Sammelband 7 Grusel-Krimis: Rhapsodie der Monster und andere Horror-Romane

Inhaltsverzeichnis

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Sammelband 7 Grusel-Krimis: Rhapsodie der Monster und andere Horror-Romane

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Die Hexenrippe

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Nights of New York: | Aufstand | von Hendrik M. Bekker

Seelenhunger

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Die Insel des Magiers

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Murphy und die Verdammten

Teil 1: Murphy und der Tod

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Teil 2: Murphy und der Köpfer

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Teil 3: Murphy und die Verdammten

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Alfred Bekker | Apokalyptische Reiter

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W.A.Hary & W.K.Giesa | Mark Tate - Rhapsodie der  Monster

Further Reading: Alfred Bekker Grusel-Krimi #10: Zeit der Werwölfe

Also By Alfred Bekker

Also By Wolf G. Rahn

Also By W. K. Giesa

Also By W. A. Hary

Also By Hendrik M. Bekker

About the Author

About the Publisher

Dieses Ebook enthält folgende Romane:

Wolf G. Rahn: Die Hexenrippe

Hendrik M.Bekker: Nights of New York - Aufstand

Alfred Bekker: Seelenhunger

Alfred Bekker: Die Insel des Magiers

Alfred Bekker: Murphy und die Verdammten

Alfred Bekker: Apokalyptische Reiter

W.A.Hary/ W.K.Giesa: Rhapsodie der Monster

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EIN NEW YORKER PRIVATDETEKTIV begegnet dem Unfassbaren und gerät in den Bann des Leibhaftigen Satans: "Der Wächter, der mir gegenüberstand, bewegte sich nicht mehr. Ein röchelnder Laut kam über seine blutleeren Lippen. Das Fleisch unter seiner bleichen Haut schwand innerhalb von Augenblicken dahin. Der Mann verwandelte sich in Sekunden in eine Mumie aus ledriger Haut und hervorstehenden Knochen. Teile seines Körpers zerfielen bereits zu Staub, ehe der gesamte Körper schwer der Länge nach zu Boden schlug.

Der Schädel löste sich vom Rumpf und rollte einen halben Meter weiter.

Die Augen glommen kurz grellrot auf, dann verlosch dieses unheimliche Feuer..."

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Firuz Askin, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Cover by Steve Mayer

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hexenrippe

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Grusel-Krimi von Wolf G. Rahn

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

Lonsam hatte sich mit Leib und Seele der Dämonenvernichtung verschrieben, aber nicht immer war er in diesem Kampf der Stärkere. Er benötigte die Rippe einer Hexe, denn diese sollte eine unschlagbare Waffe gegen alles Böse darstellen. Doch an die zu gelangen, war fast unmöglich. Aber nur fast ...

Jahrhunderte vergingen und viele machten sich auf die Suche nach der Hexenrippe. Auch Lee McFever wollte der Wahrheit um die Hexenrippe auf den Grund gehen, denn er hatte alte Schriften in die Hände bekommen, aus denen ziemlich genau der vermutliche Ort hervorging, an dem man die Hexenrippe suchen musste. Ausgerüstet mit magischen Dingen, die ihn vor Geistern schützen sollten, machte sich auf den gefahrvollen Weg ...

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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»Ergreift sie!«, schrie der Büttel. »Sie hat Sir William verhext. Auf den Scheiterhaufen mit ihr!«

Enna warf einen hasserfüllten Blick auf den Mann, der hinter ihr schnaufte und mit einer langen Lanze gestikulierte. Sie sah, dass aus den Gassen Menschen strömten, die sich ihr in den Weg stellen wollten. Besaß sie noch eine Chance?

Leichtfüßig lief sie über das Kopfsteinpflaster. Weiter vorn entdeckte sie noch eine Gasse. Sie musste sie erreichen, bevor auch sie sich schloss.

Brüllen und Kreischen ertönte um sie her. Ein paar Steine flogen, ohne sie jedoch zu treffen. Doch das konnte sich bereits in der nächsten Sekunde ändern. Hände griffen nach ihr. Hände von Geschlechtsgenossinnen, die ihr die Augen auskratzen wollten, und Hände von Kerlen, die die Gelegenheit wahrnahmen, jenes Mädchen zu betasten, dass mit seinen Reizen sogar Sir William Falco den Kopf verdreht hatte, jenem Mann, der so hart wie eine tausendjährige Eiche war.

Enna entwand sich den Zugriffen und stürzte weiter. Fetzen ihres ärmlichen Gewands blieben zurück. Immer mehr Verfolger strömten hinter ihr her. Von irgendwoher erklang Hundegebell, doch die Verurteilte wusste, dass die Tiere sie nicht angreifen würden. Gut für sie, aber auch verhängnisvoll, denn das war der unumstößliche Beweis, dass sie eine Hexe war. Ihr Schicksal war besiegelt.

Sie huschte über den Marktplatz. Die Stelle mit den verkohlten Resten war noch deutlich zu sehen. Hier hatte ihre Mutter ein grausames Ende gefunden. Schon bald würde man den Holzstoß für sie errichten.

Zum ersten Mal fühlte sie Angst in sich aufsteigen. Sie wollte nicht sterben. Nicht auf diese Weise! Ihre Rache war zu kurz gewesen. Sie hatte noch so viel zu erledigen.

Ein faustgroßer Stein traf sie an der Hüfte. Enna schrie auf, als der beißende Schmerz sie durchzuckte. Jeder Schritt bereitete ihr Qual. Sie wurde langsamer, und die Verfolger holten auf.

Wohin sollte sie sich wenden? Sie hatte die Wahl zwischen der breiten Fahrstraße, die zu den Lagerhäusern und zum Fluss führte, oder der engen, winkligen Gasse, in der fast das ganze Jahr die Sonne nicht schien. Am Fluss fand sie vielleicht ein Boot. Auch gab es dort dichtes Schilf, in dem sie sich verbergen konnte. Die finstere Gasse wurde dagegen von vielen Bürgern gemieden, weil sie so unheimlich war. Auch dort existierten Winkel und Nischen, die als vorübergehendes Versteck dienen konnten.

Ein breites Fuhrwerk, das über die Fahrstraße rumpelte, nahm Enna die Entscheidung ab. Dieser Weg war ihr versperrt, also blieb nur noch die Gasse.

Enna blickte sich hastig um. Die Verfolger waren dicht hinter ihr. Sie drohten ihr mit Knüppeln und Fäusten, und sie nahmen neue Steine in die Hand.

Die zur Hexe Bestimmte flüsterte eine Beschwörungsformel. Dann stürzte sie in die Gasse, in der es nach Abfällen roch. Verzweifelt hielt sie nach einem Versteck Ausschau, doch statt ihm tauchten neue Häscher auf. Sie hatten wohl damit gerechnet, dass Enna diesen Weg nehmen würde und waren ihr zuvorgekommen.

Nun gab es keine Rettung mehr für sie. Sie saß in der Falle. Schon bald würde man sie mit groben Stricken binden und in den Kerker bringen.

»Hilf mir, Mutter!«, flüsterte sie. »Ich habe es für dich getan.«

Plötzlich wurde es dunkel um sie. Sie fühle sich an den Schultern gepackt und fortgerissen. Der Lärm der Meute klang nur noch gedämpft an ihre Ohren. Da waren lästerliche Flüche und Verwünschungen, und einen Burschen hörte sie schreien: »Sie ist uns entwischt, Leute! Ich habe deutlich gesehen, wie sich die Erde aufgetan und der Leibhaftige sie geholt hat. Sie ist in die Hölle gefahren!«

»Zu viel der Ehre!«, sagte der Mann kichernd. »Für den Satan hat mich noch niemand gehalten, aber ich hätte nichts dagegen, wenn ich über seine Macht verfügte.«

Enna wurde allmählich ruhiger. Die Gefahr schien überstanden zu sein. Der Schwarzhaarige mit den feurigen Augen, der sie abschätzend musterte, hatte sie zweifellos gerettet. Sie musste ihm dankbar sein.

»Wer bist du?«, fragte sie leise, obwohl sie in dem hinteren Raum auf der Straße niemand hören konnte. »Wie ein Teufel siehst du nicht aus.«

Er war groß und schlank und hatte bei Frauen bestimmt seine Chancen. Mit grauen Augen blickte er sie an, und um seine Mundwinkel spielte ein belustigtes Lächeln.

»Ich heiße Lonsam«, sagte er, »und du bist Enna, die Hexe, nicht wahr?«

Sie zuckte zusammen. Unwillkürlich nahm sie eine abwehrende Haltung ein, doch er machte keine Anstalten, nach ihr zu greifen oder sie gar zu schlagen. Sein Blick war freundlich und doch abschätzend.

»Ja, ich bin Enna«, bestätigte sie.

»Du hast Sir William verhext, sagt man. Er soll den Verstand verloren haben, seit er dir im Wald begegnete. Lady Gwendolyn ist vollkommen aufgelöst. Durch den Zustand ihres Gatten ist sie im ganzen Hochland gesellschaftlich unmöglich geworden. Ich kann verstehen, dass sie dich gern auf dem Scheiterhaufen sehen würde. Du hast ihr großen Schaden zugefügt.«

»Die Falcos sind schuld, dass meine Mutter verbrannt wurde«, entgegnete Enna hart. »Sie haben eine schlimmere Strafe verdient.«

»Deine Mutter war eine Hexe«, erklärte Lonsam. »Sie wurde dem Gesetz entsprechend bestraft.«

Enna lachte böse.

»Das Gesetz? Wem dient es? Und wem hat meine Mutter Schaden zugefügt? Sie war immer auf der Seite der Schwachen und Armen. Sie hat mit ihren Fähigkeiten den Bauern geholfen, sie hat ihnen ihr erbärmliches Leben ein wenig erleichtert. Das war dem mächtigen Falco ein Dorn im Auge. Das war der wahre Grund, warum sie sterben musste. Oh, wie ich diese heuchlerische Sippe hasse!«

Der Mann deutete auf einen Stuhl und nahm selbst auf einer roh gezimmerten Bank Platz. Er wartete, bis auch die Hexe saß, bevor er fortfuhr: »Du weißt, was man sich von mir erzählt?«

Wieder zuckte sie zusammen. Dann nickte sie.

»Du sollst Dämonen jagen und sie vernichten ... Man sagt, dass du bereits sieben Hexen zur Strecke gebracht hast. Vor einem halben Jahr hast du ein kleines Mädchen vor einem Vampir gerettet.«

»Und du hast keine Angst vor mir?«

Sie zögerte mit der Antwort.

»Doch«, sagte sie schließlich wahrheitsgemäß, »aber du hast mich sicher nicht gerettet, um mich anschließend zu vernichten.«

Lonsam lächelte.

»Du hast recht, Enna. Ich kämpfte gegen das Böse. Genau wie du. Ich weiß, dass du als Hexe verschrien bist, doch deine übersinnlichen Fähigkeiten nur benutzt, um Bedrängten zu helfen. Deshalb habe ich dich in Sicherheit gebracht.«

»Ich danke dir, Lonsam.«

»Du brauchst mir nicht zu danken«, wehrte der Mann ab. »Ganz uneigennützig war meine Tat nicht. Ich hoffe nämlich, dass du dich revanchierst.«

»Bist auch du in Bedrängnis? Wirst du ebenfalls verfolgt?« Die junge Frau war besorgt. Wenn es in ihrer Macht stand, wollte sie ihrem Retter behilflich sein.

Er schüttelte den Kopf.

»Das nicht. Jedenfalls haben sich die Menschen noch nicht gegen mich gewendet. Dafür habe ich viele Feinde in der Welt der Finsternis und des Grauens. Wenn du mir ein paar Tipps gibst, wenn du mir einige deiner Tricks verrätst, wäre mir im Kampf gegen diese Ungeheuer sehr geholfen.«

Enna schwieg betreten. Zu gern hätte sie dem Mann geholfen, doch was er von ihr erwartete, konnte sie nicht erfüllen.

»Du schweigst?«, forschte der Feind der Dämonen.

»Was soll ich sagen?«, klagte Enna. »Du wirst mich nicht begreifen. In mir wohnt keine besonders große Hexenkraft. Ich bin nur unbedeutend in unseren Reihen. Ich kenne keine Tricks, wie du es nennst. Was ich tue, kommt ganz selbstverständlich aus mir. Ich kann es nicht erklären, schon gar nicht dieses Wissen weitergeben.«

Lonsam sprang von der Bank auf. Enttäuscht ging er in dem kleinen Raum, der mit Büchern und eigenartigen Geräten vollgestopft war, auf und ab. Er verschränkte die Finger ineinander. Die Knöchel traten weiß hervor. Nach einer Weile blieb er vor ihr stehen und sah Enna fest an.

»Es wird gemunkelt, dass die Rippe einer Hexe eine unschlagbare Waffe gegen alles Böse darstellt.«

»Das entspricht der Wahrheit. Es ist die Rippe über dem Herzen. Doch sie muss im reinigenden Feuer gehärtet sein.«

Lonsam wurde immer aufgeregter.

»Deine Mutter«, sagte er, »starb auf dem Scheiterhaufen. Ihre Rippe wurde gehärtet. Hast du sie dir nicht beschafft?«

»Niemals hätte ich Hand an die Leiche meiner Mutter legen können«, erklärte Enna fest.

»Aber mit Hilfe dieser Rippe könntest du zweifellos dein eigenes Leben retten«, gab Lonsam zu bedenken. »Du brauchtest dich nie wieder vor Häschern zu fürchten. Wenn du willst, besorge ich diese Waffe für dich.«

»Nein, ich will es nicht. Außerdem wäre es dafür zu spät. Man hätte den Knochen aus meiner armen Mutter lösen müssen, als sie noch brannte. Ein schauerlicher Gedanke!« Enna schüttelte sich, und Tränen traten in ihre Augen.

Der Mann wandte sich einem Herd zu, auf dem eine Suppe kochte.

»Was wirst du nun tun?«, fragte er nach einer Weile.

Enna hob die schmalen Schultern.

»Wenn sie wirklich glauben, dass ich in die Hölle gefahren bin, wird man mich nicht mehr suchen. Ich werde in der Nacht von hier verschwinden. Irgendwo wird es schon einen Platz für mich geben. Dort, wo mich keiner kennt, werde ich versuchen, die Falcos zu vergessen.«

Der Mann schüttelte den Kopf.

»Damit würde ich noch warten, Enna«, riet er, »Ein paar Tage kannst du bei mir bleiben. Hier bist du sicher. Zur Not habe ich im Keller einen Raum, in dem dich keiner findet, aber ich rechne nicht damit, dass man nach dir fragt. Wenn sich die Leute ein wenig beruhigt haben, kannst du deine Rache gegen die Falcos fortsetzen. Was sie deiner Mutter und dir angetan haben, schreit nach Vergeltung.«

Ennas Augen leuchteten auf. Dann wurde sie ernst.

»Ich will nicht, dass du dich meinetwegen in Gefahr begibst. Du hast schon so viel für mich getan. Es ist besser, wenn ich dein Haus noch heute verlasse.«

»Unsinn!« Der Mann wandte sich zur Tür.

»Wohin gehst du?«, erkundigte sie sich ängstlich.

»Ich will mich ein bisschen umhören, Enna. Auf dem Marktplatz oder im Gasthaus erfährt man allerlei, was wichtig sein kann. Ich bleibe nicht lange aus, das verspreche ich dir. Verlass auf keinen Fall das Haus, bevor ich wieder da bin! Ich werde mich durch Klopfzeichen bemerkbar machen.« Er führte es auf der Innenseite der Tür vor. »Wenn du das hörst, brauchst du keine Angst zu haben und dich nicht zu verstecken.«

Er ging.

Enna blieb allein zurück. Sie überlegte, ob sie ihrem Retter nicht doch auf irgendeine Weise helfen konnte, aber ihr fiel nichts ein.

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Lonsam wurde im Dorf geachtet, seit er den Vampir besiegt hatte. Freunde dagegen besaß er kaum. Allen war dieser hochaufgeschossene Mann zu unheimlich. Wer sich mit Dämonen und anderen Schreckgestalten anlegte, um sie zu bekämpfen, musste mit Mächten im Bund sein, denen man besser aus dem Weg ging. Dass der junge Mann nicht als Hexenmeister oder Magier angeklagt und verurteilt wurde, hatte er wohl nur der Tatsache zu verdanken, dass das von ihm gerettete Kind die Tochter Richter Thunderbills war.

Lonsam hatte sich mit Leib und Seele der Dämonenvernichtung verschrieben, aber trotz aller unbestrittenen Erfolge drückten ihn auch beträchtliche Sorgen, denn nicht immer war er in diesem Kampf der Stärkere.

Im Gasthaus hatte er nicht viel in Erfahrung bringen können. Die Männer waren von ihm abgerückt, als er sich zu ihnen setzen wollte. Am Marktplatz hatte sich die aufgebrachte Menge noch nicht zerstreut. Hier gelang es Lonsam, sich unter die Gestikulierenden zu mischen und ein paar Brocken aufzuschnappen.

»Er trug einen schwarzen Mantel«, schrie gerade ein Halbwüchsiger, »und aus seinen Augen schossen Blitze. Es war der Teufel! Ich schwöre es euch ...« Er sonnte sich in seinem Ruhm, denn niemand außer ihm hatte beobachtet, wie der Satan die Hexe geholt hatte.

»Recht ist ihr geschehen«, keifte eine Frau, aus deren Leibesfülle man mit Leichtigkeit zwei hätte machen können. »Jetzt muss sie im Fegefeuer schmoren. Da vergehen ihr die Flausen. Die hätte noch unsere ganzen Männer verhext.«

Eine andere widersprach ihr mit greller Stimme: »Fegefeuer? Dass ich nicht lache! Dieses Pack gehört doch zusammen. Teufel und Hexen, das ist eine verschworene Bande. Die tun sich gegenseitig nichts. Ich sage euch, die fühlt sich jetzt blendend, und bei passender Gelegenheit taucht sie wieder auf und holt sich ein neues Opfer. Man hätte sie verbrennen müssen. Nur dann wären wir ein für allemal vor ihr sicher gewesen.«

Viele pflichteten ihr bei. Nur ein kleiner Mann mit einer speckigen Mütze auf dem Kopf enthielt sich jeden Kommentars.

»Und was sagst du, Jeff?« Ein vierschrötiger Bursche stieß ihn an. »Ich glaube gar, du bedauerst, dass das Weibsbild fort ist.«

Jeff drängte aus dem Menschenknäuel heraus. Es war ihm nicht angenehm, dass man ihn so direkt fragte, aber er dachte auch nicht daran, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Das war er dem Mädchen schuldig.

»Ich glaube nicht, dass sie eine Hexe war«, erklärte er mit unsicherer Stimme. »Beim letzten Hagel hat sie mir geholfen, das Korn einzubringen. Ohne ihre Hilfe müssten meine Kinder diesen Winter hungern. Eine Hexe ist nicht wohltätig, sondern gemein und niederträchtig.«

Der Vierschrötige baute sich vor ihm auf und zog seinen vierkantigen Kopf zwischen die Schultern.

»Sag das nur nicht zu laut!«, brüllte er über den ganzen Marktplatz. »Es könnte einer auf den Gedanken verfallen, dass du mit der Hexe sympathisierst. Dann möchte ich nicht in deiner Haut stecken. Wenn du nicht völlig vernagelt bist, musst du doch am besten begreifen, dass nur eine Hexe deine Ernte retten konnte.«

Jeff wandte sich ab und eilte davon. Es waren gefährliche Worte, die Mock gesagt hatte. Wenn der Falsche sie hörte, hatte er nichts mehr von der geretteten Ernte. Man würde ihn der Hexerei beschuldigen, und von diesem Vorwurf hatte sich noch niemand reinwaschen können.

Lonsam schlenderte weiter. Er war jetzt im Bilde. Enna besaß nur wenig Fürsprecher. Aber das war nicht so schlimm, denn alle waren davon überzeugt, dass sie in der Erde versunken war, denn wie sonst sollte sie es fertig gebracht haben, spurlos zu verschwinden?

Der Mann ließ das Geschrei und Gezeter hinter sich. Das Volksgemurmel hing wie eine Wolke in der Luft. Es dröhnte schmerzhaft in seinen Ohren.

Er ging noch nicht nach Hause und passierte bald die letzten Häuser des Ortes. Übergangslos begannen die Kornfelder. Viele von ihnen waren durch den Hagel, von dem Jeff gesprochen hatte, verwüstet. Beträchtlicher Schaden war entstanden. Dass die Falcos Ennas Mutter die Schuld dafür gegeben und sie auf den Scheiterhaufen gebracht hatten, hatte das Unglück nicht ungeschehen machen können, aber zumindest war das Gefühl entstanden, sich an der Verursacherin gerächt zu haben. Und nun sollte Enna ihrer Mutter folgen.

Der große Mann war ganz in Gedanken, als ihn die ersten Regentropfen trafen. Sie fielen ihm in den Kragen, und ihre Kälte lähmte ihn fast. Er richtete seinen Blick nach oben und erschrak. Der Himmel war schwarz. Nur vereinzelt unterbrachen ihn gelbliche Stellen, die aber nicht von der Sonne herrührten. Es sah wie eine schweflige Suppe aus.

Lonsam wusste, dass es zu spät war, vor dem aufziehenden Unwetter zu fliehen. Seine Gedanken an die Hexe in seinem Haus hatten ihn abgelenkt, nun war er den Naturgewalten ausgeliefert.

Hastig wandte er sich um und begann zu laufen. Da zuckte ein greller Blitz dicht vor ihm nieder und warf ihn zu Boden. Augenblicklich folgte berstender Donner, der ihn für Minuten taub machte. Als er wieder zu hören begann, glaubte er, Stimmen zu vernehmen. Es waren drohende, feindliche Stimmen. Er zuckte zusammen, denn diese Stimmen kannte er. Sie gehörten einem fürchterlichen Dämon, der in tausend Zungen sprach und dessen Macht unvorstellbar war. Mehrfach hatte Lonsam schon versucht, diesen Mächtigen zu besiegen, doch stets hatte er froh sein müssen, mit heiler Haut aus dem Kampf hervorgegangen zu sein.

»Verfluchter!«, schrie er zornig. »Du hast dich lange nicht gezeigt. Verschwinde von hier, bevor ich dir den Garaus mache!«

Höhnisches Lachen füllte die Luft, durch die Blitze in unvorstellbarer Zahl und Dichte zischten. Die schwarze Wolkenwand barst und entließ einen fürchterlichen Wasserschwall, der den Mann erneut zu Boden riss. Schlamm spritzte unter ihm auf. Er tauchte mit dem Gesicht hinein und fluchte. Seine Kleidung sog sich mit Feuchtigkeit voll und wurde so schwer, als hingen Ketten an seinen Gliedern.

»Du Winzling!«, spottete die Stimme, und ein scheußliches Gesicht bildete sich aus dem Feuer der Blitze. »Zu lange schon habe ich dich geduldet. Du maßt dir Macht an, die dir nicht zusteht. Jetzt musst du sterben!«

Lonsam war nicht der Mann, der sich so leicht ins Bockshorn jagen ließ. Seinen Tod hatte ihm schon mancher Dämon prophezeit. Aber diesmal schien es ernst zu sein.

Er sammelte seine Kräfte und zog eilig einen Kreis um sich in den Schlamm. Er begleitete diese Handlung mit dem Gemurmel magischer Beschwörungsformeln, und der Unheimliche grollte.

Lonsam schöpfte Hoffnung. Aus einer Tasche zog er ein hölzernes Kruzifix, das er vor sich aufpflanzte. Das stärkte ihn seelisch. Er glaubte wieder an sich und fand Kraft für seine nächsten Aktionen, während der Wolkenbruch ihm schier den Atem nahm. Unaufhörlich flüsterte er Dämonensprüche und förderte sieben geflochtene Bänder zutage, die er in ganz bestimmten Rhythmen schwang, um damit einen Schutzwall zu errichten. Der Dämon tobte und schleuderte immer mehr Blitze gegen ihn, die jedoch an dem Wall abprallten. Er raste gegen den einsamen Mann auf dem Feld und blendete ihn mit seiner Helligkeit. Lonsam schützte die Augen. Das tropfnasse Haar hing ihm in Strähnen ins Gesicht. Er sah schrecklich aus. Seine Hände zitterten vor Erschöpfung, dabei hatte der Kampf erst begonnen.

Der magische Kreis verschwand. Die Wassermassen löschten ihn auf, und Lonsam musste ihn immer wieder erneuern, um dem Geist keine Lücke zu bieten, durch die er ihn zerren konnte. Wenn das geschah, war er verloren.

Flüchtig dachte der Dämonenvernichter an Enna, die Hexe, die in seinem Haus auf ihn wartete. Würde sie ihm helfen können, wie er ihr geholfen hatte? Wäre ihre Macht groß genug für diesen Dämon?

Diese Gedanken waren müßig, denn Enna war weit und konnte ihm nicht zur Seite stehen.

Vor ihm brach die Erde auf. Dämpfe waberten aus dem gähnenden Spalt und drangen in Lonsams Poren. Sie sollten seine Geisteskraft lähmen.

Voller Angst suchte der Magier eine silberne Dose, in der er eine schwärzliche Salbe aufbewahrte. Damit rieb er sich Gesicht und Körper ein. Er wusste, dass die Mixtur die Poren wenigstens vorübergehend verstopfte und der drohenden Lähmung vorbeugte. Doch der Regen wusch alles schnell wieder herunter. Es war aussichtslos. Der Donner ließ den Boden erzittern. Es war, als würden sich sämtliche Höllenschlünde öffnen.

Das Holzkreuz sackte zur Seite. Lonsam richtete es wieder auf und klammerte sich daran fest. Ein Blitz fauchte herab und griff nach seiner Faust, die das Kruzifix hielt. Lonsam verbiss den Schmerz, aber er ließ nicht los. Dieser Rettungsanker war seine einzige Stütze in diesem Inferno, das ihn vernichten wollte. Er beschwor alle verstorbenen Magier. Zu manchen hatte er bereits früher geistigen Kontakt aufgenommen. Sie mussten ihm jetzt helfen! Doch sie blieben ihm eine Antwort schuldig ... Er war allein. Und wieder meldete sich die herrische Stimme, die sich bereits als Sieger fühlte: »Erkenne, wie klein du bist, Unseliger! Du kannst mir nicht mehr entrinnen. Ich hole dich, aber du sollst zuvor noch vor Angst und Entsetzen vergehen. Das ist meine Rache dafür, dass du dich mir solange widersetzt hast. Furcht ist die Hölle. Du wirst sie auskosten. Wenn wir uns wiedersehen, bist du mein!«

Ein letztes Krachen, ein schmerzhaftes Aufleuchten und ein Guss, der ihn wie ein Brett traf und in den Dreck schleuderte, dann hellte sich der Himmel auf, der Regen versiegte schlagartig, und nur der Schlamm, der Lonsam in Augen, Ohren und Mund gedrungen war, und das nur allmählich verklingende Dröhnen in seinem Schädel erinnerten ihn an das entsetzliche Erlebnis, das er überstanden hatte.

Seine Grenzen waren ihm aufgezeigt worden. Einen weiteren Zusammenprall mit diesem Dämon konnte er nicht überstehen. Fortan musste er in Panik leben, bis er geholt wurde.

Wankend erhob sich der Mann und steckte das Kruzifix wieder zu sich. Seine Beine waren wie taub, als er sie zögernd vorwärts bewegte. Fast gehörten sie ihm schon nicht mehr, und bald würde ihm auch sein Verstand nicht mehr gehorchen.

Nein, das durfte nicht sein ...

Lonsams Augen blickten plötzlich wild und entschlossen. Sein Gesicht wurde hart, seine Finger zuckten.

Im Dorf war nichts von dem Unwetter zu spüren. Hier war der Himmel strahlend blau, und niemand ahnte, was draußen auf den Feldern passiert war.

Enna ging ruhelos in dem engen Raum auf und ab. Hin und wieder lauschte sie an der Tür, wenn eilige Schritte über das holprige Pflaster klapperten oder ein Karren vorbei rumpelte. Jedes Mal hoffte sie, dass es Lonsam sei, doch immer wieder zog sie sich enttäuscht zurück. So wartete sie weit über drei Stunden, und sie wurde immer unruhiger. Es wurde draußen bereits dämmrig, als wieder Schritte nahten. Sie verharrten vor dem Haus, in dem sich Enna verbarg.

Das verabredete Klopfzeichen beruhigte sie. Es war der Dämonenjäger. Endlich kehrte er zurück. Sie war voll banger Vermutungen, was er alles im Dorf gehört haben mochte. Würde sich noch eine Möglichkeit zur Flucht bieten? Sie eilte zur Tür und öffnete ungeduldig.

»Ergreift sie!«, hörte sie Lonsam sagen. »Die Hexe hat sich bei mir eingeschlichen. Sie ist des Teufels und hat versucht, mich gegen die Obrigkeit einzunehmen.«

Zwei Büttel drängten sich aus der dunklen Gasse an ihm vorbei. Ihre Arme reckten sich Enna entgegen, die wie erstarrt stand. Ihre blauen Augen waren fassungslos. Sie wollten nicht glauben, dass der gleiche Mann, der sie vor Stunden erst gerettet hatte, nun verriet.

»Was tust du, Lonsam?«, flüsterte Enna.

Der große Mann warf ihr einen kurzen Blick zu. Dann wandte er sich brüsk ab und sah nicht, wie die beiden Häscher der Hexe gewaltsam die Arme auf den Rücken rissen und sie aus dem Haus stießen, wobei sie mit kräftigen Stößen nachhalfen, obwohl das Mädchen nicht den geringsten Widerstand leistete. Dazu war es viel zu benommen.

»Ihre Mutter war eine Hexe«, hörte sie den Magier sagen, »und sie ist es ebenfalls. Sie hat den Feuertod verdient, damit nicht noch mehr Unheil über unser Dorf hereinbricht.«

In seinem Gesicht zuckte es. Seine Lippen waren zwei dünne Striche, aus denen alles Blut gewichen war. So mitleidlos war sein Gesicht immer dann, wenn er sich im Kampf gegen Dämonen oder anderen Wesen der schwarzen Mächte befand.

Als er seinen Kopf zur Tür wandte, glaubte er, dass die Büttel das Haus bereits verlassen hätten. Doch gerade in diesem Augenblick drehte sich auch Enna nach ihm um, und der Blick aus ihren klaren, seltsam blauen Augen traf ihn härter als einer der gnadenlosen Blitze, die er erst vor kurzem überstanden hatte. Er erschrak, denn er sah, dass sich ihr Erschrecken in Hass gewandelt hatte. Diese Augen waren wie Bergseen, in deren glattem Spiegel er die Zukunft lesen konnte. Was er darin entdeckte, ließ ihn erschauern.

»Sei verflucht, Lonsam!«, hauchte Enna. »Für das, was du getan hast, soll dich grausame Strafe treffen. Du hast Enna besiegt, aber es gibt Stärkere und Mächtigere als sie. Das wirst du schon bald begreifen.«

»Vorwärts!«, schrie einer der Blutknechte. »Alles, was du zu sagen hast, kannst du noch heute dem Richter erzählen. «

»Schafft mir das Weib aus den Augen!«, ächzte Lonsam. Er allein begriff, wie schwer ein Fluch der Hexe zählte. Er würde seine ganze Kraft aufbieten müssen, um sich von ihm zu befreien. Mit einer Handbewegung vertrieb er die düsteren Gedanken. Mit dem Fuß schleuderte er die Tür ins Schloss, damit er die anklagenden Augen nicht mehr sehen musste. Kurze Zeit hörte er noch die schweren Schritte der Büttel über das Pflaster stampfen. Dazwischen war leises Stöhnen. Offenbar gingen sie mit dem Mädchen nicht gerade behutsam um.

Lonsam stürzte zum Tisch und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Er presste das Gesicht gegen die Tischplatte und hielt sich krampfhaft die Ohren zu, um das Stöhnen nicht mehr hören zu müssen. Es gelang ihm sogar. Nur vor dem Fluch konnte er die Ohren nicht verschließen. Es würde lange dauern, bis er in seinem Innern verstummte ...

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Der Prozess gegen die Hexe war nur eine Formsache. Das »Schuldig« stand von vornherein fest. Obwohl Lonsam nicht als Belastungszeuge erschien, gab es für Richter Thunderbill keinen Zweifel daran, dass dieser Mann wieder mal einer Ausgeburt der Hölle das Handwerk gelegt hatte. Lonsam war für das Dorf ein Segen. Als Ankläger traten die Falcos auf, die von Lady Gwendolyn angeführt wurden, Ihr Mann konnte nicht erscheinen. Seinen Verstand hatte die Hexe auf dem Gewissen.

Obwohl die Form des Prozesses gewahrt wurde, ging doch alles ungewöhnlich schnell. Die Hinrichtung wurde für den Nachmittag anberaumt.

Zeit genug für die Dorfbewohner, sich auf dem Marktplatz zu versammeln, um sich einen der vorderen Plätze zu sichern. Man wollte nichts versäumen, und vor allem wollte man von den maßgeblichen Leuten gesehen werden. Das war wichtig in einer Zeit, in der es genügte, der Zauberei angeklagt zu werden, wenn man nicht bereit war, lautstark bei der Verbrennung einer Hexe zu jubeln.

Die Richtstätte hatte nicht neu aufgebaut werden müssen. Sie war noch vom letzten Mal bereit. Lediglich trockenes Holz und Strohbündel hatten herbeigeschafft werden müssen.

Der Himmel über dem Dorf war bleigrau. Die richtige Stimmung für ein Todesurteil. Umso ausgelassener war die Menge, die unter diesem unheilschwangeren Himmel sich lautstark die Zeit vertrieb. Der vierschrötige Mock führte wieder mal das Wort.

»Wetten, dass Jeff jetzt in seiner Kammer hockt und darüber sinnt, wie er der verdammten Hexe helfen könnte?«, schrie er. »Warum ist er denn nicht hier, he? Ich finde das reichlich merkwürdig.«

»Merkwürdig?«, kreischte eine Frau. »Verdächtig ist das. Äußerst verdächtig.«

»Jeff ist zu Hause geblieben, weil seine Frau krank ist«, ließ sich ein älterer Mann hören.

»Das sind Ausflüchte«, begehrte ein anderer auf. »Seine Lissy ist nur krank, weil die Hexe sie mit ihrem bösen Blick angesehen hat.«

Das war Wasser auf Mocks Mühlen. »Du hast recht, Barno. Enna wollte Jeffs Frau aus dem Weg schaffen, damit sie ihn ganz für sich gehabt hätte. Dass die beiden was miteinander hatten, ist doch klar. Nur deshalb hat sie sein Korn geschützt. Das meine hat der Hagel zerschlagen.«

»Kein Wunder, Mock«, brüllte ein drahtiger Bursche. »Du warst ja auch viel zu faul, es rechtzeitig einzubringen. Stattdessen bist du lieber bei Hanno im Wirtshaus gesessen.«

Der Vierschrötige wirbelte zu dem Sprecher herum und musterte ihn wütend. Sekundenlang überlegte er, ob er dem flinken Cardy mit seinen harten Fäusten gewachsen war. Diesen Schimpf durfte er schließlich nicht unwidersprochen lassen. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass es eine viel bessere Möglichkeit gab, mit dem lästigen Burschen fertigzuwerden.

»Du hängst dein loses Maul ziemlich weit zur Hexe hinüber, Cardy«, sagte er ölig. »Manch einer scheint ja ganz vernarrt in ihre blauen Augen zu sein. Bist du hier, um uns gegen sie aufzuhetzen? Das würde mich nicht wundern. Einer wie du nimmt, was er kriegen kann. Und sicher würde sich Enna bei dir erkenntlich zeigen.«

Cardy erkannte blitzschnell die Gefahr, in die ihn der andere manövrieren wollte. Er hatte viele Möglichkeiten, sich aus dem rasch aufkeimenden Verdacht zu winden. Er konnte alles abstreiten, aber je lauter er schrie, umso misstrauischer würde man werden. Er konnte Mock die Antwort mit den Fäusten erteilen. Auch das war ein Argument, dass nur zu schnell falsch ausgelegt wurde. Schließlich blieb noch die Flucht, aber die war erst recht ein Eingeständnis seiner angeblichen Schuld. Die Möglichkeit, kurzerhand einen anderen zu verdächtigen, möglichst einen Schwachen, der zu ungeschickt war, seinen Hals rechtzeitig aus der drohenden Schlinge zu ziehen, widerstrebte ihm. Er war nur hier, weil jeder das erwartete. Er glaubte nicht an Hexen und Zauberei. Er wollte nicht schuld sein, dass ein Unschuldiger seinetwegen an diesem verhängnisvollen Aberglauben zugrunde ging.

Aber er selbst wollte das auch. Was also sollte er tun? Mocks glitzernde, triumphierende Augen hingen an ihm. Der Vierschrötige nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierkrug. Er war sich seines Sieges sicher. Da kam dem Bedrängten ein Ereignis zu Hilfe, das ihn der Aufmerksamkeit der anderen enthob.

»Sie kommt!«, keifte eine Frau und fuchtelte aufgeregt mit ihrer gichtigen Hand dorthin, woher ein zweirädriger Karren rumpelte. Der Karren wurde von einem mageren Gaul gezogen. Davor und dahinter gingen je zwei Büttel mit gestrengen Mienen, vor denen die Menge zurückwich. Auf dem Karren kauerte Enna, die ein Kleid aus grauem, grobem Tuch trug. Ihre Füße waren nackt, ihr schmales Gesicht bleich. Sie sah aus, als wäre sie bereits tot. Nur in ihren blauen Augen zuckte noch ein wenig Leben. Sie hielt den Blick gesenkt, denn sie wusste, dass ihr nur Hass entgegenschlug. Die aufgehetzte Meute war ohne Erbarmen.

Trotzdem hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf, während der Karren zur Richtstätte rollte, neben der sich inzwischen Richter Thunderbill, einige Schergen, ein Geistlicher und der Henker eingefunden hatten. Enna versuchte jenen Mann zu entdecken, dessen abscheuliches Tun sie noch immer nicht begriff. Immerhin hatte sie die Nacht mit der Frage verbracht, ob sie berechtigt gewesen war, ihn zu verfluchen. Schließlich hatte Lonsam sie zwar den Häschern ausgeliefert, aber zuvor war sie diesen nur durch seine Hilfe entronnen. Was auch immer seinen Gesinnungswechsel bewirkt haben mochte, er hatte sich lediglich ein Geschenk zurückgeholt, das ihn wohl inzwischen reute. Aber der Fluch war ausgesprochen, und sie konnte ihn nicht zurücknehmen, weil sich der Geistervernichter nicht vor ihr blicken ließ.

Das Raunen ebbte ab und verstummte schließlich ganz, als der Karren nur wenige Meter vor dem Holzstoß entfernt hielt, und kräftige Arme die Hexe herunterzerrten.

An der Kirche rollte eine Kutsche vorbei, die von vier weißen Pferden gezogen wurde. In der Kutsche saß Lady Gwendolyn. Sie war pünktlich und hatte den Augenblick ihres Auftritts so raffiniert gewählt, dass sie sogar für kurze Zeit der Hexe die Schau stahl, denn alle Köpfe wandten sich nach ihr und ihrem prächtigen Gefolge um.

Der Kutsche folgten Berittene. Danach kamen offene Kaleschen mit Edeldamen. Alle wollten miterleben, wie die Hexe, die Sir William auf dem Gewissen hatte, ihrer gerechten Strafe zugeführt wurde.

Enna wurde unter dem Jubel der Anwesenden auf den Holzstoß geführt und an einem Pfahl festgebunden. Richter Thunderbill verlas die Anklageschrift und verkündete das Urteil, wobei erneut Genugtuung gezeigt wurde. Die Todeskandidatin erschien völlig teilnahmslos. Offenbar begriff sie nicht, dass sie die nächste Stunde nicht überleben würde. Der Geistliche, ein knochiger Mann mit unruhigen Augen, sprach einige Worte, die der Verurteilten Trost auf ihrem letzten Weg zusprechen sollten.

Als Thunderbill dem Henker, einem grobschlächtigen Kerl, den man extra von Inverness hatte kommen lassen, einen Wink gab, verneigte dieser sich kurz vor Richter und Tribüne, tauchte einen Holzspan in das bereitstehende Becken mit den glühenden Kohlen und entzündete ihn. Mit dieser Fackel schritt er zum Scheiterhaufen und hielt sie an eines der Strohbündel, aus dem sofort die Flammen schlugen. Ein Aufseufzen ging durch die Menge.

»Das heilige Feuer möge deine verruchte Seele reinigen«, predigte der Geistliche.

Dann wurde Ennas Körper von den zuckenden Flammen eingehüllt. Kein Laut drang über ihre Lippen.

»Hört ihr es?«, schrie Mock. »Sie schreit nicht mal. Nur eine Hexe kann so verstockt sein.«

Die Spannung löste sich, während schwärzliche Rauchschwaden vom Wind über den Marktplatz getragen wurden. Krüge krachten aneinander. Hanno, der Wirt, hatte alle Hände voll zu tun.

Das Feuer fraß sich weiter.

Lady Gwendolyn erhob sich. Sie hatte genug gesehen. Sir William war gerächt. Es war nicht nötig, dass sie noch länger bei ihren Untertanen blieb. Als sie sich von einem eleganten Herrn zu ihrer Kutsche geleiten ließ und einige Frauen tuschelten, dass es der Gräfin möglicherweise gar nicht so unangenehm war, ihren schweinsköpfigen Gemahl gegen diesen Prachtburschen eingetauscht zu haben, entstand hinter der Menge eine Bewegung. Stimmen wurden laut. Jemand fluchte, andere zeterten.

Köpfe ruckten herum - und nun sahen es alle!

Ein schwarzes Pferd galoppierte an der gaffenden Meute vorbei, durchbrach ihre Reihen und stürmte direkt zur Mitte des Platzes. Auf dem Rappen saß ein Reiter, dessen Gesicht nicht zu erkennen war, denn es war verhüllt. Der Mann trug einen weiten, schwarzen Umhang, der hinter ihm her wehte und ihm gespenstiges Aussehen verlieh.

Frauen kreischten. Einige fielen in Ohnmacht, oder taten zumindest so.

Der Vierschrötige schob sich weiter vor und brüllte: »Das ist kein anderer als Jeff. Er will seine Teufelsbraut befreien. Packt ihn! Er gehört zu der Hexe ins Feuer ...»

Tatsächlich hielt der unheimliche Reiter genau auf den lodernden Scheiterhaufen zu. Dort stellten sich ihm die Schergen in den Weg und versuchten, ihn vom Pferd zu reißen, obwohl sie sich eines gewissen Unbehagens nicht erwehren konnten. Der Unbekannte stieß die Faust vor, und zwei der Burschen flogen gefährlich nahe an dem Holzstoß vorbei und blieben wimmernd liegen. Der Schlag konnte sie unmöglich so schwer getroffen haben, aber sie zogen es vor, sich mit dem Reiter, der ihnen nicht geheuer war, nicht näher einzulassen.

Die vier anderen lachten roh und verächtlich. Zwei sprangen den Vermummten von hinten an, während die beiden anderen seinen Gaul hielten. Der Schwarze flüsterte einige Worte, und das Pferd stieg wiehernd auf die Hinterläufe, während es seine Vorderhufe in die Gegend schleuderte.

Wieder fanden sich zwei Büttel im Staub, der sich vom Ruß inzwischen dunkel gefärbt hatte. Die restlichen beiden besorgten sich armdicke Knüppel und schwangen sie über ihre Köpfe.

Die Menge hielt den Atem an.

Der Henker trat näher und stemmte seine Fäuste in die Seiten. Er war davon überzeugt, nicht eingreifen zu müssen. Die beiden Prügel reichten zweifellos aus.

Der Mann im Umhang breitete seine Arme aus. Hohl klangen unverständliche Worte unter seiner Kutte. Die Knüppel krachten herab, aber die Büttel schlugen sie sich gegenseitig auf die Köpfe. Benommen torkelten sie zurück, und nun war der Weg zur Hexe für den Fremden frei.

»Sie hat ihm geholfen«, schrie Mock. »Er ist mit der Hexe im Bund. Jeff ist ein Zauberer. Er will Enna dem Feuer entreißen.«

Alle hörten es, aber niemand wagte es, seine Hand gegen den Beschuldigten zu heben, der offensichtlich in der Lage war, fremde Arme nach seinem Willen zu lenken. Nur der bullige Henker lachte wild auf und warf sich dem Dreisten entgegen. In seiner Faust blitzte ein breites Messer, mit dem er normalerweise die Gerichteten vom Pfahl schnitt. Der Stahl der Klinge blitzte unter dem flackernden Schein der rötlichen Flammenglut. Er zuckte herab und grub sich in den schwarzen Stoff des Umhangs.

Doch dann geschah etwas, womit keiner gerechnet hätte.

Der Henker schrie auf und ließ das Messer fallen. Er steckte seine Hand, auf der sich gewaltige Brandblasen zeigten, zwischen seine Knie und jammerte vor Schmerz. Der Unbekannte gab seinem Pferd die Sporen, und es setzte über den grausamen Diener der Gerechtigkeit mit weitem Sprung hinweg. Der Mann im Umhang glitt aus dem Sattel und lief auf den Scheiterhaufen zu, auf dem Enna die letzten Qualen erduldete. Keine Hand hielt ihn mehr auf. Nicht nur die neugierige Menge, auch Richter Thunderbill und der Geistliche wichen entsetzt zurück.

Für Sekunden verschwand der Unheimliche in den hochaufschießenden Flammen. Als er wieder auftauchte, war deutlich zu erkennen, dass er etwas unter seinem Umhang verbarg.

»Er hat sie geraubt«, plärrte Mock. »Tötet ihn! Worauf wartet ihr noch?«

Er sah sich suchend um. Dann schleuderte er kurzerhand seinen schweren Bierkrug hinter dem Flüchtenden her, der inzwischen wieder bei seinem Pferd angelangt war und sich gerade in den Sattel schwang.

Das war das Signal für die anderen. Hundert Rücken bückten sich. Hundert Arme reckten sich, hundert Hände griffen nach Steinen, die sie dem Frevler zugedachten.

Ein wahrer Geschosshagel prasselte hinter dem davon galoppierenden her. Die Entfernung war noch nicht sehr groß. Trotzdem traf kein einziger Stein. Alle verfehlten sie den Teufelsreiter knapp. Das ging nicht mit rechten Dingen zu!

Der Unheimliche verschwand in einer Staubwolke. Er wurde nicht verfolgt. Allen fehlte der Mut. Vor allem jenen, die ein Pferd zur Verfügung hatten.

Die Edelmänner umringten Lady Gwendolyn, die vor Angst fast von Sinnen war. Hier konnten sie ihren Mut besser beweisen, und sie liefen nicht mal Gefahr, einen Schlag abzubekommen oder gar verhext zu werden.

Als der schwarze Spuk verschwunden war, kehrte zögernd wieder Ruhe und Übersicht ein. Vor allem der Geistliche verlangte, es müsse jemand nachsehen, ob die Hexe tatsächlich verschwunden sei. Wer sollte das tun? Die Flammen waren so dicht, dass sie jeden Blick hindurch verwehrten, und so feuerfest wie der berittene Teufel war keiner von ihnen. Deshalb warteten sie, bis das Feuer niedergebrannt war. Dann würde sich ja zeigen, was wirklich geschehen war. Das konnte noch eine Weile dauern. So lange aber wollte Mock nicht warten.

»Lasst uns zu Jeff gehen!«, schrie er. »Wir holen ihn uns. Diese Freveltat muss er büßen.«

Einige stimmten begeistert zu, andere äußerten ihre Bedenken: »Er besitzt dämonische Kräfte. Er kann uns alle vernichten, wenn wir ihn erzürnen. Habt ihr nicht gesehen, wie er mit dem Henker und dessen Gehilfen umgesprungen ist?«

Natürlich hatte auch Mock das gesehen, aber er hatte dem Bier schon so reichlich zugesprochen, dass er die Ansicht vertrat, dass Jeff ohne seinen Umhang lange nicht mehr so unheimlich sein würde. Da mussten ihm die meisten recht geben, und eine große Schar entschlossener Männer zog los, um sich den Hexer zu holen.

Jeff sah sie zwar kommen, aber er hatte keine Ahnung, was sie von ihm wollten. Allerdings ließ ihn ihr Geschrei nichts Gutes ahnen.

»Was ist geschehen?«, flüsterte seine Frau vom Krankenlager aus.

Er drehte sich zu ihr um und hob die Schultern.

»Ich weiß es nicht, Lissy«, sagte er, aber unwillkürlich bildeten sich seine Hände zu Fäusten, und er schielte nach dem Dreschflegel, den er mit ins Haus genommen hatte, weil er ihn hatte reparieren wollen.

»Du solltest die Kinder fortschicken, Jeff! Ich fürchte, es gibt Streit. Ich höre Mocks Stimme. Er ist schon wieder betrunken.«

»Die Kinder sind bei der Arbeit.«

»Sie sind sehr fleißig«, meinte die Kranke, »aber sie sind noch so jung und haben schwache Arme. Ich wollte, Enna würde uns wieder helfen.«

Jeff schwieg verbissen. Er hatte es nicht übers Herz gebracht, seiner Frau zu sagen, dass man das Mädchen heute verbrannt hatte. Sie wusste nichts davon, dass man sie beschuldigt hatte, eine Hexe zu sein.

Draußen grölten die Männer.

»Komm heraus, Jeff!« Das war der Vierschrötige. »Oder sollen wir dich erst holen?«

Der kleine Mann schob sein Kinn vor. Sicher hatte Mock wieder irgendwelche Lügen verbreitet. Er wollte ihm schaden.

»Gib sie heraus, du Teufelsfreund!«, schrie einer.

»Was wollen sie von dir?«, fragte Lissy.

»Ich werde sie fragen«, sagte Jeff, griff nach dem Dreschflegel und trat vor die Tür.

»Was habt ihr?«, erkundigte er sich. »Wen soll ich herausgeben?«

»Tu nicht so ahnungslos! Die Hexe natürlich. Wo hast du sie versteckt? In deinem Bett? Wartet ihr nur noch darauf, dass deine Frau endlich stirbt?«

Jeff glaubte, nicht richtig zu hören. Er verstand nur eins. Sie sagten ihm nach, dass er Lissys Tod wünschte. Mit einem Wutschrei stürzte er sich auf sie. Blindlings schlug er mit dem Dreschflegel zu, und vereinzelte Schreie bewiesen ihm, dass er auch traf.

Aber er war allein, und sie waren mindestens zwanzig starke Kerle, die dazu noch getrunken hatten. Ein paar mussten Hiebe einstecken, aber die anderen erwischten ihn von hinten und warfen ihn zu Boden. Sie entwanden ihm seine Waffe, und nun wandte sie sich gegen ihn selbst. Er schrie kläglich auf und schüttelte seinen Kopf.

Sie waren wie in einem Rausch und fühlten sich stark, weil es ihnen gelungen war, den Mann zu überwinden, der auf dem Marktplatz für Entsetzen gesorgt hatte.

In der Nähe weinte ein Kind. Es war Jeffs jüngster Sohn, der durch den Lärm angelockt worden war. Er lief zu seiner Mutter und berichtete ihr alles. Die kranke Frau erschrak, quälte sich aus dem Bett und wankte zur Tür. Das Kind musste sie stützen.

»Mörder!«, stöhnte sie und brach auf der Schwelle zusammen.

Mock ließ einen Augenblick von seinem wehrlosen Opfer ab.

»Er betrügt dich mit einer Hexe«, schrie er. »Wahrscheinlich haben sie dich vergiftet, damit sie dich los sind.«

»N...nein ...«, stammelte die Frau. »Das ist nicht wahr.«

»Frag ihn doch selbst! Heute wurde Enna verbrannt, aber dein Jeff hat sie aus den Flammen geholt. Du kannst mir leid tun, Lissy.«

Sehr mitleidig klang das Gelächter, das er ausstieß, allerdings nicht. Es war voller Spott und Triumph, und die meisten taten es ihm gleich.

»Enna?«, flüsterte die Kranke ungläubig. »Eine Hexe? Was seid ihr nur für schreckliche Menschen? Lasst Jeff in Ruhe ... Er hat euch nichts getan. Ihr seid betrunken. Das ist die ganze Wahrheit.«

Mühsam wankte sie auf die Männer zu, die mit dem Prügeln aufhörten, und die Frau wie ein wandelndes Gespenst an starrten. Sogar Mock verlor die Fassung, ließ den Dreschflegel fallen und wandte sich zur Flucht. Einige folgten ihm, und schon bald rannten sie alle Hals über Kopf davon.

Lissy glaubte zu träumen. Sah sie schon so furchtbar aus, dass diese brutalen Kerle vor ihr Reißaus nahmen? War sie bereits vom Tod gezeichnet? Auch Jeff, der sich stöhnend aufzurichten versuchte, starrte sie entgeistert an. Aber er lief nicht davon. Er wäre dazu auch gar nicht fähig gewesen. Die Männer hatten ihn schrecklich zugerichtet.

»Enna!«, hauchte er.

Die Kranke wandte den Kopf, und nun sah auch sie das Mädchen, das neben ihr stand. Sie konnte sich nicht erklären, woher es so plötzlich gekommen war.

Enna zeigte ein schmerzliches Lächeln, als sie sagte: »Es war das letzte Mal, dass ich euch helfen konnte. Geht fort von hier, auch wenn es euch schwerfällt, den Hof zurückzulassen ... Doch nehmt dafür euer Leben mit.«

Lissy wollte dankbar nach der Hand der Jüngeren greifen, aber sie griff ins Leere. Die Erscheinung zerrann wie ein Traumbild.

Jeff erhob sich. Er fühlte seine Schmerzen nicht mehr, und seine Wunden hatten aufgehört zu bluten.

»Wir wollen tun, was Enna geboten hat«, erklärte er feierlich. »Mock und die anderen werden wiederkommen, und dann bringen sie den Richter mit.«

»Aber Enna ...«

»Enna ist tot. Sie wurde heute hingerichtet. Was uns erschien, war nur ihr Geist. Wir müssen ihr dankbar sein.«

Lissy schluchzte. Sie ließ sich von Jeff ins Haus zurückführen und half ihm, die nötigsten Sachen zusammenzupacken. Erst viel später, als sie längst ihrem Heimatdorf den Rücken gekehrt hatten und vor den möglichen Häschern flohen, erkannten sie, dass Lissy auf wunderbare Weise ihre Krankheit überstanden hatten. Tage später fanden sie einen Ort, an dem sie sich niederließen. Sie arbeiteten fleißig, blieben aber trotzdem arm. Doch keiner von ihnen wurde jemals wieder der Hexerei beschuldigt.

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Mock und seine Kumpane kannten nur ein Ziel. Als sie über den Marktplatz hetzten, stießen sie auf eine betretene Menge. Die Stimmung war verflogen. Dafür hatte der gespenstische Reiter gesorgt. Noch unheimlicher aber war, dass Ennas verkohlte Leiche am Pfahl hing. Sie war tot, darüber gab es keinen Zweifel.

»Aber wer war dann das Weibsbild neben Jeffs Frau?«, fauchte Mock verstört. »Ich habe die Hexe doch deutlich gesehen, und ihr anderen auch, oder?« Eifriges Kopfnicken bestätigte diese Aussage.

»Es war Ennas höllischer Geist«, murmelte einer und bekreuzigte sich. »Er geht noch immer um. Wehe uns, wenn uns seine Rache trifft!«

»Die Hexe hat keine Macht mehr«, erklärte Richter Thunderbill so laut, dass es jeder hören konnte, der nicht mit seinem eigenen Geschrei beschäftigt war. »Dieser Unbekannte hat ihr eine Rippe aus der Brust gerissen. Seht her! Dort ist die.Lücke. Genau an der Stelle, an der wir Menschen unser Herz haben.«

Jeder konnte sich von der Richtigkeit der Worte überzeugen. Die Leiche der Hexe war nackt. Das Kleid aus grobem Tuch war zu Asche zerfallen. Die Wunde in ihrer Brust war deutlich zu erkennen. Eine Rippe war herausgebrochen worden.

»Es wird behauptet, dass in dieser Rippe die ganze Kraft einer Hexe wohnt«, flüsterte eine zahnlose Alte. »Wurde sie im reinigenden Feuer gehärtet, stellt sie eine nahezu unüberwindbare Waffe dar. Wer sie besitzt, braucht weder die Mächtigen der Irdischen noch der Unirdischen zu fürchten.«

Diese Weisheit löste erregtes Raunen aus. Kaum einem gefiel dieser Gedanke. Jemand weilte in ihrer Mitte, dem man nichts anhaben konnte. Weder durch Handgreiflichkeiten noch durch Verleumdungen konnte man ihm schaden. Sogar der Henker war ihm gegenüber hilflos. Solange man diesen Menschen in Ruhe ließ, mochte es ja noch angehen, aber wehe, man machte ihn sich zum Feind.