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Florian Gerlach

Smogger

Gesamtausgabe





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Smogger - Gesamtausgabe

Smogger

Gesamtausgabe

 

 

 

 

Florian Gerlach

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Florian Gerlach

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Alle Rechte vorbehalten. Eine Vervielfältigung oder andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Sämtliche Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Orte, Markennamen und Lieder werden in einem fiktiven Kontext verwendet. Alle Markennamen und Warenzeichen, die in dieser Geschichte verwendet werden, sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

 

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

 

EVIL (MERCYFUL FATE)

SMOGGER

WELCOME TO HELL (VENOM)

FALL INTO THE HANDS OF EVIL (TYRANT)

FEEL THE FIRE (OVERKILL)

SAVE US FROM THOSE WHO WOULD SAVE US (HELL)

SEEK AND DESTROY (METALLICA)

LOVE IS A BATTLEFIELD (PAT BENATAR)

REIGN IN BLOOD (SLAYER)

FUTURE WORLD (HELLOWEEN)

SMOGWORD (FLORIAN GERLACH)

 

EVIL (MERCYFUL FATE)

 

Er schlug den Kragen seines Mantels hoch. Mit gesenktem Kopf trat er aus dem Verwaltungsgebäude der Versicherung in den strömenden Regen eines trostlosen Novemberabends. Inzwischen machte er die Überstunden nur noch, um seiner Tochter aus dem Weg zu gehen.

Ihr Verhalten ängstigte ihn, auch wenn er dieses Gefühl niemals zugeben würde. Am allerwenigsten sich selbst gegenüber. Natürlich waren sechzehnjährige Gören nicht einfach zu erziehen, aber das rechtfertigte noch lange nicht ... diese ... grauenvollen Dinge.

Bisher hatte er sich noch niemandem anvertraut. Seine Frau wähnte sich noch immer in dem Märchen von einer heilen Familienwelt. Er konnte unmöglich mit ihr darüber sprechen. An manchen Tagen meinte er sogar, mit dem Bösen unter einem Dach zu leben. Aber das war natürlich Blödsinn. Wahrscheinlich gehörten diese ... Dinge ... einfach zu ihrer Entwicklung dazu. Welcher Vater konnte schon von sich behaupten, eine pubertierende Tochter zu verstehen?

Auch wenn er sein Mädchen immer wie eine Prinzessin behandelt hatte, schien sie doch nie wirklich glücklich zu sein. Schon als Kleinkind war sie manchmal bösartig gewesen. Bis vor wenigen Monaten hatte er ihre Ausraster noch irgendwie entschuldigen können.

Seit dem Vorfall nicht mehr.

Bei der blutigen Tat war sie ihm wie eine seelenlose Marionette vorgekommen, die von einem unbekannten Puppenspieler bewegt wurde. Trotz des Regens hatte er auf dem Heimweg daher keine Eile.

 

***

 

Sven hatte die Schnauze wieder mal gestrichen voll. Diese verdammte Tour hätte sein Kollege übernehmen sollen. Aber seit der Schönling die Tochter vom Chef vögelte, bekam der faule Sack nur noch die Kurzstrecken. In dem strömenden Regen brachen sich die blinkenden Lichter der Laternen und Fahrzeuge in den Wassertropfen und explodierten in einem Farbenmeer vor seiner Windschutzscheibe.

Er hasste die nasskalte Jahreszeit.

Der Fernfahrer gönnte sich einen Schluck aus der Whiskyflasche, die er gestern im Getränkemarkt geklaut hatte. Da er sich bei seinem mageren Gehalt nur den billigen Fusel vom Diskounter leisten konnte, ließ er den guten Stoff einfach mitgehen. Mit zitternden Fingern fischte er danach eine Pillendose aus der Hosentasche und warf sich drei runde Tabletten ein, die er mit einem weiteren Schluck runterspülte. Die Dinger hielten ihn wach, auch wenn er sein Leben am liebsten verpennen würde, denn seit der Geburt hatte er immer nur die Arschkarte gezogen.

Da er mit seiner Wampe und den Segelohren nicht gerade wie einer der durchtrainierten Schleimscheißer aus der Fernsehwerbung aussah, hatte er bisher nur wenige Frauen flachgelegt. Die meisten von ihnen hatten sogar auf Vorkasse bestanden. Die runtergekommene Fregatte, die er vor drei Monaten in einer Bar abgeschleppt hatte, war ihm damals wie ein Gewinn in der Lotterie des Lebens vorgekommen. In der ersten Nacht hatte er endlich wieder eine ordentliche Nummer schieben können. Am nächsten Morgen war ihm allerdings die Lust vergangen, denn bei Tageslicht verlor ihr unverhülltes wabbeliges Fleisch seinen Reiz. Dennoch hatte er sie nicht rausgeworfen. Immerhin war sie die erste Frau, die in seine Bruchbude eingezogen war. Sein sentimentaler Traum von einer harmonischen Beziehung hatte sich allerdings binnen weniger Wochen in einen Albtraum verwandelt.

Wenn er mit seinem Brummi unterwegs war, plünderte sie die Vorräte und spülte den Fraß mit Dosenbier runter. Zudem nörgelte sie ständig an ihm herum und machte ihm mit ihrer Eifersucht das Leben zur Hölle. Inzwischen hätte er das Miststück auch gegen eine Gummipuppe eingetauscht. Die hielten nach einem Fick jedenfalls die Fresse. Wenn er von dieser Tour nach Hause kam, würde er die Schlampe endlich rausschmeißen. Aber erst, nachdem er es ihr noch einmal ordentlich besorgt hatte.

In Gedanken beglückwünschte er sich zu der Entscheidung und gönnte sich einen weiteren Schluck. Er wollte die Flasche gerade wieder absetzten, als der Wagen vor ihm abrupt stoppte.

„Verdammte Scheiße!“, fluchte Sven und trat auf die Bremse. Der 40-Tonner schlingerte leicht auf der regennassen Fahrbahn. Whisky schwappte aus der Flasche und ergoss sich über sein verschwitztes Baumwollhemd.

Der voll beladen Sattelschlepper kam wenige Zentimeter hinter der italienischen Rostlaube zum Stehen. Wäre seine Reaktion nur eine Sekunde später erfolgt, hätte der Laster den Fiat in eine mit Fleischpampe gefüllte Konservendose verwandelt. Auf den Schreck gönnte er sich noch einen Schluck von dem bernsteinfarbenen Beruhigungsmittel. Während er auf die nächste Grünphase wartete, kramte Sven die Zigarettenpackung aus der Hemdtasche und steckte sich eine Fluppe an. Als der Rocksong Born To Be Wild im Radio gespielt wurde, drehte er die Musik lauter. Er liebte dieses Lied. Auch wenn er im Moment nur so wild war wie ein dressiertes Schoßhündchen.

Er musste sein Leben endlich in den Griff bekommen!

Vorher musste er aber noch diese beschissene Tour hinter sich bringen. Die blöde Baustelle zwang ihn zu allem Überfluss noch zu einem Umweg durch die engen Straßen eines noblen Büroviertels.

Er zog an der Zigarette und inhalierte tief. Der Rauch brannte in seinen Augen. Blinzelnd rieb er sich mit dem Handrücken über die geschlossenen Lider. Als er den Blick wieder nach vorne richtete, sah er das Umleitungsschild. Im letzten Moment bremste er den Sattelschlepper ab und bog rechts in die nächste Querstraße ein. Die rote Ampel bemerkte er wegen seiner noch immer brennenden Augen und der reflektierenden Lichter der Straßenlaternen nicht.

Als sein Fahrzeug mit dem rechten Hinterreifen über ein Hindernis rumpelte, fluchte er. Sein Chef würde ihn wegen des kleinsten Kratzers umgehend feuern. Wahrscheinlich hatten die dämlichen Bauarbeiter Schutt auf die Fahrbahn gekippt. Um einen möglichen Schaden zu begutachten, hielt er den Wagen an und schaltete die Warnblinkanlage ein. Der Motor erstarb. Regen trommelte auf das Dach. Die Scheibenwischer schabten im Stakkato über die Windschutzscheibe. Wenn er die Tür öffnete, würde er nach wenigen Sekunden triefend nass sein.

„Drauf geschissen!“

Sollte ihn der Boss doch rauswerfen! Er würde seine Fahrerkabine bei dem Sauwetter nicht verlassen. Wenn es nach ihm ging, konnte der Stecher seiner Tochter die nächste Tour nach Mailand übernehmen. Sven ließ die Kupplung kommen und gab Gas. Geräuschvoll setzte sich das schwere Gefährt wieder in Bewegung.

Wenn er in den Rückspiegel gesehen hätte, wäre ihm der blutige Klumpen aus Knochensplittern, Fleisch und Hirnmasse aufgefallen, den der Sattelschlepper auf die Straße gespuckt hatte.

 

***

 

Sie erstarrte. Der Richter vernichtete mit dem Urteilsspruch eine Welt, in der sie noch an so etwas wie Gerechtigkeit geglaubt hatte. Jeder Buchstabe war ein Stein, der ihre Seele unter einer Lawine der Ungerechtigkeit begrub. Der Drecksack, der ihren Vater in ein blutiges Etwas verwandelt hatte, war ein verdammter Suffkopf, der sich zudem noch Unmengen von Pillen einwarf. Aber weil er seine Sucht nicht unter Kontrolle hatte, konnte das Gericht keine Schuld am Tod ihres Vaters feststellen. Bei der Urteilsfindung wurde zudem der Beziehungsstress, unter dem er während des Unfallzeitpunkts gestanden hatte, berücksichtigt. Dass er Fahrerflucht begangen und nur wegen der Aussage eines aufmerksamen Passanten verhaftet werden konnte, wurde nicht einmal erwähnt. Statt den Fahrer in eine karge Zelle zu sperren und den Schlüssel in die nächste Mülltonne zu werfen, verdonnerte ihn der Richter nur zu einer Therapie, die er wahrscheinlich nicht einmal antreten würde. Ausschlaggebend für das milde Urteil war die Reue des Verhafteten, der mehrfach betont hatte, dass ihm alles furchtbar leidtäte.

Fassungslos sah sie dem Mann nach, der mit einem breiten Grinsen auf der hässlichen Visage den Gerichtssaal verließ.

Die Stimmen würden ihr auch jetzt dabei helfen, das Richtige zu tun. Rache war ein dorniger Pfad. Nur wenige Menschen hatten den Mut, ihn bis zum Ende zu gehen. Trotz ihrer sechzehn Jahre war sie den Stimmen schon oft gefolgt. Die rasenden Kopfschmerzen, die sie mit sich brachten, schreckten sie nicht mehr. Inzwischen hatte sie gelernt, dass die Schmerzen ihre Seele vom Schmutz der Verlogenheit reinigten. Wenn die Stimmen das Kommando übernahmen, konnte sie endlich das Richtige tun.

 

SMOGGER

 

 

Gedanken. Träume. Visionen.
Eingesperrt im Kerker der eigenen Schwäche.
Gekleidet mit dem Mantel der Moral.
An die Kette gelegt durch Regeln.
Smogger.

Nicht gelebt. Nie Wirklichkeit geworden.
Befreit von dem Sammler.

WELCOME TO HELL (VENOM)

 

Sie setzte sich auf. Die kleinen Teufel hämmerten in ihrem Kopf und fügten ihr Schmerzen zu. Rasende Schmerzen.

Ein Migräneanfall, wie ihn ihre Mutter früher gehabt hatte, war ein Dreck dagegen. Mit den kleinen Teufeln kam die Angst. Sie war der Freund der kleinen Teufel.

„Öffne deine Augen“, johlten sie. „Sieh, was du angerichtet hast.“

Aber sie wollte ihre Augen nicht öffnen. Sie wollte auch nicht wissen, woher das Blut wieder kam. Sie musste die Sauerei nicht mehr sehen, denn sie kannte den Geruch inzwischen. Bleiern. Schwer. Ekelhaft.

Es war der Geruch danach.

Wenn die Bilder verblassten, die ihr die Dinge gezeigt hatten, die so dringend erledigt werden mussten. Bilder, die für eine Weile das Kommando übernahmen.

Das Licht drang durch ihre Lider und feuerte die kleinen Teufel an, die ihren Schädel irgendwann wie einen Luftballon zerplatzen lassen würden.

Sie wollte nicht mehr sehen. Nicht mehr riechen. Wollte die Nässe im Bett nicht mehr spüren. Diese klebrige, inzwischen erkaltete Feuchtigkeit.

Sie wollte einfach nur noch schlafen und gemeinsam mit ihrem kleinen Jungen wieder aufwachen.

Ihn fest an sich drücken und den Geruch seiner kindlichen Unschuld in sich aufnehmen.

Sich reinigen mit dem Duft seiner Haut.

Vergessen finden in dem süßlichen Atem, der sanft über ihre Wange strich.

Auch wenn sich ihr Sohn mit seinen vierzehn Jahren nicht mehr gerne in den Arm nehmen ließ.

„Uncool Mutter“, hatte er sie beim letzten Mal gerügt und sich wie eine Schlange aus ihrer Umarmung gewunden. „Das ist so was von uncool.“

Cool zu sein interessierte sie nicht. Sie wollte nur wissen, dass die Welt war, wie sie sein sollte.

In den letzten Jahren hatte sie sich in ihrem Leben eingerichtet wie in einer Wohnung, die einem nicht wirklich gefällt. Sie hatte sich mit dem, was ihr noch geblieben war, ihre kleine Reihenhauswelt gebastelt. Reihenmittelhauswelt, um genau zu sein.

Mit Handtuchgarten, Kugelgrill und einem Willkommen-Fußabtreter vor der Haustür.

Es war ein unbedeutendes Leben.

Spießig. Langweilig.

Nichts, wovon die Geschichtsbücher später berichten würden. Aber es war ihr Leben. Diesen Albtraum hatte sie sich nicht ausgesucht.

Die Bilder waren wie Erinnerungen, auch wenn sie nichts davon jemals erlebt hatte.

Sie waren ihr fremd.

Machten ihr Angst, weil sie irgendwann Realität wurden. Wenn sie die Augen später wieder öffnete, erblickte sie stets einen toten Körper in einer fremden Wohnung. Hingerichtet nicht nur durch ihre Hände. Den letzten Leib hatte sie zerfetzt wie ein Grillhähnchen, um besser an das leckere saftige Fleisch zu kommen.

Dämmriges Licht fiel auf den zerstückelten Körper neben ihr.

Sie konnte sich nicht daran erinnern, wie oft sie in der letzten Zeit in fremden Betten neben diesen zerfetzten Leichen aufgewacht war. Die Bilder verwoben Traum und Realität immer mehr zu einer Art Zustand, in dem sie sich wie in Trance bewegte. Aber selbst die lähmende Angst, nicht zu wissen, was sie getan hatte, war nicht das Schlimmste.

Sie sah sich um. Das Bett war blutgetränkt. Fleischklumpen und Gewebefetzen waren über das Zimmer verstreut. Ein Arm lag neben dem Bett. Den Kopf konnte sie nicht entdecken.

Wahrscheinlich lag er unter dem Kissen oder er war bei dem Rest, der es irgendwie unter die Decke geschafft hatte. Wie er dahin gekommen war, wollte sie gar nicht wissen. Auch nicht, ob dieser Körper noch vollständig war.

Es war wohl besser, nicht darüber nachzudenken. Denken war gar nicht gut. Das hatte sie inzwischen gelernt. Zunächst hatte sie sich noch bemüht, die ganze Angelegenheit zu analysieren und hinterfragen. Sie hatte sogar kurz erwogen, sich jemandem anzuvertrauen. Aber erst, nachdem sie sich die Seele aus dem Leib geschrien hatte. Nach dem Weinkrampf, von dem sie dachte, er würde niemals enden. Inzwischen hatte sie das Nachdenken aufgegeben. Sie schrie auch nicht mehr. Jetzt lächelte sie. Irgendwie mochte sie die kleinen Teufel.

Und das war wirklich schlimm.

FALL INTO THE HANDS OF EVIL (TYRANT)

 

Knarrend öffnete sich die Tür. Stimmengewirr vermischte sich mit dem Heulen des Herbstwindes, der leere Papierschachteln und verbeulte Dosen vor sich hertrieb. Eine alte Bierflasche rollte klirrend im Rinnstein über unzählige Zigarettenkippen hinweg. Die Straßenlaterne warf ein flackerndes Licht auf die trostlose Gegend. Bald würde auch sie so kaputt sein wie die Häuser und der Abschaum, der hier lebte. Der ganze Stadtteil war dem Verfall preisgegeben.

Uringestank vermischte sich mit dem Geruch des Mülls zu einem Gestank der Hoffnungslosigkeit.

Der Unrat wurde schon lange nicht mehr beseitigt. Er türmte sich an den Hauswänden und wurde vom Wind über die Straßen geweht. Sehr zur Freude der Ratten, die sich die schäbigen Behausungen mit den menschlichen Wracks teilten, die der Moloch Stadt immer wieder in den Rinnstein rotzte.

Der Mann, der aus der Tür der heruntergekommenen Kneipe wankte, versuchte in den Ruinen einfach nur zu überleben. Er war in keiner der Gangs, die hier die Regeln bestimmten.

Sein dicker Bauch, der wie ein gestrandeter Wal über der zerschlissenen Hose hing, ließ ihn wie eine leichte Beute aussehen. Aber das war er nicht. Unter dem weiten Hemd und seiner dicken Fettschicht verbargen sich durch harte Arbeit gestählte Muskeln.

Er war schon lange nicht mehr so gut in Form wie zu seinen besten Tagen, aber es reichte, um in Ruhe gelassen zu werden. Das war neben seinem Suff alles, was er noch von seinem Leben verlangte.

Der Mann seufzte. Früher hatte er wenigstens noch saufen und huren können. Jetzt war ihm nur noch der Fusel geblieben.

Der Herbstwind zerrte an seiner Kleidung und wehte ihm die fettigen Strähnen in das Gesicht. Der letzte Besuch bei einem Friseur war lange her. Seine letzte Dusche auch.

Mit einer fahrigen Geste strich er sich die Haare nach hinten. Die Essenreste in seinem struppigen Bart bemerkte er nicht einmal.

,,Arschkalt“, murmelte der Mann vor sich hin, als er mit gesenktem Kopf die wenigen Straßen zu der Behausung ging, die er als seine Wohnung bezeichnete.

Die Gestalt, die plötzlich neben ihm auftauchte und mit ihm Schritt hielt, ignorierte er zunächst.

Schon manche hatten für einen falschen Blick mit ihrem Augenlicht bezahlt und Glück gehabt, wenn ihnen die übrigen vier Sinne geblieben waren. Und etwas, das diese Sinne steuern konnte.

Darum blickte er weiter auf seine löchrigen Schuhe und beschleunigte seine Schritte. Nicht viel, nur ein wenig. Niemand sollte das Gefühl bekommen, dass er davonlaufen wollte. Flucht konnte in diesem Viertel tödlich enden. Nur die Heulsusen flüchteten.

Er nicht.

Adrenalin flutete seinen Körper, seine Muskeln spannten sich. Mit einem flüchtigen Seitenblick versuchte er seinen Gegner zu erkennen.

Zierlich. Wie eine Frau.

Das verwirrte den Mann. Keine Frau in diesem Viertel war allein unterwegs. Die Weiber waren Eigentum der Gangs. Er nahm einen Hauch von Parfüm wahr. Rosenduft.

Er liebte diesen Geruch. Die Frau war keine Schlampe aus dem Viertel, die nach altem Sperma und kaltem Schweiß stank. Seine beginnende Erektion drückte inzwischen unangenehm gegen die verdreckte Jeans. Zusammen mit dem Alkohol wurde der Mann nur noch von einem einzigen Gedanken beherrscht.

Er musste diese Frau besitzen.

Sie folgte ihm bis zu seiner Behausung. Als er den Bretterverschlag zur Seite räumte, trat sie hinter ihm in einen feuchten Raum, den er sich mit unzähligen Haustieren mit mehr als vier Beinen teilte.

Statt Tapeten klebte Schimmel an den Wänden. Sie nahm seine Hand und führte ihn zu dem Bett, als wären sie ein Liebespaar und hätten auf der gammeligen Matratze die schönsten Stunden ihres Lebens verbracht.

Sie setzte sich auf das versiffte Nachtlager und sah ihn erwartungsvoll an. Mit Augen, in denen ein grauer Sturm wütete und die ihm etwas ganz Besonderes versprachen.

Den Tod.

Aber das begriff der Mann nicht. Er sah sie einfach nur an. Sein Schwanz pulsierte, als er sich über sie beugte, um ihren Mund mit seiner Zunge zu öffnen. Er wollte sie spüren. Das tat er auch.

Den Stahl hatte sie frisch geschliffen. Das Messer schnitt durch seine Bauchdecke, wie durch die Torten, die seine Mutter früher gebacken hatte.

Wenn Tante Hilde zu Besuch kam, gab es immer Eierlikör und selbst gemachte Sahnetorte. Das Kuchenmesser glitt damals wie von selbst durch die fettige Masse. Das Messer, das die Frau jetzt in der Hand hielt, ebenso. Als die Darmschlingen aus seinem Bauch quollen, hörte er Tante Hilde um noch ein weiteres Stück Kuchen bitten.

„Sei ein guter Junge“, verlangte sie wie damals und drückte ihm einen Schmatz auf die Wange.

„Und gib deiner Tante noch ein Stück von dem Kuchen.“ Dabei hatte sie ihm heimlich zugezwinkert.

Damals war er das erste Mal erregt gewesen.

Der Augenaufschlag verhieß mehr als nur ein Stück Kuchen. Man konnte auf eine bestimmte Belohnung hoffen. Die natürlich nie kam. Er lernte früh, dass sich Hoffnungen im Leben nur selten erfüllten.

Und so schwand auch seine Hoffnung, die Eingeweide wieder zurück in den Bauch zu drücken – wie bei einem Plüschtier, dessen Naht geplatzt war.

Dort konnte man die herausquellende Füllung einfach wieder in den leblosen Körper stopfen und die Naht verschließen. Aber seine Därme rutschten ihm immer wieder durch die Finger und hingen wie gefräßige Würmer aus seiner bleichen Haut.

Der graue Sturm in ihren Augen tauchte die blutige Sauerei in ein gespenstisches Licht. Als ob er irgendwie lebendig wäre, wie die Ungeheuer im Kleiderschrank seiner Kindheit.

Noch schützte ihn der Schock vor der Schmerzwelle, die seinen Körper bald überfluten würde. So langsam begriff auch sein Schwanz, dass an eine Nummer heute nicht mehr zu denken war, und pumpte das Blut, das er nun nicht mehr benötigte, wieder zurück in seinen aufgeschnittenen Leib, damit es sich zusammen mit dem Rest der lebenswichtigen Flüssigkeit auf den Boden ergießen konnte.

Inzwischen war der Mann auf die Knie gesunken, sein Gesicht nur Zentimeter von dem ihren entfernt.

Er wollte noch ein Warum stammeln, aber seine Lippen gehorchten ihm nicht mehr. Statt eines einfachen Fragewortes spie er eine Blutfontäne in das Gesicht der Frau. Im flackernden Licht ihrer Augen sahen die Blutspritzer wie Sommersprossen aus. Lustig verteilt auf Nase und Wangen.

Dann brach er zusammen und verteilte den Inhalt seines Körpers auf dem Fußboden.

Die Frau sah zu, wie er starb. Sie hatte keine Eile. Auch als er schon lange tot war und sich das erste Ungeziefer an seinem Leichnam labte, regte sie sich nicht. Erst als sich der Sturm in ihren Augen beruhigte und schließlich verschwand, erhob sie sich, schob den Bretterverschlag zur Seite und trat auf die verdreckte Straße. Den Mann, dem sie danach begegnete, tötete sie nicht. Seine Zeit war noch nicht gekommen. Als sie ihn berührte, verschwand er schreiend in der Nacht.