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Anne-Marie Jaren

Isadora und Daeren

Band 3: Die Erkenntnis





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Isadora

 

„Dora!“

Da stand er, in dunkler Hose und weißem Poloshirt, mit einem strahlenden Lächeln. Er sah noch besser aus als in meiner Erinnerung und seine Augen, die mich voller Liebe betrachteten, bekräftigten meine Entscheidung voll und ganz.

„Charles!“

Ich setzte meine Bordtasche und den Koffer achtlos auf dem Boden ab und fiel ihm stürmisch um den Hals. Wie stets roch er trotz der brütenden Hitze draußen kein bisschen nach Schweiß und sein Polohemd saß perfekt knitterfrei.

Er zog mich leicht an sich. Die vertraute Kühle seines Körpers tröstete mich schlagartig. Ich konnte nie erklären, warum seine Gegenwart mir dieses Gefühl gab. Im Allgemeinen war es mir nicht einmal bewusst, einen Trost gebraucht zu haben, bis ich ihn traf. Dann überkam mich dieser Eindruck wie eine plötzlich hereinbrechende Lawine. Jedes Mal, ohne jegliche Vorwarnung. Es glich irgendwie einer Heimkehr, einem Wiedersehen nach langer Trennung, etwas Vertrautem, das verloren gegangen zu sein schien …

„Wie war der Flug?“ Er ließ mich los und schaute mich lächelnd, ebenso besorgt an. „Wir fahren gleich zur Wohnung, damit du dich erst einmal ausruhen kannst.“

„Ach, es war nicht schlimm. Ich habe sogar etwas geschlafen“, beruhigte ich ihn munter.

Seit unserer ersten Begegnung behandelte er mich stets wie ein rohes Ei, als wäre ich in jeder Hinsicht zerbrechlich. Vielleicht lag es daran, dass er mich in, sowohl körperlich als auch seelisch, nicht gerade stabiler Verfassung kennengelernt hatte.

Während wir zum Ausgang liefen, schaute ich mich interessiert um. Der Flughafen erschien mir genauso fremd wie vor zwei Jahren beim Rückflug nach Deutschland. Damals hatte er mich allein hierher begleitet und mir das Versprechen gegeben, mich in Berlin zu besuchen, was er dann tatsächlich gehalten hatte. Er war in den letzten beiden Jahren sogar mehrmals in Berlin gewesen und ich hatte versucht, ihn durch die Stadt zu führen, weshalb er mich seine kleine „German Guide“ nannte.

Nun hatte er mich nach New York eingeladen.

Wie lange meine Aufenthalt hier dauern würde, stand nicht fest. Ich wollte mich erst im Laufe der Zeit entscheiden, so weit die Planung.

Nach meinem Abitur, das ich überraschend exzellent abgeschlossen hatte - wobei Tante Barbara die feste Meinung vertrat, sie hätte ohnehin nichts anderes erwartet –, schwankte ich wie viele andere Abiturienten in der Entscheidung, gleich zu studieren oder lieber ein Jahr im Ausland zu verbringen.

Es war Charles Vorschlag gewesen, zunächst nach New York zu kommen. „Du fliegst einfach hierher und gönnst dir ein paar schöne Wochen. Danach fällt es dir sicher leichter zu entscheiden, ob du weiterbleiben und ein wenig arbeiten willst, um Erfahrung zu sammeln. Du kennst meine Ansicht. So etwas würde ich jedem wärmstens empfehlen. Außerdem käme es mir gerade gelegen, wenn jemand in meinem Appartement wohnen würde, damit es nicht leer steht. Wie du weißt, habe ich vor kurzem ein neues gekauft und wollte das alte meinem Geschäftspartner zur Verfügung stellen. In den Sommermonaten findet eh kein Meeting statt, weshalb du garantiert allein wohnen wirst, und später, falls du dich zu einem längeren Aufenthalt entschließt, ist es sogar besser, wenn du da bist“, versuchte er mich zu überreden, als ich zögerte, sein überaus großzügiges Angebot anzunehmen, und lächelte verschmitzt. „Ehrlich gesagt hoffe ich insgeheim, dass du dich dann ein wenig um meine Gäste kümmern würdest. In dem Fall wüsste ich nicht, wer von uns beiden mehr profitiert. Höchstwahrscheinlich müsste ich dich dafür zusätzlich entlohnen.“

Und genau das war der Grund für mein Zögern. Wenn er es mir nur als Verwandte von Jane und William vorgeschlagen hätte, wäre mir leichter gefallen, sein Angebot anzunehmen.

Damals nach dem Unfall, an den ich keine Erinnerung besaß, verbrachte Charles einige Zeit bei Jane und William, meinen amerikanischen Gasteltern, die nach Kanada in die einsame Wildnis gezogen waren, und half mir über die schwierige Phase hinwegzukommen, in der mein Gedächtnis wie von einer finsteren Nacht ohne einen einzigen Lichtfunken umgeben gewesen war.

Er verhielt sich, seit wir uns kannten, mir gegenüber stets äußerst aufmerksam, was ich etwas naiv als einen Charakterzug von ihm verstanden hatte, bis Mama und Tante Barbara ihn kennenlernten. Ihnen, insbesondere Tante Barbara, genügte ein einziges Treffen, um sein angeblich persönliches Interesse an mir zu erkennen. Anfangs wollte ich es nicht wahrhaben. Es klang einfach absurd. Weshalb sollte ein so überaus erfolgreicher, gut aussehender Mann, der dazu die Aufmerksamkeit von zahlreichen erfahrenen und aufregenden Frauen genoss, sich ausgerechnet in mich verlieben. Ich passte in keiner Weise zu ihm, weder gesellschaftlich noch dem Alter, der Erfahrung oder ganz zu schweigen dem unsicheren Auftreten nach. Nichtsdestotrotz trug Tante Barbaras hartnäckige Behauptung Früchte, so dass ich irgendwann doch begann, seine Gesten und seine Mimik aufmerksamer zu beobachten, ebenso worüber er sprach und wie er mir etwas erzählte. So kam selbst ich zu dem Schluss, dass es mehr als eine flüchtige Zuneigung war, die er für mich empfand. Es kam mir … ja, fast wie Liebe vor, obwohl er weder davon sprach, noch jemals irgendwelche Andeutungen in dieser Hinsicht machte.

Wenn wir zusammen unterwegs waren, achtete er stets darauf, einen gewissen Abstand zwischen uns zu halten, als würde ich zu viel Nähe nicht ertragen. Ich war diejenige gewesen, die ihn als Erste umarmt hatte beim Abschied damals in Amerika. Trotzdem war er der Aufmerksamere von uns beiden und vergaß nie meine Vorlieben oder Gewohnheiten. Selbst die kleinsten Bemerkungen von mir behielt er im Gedächtnis.

Ich hatte ihn sehr gern. Bei ihm fühlte ich mich geborgen wie bei keinem anderen. Nur wusste ich nicht, ob dieses Gefühl schon als Liebe bezeichnet werden konnte. Ob es für eine ernsthafte Beziehung reichte.

Hingegen war sicher, dass er mich tröstete, dass ich mit keinem anderen lieber meine Zeit zusammenverbrachte als mit ihm. Zumal er als einziger schaffte, mich zu spontanem, wirklichem Lachen zu bringen.

Es war mir durchaus bewusst, dass diese Einladung eine Entscheidung verlangte. Letztendlich entschloss ich mich, alles auf mich zukommen zu lassen. Wenn es ihm genügte, was ich ihm gefühlsmäßig entgegenbrachte, dann wollte ich den Schritt wagen und meine Zukunft mit ihm teilen.

 

Tante Barbara betonte stets, wir müssten uns glücklich schätzen, dass der Unfall insgesamt glimpflich abgelaufen sei. Schließlich hatte ich ihn, abgesehen von dem Verlust meiner Erinnerungen an Daeren, meinen damaligen Freund, ohne bleibende Schäden überstanden und konnte mich an alles andere wieder erinnern.

Der Unfall hatte sich auf einer schnurgeraden Strecke ereignet, auf der außer meinem Wagen nur ein weiteres Auto im Gegenverkehr unterwegs gewesen war. Den Aussagen der Zeugen zufolge hatte ich ohne jeglichen erkennbaren Grund abrupt gebremst, so dass der Wagen sich mehrmals überschlagen hatte.

Als meine Erinnerung an den Unfall und an Daeren nach mehreren Wochen gänzlich ausblieb, dazu noch keine einzige Nachricht oder ein Besuch von ihm folgte, stand die Sachlage für alle anderen fest; er hatte mich verlassen, weshalb ich im Schockzustand den Unfall verursacht hatte.

Jedoch traute sich kaum einer in meiner Gegenwart über ihn zu sprechen, weil ich in der ersten Zeit darauf regelmäßig mit heftigen Weinkrämpfen reagiert hatte. Normalerweise neigte ich nicht zu starken Gefühlsausbrüchen und ertrug alles still vor mich hin, schon als kleines Kind. Umso besorgter bemühten sich die anderen, das Thema Daeren zu meiden, so dass alles, was mit ihm zu tun hatte, unerwähnt blieb. Ich selbst versuchte ebenfalls nicht an ihn zu denken, weil es mir dabei immer schlecht ging. Es schmerzte wie eine offene Wunde, die nie heilen würde.

Merkwürdigerweise existierte kein einziges Foto von ihm, so dass ich nicht einmal wusste, wie er ausgesehen haben mochte. Sicher, die anderen hätten es mir sagen können, wenn ich mich jemals getraut hätte, sie danach zu fragen.

Aber wie hätte ich erklären sollen, dass in meinem Gedächtnis nichts über ihn existierte. Es herrschte absolute Leere. Das einzige, an das ich mich zu entsinnen glaubte, waren seine Augen, wobei die Erinnerung an sie jedoch beinah einem Trauma glich. Denn in meinen Träumen erschienen manchmal schmerzvolle tiefblaue Augen, deren Anblick mir jedes Mal das Herz zerriss. Dann wachte ich schweißgebadet auf und musste den Rest der Nacht grundlos weinen. Hinzu kam, dass die nächsten Tage eine zentnerschwere Last auf meine Brust drückte und ich ständig nach Luft ringen musste, obwohl mein Asthma überraschenderweise als völlig geheilt diagnostiziert wurde, ebenso wie meine Fehlsichtigkeit.

Ich brauchte seit meiner Rückkehr aus Amerika weder eine Sehhilfe noch irgendwelche Medikamente. Laut der einhelligen Meinung der Ärzte hinge all das mit der Pubertät zusammen und mit ein wenig Glück würde dieser Zustand weiterhin bestehen bleiben.

Darüber hinaus galt ich seitdem als eines der bestaussehenden Mädchen in unserer Schule. Dazu hatte sich meine schulische Leistung dermaßen enorm verbessert, dass all meine Lehrer, sogar in Mathe, mir mit größtem Wohlwollen begegneten. Eigentlich hätte mein Leben nicht besser laufen können, wenn bloß diese unerklärliche Leere nicht gewesen wäre...

Sicher, besonders lebhaft war ich nie gewesen, aber selbst meine Freunde - dazu zählten lediglich Lena, Mark und Philip, mit allen anderen war ich oberflächlich befreundet - fanden, dass ich depressiv geworden wäre.

Dennoch kam mir wiederum übertrieben vor, meinen Zustand als depressiv zu bezeichnen. Eigentlich berührten mich nur die meisten Dinge nicht mehr so stark wie früher, das war alles.

Zwar sprach keiner in meiner Gegenwart den Grund laut aus, trotzdem wusste ich, welchen Verdacht sie alle hinsichtlich meiner angeblichen Depression hegten.

Daeren.

Nur war mir mangels Erinnerung unmöglich, mich mit ihm auseinanderzusetzen. Außerdem blieb es letztlich eine Vermutung. Vielleicht bedeutete es nichts weiter als ein vorübergehendes alterstypisches Problem. Zumindest hoffte ich das.

In meinem Inneren empfand ich, als verliefe mein Leben ausschließlich im tristen, grauen Monat November. Weitaus seltsamer aber war, dass mir dieses Gefühl erst in Charles Gegenwart bewusst wurde. Und genau diese Erkenntnis brachte mich dazu, mir Mühe zu geben, so fröhlich wie möglich zu wirken, insbesondere Mama und Tante Barbara gegenüber, die mir seit meiner Rückkehr aus Amerika auffallend vorsichtig begegneten.

Zwischen uns lief es anders als bei anderen Teenagern und ihren Eltern. Mama freute sich, wenn ich am Wochenende ausging und erst spät nach Hause kam. Sie ermunterte mich überhaupt stets, mich mit Freunde zu treffen, obwohl die Betreuung für Dorian des Öfteren Probleme verursachte. Aber sie wollte auf keinen Fall, dass ich auf meine Freiheit verzichten musste, um auf meinen kleinen Bruder aufzupassen. Selbst Tante Barbara fand, dass Mama es in dieser Hinsicht übertreiben würde. Sie betonte, es sei etwas völlig Normales, wenn große Geschwister gelegentlich ihre Freizeit für die jüngeren Geschwister opfern würden.

 

„Nein, Barbara. Dora hatte ohnehin keine unbeschwerte Kindheit wegen Günthers frühzeitigem Tod. Ich möchte nicht, dass sie wegen Dorian gerade die schönste Zeit ihres Lebens zu Hause verbringt. Sie soll all das machen dürfen, was alle anderen in dem Alter auch tun“, sagte Mama ungewöhnlich bestimmt.

Sie und Tante Barbara saßen auf einer Parkbank vor einer blühenden Forsythie. Neben ihnen stand der Buggy mit einem friedlich schlummernden Dorian. Ich kam von der Schule zeitiger als erwartet zurück und hatte sie zufällig vom Bus aus gesehen. So war ich zwei Busstationen früher ausgestiegen, wollte mich von hinten anschleichen und sie überraschen. Jetzt verharrte ich jedoch hinter dem Busch und hielt den Atem an.

„Ach, Sandra, übertreib mal nicht. Es schadet ihr ja nun wirklich nicht, wenn sie sich ab und zu um Dorian kümmert. Außerdem macht sie es doch gerne“, versuchte Tante Barbara sie zu beschwichtigen.

„Deshalb ja. Sie ist für ihr Alter viel zu vernünftig und verantwortungsvoll“, entgegnete Mama betrübt.

„Wir müssen ihr mehr Zeit lassen“, entgegnete Tante Barbara leise. „Sie wird darüber schon hinwegkommen.“

„Ich zweifele des Öfteren, ob ihr dies jemals gelingen wird. Manchmal habe ich das Gefühl, sie empfindet nichts mehr“, zitterte Mamas Stimme leicht. An ihrer Hand, die den Kinderwagen sanft schaukelte, traten die Knöchel weiß hervor. „Als ob sie ganz allein auf der Welt wäre, ohne jegliche Hoffnung. Es gibt kein Leben in ihr. Sie leidet nicht einmal …“

„Das wird schon. Sie braucht halt länger als andere. Es war nun mal eine außergewöhnliche Beziehung. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein solches Pärchen gesehen zu haben wie Dora und ihn. Umso schwerer fällt es mir zu glauben, dass sie sich tatsächlich getrennt haben. Dass das überhaupt möglich war … Dabei war ich mir so sicher, er …“, brach Tante Barbara bedrückt ab, fuhr nach einer kurzen Pause auffallend lebhaft fort. „Dieser Charles, da bin ich überzeugt. Es ist ihm absolut ernst. Und was noch wichtiger ist, bei ihm lacht sie. Er ist aber auch so charmant!“

„Ja, schon“, murmelte Mama wenig überzeugt. „Aber ich frage mich, warum sie immer so eine unpassende Wahl trifft. Mark zum Beispiel wäre die deutlich passendere Partie.“

„Mark?“, rief Tante Barbara entrüstet. „Nein, der doch nicht! Also als Kumpel ist er sicherlich ganz in Ordnung, aber niemals als Freund! Nein, er passt auf keinen Fall zu unserer Dora. Ich finde Charles genau richtig! Er sieht mindestens genauso gut aus wie sie, ist zwar etwas älter als sie, aber gerade das ist ja das Gute daran! Bekanntlich verwöhnen ältere Männer jüngere Frauen eher und haben mehr Verständnis. Außerdem was heißt hier älter. So alt ist er nun wirklich nicht, gerade mal acht Jahre! Und das Allerwichtigste ist, dass er nur darauf zu warten scheint, sie auf Händen zu tragen.“

„Ich weiß nicht … Er ist für sein Alter zu selbstsicher. Dazu eine eigene Firma …“

„Ach, du hast dauernd irgendwelche Bedenken. Natürlich ist er selbstsicher, hat auch allen Grund dazu, bei dem Erfolg! Überlege mal, sie hatte schon damals Daeren mit ihrer Art für sich gewinnen können und jetzt wo sie eine Schönheit geworden ist, warum sollte sie nicht einem jungen erfolgreichen und gutaussehenden Mann gefallen?“

Ich schlich mich von der Parkbank fort und wählte einen anderen Weg, um sie von vorne zu erreichen. Weiterlauschen wäre nicht gut gewesen. Das, was ich unbeabsichtigt mitgehört hatte, traf mich genug. Ich ahnte zwar, dass Mama sich meinetwegen Sorgen machte, aber wie sehr wurde mir erst jetzt bewusst. Dabei gab ich mir doch gerade in ihrer Gegenwart so viel Mühe …

Es stimmte, alle anderen vertraten die Meinung, ich sei eine Schönheit geworden. Etliche Mädchen meinten, wenn der Aufenthalt in Amerika bei jedem eine solche Verwandlung hervorrufen würde, würden sie auf der Stelle für ein Jahr nach Amerika fahren wollen.

Lena, die stets einen guten Blick für die äußere Erscheinung hatte, setzte sich mit meiner schier an ein Wunder grenzenden Veränderung sachlicher auseinander.

„Weißt du, früher hattest du jede Menge Flecken auf der Haut und dazu war sie ganz rau und trocken. Jetzt ist sie unheimlich ebenmäßig und glatt geworden, was allein bereits schöner macht. Dann hast du mehr Busen bekommen, hängt wahrscheinlich vom Alter ab, und schöne Augen hattest du ja schon immer. Die anderen haben sie wegen deiner dummen Brille nur nicht gesehen. Außerdem tönst du jetzt deine Haare und machst überhaupt mehr aus dir.“

Früher hätte solch eine Aussage mich gefreut, aber ich hatte irgendwie die Fähigkeit verloren, Freude zu empfinden. Im Grunde meines Herzens war es mir gleichgültig wie ich aussah oder was die anderen dachten. Wie Mama treffend bemerkt hatte, fühlte ich fast nichts mehr und gerade deshalb bemühte ich mich besonders, mich anzupassen, und achtete mehr auf mein Äußeres als früher. Dennoch ließ sich eine Mutter wohl niemals täuschen.

Hinzu kam, dass ich überhaupt kein Interesse an Jungs verspürte. Um lästige Annäherungsversuche des anderen Geschlechts abzuwehren, hielt ich sogar oftmals Marks Hand, wenn wir mit Lena und Philipp gemeinsam unterwegs waren. Mark nahm den Platz eines Bruders ein. Bei ihm war ich mir sicher, dass er bloß freundschaftliche Gefühle für mich hegte.

Mit Charles war es anders. Bei ihm fühlte ich mich einfach geborgen. In seiner Gegenwart erschien mir die Welt heller, als blitzten durch die Dämmerung die ersten Sonnenstrahlen. Es war, als lernten meine Augen etwas von der Umgebung zu erkennen, und das Lachen kam manchmal spontan, nicht bewusst gesteuert wie sonst.

 

Sein Appartement lag wie erwartet in einem für mich schwindelerregend hohen Wolkenkratzer und bot einen fantastischen Blick auf die New Yorker Skyline sowie eine quirlige Großstadt aus einem Meer von Hochhäusern, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte.

Es war sehr geräumig, verfügte über mehrere Zimmer, Bäder und eine Küche, die für einen alleinlebenden Mann, der kaum aß, erstaunlich gut ausgestattet war.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte er, nachdem er meinen Koffer in dem großen hellen Gästezimmer - mit eigenem Bad! - abgestellt hatte, in das ich für die nächsten Wochen oder eventuell gar Jahre einziehen durfte.

„Ja, danke, Wasser. Und bitte ohne Eis.“

Er lächelte wissend. „Daran hast du dich bis zum Schluss nicht gewöhnen können.“ Er holte aus dem Küchenschrank, nicht aus dem Kühlschrank, eine Wasserflasche und goss mir ein Glas ein.

„Du weißt es noch?“, fragte ich überrascht.

Es gab einige Dinge in Amerika, an die ich mich zu gewöhnen bis zum Schluss Probleme hatte, wozu eiskalte Getränke und ebenso die frostigen Raumtemperaturen im Sommer gehörten. Jetzt stellte ich fest, dass es in dem Zimmer deutlich weniger kühl war als in Gebäuden in Amerika üblich.

„Du hast die Klimaanlage wärmer eingestellt“, fügte ich leise hinzu. Er hatte wie stets an alles gedacht. Das hätte ich wissen müssen.

„Mir gefällt es so auch besser. Ich bin selber kühl genug“, antwortete er lapidar.

Das war das Merkwürdige an ihm. Egal wie hoch das Außenthermometer auch kletterte, fühlte er sich stets angenehm kühl an. Und beim letzten Besuch im Sommer in Berlin hatte er gar des Öfteren meine Hand gehalten, um sie mit seiner zu kühlen. Aber in unserer Beziehung hatte es trotzdem keine weitere Entwicklung gegeben. Einerseits sicherlich, weil ich mir über meine eigenen Gefühle im Unklaren war. Andererseits, weil er keinen Schritt in dieser Hinsicht unternommen hatte.

„Ja, im Sommer ersetzt du eine Klimaanlage“, scherzte ich.

Er warf mir einen kurzen Blick zu, der meine Gewissheit verstärkte, dass bald eine Entscheidung anstand. Wenn ihm meine Zuneigung reichte, die ich ihm derzeit entgegenzubringen im Stande war, dann würde ich mich für ihn entscheiden. Schließlich war er der einzige Mensch, der mich wirklich zum Lachen brachte und mir Trost spendete. Auf keinen Fall wollte ich ihn verlieren. Das zumindest wusste ich mit Sicherheit.

„Möchtest du dich ein wenig hinlegen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich sollte lieber versuchen, möglichst lange wach zu bleiben, um mich schneller an die Zeitumstellung zu gewöhnen.“

„Gut, dann gehen wir jetzt in den Park und danach essen. Wenn du dann immer noch munter bist, schauen wir uns die Stadt an“, schlug er lächelnd vor.

Sobald er mich betrachtete, leuchteten seine dunklen Augen voller Wärme, während gleichzeitig beinah zwangsläufig seine Lippen sich zu einem Lächeln formten.

„Central Park, meinst du?“, fragte ich freudig. Von dem hatte ich oft gehört, für mich war er der Park in New York.

„Sicher, ich weiß ja, dass du gerne dahin wolltest“, bestätigte er; meine Wünsche vergaß er nie. Tante Barbara hatte recht. Ein besserer Mann würde nirgendwo zu finden sein.

Das Wetter war ideal für einen Parkbesuch. Ich trug ein leichtes ärmelloses Sommerkleid. Bis vor ein paar Jahren hätte ich mich wegen meiner Neurodermitis niemals getraut, so etwas anzuziehen. Nun schien die Sonne angenehm warm auf meiner Haut und brannte und juckte nicht mehr wie früher. Überhaupt war meine Haut unvergleichlich widerstandsfähiger und schöner geworden. Damit gehörte ich eindeutig zu den beneidenswerten Mädchen - besser gesagt jungen Frauen, schließlich war ich 19 -, die in der Pubertät von einem hässlichen Entlein zu einem schönen Schwan mutierten.

Ich müsste nur noch schaffen, mehr Freude zu empfinden, dann wäre mein Leben perfekt. Eventuell lag es einfach an Hormonschwankungen. Früher jedenfalls gehörte ich eher zu den Menschen, die sich über alles freuen konnten.

Allmählich stellte ich die Vermutung der anderen infrage, mein Gemütszustand solle etwas mit Daeren zu tun haben. Wenn er mir angeblich wirklich so viel bedeutet hätte, müsste doch zumindest ein wenig Erinnerung vorhanden sein. Aber da war nichts. Und was wichtiger war: Ich fühlte nichts, wenn ich an ihn dachte. Kein bisschen Schmerz, Wehmut oder Herzflattern. Absolut nichts. Einzig die seltenen nächtlichen Träume von seinen schmerzerfüllten Augen machten mir zu schaffen. Und es waren diese Augen, die mich an der Spekulation, er habe sich von mir getrennt, zweifeln ließen. Denn sie waren eindeutig die eines Verlassenen, der weiterliebte.

Andererseits aus welchem Grund hätte ich ihn verlassen sollen? Und warum erinnerte ich mich an nichts? Nein, irgendwie musste es für all das eine andere Erklärung geben. Außerdem kamen die Träume erst seitdem ich wieder in Deutschland war und nicht gleich nach dem Unfall.

Es wurde Zeit, dass ich anfing, mein Leben in die Hand zu nehmen und mir selbst zu meinem Glück zu verhelfen. Deshalb war ich hier. Charles war nicht nur aufmerksam und in jeder Hinsicht verständnisvoll, er war auch erfolgreich und selten gut aussehend. Vor allem war das Allerwichtigste, dass er mich liebte, wie mir in dieser kurzen Zeit unseres Wiedersehens deutlich bewusst wurde. Sein bisheriges Zögern beruhte höchstwahrscheinlich darauf, dass er mir Zeit geben wollte, mir selbst über meine Gefühle klar zu werden. Er war halt erfahrener und rücksichtsvoller als die meisten anderen Menschen.

 

Da der Park mir gefiel und ich einen starken Bewegungsdrang nach dem langen Sitzen im Flugzeug spürte, verbrachten wir dort eine ziemlich lange Zeit. Wie stets war er ein fürsorglicher, aufmerksamer Begleiter, der nicht nur jede Menge interessante Dinge zeigte und erklärte, sondern ebenso auf meine Bedürfnisse, wie Hunger oder Durst, achtete. Obwohl er selbst selten aß oder trank, vergaß er nie, dass ich ein guter Esser war und welche Speisen zu meinen Lieblingsgerichten zählten. So probierte ich seinem Rat folgend den bestschmeckenden Hot Dog meines Lebens – er war Vegetarier, verhielt sich aber immer tolerant gegenüber meinem Appetit auf Fleisch – und fühlte mich fast glücklich. Ein beinah vergessenes Gefühl.

Als wir wieder loszogen, grinste ich ihn von der Seite an und schob meine Hand in seine.

„Brauchst du eine Klimaanlage?“, fragte er lächelnd und umschloss sanft meine Hand.

„Ich bin froh, dich zu sehen“, antwortete ich einfach.

Das Lächeln breitete sich über sein Gesicht aus. „Ich erst“, flüsterte er, während der Druck seiner Hand zunahm.

Nach der Rückkehr in die Wohnung übermannte mich doch die Müdigkeit.

„Bist du sehr enttäuscht, wenn ich mich jetzt hinlege?“, fragte ich mit einem schlechten Gewissen. An sich stand noch ein Willkommensdiner auf unserem Plan.

„Nein, du hast ohnehin wesentlich länger durchgehalten, als ich vermutet habe“, sagte er verständnisvoll. „Ich weiß ja, wie viel Schlaf du brauchst.“

Er gehörte zu den Menschen, die mit extrem wenig Schlaf zurechtkamen und hatte mich seit Langem wegen meines erhöhten Schlafbedarfs aufgezogen.

„Wie wäre es, wenn du mich nach einer Stunde wecken würdest, dann könnten wir doch noch essen gehen“, schlug ich besorgt vor. Schließlich hatte er bislang nichts zu sich genommen.

„Nein, ich kann hier eine Kleinigkeit essen. Wenn du keinen Hunger hast, gehe lieber richtig ins Bett. Wir haben genug Zeit. Du weißt, ich habe Urlaub.“

„Schade, das wäre echt praktisch, wenn ich genauso wenig Schlaf bräuchte wie du.“

„Es gibt Menschen, die benötigen mehr als du. Außerdem können wir dafür morgen umso früher losgehen, was sowieso zu empfehlen ist, denn die meisten Touristenattraktionen muss man eh zeitig besuchen“, versuchte er mich zu trösten und stand gleich auf, um mir auffordernd seine Hand zu reichen.

Dankbar ergriff ich sie und ließ mich an beiden Händen hochziehen, wobei ich unbeabsichtigt in seine Arme fiel. Er roch so herrlich nach frischem Wind und seine Brust fühlte sich durch das Hemd so angenehm kühlend an, dass ich am liebsten in dieser Position im Stehen eingeschlafen wäre.

Er schob mich sanft von sich und drückte kaum spürbar einen leichten Kuss auf meine Stirn.

„Schlaf schön, Dora.“

Jedes Wort floss in mich wie eine Liebkosung und schickte ein wohliges Kribbeln durch die Adern.

 

Am nächsten Morgen erwachte ich, wie er prophezeit hatte, bereits beim Morgengrauen. Daher erschien ich frühzeitig fertig gekleidet in der Küche und entdeckte ihn zu meiner Überraschung beim Rühren des Haferbreis.

„Guten Morgen“, begrüßte er mich gut gelaunt. „Dein Essen ist gleich fertig.“

„Guten Morgen, du bist ja schon wach“, grüßte ich ihn verblüfft zurück. „Und machst sogar Essen.“

„Du weißt doch, ich schlafe kaum“, erwiderte er und füllte den Brei in eine kleine Schüssel. „Ich hoffe, er ist so geworden, wie du ihn magst.“

„Bestimmt, du machst doch alles gut“, erwiderte ich spontan.

Er warf mir ein belustigtes Lächeln zu und stellte die Schüssel auf den Tisch. „Seit wann schmeichelst du mir?“

„Ich sage bloß die Wahrheit“, konterte ich ungerührt und nahm Platz.

Er setzte sich mir gegenüber. „Du siehst wunderschön aus“, entschied er mich gefällig musternd.

Ich grinste. „Und seit wann schmeichelst du mir?“

Seine Mundwinkel zogen sich nach oben. „Meinen Mund verlässt ebenfalls ausschließlich die Wahrheit. Ich mag es, wenn du die Haare hochsteckst, dadurch kommt dein Hals besonders schön zur Geltung.“

Wie zur Bekräftigung seiner Aussage glitt sein offener Blick, zu dem eindeutig nur ein hoffnungslos Verliebter fähig war, von meinem Gesicht zu meinem Hals.

„Oh, das wusste ich nicht. Gut, dann werde ich sie in Zukunft immer so tragen“, entgegnete ich etwas verlegen.

Er sah mir in die Augen. „Es freut mich, dass dir meine Meinung wichtig zu sein scheint.“

„Sie ist mir sehr wichtig“, gab ich flüsternd zu. Gleichzeitig wurde mir bewusst, meine Entscheidung soeben laut kundgetan zu haben.

Wir verließen die Wohnung am frühen Morgen. Der Tag versprach genauso warm zu werden wie gestern. Wie Abermillionen vor mir besuchten wir die bekannten New Yorker Sehenswürdigkeiten wie das Empire State Building, das Rockefeller Center und das berühmte Naturkundemuseum.

Er führte mich durch all diese Orte wie ein professioneller Guide, nein, besser, so charmant und fürsorglich war kein Guide der Welt. Er schaffte spielerisch mein Interesse zu wecken, so dass ich ihm die ganze Zeit gebannt zuhörte und vieles wahrnahm, auf das ich allein niemals aufmerksam geworden wäre.

Als wir nach dem üppigen Dinner in einem feinen Restaurant, in dem ich mich anfangs ziemlich unwohl fühlte, aber es durch seine behutsame Hilfe und Gespräche letzten Endes vollauf genießen konnte, zur Wohnung zurückkehrten, war es bereits spät.

Ich stand am Fenster und beobachtete fasziniert die für mich ungewohnte Nachtsilhouette einer Wolkenkratzer-Stadt mit ihren bunten Lichtern.

Er stellte sich dicht hinter mich. „Bist du müde?“, fragte er leise und ließ seine Hände auf meine Schultern sinken. Sie kühlten angenehm meine von der Sonne erhitzte Haut.

„Nein, es war wunderschön“, sagte ich, legte meine Hände auf seine und fügte leise hinzu. „Dank dir.“

Ich spürte seinen kühlen Atem auf meinem Nacken und schloss die Augen. Die Entscheidung war gefallen, ich würde bei ihm bleiben. Bei keinem anderem fühlte ich mich geborgener.

Seine Lippen berührten leicht wie ein Windhauch meinen Nacken, streiften den Hals entlang bis zur Schulter, dann drehte er mich sanft zu sich um. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und schaute zu ihm auf. Seine nachtschwarzen Augen erwiderten meinen Blick voller Liebe.

„Hast du überhaupt eine Ahnung, wie sehr ich dich liebe?“, fragte er leise, während er mich vorsichtig in seine Arme schloss, als wäre ich zerbrechlich.

„Nein, sag es mir“, bat ich flüsternd, den Blick fest in seine dunklen, leuchtenden Augen geheftet.

„Ich habe dich seit unserer ersten Begegnung geliebt. Aber ich wusste, dass viel Geduld nötig wäre. Du warst noch so jung“, gestand er endlich und zog mich näher an sich.

„Jetzt musst du nicht mehr geduldig sein“, hauchte ich überzeugt und streckte mein Gesicht zu ihm empor. Meine Augen schlossen sich von selbst erwartungsvoll, als seine Lippen sich sanft auf meine legten.

Im selben Moment blitzten durch meine geschlossenen Lider jene blauen Augen aus meinen Träumen auf. Erschrocken riss ich meine Augen auf. Die riesigen tiefblauen Augen, in denen unvorstellbare Qual lag, füllten den gesamten Raum vor mir. Ein unerträglicher Schmerz durchfuhr meinen Körper. Unwillkürlich aufkeuchend sank ich in die Tiefe.

„Dora, Liebes. Hörst du mich?“, erklang Charles sanfte, aber bestürzte Stimme. Benommen schlug ich meine Augen auf und erblickte sein besorgtes Gesicht dicht vor mir.

„Was … war …“, stieß ich mühsam hervor.

„Du hast plötzlich aufgestöhnt und das Bewusstsein verloren“, sagte er und legte seine Hand auf meine Stirn. „Du bist sehr blass. Hast du irgendwo Schmerzen? Möchtest du etwas trinken?“

„Ja, trinken wäre gut“, krächzte ich durch meine zugeschnürte Kehle.

In Windeseile brachte er ein Glas Wasser, stellte es auf den Tisch und hob vorsichtig meinen Kopf hoch. Erst da merkte ich, dass ich auf der Couch lag und richtete mich mit seiner Hilfe auf. Mein Körper war schwach wie nach einer langen Krankheit. Selbst das Trinken kostete Mühe, so dass ich nach ein paar Schlucken meinen Kopf erschöpft an seine Schulter sinken ließ.

Er stellte das Glas zurück und legte seinen Arm liebevoll um mich. „Wie fühlst du dich?“, fragte er besorgt und strich mir zärtlich meine Haare aus dem Gesicht.

Ich lehnte mich enger an ihn, vergrub mein Gesicht an seiner kühlen Brust. Mein Herz schlug wie wild.

„Diese Augen …“ murmelte ich schwer atmend.

„Welche Augen?“, fragte er irritiert.

„Ich weiß es nicht. Ich träume manchmal von irgendwelchen Augen, die ich nicht kenne. Aber bisher habe ich sie nur im Traum gesehen“, antwortete ich schwach. Ich fühlte mich ganz benommen.

Abrupt ließ er seine Hand sinken, die bislang meinen Rücken sanft gestreichelt hatte.

„Wie … sehen sie aus?“ Seine Stimme klang merkwürdig gepresst.

„Sie sind tiefblau und so … leidend.“ Kaum sprach ich es aus, zog sich mein Herz krampfartig zusammen. Erneut rang ich nach Atem.

Plötzlich spürte ich eine starke Anspannung seines Körpers, hob verwundert meinen Kopf und erschrak. Er war vollkommen blass. Was mich aber zutiefst erschütterte, waren seine dunklen Augen, die mich mit demselben gequälten Ausdruck anblickten wie jene tiefblauen. In ihnen war keine Spur mehr von der Liebe zu finden, die bis vor Kurzem so warm aufblitzte, wenn er mich ansah.

Die Erkenntnis traf mich vollkommen unvorbereitet. Dass es vorbei war. Dass ich ihn verloren hatte. Für immer. Verwirrt von meiner Gewissheit, die durch nichts zu erklären war, starrte ich ihn bloß groß an.

Er schloss kurz seine Augen und als er sie wieder aufschlug, war der schmerzhafte Ausdruck aus ihnen verschwunden. Sie wirkten nun leblos, gänzlich leer.

„Es ist besser, wenn ich jetzt gehe“, sagte er leise.

„Charles“, hauchte ich verzweifelt.

Meine Gefühle überschlugen sich, übernahmen all meine Handlungsfähigkeit und machten mich sprachlos. Mein Verstand begriff nicht, warum er gehen wollte, warum er so reagierte, wenngleich mein Herz irgendwie einsah, dass ihm keine andere Wahl blieb.

„Du hast die Schlüssel und kannst selbstverständlich hier wohnen, solange du möchtest. Jane und William wollten dich morgen oder übermorgen besuchen kommen. Vielleicht schaue ich nach ein paar Tagen vorbei“, sprach er emotionslos wie eine Maschine und stand auf.

Zitternd erhob ich mich. Durch eine dichte Nebelwand beobachtete ich, wie er die Wohnungstür öffnete und hinausging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Das Licht aus dem Flur warf hinter ihm einen langen dunklen Schatten, dann fiel die Tür zu.

„Charles, bitte verlasse mich nicht“, flehte meine erstickte Stimme.

Sie hallte in die Dunkelheit des leeren Eingangsbereichs. Wie versteinert stand ich da und starrte auf die Tür. Irgendwann ließ ich mich auf den Boden sinken und begann zu weinen. Soeben erlosch der letzte Hoffnungsschimmer, das letzte Licht in meinem Leben, ohne dass ich hätte erklären können, wie es geschehen war.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Es wehte ein leichter Luftzug ins Zimmer und vom Eingang klang leise ein Geräusch, wie beim Schließen einer Tür.

Charles, er ist doch zurückgekehrt, schoss mir durch den Kopf.

Hastig sprang ich auf und eilte stolpernd zur Tür. Der Eingangbereich lag in völliger Dunkelheit. Ich glaubte schemenhaft den Umriss eines Menschen zu erkennen.

„Charles?“, zitterte meine Stimme hoffnungsvoll.

Aber er gab keine Antwort.

Mit einem Mal schlug eisige Kälte auf meine Brust und schnürte mir die Kehle zu. Meine Hand tastete nach dem Lichtschalter. Dann umgab mich die Finsternis.