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KRISTY DELUCA

BURNING

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DESIRE

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Erotic Romance

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BURNING DESIRE: für dich entbrannt

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Kristy Deluca

© 2018 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH
8712 Niklasdorf, Austria

Covergestaltung: © Sturmmöwen
Titelabbildung: © 4 PM production (shutterstock)
Lektorat & Korrektorat: Melanie Reichert

ISBN-Taschenbuch: 978-3-903130-46-3
ISBN-EPUB: 978-3-903130-47-0

www.romance-edition.com

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Die Autorin

1. Kapitel

Nate

Im Leben gab es zwei Sorten von Menschen. Entweder zählte man zu den Gewinnern oder man war der Arsch. Leider schien in diesem speziellen Fall Letzteres auf mich zuzutreffen.

Auf einem Holzhocker am Tresen des Gigi’s auf dem Wilshire Boulevard zwischen West Lake und Downtown L.A. vor mich hinbrütend, verfluchte ich das Schicksal, Karma oder wie auch immer sich dieses Scheißding nennen mochte. Okay, angesichts der vielen Schimpfwörter hätte mir meine ehemalige Heimleiterin die Ohren langgezogen, aber erstens war die alte Hexe tot und zweitens ich nun mal extrem angepisst.

Ich hatte bei der Firmen-Geburtstagsfeier am gestrigen Dienstag den einen oder anderen Tequila zu viel erwischt und mich dazu hinreißen lassen, mit einer Kollegin auf Tuchfühlung zu gehen. Was an sich keine große Sache gewesen wäre, wenn es nicht gerade der fünfzigste Geburtstag meines Bosses Simon Greenwalt gewesen und ich nicht dabei von meinem Konkurrenten Parker Rowe in eindeutiger Stellung erwischt worden wäre. Fatalerweise hatte er die heiße Begegnung auf seinem Handy festgehalten und drohte, das Video Greenwalt zu präsentieren, sollte ich ihm nicht meinen kürzlich an Land gezogenen Großauftrag überlassen, der auf meiner Karriereleiter einen Schritt nach oben bedeuten könnte.

Wenn Greenwalt das kompromittierende Material zu Gesicht bekäme, wäre ich erledigt. Mein Boss tolerierte zwar Affären innerhalb der Belegschaft, forderte jedoch absolute Diskretion am Arbeitsplatz ein. Ein korrektes Auftreten und eine an den Tag gelegte Professionalität im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten waren ihm hoch und heilig. Er würde mit Sicherheit keine sexuellen Abenteuer im öffentlichen Rahmen einer Belegschaftsfeier gutheißen, da war ich mir sicher. Rowes Erpressung besaß das Potential, meine Karriere zu zerstören. Mir den Erfolg zu versauen, den ich mir hart erarbeitet hatte. Fuck!

Ich setzte mein Glas an die Lippen. Doch nicht mal der Ardbeg Single Malt Whisky konnte meine Stimmung heben, obwohl der Tropfen schon ganz ordentlich war. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie sich die Tür öffnete und Parker Rowe zusammen mit Mark Sorensen aus der Buchhaltung den Pub betrat.

Großartig. Rowe, dieser Idiot, hatte mir gerade noch gefehlt. Als genügte es ihm nicht, meinen nackten Arsch auf Film gebannt zu haben, setzte er auch noch dieses dämliche Grinsen auf, um es mir unter die Nase zu reiben.

»Hey, Nate, alles fit?«

Ich hob einmal kurz das Kinn. Ich würde den Teufel tun und diesem Kerl die Genugtuung geben, die er offenbar dringend brauchte. Rowe war ein Schwein. Er zählte zu den Menschen, die über Leichen gingen, um ihre Ziele zu erreichen, und dafür war ihm kein Mittel zu schmutzig. Auch nicht, wenn er seinen Kopf dafür tief in den Arsch der Chefetage schieben musste.

Ich leerte mein Glas.

Parker Rowe hatte genau wie ich vor drei Jahren in der in Los Angeles ansässigen Marketingfirma Greenwalt & Millard Solutions Inc. im Bereich Dialogmarketing angefangen. Seither bemühten wir uns beide, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Mit dem Unterschied, dass Rowe diesem Ziel vor wenigen Stunden erheblich näher gekommen war – vorausgesetzt, ich überließ ihm meinen neuen Großkunden. Doch das konnte ich – nein, wollte ich – unmöglich tun, denn Rowe hatte mir in der Anfangszeit schon einmal auf unlautere Weise einen Kunden abgeluchst. Er zog es vor, mit harten Bandagen zu kämpfen, wogegen ich im Prinzip nichts einzuwenden hatte, außer wenn schmutzige Methoden ins Spiel kamen, und hierin war Parker Rowe ein wahrer Meister.

Ich liebte meinen Job. Ich hatte den ganzen Müll der Vergangenheit hinter mir gelassen und mir etwas aufgebaut. Ich war jemand. In einem bunt gemischten Viertel unweit der Firma hatte ich mir ein Apartment gekauft. Ich besaß einen Hund, ein paar Freunde und genoss mein Single-Dasein. Mein Leben könnte augenblicklich nicht besser laufen. Doch ich war unvorsichtig gewesen, hatte für ein paar Momente die Kontrolle verloren. Und nun hatte mich Parker Rowe an den Eiern. Ich saß in der sprichwörtlichen Scheiße und musste mir überlegen, wie ich da wieder herauskam. Wie ich diesen Bastard in die Schranken wies. Er hatte mich reingelegt und er würde dafür bezahlen. Mir war nur noch nicht klar, auf welche Weise.

Als der dunkle Lockenschopf meiner Lieblingsbardame am anderen Ende der Theke auftauchte, winkte ich sie zu mir. Mit wiegenden Hüften setzte Brandi sich auf ihren schwindelerregend hohen High Heels in Bewegung.

»Hey, Sexy, was kann ich für dich tun?« Sie schenkte mir ein laszives Lächeln und beugte sich in meine Richtung, sodass sie mir einen hervorragenden Einblick in ihr beachtliches Dekolleté bescherte. Doch anders als sonst hob sich auch bei diesem verführerischen Anblick meine Laune nicht.

»Bring mir noch einen«, bat ich sie, ohne eine Miene zu verziehen.

Brandi seufzte vernehmlich und zog eine Schnute, als sie mir den Tumbler aus den Fingern nahm. »Du bist heute Abend echt schräg drauf.«

»Sorry, Süße«, erwiderte ich, schließlich konnte Brandi nichts für meine miese Laune. Ich verzichtete jedoch auf eine Erklärung. Zwar hatte ich mich vor ein paar Monaten von ihrem Augenaufschlag und den vollen Brüsten zum Sex verführen lassen – und Brandi hatte immer ein offenes Ohr und ein nettes Wort für mich übrig, wenn ich in meiner Lieblingskneipe aufschlug —, doch Persönliches hielt ich grundsätzlich von meinen Bettgeschichten fern. Sex war Sex, nicht mehr und auch nicht weniger.

Da sie mich abwartend musterte, streckte ich eine Hand aus und strich ihr eine espressobraune Haarsträhne hinter das Ohr, an dem ein gigantischer Ohrring baumelte. Ich kam nicht gut damit klar, wenn Frauen mich auf diese Weise anblickten. Konnte schlecht mit Emotionen umgehen. Mit meinen eigenen nicht und schon gar nicht mit denen anderer Menschen. Zumindest nicht mit jenen, die etwas mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun hatten.

Ich hatte früh gelernt, mich von derartigen Gefühlen abzuschotten und eine Strategie entwickelt, nichts, was mir irgendwie gefährlich werden könnte, an mich heranzulassen. Auch jetzt weigerte ich mich, die Enttäuschung in Brandis Kulleraugen zu beachten, weil ich mich ihr nicht offenbarte. »Ist was Geschäftliches.«

Brandi ließ einen Kaugummi knallen und zuckte betont gleichgültig mit einer Schulter. »Kein Ding.« Sie hielt meinen Blick fest. »Du sollst nur wissen, dass ich für dich da bin, wenn du mich brauchst.« Den letzten Satz sagte sie so leise, dass nur ich ihn hören konnte.

»Gut zu wissen. Und jetzt sei ein Schatz und hol mir meinen Drink, okay?« Ich blickte ihr hinterher, wie sie zum Eisschrank ging, verfolgte den wiegenden Schwung ihrer Hüften, ihr wohlgeformtes Hinterteil in den heißen Hotpants, aber alles, an das ich denken konnte, war dieser verdammte Scheißfilm, der in Rowes Besitz war und mit dem er mich erpresste.

Eine Stunde später befand ich mich noch immer in Weltuntergangsstimmung. Ich blockte jeden Versuch, mit mir zu quatschen, ab und konzentrierte mich stattdessen auf den gigantischen Flatscreen an der Wand gegenüber, auf dem das Spiel der Los Angeles Lakers gegen Miami lief. Obwohl Basketball mein Ding war und ich an der UCLA im Team gespielt hatte, bekam ich von dem Match kaum etwas mit. Mein Hirn war ein einziges Gedankenkarussell. Wie würde es mir gelingen, diesen verfluchten Film in meine Finger zu bekommen und ihn zu vernichten?

Ich leerte mein Glas und stellte es etwas unsanft auf den Tresen zurück, wobei ich beschloss, mir einen weiteren Seelentröster zu gönnen. Dann würde ich eben den Wagen stehen lassen und nach Hause laufen. Wäre schließlich nicht das erste Mal. Ich signalisierte dies Brandi und unterdrückte einen Fluch, als mir jemand unvermittelt einen kräftigen Schlag zwischen die Schulterblätter versetzte.

»Hey, Westbrook, alles klar?«

Langsam, wie in Zeitlupe, drehte ich mich beim Klang der mir nur allzu bekannten, männlichen Stimme um. Der Kerl hatte Glück, dass ich geübt darin war, Gefühlsregungen zu beherrschen, denn mich überkam das dringende Bedürfnis, meine Faust mit Parker Rowes grinsendem Gesicht bekannt zu machen. Ich hatte den Mann noch nie besonders leiden können, aber nach der Aktion, die er abgezogen hatte, war er mir regelrecht zuwider. Fick dich! Hoffentlich erstickte er an seinem selbstgefälligen Grinsen. Unauffällig ballte ich meine Rechte, ignorierte das Zucken meiner Unterarmmuskulatur. »Was kann ich für dich tun, Rowe?« Ich begegnete seinem herausfordernden Blick mit vorgetäuschter Lässigkeit.

Rowe stieß ein dreckiges Lachen aus, bevor er seinen Hintern auf den Hocker neben mir schob. »Wollte mal sehen, ob du dich inzwischen von dem heißen Ritt gestern Abend erholt hast.« Eine wenig subtile Anspielung darauf, dass er die Karten in der Hand hielt. Ich wusste, was er von mir hören wollte. Nämlich, dass ich klein beigab und ihm meinen Kunden überlassen würde.

Noch gab ich mich allerdings nicht geschlagen. »Du musst dir über meine Befindlichkeiten keine Sorgen machen, Rowe«, erklärte ich betont freundlich und blickte meinem Arbeitskollegen unschuldig in die wasserblauen Augen. Arschloch.

Rowes dünne Lippen verzogen sich erneut zu einem Grinsen. »Ach, komm schon, Westbrook«, säuselte er. »Trag’s wie ein Mann. Du bist nicht der Erste, der beim fröhlichen Firmenvögeln erwischt wird.« Bevor ich reagieren konnte, platzierte er eine Hand gönnerhaft auf meiner Schulter.

Noch immer lächelnd lenkte ich meinen Blick zu seinen Fingern. »Nicht jeder wird jedoch anschließend damit erpresst.«

Rowe löste sich von mir und bleckte seine Zähne. »Warum so harte Worte, Kumpel? Es ist doch ganz einfach. Wie schon gesagt, überlässt du mir Murphy & Lawson, lösche ich das Filmchen und alles ist vergessen.«

Meine Kieferknochen mahlten. »Verstehe ich dich richtig? Ich leiste die Vorarbeit und du heimst die Lorbeeren dafür ein?«

Er zuckte mit den Schultern. »Dafür hast du offensichtlich einen klasse Fick genossen. Bei Gott, ich würde diese geile Schnecke vom Empfang selbst gern mal klarmachen. Ich bin sicher, sie bläst hervorragend.« Er zwinkerte mir zu und ich musste mich zusammenreißen, nicht die Beherrschung zu verlieren.

Mein Lächeln erstarb. »Du zügelst besser deine Zunge, Rowe«, sagte ich gefährlich leise. »Sprich nicht so über Reese.« Unglaublich, dieser Mensch. Ich hatte nichts übrig für Typen, die sich in derart verachtendem Ton über Frauen ausließen.

»Komm schon.« Parker stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Jetzt tu mal nicht so, als seist du ein verdammter Chorknabe, Alter.«

Nein. Ein Chorknabe war ich mit Sicherheit nicht. Ich liebte Sex. Ich liebte die Frauen. Und ich lebte mein Single-Dasein aus. Bevor ich mit einer Lady ins Bett ging, stellte ich allerdings sicher, dass sie die Spielregeln kannte. Mein Credo war es, nicht öfter als ein, zwei Mal mit jemandem ins Bett zu gehen. So gab es keine emotionalen Verwicklungen, keine Verpflichtungen. Und schon gar keine Versprechen. Weil ich genau wusste, wie sich seelische Verletzungen anfühlten, band ich mich niemals an eine Frau. Um sie zu schützen und mich. So hatte ich das all die vergangenen Jahre gehandhabt und keine Frau der Welt würde mich dazu bringen, diese Regel zu brechen. Zum Glück besaß ich einen untrüglichen Sinn dafür, wenn eine Bettgespielin drohte, zu anhänglich zu werden.

Ich ging nicht auf Rowes Äußerung ein. »Reese Denton hat es nicht verdient, dass jemand in dieser Weise über sie spricht, klar?«

In einer belustigten Geste hob Rowe beide Schultern. »Wie auch immer. Auf jeden Fall hattest du dein Vergnügen und ich habe lediglich die Gunst der Stunde genutzt. Wenn du in diesem Business weiterkommen willst, Westbrook, musst du ein cleverer Fuchs sein.«

Ich befahl mir, ruhig zu bleiben. »Ein Fuchs? Von mir aus. Aber mit Sicherheit kein Arschloch, Rowe. Und du«, ich setzte ein tödliches Lächeln auf, »bist eins. Dafür gibt es leider keine Entschuldigung.«

»Das nehme ich mal als Kompliment. Denn wie du siehst, bin ich nun derjenige, der bei Greenwalt gute Karten haben wird. So oder so. Ihn wird die Vorgeschichte nicht interessieren. Für ihn zählt letztendlich nur, wer abliefert.«

So viel Dreistigkeit war kaum zu fassen. Das Schlimme war, dass ich Parker recht geben musste. Greenwalt interessierte sich nicht für Intrigen oder schmutzige Wäsche. Meinen Boss ließen Gerüchte und Querelen unter Mitarbeitern kalt. Für ihn zählte immer nur das, was man am Ende des Tages vorzuweisen hatte.

Zum Glück tauchte Brandi mit dem Whisky auf.

Mit einem gepressten Danke, Süße nahm ich meinen Drink entgegen. Brandis Blick flog zwischen mir und Rowe hin und her, und blieb bei mir hängen, wobei sich ihre dunklen Brauen zusammenzogen. Clever wie sie war, und so, wie ich sie einschätzte, hatte sie die Spannungen zwischen uns längst bemerkt. Meine Kiefermuskeln arbeiteten, als ich ihr unmerklich zunickte, um ihr zu signalisieren, dass ich das hier im Griff hatte. Gerade so.

Der Ardbeg brannte angenehm in meiner Kehle. Ich atmete tief ein und wandte mich erneut meinem Arbeitskollegen zu. »Tu mir einen Gefallen.« Arschloch. Der stumme Nachsatz schien zur Gewohnheit zu werden. »Schieb deinen Hintern auf einen anderen Stuhl. Am besten ans andere Ende der Theke, okay?« Augenrollend wandte ich mich wieder meinem Drink zu.

Als Rowe keine Anstalten machte, sich in Bewegung zu setzen, warf ich ihm einen finsteren Blick zu. »Welchen Teil von Verpiss dich hast du nicht verstanden, Rowe? Soll ich es noch einmal extra für dich buchstabieren?«

Seine hellen Augen glänzten eigentümlich, als er mich mit gefurchter Stirn musterte. »Ich bin ja kein Unmensch, Westbrook. Daher ein Vorschlag zur Güte: Entweder du überlässt mir deinen Großauftrag oder du bringst es fertig, bis … sagen wir bis Ende dieser Woche unsere süße, kleine Miss Unschuld zu verführen.« Sein linker Mundwinkel zuckte hämisch. »In diesem Fall würde ich das böse Filmchen, das dir Kopfzerbrechen bereitet, löschen und als Zugabe könntest du deinen Kunden behalten.«

Ich stieß ein sarkastisches Lachen aus. »Wie überaus großzügig von dir.«

»Ich meine es ernst. Du bringst die Heart dazu, mit dir in die Kiste zu steigen, und das Video ist Geschichte.«

»Amelia Heart? Du machst Witze, oder?« Kopfschüttelnd hob ich mein Glas an die Lippen. Vor meinem inneren Auge stieg das Bild unserer neuen Teamkollegin auf. Sie kam frisch von der Harvard und ihr Akzent klang so nach Ostküste, wie er nur klingen konnte. Ich schätzte sie auf Anfang zwanzig, vielleicht dreiundzwanzig. Etwa ein oder zwei Jahre jünger, als ich es war. Obwohl sie ganz niedlich war, wirkte sie ziemlich verklemmt und unnahbar. Schon so mancher männliche Kollege hatte bei dem Versuch, sie etwas näher kennenlernen zu wollen, auf Granit gebissen. Mit ihrem unauffälligen Äußeren war sie zudem eindeutig das Gegenteil von sexy. Ein krasser Gegensatz zu den sonnengebräunten California-Girls – langbeinige Blondinen mit Modelmaßen und üppiger Oberweite —, die mir beim Surfen an den Stränden von Santa Monica oder Malibu scharenweise begegneten.

»Kein Witz.« Rowes schmale Lippen verzogen sich zu einem diabolischen Grinsen. Natürlich war diesem Bastard bewusst, dass sein Vorschlag völlig absurd war. »Nennen wir es ein Angebot, Westbrook. Geh darauf ein oder lass es bleiben.«

Was für ein lächerlicher Vorschlag. Ich hatte kein Interesse daran, Amelia Heart zu verführen. Abgesehen davon, dass sie es mit Sicherheit niemals zulassen würde, war sie kein weibliches Wesen, das mich auch nur ansatzweise reizte. Und Rowe konnte mir nicht weismachen, dass die Sache zwischen uns damit gegessen wäre. Ich traute dem Mistkerl keinen Millimeter über den Weg. »Ich denk drüber nach«, knurrte ich ungeachtet meiner Überzeugung, denn ich fürchtete, dass Rowe womöglich sonst schon morgen Früh Greenwalt aufsuchen und ihm das Video präsentieren könnte.

»Wie gesagt, nimm die Herausforderung an oder lass es sein.« Er klopfte mit den Knöcheln auf den Tresen und glitt vom Hocker. »Und jetzt entschuldige mich. Mark wartet dort hinten auf mich. Wir haben etwas zu feiern.«

Oh ja, darauf wettete ich. Ich hatte so eine dunkle Ahnung, was Rowe zu feiern gedachte. Bastard. Garantiert sah er sich bereits als Sieger aus dieser Sache hervorgehen. Verdammt, sein Vorschlag, Amelia Heart zu verführen, war einfach nur grotesk. Plötzlich erinnerte ich mich, dass Rowe Amelia bei diversen Meetings schon öfters intensiv angestarrt hatte – ganz so, als würde er sich für sie interessieren. Warum unterbreitete er mir dann dieses Angebot?

Ich studierte mein Glas und kalkulierte meine bescheidenen Optionen, als ich eine vertraute Stimme in meinem Rücken hörte. Ich musste mich nicht erst umdrehen, um zu wissen, dass sie zu meinem Freund Joseph Minoso gehörte, der, wie viele andere Angestellte unseres Bürokomplexes, zu einem Feierabenddrink im Gigi’s vorbeischneite.

Joe arbeitete eine Etage höher, bei Turner & Claridge Associates, einer Investmentfirma. Wir hatten uns vor einem Dreivierteljahr hier im Pub kennengelernt und seitdem war Joe so etwas wie ein Freund für mich geworden. Im Gegensatz zu mir war er verheiratet, glücklich dazu, und seine Frau erwartete gerade das erste Kind. Trotz unserer unterschiedlichen Lebensstile verstanden wir uns wie Brüder. Genau wie ich trug er einen Einreiher, seine Jacke hatte er geschultert und die obersten Hemdsknöpfe geöffnet. Und wie immer wirkte er wie aus dem Ei gepellt mit seinen zurückgekämmten pechschwarzen Haaren, die seine markanten südamerikanischen Gesichtszüge betonten.

»Hey, Minoso.« Ich hob eine Hand zum Gruß.

Joe schob sich auf den Barhocker, wo vor wenigen Minuten noch Parker gesessen hatte, und grinste mich an. »Hey, Westbrook. Sag mal, sind diese Knitterfalten da auf deiner Stirn Nachwirkungen eurer Firmenfeier? Du siehst aus, als hätte dir jemand deinen heißgeliebten Camaro unter dem Hintern weggerissen.«

Joes Bemerkung entlockte mir ein müdes Grinsen. Neben Sammy – meinem Golden Retriever, den ich vor zwei Jahren aus der Auffangstation Ace of Hearts in Beverly Hills vor dem Einschläfern gerettet hatte und der während meiner Abwesenheit von Mrs DeVito, meiner italienischen Nachbarin, betreut wurde —, bedeutete mir mein Cabrio alles. Meine gesamten Ersparnisse hatte ich in dieses Schätzchen gesteckt. Es gab einfach nichts Besseres, als an schönen, sonnigen Tagen damit an der Küste entlangzucruisen, um den Kopf freizubekommen. Außer gutem Sex vielleicht.

Ich verneinte, als Joe fragend eine Augenbraue hochzog. »Angepisst bin ich allerdings, gut erkannt. Aber nicht wegen des Autos.« Ich wartete, bis Joe bei Brandi bestellt hatte, und versorgte ihn anschließend mit einer Kurzfassung meiner peinlichen Geschichte.

»Fuck«, meinte Joe. »Wäre besser gewesen, du hättest deinen Schwanz in der Hose gelassen.«

»Jepp.« Treffender hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Ich hob mein Glas und wir stießen miteinander an. Das Eis klirrte in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit.

Wir tranken schweigend, verfolgten das Spiel oben auf dem Bildschirm und orderten eine weitere Runde Drinks, bis Joe mich irgendwann mit dem Ellenbogen anstieß. »Was gedenkst du jetzt zu tun?«

Den Blick aufs Spiel gerichtet, zuckte ich mit den Achseln. »Keine Ahnung.«

»Dieser Vorschlag deines Kollegen ist absurd. Ich meine, du kannst doch nicht ernsthaft darüber nachdenken, eine unschuldige Frau ins Bett zu zerren, nur um diesen beschissenen Film in die Finger zu kriegen. Es reicht doch, dass du eure Empfangsdame gevögelt hast.«

»Reese. Sie heißt Reese«, murmelte ich und unterdrückte einen Fluch. Ich hatte sie nach unserem Intermezzo auf der Feier heute noch nicht gesehen, weil sie sich einen Urlaubstag genommen hatte. Mir war nicht klar, ob und wie ich ihr von Rowes mieser Tour berichten sollte. Schließlich war nicht nur mein nackter Arsch auf dem verhängnisvollen Video zu sehen. Sie ahnte nichts davon, dass auch sie gefilmt worden war. Was für eine beschissene, verfahrene Situation. »Wie ich es auch drehe oder wende, Minoso, ich sitze in der Scheiße. Soll ich diesem Bastard wirklich meinen neuen Kunden überlassen? Diesen Wahnsinnsauftrag, mit dem ich bei Greenwalt zu punkten gedachte? Und wer garantiert mir, dass Rowe das Video am Ende auch tatsächlich löscht?« Am Rande meines Bewusstseins registrierte ich, dass meine Aussprache etwas unter der Anzahl meiner Drinks gelitten hatte.

Vielleicht sollte ich diesen Abend lieber für beendet erklären. Zumal sich für mein Dilemma keine Lösung in greifbarer Nähe zeigte. Egal, wie sehr ich darüber grübelte, egal, wie viele Whiskys ich in mich hineinschüttete, an der Situation würde sich nichts ändern. Nicht heute Abend. Ich ließ meinen Blick durch den Pub schweifen, um Brandi zu rufen, und entdeckte Reese, die gerade zur Tür hereinkam. »Da kommt sie übrigens.« Ich stieß Joe mit dem Ellenbogen an. »Reese.«

»Wow«, kommentierte er den Anblick der umwerfenden Blondine, die mir gestern Abend zum Verhängnis geworden war. Joe war seiner Livvy treu und ich hatte noch nie erlebt, dass sein Blick länger als nötig auf einer anderen verweilt hätte. Aber verflucht, jeder Mann mit einem halbwegs normalen Testosteronlevel in der Blutbahn hätte verstanden, warum ich mich von einer Frau wie Reese angezogen fühlte. Alles an ihr, ihre Kurven in dem weit ausgeschnittenen weißen Blusenshirt und dem schwingenden kurzen Rock sowie die blonden Haare, die ihr schmales, raffiniert geschminktes Gesicht vorteilhaft umspielten, drückte puren Sex aus. Reese Denton war das typische California-Girl und entsprach genau meinem Beuteschema. War es ein Wunder, dass ich für einen Moment schwach geworden war?

Unwillkürlich stieg Amelia Hearts Bild in mir auf und brannte sich in meine Netzhaut. Sweet Jesus! Die Kleine war das genaue Gegenteil von Reese. Allein ihre züchtig geschlossene, pastellfarbene Bluse, die sie heute getragen hatte, und der graue Bleistiftrock, der ihr fast bis zu den Knien gereicht hatte. Und auch die einfachen silbernen Pumps hatten ihren schlanken Beinen nicht gerade geschmeichelt. Schon öfters hatte ich darüber nachgedacht, ob dieses Mädchen im Schrank seiner Grandma gestöbert hatte oder ob man sich vielleicht in Boston wie eine Internatsschülerin aus konservativem Hause kleidete. Schade, dass sie ihr volles brünettes Haar jeden Tag in einen Pferdeschwanz zwängte. Möglicherweise, mit ein bisschen Make-up und anderer Kleidung, wäre sie vielleicht sogar ganz ansehnlich gewesen. Aber so, wie sie sich gab, schrie alles an ihr, jede einzelne Pore: Nicht anfassen!

Wegen mir musste sie gewiss nicht so laut schreien. Heilige Scheiße. Rowe hatte wirklich nicht mehr alle Sinne beisammen, wenn er dachte, ich würde diese Kleine flachlegen. Das würde ich weder ihr noch mir antun. Ebenso wenig, wie ich meinen Auftrag abgeben würde. Es musste einen anderen Weg geben, dieses verfluchte Video in die Hände zu bekommen und zu vernichten, bevor es mir zum Verhängnis werden würde. Irgendeinen, um mich aus dieser verteufelt misslichen Lage zu befreien. Nur welchen?

Joe hob sein Glas an die Lippen, bevor er sich wieder mir zuwandte. »Die Frau ist echt heiß, aber in deiner Haut möchte ich im Augenblick wirklich nicht stecken.«

»Wem sagst du das«, murmelte ich, eine Faust gegen meine Stirn pressend, weil dort ein fieses Stechen einsetzte. »Hör zu, ich begrüße Reese und mache mich dann auf den Weg. Ich brauche eine Mütze Schlaf, wenn ich morgen wieder halbwegs funktionieren möchte. Wir sehen uns wie üblich beim Lunch.«

Wir verabschiedeten uns und auf dem Weg zu Reese’ Tisch begegnete ich Brandi, die sich gerade mit einem vollen Tablett einen Weg durch die Gäste bahnte. »Nate, kann ich dir noch etwas bringen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Schreib die Drinks auf meine Rechnung, okay?« Mit einem Zwinkern steckte ich ihr eine Zehndollarnote zu, von der ich wusste, dass sie die nur allzu gern entgegennahm. »Danke, Süße.«

Sie neigte den Kopf, um mir anzudeuten, dass ich mich zu ihr herunterbeugen sollte, und ich tat ihr den Gefallen, damit sie mir ein Küsschen auf die Wange hauchen konnte. »Sei brav und tu nichts, was du hinterher bereuen könntest,« murmelte sie an meinem Ohr und lachte leise.

Dieser Rat kam einen Tick zu spät. »Pass auf dich auf, Brandi.«

»Hey, Nate!« Reese zeigte mir ihr schönstes Zahnpastalächeln, als ich bei ihr am Tisch ankam. »Warum setzt du dich nicht zu mir?« Einladend klopfte sie auf den freien Platz neben sich und bedachte mich mit einem bedeutsamen Blick unter langen getuschten Wimpern hervor.

Sofort stiegen Erinnerungsfetzen in mir auf. Bei Gott, der Sex mit ihr war wirklich nicht zu verachten gewesen. Auch wenn ich mich wegen meines nicht unbeträchtlichen Alkoholpegels gestern nicht an jedes Detail erinnern konnte. »Hey, Reese.« Mit einem der Erinnerung an meine unerfreuliche Lage geschuldeten, entsprechend gequälten Grinsen schob ich meinen Hintern neben sie auf die lederne Sitzbank, die sie soeben in Beschlag genommen hatte. »Wollte meiner Lieblingsempfangsdame kurz mal Hi sagen. Alles okay bei dir?«

Sie nickte. »Und bei dir?«

»Bin quasi schon mit einem Fuß aus der Bar.«

»Schade.« In einer verführerischen Geste streichelten ihre Finger mit den langen pinkfarbenen Nägeln über das freie Stückchen Haut, das mein hochgerollter Hemdsärmel freigab. »Ist mit dir wirklich alles okay? Du siehst etwas mitgenommen aus.«

Ich stöhnte innerlich auf. Mitgenommen? Das war gelinde ausgedrückt. Die Kopfschmerzen wurden sekündlich stärker und im Augenblick fühlte ich mich, als wäre ein Truck über mich hinweggerollt. Es war vielleicht nicht die beste Idee gewesen, so kurz nach einem Kater das nächste Gelage zu veranstalten. Vermutlich würde Reese sich ähnlich mies fühlen, wenn sie von Rowes Erpressung erfahren würde. Vorerst sah ich jedoch keinen Anlass, sie zu beunruhigen. Ich würde zusehen, dass ich die Angelegenheit allein geregelt bekam. Schließlich war das Ganze eine Fehde zwischen mir und ihm. »Alles im grünen Bereich.«

»Schön, zu hören. Gestern Abend ging es ja ganz schön hoch her.« Reese’ Lächeln wurde eine Spur breiter und das Funkeln in ihren Augen verriet mir, dass auch sie in diesem Moment an unsere Begegnung in der Putzkammer dachte.

Scheiße, nein. Vehement schob ich die Erinnerung beiseite. »Reese, hör zu.« Ich machte eine Pause und fuhr mir mit den Fingern durchs Haar. »Diese Sache zwischen dir und mir … Es war fantastisch.« Ich suchte ihren Blick und hielt ihn fest. »Aber ich würde es begrüßen, wenn das Ganze unter uns bliebe.«

Unter dem Tisch drückte sie meinen Oberschenkel. »Kein Thema. Meine Lippen sind versiegelt.«

Sie ahnte ja nichts davon, dass weitaus mehr Menschen über unser Stelldichein Bescheid wussten, als mir lieb war. »Du bist super, Reese«, sagte ich herzlich.

»Vielleicht könnten wir mal miteinander essen gehen?« Hoffnungsvoll zog sie ihre Brauen hoch.

»Reese«, ich verstummte und presste die Kieferknochen aufeinander, denn ich wollte diese bezaubernde Lady nicht verletzen. Leider hatte ich es versäumt, sie im Eifer des Gefechts und im Strudel der Leidenschaft mit meinen Prinzipien bekanntzumachen. Dass ich nämlich selten öfter als einmal mit ein und derselben Frau ins Bett ging. »Ich bin kein Mann für eine Beziehung«, fuhr ich sanft fort. »Ich hoffe, du verstehst, dass das mit uns aus einer Laune heraus geschah und … «

»Nate.« Erneut zeigte Reese mir ihre perfekten Zähne. »Entspann dich. Ich sprach von einem Essen. Nicht davon, dass ich mir einen festen Platz in deinem Terminkalender erhoffe.«

»Danke, Süße.« Ich erwiderte ihr Lächeln, verabschiedete mich und erhob mich leicht schwankend. Hoppla.

Als ich zum Ausgang strebte, suchte ich noch immer fieberhaft nach einem Ausweg aus meinem Dilemma. Vielleicht wäre ein kleiner Flirt mit Amelia Heart doch eine Option? Nur um zu sehen, wie sie reagiert, überlegte ich, als ich ein letztes Mal Joe im Vorbeigehen zuwinkte. Um herauszufinden, ob sie empfänglich für meinen Charme sein würde. Vergiss diese whiskygeschwängerte Idee, Nathan Westbrook. Es war wirklich höchste Zeit, die Segel zu streichen.

2. Kapitel

Amelia

Ich parkte meinen dunkelblauen, nicht mehr ganz makellosen Honda auf dem sandigen Parkplatz neben dem fünfstöckigen Bürokomplex, in dem sich mein Arbeitsplatz in der vierten Etage befand, und stieg aus. Meine Eltern hatten mir den Wagen zu meinem Universitätsabschluss in Harvard geschenkt und ich fuhr gern Auto, allerdings hatte sich rasch herausgestellt, dass Parkbuchten oder Begrenzungssteine nicht gerade zu meinen besten Freunden zählten.

Flink entledigte ich mich meiner bequemen Sneakers, um in meine High Heels zu schlüpfen, und platzierte die Schuhe anschließend auf der Rückbank, bevor ich die Tür verriegelte. Um mich vor dem strahlenden Sonnenlicht zu schützen, kniff ich die Augen zusammen. Meine alte Sonnenbrille war dem Umzug nach L.A. zum Opfer gefallen und ich hatte es bisher versäumt, mich nach einer neuen umzusehen. An das kalifornische Wetter musste ich mich anscheinend erst noch gewöhnen. In Boston war ich nie ohne Schirm aus dem Haus gegangen und zu meiner Schande musste ich gestehen, dass ich den Regen manchmal vermisste. Ich war kein typisches California-Girl. Keins dieser langbeinigen, wasserstoffblonden hübschen Wesen, die ihre Silikonbrüste und trainierten Hintern an den Stränden von Los Angeles präsentierten. Manchmal dachte ich, dass ich nicht hierher passte.

Trotzdem hatte ich keine Sekunde gezögert, das Angebot von Todd Millard anzunehmen, nach meinem Uniabschluss in L.A. als Assistentin der Webdesign-Abteilung anzufangen. Okay, Todd war ein alter Studienfreund meines Dads aus Berkeley und diese Verbindung mochte mir die Tür geöffnet haben. Greenwalt & Millard Solutions Inc. galt allerdings als eine der renommiertesten Marketingfirmen an der Westküste und es wäre unklug gewesen, dieses verlockende und vielversprechende Angebot von Todd auszuschlagen, der zudem der CEO der Firma war. Endlich würde ich aus Dads Schatten treten und mir einen Namen machen. Das war mein erklärtes Ziel, das ich mir gesteckt und stets vor Augen hatte. Alles andere war nebensächlich und unwichtig.

Ich verließ den Parkplatz und ging an der Sicherheitsschranke vorbei Richtung Straße. Nach wenigen Schritten hatte ich den Bürokomplex erreicht. Vor dem Eingang blieb ich kurz stehen und blickte ehrfurchtsvoll an der glänzenden Steinfassade mit den verspiegelten Fensterflächen empor. Das Turner-Building auf dem Wilshire Boulevard, das nach Evan Turner, dem Erbauer, der mit seiner Investmentfirma den obersten Stock des Gebäudes belegte, benannt war, stellte wahrhaftig ein imposantes Bauwerk dar. Möglicherweise das eindrucksvollste überhaupt in der Nachbarschaft, die sonst von eher flacheren Bauten dominiert wurde. Der Anblick des Bürokomplexes flößte mir auch nach der achten Arbeitswoche noch Respekt ein.

Zu meiner Schande musste ich gestehen, dass ich mich wie eine Außenseiterin, ein fremder Eindringling in einer mir unbekannten Welt fühlte. Außer Reese, unserer Empfangsdame, den Sekretärinnen Beth und Trisha sowie Miguel Garcia, der mich einarbeitete, hatte ich bisher mit keinem meiner Kollegen näher zu tun gehabt. Was auch an mir liegen mochte. Ehrlich gesagt, war ich nicht besonders scharf darauf, neue Leute kennenzulernen. Ich empfand es als anstrengend, Nähe zu anderen Menschen zuzulassen, und hatte schon immer ein gutes Buch oder einen gemütlichen Abend mit einem Glas Wein auf der Couch irgendeiner gesellschaftlichen Veranstaltung vorgezogen. Und daran hatte sich auch nach der feuchtfröhlichen Geburtstagsfeier nichts geändert. Weshalb ich dem Himmel für meinen Job vor dem Computer dankte. Der Kontakt zu Kunden fand meist per E-Mail oder Messaging statt, was geradezu perfekt für mich war.

Ich liebte mein zurückgezogenes Leben und hatte es bisher vermieden, auszugehen. Im Augenblick stand meine Karriere für mich an erster Stelle und etwaige Ablenkungen in Form von Dates oder gar Liebeskummer konnte ich wirklich nicht gebrauchen. Zumal ich mit dreiundzwanzig noch alle Zeit der Welt hatte, um Mr Right zu begegnen. Falls der Kerl da draußen überhaupt irgendwo existierte. Bisher hatte ich jedenfalls nur Frösche geküsst. Insofern konnte man behaupten, dass mein Bedarf an Männern – oder Fröschen – erst einmal gedeckt war.

Ich schob den Gedanken an die grünen Tierchen, die es versäumt hatten, sich in einen Prinzen zu verwandeln, beiseite. Entschlossen, das Beste aus diesem neuen Tag zu machen, klemmte ich mir meine lederne Clutch unter den Arm, strebte auf das Gebäude zu und betrat die Lobby, eine gelungene Kombination aus Glas, Chrom und Granit. Meine Pfennigabsätze klackerten auf dem anthrazitfarbenen Granitboden, in den winzige Glitzerpartikel eingearbeitet waren und der so geleckt wirkte wie Tante Helens polierter Küchentresen in ihrem Ferienhaus auf Martha’s Vineyard. Ganz so, als hätte man bedenkenlos davon essen können. Nicht, dass ich das je vorgehabt hätte.

Ich hielt dem Sicherheitsbeamten mit der gefurchten Stirn meine ID-Karte unter die Nase, passierte das metallene Drehkreuz und winkte Jam zu, der wie immer hinter dem bogenförmigen Empfangstresen saß und die Morgenzeitung studierte. Eine Vase mit weißen Calla-Lilien schmückte das eine Ende des Tresens, am anderen Ende standen ein Snack- und ein beeindruckender Kaffeeautomat aus Edelstahl. Ein mir inzwischen vertrauter und irgendwie tröstlicher Anblick.

»Hey, Lady, wie geht es Ihnen an diesem wunderbaren Morgen?« Jams strahlend weiße Zähne verliehen seinem schwarzen Gesicht einen Touch Dramatik. Noch nie hatte ich einen Tag erlebt, an dem Jam nicht gute Laune versprüht hatte. Er schaffte es jedes Mal, mich zum Lächeln zu bringen, egal, wie ich mich fühlte.

»Mir geht es gut, Jam, und Ihnen?«

Wir wünschten uns gegenseitig einen schönen Tag, bevor ich die Fahrstühle ansteuerte. Ich drückte die Ruftaste und atmete tief durch, während ich wartete, um diese dumme Nervosität abzuschütteln, die mich regelmäßig überfiel, wenn ich morgens das Gebäude betrat. Als müsste ich mich irgendeinem Test unterziehen, um jemandem etwas zu beweisen. Die Anspannung, die ich in meinen Nackenmuskeln spürte, würde sich erst legen, wenn ich an meinem Schreibtisch saß und mich in der Arbeit verlor.

Ein helles Pling machte mich darauf aufmerksam, dass der Lift angekommen war. Lautlos glitt die Tür auf und ich trat in die großzügige Kabine, die locker zehn Personen zu transportieren vermochte. Erfreut stellte ich fest, dass der Aufzug leer war. Es gab nichts Schrecklicheres, als früh morgens Small Talk halten zu müssen. Ich hasste Small Talk. Fast so sehr wie ich Kartoffelbrei hasste und das entsetzlich penetrante Parfüm meiner Dozentin im E-Commerce-Kurs an der Harvard Business School. Diese Zeit lag glücklicherweise hinter mir und das wirkliche Leben hatte begonnen, auch wenn ich mich zuweilen noch etwas schwertat, mich darin zurechtzufinden.

Ich seufzte leise, als ich mein Aussehen in den verspiegelten Wänden überprüfte und meinen schwarzen engen Rock glattstrich. Jetzt bekam ich die Chance, meinem Dad zu beweisen, dass ich etwas draufhatte. Vielleicht würde er mich dann endlich mit anderen Augen sehen – nicht als das hilflose, zarte Mädchen, dessen einzige Ambition seiner Meinung nach darin bestehen sollte, sich einen wohlhabenden Ehemann zu krallen.

Eigentlich konnte ich mich nicht beklagen. Ich hatte eine gute Kindheit gehabt. War behütet aufgewachsen und hatte die beste Ausbildung genossen. Sogar mein Studium hatten mir meine Eltern finanziert. Auch wenn sie es nie aussprachen, in unserer Familie redete man nicht über Gefühle, wusste ich, dass sie mich liebten. Auf ihre Art. Leider war ich in den Augen meines Dads nicht perfekt. Ich war kein Mann. Seit ich denken konnte, hatte er sich immer einen Jungen gewünscht. Einen Stammhalter, einen Nachfolger für Heart Public Relations, der Nummer eins in Boston für Werbejingles in Funk und Fernsehen. Für ihn zählten Leistung, Zielstrebigkeit und Erfolg. Dinge, die seiner Meinung nach mit dem Naturell weiblicher Wesen unvereinbar waren. Keine Ahnung, woher diese antiquierte Ansicht stammte. Womöglich war sie, genau wie das Unvermögen, offen über Gefühle zu sprechen, ein Relikt seines Elternhauses.

Marie und Jacob Heart waren strenggläubige Amish aus Indiana gewesen. Ein Wunder, dass sich Dad aus dieser ganz eigenen Welt herausgekämpft und es sogar nach Harvard geschafft hatte. Aber einige Dinge ließen sich vermutlich dennoch nicht so einfach abschütteln. Wer wusste das nicht besser als ich? Auch wenn ich es zu verdrängen versuchte, war mir klar, dass meine Schwierigkeiten, offen auf andere Menschen zuzugehen, meiner Erziehung geschuldet waren. Jedenfalls wollte ich Dad beweisen, dass ich dasselbe erreichen konnte, was er sich von diesem heiß ersehnten Sohn erhofft hätte, den er nie bekommen hatte. Deshalb hatte ich mir geschworen, mich nach dem Studium komplett auf meine Karriere zu konzentrieren.

Es gab nur eine einzige Priorität. Ein Ziel. Und zwar, den Respekt und die Achtung meines Dads zu gewinnen.

Ich verdrängte meine Überlegungen und checkte noch einmal mein Spiegelbild in der polierten Edelstahlfläche der Aufzugkabine. Da meine Bluse etwas zu weit offen stand, schloss ich sicherheitshalber den obersten Knopf. So wirkte ich professionell und effizient. Perfekt.

Unwillkürlich wanderten meine Gedanken zu meinem Arbeitskollegen Nathan Westbrook, der es auf der Feier ziemlich hatte krachen lassen, wie ich mitbekommen hatte. Eindeutig das Gegenteil von professionell! Wahrscheinlich hatte er angenommen, es würde niemand mitbekommen, dass er mit Reese, unserer Empfangsdame, für eine Weile in der Putzkammer abgetaucht war. Sein lässiges, schiefes Lächeln, das er mir im Vorbeigehen geschenkt hatte, hatte mich nicht täuschen können. Die beiden hatten die Kammer ganz gewiss nicht nach Staubtüchern durchsucht. Ich wusste es natürlich nicht mit Sicherheit, aber ich vermutete, dass sie dort eine heiße Nummer geschoben hatten.

Ich schürzte die Lippen, als ich so darüber nachdachte. Wie hatte sich Reese nur von diesem Womanizer abschleppen lassen können? Na gut, Nate wirkte ziemlich sexy mit dieser Haarlocke, die ihm wohl so manche Frau gern aus der Stirn gestrichen hätte, dem Dreitagebart, der seine kantigen Züge betonte, und der etwa zwei Zentimeter langen Narbe quer über seinem rechten Wangenknochen, die ihm einen Hauch von Verwegenheit verlieh. Sein Körper, den er vorzugsweise in diese dunklen, maßgeschneiderten Businessanzüge kleidete, war auch nicht zu verachten. Das perfekte V. Breite Schultern, schmale Hüften.

Okay, Nathan war heiß. Pure Erotik auf zwei Beinen. Ich würde mich jedoch nie auf ihn einlassen. Niemals! Denn so, wie ich ihn einschätzte, war er ein Womanizer, ein Player, der mit jedem weiblichen Wesen flirtete, das ein Röckchen trug. Wie gut, dass ich nicht an Sex interessiert war. Abgesehen davon, würde ich ohnehin niemals etwas mit einem Arbeitskollegen anfangen, weil es einfach in höchstem Maße unprofessionell wäre. Auch konnte ich auf die sich garantiert nachziehenden Verwicklungen gut und gerne verzichten. »Nathan Westbrook ist ein Arsch«, versicherte ich mir leise und nickte meinem Spiegelbild zu. »Sexy zwar, na ja«, ich seufzte ergeben, »höllisch sexy. Aber dennoch ein echter Arsch.« Nur damit ich nicht doch irgendwann auf dumme Gedanken kam.

»Möchten Sie aussteigen oder sich noch länger im Spiegel bewundern?«

Oh Gott. Erschrocken fuhr ich herum. Der Aufzug war längst stehen geblieben und ich hatte es nicht bemerkt. Die Türen hatten sich geöffnet und ich starrte direkt in Nathans schokoladenbraune Augen. Gegen den Türrahmen gelehnt und in der einen Hand einen Karton haltend, musterte er mich mit einem amüsierten Funkeln.

Automatisch griff ich nach meinem Pferdeschwanz und wickelte mir das Haar um den Zeigefinger, wie immer, wenn ich nervös war. »Wie viel … ich meine, seit wann stehen Sie da?« Meine gefasste Stimme strafte mein unregelmäßig gegen meine Rippen schlagendes Herz Lügen.

»Lang genug.« Ein träges Lächeln umspielte seine Lippen, während er mich ausgedehnt und länger als nötig musterte.

Hitze kroch über meine Wangen. Aber dann reckte ich mein Kinn. Nathan Westbrook hatte also soeben erfahren, was ich von ihm hielt. Es war mir egal. Der Mann interessierte mich nicht. Ich dachte nicht daran, unser Verhältnis, das genau genommen keins war, auf irgendeine Weise zu vertiefen.

Entschlossen machte ich einen Schritt vorwärts, um den Aufzug zu verlassen, und wünschte gleichzeitig, ich hätte höhere High Heels angezogen, damit ich noch etwas größer als meine eins fünfundsechzig wirkte. Leider blieb mein rechter Absatz in der Türspalte am Boden hängen und ich geriet ins Straucheln.

Nathan ließ seinen Karton los und streckte seine Arme aus, um mich vor dem Fallen zu bewahren. Seine Finger streiften meinen Oberkörper und augenblicklich richteten sich meine Nippel auf. Überrascht schnappte ich nach Luft, doch Nathan schien weder von der Berührung noch meiner peinlichen Reaktion darauf beeindruckt zu sein. Seine Hände umfingen meine Taille und hielten mich fest, während sich die Aufzugtür hinter uns lautlos schloss. Nun ja, zumindest konnte ich mir sicher sein, dass mein Körper noch funktionierte, auch wenn ich schon länger keinen Mann mehr in meinem Bett gehabt hatte. Irgendwie tröstlich.