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Und wieder: Tod im Trio! Nochmal drei Krimis

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Hinterhältige Freunde

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LIEBEN IM IRGENDWO

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Epilog

Nachwort

Schlussbemerkung

Sara und der Kult der Schlange

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Und wieder: Tod im Trio! Nochmal drei Krimis

von Alfred Bekker, Uwe Erichsen & Peter Wilkening

Der Umfang dieses Buchs entspricht 538 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Uwe Erichsen: Hinterhältige Freunde

Peter Wilkening: Lieben im Irgendwo

Alfred Bekker: Sara und der Kult der Schlange

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors; Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Hinterhältige Freunde

Krimi von Uwe Erichsen

Martin Sasse hatte seine Frau verloren. Er stand neben ihr, als ein heranjagender Wagen sie gegen den Bordstein schleuderte. Der Fahrer war geflüchtet. Sasse hatte den Mann erkannt, aber ihm fehlten die Zeugen. Der millionenschwere Viemann blieb ungeschoren. Sasse vergrub sich in seinem Schmerz. Doch dann waren die alten Freunde da. Susanne vor allem. Sie gaben vor, ihm zu helfen. Sie schürten seinen Hass und brachten ihn dazu, sein Recht selbst in die Hand zu nehmen. Plötzlich hatte Sasses Leben wieder einen Sinn. Viel zu spät durchschaute er den abgefeimten Plan der anderen ...

1

Der Parkplatz hinter der Kreissparkasse war voll wie immer, wenn freitags in Villerath Markt war. Hartmut Behnke hatte gerade seine Einkäufe für das Wochenende im Wagen verstaut, als er Susannes rotbraune Löwenmähne über den Dächern der anderen Fahrzeuge sah. Er knallte die Tür zu und schob sich zwischen den abgestellten Fahrzeugen hindurch.

Susanne schloss ihren kleinen blauen Fiesta ab.

»Hallo«, sagte er.

Sie blickte auf und lächelte. Sie trug grüne halblange Hosen und eine hellgelbe Rüschenbluse. Ihre Haut hatte nach dem langen Sommer einen goldenen Schimmer angenommen.

»Du siehst großartig aus«, sagte er aufrichtig.

»Du auch, wenn du nicht gerade Uniform trägst.«

Er lachte. »Wann hast du mich zuletzt in Uniform gesehen?«

»Ist lange her, stimmt. Wie kommt's?«

»Ich mache meistens Innendienst. Wollen wir eine Tasse Kaffee trinken?«, schlug er vor. »Oder halte ich dich von wichtigen Dingen ab?«

»Was habe ich schon Wichtiges zu tun! Komm, gehen wir ins Windsor.«

Sie gingen durch die Passage neben der Sparkasse her. Die Marktstände in der Fußgängerzone waren noch dicht umlagert.

»Ich habe mir eben Lammkoteletts und Auberginen gekauft«, sagte er, als er sich hinter ihr durch das Gewühl schob.

»Auberginen? Himmel, was macht man denn damit?«

»In Scheiben schneiden, mit Öl bepinseln und auf den Grill legen.«

»Viemann mag das Gequalme im Garten nicht«, sagte sie. »Zu unserer Sommerparty hat er zwei Spanferkel in der Bäckerei braten lassen. Und ein paar Schinken in Teig ...«

»Jeder nach seinem Geschmack«, sagte Hartmut Behnke.

Im Inneren des Windsor Pub war es dunkel und angenehm kühl. An der Theke saßen drei oder vier Männer, die wie auf Kommando die Köpfe wandten und Susanne anstarrten.

Hartmut half ihr auf einen Hocker. Gisela, das schwarzhaarige Mädchen hinter dem Tresen, kannte Susanne.

»Was darf's sein?«, fragte sie, ohne Behnke anzusehen.

Ihm fiel ein, dass das Windsor Pub Jürgen Viemann gehörte.

»Kaffee? Oder lieber was Erfrischendes?«, schlug er vor.

»Wenn du mich schon so fragst, nehme ich einen Gin Tonic. Dann schlage ich nachher zwar wieder alle Bälle ins Netz, aber ich werde mich großartig dabei fühlen!«

»Einen Gin Tonic und einen Kaffee«, sagte Hartmut.

Gisela nickte und wandte sich ab.

»Die Kerle da gehen mir auf den Geist!«, sagte er.

Susanne lachte. »Ich bin die einzige Frau hier. Außer Gisela. Stört es dich?«

Er schüttelte den Kopf, sah sie von der Seite an und lächelte. »Es lohnt sich jedenfalls, dich anzustarren«, stellte er fest. Sein Blick glitt an ihrem Hals hinab und verschwand im offenen Ausschnitt der Bluse.

»He, Hartmut! Willst du mich anmachen?« Ihre grünen Augen schillerten.

»Ich werde mich hüten!«

»Warum? Wegen Vera?«

»Sie ist noch in Ferien«, sagte er. »Die Schule fängt erst nächste Woche wieder an.«

Gisela brachte den Kaffee und den Drink für Susanne. Neugierig blickte sie Hartmut an, doch weil Susanne keine Anstalten machte, noch einmal das Wort an sie zu richten, zog sie wieder ab.

»Und da machst du Lammkoteletts und Auberginen ganz für dich allein?« Susanne lächelte spöttisch.

»Warum nicht? Vielleicht schmeiße ich das Zeug auch einfach in die Pfanne. Wir waren im Frühjahr in Südfrankreich. In den Sommerferien bekommen nur die Kollegen Urlaub, die schulpflichtige Kinder haben.«

»Aber Vera ist doch Lehrerin. Sie ist doch auch auf die Schulferien angewiesen.«

»Aber wir sind nicht verheiratet«, sagte er.

»Vera macht es jedenfalls richtig«, meinte Susanne überzeugt. »Jeden Tag auskosten. Allerdings würde ich einen Mann wie dich nicht allein zu Hause lassen.«

»Warum nicht? Weil ich dich anmache?«

»Machst du mich denn an?« Sie senkte die Lider halb über die schönen Augen und öffnete die Lippen ein wenig.

»Nein«, antwortete er.

»Ich bin nicht dein Typ, wie? Zu mondän für eine Polizistenfrau. Oder zu anspruchsvoll.«

»Das ist es nicht.«

»Was denn? Komm, wir sind doch alte Freunde!«

»Du gehörst Viemann.«

Ihr Gesicht veränderte sich, der Mund wurde klein und böse. »Ich gehöre niemandem! Ich habe nie jemandem gehört. Viemann auch nicht.«

»Da wird Viemann aber anderer Meinung sein«, bemerkte er. Er sah in Giselas Richtung. Sie stand an der Espressomaschine und versuchte den Eindruck zu erwecken, als ob sie sich nicht für ihn und Susanne interessierte. »Ich wette, er wird bald erfahren, dass du mit einem Mann hier warst.«

»Da pfeife ich drauf!«, stieß sie hervor.

»Viemann lässt sich nichts wegnehmen«, sagte er.

Ihr Blick verschleierte sich. »Das stimmt allerdings«, gab sie zu.

Er rührte in seinem Kaffee. Er versuchte, an Vera zu denken. Es gelang ihm nicht. Susannes Gegenwart nahm ihn voll in Anspruch. So war es eigentlich immer gewesen.

Schon als Sechzehnjährige war sie eine Augenweide. Natürlich hatten Hartmut und seine Freunde keine Chance bei ihr gehabt. Sie waren zwar ein oder zwei Jahre älter als sie, aber sie waren eben noch Kinder für sie gewesen.

Als sie achtzehn wurde, ein Jahr vor dem Abitur, hatte sie die Brocken hingeschmissen und war aus Villerath verschwunden. Fünf oder sechs Jahre später kam sie zurück. Sie hatte nie darüber gesprochen, was sie in der Zeit gemacht hatte. Sie war einfach wieder da und wirbelte die Freunde durcheinander. Hartmut Behnke, Ernst Hallerbach und auch Martin Sasse, obwohl Martin damals als Einziger von ihnen schon verheiratet gewesen war.

Aber sie hatte sich mit keinem von ihnen eingelassen, da war Hartmut sicher, soweit man in diesem Punkt sicher sein kann. Okay, er hatte nicht mit ihr geschlafen, obwohl er einmal nahe dran gewesen war, aber er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Ernst oder Martin mehr Erfolg als er gehabt haben sollten. Martin hätte im letzten Moment vermutlich sowieso Skrupel bekommen, und Ernst, na ja, der hätte bestimmt das Maul nicht halten können. Nein, von ihnen hatte sie keinen rangelassen.

Es hatte sie dann wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen, als sie sich Jürgen Viemann zuwandte. Diesem Kraftprotz mit der Feinfühligkeit einer Dampfwalze.

La belle et la bete.

»Martin kommt heute auf Urlaub«, sagte sie plötzlich.

Wie kam sie ausgerechnet jetzt auf Martin? Er sah sie an.

»Woher weißt du das?«, fragte er.

»Ich habe seine Schwiegermutter getroffen. Wusstest du es nicht?«

»Nein. Woher denn?«

»Ich dachte, ihr bei der Polizei werdet informiert, wenn ...« Sie unterbrach sich, weil er auflachte.

»Wir sind aus dem Geschäft, wenn einer erst mal verurteilt ist«, sagte er.

»Ah so«, machte sie. »Aber er war doch dein Freund!«

»Er ist es immer noch«, sagte Hartmut barsch.

Sie schwiegen. Es war, als ob plötzlich ein Schatten zwischen ihnen stünde. Aber es war nicht Martins Schatten. Es war der Schatten eines anderen.

2

Ihre Schritte hallten laut auf dem langen leeren Flur.

Martin Sasse versuchte immer noch, leise aufzutreten. Nicht, weil er schleichen oder nicht auffallen wollte. Er war immer so gegangen. Federnd und elastisch. Doch mit den groben Schuhen konnte man auf dem harten Boden einfach nicht federnd gehen. Irgendwann latschte man daher wie die anderen. Wie die Gefangenen und die Aufseher.

Dietrich, Bediensteter des allgemeinen Vollzugsdienstes, betrat vor Martin die Kammer. Martin blieb einen Meter neben ihm stehen. Der Aufseher schob ein Formular über das mit dünnem Blech beschlagene Brett. Der Angestellte holte den großen Leinensack, der Martin Sasses persönliche Besitztümer enthielt, aus dem Lager.

Mit dem Sack betrat Martin die enge Umkleidekabine, in der es nach Schweiß roch. Dieses war sein zweiter Urlaub nach über einem Jahr Haft. Er kannte die Prozedur noch genau. Bedrückend war das Schweigen, mit dem sie ablief. Nicht einmal die Aufseher und Bediensteten sprachen miteinander.

Er zog seinen dunkelgrauen Anzug an, der für die Jahreszeit zu schwer war. Die Krawatte und ein sauberes Hemd legte er in die Reisetasche. Er schlüpfte in die schwarzen Schuhe, die er am Tag vor Inges Beerdigung gekauft hatte.

Seine Gefängniskleidung legte er sorgfältig zusammen und gab sie mit dem jetzt leichteren Sack zurück. Er folgte Dietrich zur Zahlstelle. Dort bekam er mehrere Formulare vorgelegt. Mit einer Unterschrift verpflichtete er sich, pünktlich und nicht alkoholisiert in die Justizvollzugsanstalt zurückzukehren. Mit einer anderen bestätigte er, über die Folgen verspäteter Rückkehr unterrichtet worden zu sein.

Aus seinem Guthaben ließ er sich einhundert Mark auszahlen. Das Guthaben schmolz damit bedenklich zusammen, aber er hatte einfach das Bedürfnis, Brigitte und ihrer Großmutter ein Geschenk mitzubringen. Beim letzten Mal hatte er mit leeren Händen vor ihnen gestanden.

»Hier ist ein Brief für Sie, Sasse«, sagte der Bedienstete hinter dem Schalter.

Martin betrachtete den einfachen weißen Umschlag.

Wie üblich war er geöffnet und mit einem braunen Klebestreifen wieder verschlossen worden. Auf dem Klebeband war der Kontrollstempel der Verwaltung abgedrückt worden.

Die Adresse war mit der Maschine geschrieben. Martin drehte den Umschlag um. Luise Kleffel, Berrenbach, Kreis Villerath.

Er hätte nicht erwartet, dass seine Schwiegermutter je eine Schreibmaschine benutzen würde. Lächelnd steckte er den Brief ein.

*

Erst im Zug nach Köln zog er ihn wieder aus der Tasche. Er riss den Klebestreifen ab. Der Umschlag enthielt nur ein Foto.

Das gestochen scharfe Polaroidfoto zeigte Brigitte, Biggie, seine Tochter. Sie spielte hinter dem Haus ihrer Großmutter, ganz ihrem Tun hingegeben. Martin betrachtete das kleine Gesicht.

Im Dezember war sie fünf geworden. In den vergangenen vierzehn Monaten, seit er in der Justizvollzugsanstalt Malldorf einsaß, war sie ihrer Mutter immer ähnlicher geworden.

Der Gedanke an Inge schmerzte wie am ersten Tag. In den Nächten in der Zelle hatte er sie aus seinen Gedanken zu verbannen versucht. Er hätte das Gefühl gehabt, sie zu beschmutzen.

Für einen Moment trübten Tränen seinen Blick, dann lächelte er. Das Lächeln schmerzte. Aber er konnte immerhin lächeln.

*

Er lächelte auch, als seine Schwiegermutter ihn wortlos umarmte. Sie zog ihn ins Haus, nahm ihm die Reisetasche ab und drängte ihn in die enge Küche. Auf dem Herd dampften die Töpfe. Es roch nach Kohl.

Die Tür zur Veranda stand offen. Er blieb im Rahmen stehen und sah in den großen Garten hinaus. Die Augustsonne verbarg sich hinter rauchfarbenen Schleiern. Er sah die alten Obstbäume, die ihre Äste unter der Last der Früchte hängen ließen, und er sah seine Tochter.

Biggie spielte auf dem Rasen unterhalb der Veranda. Als Inge schwanger wurde, hatte ihr Vater seine geliebten Gemüsebeete aufgegeben und den Rasen für sein Enkelkind angelegt. Er war ein Jahr nach Biggies Geburt gestorben. Der Rasen war jetzt dicht und grün.

Langsam ging er hinaus. Biggie blickte auf. Sie warf ihre Spielsachen weg und sprang in seine Arme.

»O Papi, Papi!«

Er drückte sie an sich, und er lachte, um nicht weinen zu müssen.

»Endlich bist du wieder da! Papi, du musst doch nicht schon wieder weg?«

Er schluckte den Kloß hinunter. »Doch, ich muss wieder weg, Biggie. Aber bald, bald werde ich immer bei dir sein. Bei dir und Oma.«

»Wann, Papi?«

Sein Anwalt hatte ihm geschrieben. Der Antrag auf vorzeitige Entlassung lief. Die Aussichten stünden nicht schlecht, vielleicht käme er noch vor Weihnachten frei.

»Weihnachten«, sagte er.

»O, Papi! Das ist fein!«

Sie wusste nicht, dass er im Gefängnis saß. Er wusste nicht genau, was die Oma ihr erzählte, wo er sei, und er wollte es auch gar nicht so genau wissen.

Sie stand oben auf der Veranda.

»Möchtet ihr irgendetwas? Saft? Ich habe auch eine Flasche Bier für dich, Martin!«

Er schüttelte den Kopf. »Danke, jetzt nicht, Mutter«, sagte er.

Er setzte sich auf den Rasen und holte die Tüte heraus. Biggie sah ihm gespannt zu, wie er das dünne Silberkettchen mit dem zierlichen Anhänger hervorzog.

Er legte die Kette in Biggies kleine Hand. Aufmerksam betrachtete sie den Anhänger.

»Das ist ein Schütze«, sagte er. »Dein Sternzeichen. Es soll dich immer beschützen.«

Sie legte ihre Arme um seinen Hals, und er spürte ihre Lippen an seinem Ohr.

»Warum hat Mami nicht so etwas gehabt«, sagte sie mit kleiner Stimme.

3

Sie hatte keinen Schutzengel gehabt in der Nacht, als sie starb.

Er hatte lange gebraucht, um es zu begreifen, weil es so unwahrscheinlich gewesen war. Wie ein Kind hatte er die Wahrheit ignoriert.

Das Leben hatte ihnen Spaß gemacht. Sie freuten sich auf den Urlaub. Sie sprachen von nichts anderem an jenen heißen Tagen vor zwei Jahren. Es sollte ihr erster Urlaub werden nach Biggies Geburt. Er hatte den gebrauchten VW-Bus gekauft und ihn selbst in ein komfortables rollendes Domizil verwandelt.

An jenem Abend im Juli, zwei Tage bevor sie fahren wollten, hatten sie Hartmut Behnke und Vera Weirich besucht. Die beiden wohnten damals noch in der kleinen Mietwohnung am Südring in Villerath. Es war spät geworden, sehr spät. Biggie hatte in Veras Bett geschlafen.

Sie war nicht aufgewacht, als Martin sie nach Mitternacht aufnahm und die Treppe hinuntertrug.

Hartmut ging mit hinunter, um die Haustür aufzuschließen. Martin gab Inge den Wagenschlüssel. Ihr kleiner Fiat, den sie eigentlich verkaufen wollten, weil sie jetzt den Bus hatten, stand auf der anderen Straßenseite vor der Apotheke, deren Fenster noch erleuchtet waren.

»Treibt's nicht zu doll«, sagte Hartmut.

Er berührte Biggies Wange. Ihre Augen blieben fest geschlossen.

»Komm jetzt«, sagte Inge. »Ich bin müde. Morgen haben wir noch eine Menge zu tun.«

Sie ging vor und blieb an der Bordsteinkante stehen, bis Martin sich von Hartmut verabschiedete und Hartmut ins Haus zurückging. Die Tür schlug zu. Diese Einzelheiten, wie der Knall der zufliegenden Haustür in der nächtlichen Stille, hatten sich unauslöschlich in Martins Gedächtnis eingebrannt.

Nur den heranjagenden Wagen hörte er nicht.

Inge trat auf die Straße.

In dem Moment schlitterte der schwere Wagen drüben aus der Hüttenstraße. Der Fahrer nahm die Kurve viel zu weit. Martin hörte die Reifen wimmern, während das grelle Scheinwerferlicht über ihn hinweghuschte und ihn für Sekunden blendete.

Die Räder rumpelten über den Gehweg. Martin sprang zurück. Er drehte sich mit dem Rücken gegen das Licht, um Biggie zu schützen. Er spürte die Masse des vorbeisausenden Wagens. Er hörte einen dumpfen Aufprall und gleich danach noch einen Laut, der ungleich furchtbarer war.

Inge war nicht einmal Zeit für einen Schrei geblieben.

Sie lag im Rinnstein, der zerschmetterte Kopf auf der Kante. In eisigem Entsetzen starrte er dem davonrasenden Wagen nach, bis die Glut seiner Rückleuchten hinter der Bahnbrücke verschwamm.

Wie erfroren stand er da, unfähig, sich zu rühren. Biggie bewegte sich, weil er sie wie im Krampf an sich presste. Er stand reglos da, als die Tür hinter ihm wieder aufgerissen wurde und Hartmut aus dem Haus stürzte.

Hartmut kniete neben Inge. Er bewegte vorsichtig ihren Kopf, dann raste er ins Haus zurück. Drüben über der Apotheke wurden zwei Fenster hell, Köpfe erschienen, Augen sahen herunter.

Vera versuchte, ihm Biggie abzunehmen, aber er hielt sie fest. Er wehrte sich, als Hartmut ihn ins Haus drängen wollte. Er blieb stehen, bis der Notarztwagen kam, weil er nicht wahrhaben wollte, dass Inge tot war.

»Es war Viemann«, sagte er dumpf zu Hartmut. »Hast du gehört? Es war Viemann!«

4

Nach dem Abendessen brachte Luise Kleffel ihre Enkelin nach oben. Martin blieb am Esstisch sitzen. Er kam sich hier wie ein Eindringling vor, der nicht das Recht hatte, den gewohnten Tagesablauf zu unterbrechen.

Seine Schwiegermutter war erst sechsundfünfzig oder siebenundfünfzig Jahre alt, eine energische, meistens heitere Person. Martin war froh, dass sie sich um Biggie kümmerte. Biggie hätte sonst zu Fremden gemusst, vielleicht sogar in ein Heim. Hartmut und Vera hatten angeboten, Biggie zu sich zu nehmen, bis er aus dem Gefängnis käme. Falls das Vormundschaftsgericht Einwände gemacht hätte, weil sie nicht verheiratet waren, hätten sie sogar den Gang zum Standesamt gemacht.

Martin hatte sich nicht entschließen können, Biggie der Oma wegzunehmen. Wegnehmen, so hätte sie es empfunden. Sie hatte viel für ihn getan. Und für Biggie natürlich. Biggie konnte in der vertrauten Umgebung bleiben, in der sie in den Monaten nach dem Tod der Mutter gelebt hatte, während er sich ganz seinem Schmerz hingegeben hatte und seinen sinnlosen Kampf gegen Windmühlen austrug. In dem hübschen, kleinen Haus mit dem großen Garten war Biggie am besten aufgehoben. Damals wie jetzt.

Als seine Schwiegermutter herunterkam, lächelte sie. »Du kannst jetzt raufgehen, Martin. Aber bleib nicht zu lange. Sie ist so aufgeregt.«

Er ging hinauf und setzte sich an Biggies Bett. Sie trug die Kette mit dem winzigen silbernen Schützen.

»Erzähl mir von Mami«, bat sie. »Omi weint immer, wenn ich sie frage. Warum weint sie? Mami ist doch im Himmel beim lieben Gott!«

»Die Omi hätte sie aber lieber bei sich«, sagte er. »Wie ich ...«

»Ich auch.« Biggie schlang die Arme um seinen Hals.

Seine Schwiegermutter kam die Treppe herauf. Ihre Schritte ließen die Flurdielen knarren. Vor der Tür zu Biggies Zimmer hörte das Knarren einen Moment auf, setzte dann wieder ein, lauter und betonter als vorher. Sie rumorte im Bad und dann in dem kleinen Zimmer auf der anderen Seite des Flurs, das er als Schlafzimmer benutzte.

»Morgen gehen wir spazieren, was meinst du?«, sagte er.

»Lass uns ins Schwimmbad gehen! Ich war noch nie im Schwimmbad, Papi!«

Er lachte. »Klar gehen wir ins Schwimmbad, wenn es nicht zu kalt ist.«

Ihn beglückte das innige Gefühl, das seine Tochter ihm wie selbstverständlich entgegenbrachte. Nur das Rumoren seiner Schwiegermutter draußen störte dieses zarte Empfinden, das er wie ein unverdientes Geschenk empfand.

Die Tür ging auf, und Luise Kleffel steckte ihren grauhaarigen Kopf herein.

»Biggie muss jetzt schlafen«, sagte sie entschieden.

»Omi, ich gehe morgen mit Papi ins Schwimmbad!«, rief sie.

Die Oma lächelte. »Erst sehen wir, was wir morgen für Wetter haben. Gib dem Papi einen Kuss!«

Martin küsste seine Tochter. Der Kuss fiel flüchtiger aus, als er ihn sich vorgestellt hatte. Er glaubte, den Blick seiner Schwiegermutter im Nacken zu spüren.

Vielleicht war er auch nur besonders empfindlich, überlegte er. Oder eifersüchtig? Möglich.

*

Es war noch warm, und er setzte sich auf die überdachte Veranda. Luise Kleffel holte eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und stellte sie zusammen mit einem Glas auf den Tisch. Dann setzte sie sich ihm gegenüber und summte zufrieden vor sich hin.

Er sah sie an. Ihm war eigentlich nie bewusst geworden, wie schnell und mühelos sie den Tod ihrer Tochter, ihres einzigen Kindes, verarbeitet hatte.

Sie hatte Biggie dafür bekommen.

Er stand auf und ging nach oben. Als er zurückkam, hielt er ein rechteckiges, in hübsches Papier gewickeltes Päckchen in der Hand. Er stellte es vor seine Schwiegermutter.

»Ich habe dir etwas mitgebracht«, sagte er.

Neugierig packte sie die Schachtel aus und holte dann zwei kleine gläserne Schwäne heraus.

»Ich weiß, dass du Glas und Porzellantiere sammelst«, sagte er.

Sie lächelte entzückt. »Aber, Martin! Das sollst du doch nicht!«

»Ich bin dir dankbar, Mutter«, sagte er. »Biggie hat es so schön hier.«

»Ja, sie hat es gut hier.«

»Ich weiß nicht, wie ich das jemals wiedergutmachen soll.«

»Ach, mach dir darüber keine Gedanken! Ich habe meine Rente, Martin. Die reicht für Biggie und mich. Du wirst dir eine neue Zukunft aufbauen müssen. Du musst dein Geld zusammenhalten!«

Er spürte einen Stich, obwohl seine Schwiegermutter es gewiss nicht so gemeint hatte, als sie sagte, er müsse sich eine neue Zukunft aufbauen. Für ihn hatte es sich so angehört, als ob die Zukunft nur ihn allein beträfe und nicht auch Biggie, seine Tochter.

Doch wahrscheinlich war er ungerecht. Er konnte keine Pläne machen, die auch Biggie betrafen. Er hatte seinen Job verloren, ganz klar, und so einfach würde es nicht sein, wieder einen zu finden. Nicht in der heutigen Zeit, und nicht im Kreis Villerath. Nicht, solange die Sache mit Viemann nicht bereinigt war.

Er konnte die Seite der Garage sehen. Grauer Zementputz mit den Tomatenpflanzen davor. In der Garage stand der Campingbus.

Als der Prozess begann, hatte er überlegt, ob er den Wagen verkaufen sollte. Aber er hatte es dann doch nicht über sich gebracht. An dem Wagen hingen alle seine Erinnerungen an Inge und seine unerfüllbaren Träume.

Vielleicht hätte er Ernst Hallerbachs Rat befolgen und einfach verschwinden sollen. Biggie in den Campingwagen packen und abfahren. Nicht mehr an Viemann denken. Aber er konnte nicht einfach verschwinden, weder damals noch jetzt. Hier, in Berrenbach und in Villerath, lebten seine Erinnerungen an Inge. Und noch mehr.

Seine unvollendete Rache an Viemann.

*

»In Villerath ist Schützenfest«, sagte Luise Kleffel unvermittelt. »Ernst Hallerbach will dich nachher abholen.«

Martin stellte das Glas ab. Seine Fingerspitzen fühlten sich plötzlich kalt an.

»Woher weiß er, dass ich ... hier bin?«

»Ich habe es ihm gesagt«, antwortete Luise Kleffel. »Als du im vorigen Monat auf Urlaub hier warst, hast du dich verkrochen. Das konnte ich ja verstehen. Das erste Mal nach so langer Zeit. Aber du musst doch wieder unter die Leute! Irgendwann kommst du raus. Bestimmt schenken sie dir was von deiner Strafe. Du musst mit deinen Freunden reden. Mit Ernst und Hartmut. Vielleicht können sie etwas für dich tun. Vielleicht kann Ernst dich in seine Firma nehmen.«

»Oder Hartmut mich bei der Polizei unterbringen«, sagte er bitter.

5

Nicht in den Monaten nach Inges Tod, sondern erst später, im Gefängnis, war ihm klargeworden, dass er Hartmut unrecht getan hatte. Hartmut hatte nicht anders handeln können. Nach Inges Unfall hatte er getan, was er konnte. Da war er Hartmut, der Freund, gewesen.

Martin hatte nicht gewusst, wie viele Stunden seit dem Unfall vergangen waren, und er wusste auch nicht, wie er nach Berrendorf ins Haus seiner Schwiegermutter gekommen war. Ernst Hallerbach war da gewesen, daran erinnerte er sich, und irgendwann wieder gegangen. Später hatte Martin erfahren, dass Hartmut ihn mitten in der Nacht angerufen hatte. Ernst hatte Martin nach Berrendorf gebracht.

Irgendwann war Hartmut dann gekommen. Hartmut trug Zivil, er war ja nicht im Dienst. Er wurde von zwei uniformierten Kollegen begleitet, die Martins Aussage aufnehmen wollten.

Immer noch wie betäubt unter dem Eindruck des Geschehenen, hatte er zu schildern versucht, was er wahrgenommen hatte.

Der Wagen kam aus der Hüttenstraße. Mit überhöhter Geschwindigkeit, sagten Sie? Ja, die Reifen haben gewimmert. Aber vorher haben Sie den Wagen nicht gehört?

Er lauschte in sich hinein. Nein. Nein, er hatte nichts gehört. Haben Sie den Wagentyp erkannt? Es war ein Mercedes. Ein schwarzer Mercedes. Viemann saß am Steuer.

Er spürte die Blicke auf seinem Gesicht. Hartmuts Augen ernst und betroffen. Die Gesichter der beiden Uniformierten ausdruckslos.

Es war also Herrn Viemanns Mercedes? Sein Mercedes?

Ja, ja.

Sie haben ihn erkannt? Ihn selbst? Oder nur seinen Wagen?

Ihn selbst. Er hatte Viemann erkannt.

Es war ein so flüchtiger Eindruck gewesen. Er war so absolut sicher, dass Jürgen Viemann Inge getötet hatte, dass er selbst nicht wusste, woher er die Sicherheit bezog.

Die Polizisten gingen schließlich. Hartmut blieb noch bei ihm.

»Es war Viemann!«, wiederholte Martin.

Hartmut Behnke nickte. »Wenn er es war, bringen wir ihn zur Strecke. Ohne Ansehen der Person.«

6

Luise Kleffel sprang auf. »Das wird Ernst sein!«, rief sie.

Martin hatte die Klingel nicht gehört. Er stand auf und ging nach vorne. Seine Schwiegermutter hatte die Haustür bereits geöffnet. Ernst Hallerbach kam herein und drückte ihm die Hand.

»Mensch, Martin, ich dachte schon, die lassen dich nie wieder raus!«

Ernst Hallerbachs dünnes blondes Haar war noch dünner geworden, und um den Bauch herum hatte er einiges zugelegt. Er war zweiunddreißig Jahre alt wie Martin und Hartmut.

Freunde waren sie seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Nach der mittleren Reife hatten sie das Gymnasium verlassen, doch obwohl sie alle verschiedene Berufe ergriffen hatten, hatten sie sich nie aus den Augen verloren. Gemeinsam hatten sie neben ihrer Berufsausbildung die Abendschule besucht und die Fachoberschulreife erworben.

Hartmut hatte eine Verwaltungslehre begonnen und war danach erst zur Polizei gegangen. Ernst war bei einem Steuerberater in die Lehre gegangen und hatte sich sehr früh als Versicherungs- und Immobilienmakler selbständig gemacht.

Martins Berufsvorstellungen waren nicht sehr klar gewesen. Unentschlossen, wie er damals noch war, hatte er sich von seinem Vater, der als Lagerverwalter in einem Möbelgroßhandel beschäftigt war, dazu überreden lassen, dort eine kaufmännische Lehre zu absolvieren.

Martin hatte den Entschluss eigentlich nicht bereut. Gleich nach der Lehre hatte er die Fachhochschule in Köln besucht und Betriebswirtschaft studiert. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er der stellvertretende Einkaufsleiter in einem Textilgroßmarkt. Dort lernte er Inge Kleffel kennen.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie heirateten ein halbes Jahr später. Viereinhalb unvergessliche Jahre waren ihnen vergönnt, bis Jürgen Viemann mit seinem heranrasenden Wagen Inges Leben auslöschte und Martins Leben zerstörte.

*

Es dämmerte bereits, als sie über die Landstraße nach Villerath fuhren. Ernst Hallerbach blickte angestrengt geradeaus. Die Straße war praktisch leer.

Der erste Teil der Fahrt verlief schweigsam. In Gegenwart seiner Schwiegermutter hatten sie belanglose Floskeln gewechselt. Ernst Hallerbach hatte sich um einen lebhaften, lockeren Ton bemüht, der wie einstudiert klang. Er hatte es selbst gespürt und war in Schweigen verfallen.

»Wenn ich gewusst hätte, dass in Villerath Schützenfest ist, wäre ich im Knast geblieben«, sagte Martin schließlich, dem das Schweigen an den Nerven zerrte.

»Warum? Wegen Viemann?«

»Wegen ihm und allen anderen.«

»Wir müssen nicht nach Villerath. Von mir aus fahren wir nach Köln und machen einen drauf. Ich weiß, wo man auf die schnelle ein paar Weiber aufreißen kann. Sei mal ehrlich, du musst doch Druck haben!«

Martin schüttelte den Kopf. Er sah aus dem Fenster auf die vorbeihuschende Landschaft. Die kahlen Stoppelfelder, dahinter im Dunst die Kühltürme der Kraftwerke.

Er schluckte. Jeder Gedanke an eine Frau, an einen glatten Körper mit weißer Haut und weichen Brüsten, erzeugte ein Würgen in seinem Inneren.

»Sieh ihnen ins Gesicht!«, sagte Ernst. »Und dann sollten wir beide über einiges reden, mein lieber Martin!«

»Was du meinst, ist für mich kein Thema!«, sagte Martin abweisend. »Wir haben damals etwas ausgemacht. Erinnerst du dich?«

»Sicher ...«

»Ich bin kein Gangster, und du bist kein Hehler.«

»Aber es macht auch keinen Sinn, ihm das Zeug zurückzugeben! Mensch, Martin! Du sitzt im Knast! In ein paar Monaten kommst du raus. Und dann? Was willst du mit den paar Mark Arbeitslosengeld oder Überbrückungsbeihilfe oder was du bekommst, anfangen?«

»Du weißt, was ich will!«

»Mensch, Martin! Sei doch vernünftig! Was hast du davon, wenn du Viemann an den Pranger stellst? Er kann uns gar nichts, und wir beide können ausgesorgt haben!«

»Wir beide? Was hättest du damit zu tun?«

Sie fuhren durch Langendorf. Ernst nahm das Gas zurück. Am Straßenrand ließ er den Wagen ausrollen. Er stellte den Motor ab und starrte Martin an.

Er hatte hellblaue Augen, die in dem hübschen Gesicht leuchteten. Sein voller, weicher Mund war jetzt verkniffen.

»Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, was du meinst«, sagte er schließlich.

»Ich bin mit Viemann noch nicht fertig«, sagte Martin.

»Du hättest ihn beinahe umgebracht. Ist das nicht genug? Diesen verdammten Blödsinn hast du allein zu verantworten. Das ist deine Sache. Aber hast du vergessen, was ich für dich getan habe?«

Befremdet sah Martin den Freund an. Nein, er hatte nicht vergessen, dass es Hallerbach gewesen war, der ihn vor dem Abgleiten in den Abgrund gerettet hatte.

Ernst hatte ihm praktisch das Leben gerettet.

7

Es war ein Leben, an dem ihm nichts mehr lag. Nicht, nachdem er mit Hartmut Behnke aneinandergeraten war.

Am Morgen nach Inges Beerdigung hatte es morgens an der Tür seiner Wohnung geklingelt. Im Bademantel, unrasiert, hatte er geöffnet.

Hartmut stand draußen. Er trug Uniform. Die Mütze hielt er in der Hand. Martin starrte ihn nur an.

»Willst du mich nicht reinlassen?«, fragte Hartmut.

Martin schlurfte vor Hartmut her. Die Blumen, die man ihm in die Wohnung geschickt und die er nicht zum Friedhof gebracht hatte, verströmten einen erstickenden Duft. Im Wohnzimmer sah es schrecklich aus. Am Boden lagen leere Bierflaschen. Die fast leere Weinbrandflasche stand auf dem Tisch.

Martin schob dem Freund einen Sessel hin.

»Ich mache uns eben Kaffee«, sagte Martin.

»Wegen mir nicht«, sagte Hartmut.

Martin ließ sich in einen Sessel fallen. Er wusste, dass er furchtbar aussah. Er hatte getrunken, nachdem er von der Trauerfeier in der Alten Post in seine leere Wohnung geflohen war. Er hatte getrunken, bis er nichts mehr denken konnte. Bis nur noch die Erinnerungen ihn quälten. Sie ließen sich nicht vertreiben. Sie schmerzten, trösteten ihn aber zugleich. Wenn er trank, kehrte Inge zu ihm zurück ...

»Was ist mit Viemann?«, brachte er schließlich hervor.

»Hast du ihn erkannt?«, fragte Hartmut.

»Er rast doch immer so durch die Stadt! Das weißt du genau!«

»Das ist keine Antwort, Martin. Hast du ihn erkannt?«

»Ja.«

Hartmut sah ihn an. Er hatte ein breites Gesicht mit einer flachen Nase und dichten schwarzen Brauen über tiefliegenden, dunklen Augen, die immer ein wenig düster dreinzublicken schienen.

»Viemann hat seinen Wagen nicht benutzt an dem Abend. Das steht fest.«

In Martins Ohren begann es zu dröhnen. Er hatte Viemann erkannt. Er wusste, dass es Viemann gewesen war, der Inge getötet hatte. Viemann, der sich einen Dreck um Gesetze und Vorschriften scherte.

»Dann hat er eben einen anderen Wagen gefahren!«, sagte Martin.

»Du hast ausgesagt, dass du auch seinen Wagen erkannt hast«, erinnerte Hartmut.

»Dann habe ich mich eben geirrt!«

Hartmut seufzte. Er brauchte nicht zu sagen, was er dachte. Es war auch so klar.

»Viemann kann ein Dutzend Wagen benutzen, wenn er will!«, sagte Martin heftig.

»Wir hatten einen Ortstermin«, erklärte Hartmut ruhig. »Schon vorgestern.«

»Ohne mich? Den einzigen Zeugen?«

»Ich habe dafür gesorgt, dass man dich nicht behelligte, solange ... Inge noch nicht, ach, du verstehst schon. Der Ortstermin wird wiederholt werden, wenn weitere Ermittlungen ohne Erfolg bleiben.«

»Er hat sich also rausgeredet bei dem verdammten Ortstermin! Das ist es doch, was du mir beibringen willst!«

»Jürgen war sehr kooperativ, Martin.«

»Nenn das Schwein in meiner Gegenwart nicht Jürgen!«

»Schon gut, Martin.«

»Er war nie unser Freund. Er biedert sich bloß bei allen an. Er fehlt bei keinem verdammten Schützen- oder Dorffest oder Vereinsjubiläum. Überall verteilt er seine frischen Berliner und die albernen Fähnchen seiner Ausbeuterpartei!«

»Martin, bleiben wir bei der Sache.«

»Es gehört dazu! Er ist in der richtigen Partei! Da machen sie ihre Gesetze selber. Und wenn es gar nicht anders geht, bauen sie die Schlupflöcher gleich mit ein.«

»Willst du nicht wissen, was bei dem Ortstermin festgestellt wurde?«

Martin presste die Lippen aufeinander.

»Also, wir haben wechselweise Viemann und zwei andere Fahrer in verschiedenen Fahrzeugen um die Ecke kommen lassen. Um dieselbe Zeit. Null Uhr 15. Viemanns Anwalt war dabei, ich, mehrere Kollegen, zwei Gutachter, der Ermittlungsrichter. Wir haben es uns nicht leicht gemacht, Martin.«

»Warum nicht? Das Ergebnis stand doch vorher fest!«

Hartmut überging den Einwand. »In keinem Fall waren alle Zeugen über die Person des Fahrers einer Meinung. Und sie haben genau hingesehen, Martin!

»Was bedeutet das schon! Ich habe ihn erkannt! Und ich hätte ihn erkannt, wenn ihr mich zu dieser Farce geholt hättet!«

»Du hättest dich blamiert. Sei froh, dass es dir erspart geblieben ist.«

»Es kommt ja noch die Gerichtsverhandlung.«

»Es wird keine Verhandlung geben, Martin. Jedenfalls nicht gegen Viemann und nicht beim jetzigen Stand der Erkenntnisse.«

»Ich bin Zeuge«, sagte Martin stur.

»Du hast dich geirrt, was den Wagen betrifft. Mit dem anderen Teil deiner Aussage lässt sich keine Anklage begründen. Das Ergebnis des Ortstermins steht dagegen. Die Straßenlaterne und die Schaufensterbeleuchtung der Apotheke erzeugen sehr starke Reflexe auf jeder Windschutzscheibe. Sie wird fast undurchsichtig.«

»Dann habe ich ihn eben von der Seite gesehen. Oder von hinten.«

»Viemanns Wagen hat Nackenstützen. Hohe und breite Dinger.«

»Eben hast du gesagt, dass er seinen Wagen nicht benutzt hat.«

»So oder so. Es gibt keinen neueren Mercedes mehr, der keine Nackenstützen hat. Martin, glaub mir doch! Noch in der Nacht haben Kollegen Viemanns Mercedes untersucht. Knapp 20 Minuten nach dem Unfall waren sie bei ihm. Der Motor war kalt. Es gab keinerlei Unfallspuren an dem Wagen.«

»Du glaubst mir also nicht.«

»Es geht nur um Tatsachen, Martin.«

»War Viemann denn zu Hause?«

»Nein.«

»Er war ohne seinen Wagen unterwegs? Warum?«

»Martin, hör doch ...«

»Ja, merkst du denn nicht, dass er euch anschmiert? Er hat einen anderen Wagen gefahren! Ist doch klar. Du weißt genauso gut wie ich, dass er besoffen herumfährt. Er ist ein großes Tier im Kreis. Wenn er in eine Polizeikontrolle gerät, fragt man ihn vorsichtshalber gar nicht erst, ob er getrunken hat!«

»Er ist mit dem Taxi nach Haus gekommen.«

»Wo war er?«

»Ich weiß nicht, ob ich es dir sagen darf.«

»Stürz dich bloß nicht in Konflikte!«

»Er war in Frechen. In einem Club, der ihm gehört.«

»Ein Bordell.«

»Er ist an jedem Freitag dort. Es gibt Zeugen, die ihn auch letzten Freitag gesehen haben. Er hat also ein Alibi.«

Martin schloss die Augen und ließ den Kopf zurücksinken. »Ich habe nichts anderes erwartet«, sagte er dumpf.

»Es tut mir leid, Martin. Aber wir suchen weiter nach dem Fahrer ...«

»Du weißt, wer es getan hat!«

»Ich habe es dir erklärt, Martin ...«

»Ihr steckt alle unter einer Decke«, sagte Martin.

Hartmut Behnke zog scharf die Luft ein. »Du bist im Moment nicht zurechnungsfähig, Martin«, sagte er beherrscht. »Deshalb nehme ich dir die Bemerkung nicht übel. Aber ich rate dir eins, wiederhole sie nicht. Auch Freundschaft hat ihren kritischen Punkt.«

8

Ihm lag nichts mehr am Leben.

Er kam sich ausgeschlossen vor. Biggie lebte bei der Oma. Luise Kleffel hüllte das Kind förmlich ein mit ihrer Fürsorge. Er kam sich wie ein Störenfried vor, wenn er seine Tochter sehen wollte. Für ihn schien es keinen Platz mehr zu geben. Und die Kraft, um seinen Platz zu kämpfen, besaß er nicht.

Ernst Hallerbach kam eines Tages zu ihm, um über die Änderung einiger Versicherungsverträge mit ihm zu sprechen. Nach Inges Tod musste eben alles überdacht werden.

Aber die Verträge waren nur ein Vorwand für Ernsts Besuch. Martin wusste es.

»Mach, was du für richtig hältst«, sagte er.

»Ich werde nichts tun, was du nicht genau durchdacht hast. Warum arbeitest du nicht wieder?«

»Lass mich.«

»Warum nicht?«

»Ich habe Urlaub! Wir wären jetzt an der Nordsee, erinnerst du dich?«

»Ist ja gut. Daran habe ich nicht gedacht. Vielleicht hättest du den Urlaub besser rückgängig gemacht und wärst später mit Biggie gefahren. Jetzt hängst du bloß rum. Mann, wie es bei dir aussieht!«

»Das ist doch wohl meine Sache, oder?«

»Ich bin dein Freund. Da werde ich dir schließlich die Wahrheit sagen dürfen.«

»Hat Hartmut dir gesagt, du sollst dich um mich kümmern?«

»Ich habe ihn gestern getroffen, und wir haben über dich gesprochen. Das ist alles.«

Martin sah den Freund feindselig an. »Euer Mitleid stinkt mir!«

»Wer redet hier von Mitleid? Wir haben immer eine Menge miteinander gemacht. Und geredet. Und uns um den anderen gekümmert. Warum soll das auf einmal anders sein? Aber du brauchst dich nicht zu entschuldigen.«

Martin schwieg.

»Gestern tagte der Festausschuss des Bürgervereins. Wir haben dich vermisst.«

»Geh mir mit dem Mist ab! War Viemann da?«

»Sicher. Susanne auch. Ich habe mit ihr gesprochen.«

»Hast du sie gefragt, was er an dem Abend gemacht hat?«

»Als das mit Inge passierte? Ja, ich habe sie gefragt. Sie weiß es nicht. Sie sieht ihn nicht jeden Tag.«

»Besonders nicht, wenn er ins Puff geht.«

»Er geht freitags in die Sauna.«

»Glaubst du mir eigentlich?«, fragte Martin unvermittelt.

»Die Frage ist unfair«, sagte Ernst.

»Warum beziehst du keine Stellung?«

»Ja, ich traue ihm zu, dass er mit besoffenem Kopf jemanden totfährt. Und sich der Verantwortung entzieht. Er ist schon mit ganz anderen Sachen davongekommen. Bist du jetzt zufrieden?«

»Du arbeitest für Viemann. Du machst Geschäfte mit ihm.«

»Quatsch! Ich habe ihm das Ladenlokal in Königsdorf und ein Grundstück in Oberaußem vermittelt. Das ist alles. Seine Versicherungen hat er woanders laufen, und Bausparverträge braucht er keine. Ich kaufe meine Brötchen bei ihm. Das sind die einzigen Geschäfte, die ich zur Zeit mit ihm mache. Ich wünschte, es wären mehr. Er ist der größte Bäcker im Landkreis. Er betreibt zweiundzwanzig Filialen und Verkaufsstellen in Supermärkten. Er hat ein Dutzend Lieferwagen laufen. Ihm gehören etliche Cafés und andere Lokale. Mann, ich wünschte, ich hätte nur seine Schaufensterversicherungen!« Ernst fuhr mit einer Hand durch die Luft. »Ich will ehrlich sein. Als ich bei Gratz & Reintgen aufhörte, hatte ich gehofft, dass Viemann mir wenigstens seine Versicherungen geben würde.«

»Er steht eben zu seinen Geschäftspartnern«, meinte Martin uninteressiert.

»Weil er muss! Was meinst du, was der alte Gratz und Reintgen, dieser Hecht, alles von ihm wissen!«

»Du anscheinend auch, oder?«

»Ja, ich auch«, sagte Ernst kurz angebunden. Er starrte vor sich hin. »Kann sein, dass ich einen Käufer für deinen Bus habe. Einer meiner Kunden, ein Türke, hatte gerade einen Totalschaden mit seinem Kombi. Nächste Woche, wenn Ford Werksferien macht, will er mit seiner Familie in die Türkei. Dein Bus wäre der richtige Wagen für ihn.«

»Ich verkaufe ihn nicht«, sagte Martin.

»Überleg es dir.«

»Ja, ja.«

»Ich versteh' dich ja, Martin, glaub mir. Komm mit, wir gehen irgendwo was essen.«

»Ich habe keinen Hunger.«

»Dann trink dir einen und sieh mir zu, wenn ich mir 'ne Pizza reinschlage. Komm schon.«

Sie gingen in das kleine italienische Restaurant am Bahnhof. Martin nahm nur einen Salat. Nach der ersten Karaffe Wein war er bereits angetrunken.

»Vera meint, wir sollten mal gemeinsam was unternehmen«, sagte Ernst.

»Ja«, antwortete Martin.

»Mit Biggie. Vielleicht fahren wir einen Tag in die Eifel. Du kannst ja deinen Bus nehmen.«

»Ja.«

»Hartmut hat am Sonntag dienstfrei.«

»Sonntag? Ich weiß nicht ...«

»Hast du was vor?«

»Nein ...«

»Pass auf, wir fahren einfach.«

»Nicht am Sonntag. Ich ... sage dir Bescheid.« »Mensch, Martin!«

»Warum kümmerst du dich nicht um deinen Dreck! Um deine Geschäfte! Lass mich doch in Ruhe!«

»Ist ja gut, Mann!« Ernst drückte seine Serviette zusammen und warf sie auf die halb aufgegessene Pizza.

*

»Entschuldige«, sagte Martin.

»Ist gut.«

»Jetzt bist du auch noch eingeschnappt«, stellte Martin fest. »Ich weiß nicht, was mit mir ist.«

»Du lässt dich hängen, das ist es!«

»Was tätest du denn an meiner Stelle?«

Ernst Hallerbach zog die Brauen zusammen, dann beugte er sich über den Tisch. »Ich würde mir Viemann kaufen. Ihn irgendwo treffen, wo es ihm weh tut. Von mir aus unter der Gürtellinie.« Ernst bezahlte und stand auf. »Komm, wir trinken noch irgendwo ein Bier.«

»Bei mir zu Hause«, sagte Martin.

»Quatsch, zu Hause! Da kannst du immer saufen!«

»Ich mag jetzt nicht mehr. Ich gehe nach Hause.«

»Du gibst mir einen Korb nach dem anderen, Martin.«

»Tut mir leid.«

»Wir haben noch nicht über die Verträge gesprochen.«

»Ein andermal.«

»Morgen?«

»Von mir aus morgen«, antwortete Martin mürrisch.

»Morgen ist Freitag. Pass auf, von acht bis neun spiele ich freitags Tennis. Wann hast du zuletzt gespielt?«

»Ist 'ne Weile her. Im Frühjahr, glaube ich.«

»Sei um acht in der Halle, dann spielen wir 'ne Runde.«

Martin zögerte. Ernst lächelte.

»Nicht schon wieder«, sagte er.

»Na gut. Acht Uhr.«

*

Die Tennishalle lag an der Straße nach Bedburg. Martin hatte verschlafen. Es war schon fast halb neun, als er den kleinen Fiat auf dem Parkplatz abstellte. Er sah sofort, dass Ernst Hallerbachs BMW nicht da war.

Er nahm seine Tasche und ging hinein. Der kleine, dicke Weber kam ihm entgegen. Weber, die Kugel.

»Martin, fein, dass man dich mal wieder sieht!«

Martin gab ihm die Hand. »Hast du Ernst gesehen?«

»Hallerbach? Nee, der ist nicht da.«

Martin fragte im Büro nach.

»Herr Hallerbach hat angerufen«, sagte der Hallenwart. »Ich soll Ihnen ausrichten, dass ihm etwas dazwischengekommen ist. Er kann nicht kommen. Er ruft Sie zu Hause an.«

Martin nickte und wollte wieder gehen.

»Sie können Herrn Hallerbachs Platz benutzen, Herr Sasse. Vielleicht spielt Herr Weber mit Ihnen.«

Weber war schon weg. Martin war nicht enttäuscht deshalb. Er stellte sich an die Scheibe und sah in die Halle.

Auf dem vorderen Platz spielte Susanne Mahlow gegen eine jüngere Blondine. Die Blondine war klein und zäh, und sie drosch die Bälle flach über das Netz, aber Susanne hetzte die Jüngere mit weiten Schlägen erbarmungslos von einer Seite des Spielfeldes zur anderen.

Martin sah Susanne zu. Sie hatte das flammendrote Haar mit einem grünen Band aus der Stirn gebunden. Ihre Bewegungen wirkten geschmeidig. Er beobachtete das Spiel der Muskeln unter der glatten Haut ihrer Schenkel. Der Rock schwang bei jedem Schlag in die Höhe. Unter dem knapp sitzenden weißen Höschen spannten sich die Pobacken. Ihre Brüste waren fest und schienen sich kaum zu bewegen.

Eine Erinnerung drängte sich auf, stand deutlich wie in Bild vor seinen Augen. Eine hitzige Fummelei auf dem Rücksitz des Taxis, als sie nach dem Turnier in Düren zurück nach Villerath fuhren. Inge hatte nicht mitkommen können. Sie war im siebten Monat schwanger gewesen und hatte sich nicht wohl gefühlt. Viemann, der sich sehr um Susanne bemüht hatte, war vollkommen betrunken gewesen. Susanne hatte ihn damals noch hingehalten. Sie gehörte noch zur Clique um Hartmut, Ernst und Martin. Sie war ihr Schützling und ihr Maskottchen. Jeder war verknallt in sie gewesen, auch er, Martin, obwohl er Inge liebte. Aber Susanne war für sie alle tabu gewesen. Wenn einer sie bekommen hätte, wäre ihre Freundschaft zerbrochen.

In einer Kurve war sie gegen ihn gefallen, und er hatte sie festgehalten. Ihre warme Haut hatte sich unter seinen Händen bewegt. Inge, o Inge! Seine Hände waren wie von selbst unter ihre Bluse geglitten. Sie trug keinen Büstenhalter. Diese unglaublich festen Formen ...

Er zuckte zusammen, als sie gegen die Scheibe klopfte. Ihr Match mit der Blonden war zu Ende. Susanne ging an der Scheibe entlang und kam dann im Gang auf ihn zu. Sie schüttelte das Haar auf, nachdem sie das Band gelöst hatte, und sie lächelte andeutungsweise, als sie ihm die Hand gab. Der Druck war warm und fest.

Wie der Druck der Schenkel, als er seine Hand dazwischengezwängt hatte. Doch war er nicht weitergekommen ...

Die Blondine verschwand im Umkleideraum.

»Du hast sie vernichtet«, sagte er.

»Sie ist eine kleine Angeberin«, sagte Susanne. »Wie geht es dir?«, erkundigte sie sich dann.

»Ach, hör auf!«

»Dumme Frage. Klar. Willst du spielen? Gegen wen?«

»Ernst. Aber er hat mich versetzt.«

»Das ist doch sonst nicht seine Art«, wunderte sich Susanne.

»Ihm ist ein Termin dazwischengekommen. Ich hatte sowieso keine Lust. Und keine Luft.«

Susanne sah auf die Uhr. »Ich habe Zeit«, sagte sie. »Bis elf, wenn du willst. Los, zieh dich um!«

Martin rührte sich nicht.

»Was ist mit dir? Hast du Angst, dass ich dich vernichten könnte?«

»An dir ist eine Psychologin verloren gegangen«, sagte er.

*

Sie schlug ihn haushoch.

Keuchend jagte er dem letzten Matchball nach, und schweißtriefend ging er unter die Dusche. Als er herauskam, wartete sie vor der Halle auf ihn. Sie sah frisch aus und wirkte keine Spur angestrengt.

»Du kannst mich mit in die Stadt nehmen«, sagte sie.

Er sah sie erstaunt an.

»Ich bin mit Sabine Engels gekommen, der kleinen Blonden. Oder musst du woanders hin? Ich bin übrigens flexibel.« Sie lächelte.

Er half ihr in den winzigen Fiat. Ihr kurzer Tennisrock rutschte hoch, als sie die langen Beine anzog. Er schlug schnell die Tür zu und ging um den Wagen herum.

Er fuhr nach Bedburg. Im Burgcafé tranken sie Kaffee. Es war ganz selbstverständlich. Er hatte sie nicht einmal gefragt. Er hatte einfach angehalten, und sie waren hineingegangen.

»Du bist hinter Jürgen her«, sagte sie nach einer Weile.

Er antwortete nicht.

»Ich weiß von dem Ortstermin. Er war sehr wütend.«

»Was meinst du, was ich war!«

»Die Polizei war auch bei mir.«

»Und? Hast du ihm ein Alibi gegeben?«

»Sei nicht albern!« Sie schüttelte ärgerlich den Kopf.

»Er war nicht bei mir, und ich nicht bei ihm.«

»Er war in diesem Club in Frechen«, sagte Martin.

»Ich habe es auch gehört.«

»Lässt du dir das eigentlich bieten? Du weißt doch, was das für ein Laden ist!«

»Wir sind nicht verheiratet«, antwortete sie. »Er ist mir keine Rechenschaft schuldig. Jürgen ist immerhin ein Mann von Geschmack. Ich glaube nicht, dass er wegen der Nutten dort hingeht. Er benutzt die Sauna und holt seinen Anteil ab. Er liebt Bares, weißt du.«

»Er bescheißt die Steuer.«

»Wer tut das nicht.«

»Ich, zum Beispiel.«

»Weil du sie nicht betrügen kannst.«

»Das ist der einzige Unterschied, meinst du?«, fragte er, langsam wütend werdend.

»Warum bist du so gereizt? Was habe ich mit Jürgens Geschäften zu tun?«

»Du gehörst eben zu ihm.«

»Ich habe ihm kein Alibi gegeben.«

»Weil es schon jemand anders getan hat. Hat die Polizei dich auch gefragt, warum er seinen Wagen nicht benutzt hat?«

»Das hat sie, aber ich wusste es nicht.«

»Weißt du es jetzt?«

»Ja. Irgendwas war nicht in Ordnung. Die Zündung, glaube ich. Er hat den Wagen am Montag in die Werkstatt gebracht.«

Martin leerte seine Tasse. Da war noch eine Frage, die er Susanne stellen musste.

»Hat er es getan?«

Sie sah ihn an. »Ich weiß es nicht, Martin.«

»Würdest du es mir sagen, wenn du es wüsstest?«

Sie zögerte und runzelte ein wenig die Stirn. »Ich bin nicht sicher, Martin. Ich weiß, was du jetzt denkst. Ich bin eine Drohne. Ich lasse mich von ihm aushalten. Ich liebe dieses Leben. Jürgen ist ein Mann wie ein ... Tier. Es ist nicht langweilig mit ihm.«

»Eines Tages lässt er dich sitzen.«

»Von dem Tag an gehört mir ein Haus in der Eifel. Ein schönes altes Haus mit einem großen Garten. Es steht schon jetzt auf meinen Namen.«

»Dafür spielst du seine Geliebte?«

»Ich sagte es schon, es ist nicht langweilig mit ihm.«

»Er geht über Leichen!«

»Niemand macht Inge wieder lebendig, Martin. Er hat es schließlich nicht mit Absicht getan.«

Er starrte sie atemlos an. Hatte sie sich versprochen? Hatte sie eben zugegeben, dass Viemann Inge getötet hatte?

Sie schien nichts gemerkt zu haben.

Er versuchte, sich Viemann vorzustellen, wie er keuchend auf Susanne lag und ihre Brüste bearbeitete. Und wie er ihr Gemeinheiten dabei zuflüsterte. Und ihr gestand, einen Menschen getötet zu haben.

Plötzlich verwandelte sich Susannes Gesicht. Es nahm Inges Züge an.