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Renn, Senna, renn

Alison McGhee, 1960 in New York geboren, hat zahlreiche ausgezeichnete Romane für Erwachsene, Kinder und Jugendliche veröffentlicht, die regelmäßig auf der New York Times-Bestsellerliste stehen. Die Autorin lebt in Minneapolis, Minnesota und Laguna Beach, Kalifornien. Mehr Infos gibt es auf ihrer Homepage AlisonMcGhee.com.

Kathi Appelt ist 1954 in Fayetteville, North Carolina geboren. Sie ist Mitglied der Fakultät für Schöne Künste des Vermont Colleges und unterrichtet Kreatives Schreiben an der Texas A & M University. Kathi hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit ihrem Mann und fünf Katzen in College Station, Texas. Ihr erster Roman »Am dunklen Fluss« wurde unter anderem mit der bedeutenden Newbery Medal of Honor ausgezeichnet. Mehr Infos gibt es auf ihrer Homepage KathiAppelt.com.

Für M. T. Anderson, Nicole Griffin
und Marion Dane Bauer
von Herzen

SOLLTE DER FUCHS NOCH EINMAL
IN MEINE HÜTTE KOMMEN
Gedicht

Patricia Fargnoli

Dann wird der Winter ganz in Weiß heruntergekommen sein

und der Berg im Norden emporsteigen,

auch die Nacht wird emporsteigen und fortziehn,

nur Dämmerlicht scheint herein, das Feuer ist aus.

Den Berg hinab wird diese lodernde Flamme jagen

zwischen den tanzenden Skeletten

verkohlter Bäume hindurch.

Ich werde die Tür offen halten für ihn.

ERSTER TEIL

1

Unter der Bettdecke horchte Jules Sherman darauf, wie ihre Schwester Sylvie das Zimmer verließ. Sobald sie hinaus war, schlüpfte Jules aus dem Bett und schlug die Zimmertür zu. Sie war immer noch wütend. Was bildete sich Sylvie eigentlich ein? Am Tag zuvor hatte sie Jules wieder unten am Fuß der Veranda stehen gelassen und war in den Wald gerannt – auf und davon, mit ihren gewellten rotbraunen Haaren, die leuchtend auf dem Rücken hin und her schwangen. Jules’ Bitte zu warten hatte sie schnöde ignoriert.

Sylvie machte das immer. Abhauen. Blitzschnell. Und jedes Mal ließ sie Jules einfach stehen. Allein.

Jules’ Wangen liefen rot an vor Wut. Da stand sie mal wieder, allein, diesmal mit dem Widerhall der zugeschlagenen Zimmertür in den Ohren. Es war noch früh. Ein trübes Morgengrau drang durch das Fenster, bloß ein wenig unterstützt von dem Lichtschein aus dem Flur, der unter der Tür hereindrang.

Selbst in dem schwachen Licht konnte Jules das Lieblings-T-Shirt erkennen, das Sylvie an diesem Tag anziehen wollte und das sie bereits, mit dem Pullover und der Jeans zusammen, auf ihrem Bett zurechtgelegt hatte. Jules zögerte einen Augenblick, dann schnappte sie sich das Shirt, lief damit zum Fensterbrett und schleuderte mit einer schnellen Bewegung all ihre Steine hinein, als wenn es so eine Art Netz wäre. Sylvies ach so kostbares T-Shirt.

Das Shirt war aus einem dünnen, weichen Stoff und roch nach Baumwolle, Kokos-Shampoo und Sylvie. Jules holte tief Luft. Sylvie liebte Kokos-Shampoo. Genau genommen liebte sie alles, was nach Kokos roch – Kokos-Eis, Kokos-Bonbons, Kokos-Kerzen, einschließlich der, die Sam ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Sylvie behauptete, Kokos sei ihr persönliches Erkennungsmerkmal.

Jules überlegte, was ihr persönliches Erkennungsmerkmal war. Eines wusste sie genau: ganz sicher nicht Kokos.

Sie warf die Steine aufs Bett, dann machte sie das Gleiche mit den Steinen vom Bücherregal, mit denen von der Kommode und denen aus der Holzkiste, die Dad ihr zu Weihnachten gebastelt hatte. Die Steine ergossen sich über die Berg-und-Tal-Landschaft aus Laken und Decke. Jules stieß das Kissen zur Seite und schaufelte die Steine auf die freie Fläche, wo vorher ihr Kissen gelegen hatte.

Sie zog die kleine Handlupe, die sie ständig an einem Band um den Hals trug, unter dem Schlafanzug vor. Die Lupe hatte sie erst vor Kurzem von ihrem Dad bekommen. Das Teil hatte etwa den Durchmesser eines größeren Geldstücks und war mit einem LED-Licht versehen.

»Jeder echte Steinesucher sollte so eine Lupe haben«, hatte Dad ihr erklärt.

Die Lupe vergrößerte alles zehnfach. Wenn Jules sie über die Steinflächen hielt, konnte sie die Riefen erkennen, wo sich die verschiedenen Elemente ineinandergeschoben hatten, oder die glatten, glänzenden Kanten, wo der Stein entweder von einem Pickel gespalten oder von irgendeiner größeren Kraft, vielleicht einem Gletscher, aufgesprengt worden war, als wenn er von Tausenden Tonnen rutschendem Eis glatt geschliffen worden wäre.

Nicht zum ersten Mal kam Jules die kleine LED-Lampe wie eine Miniatursonne vor, die auf ihre persönliche Konstellation von Steinplaneten niederschien. Ihr Bett war die Galaxie, die Sherman-Galaxie, die nur von den Laken und der warmen Fleecedecke begrenzt wurde.

Jetzt konnte sie anfangen, die Steine zu sortieren. Zunächst in drei Kategorien: vulkanisch, sedimentär und metamorph. Dann in jeder Kategorie nach der Größe der Steine. Und schließlich in senkrechte Reihen, waagrechte Reihen und Kreise. Während sie sortierte und die Steine ausrichtete, spürte sie, dass sie ruhiger wurde. Beim Zuordnen flüsterte sie jeweils den Namen des Steins. Marmor. Schiefer. Quarzit. Sandstein. Kiesel. Dolomit.

Es gab auch noch eine vierte Kategorie, eine, die keinen spezifischen Namen hatte. Wunschsteine. Steine für den Fluss. Diese Steine legte sie aber nicht im Zimmer aus. Vielmehr sammelte sie sie in einem alten gestreiften Strumpf, der mal ihrem Dad gehört hatte. Sie hatte den Strumpf im Wandschrank verstaut, den sich Sylvie und Jules teilten – gleich neben den Schuhen und Stiefeln.

Die meisten Wunschsteine waren ihr entweder unterwegs auf dem Waldpfad ins Auge gesprungen, oder sie hatte sie neuerdings mithilfe ihres speziellen Pickhammers entdeckt, einem Estwing E13P. Jules hatte eine Ewigkeit gebraucht, genügend Geld zusammenzusparen, um sich den Hammer leisten zu können, und selbst dann hatte ihn Mrs Bowen aus der Hobston-Eisenwarenhandlung in der Stadt erst bestellen müssen. Und nicht nur das. Dad wollte auf keinen Fall zulassen, dass sie den Hammer kaufte, ohne eine Schutzbrille dazu zu nehmen.

»Du willst doch in Sicherheit arbeiten, oder?«, hatte Sylvie sie gefragt. Natürlich wollte sie das und abgesehen davon würde kein echter Steinesucher je ohne Schutzbrille loshämmern. Jules wusste das ganz genau. Doch es war hart, zu warten, bis sie genug Geld für beides zusammenhatte – Hammer und Brille. Aber dann tat Sylvie etwas, dass Jules vollkommen überraschte: Sie lieh ihr die fehlenden zehn Dollar, damit sie nicht länger warten musste, um den Hammer zu bestellen. Sylvie machte immer solche Sachen.

Der Gedanke an die Schutzbrille schaffte es, dass Jules nicht mehr ganz so sauer auf ihre Schwester war. Auch wenn er die Wut nicht vollkommen auflöste. Sie war es immer noch leid, jedes Mal zurückgelassen zu werden. Jules knipste das LED-Licht wieder aus und schob die Lupe zurück unter das Schlafanzugoberteil.

Jetzt konzentrierte sie sich auf die Steine, die, die in sauberen Reihen auf ihrem Bett lagen, und griff nach einem ihrer Lieblingsstücke der ganzen Sammlung. Zuerst zögerten ihre Finger über dem kleinen Brocken aus dunkelgrünem Marmor. Dann erinnerte sie sich, dass Sylvie den Stein für sie von einem Schulausflug zu den Marmorbrüchen in Danby mitgebracht hatte. Marmor, Schiefer und Granit waren die offiziellen Staatssteine von Vermont, wo sie wohnt. Jules liebte dieses Stück Marmor, seine kühle Glattheit. Sie drückte ihn gern an ihre Wange.

Doch nicht an diesem Morgen. Heute würde sie den Marmor ganz sicher nicht wählen. Nicht, wenn sie wütend auf Sylvie war. Stattdessen entschied sie sich für den blaugrünen Schiefer, den sie selber am Ufer des Whippoorwill River gefunden hatte, dem Fluss, der am Ende ihres Grundstücks vorbeifloss. Sie drückte ihre Fingerspitzen gegen die scharfe Schieferkante. Der Stein würde sich gut dazu eignen, ihn übers Wasser springen zu lassen. Auch wenn sie nicht im Traum daran dachte, ihn je zu werfen und dann nie mehr wiederzusehen. Es gab Steine für den Fluss und es gab Steine für die Sherman-Galaxie. Dieser hier war ein Hütestein, ein blaugrauer Schiefer-Planet.

»Klopf-klopf!«

Sylvie, draußen vor der Tür. Sie klopfte nie mit der Hand, immer nur mit der Stimme. Wer machte denn so was? Im Moment nervte Jules das Klopf-klopf mit der Stimme genauso, wie einfach stehen gelassen zu werden.

»Hau ab.«

»Geht nicht. Das ist auch mein Zimmer, wenn du dich erinnerst. Und ich muss mich anziehen.«

Ups. Das T-Shirt! Sylvies kostbares Flo-Jo-T-Shirt. Flo-Jo war Sylvies Heldin, Florence Griffith-Joyner. Sie hielt den Rekord als schnellste Hundertmetersprinterin aller Zeiten. Und Jules wusste, dass Sylvie davon träumte, diesen Rekord zu brechen. Jules wusste auch, dass das einer der Gründe für Sylvies ständiges Laufen war. Doch auch wenn sie das wusste, es machte die Sache nicht leichter. Manchmal hatte sie das Gefühl, das Einzige, was sie von Sylvie zu sehen bekam, war ihr Rücken, wie er kleiner und immer kleiner wurde, wenn sie auf der Laufbahn, auf dem Pfad in den Wald oder sonst wo davonschoss. Jules strich das Shirt, so gut es ging, wieder glatt und legte es zurück an die Stelle auf Sylvies Bett. Sylvie machte ihr Bett immer sofort, wenn sie aufstand, und legte die Anziehsachen heraus. Ganz anders als Jules, deren Bett jedes Mal das totale Chaos war. Besonders, wenn sie mal wieder eine größere Sortieraktion für ihre Steine durchführte. So wie jetzt.

»Klopf-klopf«, kam wieder Sylvies Stimme von draußen. »Jetzt mach schon, Jules, lass mich rein.«

»Gibt doch kein Schloss, du Schwachkopf!«, rief Jules zurück.

Die Tür hatte noch nie ein Schloss gehabt. Auch wenn Jules sauer war, musste sie anerkennen, dass Sylvie niemals einfach ins Zimmer marschiert kam, so wie Jules es wahrscheinlich getan hätte. Der Türknauf drehte sich, und da stand Sylvie, groß und dürr in ihrem Schlafanzug. Sie kam sofort auf den Punkt.

»Wieso bist du sauer?«

»Bin ich ja gar nicht«, log Jules.

Sylvie zeigte nur auf die Steine, die in Jules’ Bett verteilt lagen – ein klares Zeichen, dass Jules versuchte, sich zu beruhigen.

»Na los. Sag’s schon. Ich bin doch deine Schwester, deine alleinige einzige Schwester.«

»Hör auf.«

»Wieso? Stimmt doch. Es sei denn, du hast heimlich noch irgendwo eine andere.«

Sylvie setzte sich vorsichtig auf Jules’ Bett, um nicht die Steine durcheinanderzubringen. Dann schob sie ihren Zeigefinger wie eine Schlange durch die zerwühlten Laken auf Jules zu. Das machte sie schon, seit sie ganz klein waren, und es hatte Jules immer zum Lachen gebracht. Jules schaute weg, um nicht weich zu werden.

Sylvie gab das Fingerschlängeln auf und nahm stattdessen einen Obsidian aus Jules’ Sammlung hoch. Sie wog das kleine polierte Oval in der Hand.

»Ich erinnere mich noch, wie dir Mom den hier geschenkt hat«, sagte sie. »Das war zu deinem vierten Geburtstag. Du warst schon damals verrückt nach Steinen.« Sie verdrehte die Augen, als wollte sie so etwas sagen wie: Was warst du doch für ein komisches kleines Kind damals. »Mal ehrlich, welches vierjährige Mädchen ist denn verrückt nach Steinen?«

Das reichte. Jules schnappte sich den Obsidian von Sylvies Hand. Wieder mal hatte Sylvie Mom heraufbeschworen.

Obsidiane entstanden aus Vulkanen, durch die Eruption von Dampf und Gas, die mit solcher Wut hervorbrachen, dass die Erde zu so einem harten, funkelnden Gegenstand verschmolz. In diesem Moment fühlte sich auch Jules hart und funkelnd.

»Du und Dad«, sagte sie. »Ihr seid wie so ein Geheimbund.«

»Wovon redest du?«

»Wenn ihr wieder und wieder von Mom anfangt, was glaubst du wohl, wie ich mich dann fühle?«

Sylvie schaute verwirrt. Jules redete weiter. »Es ist, als ob ihr euch an alles über Mom erinnert!« Jules rieb mit ihrem Daumen über die glatte Oberfläche des Obsidians. »Aber ich? Ich erinnere mich an so gut wie gar nichts. Das Einzige, was ich sehe, wenn ich sie mir vorzustellen versuche, sind ihre Haare, die genauso sind wie … wie …«

Sie brach ab und legte den Obsidian vorsichtig wieder zurück aufs Bett, zurück in die senkrechte Reihe der Kategorie vulkanische Steine.

»Meine«, führte Sylvie den Satz zu Ende. »Die genauso rotbraun sind wie meine. Wolltest du das sagen?«

Jules nickte. Ja. Das war es, was sie hatte sagen wollen.

Was sie jedoch nicht sagen würde: Egal, wie sehr sie sich auch dagegen wehrte, die Erinnerungen an ihre Mom wurden immer schwächer. Jede Erinnerung faltete sich kleiner und immer kleiner zusammen, bis nicht mal ihr Zehnfach-Vergrößerungsglas noch irgendetwas erkennen konnte.

2

»Ich glaube, ich seh wirklich aus wie Mom«, sagte Sylvie. »Aber dafür siehst du aus wie Dad. Das ist doch ein gerechter Ausgleich, findest du nicht?«

Jules schaute hinab auf ihre Sherman-Galaxie, die ausgebreitet auf ihrem Bett lag. Sobald man sie in Reihen sortierte, schrumpfte die chaotische Galaxie und bekam eine Ordnung. Das blaugraue Stück Schiefer lag noch in ihrer Hand. Dass es nicht das Marmorstück war, das Sylvie ihr geschenkt hatte, fühlte sich an wie ein winzig kleiner Aufstand, auch wenn Sylvie das nie erfahren würde. Was für Jules okay war. Schwestern mussten ja schließlich nicht alles übereinander wissen.

Sylvie ließ wieder ihren Finger über die Decke kriechen und versuchte, Jules zum Lachen zu bringen. Sylvie hasste jede Missstimmung zwischen ihnen, auch wenn sie noch so kurz war. Nur du und ich, Schwesterherz, das ist es, was zählt, sagte sie immer. Wir zwei halten zusammen. Genau in diesem Moment entdeckte Sylvie etwas draußen vorm Fenster.

»Hey! Es schneit!«

Jules rutschte vom Bett und trat neben Sylvie. Durch die Glasscheiben konnte sie es sehen: Große, dicke Flocken taumelten vom Himmel. Und so wie es aussah, waren schon ein paar Zentimeter gefallen. Sylvie hopste von einem Fuß auf den andern. Jules spürte, wie sich ein kleines bisschen Freude in der frostigen Atmosphäre zwischen ihnen breitmachte.

»Wenn wir uns beeilen, können wir noch eine weitere Schneefamilie bauen«, sagte Sylvie. »Los, schnapp dir deine Stiefel!«

Jules und Sylvie waren ganz verrückt nach ihren Schneefamilien, winzigen Schneefiguren, die sie bauten, wann immer es frischen Schnee gab. Jules legte das blaugraue Schieferstück einfach aufs Bett, anstatt es zurück in die Reihe der metamorphen Steine zu tun. Ihr gefiel der Gedanke, den Stein als einen Planeten zu sehen, zumindest fürs Erste. Ihre Steine und ihr Frust konnten warten.

»Beeil dich!«, sagte Sylvie und streifte ihren Kapuzenpullover und die Fäustlinge über, ohne vorher den Schlafanzug auszuziehen.

»Komme«, sagte Jules. Ihr Ärger legte sich. Auch sie streifte den Kapuzenpulli und die Fäustlinge über und folgte ihrer Schwester in den Flur, wo sie beide ihre Stiefel anzogen. Jules hatte ihre kaum an, als Sylvie nach ihrer Hand griff und sie durch die Küchentür aus dem Haus zog. Zusammen sprangen sie die Verandastufen hinunter. Zwei Schwestern jagten, noch in ihren Flanellpyjamas, durch die knackig kalte Luft.

Langsam und schnell. Dick und dünn. Elf und zwölf. Jules und Sylvie. Du und ich, Schwesterherz, sagte Sylvie immer. Wie Pech und Schwefel, nannte es Dad. Was in diesem Moment wirklich zutraf. Sie waren Schneevögel, Schneemädchen, Schneeschwestern. Auf einmal hatte sich Jules’ ganzer Frust im kalten, sauberen Duft des Neuschnees verloren.

»Perfekter Pappschnee«, sagte Sylvie, doch Jules wusste das längst durch die Art, wie ihre Stiefel drin einsanken und tiefe Spuren hinterließen. »Lass uns anfangen.«

Die fallenden Flocken sahen aus wie Schneefalter. Jules beugte die Handflächen und fing eine auf. Die Flocke blieb einen Augenblick liegen, dann schmolz sie in den blauen Fäustlingen. Jules holte tief Luft. Dieser Schnee war ein Geschenk des Himmels, nachdem sie beim letzten Schnee schon gedacht hatten, es wäre … nun ja … einfach der letzte. Seit die Tage langsam wieder länger und wärmer wurden, hatte Jules die Hoffnung auf Neuschnee schon aufgegeben. Keine kleinen Schneefamilien mehr überall ums Haus – neben der Verandatreppe, unter dem großen Ahorn und um den Briefkasten herum. Und jetzt gab es doch noch mal welchen.

Da stand sie, nur in Schlafanzug und Stiefeln, und die Schneefalter ließen sich rings um sie herum in einer immer dicker werdenden Schicht nieder.

»Wo sollen wir die Familie hinbauen?«, fragte Jules und drehte sich im Kreis.

Die anderen, älteren Schneefamilien, die überall standen, waren halb geschmolzen, ihre verunstalteten Schneekörper neigten sich Richtung Boden und waren mehr Eis als Schnee. Ehrlich gesagt spürte Jules auch eine dünne Eisschicht unter den Stiefeln – die Folge von Tauwetter am Tag und Frost in der Nacht. Sie erzeugte beim Gehen ein wunderbares Knacken.

»Wie wär’s mit dem Anfang vom Slip-Pfad?«, schlug Sylvie vor und deutete auf den schmalen Fußweg, der durch den Wald zum Fluss führte. »Da ist Platz.«

Jules sog die Luft ein. Sie zitterte. »Okay. Aber Dad wird das sicher nicht recht sein.«

»Muss er ja gar nicht erfahren, oder?«, antwortete Sylvie.

Jules schüttelte den Kopf. Ihr Dad – mit all seinen Regeln – war schon vor fast einer Stunde zur Arbeit gefahren, also konnte er gar nichts merken. Und sie würde es ihm sicher nicht erzählen, das war klar. Wir zwei halten zusammen.

Sylvie und Jules konnten Dads sämtliche Regeln auswendig runterleiern:

Nicht außer Hörweite vom Haus laufen.

Nicht mit wilden Tieren einlassen.

Nicht den Bus versäumen.

Nicht in die Nähe vom Slip gehen, auf gar keinen Fall.

Jules und Sylvie nannten die Regeln die »No-gos«. Und eine Schneefamilie am Anfang des Pfads, der zum Slip führte, würde, obwohl die Stelle offiziell innerhalb der Bewegungsgrenzen lag, Dad wahrscheinlich annehmen lassen, dass sie den schmalen Weg doch gegangen waren. Dass sie das letzte und strengste No-go missachtet hatten. Jules fasste nach ihrer zuverlässigen Lupe mit der kleinen Lampe.

»Komm schon«, sagte Sylvie. »Der Schnee wird sowieso längst getaut sein, wenn Dad heute Abend nach Hause kommt. Kein Grund zur Sorge. Wir machen ganz schnell.«

Das war noch so ein Unterschied zwischen ihnen. Sylvie war blitzschnell in ihren Entscheidungen, während Jules immer Zeit brauchte und alles genau überlegte. Zum Beispiel hatte Dad nie gesagt: Nicht im Schlafanzug raus in den Schnee gehen. Trotzdem war sich Jules sicher, dass es ihm nicht gefallen würde, obwohl sie auch Stiefel, Fäustlinge und einen Kapuzenpulli anhatten.

Aber Sylvie hatte recht. Dad würde es ja nicht merken, oder? Er war bereits fort zur Arbeit im Sägewerk. Das war eine neue Regelung, dass Dad mit dem Dodge Ram Pick-up losfuhr, bevor die zwei in den Schulbus stiegen. Jules wusste, dass es ihm widerstrebte, seine Töchter allein zurückzulassen, doch Sylvie hatte für sie beide gesprochen, als sie ihm versicherte: »Wir schaffen das, Dad.« Und in den letzten drei Monaten hatte es ja auch gut funktioniert.

Mehr als gut, um ganz ehrlich zu sein. Wenn Dad nicht über sie wachte und aufpasste, dass sie die Regeln befolgten, konnten sie Dinge tun, wie zum Beispiel in den Neuschnee hinausrennen und Schneefamilien bauen. Guter Pappschnee war einfach der beste, und man musste die Chance beim Schopf ergreifen, bevor es zu kalt wurde und die Flocken nicht mehr zusammenklebten, oder zu warm, dass sie schmolzen.

Nicht zu spät zum Bus kommen war auch so etwas, das Dad ihnen wieder und wieder vorbetete. Und dann folgte der immer gleiche Satz: Das sagt euer Dad, der auf euch zählt, Sylvie und Jules.

Es war seine Art, ganz sicherzugehen, dass sie auch auf ihn hörten. Jules war überzeugt: Dad würde bestimmt nicht damit rechnen, dass sie im Schlafanzug Schneefamilien bauten, schon gar nicht kurz bevor der Bus kam. Aber Sylvie rollte bereits eine winzige Schneekugel und dann noch eine, ganz konzentriert auf ihre Arbeit.

»Du machst den Schnee-Dad und ich mach die Töchter«, sagte Jules jetzt.

Kleine Schneefamilien zu bauen, war etwas, das sie vor langer Zeit angefangen hatten: Winzige Schneeväter und Schneekinder, kleine Familien wie ihre eigene, gruppierten sich um das Haus. Einige der Schneefamilien schlossen auch Freunde ein wie die Porters, die auf der anderen Seite vom Fluss wohnten. Nach Sylvies Aussage war es ihre Mutter gewesen, die die Tradition begründet hatte. Kleine Schneeleute, die kleine Menschenkinder leicht und mit nur wenig Hilfe bauen konnten.

»Nicht zu vergessen eine Schnee-Mum«, sagte Sylvie, und dann ergänzte sie: »Die mach ich.«

»Nein!«, sagte Jules. »Ich mach sie.« Die Wut, die sie noch eben in sich gespürt hatte, prickelte plötzlich wieder unter der Haut.

Sylvie sah erstaunt auf, als sie die Nachdrücklichkeit in der Stimme ihrer Schwester spürte. Auch Jules hörte sie, aber wieso sollte immer Sylvie die sein, die die Schnee-Mom baute? Jules drückte zwischen ihren blauen Fäustlingen eine kleine Schneefigur zusammen, während Sylvie zusah. Dann stellte Jules sie neben den Schnee-Dad, den Sylvie mitten auf den Weg gepflanzt hatte, mit ausgestreckten kleinen Stöckchenarmen, als wenn er die Schneetöchter aufhalten wollte.

»Da«, sagte Jules. »Eine perfekte Schneefamilie. Die letzte in diesem Winter.«

Aber Sylvie streckte die Hand aus, nahm die Schnee-Mom hoch und stellte sie genau in die Mitte des kleinen Familienkreises. Jules wollte schon etwas sagen – wieso musste Sylvie sie korrigieren? –, doch dann ließ sie es bleiben. Irgendwas lag in Sylvies Blick, etwas, das Jules zum Schweigen brachte. All die Jahre – und Sylvie vermisste ihre Mutter noch immer so sehr. Jules vermisste sie auch, doch sie wusste, dass es nicht das Gleiche war wie bei Sylvie. Manchmal fragte sie sich, wie groß dieses Vermissen bei Sylvie wohl sein mochte.

»Mom hat Neuschnee geliebt«, sagte Sylvie. »Genauso wie wir.«

3

Kawumm! Wie ein Ausrufezeichen hallte ein Schuss wider. Er schien von weit her zu kommen, wahrscheinlich von der anderen Seite des Flusses.

Der Bär.