am Rande des Spielplatzes, keine hundert Meter von ihr entfernt, auftauchte. Der seriös gekleidete Mittdreißiger schaute sich selbstbewusst um, beachtete sie aber nicht weiter. Wahrscheinlich hielt er sie für eine der Mütter. Ohne Eile zündete er sich eine Zigarette an und ließ das Streichholz auf den Boden fallen. Keine Minute später schob sich ein Jugendlicher, er mochte wohl um die fünfzehn sein, zögernd zwischen zwei Wohnblöcken hervor. Er hatte den Kopf gesenkt und fühlte sich sichtlich unwohl.

Xia beobachte, wie ein Tütchen und mehrere Geldscheine den Besitzer wechselten. Sofort rief sie Zugriff in ihr Kehlkopfmikrofon. Der Rest ging ganz schnell. Die beiden Ertappten leisteten keine Gegenwehr.

Auf der Wache nahm Xia sich den Dealer vor. Sie hatte keine Lust auf die psychologischen Finessen eines Verhörs und ging die Sache direkt an.

»Wir haben dich jetzt zum zweiten Mal mit mehr als hundert Gramm erwischt. Entweder du arbeitest mit uns zusammen, oder ich kann dich nicht mehr vor der Organspende bewahren.«

Das Gesicht des Dealers verzog sich zu einem Grinsen.

»Wenn ich mich mit euch einlasse, bin ich morgen tot. Da verkaufe ich lieber eine Niere.«

»Wer redet hier von Verkaufen, du Penner. Die weiden dich komplett aus: Beide Nieren, Leber, Herz Lunge und was sonst noch so gebraucht wird. Hier der Deal: Du arbeitest als Undercover und lieferst uns die Hintermänner mit den Produktionsanlagen. Wenn wir die haben, und nur dann, bekommst du neue Papiere und wir siedeln dich in eine Provinzstadt um. Du musst dich aber sofort entscheiden. Wir haben auch noch andere Anwärter für den Job.«

Der Verhörte war ganz weiß im Gesicht geworden und nickte vernehmlich. Dann begann er, zu würgen. Xia verließ schnell den Raum und ließ das Subjekt in seine Zelle zurückführen. Eigentlich durfte sie den Festgenommenen keine Deals anbieten. Doch so ging es schneller. Sie schaffte mindestens die doppelte Anzahl Fälle wie ihre Kollegen. Jetzt musste sie sich das aber noch nachträglich absichern lassen. Gutgelaunt machte sie sich auf den Weg zur Staatsanwaltschaft. Ihr Verlobter würde sie auch diesmal nicht hängen lassen. Nächsten Monat sollte er zum Referenten im Wirtschaftsministerium befördert werden. Sie würden heiraten und endlich in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Es wurde auch Zeit. Immerhin hatte sie letzten Monat ihren fünfunddreißigsten Geburtstag gefeiert.

Xia war eins achtzig groß und kräftiger gebaut als der Durchschnitt. Das dichte schwarze Haar trug sie kinnlang. Ihr Gesicht wurde durch die leicht schräg gestellten mandelförmigen Augen beherrscht. Augen, die viele Männer äußerst attraktiv fanden. Sie war sich ihrer Wirkung durchaus bewusst und gab sich im Kollegenkreis meist kühl und spröde, um die Ambitionen der Jüngeren im Zaume zu halten. Nur der Staatsanwalt, dem sie zugeteilt war, hatte sich von der Fassade nicht abschrecken lassen.