Impressum

Karl Edward Wagner

Darkness Weaves (1978)

Die deutsche Erstausgabe erschien 1979 in der Reihe »Bastei-Lübbe Fantasy« [20015].

Die damals unter dem Pseudonym »Martin Eisele« publizierte Übersetzung von Martin Baresch wurde für die vorliegende Neuausgabe grundlegend überarbeitet und ergänzt.

© 2002 by the Estate of Karl Edward Wagner

Überarbeitete Neuausgabe

© 2018 by Golkonda Verlag GmbH, Berlin • München

Published in Arrangement with

THE KARL WAGNER LITERARY GROUP

Dieses Werk wurde vermittelt durch die literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Alle Rechte vorbehalten

Korrektorat: Clemens Voigt

Titelbild: Tom Edwards [tomedwardsdesign.com]

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.wordpress.com]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

ISBN 978-3-942396-93-6 (Buchausgabe)

ISBN 978-3-942396-96-7 (E-Book)

www.golkonda-verlag.de

Inhalt

Impressum

ERSTER TEIL

Prolog

1. Kapitel – Die in den Gräbern hausen

2. Kapitel – Von Webern und Netzen

3. Kapitel – Flucht zum Meer

4. Kapitel – Die Überfahrt

5. Kapitel – Götter in Finsternis

ZWEITER TEIL

6. Kapitel – In der Schwarzen Zitadelle

7. Kapitel – Königin der Nacht

8. Kapitel – Verschwörung in Prisarte

9. Kapitel – Der Gefangene in Thovnosten

10. Kapitel – Der Spion des Kaisers

11. Kapitel – Gezeiten und Strömungen

12. Kapitel – Zwei gingen hinein …

13. Kapitel – Zwei Feinde begegnen sich

14. Kapitel – … und eine kam heraus

15. Kapitel – Ein Turm im Morgengrauen

16. Kapitel – Visionen des dunklen Prometheus

17. Kapitel – Ruf zur Schlacht

18. Kapitel – Feuer auf dem Meer

DRITTER TEIL

19. Kapitel – Rückkehr nach Thovnosten

20. Kapitel – Von den alten Meeren

21. Kapitel – Von Spielen und Zielen

22. Kapitel – Empor aus der Tiefe

23. Kapitel – Nacht in M’Coris Gemach

24. Kapitel – Nacht in Efrels Gemach

25. Kapitel – Schlacht um das Reich

26. Kapitel – Ein Trinkspruch auf den Sieg

27. Kapitel – Sturm auf Thovnosten

28. Kapitel – Kanes Hand

29. Kapitel – Efrels Rache

30. Kapitel – Ein unerwartetes Bündnis

31. Kapitel – Die Götter versammeln sich

32. Kapitel – Abschied

Phantastik im Golkonda Verlag

Zur Erinnerung an Krötenheim,

die Menschen von Krötenheim

und die Tage in Krötenheim.

Noch einmal sage ich Dir:

Beschwöre nichts herauf,

was Du nicht zu bezwingen vermagst …

Und hiermit meine ich alles,

was seinerseits

etwas gegen Dich heraufzubeschwören vermag,

etwas, gegen das Deine

mächtigsten Hilfsmittel

nutzlos sein könnten.

Brief von Jedediah Orne:

H. P. Lovecraft,

Der Fall Charles Dexter Ward

In ihrem Schloss jenseits der Nacht

kommen die Götter in Finsternis zusammen,

und mit Finsternis gestalten sie der Menschen Schicksal.

Die Farben der Finsternis – sie sind nicht monoton,

denn das Schwarz des Bösen kennt Schattierungen:

Gerade so viel, wie das Böse Namen hat.

Rache und Wahnsinn, unzertrennliche Zwillinge,

gemeinsam geboren, angebetet als Einheit …

Selbst die Götter vermögen nicht, diese Brüder zu unterscheiden.

In ihrem Schloss jenseits der Nacht

kommen die Götter in Finsternis zusammen, und Finsternis webt in vielen Schatten …

(Fragment, Opyros zugeschrieben)

ERSTER TEIL

Prolog

Er ist die Inkarnation des Bösen! Halte dich fern von ihm!« Arbas starrte den jungen Fremdling an, der ihm gegenübersaß, und nahm einen durstigen Schluck aus dem mit Bier gefüllten Krug, den der Mann spendiert hatte. Dennoch empfand er in diesem Augenblick nur Verachtung für den freigebigen Jüngling, der ihn hier, in der Schänke von Selram Ehrlich, aufgespürt hatte.

Arbas – von vielen Leute wurde er auch Arbas, der Mörder genannt – war schlechter Laune. Eine plötzliche und gänzlich ungelegene – und wie es Arbas scheinen wollte, verdächtige – Pechsträhne beim Würfeln am frühen Abend war dafür verantwortlich, dass er einige ansehnliche Gewinne sowie seine Barschaft verloren hatte. Das schmachtende Schankmädchen, dessen Finger zuvor sanft neckend über die abgemagerten Muskeln unter seiner Lederweste geglitten waren, hatte sich daraufhin von ihm abgewandt. Mit spöttischer Miene war sie davongegangen. Nun, vielleicht war es auch eine enttäuschte Miene, überlegte Arbas mürrisch.

Und dann hatte dieser Fremde die Schänke betreten. Seine Oberschicht-Manieren standen in einem zweifelhaften Kontrast zu der einfachen Kleidung, die er zur Schau trug.

Der Mann hatte sich lediglich als Imel vorgestellt, und außer gewähltem Geschwätz gab er nichts weiter von sich. Offenbar war er ein uneigennütziger Mensch, ein Mann, der ausschließlich darauf bedacht war, seinen, Arbas’, Krug bis zum Rand gefüllt zu halten.

Aber von der Uneigennützigkeit war Arbas beileibe nicht überzeugt. Er beschloss, das Spiel mitzuspielen. Mochte der Dummkopf sein Geld mit vollen Händen ausgeben …

Arbas vertrug eine Menge, er wurde nicht so leicht betrunken. Schließlich wusste er, dass sein Gegenüber am Ende auf ganz lässige, scheinbar völlig gleichgültige Art auf irgendeinen Rivalen, einen Hundesohn mit schwarzem Herzen, zu sprechen kommen würde – auf jemanden, für dessen Ableben er zu zahlen bereit war. Arbas war gerade damit beschäftigt gewesen, mit geübtem Auge zu schätzen, wieviel Imel zu zahlen in der Lage war, als der seine sämtlichen Berechnungen abrupt zunichtemachte. Irgendwie war ihr Gespräch auf den einen Mann gekommen, für dessen Tod die Amtsträger der Union so inbrünstig beteten.

Mit Schrecken hatte Arbas erkannt, dass der Fremde Informationen über Kane suchte.

»Böse, sagt du? – Das mag sein, aber sein Charakter geht mich nichts an. Jedenfalls streife ich nicht durch die Slums von Nostoblet, um einen Haushofmeister anzuwerben. Ich möchte nur mit ihm sprechen, das ist alles. Und man sagte mir, dass du mir sagen kannst, wie ich zu ihm finde.«

Der Fremde sprach den Dialekt der Südlichen Lartroxischen Union mit einem schnarrenden R. Sein Akzent verriet, dass er von der Inselstadt Thovnos stammte, der Metropole des Thovnosischen Reiches, das etwa fünfhundert Meilen südwestlich lag.

»Dann bist du ein Dummkopf«, gab Arbas zur Antwort und leerte seinen Krug. Das schmale Gesicht des Fremden rötete sich. Das war zu sehen, obwohl es im Schatten der Kapuze lag. Stumm verfluchte er die Frechheit des Mörders, während er einem vorbeieilenden Schankmädchen bedeutete, Arbas’ Krug erneut zu füllen. Achtlos nahm er drei bronzene Münzen aus seiner Börse, warf sie ihr hin und sorgte so dafür, dass Arbas das Gewicht des Beutels bemerkte. Das Schankmädchen tat, wie ihm geheißen, und während sie einschenkte, streifte sie Imels Schulter. Als sie sich abwandte, lächelte sie.

»Launisches Weibsstück!«, brummte Arbas nachtragend. In Gedanken versunken betrachtete er den scharlachroten Abdruck, den ihre geschminkte Brust auf dem grauen Umhang des Thovnosers hinterlassen hatte. Der Mörder schlürfte langsam sein Bier und tat so, als habe er die neuerliche Spende überhaupt nicht bemerkt.

»Jemand redet für meine Begriffe zu viel. Verdammt zu viel! Wer hat dir gesagt, dass ich ihn finden könnte?«

»Er bat mich, seinen Namen nicht zu nennen.«

»Namen, Namen! Bitte, erwähne keine Namen! Bei Lato! Entweder nennst du mir den Namen dieses verlogenen Bastards mit der lockeren Zunge, der dich zu mir schickte – oder du kannst ihn in der Siebten Hölle suchen gehen. Dort, wo er, verdammt hingehört! Bei diesem Preis, der auf seinen Kopf steht, gibt es mehr als nur eine Handvoll Männer in der Union, die sogar ihre Seele für die Chance verkaufen würden, ihn ausfindig zu machen und sein Kopfgeld einzustreichen.«

Um sie herum herrschte geschäftiges Treiben in der Schänke. Die leichenhafte Gestalt Selram Ehrlichs war in der Nähe der Tür zu sehen, die in seinen Weinkeller hinunterführte. Ein Lächeln ätzte sich in das schmierige Gesicht des hageren Wirts, als sein Blick über die lärmende Menge schweifte. Die meisten Gäste waren in fröhlicher, ausgelassener Stimmung und gingen lautstark grölend ihren Vergnügungen nach. Es wurde gespielt, gehurt und gezecht. Rauhe Schläger von den schlechter beleuchteten Straßen Nostoblets, verwegene Söldner in den dunkelgrünen Hemden und ledernen Hosen der Reiterei der Union, Wanderer, die mit fremdem Akzent sprachen und mit unergründlichem Ziel durch die Stadt streiften, verführerisch gekleidete Straßenhuren, deren gefühlloses Lächeln niemals bis in ihre allzu wissend dreinblickenden Augen vordrang. Zwei blonde Söldner waren in tödlichen Streit geraten. Die langjährige Kameradschaft schien plötzlich vergessen. Sie zogen ihre Dolche. Eine Dirne mit hübschem Gesicht und seltsamen Narben, die spiralförmig um jede ihrer leuchtend rot geschminkten Brüste führten, durchsuchte geschickt den Geldbeutel des unachtsamen Seemannes, der sie soeben umarmte. Ein fast kahler, schmutziger ehemaliger Wachtmeister der Stadtwache von Nostoblet sorgte mit seinem winselnden Betteln um einen gefüllten Krug bei mehreren spottenden Bauernlümmeln für Vergnügen.

Hier und da saßen kleine Gruppen von Männer leise flüsternd über ihre Tische gebeugt beieinander und heckten Pläne aus, welche die Stadtwache sicherlich brennend interessieren würden. Aber die Männer der Stadtwache begaben sich selten in die Gassen nahe des Flusshafens von Nostoblet – es sei denn, um Bestechungsgelder einzusammeln. Und Selram Ehrlich kümmerte sich nicht um die Angelegenheiten seiner Gäste, solange sie seine Gastfreundschaft bezahlen konnten. Jedermanns Geschäfte waren dessen eigene Sache. Niemand achtete deshalb auch nur im Geringsten auf den leise geführten Wortwechsel zwischen Arbas, dem Mörder und dem Fremden von Thovnos.

Niemand – außer möglicherweise jener Soldat mit dem einen Ohr und der eigenartigen Rüstung, der Selram Ehrlichs Schänke kurz nach Imel betreten hatte. Die abgetragene Kampfausrüstung des stämmigen Kriegers und sein finsteres Gesicht sorgten dafür, dass ihn sowohl unternehmungslustige Huren als auch geschwätzige Betrunkene in Ruhe ließen. An einem Finger der Hand, die gelegentlich den Bierkrug an seine Lippen hob, schimmerte ein getriebener Silberring, der mit einem wuchtigen Amethysten besetzt war. Hin und wieder blitzte der Stein in dem rauchgeschwängerten gelben Licht der Schänke violett auf.

Aber der schweigsame Mann saß auf der anderen Seite des überfüllten Schankraumes, von Arbas und Imel weit entfernt, und somit außer Hörweite. Und wenn sein Blick zu oft in ihre Richtung gewandt schien, so mochte dies allein des dunkelhaarigen Mädchens wegen sein, das irgendwo hinter ihnen auf einem Tisch tanzte.

Einen Augenblick lang verharrte Imel in stillem Nachdenken und ignorierte offenkundig den glühenden Zorn im dunklen Gesicht des Mörders. Dieser Mann war schwieriger und gefährlicher, als er ihn eingeschätzt hatte, und er war sich nicht im Klaren darüber, wie tief er in die Sache ziehen konnte, in der er unterwegs war. Momentan wenigstens, das wusste er, musste er sich auf den Mörder verlassen. Diplomatie also. Seinen Argwohn zerstreuen, trotzdem jedoch nichts Wichtiges verlauten lassen.

»Dann war es Bindoff, der mich zu dir schickte«, meinte der Fremde und lächelte, als er Arbas’ Erschrecken sah. Der Name des Schwarzen Priesters hatte gewirkt. »Kommen wir jetzt ins Geschäft?«, fragte er schließlich gelassen.

Arbas schätzte den Thovnoser plötzlich grundlegend anders ein. Bisher hatte er angenommen, der Fremde sei ein Kopfgeldjäger, und demgemäß hatte er sich bereits einen einsamen Ort für eine Messerstecherei überlegt. Aber Imel wusste offenbar, dass der Mann, den er suchte, Kontakt mit dem Schwarzen Priester hatte, das war ein Punkt, der für ihn sprach. Bindoff hatte dieses Geheimnis mit bezeichnender Sorgfalt gehütet. Also war es dem Fremden auf irgendeine unerklärliche Weise gelungen, Bindoffs Vertrauen zu gewinnen. Nun … Vielleicht war es das Risiko wert.

»Ist dir die Sache fünfundzwanzig Mesitsi-Goldmünzen wert?«, erkundigte sich Arbas beiläufig, nachdem er sich entschieden hatte.

Der Fremde täuschte ein Zögern vor. Es hatte keinen Wert, dem Mörder Grund zu geben, noch mehr fragen zu können. »Ich kann den Betrag aufbringen.«

Arbas wischte den Schaum von seinem Schnauzbart, bevor er antwortete. »Also gut. Bring das Geld hierher … Übermorgen. Ich würde für dich ein Treffen mit Kane arrangieren.«

»Warum geht dies nicht schon heute Nacht?«, drängte Imel.

»Keine Chance, Freund. Ich denke, dass ich auf jeden Fall ein paar Erkundigungen über dich einholen werde, bevor wir irgendwohin gehen …«

Als er die ärgerliche Ungeduld des Fremden bemerkte, zitierte Arbas: »Glücklich in seiner Torheit umarmte der Narr den Teufel …«

Der Fremde lachte. »Erspare mir Zitate aus den Schriften. Was für ein Mann ist denn dieser Kane? Warum hat er einen so schlechten Ruf? – Ein Mann deiner Stellung ist doch nicht berechtigt, irgendjemanden mit Schmutz zu bewerfen …«

Aber Arbas lachte nur leise und erwiderte: »Frag mich noch einmal, nachdem du Kane getroffen hast!«

1. Kapitel – Die in den Gräbern hausen

Von kalten Quellen und winzigen Bächen aus den hohen Mycerischen Bergen weit im Osten genährt, wand sich der Cotras-Fluss meilenweit durch felsige Vorberge, bis er endlich jenen breiten Tieflandgürtel erreichte, der die Küste von Lartroxia säumte. Hier änderte er seine Richtung und wandte sich zu den fünfzig Meilen entfernten Meeren im Westen hin. Durch fruchtbares Ackerland und stattliche Wälder führte der tiefe, schiffbare Strom. Die Stadt Nostoblet ragte an den Ufern des Cotras auf, dort, wo dessen Wasser aus dem Bergland in die Küstenebenen strömten. Das breite Flussbett machte Nostoblet zu einem Binnenhafen, wo die exotischen Güter der Handelsschiffe, welche die westlichen Meere befuhren, umgeschlagen wurden, ebenso wie die Schätze aus den Bergen im Osten, die von den halbwilden Bergbewohnern auf Flößen die tosende Wasserstraße herab befördert wurden.

Die Berge jenseits von Nostoblet waren spärlich bewaldet. Es gab große, kahle Lichtungen und tiefe Schluchten. Vor langer Zeit hatten sich hier Bergbäche ihr Bett in den weichen Fels gegraben. Zahllose Klippen ragten auf, und einige erhoben sich mehrere hundert Fuß über den Talgrund. Als eine nahezu unüberwindliche Barriere schützten sie die Ebenen von Süd-Lartroxia und markierten gleichsam die Grenzen, an denen – so behaupteten einige Gelehrte – einst die alten Meere brandeten.

In den Hügelklippen hinter Nostoblet gab es vielerorts Grabstätten. Die vergleichsweise junge südliche Mission des Hormet-Kults hatte vor Generationen erreicht, die Sitte der Feuerbestattung durchzusetzen. Folglich kümmerten sich die Leute seit nunmehr einem Jahrhundert nicht mehr um die Grabhöhlen, und die Pfade, die dorthin führten, wurden beinahe ebenso lange nicht mehr von menschlichen Wächtern bewacht.

Schon immer waren die Leute des alten Nostoblet praktisch veranlagt gewesen. Ihre religiösen Sitten hatten nicht verlangt, die Toten mit verschwenderischen Gräbern zu ehren. In den alten Tagen war es Sitte der Reichen gewesen, ihre Toten in einfachen Holzkisten, die in die Wandnischen der Klippenhöhlen eingelassen wurden, zur letzten Ruhe zu betten. Nichts von der persönlichen Habe des Gestorbenen wurde mit ihm begraben, mit Ausnahme der Kleidung, die er am Leibe trug, und gelegentlichen Schmuckstücken von geringem Wert. Daher gab es nichts, das einen möglichen Grabräuber dazu hätte verleiten können, sich an den wenigen Soldaten vorbeizuschleichen, die in früheren Zeiten die Grabstätten bewacht hatten – oder gar den nichtmenschlichen Wächtern die Stirn zu bieten. Denn die Grabstätten von Nostoblet waren der Ghouls und anderer, noch schlimmerer Bewohner wegen berüchtigt, und die grausigen Legenden von diesen Spukwesen waren bis auf den heutigen Tag in aller Munde. Die Leute aus Nostoblet mieden die Grabstätten.

In einer stürmischen Nacht kämpften sich zwei Männer mühsam die gewundenen Klippenpfade empor. In kurzen Abständen zerfetzten Blitze die absolute Finsternis, und übergossen den vom Regen schlüpfrigen Felspfad mit blendendem Licht. Der Weg führte an der Wand des schroffen Vorgebirges entlang, und die unvorhersehbaren Blitze beleuchteten den Weg bedeutend besser, als dies die geschlossene, schwach brennende Laterne vermochte, die Arbas trug.

»Vorsicht!«, rief Arbas über die Schulter zurück. »Die Felsen hier sind wirklich schlüpfrig!« Aber er schien seinen eigenen guten Rat nicht zu beherzigen, denn plötzlich glitt er aus. Verzweifelt kämpfte der Mörder darum, einen Halt zu finden. Er schaffte es. Sogar die nahezu nutzlose Laterne konnte er in letzter Minute packen, bevor sie über die Felskante in die Tiefe stürzte.

Der Thovnoser knurrte wütend und konzentrierte sich noch mehr auf den Pfad. Eine Unachtsamkeit, ein Fehltritt auf den triefend nassen Felsen bedeutete den sicheren Tod zwischen dem Geröll am Fuße des Steilhanges. Undeutlich war aus der dunklen Tiefe das ununterbrochene Tosen des Flusses zu hören, dessen Wassermassen über die Ufer getreten waren und talwärts donnerten.

Und doch gab’s keine Spur von Furcht in Imels Stimme, als er knurrte: »Hättest du mit Kane nicht einen trockeneren Treffpunkt vereinbaren können?«

Arbas blickte zurück, und ein zynisches Grinsen verzerrte sein Gesicht. »Du überlegst dir noch, ob du ihn treffen willst, oder?« Er lachte, als sein Begleiter ihm mit einem Schwall von Flüchen antwortete. »Es ist in der Tat eine gute Nacht für unser Vorhaben … Der Sturm schützt uns vor jedem, der versuchen sollte, uns zu folgen. Du dürftest wissen, dass Kane es nicht riskieren kann, sein Gesicht zu zeigen. Nicht im Einflussbereich der Union. Nicht bei dem Preis, der auf seinen Kopf ausgesetzt ist. Und selbst, wenn diese beiden Hinderungsgründe nicht existieren würden … Er ist nicht der Mann, der auf den Befehl eines x-Beliebigen hin angerannt kommt. Es sei denn, dass es sich verdammt lohnt.«

Er schwieg kurz, dann fügte er anzüglich hinzu: »Aber du hast mir noch immer nicht gesagt, weshalb du Kane sehen willst …«

»Das ist nur für Kanes Ohren bestimmt«, gab Imel zurück.

Arbas nickte feierlich. »Oh, oh … Für Kanes Ohren bestimmt … Oh, oh. Gut, ich will jetzt nicht in irgendein aufregendes Geheimnis eingeweiht werden. Natürlich will ich das nicht…«

Der Thovnoser zog es vor, ihn zu ignorieren. Der Rest des Aufstieges verlief schweigend.

Dunkel klaffende Öffnungen waren jetzt in der steinernen Wand zu ihrer Rechten zu erkennen. Dies waren die Eingänge der einstigen Grabhöhlen, Gänge, die von Sklaven in den weichen Stein getrieben worden waren, die ebenso wie ihre Herren schon lange nicht mehr lebten. An stumm aufgerissene Münder erinnerten diese Öffnungen, die hoch genug waren, um einen großen Mann hindurchtreten zu lassen. Die Blitze rissen sie aus der Finsternis, und es schien, als wären die Höhlengewölbe noch beträchtlich geräumiger. In der Vergangenheit hatten massive Portale den Zugang zu diesen Gräbern versperrt, aber in den verstrichenen Jahrzehnten waren sie alle irgendwann bezwungen worden. Einige standen offen, aber die meisten fehlten ganz, oder hingen verrottend in den rostigen Scharnieren.

Beunruhigt grübelte Imel darüber nach, wessen Hände die mächtigen Portale zerstört hatten – und weshalb. Nur um die Totenkisten plündern zu können?

Es war eine schlechte Nacht für derartige Gedanken. Die Finsternis in den Grabkammern war weit tiefer als die der Nacht, und die Zeit hatte den muffigen Geruch allgegenwärtiger Verwesung, der die feuchte Luft vergiftete, nicht völlig vertreiben können.

Jedes Mal, wenn er einen der gähnenden Höhleneingänge passierte, prickelten Imels Nervenenden, und sein Rückgrat kribbelte. Er glaubte, die Blicke aus unsichtbaren Augen regelrecht fühlen zu können …

Hin und wieder registrierte er winzige Trippelschritte und leises Schlurfen. Imel betete, dass es sich hierbei nur um jene Geräusche handelte, die die großen Ratten verursachten, nachdem sie in ihren Lagern aufgeschreckt worden waren. Vielleicht trieb auch der Sturm unheimliche Scherze mit ihren Sinnen …

»Diese hier müsste es sein, glaube ich«, verkündete Arbas knapp. Er ging in die modrige Düsternis der nächst gelegenen Grabhöhle voran. Die Laterne brannte wunderbarerweise immer noch, und der Mörder drehte jetzt den Docht höher.

Die Höhle war L-förmig. Es gab eine Eingangspassage von etwa zwanzig Fuß, dann, rechtwinklig hierzu, ein zweites, weit größeres Gewölbe, das gut fünfzig Fuß lang war. Die acht Fuß hohen Wände der Vorhöhle waren so behauen, dass drei Nischenreihen Platz gefunden hatten. Nur wenige der modernen Holzkisten, die in diesen Nischen aufbewahrt wurden, waren unversehrt. Die meisten waren auseinandergebrochen und ihr Inhalt lag überall verstreut. Ob dies der Zeit oder purem Vandalismus anzulasten war, vermochte der Thovnoser nicht definitiv zu sagen.

Imel bog um die Ecke des Höhlenganges und stand vor einem doppelten Fellvorhang, der hier von der Decke hing. Vermutlich war er angebracht worden, um den kühlen Luftzug, der von draußen hereinwehte, zu brechen – und zudem den verräterischen Lichtschein der Laterne abzuschirmen.

Denn als Imel durch einen Spalt des Vorhanges trat, sah er, dass die Höhle vor kurzem für einen menschlichen Bewohner eingerichtet worden war.

Hier, in dieser alten, von Schatten heimgesuchten Grabkammer hatte Kane sein Lager eingerichtet.

»Nun, wo ist er?«, fragte Imel barsch. Er brannte darauf, zur Sache zu kommen und damit die finsteren, halb unbewussten Ängste abzuschütteln, die ihn seit Betreten dieses Totenreiches quälten.

»Wir sind es nicht gewohnt, zu warten, nicht wahr? – Nun, er wird schon kommen, wenn er es für richtig hält. Jedenfalls weiß er, dass wir heute Nacht kommen wollten«, erklärte Arbas und nahm den einzigen Stuhl der Kammer in Besitz.

Imel verfluchte die Unverschämtheit des Mörders und blickte sich nach einer anderen Sitzgelegenheit um. Es gab keine. Und doch war das Gewölbe erstaunlich gut eingerichtet. Dies war umso verwunderlicher, wenn man in Betracht zog, wie vielfältig die hiermit zusammenhängenden Schwierigkeiten gewesen sein mussten. Der Weg hier herauf war gefährlich schmal, und unablässig bestand die Gefahr, von einem aufmerksamen Augenpaar beobachtet zu werden …

Ein gutes Bett mit Matratze und mehreren Pelzen stand in einer Ecke. Dann gab es da einen Tisch, auf dem zwei Lampen standen, mehrere Flaschen, Lebensmittel und – das war überhaupt die erstaunlichste Feststellung, die Imel machte – eine ganze Anzahl Bücher, Schriftrollen und Schreibgerät. Auf dem Boden und in leeren Sargnischen lagen und standen verschiedene andere Gegenstände: Krüge, mit Öl gefüllt, eine Armbrust, einige mit Pfeilen gefüllte Köcher, Gebrauchsgegenstände, weitere Lebensmittel, eine Streitaxt und eine Ansammlung ziemlich alter Dolche, Ringe und anderer metallener Utensilien.

Dann bemerkte Imel die Feuerstelle. Kane riskierte es also, kleine Kochfeuer zu unterhalten. Die Asche war noch warm, und einige nicht verbrannte Holzscheite zeigten, welchen Verwendungszweck Kane für die Sargkisten fand, deren Ruhestätte er in Besitz genommen hatte.

Die Knochen derer, die in den Kisten geruht hatten, waren zu einem Stapel aufgehäuft, und als Imel diesen Haufen betrachtete, fühlte er, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Er war niemals ein zimperlicher Bursche gewesen, außerdem hatte nichts darauf hingedeutet, dass man mit den Geistern dieser Toten rechnen musste. Aber jetzt … jetzt war er beunruhigt. Und daran war allein der Zustand dieser modernden Knochen schuld.

Es war schon ekelerregend, dass sie angeknabbert waren, aber dies mochten Ratten getan haben. Darüber hinaus jedoch waren sie peinlich genau gespalten – und das Knochenmark aus dem Inneren herausgekratzt worden … Etwas Menschliches – oder entfernt Menschenähnliches – musste die faulenden Leichenteile auf diese Art verzehrt haben, überlegte Imel. Obwohl die Knochen alt und brüchig waren, schauderte er. Beiläufig kramte Imel in einem Haufen alter Ornamente und Metallgegenstände. Er war enttäuscht, als er nichts von Bedeutung entdeckte.

»Hat Kane etwa dieses Gerümpels wegen die Grabstätten aufgebrochen?«, fragte er – und erschrak über die Lautstärke seiner Stimme.

Der Mörder zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Er hält sich lange genug hier oben versteckt … Es ist wie ein Gefängnis. Man kann Platzangst bekommen … Aber ich glaube eher, dass er dieses Zeug einfach gesammelt hat, um beschäftigt zu sein. Vielleicht denkt er auch daran, irgendetwas damit anzustellen. Vielleicht stellt er für die Pedanten der Akademie oben in Metnabla einen Katalog zusammen … Weißt du, ich meine, was sonst soll man hier oben die ganze Zeit über tun? Kane ist … Ach – ich weiß es nicht.« Er murmelte etwas Unverständliches und begann, sich für seinen Dolch zu interessieren.

Imel seufzte und setzte die Durchsuchung des Gewölbes fort. In einem Bogen über der Schwelle war ein rätselhaftes Muster komplizierter Ornamente und archaischer Bilderschriftzeichen angebracht. Imel bemerkte es, und nach all dem, was er bisher gesehen hatte, vermutete er scharfsinnig, dass dies irgendeine Art Zauber gegen das Übernatürliche darstellte. Ohne ihn zu verstehen, studierte er den Bannspruch, und kratzte dabei bedächtig über die ungewohnten Bartstoppeln, die er sich hatte wachsen lassen.

Das Toben des Unwetters in Verbindung mit der gespenstischen Umgebung machte Imel von Minute zu Minute nervöser. Er ging an den Tisch hinüber. Arbas wetzte die Klinge seines Dolchs lässig an einem Stein, den Kane dort angebracht hatte. Vornübergebeugt studierte Imel die Bücher, die auf der Tischplatte lagen. Er empfand Bewunderung – allerdings mehr für den finanziellen als für den geistigen Wert, den diese Werke darstellten. Neugierig blätterte er in mehreren. Zwei Bände waren in der Sprache der Union verfasst, und nur einer der anderen in einer Sprache, die ihm wenigstens entfernt bekannt erschien. Ein sehr altes Buch war äußerst ungewöhnlich, denn die seltsamen Buchstaben, mit denen die Seiten bedeckt waren, schienen nicht handgeschrieben zu sein. Imel fragte sich, warum diese Bücher für Kane so interessant waren, dass er sie hierher, in diese Gruft, geschafft hatte.

Dabei war es schon überraschend genug, festzustellen, dass Kane lesen konnte, überlegte Imel. Die wenigen Informationen, die er über ihn zusammengetragen hatte, besagten, dass Kane ein rauer und geschickter Krieger – kurzum: eine in jeder Hinsicht gewalttätige Persönlichkeit war. Und Imels bisherigen Erfahrungen entsprechend, hatte solch ein Mann für alles, was mit den Künsten zusammenhing, nur Verachtung übrig.

Langsam blätterte er in einem der beiden Bände, die in der Sprache der Union geschrieben waren. Plötzlich saugte sich sein Blick an einer Seite fest, welche mit einem fremdartig wirkenden Diagramm gefüllt war! Überrascht las er die Schrift auf der gegenüber liegenden Seite – und fand seinen Verdacht bestätigt. Schaudernd schloss er das Buch und legte es nieder. Ein Zauberbuch – dann war Kane also Hexer und Krieger? Imel erinnerte sich an Arbas’ Warnung und begann, sich zu fürchten.

Im gleichen Augenblick fühlte er Arbas’ Blick auf sich ruhen. Er sah auf. Der Mörder grinste ihn über seinen Dolch hinweg an. Er hatte Imel von der Seite her beobachtet, und der plötzliche Schrecken in seinen Augen war ihm natürlich nicht entgangen.

Imel ärgerte sich darüber, dass er seine Empfindungen offenbart hatte, und dieser Ärger durchströmte ihn und spülte die Furcht davon … Eine Furcht, wie er sich selbst einredete, die jeder geistig gesunde Mensch empfand, wenn er mit den Relikten der Schwarzen Magie konfrontiert wurde.

»Hör auf, so dumm zu grinsen, Kerl!«, knurrte er Arbas an. Aber der lachte nur weiterhin stumm in sich hinein.

Der Thovnoser fluchte heftig und begann, in der Höhlenkammer gereizt auf und ab zu schreiten. Bei Tloluvin! Er war ein Narr gewesen, diese verdammte Mission anzunehmen! Ein Narr, weil er sich in ihre wahnsinnigen Pläne hatte verwickeln lassen!

Als er merkte, dass er die Beherrschung verlor, hielt er inne. Er bemühte sich, seine Fassung wiederzugewinnen.

»Wird Kane nun hierherkommen – oder nicht?«, fragte er.

Arbas zuckte mit den Schultern. Er schien ebenfalls ungeduldig zu werden. »Vielleicht weiß er nicht, dass wir bereits angekommen sind«, vermutete er. »Aber wenn wir draußen, auf dem Felsvorsprung vor der Höhle eine Laterne schwenken, so mag ihn dies herbeirufen … Ich bezweifle, dass sich in einer Nacht wie dieser irgendjemand anders als Kane hier oben aufhält und ihr Licht sehen kann.« Mit diesen Worten nahm er seine verbeulte Laterne auf und setzte sich in Bewegung. Imel folgte ihm schweigend.

Sie traten durch den Vorhang und schritten dem Höhleneingang entgegen. In diesem Moment zerriss draußen ein wahres Feuerwerk von Blitzen das mitternächtliche Firmament – und das flackernde, bläuliche Licht fiel auf jene Gestalt, die soeben die Grabhöhle betrat.

Imel erschrak, und er konnte ein Aufkeuchen nicht unterdrücken. Nur wenige Schritte vor ihnen stand die vermummte Gestalt als dunkler Schattenriss vor der von zuckenden Blitzen zerrissenen Regennacht. Jene Worte, die Arbas beim ersten Treffen ausgesprochen hatte, zuckten durch seine Gedanken: In der Siebten Hölle solltest du ihn suchen! Und, wahrhaftig! – Diese albtraumhafte Szene konnte zu Recht die eines Dämons – oder Tloluvins, des Herrn des Bösen selbst! – sein, der aus der Siebten Hölle hervorbrach!

Einen Herzschlag lang gewährten die Blitze dem Vermummten eine höllische Beleuchtung. Das blendende Licht ließ nicht zu, die Gesichtszüge des Mannes zu erkennen. Er war ein schwarzer Schatten, der Sturmwind peitschte seinen regennassen Mantel, seine Kleider, und sein mächtiger Körper stemmte sich dagegen. Auf der blank gezogenen Schwertklinge schimmerte der Widerschein der Blitze, und die Augen des Mannes glühten unheilvoll in der Dunkelheit.

Dann verebbten die Blitze. Der Vermummte kam näher. »Deckt den Lichtschein ab!«, fauchte Kane.

Arbas hielt den Vorhang zur Seite. Kane trat in die Höhlenkammer, warf seinen durchnässten Mantel ab und schüttelte seinen massigen Körper. Wasser spritzte.

Er fluchte in einer fremden Sprache, füllte einen Becher mit Wein, leerte ihn und goss sofort wieder nach. »Ein schöner Sturm«, knurrte er schließlich. »Trotzdem … Es gefällt mir nicht, in diesem nasskalten Loch trocknen zu müssen! – Arbas, sieh zu, dass du das Feuer entfachst. Heute Nacht wird uns der Rauch gewiss nicht verraten!«

Kane trank wieder, dann wandte er sich an Imel. »Setz dich, und trink von dem Wein. Er ist hervorragend, und er wird dir die Feuchtigkeit aus den Knochen spülen. Diese Lartroxer nennen überraschend gute Weinberge ihr eigen, das gestehe ich ihnen gerne zu!« Er goss einen weiteren Becher voll und begab sich zur Feuerstelle, wo Arbas damit beschäftigt war, das Holz zu entzünden.

Dankbar ließ sich Imel auf den Stuhl fallen, und da er nirgends einen weiteren Becher sah, trank er den schweren Wein behutsam, in kleinen Schlucken aus der Flasche. Die Ereignisse der vergangenen Stunde hatten ihn entnervt, und der Alkohol wärmte und beruhigte ihn. Missionen dieser Art liefen seiner Natur zuwider. Wieder – wie schon so oft – verwünschte er die ganze Angelegenheit. Warum hatte er sie nicht dazu überreden können, einen anderen damit zu betrauen. Möglicherweise gar diesen erbärmlichen Oxfors Alremas. Dabei machte es ihm nichts aus, Alremas’ Überlegenheit im Intrigenspiel und geschickter Diplomatie anzuerkennen. Gleichsam aber war das überhebliche Selbstbewusstsein des pellinischen Adligen schlicht unerträglich. Imel fragte sich, wie es wohl Alremas’ aristokratischer Sensibilität unter den Widrigkeiten ergangen wäre, denen er bisher standgehalten hatte.

In der Zwischenzeit war es Arbas gelungen, das Feuer zu entfachen. Knackend und prasselnd fraßen sich die Flammen an den trockenen Holzscheiten empor. Der Großteil des Rauches wurde von den Sturmböen ins Freie gesogen, sodass es in der einstigen Totengruft nicht zu ungemütlich war.

Helligkeit tanzte über die Wände, und erst jetzt vermochte Imel Kane genau zu mustern.

Er war hochgewachsen, knapp über sechs Fuß groß, aber sein muskulöser Körper ließ ihn kleiner erscheinen. Der massige Hals, der mächtige Brustkasten, die starken, äußerst muskulösen Arme und Beine – alles an ihm verlieh ihm den Nimbus großer Kraft. Sogar seine Hände waren übergroß, die Finger lang und kräftig. Wären sie weniger rau, brutal gewesen, so hätte man sie gar für die Hände eines Künstlers halten können. Imel hatte schon einmal solche Hände gesehen … Die Hände eines berüchtigten Würgers, dessen Hinrichtung er beigewohnt hatte. Um dem Kaiserlichen Gesetz Genüge zu tun und es angemessen zu demonstrieren, waren die abgetrennten Hände sowie der Schädel des Würgers aufgespießt und auf dem Richtplatz von Thovnosten zur Schau gestellt worden.

Kanes Alter war schwer zu schätzen. Seinem Körper nach zu urteilen, war er ein Mann Anfang Dreißig. Gleichsam schien er jedoch irgendwie älter zu sein … Imel hatte erwartet, einem älteren Mann gegenüberzutreten, und so schätzte er, dass Kane fünfzig Jahre alt war, jedoch jünger erschien. Kanes Gesicht war bleich, sein Haar von hellem Rot und gleichmäßig auf mittlere Länge geschnitten. Der Bart war kurzgeschoren und die Gesichtszüge rau, wuchtig – barbarisch. Es war ein hartes Gesicht, beileibe kein hübsches.

Kane spürte Imels Blick und hob seinen Kopf. Sein Blick tauchte in Imels Blick. Und plötzlich kehrte das Frösteln zurück, das Imel schon vorher durchfahren hatte, als er Kane im Höhleneingang hatte auftauchen sehen. Kanes Augen erinnerten an zwei blau glühende Eiskristalle. In ihrer Tiefe regte sich ein eiskaltes Feuer … Ein Feuer, genährt von Wahnsinn, Tod, Qual und höllischem Hass. Diese Augen blickten geradewegs durch Imel hindurch, forschten nach seinen innersten Gedanken, brannten sich direkt in seine Seele hinein. Es waren die Augen eines wahnsinnigen Mörders.

Mit einem grausamen Lachen wandte sich Kane ab und entließ Imel aus dem Bann seines Blickes. Sein Verstand taumelte zurück. Es kostete ihn einige Mühe, eine aufkeimende, wilde Panik zu unterdrücken. Benommen tastete seine Hand nach der Weinflasche. Aufatmend trank Imel, und gab sich der stärkenden Kraft des Weines hin.

Jene, die ihm diese Mission aufgetragen, ihm befohlen hatte, Kane zu finden, hatte Imel stets abgestoßen. Sie war nichts weiter als ein verbeultes, zerborstenes Gefäß des Hasses, ein Wesen, das nur von verkommener Rachsucht am Leben gehalten wurde. Zweifellos war kein Mensch in der Lage, sich ihr zu nähern, ohne das dunkle Feuer ihres wahnsinnigen Hasses zu verspüren. Aber dieses Abgestoßensein war nichts im Vergleich zu jenem Schrecken, der Imel durchrast hatte, als er in Kanes Augen geblickt hatte. Wahnsinn leuchtete dort, verbunden mit kalter Mordgier. Archaisches Verlangen zu töten, zu vernichten – verzehrender Hass auf das Leben an sich. Mit solchen Augen musste der Tod die soeben Verstorbenen empfangen – oder Tloluvin, der Herr des Bösen, eine schrecklich verdammte Seele im Königreich der ewigen Finsternis willkommen heißen.

»Nun denn, Imel, sag mir, was du von mir willst!«

Imels Überlegungen zerrissen, als Kane ihn ansprach. Er blickte auf. Kane war von der Feuerstelle weggetreten und hatte sich halb auf den Tisch, ihm gegenüber, gesetzt. Er musterte Imel. Ein zynisches Lächeln lag auf seinen brutalen Gesichtszügen. Die Höllenglut seiner Augen war bezähmt – glomm jedoch immer noch. Seine langen Finger spielten mit einem Silberring. Imel vermutete, dass es einer aus dem Haufen der von Kane gesammelten Kunstgegenstände war.

»Warum wolltest du mich treffen? – Ich glaube, dass es gut für dich wäre, mir hierfür einen triftigen Grund zu nennen. Meine Zeit ist in diesem Loch zwar beileibe nicht knapp bemessen – aber dein Kommen hat mich und Arbas doch immerhin in Gefahr gebracht.«

Abschätzend hielt er den Ring ins Licht. Offenbar war er von dessen kunstvoller Gravur beeindruckt. »Natürlich«, sprach er dann weiter, »natürlich bist du dir ganz sicher, dass dir niemand folgte …«

Lässig zog Kane die Lampe näher zu sich heran, um den Ring noch besser betrachten zu können. Ein weicher, violetter Glanz strahlte von dem großen Amethysten aus.

Da erkannte Imel den Ring! Die Erkenntnis dämmerte in ihm, und kalte Furcht griff wie eine Krallenhand nach seinem Herzen. Seine Hand zuckte zum Griff des Schwertes, das er an seiner Seite trug. Aber ein anderer Arm war schneller. Eine Dolchspitze ritzte schmerzhaft die Haut an seiner Kehle. Arbas! erkannte Imel. Er hatte den Mörder vergessen.

»Du brauchst ihn noch nicht umzubringen«, sagte Kane, der sich überhaupt nicht bewegt hatte. »Weißt du, ich glaube, dass der gute Imel diesen Ring kennt …«

Als sich der Thovnoser erheben wollte, machte der Mörder eine kaum merkliche Bewegung mit dem Dolch. Die Klinge kitzelte empfindlich. Imel entspannte und setzte sich wieder.

Arbas wandte sich an Kane. »Wie kommst du denn darauf?«, erkundigte er sich mit vorgetäuschter Bestürzung.

»Nun, ich denke, dass es ganz einfach in seinem Gesicht steht. Es wurde bleich, als er den Ring erblickte. Oder deutest du dies anders?«

»Es kann doch sein, dass ein derart großer Saphir ihn einfach erschreckt hat …«

»Nein, das bezweifle ich. Überhaupt – dies ist ein Amethyst.«

»Das ist doch dasselbe.«

»Nein. Ich glaube, du bist auf der falschen Spur, Arbas. Ich wette, dass Imel soeben daran dachte, dass dieser Ring das letzte Mal, als er ihn sah, an der Hand eines Mannes blitzte, den er kannte. An der Hand dieses großen feigen Bastards, der euch beiden folgte …«

Arbas’ Stimme wurde scharf. »Der uns gefolgt ist! Imel – das wirft ein naives Licht auf mich!« Er drückte die Dolchspitze tiefer. Imels Atem kam in zerrissenen Stößen, als er versuchte, dem Druck des Stahls auszuweichen.

»Das ist eine mycenische Klinge«, erklärte der Mörder dicht an Imels Ohr. »Die Stammesleute aus den Bergen verbringen Wochen damit, den Stahl zu schmieden, ihn gerade so zu formen. Und sie sagen, dass der Stahl schwach und spröde wie eine Klinge aus dem Flachland wird, wenn er nicht ungefähr alle zehn Tage einen tiefen Schluck vom warmen Blut eines Feindes zu trinken bekommt …«

»Mir scheint die Verarbeitung des Dolchs eher pellinisch«, bemerkte Kane trocken.

»Ein pellinischer Handwerker passte das Heft für mich an«, erwiderte Arbas beleidigt. »Jedenfalls schwor jener Edelmann, dem dieser Dolch gehörte, bevor ich ihn tötete, dass es eine mycenische Klinge sei. Der Stahl ist unverwechselbar. Pass auf, wie er durch Imels Kehle gleitet …«

Kane schüttelte den Kopf und stand auf. »Später vielleicht. Aber jetzt – lass ihn atmen. Was geschehen ist, ist geschehen. Ein einzelner Mann folgte euch, und ich habe ihn erwartet. Ich nehme an, dass Imel jetzt offen sprechen wird.« Seine Augen richteten sich auf Imel, fixierten ihn. Heller Zorn brannte jetzt darin. Imel wusste, dass er dem Tod sehr nahe war.

»Wer war er? Warum folgte er dir?«

Kane verzichtete darauf, ihn vor einer Lüge zu warnen. Aber Imel hätte ohnehin nicht lügen können – nicht unter dem Bann, den Kanes Augen auf ihn ausübten.

»Er … er war ein Offizier aus Thovnos … Er begleitete mich, war mein Leibwächter. Ich zog durch die Slums von Nostoblet und versuchte, dich zu finden. Demgemäß hielt ich es für notwendig, dass er mich in diskretem Abstand begleitete. Bevor ich mit Arbas ging, befahl ich ihm, uns zu folgen.«

Kane musterte ihn ausgiebig. »Gut. Du hast Arbas also nicht vertraut – und das mit gutem Grund. Wenn du mit ihm allein gewesen wärst, so hätte er dich ohne Gewissensbisse getötet und dir deine Wertsachen abgenommen … Normalerweise. Nicht jedoch heute Nacht. Ich habe ihm aufgetragen, dich hierherzubringen. Neugier meinerseits … Denn alles, was mir Bindoff von dir sagen konnte, war, dass du der jüngere Spross eines – warum auch immer – verarmten Adelsgeschlechts von Thovnos bist. Ein Mann zweifelhafter Integrität, jedoch bekannt für seine Pfiffigkeit. Du bist mit einem ziemlich seltsamen Empfehlungsschreiben zu ihm gekommen und hast gefragt, wo ich zu finden bin. Das wäre also deine Rechtfertigung – jedoch nichts, was dein Vorgehen entschuldigt. In Lartrox dürstet jede gute Seele nach meinem Blut. Ich kann kein Risiko eingehen. Dass du hierhergekommen bist, war ein Risiko. Dass du in Begleitung gekommen bist, war ein weitaus schlimmeres Risiko. Möglicherweise ist mir das Glück dennoch hold in dieser Nacht, denn nichts wies darauf hin, dass dein Freund seinerseits verfolgt wurde. Jedenfalls war ich gezwungen, weiterhin im Regen zu warten, nachdem ich mich um Einohr gekümmert hatte. Ich musste sichergehen, dass er nicht verfolgt wurde. Du siehst, Imel, ich habe dir nicht vertraut. Deshalb habe ich da draußen zwischen den Felsen am Wegrand gewartet … Ich habe dich und Arbas beobachtet, und dann bin ich deinem Freund begegnet. Ich denke, dass ich ihm einen bösen Schrecken eingejagt habe. Aber – er trug einen interessanten Ring.«

Mit vorgetäuschter Sorglosigkeit warf er den Ring auf den Krimskramshaufen. Dann gab er dem enttäuschten Mörder das Zeichen, den Thovnoser loszulassen. »Noch einmal, Imel: Was führte dich hierher?«

Langsam atmete Imel aus, als der Dolch von seiner Kehle genommen wurde. Schweißperlen brannten in der scharlachroten Linie, die sich quer über seine Kehle zog. Dort, wo ihn der heiße Atem des Mörders getroffen hatte, fühlte sich seine Haut trocken an. Imel riss seine wirbelnden Gedanken zusammen. Er wusste, dass davon sein Leben abhing.

Er begann: »Jemand, der deiner Dienste bedarf, sandte mich hierher … Jemand, der bereit ist, dich königlich zu bezahlen …«

»Tatsächlich? – Das ist zwar ziemlich vage, aber es hat zumindest einen hübschen, hübschen Klang. Also werde genauer. Wie soll ich bezahlt werden?«

»Mit Reichtum, Macht, einer angemessenen Stellung – vielleicht sogar mit einem Königreich.«

»Oho! Jetzt beginnst du, mich zu interessieren! Lass uns die Einzelheiten hören. Besonders jene, die meine ›Dienste‹ betreffen.«

»Sicher. Aber zunächst … Was weißt du von den politischen Angelegenheiten des Thovnosischen Reiches?«