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Angekommen im WUNDERRAUM

Unsere neuen Bücher ab August 2018

Mit Leseproben von

Wladimir Kaminer

Elizabeth Kostova

Angelika Waldis

Keith Stuart

Rhys Thomas

und

Kate Young

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Wunderraum-Bücher erscheinen im

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

einem Unternehmen der Random House GmbH

Copyright © 2018 by Wilhelm Goldmann Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: buxdesign | München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-23773-8
V002

Einzelnachweise zu den abgedruckten Textauszügen finden Sie am Ende des Buches.

www.wunderraum-verlag.de

Wladimir Kaminer: Die Kreuzfahrer

Elizabeth Kostova: Das dunkle Land

Angelika Waldis: Ich komme mit

Keith Stuart: Das ganze Leben auf einmal

Rhys Thomas: Wenn der Rest der Welt schläft

Kate Young: Little Library Cookbook

Liebe Leserin, lieber Leser,

sich in einen Roman zu versenken ist die schönste Belohnung nach einem stressigen Tag. Mit WUNDERRAUM-Büchern wollen wir daher auch im Herbst wieder dazu einladen, in fremde Leben und Geschichten abzutauchen und darüber die Zeit zu vergessen.

Gehen Sie mit Wladimir Kaminer an Bord eines Kreuzfahrtschiffs und machen Sie die verrücktesten Bekanntschaften. Oder reisen Sie durch die archaische Landschaft Bulgariens auf den Spuren eines Schicksals, in dem sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt. Freuen Sie sich auf den wundervoll weisen Roman der Schweizer Autorin Angelika Waldis. Ihr Buch über zwei Leben und den Tod hat uns bewegt, begeistert und zum Nachdenken gebracht. Schütteln Sie das Leben, bis alles herausfällt – wie die Heldin in Keith Stuarts Roman. Und folgen Sie einem jungen Mann, der nachts in einer englischen Kleinstadt als Superheld verkleidet Gutes tut.

Übrigens: Auch für die Australierin Kate Young gibt es nichts Schöneres als Stunden voller Leseglück. Und sie hat ein Rezept gefunden, um diesen Genuss zu teilen: Sie kocht und backt die Gerichte aus ihren Lieblingsromanen nach. Ihr »Little Library Cookbook« ist für Bücherfreunde und Sinnesmenschen einfach unwiderstehlich!

Willkommen im WUNDERRAUM, wo man sich in Büchern verliert, um im Leben anzukommen.

Andrea Best

Verlagsleiterin

Für alle, auf die sich auf humorvolle Lese-Kurztrips begeben wollen.

Über das Buch

Ein Kreuzfahrtschiff ist eine ganz eigene Welt. Der Reisende betritt eine schwimmende Oase des Glücks mit Bar, Tanzabenden und dem reibungslosen Übergang von einer Mahlzeit in die andere. Und natürlich mit jeder Menge neuer Bekanntschaften. Aber auch an Land gibt es viel zu entdecken: von Putin-Schokolade in St. Petersburg über falsche Götter auf der Akropolis bis zu verrückten karibischen Taxifahrern. Und wer könnte schöner davon erzählen als Wladimir Kaminer, Kreuzfahrer aus Leidenschaft?

Wladimir Kaminer

Die Kreuzfahrer

Punta Cana und das Party Animal

Der karibische Regen ist mit dem europäischen nicht zu vergleichen. Während der deutsche Regengott seine Wolken mit Rücksicht auf die unter ihm stehenden Bürgerinnen und Bürger nur zaghaft auswringt und in angemessenem Abstand am Himmel zum Trocknen aufhängt, haut sein karibischer Kollege mit voller Wucht auf die Wolken, er wringt sie mit einer Bewegung aus – schwupp und fertig. Unten, wo eben noch Menschen standen und Autos fuhren, entsteht eine große Pfütze.

Uns erwischte das Unwetter bereits auf dem Schiff während der obligatorischen Seenotrettungsübung, als alle zweitausend Passagiere draußen an Deck, in Schwimmwesten eingemottet, von Sicherheitsoffizieren in Reih und Glied aufgestellt wurden. Das Schiff ging nicht unter, doch die Passagiere wurden in Sekundenschnelle klitschnass, durften aber bis zur Beendigung der Übung noch nicht in die Kabinen zurück.

»Verdammter Klimawandel«, fluchten die Kreuzfahrer. »Daran ist nur Trump schuld. Nirgends ist im November mehr anständiges Wetter zu finden! Wie haben wir uns auf Sonne gefreut und jetzt das!«

»Ich gebe Ihnen einen Geheimtipp, junger Mann«, flüsterte mir der kleine Rentner im rosaroten Hemd zu: »Brasilien! In Brasilien ist die Welt noch in Ordnung!«

Seine Frau, ebenfalls in Rosa gekleidet, und er waren bereits eine Woche lang in der Dominikanischen Republik herumgereist. Sie hatten das ganze Land durchquert, und überall hatte es geregnet. Einmal waren sie samt Auto vom Wind beinahe von der Landstraße gefegt worden. »Aber trotzdem ist das hier besser als zu Hause in Cottbus. Da hatten wir nachts schon fünf Grad minus!«, beklagte sich der Rosarote.

Meiner Frau und mir ging die Seenotrettungsübung völlig gegen den Strich. Wir konnten es nicht abwarten, die verdammten Westen wieder abzulegen. Den ganzen Tag waren wir unterwegs gewesen: am frühen Morgen von Berlin nach Paris geflogen, von dort mit der Air France weitere zehn Stunden Flug bis Punta Cana. Dort verlangten Menschen in bunten Uniformen zwanzig Dollar von uns dafür, dass wir ihre Dominikanische Republik betreten durften.

Um 19.00 Uhr war es in Punta Cana so dunkel wie in einem Blindenrestaurant. Der karibische Gott hatte Waschtag. Aus der Dunkelheit schrien uns Taxifahrer an, sie wollten 120 Dollar für den Transport zum Hafen nach La Romana, wo unser Schiff lag. Wir verhandelten zäh und kamen auf 110. Ein festlich gekleideter Taxifahrer in weißem Hemd brachte uns zu seinem Minibus, nahm die Vorauszahlung und verschwand in der karibischen Nacht. Eine Weile später kam ein anderer Fahrer und wunderte sich, dass wir in seinem Auto saßen. All unsere Versuche mit Hilfe des Google-Übersetzers die Situation aufzuklären, scheiterten. Aus früheren Erfahrungen mit diesem Computerprogramm wusste ich, auf Google ist kein Verlass. Es kann bestimmte Sätze sehr gut übersetzen, zum Beispiel »Guten Abend, Amigo, wie geht’s?« Aber den etwas längeren Satz »Guten Abend, Amigo, wie geht’s? Ein anderer Amigo hat uns ohne deine Erlaubnis in dein Auto gesetzt und ist mit der Vorauszahlung in die dunkle Nacht verschwunden« – da fehlt es dem Programm noch ein wenig an menschlicher Kreativität.

Ich glaube, alle Taxifahrer in Punta Cana sind miteinander verwandt oder zumindest gut befreundet. Unser neuer Fahrer überlegte kurz und kam von allein darauf, was passiert war. Er fand problemlos in der Dunkelheit den alten Fahrer, der aber keine Lust mehr zum Fahren hatte. Zusammen machten sie einen dritten Fahrer ausfindig, der in La Romana wohnte und sowieso in die Richtung musste. Er nahm uns mit. Der neue Fahrer war bestens über alle Termine unseres Schiffes informiert und bot uns auf Englisch an, sein Taxi gleich für die Rückfahrt zu buchen. Wir sollten uns mit Namen und Telefonnummer in seine Liste eintragen. Das hätten schon einige von unserem Schiff getan, meinte der Fahrer. Auf dem Zettel stand »Siegfried«, gefolgt von einer deutschen Telefonnummer. In der dunklen karibischen Nacht, tausende Kilometer von zu Hause entfernt in einem kaputten Minibus einen Gruß aus der Heimat zu entdecken, von einem Witzbold, der sich Siegfried nannte – haha, wie lustig, dachten wir. Und doch wurde uns warm ums Herz. Ich nahm den Kugelschreiber und schrieb »Brünhild« daneben, mit meiner Telefonnummer.

Auf dem Schiff angekommen wollten wir sofort an die Bar, um ein Begrüßungsgetränk zu uns zu nehmen oder zwei, gerieten aber stattdessen als Erstes in die Seenotrettungsübung. Wir hatten noch keine Kabine bekommen, steckten in den nassen Winterklamotten, waren nach dem langen Flug zermürbt und hatten den ganzen Tag außer Weißwein noch nichts gegessen. Aber Widerstand war vergeblich. Diese Übung war so heilig wie Weihnachten, niemand durfte sich der Zeremonie entziehen. Sicherheitsoffiziere sind abergläubische Menschen. Sollte einmal ein Kreuzfahrer die Übung verpassen, werde das Schiff untergehen, glauben sie. Also zogen wir die Westen über die Winterklamotten an und warteten mürrisch, bis der Spuk vorbei wäre. Eine Ansage dröhnte übers Deck: Wir sollten uns vollkommen entspannen, als wäre nichts auf dieser Welt von Bedeutung, alles egal außer dem Generalalarm – sieben kurze und ein langer Ton. Dann müssten wir wahrscheinlich über Bord springen. Aber nach dem Signal war die Übung endlich zu Ende.

Das Empfangsgetränk wurde an Deck serviert, und die Entertainmentbrigade gab sich große Mühe, die auf mehrere Tische verteilten 2500 Gläser mit Sekt zu füllen – rot, weiß und rosé. Die Kreuzfahrer nahmen schon einmal Anlauf zu einem kurzen Sprint an die Tische, während der erste Unterhaltungsoffizier eine kurze Rede hielt: »Urlaub ist die schönste Zeit des Jahres!«, rief er ins Mikrofon. »Wir haben alle lange davon geträumt! Jetzt ist es amtlich: Ab 21 Uhr 58 ist Urlaaaub!«

»Er sollte vielleicht nicht so laut schreien«, meinte meine Frau. Und tatsächlich, der Mensch denkt und Gott lenkt. Um 21 Uhr 59 spülte die himmlische Wäscherei eine extra Portion Regenwasser herunter, wischte den ganzen Sekt aus den Gläsern und die Passagiere vom Pooldeck. Der Platz vor der Bühne leerte sich, es gab ja nur Regenwasser zu trinken. Aus den Lautsprechern tönten die Schlagerhits der Saison, optimistische Lieder mit Reisethematik: »Heute fährt die 18 bis nach Istanbul« und »Highway to Hell«.

»Wir verschieben unsere Begrüßung auf morgen und lassen uns vom Wetter nicht die gute Laune verderben!«

»Da hab’n wir wieder mal Glück gehabt«, sangen Die Schwarzwälder Kirschtorten. Niemand tanzte im Regen, nur eine Tante mit langen roten Haaren blieb unter dem himmlischen Wasserstrahl. Auf ihrem T-Shirt stand in großen Lettern »Party Animal«.

»Beate, komm, wir sind beim Fahrstuhl, lass uns essen gehen«, rief ihr jemand von der Türe aus zu. Doch Beate bewegte sich nicht von der Stelle. Sie starrte wie gebannt in den schwarzen weinenden Himmel.

»Das sollen Ausläufer des Hurrikans Katrina gewesen sein«, klärte mich der rosarote Rentner Horst aus Cottbus auf. Seine Frau Elke und ihn hatten wir bei der Seenotrettungsübung kennengelernt und beschlossen, gleich beim Abendessen einen runden Tisch zu gründen mit dem Schwerpunkt Berlin-Brandenburg. »Die Wetterprognosen sind unsicher geworden«, fuhr Horst fort. »Früher konnte man anhand weniger Zahlen das Wetter für die nächsten Tage vorhersagen, heute mischen sich immer neue Faktoren in die Voraussage ein. Die Arbeitsintensität der Raffinerien und Ölbohrungen wirkt sich auf das Wetter aus, die wiederum vom Ölpreis abhängt, der zu einem Politikum geworden ist. Also bestimmt im Großen und Ganzen die Weltpolitik das Wetter. Und weil die Politik mit den Problemen der Menschen überfordert ist, fliegen ständig die Cocktails über Bord«, meinte Horst.

Kurz vor Aruba nahm der Wind noch zu. Er riss den Rauchern ihre Zigarillos aus dem Mund, volle Plastikgläser verwandelten sich in Flugobjekte, starteten wie Raketen von den Tischen, drehten sich in der Luft und bescherten uns einen süßen Cuba-Libre-Regen.

Die Brandenburger Runde wuchs wie von allein. Wir lernten Beate und ihren Mann Siegfried aus Oranienburg kennen, mit denen wir uns im Bus knapp verpasst hatten, dazu Hubert und Birgit aus Panketal sowie Holger und Carola aus Heidelberg, die früher ebenfalls in Brandenburg gelebt hatten, bevor sie aus wirtschaftlichen Gründen in den Westen fliehen mussten.

Im Reisekatalog der Schiffsgesellschaft standen unter der Rubrik »Unvergessliche Reise in die Karibik« zehn Inseln auf dem Programm, in Wahrheit blieben aber nur acht davon übrig. Durch die Hurrikans waren wohl zwei Inseln untergegangen oder mit großen Schiffen nicht mehr zu erreichen. Das hat uns wenig Sorgen bereitet, es war doch egal, wo man am Strand lag. Nur Siegfried regte sich auf: »Mir wurde mein einziger Ausflug geklaut«, behauptete er. Von zu Hause aus hatte er für € 79.90 den Ausflug »Die Sehenswürdigkeiten von Dominica, dem karibischen Paradies« gebucht. Nun, wo es Dominica angeblich nicht mehr gab und wir stattdessen zwei Tage auf Barbados verbringen sollten, hatte er vom Reisecounter Ersatz angeboten bekommen: »Die Sehenswürdigkeiten von Barbados, dem karibischen Paradies«.

»Reg dich nicht auf«, meinten die anderen Brandenburger. »Man darf keine zu großen Erwartungen an die Welt haben, dann wird man auch nicht enttäuscht«, meinte Horst philosophisch. Und, Hand aufs Herz, so stark unterschieden sich die Inseln hier nicht voneinander. Überall Palmen und Strand. Alle Paradiese dieser Erde glichen einander, nur die Höllen waren verschieden.

Leguane auf Aruba

Die Insel Aruba konnte nicht mit Sehenswürdigkeiten punkten, auch große historische Ereignisse oder tolle Museen hatte die Insel nicht zu bieten. Dafür sei sie »wunderbar zum Essen, Baden und Einkaufen geeignet« stand im Reiseprospekt. Die Insel war schon immer ein Magnet für amerikanische Touristen gewesen, die zum Baden, Essen und Einkaufen hierherkamen. In ihrer Freizeit suchten sie dann nach Öl und anderen Bodenschätzen. Wegen der nahe gelegenen Ölfelder von Venezuela hofften sie, auch auf Aruba Öl zu finden, und hatten schon einmal eine Raffinerie gebaut. Das Öl war auch da, aber es zu fördern war nicht billig. Immer wieder, wenn die Ölpreise fielen, stellte die Insel die Ölförderung ein und konzentrierte sich auf die Touristen. Stieg der Ölpreis, wurde weitergepumpt.

Meine Frau las im Prospekt, Aruba sei noch immer Teil des holländischen Königreiches. Und Holland war doch in der EU, oder? Also musste auch Aruba in der EU sein und ihre Bewohner »karibische Niederländer« heißen. Wir waren schon hundert Mal in Holland gewesen und hatten die Niederländer als ruhige, selbstsichere Menschen in Erinnerung. Die karibischen Niederländer machten jedoch keinen entspannten Eindruck. Sie waren voll im Verkaufsrausch: Taxifahrten, Kakteen, Kokosnüsse, Aloe-vera-Extrakte, und auch das Wunder der nationalen arubischen Küche, »Schweinshaxe in Kokosmilch geschmort«, wollten sie uns andrehen, am besten alles zusammen im Paket und zum Sonderpreis.

In seinem Inneren erinnerte uns Aruba an ein in die Jahre gekommenes Disneyland, dessen einstige Besucher erwachsen geworden und weggefahren waren. Der Chef meldete Insolvenz an, das Personal war zum großen Teil auch schon abgehauen, und die wenigen, die geblieben waren, saßen neben verrosteten Schaukeln und geschlossenen Hotelanlagen, qualmten dicke Zigarren und schauten verträumt zum Horizont, als würden sie auf ein Schiff warten, das sie aus ihrem Disneyland wegbrachte.

Die Einzigen, die sich hier heimisch und wohl fühlten, waren die Leguane. Dutzende von ihnen liefen uns ohne Scheu über den Weg. Meine Frau Olga, die Katzen und Eidechsen über alle anderen Tiere schätzt, lief ihnen mit dem Fotoapparat hinterher.

»Seid ihr Niederländer?«, fragte sie die Leguane, die energisch mit ihren Bärtchen nickten. »Fühlt ihr euch hier vom Kapitalismus bedrängt?« Wieder nickten die Leguane. »Wollt ihr die Insel für euch allein haben?« Die Niederländer nickten noch enthusiastischer. »Sollen wir zusammen eine Revolte anzetteln und all diese verrosteten Autos und Ölbohrer verjagen?«, fragte meine Frau weiter.

Inzwischen hatten sich etliche Vierbeiner, Fische und Vögel um Olga versammelt: Pelikane und Möwen, Leguane in allen Farben und Größen, kleine schwarze mit langen Beinen, graue und grüne, sie alle hörten aufmerksam zu und zeigten sich bereit, die Insel sofort in Eigenregie zu übernehmen. Meine Frau fühlte, dass sie den Tieren möglicherweise zu viel versprochen hatte. »Na ja«, fasste Olga diplomatisch zusammen, »mal sehen, was sich da machen lässt.«

Wir kauften ein paar Kekse für die Vögel und gingen zurück zum Schiff. Die Sonne ging hier schon um halb sechs unter. Die Niederländer schauten uns vorwurfsvoll hinterher.

»Die ausgelassene Partylaune war sensationell!«

Wladimir Kaminer über »Die Kreuzfahrer«

Für sein 25. Buch hat sich Bestsellerautor Wladimir Kaminer weit hinaus aufs Meer gewagt. In »Die Kreuzfahrer« erzählt der 51-Jährige von seinen Erlebnissen und Begegnungen auf vier Reisen mit riesigen Schiffen. Kaminer, dessen Bücher und Hörbücher eine Gesamtauflage von 3,7 Millionen erreicht haben, freute sich nach jeder Kreuzfahrt, zurück in seine Heimatstadt Berlin zu kommen.

Wie viele Kreuzfahrten haben Sie schon gemacht?

Fünf. Und das ist gar nichts. Ich habe auf den Schiffen Menschen getroffen, die schon fünfzig oder siebzig Kreuzfahrten hinter sich hatten. Manche sind fast pausenlos als Kreuzfahrer unterwegs, monatelang, und sie lieben das.

Teilen Sie diese Begeisterung?

Absolut. Es ist ja in gewisser Weise logisch, dass die Menschen gar nicht mehr von Bord wollen. Auf dem Schiff gibt es alles, was sie brauchen, und die Stimmung ist toll. An Land dagegen sieht es doch überall gleich aus, sogar die Paradiese, die Strände, die Palmen, die Souvenirläden, das alles haben wir schon so oft gesehen. Und ganz grundsätzlich gilt: Je kaputter das Festland, desto attraktiver ist das Leben auf dem Ozean.

Geht es bei einer Kreuzfahrt also auch darum, vor der Realität zu flüchten?

Ein bisschen schon. Das habe ich gleich auf meiner ersten Kreuzfahrt gespürt. Damals war gerade Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden, das Wetter war schlecht, und alle Passagiere meckerten. Tagsüber herrschte Weltuntergangsstimmung, aber ab dem Abend haben alle atemlos durch die Nacht gefeiert. Die ausgelassene Partylaune war sensationell! Unser Schiff kam mir vor wie eine Arche Noah, die gar keine Lust mehr hatte, irgendwo ein anständiges Land zu finden, sondern einfach immer weiterfuhr und weiterfeierte.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass vor allem das Schlagerprogramm an Bord gut ankam.

Und wie! Ich habe viele neue Lieder kennengelernt. Man hatte eine Almhütte aufgebaut, in der ständig Schlager gespielt wurden, meist bayerische Folklore. Die Leute kannten alle Texte auswendig, grölten mit, standen auf den Tischen, schunkelten, tranken und lachten. Meine Frau konnte es nicht fassen. Sie dachte immer, dass bei diesen Schlagersendungen im Fernsehen alles gespielt ist – wie in einem Theaterstück. Nun sah sie, dass sich die Menschen freiwillig so verhielten. Inzwischen kann meine Frau auch bei den Liedern mitsingen.

Welche Kreuzfahrtpassagiere feiern am längsten?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Deutschen sehr trinkfest sind. Vor allem Schwaben und Sachsen sind beim Feiern absolute Vorreiter. Das sind sehr empathische Menschen, die die Puppen tanzen lassen können und später ins Bett gehen als alle anderen.

Was fiel Ihnen sonst noch am Verhalten der deutschen Kreuzfahrer auf?

Sie suchen immer den besten Platz an der Sonne, und dafür sind sie sich nicht zu schade, schon um 6.00 Uhr aufzustehen. Dann besetzen sie ihre Sonnenliege mit einem Tuch. Später liegen sie dort und sonnen sich, bis sie fast brennen. Dabei tragen sie immer wieder neue Sonnencreme auf, die aussieht wie schmelzende Eiscremestückchen. Was ich sehr schön finde: Beim Liegen und Sonnen lesen die Deutschen sehr viel. Während die Russen dauernd Tischtennis spielen, die Amerikaner laut sind und die Araber im Whirlpool abhängen, lesen die Deutschen. Vor allem meine Bücher, die sie nach den Auftritten gekauft hatten. Diese Beobachtung hat mich natürlich besonders gefreut.

Woran denken Sie, wenn Sie an Deck stehen und aufs Meer blicken?

Ich habe komischerweise immer das Gefühl, dass der Ozean ein bisschen wie Russland aussieht.

Warum das?

Die Landschaft verändert sich nicht. Alles sieht gleich aus. Man kann sechs Stunden die Augen schließen, und wenn man sie wieder öffnet, ist immer noch nichts anders. Es sieht so aus, als würde die Landschaft mit dem Schiff mitfahren. Das hat mich schon ein bisschen nostalgisch gestimmt.

Haben Sie sich auf Ihren Kreuzfahrten mehr als typischer Russe oder als typischer Deutscher gefühlt?

Keines von beidem. Ich fühlte mich als Weltbürger, also als jemand, der ich schon immer sein wollte. Tatsächlich hatte ich auf dem Meer das Gefühl, ganz heimisch zu sein mit der Erde und den Menschen. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Aber mitten im Massentourismus, auf diesen riesigen Schiffen mit 3 000 – 5 000 Passagieren, bin ich dem Weltgeist begegnet.

Wie meinen Sie das?

Auf Kreuzfahrtschiffen treffen Menschen aus der ganzen Welt aufeinander, Touristen und Mitarbeiter, Arme und Reiche, Normale und Verrückte. An Bord gibt es Luxus und Ausbeutung, Egoismus und Mitgefühl, Leichtsinn und Wahnsinn. Das ist eine unübertreffliche Mischung, die mir das Schreiben leicht gemacht hat. Herausgekommen ist das beste Buch meines Lebens. Ja, ich glaube, es ist nicht zu übertrumpfen.

Sie erzählen darin von vier Reisen nach Osteuropa, in die Karibik, nach Miami und Griechenland. Welche hat Ihnen am besten gefallen?

Eigentlich waren alle toll, trotz gewisser Beeinträchtigungen wie Dauerregen, Baustellen oder Inselsperrungen. Es ist ja sowieso egal, wohin man fährt. Eine Kreuzfahrt macht man nicht, um von A nach B zu kommen. Dazu fällt mir eine Anekdote ein: Ein alter russischer Jude wanderte nach Israel aus, kehrte aber bald wieder in die Sowjetunion zurück. Das wiederholte sich noch mehrere Male, sodass der Grenzpolizist meinte: Sie müssen sich mal entscheiden, wo es Ihnen am besten gefällt! Woraufhin der Alte meinte: Das weiß ich doch: unterwegs!

»Die Kreuzfahrer« ist Ihr 25. Buch. Wie fühlt es sich an, auf so viele Erfolge und Geschichten zurückzublicken?

Meine Bücher sind wie die Geschichte meines Lebens, die immer weitergeschrieben wird. Das ist wie ein fließender Übergang, denn alle Bücher gehen ineinander über. Aufmerksame Leser werden die Verbindungen erkennen. Da ich auch viel über meine Kinder geschrieben habe, etwa über ihr Erwachsenwerden, fallen mir die Veränderungen nun besonders auf. Es ist wunderbar, auf all das zurückzublicken.

© Wunderraum Verlag

Interview: Günter Keil

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und inzwischen erwachsenen Kindern in Berlin. Er veröffentlicht regelmäßig Texte in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften und organisiert Veranstaltungen wie seine mittlerweile international berühmte »Russendisko«. Mit der gleichnamigen Erzählsammlung sowie zahlreichen weiteren Büchern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands. Alle seine Bücher gibt es als Hörbuch, von ihm selbst gelesen.

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WLADIMIR KAMINER

Die Kreuzfahrer

ISBN 978-3-641-22340-3 (E-Book)

ISBN 978-3-336-54798-2 (Gebundenes Buch)

Erscheinungstermin aller Ausgaben: 27.08.2018

Für weitere Informationen zum Buch »Die Kreuzfahrer« von Wladimir Kaminer besuchen Sie uns auf Wunderraum https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Kreuzfahrer/Wladimir-Kaminer/Wunderraum/e534363.rhd

Für alle, die tief in fremde Länder und Geschichten eintauchen wollen.

Über das Buch