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Florian Gerlach

Werwolf Art

Eine unsterbliche Liebe


Die Gesamtausgabe des übersinnlichen Liebesromans der paranormale Saga um den Formwandler Adrian Wilkolak beinhaltet die einzeln nicht mehr lieferbaren Bände FLUCH DES WERWOLFS und RACHE DES WERWOLFS. Ein Buch für alle Werwolf, Vampir, Fantasy, Horror und Dark Romance Fans.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Werwolf Art

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Fluch des Werwolfs - Prolog

 

Copyright © 2017

Florian Gerlach

c/o Booklover Autorenservice

Am alten Bahnhof 3

50354 Hürth

 

Kontakt: florian.gerlach.@aol.com

Website: Florian Gerlach

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Alle Rechte vorbehalten. Eine Vervielfältigung oder andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Sämtliche Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Orte, Markennamen und Lieder werden in einem fiktiven Kontext verwendet. Alle Markennamen und Warenzeichen, die in dieser Geschichte verwendet werden, sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Copyright © 2017

 

 

 

Das Stimmengewirr war wie ein bösartiger Insektenschwarm, der um ihren Kopf kreiste wie Bienen um einen Honigtopf. Ihr Schädel schien mit einer gallertartigen Masse gefüllt zu sein, durch die kaum noch Geräusche drangen. Auch das Sehvermögen hatte während der letzten Drinks gelitten. Die Gestalten an der Bar wirkten an den Rändern irgendwie ausgefranst. Sie ignorierte das Zwinkern des Barkeepers, der ihr mit dem letzten Getränk bereits eine Serviette mit seiner Handynummer überreicht hatte.

Ein übergewichtiger Mann wuchtete sich auf den Barhocker neben ihr. Doris begann leise zu zählen. Wenn er sie bei zwanzig noch nicht angesprochen hatte, würde sie heute Nacht mit ihm schlafen.

„Darf ich Ihnen einen Drink spendieren?“

Siebzehn. Sie seufzte erleichtert auf.

„Sie dürfen mir alle Drinks spendieren, die ich bereits hatte.“ Mit einer anmutigen Bewegung strich sie sich eine Strähne ihres langen blonden Haares aus dem Gesicht.

„Danke für die Einladung.“

Sie schenkte dem Unbekannten ein Lächeln. Mit einem Nicken gab sie dem Kellner zu verstehen, dass der Dicke ihre Rechnung übernehmen würde. Dann drehte sie sich um und ging zum Ausgang.

Die kühle Herbstluft tat ihr gut. Doris schlüpfte in ihre taillierte Jacke aus schwarzem Nappaleder und legte den Kopf in den Nacken. Die Sterne tanzten einen Reigen aus silbernen Lichtern um einen runden Mond, den jemand in die Mitte des Himmels gehängt hatte. Leider musste sie diese romantische Nacht alleine verbringen.

Marvin würde es sich wieder mit Babette auf dem Sofa bequem machen. Sie hatte sich noch immer nicht entschieden, auf wen sie ihre Wut richten sollte. Auf Marvin, weil er sie mit Babette betrogen hatte oder auf ihre Freundin, die ihr den Verlobten ausgespannt hatte.

Insgeheim hatte sie gehofft, dass ihr die Cocktails ein wenig auf die Sprünge helfen würden. Aber die süße Plörre hatte nur ihre Synapsen verklebt und jeden klaren Gedanken mit Zuckerguss überzogen. Morgen würde sie für den Abend in der Bar noch mit einem mordsmäßigen Kater büßen müssen.

Dabei musste sie am späten Vormittag schon beim Fotoshooting für den neuen Modekatalog sein. Die jungen Dinger, die in die Modebranche strebten, hatten keine Ahnung von ihrem Job. Gelächelt wurde nur auf den Titelseiten. Hinter den Kulissen herrschte ein gnadenloser Konkurrenzkampf, den nur die Wenigsten unbeschadet überstanden.

Doris’ Absätze klackerten auf dem Straßenpflaster. Der nächste Taxistand neben dem Rathausplatz war nur drei Querstraßen weit entfernt. Ein aufgemotzter Golf bremste plötzlich abrupt ab und kroch im Schritttempo neben ihr. Ein Halbstarker mit langen fettigen Haaren öffnete die Beifahrertür und lud sie zu einer Spritztour ein. Dabei lachte er wie ein kleines Kind über die Doppeldeutigkeit seines Angebotes. Als Doris unbeirrt weiterging, beschimpfte er sie als »blöde Schlampe«. Kurz darauf knallte er die Tür wieder zu. Der Wagen verschwand mit quietschenden Reifen in der Nacht. Auf soziale Neandertaler wie die beiden Idioten hatte sie schon immer gut verzichten können.

Leider gab es nur wenige männliche Exemplare, die nicht ständig in ihren Hormonen ersoffen. Einer von ihnen vergnügte sich gerade mit ihrer Freundin. Exfreundin korrigierte sie sich.

Ein eng umschlungenes Liebespaar kam ihr entgegen.

Doris seufzte und schlug den Jackenkragen hoch. In einer halben Stunde würde sie in ihrem Hello Kitty Nachthemd unter die Bettdecke kriechen. Allein.

Marvins Sachen hatte sie gestern in einen Karton gepackt und in dem Container unten im Hof entsorgt. Wenn er seine Klamotten wiederhaben wollte, sollte er ruhig im Müll wühlen. Sie würde ...

Ein lautes Keuchen ließ sie innehalten. Hatte ihr jemand in den Schatten der Hauseingänge aufgelauert? Unwillkürlich musste Doris an die Bilder der verstümmelten Leichen denken, die sie in den letzten Monaten in den Zeitungen gesehen hatte.

Grausam ermordete junge Frauen, die den Artikeln nach nicht mehr ganz vollständig gewesen waren.

Als hätte sich Jemand ... Etwas ... an ihnen gelabt.

Natürlich glaubte sie kein Wort der reißerischen Berichte, aus deren Buchstaben noch das Blut der Opfer zu tropfen schien. Wandelwesen, die bei Vollmond in den Straßen umherirrten, gab es schließlich nur in den Gruselgeschichten, mit denen man kleine Mädchen erschrecken konnte. Hinter ihr war bestimmt nur ein alter Knacker, dessen verlauster Köter sein Revier markieren musste. Sie würde ihm freundlich eine gute Nacht wünschen und ihrer Wege ziehen.

Aber es gab keinen kleinen Schoßhund, der ihr seinen stinkenden Atem in den Nacken hauchen konnte.

Doris beschleunigte ihre Schritte. Der faulige Gestank verflüchtigte sich. Die Gestalt blieb hinter ihr zurück.

Die Schönheit atmete erleichtert auf. Wenn sie sich jetzt umdrehte, würde es für ihre Angst eine ganz einfache Erklärung geben. Als Kind hatte sie sich in den Nächten auch immer vor dem schwarzen Mann in ihrem Kleiderschrank gefürchtet, der sich bei Tageslicht als ein Mantel entpuppte, den jemand achtlos über einen Stuhl geworfen hatte. Man musste seiner Angst nur ins Gesicht lachen. So einfach war das. Doris blieb stehen. Drehte sich um.

Sie lachte nicht.

Sie schrie.

Das Geschöpf ragte wie ein riesiger Schatten knapp fünf Schritte hinter ihr auf. Fetzen eines weißen Hemdes hingen noch an seinem Oberkörper, der von einem struppigen grauen Fell bedeckt wurde. Muskulöse behaarte Arme kamen aus dem zerrissenen Stoff. Die Finger hatten sich in lange Klauen verwandelt. Die Beine steckten in einer gestreiften Anzughose, deren Nähte aufgeplatzt waren.

Der Kopf war der eines Wolfes.

Im Schein der Straßenlampe spiegelte sich ihr Bild in den blutunterlaufenen Augen eines Monstrums. Die Lefzen waren hochgezogen und entblößten messerscharfe Zähne, die sie ohne Mühe in Stücke reißen konnten. Speichel tropfte auf den Boden, als sich der fleischgewordene Albtraum mit der Zunge über die Schnauze leckte.

Die Bestie musterte Doris.

Dabei meinte sie, für einen Moment etwas Menschliches in den Augen zu erkennen. Aber diese Erkenntnis war wie der Funke eines Feuers, der sofort wieder verlosch und nichts zurückließ außer den lodernden Flammen reiner Mordlust.

Doris drehte sich um und rannte los. Die Absätze ihrer High Heels klapperten im Stakkato auf dem Gehweg.

Die Bestie stieß ein markerschütterndes Geheul aus. Dann nahm sie die Verfolgung auf. Mit drei Sätzen war die Kreatur direkt hinter der Flüchtenden.

Im Spiegelbild einer gegenüberliegenden Schaufensterscheibe sah Doris das Monster, das sich bereits mit weit aufgerissenem Rachen im Sprung befand. Geistesgegenwärtig ließ sie sich fallen.

Das unheimliche Wesen sprang über sie hinweg. Die Zähne schnappten ins Leere. Doris rappelte sich auf und lief in eine Nebenstraße.

Aber bereits nach wenigen Schritten fühlte sie wieder den heißen Atem ihres Verfolgers. Gleich würden sich seine Zähne in ihr zartes Fleisch graben!

Plötzlich heulte direkt vor ihr ein Motor auf. Ein Wagen schlitterte um die Kurve und brauste mit überhöhter Geschwindigkeit über die Straße.

Doris überlegte nicht. Ihr Verstand hatte sich abgeschaltet, als sie das Monstrum erblickte. Im Moment wurde sie nur noch von ihrem Überlebensinstinkt gesteuert.

Mit einem Satz sprang sie vom Gehweg direkt vor das entgegenkommende Auto. Eine schrille Hupe mischte sich mit dem Geheul des Wolfes zu einer Symphonie des Grauens. Die Scheinwerfer erfassten Doris, um ihren letzten Auftritt in Szene zu setzen.

Ihren Tod.

Sie hetzte über die Straße. Das Fahrzeug verfehlte sie nur um wenige Millimeter. In ihrem Schwung stolperte Doris über die Bordsteinkante und fiel auf den Gehweg. Hinter sich hörte sie ein Krachen, als der Mercedes Offroader die Bestie frontal erwischte.

Der Fahrer verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug. Der Wagen schoss über den Bürgersteig und krachte gegen die Hauswand direkt neben ihr. Glassplitter regneten auf Doris, die sich gerade wieder aufgerappelt hatte. Die Hupe verstummte.

Nur das Radio schien den Unfall unbeschadet überstanden zu haben. Ein überdrehter Radiosprecher warb für eine private Krankenversicherung, die sie jetzt gut gebrauchen konnte.

Der Oberkörper des Monsters ragte aus der Windschutzscheibe wie die Horrorversion eines Kuscheltieres aus der Hölle.

Doris stützte sich an der Hauswand ab und lehnte sich mit zitternden Beinen an den rauen Putz. Ihr Herz raste. Diese Jagd war ein einziger Albtraum!

Das war es! Sie war in einem Traum gefangen.

Wenn sie sich fest genug in die Wange kniff, würde sie wieder aufwachen. Insgeheim hoffte sie nur, dass sie dann auch in ihrem eigenen Bett lag.

Nach der letzten Party bei Mario war sie - nur mit ihren Seidenstrümpfen bekleidet - neben einem unbekannten, aber gut gebauten Kerl mit einem undefinierbaren Dialekt wieder aufgewacht. Sie nahm an, dass sie in der Nacht nicht viel geredet hatten. Doris schloss die Augen und zählte bis drei. Dann nahm sie die linke Wange zwischen Daumen und Zeigefinger. Lange manikürte Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in ihre Haut. Als sie die Lider wieder öffnete, stellte sie voller Genugtuung fest, dass sie nicht in einem fremden Bett lag. Allerdings war dies nur ein geringer Trost.

Denn der Albtraum war bittere Realität.

Die Bestie lag noch immer regungslos auf der Kühlerhaube.

Qualm stieg aus dem Motorblock. Benzin tropfte aus einer undichten Leitung auf den Asphalt. Sie musste sofort von hier verschwinden!

Vorher würde sie allerdings noch ein paar Fotos von der grauenvollen Kreatur machen. Das Monster war tot. Was riskierte sie also schon?

Doris kramte das Handy aus ihrer Jackentasche und aktivierte die integrierte Kamera. Dann ging sie vorsichtig um das Fahrzeug herum. Ein menschlicher Arm ragte aus einem zersplitterten Fenster. Der Rest des Unglücksfahrers war unter der Bestie begraben.

Das Model machte einige Bilder von der demolierten Fahrerseite des Wagens. Die Zeitungen würden ihr für diese Aufnahmen ein Vermögen bezahlen! Bald musste sie keine Fotoshootings mehr für Kataloge machen, in denen nur gelangweilte Hausfrauen blätterten. Schon in wenigen Wochen konnte sie auf den Catwalks in New York, Paris und Mailand die neue Mode präsentieren.

Wenn Marvin sie zurückgewinnen wollte, musste er sich vor ihr in den Staub werfen.

Bei dem Gedanken an ihren treulosen Liebhaber huschte ein Lächeln über ihre Lippen. Sie würde ihn leiden lassen, bevor sie ihm auch nur einen einzigen Kuss gewährte.

Nachdem die junge Frau den riesigen Wolf, dessen Oberkörper leblos auf der Kühlerhaube lag, aus allen nur erdenklichen Winkeln abgelichtet hatte, lehnte sie sich an die Mauer und kramte eine Packung Zigaretten aus der Jackentasche.

Sie zündete sich einen Glimmstängel an. Das Nikotin beruhigte ihre Nerven. Während sie rauchte, betrachtete sie die gemachten Aufnahmen. Einige waren ihr wirklich gut gelungen. Besonders stolz war sie auf das Foto, das den deformierten Schädel mit den messerscharfen Zähnen zeigte.

Zähne, die jetzt nach ihr schnappten!

Doris war so in die Betrachtung der Bilder versunken gewesen, dass sie den weit geöffneten Rachen der Bestie nicht einmal bemerkt hatte. Sie stieß einen spitzen Schrei aus. Fassungslos starrte sie auf das Monstrum, das seinen Körper aus der Windschutzscheibe zog. Die Glassplitter, die dabei tief in seine Haut schnitten, schien es nicht einmal zu bemerken. Erst als es den Kopf in ihre Richtung drehte, löste sie sich aus der Erstarrung.

Doris stakste mit ihren Stöckelschuhen auf die Straße und sah sich um. Der riesige Wolf hatte sich inzwischen aus dem Fahrzeug befreit und fletschte die Zähne. Ihr blieben nur noch Sekundenbruchteile.

Die junge Frau nutzte ihre einzige Chance. Sie nahm die brennende Zigarette und warf sie in die Benzinlache, die sich unter dem Wagen gebildet hatte.

Die Explosion riss sie von den Füßen. Sie rollte über den rauen Asphalt der Straße wie eine achtlos weggeworfene Dose und knallte mit dem Kopf gegen die Bordsteinkante. Mühsam kämpfte sie gegen die Dunkelheit, die sich wie ein schwarzes Tuch über ihr ausbreitete. Wenn sie jetzt ohnmächtig wurde, war ihr Schicksal besiegelt.

Panisch schlug sie sich mit der flachen Hand ins Gesicht und krabbelte unbeholfen auf den Gehweg. Der linke Schuh baumelte nur noch an einem dünnen Riemen um ihr Fußgelenk. Sein Gegenstück lag mitten auf der Straße. Der Wagen brannte lichterloh. Die Bestie nicht.

Die Kreatur hatte sich im letzten Moment mit einem Sprung vor den Flammen in Sicherheit gebracht. Mit rauchendem Fell lauerte es auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Schein des Feuers funkelte in ihren Augen und jetzt gab es nichts Menschliches mehr darin zu entdecken. Sondern nur noch unbändigen Hunger.

Eine seltsame Ruhe erfasste Doris, als der Wolf mit der Langsamkeit eines Jägers, der sich seiner Beute sicher ist, auf sie zukam. Sie robbte bis zur Hauswand und lehnte sich dagegen. Kurz darauf beugte sich die Bestie über ihren perfekt gestylten Körper. Eine Kralle strich beinahe zärtlich über ihre rechte Wange. Dabei hinterließ sie einen blutigen Kratzer.

Das war der Moment, auf den Doris gewartet hatte. Sie riss sich den losen Schuh vom Fuß und trieb dem Monstrum den zwölf Zentimeter langen Absatz in das linke Auge. Die Kreatur stieß einen Schmerzensschrei aus und taumelte zurück.

Doris drückte sich an der Hauswand hoch und rannte los. Glasscherben und kleine Metallsplitter bohrten sich in ihre Fußsohlen. Schon nach wenigen Metern hinterließ sie blutige Fußabdrücke.

Bald fühlten sich die Muskeln in ihren Beinen an wie ausgeleierte Gummibänder. Das Herz pumpte flüssige Lava durch ihren Körper. Ihr Atem ging stoßweise. Sie schaffte es bis zu der Straße, die in den Rathausmarkt mündete. Dort stolperte sie über eine achtlos weggeworfene Mülltüte. Einen Moment ruderte sie mit den Armen, als wollte sie einfach davonfliegen. Aber sie konnte den Sturz nicht aufhalten. Mit einem Aufschrei fiel sie keine zwanzig Meter vor dem rettenden Ziel auf die Knie.

Die Scheinwerfer der Taxis wiesen ihr wie elektronische Glühwürmchen den Weg. Sie hörte das Lachen der Menschen und roch den stinkenden Atem der Bestie, die ihre Zähne in das empfindliche Fleisch ihres Halses schlug. Das letzte Foto ihres Lebens zeigte den Werwolf, der sich an ihr labte.

Doris erschien am nächsten Tag nicht zu ihrem Termin beim Fotoshooting. Dennoch wurden viele Aufnahmen von ihr gemacht. Beziehungsweise von dem, was noch von ihr übrig war.

Ihr Mobiltelefon wurde nie gefunden. Ein übereifriger Polizist hatte das auf dem Boden liegende Gerät mit einer unbedachten Bewegung in den nächsten Kanalisationsschacht getreten, bevor er sein Frühstück wieder von sich gab.

Adrians Fluch


Die Wohnung war ein Traum. Das behauptete zumindest der Makler, der in seinem grauen Anzug durch die Zimmer stolzierte. Seine Lederschuhe quietschen bei jedem Schritt auf dem geölten Parkett. Seit Adrians Ankunft hatte er ununterbrochen geredet. Der hagere Mann, der seine Kleidung mit der Eleganz einer Vogelscheuche trug, war dem Künstler vom ersten Augenblick an unsympathisch gewesen. Als er mit Meredith in einem von Licht durchfluteten Raum verschwand, öffnete Adrian die Schiebetür und trat auf die Dachterrasse. Die Penthousewohnung befand sich im Herzen der City. In einmaliger Lage, wie das dürre Männchen ihm immer wieder versicherte.

Siebzehn Stockwerke unter ihm brandete der Verkehr durch die engen Straßenschluchten. Er atmete tief ein. Auch wenn die Luft von den Giften der Stadt getränkt war, konnte er das Leben riechen.

Den Duft von regennasser Erde. Das Odeur der Blüten. Das Harz der Bäume. Den Geruch des Blutes.

„Willst du dir die Wohnung denn nicht ansehen?“

Der athletische Mann drehte sich um. Seine Muskeln spannten sich unter dem groben Baumwollhemd. Die Jeans steckte in Stiefeln aus Schlangenleder. Die braune Lederjacke hatte er lässig über die Schulter geworfen. Mit seinen schulterlangen schwarzen Haaren und dem Dreitagebart wirkte er wie ein erfolgreicher Hollywoodschauspieler. Dass ihm die Frauen verstohlene Blicke zuwarfen, lag nicht nur an seiner äußeren Erscheinung.

Die Bestie in ihm verlieh dem Maler eine animalische Anziehungskraft, der sich keine Frau entziehen konnte und vor der er sie schützen musste. Denn niemand von ihnen würde eine gemeinsame Nacht im silbernen Licht des Vollmondes überleben.

Meredith stand in der geöffneten Terrassentür. Die rötlichen Haare wehten im leichten Wind des frühen Herbstabends. Sie verbargen ihr porzellangleiches Gesicht wie unter einem Schleier, dessen Stoff aus flammenden Fäden gewirkt war. Seine Freundin strich sich die Strähnen mit ihren dunkelrot lackierten Fingernägeln zurück. In der engen schwarzen Hose, zu der sie eine einfache weiße Bluse trug, kam ihre Figur besonders gut zur Geltung.

Dennoch war sich Adrian sicher, dass der Makler später nur von den hüfthohen Stiefeln träumen würde. Auch wenn er jetzt besorgt war, dass ihre dünnen Absätze Dellen in dem Parkett hinterließen.

Er hatte Meredith vor zehn Monaten bei seiner ersten Ausstellung in einer alten Fabrikhalle kennengelernt. Die Journalistin hatte damals ein Interview mit ihm in der Lobby seines Hotels geführt. Noch in der Nacht war die sinnliche Frau in sein Hotelzimmer geschlichen.

Adrian hatte sie wie ein Tier genommen. In derselben Woche hatte sie den ersten Artikel über ihren neuen Liebhaber veröffentlicht.

Keine fünf Monate später hatte es Adrian auf die Titelseiten der führenden Kunstjournale geschafft. Inzwischen mischte der Künstler die Szene gehörig auf. Die Kritiker hatten seinem Stil sogar einen Namen gegeben.

»Blood Art«

Adrians Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. Warum mussten die Menschen immer alles in Worte pressen? Manchmal war es besser, wenn die Dinge unbenannt blieben. Vor allem, wenn sie nur in der Dunkelheit existierten.

Bis Meredith auf ihn aufmerksam wurde, war er nur ein weiterer Maler gewesen, dem die Kritiker im besten Fall ein müdes Lächeln schenkten.

Bevor sie sich über die grausamen Details seiner Bilder ausließen, die immer nur ein einziges Thema variierten.

Die Jagd.

Seine Kunstwerke zeigten Bestien, die ihre Krallen in erblühende Körper schlugen und sich an dem zarten Fleisch labten. Einige der studierten Wichtigtuer empfahlen ihm sogar eine psychologische Behandlung. Dabei malte Adrian nur das Leben, das mit jedem Vollmond in ihm erwachte. Reines pulsierendes Leben, das nur einem einzigen Gesetz folgte.

Dem des Blutes.

Inzwischen lobten die blassen Gestalten mit ihren dicken Hornbrillen jeden Pinselstrich, den er über eine Leinwand führte. Irgendwann würden sie erkennen, dass er vollkommen untalentiert war. Denn die Kunstwerke hatte nicht er erschaffen, sondern die Bestie, die im Schatten seiner Seele lebte.

Für seine Bilder wurden inzwischen horrende Summen gezahlt. Es gab sogar Angebote für Gemälde, die noch gar nicht existierten. Meredith verkaufte jeden Fetzen Papier, auf den er jemals etwas Farbe getropft hatte. Er verdankte ihr seinen Ruhm und Reichtum. Dinge, die er nicht brauchte. Manchmal fragte er sich, ob er das alles überhaupt wollte.

Was sollte er mit den drei Sportwagen, wenn er doch nur auf der Harley Davidson fuhr? Mit der Yacht, die in einem ihm unbekannten Hafen vor Anker lag? Mit den Partys, in denen die Gäste im Drogenrausch seine Einrichtung zerstörten? Warum besichtigte er eine Wohnung, die er nicht brauchte? Die Antwort auf seine Fragen hatte einen Namen.

Meredith.

Dabei wusste er nicht einmal genau, was er für die hübsche Journalistin empfand. Ein Mann, auf dem der uralte Fluch des Wolfes lastete, durfte keine Frau lieben. Adrian hatte immer wieder weibliche Begleiterinnen gehabt, die ihm seine einsamen Stunden versüßten. Er durfte sein Bett mit einer Frau teilen. Aber nicht sein Leben. Da er sich in jeder Vollmondnacht in einen Werwolf verwandelte, würde er seine Geliebte irgendwann in Stücke reißen.

Adrian stützte sich auf die Balkonbrüstung und starrte auf die dunklen Wolken, die sich am Horizont zusammenballten. Wenn die Bestie in ihm das Kommando übernahm, zog er sich in einen alten Bunker tief unter der Erde zurück. Niemand kannte seinen Unterschlupf, den er vor Jahren unter der Adresse einer Briefkastenfirma erworben hatte.

In den vergangenen Jahrzehnten hatte Adrian immer wieder versucht, die Bestie in sich zu bändigen. Aber bei jedem Vollmond verwandelte er sich erneut in eine Kreatur der Nacht.

Hungernd nach Fleisch.

Dürstend nach Blut.

Wenn Adrian früher neben den zerfetzten Körpern erwacht war, plagten ihn schwere Schuldgefühle. Da er die Bestie in sich nicht zähmen konnte, musste er sie einsperren. Noch in derselben Woche hatte er den alten Bunker, den er bei seinen Streifzügen durch den Wald entdeckt hatte, gekauft. Wenn sich jetzt der Werwolf in ihm regte, zog er sich tief unter die Erde zurück. Ein Zeitschloss, das sich nach vierundzwanzig Stunden wieder öffnete, sorgte dafür, dass ein Entkommen der Bestie aus dem unterirdischen Verlies unmöglich war.

In den ersten Monaten hatte er sich noch die Krallen an der Tür blutig gekratzt. Hatte sich in unbändigem Verlangen gegen den massiven Stahl geworfen. Die Verwüstungen zeugten noch am nächsten Morgen von dem verzweifelten Versuch des Werwolfs, in die Freiheit zu gelangen. Um zu tun, was seine Natur war.

Jagen

Töten

Fressen

Die ersten Bilder hatte er noch mit seinem eigenen Blut an die Wände geschmiert. Danach hatte er eine Staffelei und einen Karton mit Farben und Pinseln in den Bunker geschleppt. Adrian würde nie vergessen, wie er sein allererstes Werk betrachtet hatte.

Damals war er unbekleidet und vor Kälte bibbernd auf dem nackten Betonfußboden neben der zertrümmerten Staffelei aufgewacht. Die Pinsel waren zerbrochen. Die Farbe hatte er über den ganzen Raum verschmiert. Die Leinwand lag neben ihm.

Als er den Kopf hob, starrte er direkt in die hungrigen Augen der Bestie. Damals hatte er lange das abscheuliche Bild einer Kreatur betrachtet, in die er sich in jeder Vollmondnacht verwandelte. Das Kunstwerk zeigte einen riesigen Wolf, der auf einem Hügel stehend den Mond anheulte. Auf dem zerzausten Fell hingen Fetzen seines Hemdes. Die Schnauze war geöffnet. Das kalte Licht der Nacht fiel auf messerscharfe Zähne. Blutiger Speichel tropfte auf den Boden.

Am unteren Bildrand lag eine in ein ehemals weißes Gewand gehüllte Frau. Jetzt war es mit ihrem Blut getränkt. Die grausame Szene wirkte wie ein Kunstwerk aus der Hölle.

Adrian hatte das Gemälde damals mitgenommen und in seiner Wohnung aufbewahrt. Als er Monate später wieder mit der Miete für sein kleines Appartement im Rückstand war, bot er die Bilder einer Galerie an.

Einige Tage später hatte er sein erstes Werk an einen russischen Kunstsammler verkauft. Binnen weniger Wochen hielt Adrian mehr Geld in den Händen, als er mit seinen Gelegenheitsjobs in den letzten Jahren verdient hatte.

Natürlich hatte er sich auch bei Tageslicht als Maler versucht. Aber nach einiger Zeit, in der er sinnlos Farbe auf Leinwände gekleckst hatte, musste er sich sein fehlendes Talent eingestehen.

Nur in der Verwandlung konnte er die Jagd lebendig werden lassen.

Konnte er das Blut riechen. Konnte er die Angst schmecken, die wie salziger Nektar aus den Poren der Opfer quoll. Konnte er die in den Staub gespuckten Worte vernehmen, mit denen die Bedauernswerten um Gnade winselten. Die er nicht gewähren würde.

Niemals.

So schuf Adrian in jeder Vollmondnacht ein Meisterwerk des Grauens. Der Künstler hatte Meredith erklärt, dass er sich für die Erschaffung seiner Bilder in die Einsamkeit zurückziehen musste. Sie würde ihm jede künstlerische Freiheit gestatten, solange er nur mit einem neuen Gemälde zurückkehrte, das sie in ihren Artikeln der Öffentlichkeit vorstellen konnte. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, dass nicht er den Pinsel führte.

Sondern die Bestie.


***


Für Meredith war Adrian nicht nur der perfekte Liebhaber. Sie profitierte auch von seinem Ruhm, denn neben den Artikeln vermarktete sie zudem die Exklusivrechte an seinen Interviews. Erst vor drei Wochen hatte ein Fernsehsender Adrian zu einer Show eingeladen. Sie hatte unter der Bedingung zugestimmt, dass sie das Gespräch mit ihm führen würde. Die Verantwortlichen hatten zähneknirschend eingewilligt und ihr das geforderte Honorar überwiesen.

Sie würde Adrian nicht mehr aus ihren Fängen lassen. Natürlich liebte sie ihn nicht. Liebe war nur ein Wort, in das die meisten Menschen ihre romantischen Vorstellungen stopften wie alte Socken in eine überquellende Schublade.

Solange Adrian ihr von Nutzen war, würde sie die Frau an seiner Seite sein. Danach nicht mehr. Das Leben konnte so einfach sein, wenn man dem Gesetz des Geldes folgte. Für Meredith war die Welt wie ein Marktplatz, auf dem man sich an den reich gefüllten Ständen bedienen konnte. Sie wusste allerdings nicht, dass einem das Leben irgendwann eine Rechnung präsentierte, die in einer kostbaren Währung zu zahlen war.

Dem Tod.

„Ich muss mir die Wohnung nicht ansehen“, beantwortete Adrian ihre Frage. „Wenn sie dir gefällt, kaufen wir sie einfach. Was meinst du?“

Meredith nickte nur. Dann verschwand sie im Wohnzimmer.

Adrian blieb auf der Terrasse. Der Blutgeruch in der Luft wurde immer durchdringender. Speichel lief aus seinem rechten Mundwinkel.

Er wischte ihn mit dem Handrücken ab. In wenigen Stunden würde der Vollmond sein kaltes Licht über eine ruhende Stadt ergießen und über die Gestalt, die in den Straßenschluchten jagte.

Als er kurz darauf in die Wohnung trat, klimperte Meredith bereits mit den Schlüsseln. Ihre Kleidung hatte sie achtlos auf den Parkettboden fallen lassen. Adrian riss sich die Klamotten vom Leib.

Das Blut in seinen Lenden pochte, als er seine Freundin auf den Boden zwang und ohne jede Zärtlichkeit in sie eindrang. Als er kurz darauf in ihr explodierte, stieß er einen schauerlichen Schrei aus und zog sich aus ihr zurück.

Rasch schlüpfte Adrian in die Hose und zog sich das Hemd über seinen inzwischen schon behaarteren Oberkörper. Dann stürzte er aus der Wohnung. Bis zum Bunker brauchte er etwa eine Stunde.

Er musste den Unterschlupf erreichen, bevor die Verwandlung abgeschlossen war. Sonst würde er das nächste Bild nicht mit Farbe malen. Sondern mit dem Blut seiner Opfer.

Bestien


Fiona Gerner wuchtete den schweren Karton mit den Akten auf den zerschrammten Schreibtisch. Dann ließ sie sich in den einfachen Bürostuhl fallen und knetete ihre Finger, um die Durchblutung wieder anzuregen.

Sie hätte Stefan gegenüber nicht so unwirsch sein sollen! Schließlich hatte er ihr nur seine Hilfe angeboten. Aber wenn er die Ordner in ihr karges Büro im zweiten Stock geschleppt hätte, würde er auf eine Belohnung hoffen, die sie ihm nicht gewähren konnte.

Als Studentin hatte sie sich schon einmal in den Fallstricken der Liebe verheddert. Damals war sie über ihre Gefühle gestolpert und in einen Abgrund tiefster Verzweiflung gestürzt. Bevor sie sich wieder von Komplimenten blenden ließ, schleppte sie ihre Unterlagen lieber selbst. Auch wenn das »Fahrstuhl außer Betrieb« Wartungsschild noch immer an dem Aufzug klebte und sie den Karton über die schmale Treppe hieven musste.

Dabei war Stefan kein schlechter Kerl. Er hatte nur einen einzigen Makel.

Er war ein Mann und wie die meisten Vertreter der männlichen Spezies konnte auch er deutlich besser sehen als denken. Dabei verbarg sie ihre im Überfluss vorhanden Reize größtenteils in groben Leinenhosen, zu denen sie weit geschnittene Blusen trug. Die blonden Haare hatte sie wie immer zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengebunden.

Ohne Make-up wirkte sie wie die langweilige Schwester eines attraktiven Models. Aber trotz ihrer unvorteilhaften Kleidung betrachteten sie die Männer weiterhin mit einem lüsternen Grinsen. Auf der letzten Betriebsfeier hatte ihr sogar jemand einen Klaps auf den Hintern gegeben. Fiona hatte sich mit einer schallenden Ohrfeige revanchiert. Die Schwellung auf der Wange ihres Kollegen war kurz darauf verschwunden. Ihr Spitzname war geblieben.

Alte Jungfer.

Im Gegensatz zu den meisten jungen Frauen, die ihre Nächte in den Bars und Diskotheken verbrachten, suchte sie keinen Liebhaber für eine Nacht. Sie suchte jemanden für ein ganzes Leben.

Inzwischen glaubte sie aber nicht mehr daran, dass sie Mr. Perfect jemals finden würde. Als junges Mädchen hatte sie sich immer nach einem edlen Ritter auf einem weißen Pferd gesehnt. Als Schülerin hatte sie für einen Rockstar geschwärmt. Aber sein unmoralischer Lebenswandel passte nicht zu ihren romantischen Vorstellungen von der Liebe.

Als sie sich während des Studiums in Pascal verliebte, glaubte sie, mit ihm endlich den Mann ihrer Träume gefunden zu haben. Der Student hatte ihr in den Vorlesungen immer wieder kleine Zettel mit heißen Liebesschwüren zugesteckt. Zu ihren Verabredungen beglückte er sie stets mit einer roten Rose.

Er teilte ihre Vorliebe für italienische Opern. Las ihre Autoren. Seine Schmeicheleien waren wie ein warmer Sommerregen, der den Staub eines einsamen Lebens abspülte. Als sie ihn zum ersten Mal küsste, schien das Universum für einen Moment innezuhalten und sich an ihrem Glück zu erfreuen.

Durch Zufall wurde Fiona eines Abends Zeuge eines Streits zwischen Pascal und seinen beiden engsten Freunden. Dabei ging es um eine Wette, deren Frist in der kommenden Nacht ablaufen würde. Der Preis bestand aus ihrer Unschuld.

Der Wetteinsatz betrug eine Kiste Bier. Als sie die grausame Wahrheit erfuhr, war sie einfach davongelaufen.

Vor ihrem verlogenen Liebhaber.

Vor allem aber vor sich selbst.

Die Psychologin bezweifelte, dass es jemals einen Mann geben würde, der die harte Schale ihres Lebens zertrümmern konnte.

Nach dem Abschluss ihres Psychologiestudiums hatte sie eine eigene Therapiepraxis eröffnet. Wenige Monate später bat sie ein ehemaliger Kommilitone, der nun als Polizeipsychologe arbeitete, um ihre Mithilfe.

Gemeinsam erstellten sie das Täterprofil eines Serienmörders, der mit ihrer Hilfe nur drei Wochen später verhaftet werden konnte. Als ihr Bekannter an eine andere Stelle versetzt wurde, unterstützte sie die Polizei auch weiterhin bei ihrer Arbeit.

Inzwischen hatte man ihr im zweiten Stockwerk des Polizeipräsidiums ein spartanisch eingerichtetes Zimmer überlassen. In dem schmucklosen Raum betrachtete sie die Fotos und las die Berichte, die man ihr für die Arbeit zur Verfügung stellte. Wenn sie ihr karges Büro nach unzähligen Stunden wieder verließ, dachte sie wie der Täter.

Sah das Verbrechen mit seinen Augen.

Tötete mit seinen Händen.

Für die Psychologin waren die Unterlagen wie die dreidimensionalen Bilder, die sie als Kind so gerne betrachtet hatte. Zunächst hatte sie einfach nur bunte Kleckse gesehen, die keinen Sinn ergaben. Wenn sie sich aber darauf konzentrierte, verschwammen die Farben vor ihren Augen und erlaubten ihr einen Blick hinter die Kulissen. Als junges Mädchen hatte sie so lange auf diese Bilder gestarrt, bis sie ihre Geheimnisse preisgaben. Wenn sich die Farben auflösten, wurde sie mit bunten Blumen oder lustigen Ballons für ihre Mühe belohnt.

Wenn sie jetzt hinter die mühsam gezimmerte Fassade blickte, gab es keine Blumen. Keine Ballons. Nur Tränen und Blut. Viel Blut.


***


Fiona nahm die erste Akte aus dem Karton. Drei Fotos rutschten heraus und fielen zu Boden. Sie bückte sich und hob die Bilder auf. Dann legte sie die Aufnahmen vor sich auf den Schreibtisch und betrachtete sie. Als die Fassade erste Risse zeigte und sie wie durch eine Ritze zwischen zwei Brettern die Welt hinter den Fotos sah, fegte sie die Aufnahmen mit einer Handbewegung vom Tisch. Die Abzüge schwebten einen Moment in der Luft und gestatteten ihr für den Bruchteil einer Sekunde einen letzten Blick auf eine Realität jenseits ihrer Vorstellungskraft.

Entsetzt sprang Fiona auf. Der Stuhl krachte an die rückwärtige Wand und fiel zu Boden. Sie flüchtete zum Fenster und sah hinaus. Der Vollmond ergoss sein silbernes Licht in die Straße unter ihrem Fenster. Aber sie konnte in der nächtlichen Ruhe der schlafenden Stadt keinen Frieden finden. Das Grauen einer unbekannten Macht hatte sich bereits wie ein Parasit in ihre Seele gefressen und nährte sich von ihrer Vorstellungskraft.

Die Psychologin seufzte.

Als sie in diesem Fall um ihre Mithilfe gebeten wurde, hätte sie ihrem ersten Impuls nachgeben und den Auftrag ablehnen sollen. Statt auf Bilder von verstümmelten Frauen zu starren, hätte sie sich an Aufnahmen von sonnigen Stränden erfreuen sollen. Sie hatte sich schon so auf den ersten Urlaub ihres Lebens gefreut! In ihrem Wohnzimmer stapelten sich bereits die Reiseprospekte, in denen sie seit Wochen immer wieder blätterte.

Als Kind hatte sie ihrem Vater in den Ferien in seinem Imbiss geholfen. Die kleine Gaststätte hatte kaum genug Geld abgeworfen, um davon die Miete für die winzige Wohnung in der heruntergekommenen Hochhaussiedlung bezahlen zu können. Ihre Mutter hatte als Putzfrau dafür gesorgt, dass sie irgendwie über die Runden kamen. Als Fiona nach dem Studium ihr eigenes Geld verdiente, hatte sie damit zunächst die Schulden ihrer Eltern beglichen.

Seit dem Schlaganfall ihres Vaters vor sieben Monaten kam sie auch für die Kosten der Pflegeeinrichtung auf. Dort konnte das Paar nach einem Leben voller harter Arbeit endlich einen unbeschwerten Lebensabend genießen. Noch immer fühlte sie sich bei ihren Eltern geborgen. Wenn sie die welke Hand ihrer Mutter drückte, lag in dieser Geste die niemals endende Dankbarkeit eines Kindes, deren Eltern ihr im Leben das einzig Wichtige mit auf den Weg gegeben hatten.

Liebe.

Trotz der Armut hatte es Fiona an nichts gemangelt. Die Zuneigung ihrer Eltern war so viel mehr wert gewesen als jedes Luxusgut, das sie sich nicht leisten konnten. Sie hatte es auch nie vermisst.

Etwas

Fiona hatte es bisher stets vermieden, einen Täter als »Bestie« zu bezeichnen. Zu vielschichtig waren die Beweggründe, die einen Menschen in die Abgründe seiner eigenen Psyche reißen konnten. Aber wer auch immer für die Verstümmelungen verantwortlich war, hatte wirklich nicht mehr alle Latten am Zaun. Diesen Ausdruck benutzte sie normalerweise nicht. Aber diese Verbrechen waren auch jenseits aller Grenzen, die man »Normalität« nannte.

Jetzt aber waren sie nur noch Bestien, getrieben von einem unstillbaren Hunger nach zartem Fleisch. Dürstend nach frischem Blut.

Sie stand auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab wie ein Tier in seinem Käfig. Kaltes Mondlicht ergoss sich in den Raum. Fiona wischte über die schmierige Scheibe und sah hinaus.

Ein Liebespaar bog um die Ecke und ging auf der gegenüberliegenden Straßenseite unter ihrem Fenster vorbei.

Aber ihre Lippen blieben verschlossen.

Die Gardine legte sich wie ein Tuch über ihr Gesicht.

Fiona riss den Stoff von ihrer Haut und schloss das Fenster. Wenn sie statt eines alten Mannes schon Monster sah, wurde es dringend Zeit für einen Urlaub.

Der Stuhl quietsche leise, als sie ihn an den Tisch zog und sich darauf setzte. Dann nahm sie die Akten aus dem Karton und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. Es wurde Zeit, dass sie ihren Job machte.