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zukunft

AUSBLICKE

Leseproben aus dem
Heyne Science-Fiction-Programm

von
Cixin Liu
Andy Weir
Kim Stanley Robinson
Tal M. Klein
Cory Doctorow

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

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06/2018
Angaben zu den Urheberrechten der einzelnen Leseproben siehe Anhang
Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe und herausgegeben vom
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Covergestaltung: Stardust, München, unter Verwendung von Photodune/solarseven

E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-23796-7
V001

diezukunft.de

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Zukunft ist ein eitles Ding: Sie tänzelt immer eine Armeslänge vor uns her, nur um jedes Mal, wenn wir nach ihr greifen, sofort zu entschwinden. Vielleicht entzünden sich gerade deshalb so viele literarische Fantasien an ihr – Geschichten, Visionen, Utopien, die uns diese ewige Fata Morgana immer wieder neu vor Augen malen. Auf diezukunft.de haben diese Visionen ihren Ort gefunden: Science-Fiction-Literatur aus jeder Himmelsrichtung sowie ausführliche Artikel, Rezensionen und Interviews dazu sind auf diesem Portal zu Hause.

Damit Sie sich von den Neuerscheinungen der Science-Fiction insbesondere aus dem Heyne Verlag ein Bild machen können, haben wir für Sie die Leseproben der wichtigsten Romane im laufenden Programm versammelt, darunter Cixin Lius »Der dunkle Wald«, Andy Weirs »Artemis« und Cory Doctorows »Walkaway«. Alle Informationen und Kaufoptionen zu den Büchern finden Sie im Anhang auf der Übersichtsseite sowie natürlich auf diezukunft.de.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Ihre diezukunft.de Redaktion

zukunft
Inhalt

Cixin Liu: Der dunkle Wald

Andy Weir: Artemis

Kim Stanley Robinson: New York 2140

Tal M. Klein: Der Zwillingseffekt

Cory Doctorow: Walkaway

Übersicht

Cixin Liu

DER DUNKLE WALD

Aus dem Chinesischen von Karin Betz

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Leseprobe

Prolog

Die braune Ameise hatte schon vergessen, dass sie hier einmal zu Hause gewesen war. Für die im Dämmerlicht liegende Erde und die eben aufgegangenen Sterne mochte die seitdem vergangene Zeitspanne 1 ächerlich kurz gewesen sein – für die Ameise war es eine Ewigkeit.

In jenen längst vergessenen Tagen war ihre Welt auf den Kopf gestellt worden. Erdreich war davongeflogen und hatte eine tiefe und breite Kluft hinterlassen. Dann war das Erdreich donnernd zurückgekehrt, die Kluft verschwand, und aus einem Ende der zuvor aufgerissenen Erde ragte ein einsamer schwarzer Felsblock auf. Tatsächlich passierte so etwas auf diesem ausgedehnten Territorium ständig, die Erde flog davon und kam zurück, Klüfte taten sich auf und schlossen sich wieder, und wenn alles vorbei war, ragten diese Felsblöcke empor wie Markierungen für die vorangegangenen Katastrophen. Gemeinsam mit ihren Gefährten hatte die Ameise die überlebende Königin in Richtung der untergehenden Sonne davongetragen und einen neuen Staat errichtet. Gerade war sie auf Nahrungssuche und nur zufällig in der alten Heimat gelandet.

Die Ameise gelangte an den Fuß des schwarzen Felsblocks, wo sie seine kolossale Präsenz mit den Fühlern ertastete. Die Oberfläche war hart und glatt, jedoch begehbar. Also lief sie hinauf, ohne bestimmte Absicht, einem willkürlichen Impuls ihrer primitiven Neuronenbahnen folgend. Einem Impuls, wie er jedem Grashalm innewohnte, jedem Tautropfen auf den Blättern, jeder Wolke am Himmel und jedem Stern hinter den Wolken. Der ursprüngliche Impuls war zwar absichtslos, doch aus einer Masse willkürlicher Impulse formte sich schließlich eine Absicht.

Die Ameise fühlte die Erde vibrieren. Aus der Art, wie die Erschütterungen zunahmen, schloss sie, dass sich ein anderes, riesiges Wesen auf sie zubewegte. Unbeirrt setzte sie ihren Weg den Felsblock hinauf fort. Im rechten Winkel zwischen dem Fuß des Felsblocks und der Erde hing ein Spinnennetz. Was das war, wusste die Ameise. Vorsichtig umschiffte sie die am Abhang klebenden Spinnenfäden und krabbelte an der Spinne vorbei, die mit eingezogenen Beinen auf jede Bewegung der Fäden lauerte. Jeder der beiden wusste von der Existenz des anderen, doch wie schon seit vielen Millionen Jahren gab es keinerlei Kommunikation zwischen ihnen.

Die Vibration erreichte ihren Höhepunkt – und brach ab. Das riesige Wesen war bereits am Fuß des Felsens angekommen. Die Ameise bemerkte, dass es noch gigantischer war als der Felsblock und ein großes Stück des Himmels verdeckte. Diese Wesen waren der Ameise nicht fremd, sie waren lebendig, das wusste sie, und sie tauchten häufiger auf diesem Gelände auf. Ihre Erscheinung stand in engem Zusammenhang mit den entstehenden und sich wieder schließenden Klüften und den am Ende darauf thronenden Felsblöcken.

Die Ameise kletterte weiter. Sie wusste, dass diese Wesen – von seltenen Ausnahmen abgesehen – keine Gefahr für sie darstellten. Eine solche Ausnahme widerfuhr der Spinne unten, als das Wesen offenkundig das Netz zwischen Felsblock und Boden bemerkte. Mit den Stängeln eines Blumenstraußes, den es in einer seiner Gliedmaßen hielt, fegte es die Spinne weg, sodass sie mitsamt ihrem zerrissenen Netz im dichten Gestrüpp landete. Anschließend legte es die Blumen behutsam am Fuß des Felsblocks ab.

In diesem Augenblick gab es eine neuerliche Erschütterung, die ebenfalls schwach begann und an Intensität zunahm. Die Ameise begriff, dass sich ein weiteres Lebewesen derselben Art auf den Felsblock zubewegte. Gleichzeitig entdeckte sie eine lange Furche, eine Vertiefung im Fels, die sich viel rauer anfühlte und auch von anderer Farbe war, gräulich-weiß. Sie folgte der Furche, die sie dank ihrer rauen Beschaffenheit viel leichter begehen konnte. An beiden Enden mündete sie in eine dünnere Vertiefung. Unten war es eine horizontale Rinne, von der die Hauptfurche aufstieg, und oben eine kurze Linie, die in einem engen Winkel zur Hauptfurche nach unten verlief. Als die Ameise wieder zurück auf die glatte, schwarze Oberfläche kletterte, hatte sie sich ein vollständiges Bild von der Form der drei zusammenhängenden Furchen gemacht: 1.

Das Lebewesen war plötzlich nur noch halb so groß, etwa genauso hoch wie der Felsblock. Es hatte sich offenbar hingehockt und gab den Blick auf den dunkelblauen Himmel frei, an dem bereits einzelne Sterne funkelten. Die Augen des Lebewesens waren auf den oberen Teil des Felsblocks gerichtet. Die Ameise zögerte einen Moment und entschied sich, besser nicht direkt in sein Blickfeld zu laufen. Stattdessen änderte sie die Richtung und bewegte sich nun in horizontaler Linie weiter.

Schnell stieß sie auf eine weitere Furche und trieb sich lange in der rauen Vertiefung herum, in der es sich wohlig krabbeln ließ. Außerdem erinnerte die Farbe sie an die Eier der Ameisenkönigin. Ohne zu zögern folgte sie der Furche abwärts. Diese entwickelte sich zu einer etwas komplexeren, gebogenen Form. Zuerst beschrieb sie einen vollständigen Kreis, dann verlief sie weiter in einem Bogen nach unten. Manchmal krabbelte die Ameise in einem ähnlichen Muster – wenn sie so lange ihrem Geruchssinn folgte, bis sie auf den Heimweg stieß. Ihre Neuronenbahnen vermittelten ihr ein Bild: 9.

Nun gab das vor dem Felsblock hockende Wesen eine Reihe von Lauten von sich, die die Verständnisfähigkeit der Ameise bei weitem überstiegen: »Das Leben selbst ist ein Wunder. Wie konntest du bloß nach etwas Bedeutungsvollerem suchen, wenn du nicht einmal das begriffen hast?«

Das Lebewesen machte einen Laut wie der Wind, der durch die Gräser fährt. Ein Seufzer. Dann richtete es sich auf.

Die Ameise krabbelte weiter parallel zum Boden und geriet in eine dritte Furche hinein, die erst annähernd vertikal verlief und dann eine scharfe Biegung machte. Im Ganzen sah sie so aus: 7. Die Form missfiel ihr. Solche abrupten Biegungen kündigten in der Regel Gefahren an.

Die Laute des ersten Lebewesens hatten die Erschütterungen übertönt. Daher bemerkte die Ameise erst jetzt, dass mittlerweile auch das zweite Wesen vor dem Felsblock angekommen war. Es war wesentlich kleiner und gebrechlicher als das erste und hatte schlohweißes Haar, das vor dem nachtblauen Himmel silbrig schimmerte, als wäre es mit den vielen funkelnden Sternen verbunden.

Das erste Wesen richtete sich auf, um das zweite zu begrüßen. »Dr. Ye, was … Wie kommen Sie hierher?«

»Sind Sie … Xiao Luo?«

»Luo Ji. Ich bin mit Yang Dong zur Schule gegangen. Wieso … sind Sie hier?«

»Ich mochte diesen Ort schon immer, und er ist mit dem Bus gut zu erreichen. In letzter Zeit komme ich häufiger her, um ein bisschen spazieren zu gehen.«

»Mein Beileid, Dr. Ye.«

»Ach, das ist nun schon so lange her.«

Die Ameise auf dem Felsblock wollte sich eigentlich gerade wieder nach oben wenden, doch da entdeckte sie eine weitere Furche vor sich, von derselben Form wie die 9, in der sie sich so wohl gefühlt hatte, bevor sie zu der 7 gekommen war. Also durchlief sie, statt senkrecht weiter zu krabbeln, die 9. Sie mochte diese Form lieber als die 7 oder die 1. Warum, konnte sie nicht genau sagen. Ihr Sinn für Ästhetik war primitiv und einzellig. Das behagliche Gefühl, mit dem sie vorhin durch die andere 9 gekrabbelt war, intensivierte sich noch. Auch diese Freude war ein primitiver und einzelliger Zustand. Die einzellige Natur dieser beiden Ameisensinne hatte sich nie weiterentwickeln können. So waren sie bereits seit hundert Millionen Jahren, und sie würden sich auch in den nächsten hundert Millionen Jahren nicht verändern.

»Dongdong hat oft von dir erzählt, Xiao Luo. Sie sagte, du arbeitest … als Astrophysiker?«

»Früher, ja. Jetzt unterrichte ich an der Uni Soziologie. An Ihrer Universität, um genau zu sein, auch wenn Sie schon pensioniert waren, als ich dort anfing.«

»Soziologie? So ein krasser Fachwechsel?«

»Stimmt. Yang Dong sagte immer, ich wisse nicht, was ich wolle.«

»Sie hat mir immer erzählt, wie intelligent du bist.«

»Naja, bestenfalls schlau. Kein Vergleich mit Ihrer Tochter. Mir kam die Astronomie einfach wie ein stählerner Block vor, in den man nicht das kleinste Loch bohren kann. Soziologie ist eher wie ein Holzbrett, in dem man immer eine dünne Stelle findet, an der man durchkommt. Es ist nicht so kompliziert.«

In der Hoffnung auf eine weitere 9 setzte die Ameise ihren horizontalen Weg fort. Doch stattdessen traf sie auf eine gerade Rinne. Sie war wie die erste Furche, nur länger, und verlief parallel zum Boden. Außerdem hatte sie keine zusätzlichen Furchen an den Enden. Sie war ein -.

»Das dürfen Sie nicht so sehen. So ist das Leben. Nicht jeder kann wie Dongdong sein.«

»Ich bin einfach nicht ehrgeizig. Ich lasse mich eher treiben.«

»Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte: Warum widmest du dich nicht der Kosmosoziologie?«

»Kosmosoziologie?«

»Den Begriff habe ich mir ausgedacht. Angenommen, im Universum gäbe es viele große Zivilisationen, womöglich so viele wie sichtbare Sterne. Unzählige Zivilisationen also, die zusammen die kosmische Gesellschaft bilden. Kosmosoziologie wäre dann die Wissenschaft von der Natur dieser universalen Gesellschaft.«

Die Ameise war nicht viel weitergekommen. Nach der »–«-Furche hatte sie auf eine behagliche 9 gehofft, traf aber auf eine 2. Sie begann mit einer angenehmen Kurve, am Ende machte sie jedoch einen genauso scharfen und furchterregenden Knick wie die 7. Das Vorzeichen einer unsicheren Zukunft.

Als sie auf die nächste Furche stieß, meinte sie, das sei nun die ersehnte 9. Doch die Kreisbahn, auf der sie lief, war eine Falle, denn die Rinne formte eine geschlossene 0. Sanfte Rundung, schön und gut, doch das Leben brauchte eine Richtung, man konnte doch nicht immer wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehren. Das begriff sogar eine Ameise. Obwohl noch zwei weitere Furchen vor ihr lagen, hatte sie das Interesse verloren und kletterte lieber weiter nach oben.

»Nun gut, aber … augenblicklich wissen wir nichts von einer anderen Zivilisation außer unserer eigenen.«

»Deshalb hat sich bislang auch niemand damit befasst. Das wäre dann deine Chance.«

»Faszinierend. Bitte fahren Sie fort, Dr. Ye.«

»Auf diese Weise könntest du deine beiden Fächer miteinander verbinden. Im Gegensatz zur Humansoziologie liefert die Kosmosoziologie mathematisch viel genauere Ergebnisse.«

»Wie meinen Sie das?«

Ye Wenjie deutete auf den Himmel, den im Westen noch die Abenddämmerung erhellte und wo nun die ersten Sterne leuchteten. Es fiel nicht schwer, sich daran zu erinnern, wie das eben noch sternenlose Firmament ausgesehen hatte: eine tiefblaue Leere in der Unendlichkeit oder ein Gesicht mit pupillenlosen Augen, wie bei einer Marmorstatue. Obwohl bislang nur wenige Sterne zu sehen waren, hatten die riesigen Augen Pupillen bekommen. Die weite Leere war gefüllt, und der Kosmos konnte sehen. Doch die Sterne waren klitzekleine, kaum wahrnehmbare silbrige Pünktchen, als wäre sich ihr Schöpfer nicht sicher gewesen. Es wirkte beinahe so, als hätte er dem Wunsch nicht widerstehen können, dem Universum Pupillen einzusetzen, gleichzeitig aber entsetzliche Angst davor gehabt, sie mit Sehkraft auszustatten. Zerrissen zwischen Wunsch und Widerwillen, hatte er das All riesig und die Sterne winzig gemacht und damit gezeigt, dass ihm die Vorsicht über alles ging.

»Überlege nur: Alle Elemente von Chaos und Beliebigkeit in der komplexen Struktur der Zivilisationen des Universums werden durch die enorme Distanz gefiltert, sodass die Zivilisationen von uns aus betrachtet über Parameter verfügen, die sich relativ leicht mathematisch erfassen lassen.«

»Aber sagen Sie mir, Dr. Ye, was ließe sich mit der Kosmosoziologie denn konkret erforschen? Es ist doch kaum möglich, Untersuchungen und Experimente durchzuführen.«

»Damit erhältst du ein rationales Ergebnis und kannst zunächst wie in der euklidischen Geometrie einige einfache, offensichtliche Axiome aufstellen und auf der Grundlage dieser Axiome eine ganze Theorie etablieren.«

»Das … klingt wirklich sehr spannend, Dr. Ye. Aber was wären die Axiome der Kosmosoziologie?«

»Erstens: Überleben ist das oberste Gebot jeder Zivilisation. Zweitens: Zivilisationen wachsen und dehnen sich ununterbrochen aus, aber die im Kosmos verfügbare Materie bleibt konstant.«

Nach wenigen Schritten hatte die Ameise festgestellt, dass es auch weiter oben Furchen gab. Ziemlich viele sogar, und sie waren kompliziert wie ein Labyrinth. Sie hatte ein gutes Gefühl für Formen und war sich sicher, auch diese neuen Strukturen erfassen zu können. Wegen der beschränkten Aufnahmekapazität ihres winzigen Neuronennetzes musste sie dafür jedoch zuerst die Formen vergessen, durch die sie zuvor gekrabbelt war. Auch die schöne 9, was sie allerdings nicht weiter bedauerte, denn das Vergessen gehörte nun einmal zum Leben. Es gab nur wenige Dinge, die sie nicht vergessen durfte – und die hatten ihre Gene im Speicherbereich der Instinkte abgelegt.

Nachdem sie ihre Erinnerungen gelöscht hatte, betrat die Ameise den Irrgarten und krabbelte durch Windungen und Biegungen, bis in ihrem schlichten Bewusstsein eine neue Form entstand: . Dieses chinesische Schriftzeichen wurde mu ausgesprochen und bedeutete Grab, aber das wusste die Ameise natürlich nicht. Darüber geriet sie in ein weiteres Furchengebilde. Es war wesentlich unkomplizierter als das vorherige. Dennoch musste sie erst das mu aus ihrem Gedächtnis löschen, um mit ihrer Entdeckungsreise fortzufahren. Als es so weit war, durchlief sie eine wunderbare Vertiefung und fühlte sich dabei an den Hinterleib einer frisch verendeten Heuschrecke erinnert, die sie vor Kurzem entdeckt hatte. Diese neue Struktur hatte sie schnell erfasst: , die chinesische Besitzanzeige zhi. Auf dem Weg nach oben stieß sie auf zwei weitere Furchengebilde. Das erste bestand aus zwei kurzen, tropfenförmigen Vertiefungen mit einem Heuschreckenleib darüber: . Es wurde dong ausgesprochen und bedeutete Winter. Das andere setzte sich aus zwei Teilen zusammen, die miteinander das Zeichen , yang für Pappel ergaben. Das war die letzte Form und die einzige, die die Ameise von ihrer kurzen Kletterpartie im Gedächtnis behielt. All die übrigen interessanten Strukturen waren vergessen.

»Aus soziologischer Perspektive sind diese beiden Axiome ziemlich handfest … Sie haben sie so schnell formuliert, dass man meinen könnte, Sie hätten sie bereits im Kopf gehabt«, sagte Luo Ji überrascht.

»Ich habe darüber schon mein ganzes Leben nachgedacht, aber mit niemandem darüber geredet. Ich weiß auch nicht, warum ich jetzt darauf komme … Aber das ist noch nicht alles. Damit du aus diesen beiden Axiomen eine grundlegende Vorstellung von Kosmosoziologie entwickeln kannst, musst du nämlich noch zwei weitere wichtige Konzepte mit einbeziehen: Zweifelsketten und technologische Explosion.«

»Das sind äußerst interessante Begriffe. Könnten Sie sie mir erläutern?«

Ye Wenjie sah auf ihre Uhr. »Dazu ist leider keine Zeit. Doch du bist ein intelligenter Mensch und wirst zweifellos von selbst darauf kommen. Nimm diese beiden Axiome als Fundament für deine Forschung, dann wirst du eines Tages der Euklid der Kosmosoziologie sein.«

»Aus mir wird kein Euklid, Dr. Ye. Aber ich werde mir merken, was Sie gesagt haben, und den Versuch wagen. Allerdings kann es sein, dass ich dazu nochmal Ihren Rat brauche.«

»Ich fürchte, das wird nicht möglich sein. In dem Fall wäre es besser, wenn du vergisst, was ich gesagt habe. Aber es liegt bei dir, was du daraus machst. Ich habe meine Pflicht erfüllt. Auf Wiedersehen, Xiao Luo.«

»Alles Gute, Dr. Ye.«

Ye Wenjie verschwand in der Dämmerung und machte sich auf den Weg zu ihrem letzten Treffen.

Die Ameise kletterte weiter, in eine runde Senke hinein, auf deren glatter Oberfläche sich eine extrem komplizierte Form abzeichnete. Niemals würde sich ihr winziges Neuronennetz so etwas merken können. Die ungefähre Form, die sie erfasste, war für ihren primitiven Ästhetiksinn jedoch ähnlich betörend wie die »9«. Außerdem glaubte sie, in einem Teil des Bildes ein Augenpaar zu erkennen. Was Augen anging, war sie sensibel, denn ihr Blick verhieß normalerweise Gefahr. Mit diesen Augen war das allerdings anders, denn sie wusste, dass sie leblos waren.

Längst hatte sie vergessen, dass das riesige Lebewesen namens Luo Ji, während es schweigend vor dem Stein kniete, diese beiden Augen betrachtet hatte. Sie kletterte aus der Senke heraus und weiter nach oben, bis auf die Spitze des Felsblocks. Da sie sich nicht davor fürchtete runterzufallen, fehlte ihr auch das Bewusstsein dafür, hoch über ihrer Umgebung zu thronen. Der Wind hatte sie in der Vergangenheit schon oft von wesentlich höheren Orten heruntergeweht, doch dabei war sie jedes Mal vollkommen unversehrt geblieben. Ohne Höhenangst weiß man allerdings auch die Schönheit der Aussicht von oben nicht zu schätzen.

Am Fuß des Steingebildes war die Spinne, die Luo Ji mit dem Blumenstrauß zur Seite gefegt hatte, derweil mit dem Bau eines neuen Netzes beschäftigt. Nachdem sie sich viermal wie ein Pendel an einem schimmernden Faden vom Felsblock aus Richtung Boden geschwungen hatte, war sie bereits wieder mit dem Grundgerüst fertig. Und selbst wenn ihr Netz zehntausend Mal zerstört würde, würde sie es zehntausend Mal wieder aufbauen. Sie war deswegen weder wütend noch verzweifelt oder begeistert. So war das eben. Und das schon seit einer Milliarde Jahren.

Luo Ji hielt einen Moment inne. Dann ging auch er. Als die Erschütterungen des Bodens verebbt waren, krabbelte die Ameise auf einem anderen Weg den Felsblock wieder hinunter. Sie wollte jetzt nur noch rasch zurück zum Bau und dort berichten, wo ein toter Käfer zu finden war. Der Himmel war inzwischen dicht mit Sternen übersät. Am Fuß des Felsblocks kam sie wieder am Netz der Spinne vorbei. Wieder nahmen die beiden die Existenz des jeweils anderen wahr, beachteten einander jedoch nicht.

Weder Ameise noch Spinne wussten, dass sie abgesehen von der fernen Welt, die lauschend den Atem anhielt, soeben die einzigen Zeugen der Geburtsstunde der Kosmosoziologie geworden waren.

Nur wenige Stunden zuvor, in tiefer Nacht, stand Mike Evans am Bug der Jüngstes Gericht, während der Pazifik wie schwarzer Satin unter dem Sternenhimmel vorüberglitt. Evans mochte es, um diese Zeit mit der fernen Welt zu kommunizieren, weil sich der Text, den die Sophonen auf seine Netzhäute projizierten, so wunderschön vor dem nächtlichen Meer und dem Himmel abzeichnete.

Das ist unsere zweiundzwanzigste Echtzeitkonversation. Es gibt gewisse Schwierigkeiten mit der Kommunikation.

»Ja, Herr. Ich habe bemerkt, dass Ihr einen Großteil des Datenmaterials über die Menschheit, das wir Euch geschickt haben, nicht wirklich verstehen konntet.«

So ist es. Du hast die enthaltenen Elemente wirklich sehr gut erklärt, aber wir sind nicht in der Lage, es vollständig zu verstehen. Manchmal scheint es, als gebe es etwas zu viel in eurer Welt, und dann wieder etwas zu wenig.

»Handelt es sich dabei um ein und dasselbe?«

Ja, doch wir wissen nicht, ob es etwas zu viel oder zu wenig ist.

»Wie kann das sein?«

Wir haben die Dokumente sorgfältig studiert und festgestellt, dass der Schlüssel zum Verständnis in den Synonymen liegt.

»Synonyme?«

In euren Sprachen gibt es zahlreiche Synonyme und Pseudosynonyme. Zum Beispiel enthielt das Chinesisch eurer ersten Nachrichten einige Begriffe mit derselben Bedeutung, wie »kalt« und »eisig«, »schwer« und »gewichtig« oder »weit« und »fern«.

»Und welches Synonympaar hat nun das Verständnis des Materials verhindert?«

»Denken« und »sagen«. Wir haben soeben erst überrascht festgesteüt, dass das gar keine Synonyme sind.

»Nein, das sind keine Synonyme.«

Nach unserem Verständnis sollten sie das aber sein. »Denken« bedeutet, mit Denkorganen gedankliche Aktivitäten durchzuführen. »Sagen« bedeutet, den Inhalt der Gedanken einem anderen mitzuteilen. Für Letzteres benötigt man in eurer Welt sogenannte Stimmbänder, die die Luft in Schwingungen versetzen. Sind diese Definitionen korrekt?

»Das sind sie. Aber zeigt das nicht, dass ›denken‹ und ›sagen‹ keine Synonyme sind?«

Nach unserem Verständnis zeigt das, dass sie Synonyme sind.

»Darf ich kurz darüber nachdenken?«

Bitte sehr. Wir sollten beide darüber nachdenken.

Während der folgenden zwei Minuten betrachtete Evans, wie der Ozean unter dem Sternenhimmel wogte. »Welche Organe gebraucht Ihr zur Kommunikation, Herr?«