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Alfred Bekker, Wolf G. Rahn

September-Morde 2018: Krimi-Sammelband

Cassiopeiapress Thriller Spannung





Vesta
80331 München

September-Morde 2018: Krimi-Sammelband

von Alfred Bekker, Wolf G. Rahn, Cedric Balmore, Earl Warren

 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:


Alfred Bekker: Bluternte 1929 – Umgelegt in Chicago

Cedric Balmore: Als Mörder empfiehlt sich

Earl Warren: Das Terror-Team

Wolf G. Rahn: HK Greif – das letzte Wort hat der Tod

Wolf G. Rahn: HK Greif und der unheimliche Nachbar



Der Profikiller Skip Penny soll die reiche Erbin Kate Canberry während eines Maskenballs des Canberry-Clans töten – den Auftrag erhält er von ihr selbst. Derweil engagiert Kathy Canberry, Kates Cousine, den Privatdetektiv Jack Braden unter dem Vorwand, darauf zu achten, dass den Damen der illustren Gesellschaft auf dem Kostümfest nicht die Juwelen abhanden kommen. Beide Cousinen leben bei ihrem Onkel John L. Canberry, nachdem ihre Eltern bei einem Bootsunglück vor zwanzig Jahren ums Leben kamen. Seitdem war der jüngere der drei Canberry-Brüder Alleininhaber des Imperiums und es kursierte schon immer das Gerücht, dass er am Tod seiner Brüder schuld war – was einen perfiden Racheplan zur Folge hat ...

 

Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Bluternte 1929 - Umgelegt in Chicago

von Alfred Bekker





Historischer Kriminalroman aus der Zeit von Al Capone 
Irgendein kalter Tag in Chicago. Man schrieb das Jahr 1929. Ein böses Jahr, ein böser Tag. 
Aber ich will mich nicht beklagen, schließlich lebe ich noch, sonst könnte ich diese Story auch gar nicht erzählen... 
Kriminalroman von Alfred Bekker in der Tradition von Hammett und Chandler - angesiedelt im Chicago der 1920er Jahre .


Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Jack Raymond, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.



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Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de


Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.


1

Irgendein kalter Tag in Chicago. Man schrieb das Jahr 1929. Ein böses Jahr, ein böser Tag.

Aber ich will mich nicht beklagen, schließlich lebe ich noch, sonst könnte ich diese Story auch gar nicht erzählen.



2

Es gibt Tage, an denen geht alles schief. Und genau so einer lag gerade hinter mir, als ich Clunkys „Speakeasy“ aufsuchte, eines jener illegalen Schnapslokale, die in Chicago und anderswo aus dem Boden sprießen wie faulige Pilze.

Ich brauchte jetzt einen Drink, sagte am Eingang das Passwort und wurde eingelassen.

Als ich an die Theke trat stellte Clunky, ohne ein überflüssiges Wort zu verlieren, etwas Hochprozentiges vor mich hin. Der erste Schluck brannte noch etwas in der Kehle, aber um einen Teil meiner Probleme mit hinunter zu spülen, dafür reichte er. Ich stellte das geleerte Glas auf den Tresen und Clunky schenkte nach.

An diesem verfluchten Tag hatte ich einen Mann erschossen, nachdem dieser meinen Klienten erledigt hatte.

Ich fand, dass ich mir ein Recht auf schlechte Laune redlich verdient hatte, nahm meinen Drink und verzog mich damit in die hinterste Ecke. Mir war heute ausnahmsweise nicht nach Theken-Gequatsche.

Falls ich später nicht mehr in der Lage wäre, meinen 1924er Plymouth zu fahren, den ich ganz in der Nähe abgestellt hatte, war das nicht so schlimm. Mein 1-Zimmer-Apartment befand sich nur vier Blocks entfernt und bis dahin schaffte ich es in jedem Fall noch zu Fuß.

Ich schloss für ein paar Momente die Augen und war allein mit mir und meinen Gedanken.

Ein Mann namens Zach Allister hatte mich vor einer Woche angesprochen. Er hatte ein Mitglied des irischen Syndikats um eine Menge Geld geprellt und jetzt fürchtete er um sein Leben. Zur Polizei konnte er nicht gehen, weil die ihm ein paar unangenehme Fragen gestellt hätte. Also wandte er sich an mich, Pat Boulder – Privatermittler und wenn es sein muss auch mal Bodyguard. Eine Woche schaffte ich es, meinen Klienten am Leben zu halten. Ich riet ihm, besser aus der Stadt zu verschwinden. Nach dem, was er verbockt hatte, war die Windy City einfach kein Pflaster mehr für ihn, aber leider hatte er das nicht einsehen wollen.

Wer nicht hören will muss fühlen oder bekommt manchmal auch ein Kugel ab.

Das Gespräch, dass wir in meinem Büro in der Ecke South Franklin/Monroe Street geführt hatten, ging mir in diesem Augenblick durch den Kopf.

„Ich habe hier dringende Geschäfte, Mister Boulder!“

„Kleines Rendezvous mit dem Leibhaftigen – oder was sollen das für Geschäfte sein?“

„Werden Sie nicht zynisch, Boulder!“

„Sie sind so tot wie ein paar eingeschlafene Füße, wenn Sie nicht bald von hier verschwinden. Die Leute, mit denen Sie sich angelegt haben, fackeln nicht lange!“

„Das werden wir ja sehen!“

„Die machen ein Sieb aus Ihnen!“

„Was Sie verhindern werden, Boulder! Ich zahle Ihnen das Doppelte Ihres üblichen Satzes! Hören Sie, ich weiß, dass Sie gut sind. Aber ich weiß auch, dass Sie Geld brauchen.“

Wir hatten beide Recht gehabt und jetzt lag Zach Allister in der städtischen Leichenhalle, voll gepumpt mit Blei. Es war in einem Diner in der Washington Road passiert. Mein Klient war aufgestanden, um sich beim Geschäftsführer über die Qualität des Kaffees zu beschweren, da war ein Kerl mit einer MPi in den Händen herein gestürmt und hatte ihn einfach niedergemäht.

Lange hatte sich dieser Hit-man allerdings nicht darüber freuen können. Ein gezielter Schuss aus meinem 38er war für ihn das Aus gewesen.

Es waren nicht die anschließenden Verhöre bei der Polizei, die mich den letzten Nerv gekostet hatten, sondern die Aussicht, dass sich die Geschichte herumsprach. Ein Mann, den ich hätte schützen sollen, war tot. Eine gute Reklame war das nicht gerade. Welcher Klient sollte da noch Vertrauen fassen?

„Sind Sie Mister Boulder?“, riss mich eine weibliche Stimme aus meinen Gedanken. „Mister Pat Boulder!“, wiederholte sie und betonte dabei meinen Vornamen auf eine Weise, die es in sich hatte.

Ich öffnete die Augen und sah eine Frau von Ende zwanzig. Das Haar war dunkel, ihr feingeschnittenes Gesicht wurde von zwei grünblauen Augen beherrscht und die Silhouette, die man unter dem eng anliegenden Kleid erahnen konnte, war atemberaubend. In der einen Hand hielt sie ein halbleeres Glas, in der anderen eine Zigarette, die allerdings noch nicht brannte.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen, Mister Boulder?“

„Sie dürfen. Aber Sie haben sich einen schlechten Tag ausgesucht, um mit mir anzustoßen.“

„Ach, ja?“

„Erwarten Sie besser nicht, dass ich heute vor Witz nur so sprühe oder Sie sich geistreich mit mir unterhalten könnten!“

„Keine Sorge, Mister Boulder! Aber Feuer haben Sie doch bestimmt noch, oder?“

Ich langte in die Seitentasche meines Jacketts und holte die Streichhölzer hervor. Sie beugte sich vor, damit ich ihr Feuer geben konnte. Anschließend setzte sie sich und ich zündete mir auch eine an.

Nachdem ich den ersten Zug genommen hatte, trank ich mein Glas leer und verzog das Gesicht. „Richtiger Bourbon ist was anderes als dieser Fusel…“

„Mister Boulder…“

„Jetzt reden wir mal Tacheles. Wer sind Sie und wer hat Ihnen meinen Namen gesagt?“

Irgendwo lachte jemand sehr schrill und zog damit die Aufmerksamkeit aller auf sich. Für die junge Lady, die an meinem Tisch Platz genommen hatte, bedeutete dies, dass sie ein paar Sekunden länger Zeit hatte, sich eine vernünftige Antwort zu überlegen.

Sie beugte sich etwas über den Tisch und sprach anschließend mit gedämpfter Stimme.

„Mein Name ist Jessica Rampell. Und wer Sie sind weiß ich von Clunky.“

„Sagen Sie bloß, der redet mit Ihnen!“

„Ja, stellen Sie sich vor!“

„Anscheinend haben Sie das gewisse Etwas!“

Sie lächelte etwas spöttisch. „Das wird es wohl sein.“

Ich grinste zurück. „Da stehe ich einmal nicht an der Theke, sondern verzieh mich gegen meine sonstige Gewohnheit an einen Tisch und schon verpasse ich ein historisches Ereignis: Den Augenblick, in dem Clunky Small Talk macht!“

„So würde ich das nicht bezeichnen.“

„So?“

„Ich fragte ihn nach jemandem, der mir bei einer ziemlich delikaten Sache irgendwie weiterhelfen könnte!“

Ich zog an meiner Lucky Strike und war auf einmal wieder so nüchtern wie ein reformierter Prediger.

„Worum geht es?“

„Clunky hat erzählt, Sie seien ein guter Privatdetektiv.“

„Ich nehme 25 Dollar am Tag plus Spesen. Wenn Sie das aufbringen können, mache ich fast alles für Sie.“

„Gut zu wissen.“

„Aber nur fast alles.“

Ich dachte bei ihr an einen untreuen Ehemann, den es zu beschatten galt. Die Tatsache, dass die Kleine keinen Ehering trug, musste nichts heißen. Vielleicht hatte sie ihn vor lauter Wut schon versetzt. Eigentlich ein Job, den ich hasste wie die Pest. Aber nach der Schießerei in dem Diner sehnte ich mich geradezu nach einem langweiligen Job.

Immerhin schreckte sie mein Preis nicht und das hielt ich schon einmal für ein gutes Omen. Aber wenn ich mir das edle Armband und die Perlenkette so ansah, dann war eigentlich auch nichts anderes zu erwarten gewesen.

Doch im Hinblick auf die Art von Jessica Rampells Auftrag sollte ich mich ziemlich gründlich getäuscht haben.

Sie blies mir ihren Rauch entgegen. Vielleicht hatte sie das im Kino gesehen und hielt es für weltläufig.

„Clunky sagt, Sie würden ńe Menge Leute kennen!“

„Wenn Clunky das sagt…“

„Sie kommen doch viel herum, oder!“

„Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?“

„Ich brauche jemanden, der einen unauffällig über den See nach Kanada bringen könnte. Die Alkoholschmuggler fahren doch diese Route…“

„Ja, und es werden regelmäßig welche von ihnen geschnappt.“

„Dann wäre es besser, wir hätten neue Papiere?“

„Wir? Sie sind zu mehreren?“, hakte ich nach, bekam aber zunächst keine Antwort. „Wahrscheinlich wäre Ihnen eine Reise ohne Fragen und ohne Papiere am liebsten.“

Sie nickte lächelnd.

„Ja, so ähnlich“, gab sie zu.

„Was haben Sie auf dem Kerbholz?“

„Ja oder nein?“ Ihre Stimme hatte jetzt einen harten, metallischen Klang bekommen. Ihre grünblauen Augen erinnerten mich an die Augen einer Katze.

„Ich kann mich ja mal für Sie umhören“, sagte ich vage.

Sonderlich scharf war ich auf diesen Job nicht. Wenn schon die Klientin nicht genau weiß, was sie eigentlich will, gibt so etwas immer nur Komplikationen.

„Da wäre ich Ihnen sehr dankbar, Mister Boulder.“

„Wie kann ich Sie erreichen?“

„Überhaupt nicht. Ich werde Sie in den nächsten Tagen anrufen.“

Ich war etwas überrascht. Aber die Klientin ist Königin und es gab keinen Grund, sich auf ihre Bedingungen nicht einzulassen.

„In Ordnung“, stimmte ich zu. „Ganz wie Sie wollen!“

Ich langte in meine Brieftasche und gab ihr eine meiner Karten.

Sie nahm sie an sich, warf einen kurzen Blick darauf und steckte sie dann in ihre Handtasche.

„Bis wann wollen Sie denn verschwinden?“, fragte ich noch.

„Spätestens Ende der Woche. Im Übrigen brauche ich zwei Plätze!“

„Verstehe“, log ich. Ich witterte irgendeine Romeo- und Julia-Geschichte, aber davon wollte ich im Moment eigentlich nichts weiter hören.

„Im Erfolgsfall bekommen Sie 100 Dollar zusätzlich!“, versprach sie mir. Dann holte sie ihre Brieftasche hervor und legte mir genau 25 Dollar auf den Tisch. „Und das ist dafür, dass Sie auch sofort damit anfangen, sich um meinen Fall zu kümmern!“

Ich lächelte dünn. „Geld beflügelt meinen Einsatzeifer immer ungemein“, gab ich zu, sammelte die Scheine ein, während ich die Lucky Strike im rechten Mundwinkel aufglimmen ließ und steckte die Beute des heutigen Tages in die Jackettinnentasche.

„Es ist wirklich dringend, Mister Boulder!“

„Es hat mich gefreut, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Ma’am!“, sagte ich.

Sie erhob sich und so tat ich es ebenfalls.

„Ich muss jetzt leider gehen“, erklärte sie und rauschte davon. Ich sah ihr noch ein paar Augenblicke nach, ehe sie sich in der Menge von Trinkern, die sich inzwischen in dem Speakeasy eingefunden hatte, verlor.

Ich atmete tief durch und dachte : So endet dieser verdammte Tag ja doch noch einigermaßen erträglich!

Wer hätte das für möglich gehalten?



3

Eine Woche verging, ohne dass sich Jessica Rampell bei mir meldete. Ich tat gerade so viel, wie es mir für 25 Dollar angemessen erschien und erkundigte mich nach Möglichkeiten, ohne Aufsehen über den See zu kommen.

Ansonsten hatte ich in dieser Woche nicht viel zu tun. Die meiste Zeit über saß ich in meinem Büro, legte die Füße auf den Tisch, trank Bourbon und musste mir von meiner Sekretärin Kitty Meyerwitz Vorhaltungen darüber machen lassen, dass bald Ebbe in der Kasse wäre.

„Trösten Sie sich, Kitty! Auf die Ebbe folgt unweigerlich die Flut“, sagte ich.

Sie stemmte ihre schlanken Arme in die Hüften. „Sprechen Sie von einer Bourbon-Flut?“

„Wo bleibt Ihr Optimismus?“

„Den habe ich verloren, seit Joe tot ist und ich darauf angewiesen bin - wir darauf angewiesen sind! -, dass Sie die Fische an Land ziehen.“

Sie spielte damit auf meinen erschossenen Partner Joe Bonadore an, dessen leerer Schreibtisch mich täglich daran erinnerte, dass der Job, den ich machte, nicht ganz ungefährlich war.

Es regnete tagelang Bindfäden. Vielleicht war das der Grund dafür, dass sich einfach niemand in mein Büro verirrte. Nicht einmal die untreuen Ehemänner schienen bei dieser Witterung vor die Tür zu gehen. Es war wie verhext.

Immerhin hatte ich ausführliche Gelegenheit dazu, die Chicago Tribune von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.

Die Sache mit meinem erschossenen Klienten war einmal auf der dritten Seite. Dann gab es in den folgenden Ausgaben noch ein paar Nachberichte auf den Seiten 18 und 19. Hier in Chicago ist eine Schießerei, bei der es nur einen Toten gibt, keine große Sache.

Die verletzten Angestellten des Diners wurden überhaupt nicht erwähnt. Mein Name allerdings leider schon. Na großartig!, dachte ich. Diese Werbung fehlte mir gerade noch.

Es war Sonntag, als der Regen endlich nachließ. Ein kühler Wind fegte jetzt vom Lake Michigan her durch die Straßen.

Ich verschlief den Großteil des Sonntags in meinem Ein- Zimmer-Apartment in der North Side. Die Nacht davor hatte ich in verschiedenen Speakeasys zugebracht. Mein Kopf drohte zu platzen.

Am Nachmittag stand ich auf und versuchte mit Aspirin, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich war gerade angezogen, da klopfte es heftig an der Tür.

„Chicago Police Department! Machen Sie auf!“, knurrte eine heisere Stimme dumpf hinter der Tür.

Ich trat seitlich neben die Tür und öffnete einen Spalt.

Die Vorhängekette verhinderte, dass die Tür durch den Fußtritt, der dann folgte, zur Seite flog.

„Hier Lieutenant Quincer! Machen Sie auf, Boulder!“

Ich atmete tief durch. „Konfuzius sagt: Eile mit Weile!“

„Woher haben Sie denn den Schwachsinn, Boulder?“

„Ich hatte mal einen chinesischen Klienten…“

Ich nahm die Kette weg. Lieutenant James Quincer trat mit zwei weiteren Polizisten ein.

Quincer war blond, Ende dreißig und etwa 1,75 m groß. Das breite Grinsen saß so schief wie sein Hut. Leider brachte es mein Job mit sich, dass ich diesem unsympathischen Kerl mit dem Gemüt eines Schlachters immer wieder über den Weg lief. Seiner Meinung nach gehörten Leute wie ich nicht auf die Straße. Ich redete mir immer ein, dass es der pure Neid auf jemanden war, der nicht vor irgendwelchen Vorgesetzten zu katzbuckeln brauchte, was ihn zu einem Arschloch erster Klasse machte.

Aber wahrscheinlich war es etwas Persönliches.

Oder meine roten Haare. Aber das spielte eigentlich keine Rolle.

Ich nahm mir jedes Mal aufs Neue vor, Lieutenant Quincer hinzunehmen wie schlechtes Wetter.

Es gelang mir nie.

„Kommen Sie mit, Boulder und stellen Sie keine unnützen Fragen!“

„Was liegt vor? Geht’s noch mal um die Schießerei im Diner? Ich dachte, dazu wäre alles gesagt.“

„Halten Sie einfach die Klappe und kommen Sie mit.“

„Bin ich verhaftet?“

„Wenn Sie sich nicht beeilen, hole ich das nach. Captain Chesterfield wartet auf Sie in der Morgue.“

In meinem Hirn arbeitete es fieberhaft. Mit Chesterfield, Quincers Dienstvorgesetzten, verstand ich mich wesentlich besser. Wenn sich der Leiter der Mordkommission mit mir in der Leichenhalle treffen wollte, konnte das nur heißen, dass es jemanden erwischt hatte, von dem er annahm, dass ich ihn kannte.

Ich zog also Weste, Jackett und Mantel über und meinte: „Mein Wagen steht eine Straße weiter.“

„Sie kommen mit uns“, bestimmte Quincer und ließ dabei an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

„Der Privatdetektiv als natürlicher Feind des Polizisten – wer hat Ihnen nur diesen Floh ins Ohr gesetzt, Quincer?“

„Wenn Typen wie Sie uns nicht dauernd ins Handwerk pfuschen würden, könnten wir unseren Job wenigstens richtig machen!“

Ich lächelte dünn. „Und wenn Typen wie Sie Ihren Job richtig machen würden, würde niemand Leuten wir mir Aufträge geben!“

Quincer lief rot an.

Er ballte die Faust und holte aus. Einer seiner beiden Kollegen hielt ihn mit Mühe zurück. Seine Nasenflügel bebten.

„Nur zu!“, sagte ich. „Gewalt gegen unbescholtene Bürger macht sich immer schlecht in den Personalakten – und Chesterfield würde Sie vierteilen, weil das auf seine Abteilung zurückfällt.“

Quincer atmete tief durch und befreite den Arm, den sein Kollege wie in einem Schraubstock gehalten hatte. „Glück gehabt, Boulder!“

„Wer sich so schlecht beherrschen kann, fliegt früher oder später raus, Quincer! Lassen Sie es sich gesagt sein!“

„Sie müssen es ja wissen, Boulder!“, grunzte er und spielte damit auf die Tatsache an, dass ich auch mal Cop gewesen war.

Ich sah ihn an, verzog ironisch die Mundwinkel und trieb es auf die Spitze, indem ich sagte: „Ich habe seit Joe Bonadores Tod immer noch keinen neuen Partner. Wäre das nichts für Sie?“

Quincer trat gegen einen Stuhl. Dann drehte er sich um und ging durch die Tür.

„Übertreiben Sie es nicht!“, meinte einer der beiden Kerle, die mit ihm gekommen waren.

„Wer sind Sie?“, fragte ich. „Ich habe Sie noch nie gesehen!

„Lieutenant Ray Garnett. Ich bin neu in der Abteilung.“



4

Ich wurde von den Polizisten zu einem Ford eskortiert und musste auf der Rückbank Platz nehmen. Garnett saß neben mir.

Quincer saß vorne rechts und fluchte die ganze Fahrt über leise vor sich hin.

Captain Chesterfield erwartete uns in der Morgue.

Die ganze Zeit über kreisten meiner Gedanken nur um eine Frage: Wen hatte es erwischt? Ich machte mich auf eine schlimme Neuigkeit gefasst.

Man führte mich in einen Raum, der von einem süßlichen Geruch erfüllt war. Ein Geruch, den man nicht vergisst. Selbst ein Blinder hätte gewusst, dass er sich in der städtischen Leichenhalle befand.

Nicht ganz das richtige Ziel für Sonntagsausflüge, aber dafür sehr viel sicherer als die Uferpromenaden, wo man sich in einem freien Schussfeld befand.

Captain Chesterfield erwartete uns an einer Bahre. Ein menschlicher Körper hob sich unter einem weißen Tuch ab.

„Wie geht’s, Boulder?“

„Bescheiden.“

„Ich hoffe, Sie haben was gegessen!“

„Danke der Nachfrage!“

Feinfühligkeit war nicht unbedingt die stärkste Disziplin des Police Captain. Er zog das weiße Tuch zur Seite.

Ich sah eine aufgedunsene Wasserleiche, weiß wie die Wand und von Fischen angefressen. Tang hatte sich in ihren Haaren verfangen.

Sie trug einen braunen Wintermantel, der sich voll Wasser gesogen hatte.

Die blaugrünen Augen starrten mich kalt an.

Es hatte sich noch nicht einmal jemand die Mühe gemacht, ihr die Augenlider herunterzudrücken.

„Kennen Sie die Lady, Boulder?“, fragte Chesterfield.

„Wie kommen Sie darauf?“

„In ihrer Manteltasche steckte eine Visitenkarte von Ihnen.“

„Sie wissen doch, dass ich die massenweise unter das Volk bringe, Captain!“ Ich hatte irgendwie ein Gefühl, dass es besser war, sich aus dieser Sache herauszuhalten. Wenn möglich.

„Boulder, das hier ist kein Spaß mehr. War sie Ihre Klientin?“

„Nein, dazu ist es nicht wirklich gekommen.“

„Was soll das heißen?“

„Sie nannte sich Jessica Rampell und suchte eine unauffällige Mitfahrgelegenheit nach Kanada.“

„Ein Platz auf einem Schmugglerschiff?“

„Ich gebe zu, dass ihr etwas Ähnliches vorschwebte.“

„Und? Haben Sie ihr das besorgt?“

„Natürlich nicht. Sie wissen doch, dass ich mich peinlich genau an die Gesetze halte.“

Chesterfield lachte heiser. „Ach kommen Sie, Boulder. Sie brauchen mir gegenüber doch nicht so ein Theater vorzuführen!“

Ich zuckte die Schultern. „Sie wollte sich noch mal bei mir melden, hat es aber nie getan. Was ist mit ihr passiert?“

„Versuchen wir gerade herauszufinden“, erklärte Chesterfield.

„Wir haben sie am Ufer des Lake Michigan gefunden, etwa zwanzig Meilen außerhalb der Stadt. Die Wellen hatten sie an Land gespült.“

„Ist ziemlich einsam dort…“

„Sie starb durch einen Schuss in die Herzgegend. Das Projektil stammt aus einer Waffe vom Kaliber 22. Jemand hat versucht, die Leiche verschwinden zu lassen und sie mit irgendeinem Gewicht beschwert, wie die Male an den Fußgelenken beweisen. Allerdings wurde das Ganze wohl alles andere als fachmännisch durchgeführt.

Die Leiche ist wieder aufgetaucht und schließlich an Land gespült worden, wo sie von einem Spaziergänger gefunden wurde! Wenn wir das Schiff kennen würden, mit dem sie über den See übersetzen wollte…“

„Tut mir leid. Da kann ich nicht helfen“, sagte ich bedauernd.

„Schade.“

„ Sie kriegen es bestimmt heraus!“

Chesterfield verzog das Gesicht. „Lieutenant Quincer freut sich schon darauf, Sie wieder nach Hause zu bringen.“

„Kein Protokoll?“, wunderte ich mich.

„Die einzige Schreibmaschine unserer Abteilung kommt erst Dienstag aus der Reparatur.“

Ich lachte. „Und Quincers Sauklaue kann niemand entziffern, was?“

Chesterfield bemühte sich redlich, ein Grinsen zu unterdrücken.

„So ist es.“

„Habe ich es mir doch gedacht!“

„Schauen Sie ab Dienstag mal bei uns vorbei, damit wir das nachholen können.“

„In Ordnung.“



5

Ich hatte eigentlich gedacht, dass die Sache damit für mich erledigt sei. Aber da hatte ich mich getäuscht.

Quincer fuhr mich nach Hause und der süßliche Leichengeruch hing mir immer noch in der Nase. Ein Geruch, der mir den Durst auf Bourbon an diesem Abend vergällte.

Am Montag schien die Sonne.

Noch hielt ich das für ein gutes Omen. Als ich um zehn im Büro eintraf, kam mir Kitty Meyerwitz mit einem Dollarzeichen-Blick entgegen.

„Wo waren Sie denn so lange?“, flüsterte sie.

„Ich wusste nicht, dass ich erwartet werde!“

Erst jetzt fiel mir die junge Frau mit den blonden Locken auf. Sie sah aus wie eine der Stummfilm-Göttinnen, die einen von den Kinoplakaten anschmachteten.

Sie stand am Fenster, blickte hinaus auf die Straße und hielt dabei eine Zigarettenspitze in der Hand. Ich schätze, dass der Schmuck, den sie am Leib trug, mehr wert war, als ich in einem Jahr verdiente.

Sie drehte sich um, stemmte dabei eine Hand in die Hüfte und musterte mich von oben bis unten.

Immerhin sah sie zahlungskräftig genug aus, um sich meine Dienste samt Spesen leisten zu können.

Ich ging auf sie zu, um sie zu begrüßen. „Pat Boulder, private Ermittlungen aller Art. Was kann ich für Sie tun?“

„Stehen Sie immer so spät auf?“, fragte sie spitz und hob dabei das Kinn auf eine Weise, die sie arrogant erscheinen ließ.

„Wenn ich die Nacht über auf der Lauer gelegen habe schon“, log ich. Schließlich ist nichts schädlicher für das Image eines Privatdetektivs, wenn er zugeben muss, dass er keine Aufträge hat.

Außerdem animierte das potentielle Klienten nur dazu, den Preis zu drücken. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“, fragte ich.

„Ich bin Mrs Cynthia McCormick“, sagte sie und gab mir mit einer so übertriebenen Gestik die Hand, dass ich mich abermals an die Stummfilm-Göttinnen erinnert fühlte. Ich stellte mir einen dazu passenden Untertitel vor. Vielleicht so etwas wie: „Danke, James, Sie können sich entfernen!“

Dass die Lady auf großem Fuß lebte, war nicht zu übersehen. Aber wie es schien, hatte sie auch den nötigen Snobismus, um in der Upper Class nicht aufzufallen.

„Sagen Sie mir einfach, was ich für Sie tun soll, und ich sage Ihnen, ob es machbar ist und wie viel es kosten wird!“, forderte ich.

Sie seufzte. „Die Sache ist ganz einfach – und doch komplizierter, als es auf den ersten Augenblick scheint!“

Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Wenn das ein Vorgeschmack darauf war, wie kapriziös sich meine Klientin geben konnte, dann stand mir ein nervenaufreibender Job bevor.

„Bitte, reden Sie frei von der Leber weg. Alles, was Sie mir anvertrauen, verlässt die vier Wände dieses Büros nicht, was immer es auch sein mag…“

Cynthia McCormick wich meinem Blick aus, während es in meinem Schädel zu arbeiten begann.

Ich begann darüber nachzudenken, wo ich den Namen McCormick schon einmal gehört hatte. Irgendwie brachte ich ihn mit der CHICAGO TRIBUNE in Verbindung und lag damit gar nicht mal so schlecht, wie sich wenig später herausstellte.

„Ich war ein paar Tage in New York um meine Eltern zu besuchen“, berichtete sie. Zwischendurch blies sie mir Rauch entgegen. „Als ich zurückkehrte, hatte man in unsere Villa eingebrochen und allerlei Wertsachen gestohlen. Außerdem war mein Mann war verschwunden.“

„Oh“, sagte ich. „Das muss ein Schock für Sie gewesen sein!“

„Allerdings!“

Also doch nicht der Routinefall des untreuen Ehegatten.

Interessant in welcher Reihenfolge sie die erlittenen Verluste vermerkt!, dachte ich.

„Alles Bargeld, wertvoller Schmuck und was sonst noch an Wertgegenständen im Haus vorhanden war, ist verschwunden.“

Ich hob die Augenbrauen. „Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass Sie in diesem Fall bei der Polizei an der besseren Adresse wären…“

„Ich war dort, aber diese bornierten Beamten glauben einfach nicht, dass mein Mann das Opfer eines Verbrechens wurde.“

„Wieso nicht?“

Sie musterte mich noch einmal prüfend von Kopf bis Fuß. Ich stellte mir vor, dass sie das mit ihren Zimmerpflanzen genauso machte, bevor sie diejenigen, die schon verwelkt waren, aussortierte und in den Abfall bringen ließ.

„Sie haben noch immer keine Ahnung, wer ich bin, oder?“, fragte sie. Die innere Empörung darüber, dass ich sie offenbar nicht gleich in die Schublade superwichtiger Prominenz gesteckt hatte, schien sie beinahe schon beleidigt zu haben. Jetzt war es wohl besser, in die Charme-Offensive zu gehen, wenn ich die empfindliche Kundin nicht wieder verlieren wollte. Nicht, dass es mir unter normalen Umständen etwas ausgemacht hätte, aber in diesem speziellen Fall war ich auf Grund meiner finanziell angespannten Lage nicht in der Position, mir meine Kundschaft aussuchen zu können.

Leider.

„Sie sind sicher eine bemerkenswerte Erscheinung, Mrs McCormick und Ihren Namen…“

Sie unterbrach mich. „Mein Name ist McCormick! Es wundert mich, dass Sie damit nichts anzufangen wissen. Mein Mann ist George McCormick - der Chef der städtischen Abwasserverwaltung von Chicago!“

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Daher kannte ich den Namen also. Aber da McCormick nun nicht gerade ein seltener Name ist, hatte ihn nicht mit dieser Lady in Verbindung gebracht, zumal sie altersmäßig eigentlich gar nicht zu George McCormick passte.

„Über Ihren Mann habe ich tatsächlich eine Menge in der Zeitung gelesen“, erklärte ich.

George McCormick war Mitte fünfzig und wurde verdächtigt, in einen gewaltigen Korruptionsskandal verwickelt zu sein. Allerdings nur in einen von vielen und die Zeitung sprach davon, dass es in den letzten Monaten eigentlich schon verdächtig ruhig in Chicago gewesen war.

„Die Affäre um Ihren Mann köchelt doch schon eine ganze Weile auf Sparflamme dahin“, meinte ich. „Soweit ich weiß, soll er Gelder, die eigentlich für die Instandhaltung der Abwasserkanäle gedacht waren, in den Bau von Wohnblocks umgeleitet haben.“

„George hat mich nie in seine Arbeit eingeweiht - und ich habe mich da auch immer völlig heraus gehalten“, behauptete Cynthia McCormick. „Die Polizei glaubt jetzt, dass mein Mann die Wertsachen zusammengesucht hat und untergetaucht ist, bevor die Justiz zuschlagen konnte.“

Ich hob die Augenbrauen „Und Sie halten das für völlig ausgeschlossen?“

Ihr Lächeln wirkte kühl und geschäftsmäßig. „Wenn Sie mir auch nicht glauben, sind Sie vielleicht der falsche Mann für diesen Job, Boulder.“

„So habe ich das nicht gemeint, Mrs McCormick“, versuchte ich sie sofort wieder zu beruhigen.

„Und wie dann?“, fragte sie.

„Ich dachte nur, dass Sie vielleicht dasselbe denken würden, wenn Sie bei der Polizei wären!“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Mister Boulder, ich bin mir sicher, dass mein Mann einem Verbrechen zum Opfer fiel.“

„Irgendwelche weiteren Anhaltspunkte haben Sie dafür aber nicht, oder?“

„Er hat die besten Anwälte und jede Menge Freunde in der Stadtverwaltung! Ich glaube einfach nicht, dass die Sache mit den –angeblich! – veruntreuten Geldern für die Sanierung der Abwasserrohre ein Grund für ihn gewesen wäre, einfach alles stehen und liegen zu lassen.“

„Wie war Ihr Verhältnis?“, stellte ich jetzt eine heikle Frage, bei der ich bei dieser empfindsamen Mimose damit rechnen musste, dass sie mir den Job gleich wieder entzog. Aber alles hatte seine Grenzen.

Meine Kompromissfähigkeit auch.

Ich halte mich für einen ganz guten Detektiv. Manchmal kann ich sogar Wunder vollbringen – aber immer nur dann, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen.

Und das war ein Stadium, von dem wir in diesem Fall noch weit entfernt waren.

„George liebt mich!“, behauptete sie. „Er weiß, was er an mir hat. Regelrecht auf Rosen gebettet hat er mich…“

„Und was empfinden Sie ihm gegenüber?“, unterbrach ich sie.

„Nun, er…“ Sie zögerte, dann trat sie etwas näher an mich heran.

Ich konnte ihr Parfum riechen. Wahrscheinlich kostete ein Flakon davon mehr, als ich in einer Woche durchschnittlich verdiente. Sie spreizte den Arm mit der Zigarettenspitze etwas ab und sah mich mit ihren dunkelbraunen Rehaugen an.

Eins musste man ihr lassen – den Augenaufschlag hatte sie gut drauf. Wahrscheinlich hatte sie in ihrem langweiligen Luxusleben kaum etwas anderes gemacht, als vor dem Spiegel zu posieren und dabei ihre Wirkung genau zu kalkulieren.

Ein paar Jahre früher und sie hätte es beim Film versuchen können.

Aber sie hatte auf eine andere Option gesetzt und die hieß George McCormick. Ein sorgenfreies Leben an der Seite eines reichen Mannes.

Vielleicht war ihre Entscheidung ganz richtig gewesen, denn für die neumodischen Tonfilme war ihre Stimme einfach entschieden zu schrill.

„Es gibt niemand, der mit George vergleichbar wäre“, sagte sie.

„Und ich weiß genau, dass er mir so etwas nicht angetan hätte!“

„Okay, ich bekomme normalerweise 25 Dollar am Tag plus Spesen. Aber in Ihrem Fall sind die Ermittlungen aufwändiger, da muss ich 40 nehmen.“

Das schien sie nicht weiter zu stören. „Kein Problem. Ich bezahle Sie für eine Woche im Voraus, da ich annehme, dass es eine Weile dauert, bis Sie etwas herausgefunden haben.“

„Gut.“

„Außerdem bekommen Sie zehn Prozent des Wertes für jedes wiederbeschaffte Stück aus der Beute des Einbruchs.“

„Wie viel ist da insgesamt abhanden gekommen?“, fragte ich.

Sie ließ die Zigarette noch einmal aufglimmen und machte eine Pause, um ihren Worten eine größere Wirkung zu verleihen.

Außerdem versuchte sie ihrer Stimme einen betont dunklen Klang zu geben, was in ihrem Fall einfach gegen die Natur war. „Ich denke insgesamt hatte der Schmuck einen Wert von 50 000 Dollar. Mindestens!“

Ich pfiff durch die Zähne und dachte: Vielleicht hätte ich noch mehr verlangen sollen!

Andererseits stiegen mit dem Honorar wahrscheinlich auch Mrs McCormicks Erwartungen ins Unermessliche und da es voraussehbar war, dass ich die am Ende nicht erfüllen konnte, bedeutete das im Endeffekt nur Ärger für mich.

„Machen Sie mir bitte eine möglichst vollständige Liste aller verschwundenen Gegenstände. Je genauer die Beschreibung ist, desto größer die Chance für mich, die Klunker ich irgendwo aufzutreiben.“

„Das habe ich bereits erledigt!“, sagte sie, griff in ihre Handtasche und holte ein Kuvert daraus hervor, das sie mir anschließend übergab. Es enthielt tatsächlich eine beeindruckende Liste von Schmuckstücken. Der Gesamtwert von 50 000 Dollar war dabei eher niedrig angesetzt, wie ich feststellte. Ihre Handschrift beeindruckte mich. Sie war sehr klein und wirkte gestochen scharf. Da war kein überflüssiger Tintenklecks und die Striche ließen nicht einmal den Hauch von Unsicherheit erkennen.

Eine Frau, die genau wusste, was sie tat und sehr penibel war, so sagte mir mein Wissen als Amateurgraphologe.

„Ich denke, damit kann ich etwas anfangen“, sagte ich und drückte damit aber in erster Linie wohl eine Hoffnung aus.

Cynthia McCormick atmete tief durch. Sie trat ans Fenster, blickte hinaus in die Stadt und glaubte sich wohl einen Moment lang unbeobachtet. Aber ich sah von der Seite, wie sich ihre Gesichtszüge entspannten.

Irgendetwas stimmte mit diesem Gesicht nicht. Ich vermochte nicht zu sagen, was genau es war. Ich fand nur, dass eine besorgte Witwe anders aussah.

Aber die Aussicht, zehn Prozent vom Wert des verschwundenen Schmucks meinem Konto gutschreiben zu können, verscheuchte diese Bedenken sehr schnell.

Was den Kopf betraf, ging das ganz schnell.

In der Magengegend hielt sich das ungute Gefühl etwas länger und eigentlich war es besser, seiner Instinkte nicht einfach zu ignorieren.

Sie drehte sich wieder herum und schluckte. Ihre Stimme klang Tränen erstickt und im Ganzen machte ihr Auftritt einen ziemlich theatralischen Eindruck auf mich. Breitwand-Kino für ein Ein-Mann-Publikum.

„Sie verständigen mich doch sofort, wenn Sie etwas herausgefunden haben, oder?“

„Natürlich.“

„Ich wusste gleich, dass der Fall bei Ihnen in guten Händen ist, Mister Boulder.“

„So?“

„Ja, Sie haben… das gewisse Etwas eben, das einen sofort erkennen lässt, es mit jemandem zu tun zu haben, der es ehrlich meint.“

Nach vollkommener Ehrlichkeit war mir an diesem Tag einfach nicht, darum unterließ ich es, ihr zu widersprechen.

„Wie gesagt, ich werde tun, was ich kann!“

„Das ist gut!“

Nachdem Cynthia McCormick gegangen war, beobachtete ich noch durch das Fenster, wie sie in einen grauenhaft geparkten Cadillac einstieg und sich mit einigen Schwierigkeiten schließlich in den Verkehr einfädelte.



6

Ich machte mich gleich an die Arbeit und ließ mich mit der Chicago Tribune verbinden und hatte schließlich Braden Naismith, mit dem ich des Öfteren Informationen austauschte. Wir hatten beide etwas davon.

Ich erwischte ihn im Redaktionsbüro.

„Hallo, Braden! Hier Pat Boulder. Wie geht’s?“

„Willst du mich wieder von der Arbeit abhalten?“

Braden Naismith’ Gebiet war der Sport, aber das hieß ja nicht, dass er sich die Ohren zuhielt, wenn die Kollegen miteinander sprachen.

„Ich dachte, wir könnten uns vielleicht treffen. Ich stecke da in der Klemme.“

Braden seufzte hörbar. „Wie üblich. Was wäre bloß aus dir geworden, wenn dein Dad mich nicht gebeten hätte, auf dich aufzupassen? Steckst du nicht in der Sache mit der Frauenleiche drin, die man aus dem Lake Michigan gefischt hat?“

Ich horchte auf. „Woher weißt du das denn?“

„Mein Kollege Doug Nolan hat mit der Polizei gesprochen. Wir teilen uns zurzeit einen Schreibtisch.“

Ich unterdrückte ein Gähnen. „Als Sportreporter hättest du doch die Chance, dich ausschließlich den schönen Dingen des Lebens zu widmen.“

„Du sagst es. Und stattdessen muss ich dir aus der Klemme helfen! Worum geht’s denn?“

„Nicht hier am Telefon, Braden.“

„So brisant?“

„Ja.“

„Dann am üblichen Ort. In einer Stunde. Dann mache ich sowieso Mittag. Aber sei pünktlich, Pat!“

„Worauf die dich verlassen kannst!“



7

Der übliche Ort war Henry’s Steak Diner in der North Dearborn Street, nicht weit vom Redaktionsgebäude der Chicago Tribune entfernt.

Braden Naismith wartete bereits vor einer Tasse Kaffee auf mich.

Ich wusste, dass die Flüssigkeit in der Tasse zwar braun war, es sich aber um etwas ganz anderes als Kaffee handelte.

Ein Kellner brachte auch mir unaufgefordert eine Tasse und schenkte uns beiden aus einer silbernen Kanne nach.

Mit einem Laut des Wohlbehagens leerte Braden Naismith den Inhalt in einem Zug und ließ sie sich gleich wieder auffüllen.

„Es lebe die Prohibition!“, grinste er.

Vor dem massigen Mann lagen ein Block und ein gespitzter Bleistift.

Braden wartete, bis der Kellner verschwunden war.

„Erzähl mir, was du mit der Kleinen aus dem Lake Michigan zu tun hast! Drohen da Schwierigkeiten? Die Tote hatte eine Visitenkarte von dir bei sich, oder?“

„Gut recherchiert!“, gab ich zu. „Bist du Hellseher geworden oder hat dich dein Kollege soweit erzogen, dass du ihm im Ressort Mord und Totschlag aushilfst?“

„Nein, ich war nur dabei, als er mit Captain Chesterfield telefonierte. Außerdem hat er jemanden bei der Leichenhalle, der ihm ab und zu ein paar Tipps gibt, wenn sich was Interessantes tut.“

„Ich kann dir nicht viel sagen, außer die Kleine aus dem See maximal fünf Minuten mit mir gesprochen hat. Und das liegt auch schon eine Weile zurück.“

„Am Telefon hast du gesagt, du wärst in einer Klemme!“

„Man kann es auch anders ausdrücken. Ich habe einen Riesenfisch an der Angel, aber die Sache ist so heiß, dass man sich daran leicht die Finger verbrennen kann!“

„Dann schieß mal los!“

Ich führte die Tasse zum Mund und grinste. „Ich dachte wirklich, das wäre Kaffee…“

Ich beugte mich etwas vor und sprach in gedämpftem Tonfall. Ein anderer Gast war bereits auf uns aufmerksam geworden. Ein wieselartiger, kleiner, gedrungen wirkender Man mit spitzer, leicht nach oben zeigender Nase und einem Mantel, der aussah, als müsste er ihn für seinen großen Bruder auftragen.

Das Wiesel blickte zu uns hinüber.

Seine Vorderzähne standen etwas vor, wie bei einem Nagetier, was den wieselartigen Eindruck ebenso verstärkte wie die ruckartigen, gehetzten Bewegungen und der unruhige Blick.

Als ich in seine Richtung sah, blickte er sofort zur Seite.

Braden Naismith begriff sofort was los war.

„Der Bursche ist harmlos, Pat.“

„Ach, ja?“

„Du kannst dich auf mich verlassen!“

„Für jemanden, der harmlos ist, glotzt er mich aber ziemlich intensiv an und irgendwie habe ich das Gefühl, dass seine Ohren dabei immer länger werden!“

Braden Naismith lachte leise in sich hinein und trank seine Tasse

„Kaffee“ aus. „Gut beobachtet. Wir warten alle schon darauf, dass ihm die Ohren irgendwann bis auf den Boden fallen. Aber Neugier ist nun einmal eine Voraussetzung für unseren Job, Pat…“

„Dann ist er einer von euch?“

„Ja, er arbeitet seit zwei Wochen bei der Chicago Tribune. Ich würde in seiner Gegenwart nicht gerade über meine dunkelsten Familiengeheimnisse quatschen, aber eigentlich ist gegen ihn nichts zu sagen.“

„Wie heißt er?“

„Dave Mobury. Der kriegt alles mit und wenn man nicht aufpasst, hat er einem die Story wegstibitzt, hinter der man selbst her war!“

„Ach, so einer…“

„Der Chef mag ihn.“

„Verstehe.“

„Glücklicherweise überzieht er immer maßlos seine Mittagspausen, so wird es nicht gar zu innig zwischen den beiden!“

Mobury schob seine Tasse und einen Teller, der aussah wie glatt geleckt zur Seite, legte ein paar Münzen auf den Tisch, dass es klapperte und nahm den Hut vom Haken. Dann ging er hinaus. Kurz bevor er die Tür passierte, blickte er noch mal kurz zu uns herüber und verzog das Gesicht zu einem verlegenen Grinsen, das seine Nagetierzähne freilegte.

Braden nickte ihm zu.

Das Wiesel verschwand.

„Und jetzt pack aus, Pat!“, forderte Braden Naismith. „Worum geht es?“

„Der Name McCormick sagt dir was?“

Braden Naismith musste schlucken.

„ Der McCormick? McCormick, der Herr der Kanalratten?“

„Fast. Seine Frau war bei mir und hat mich beauftragt ihren verschwundenen Mann zu suchen.“

„Das ist nicht dein Ernst!“

„Sie glaubt, dass da ein Zusammenhang mit einem Wohnungseinbruch besteht, bei dem Schmuck im Wert von 50 000 Dollar abhanden gekommen ist.“

Braden Naismith lachte so laut und schallend, dass der Kellner auf ihn aufmerksam wurde. Er nutzte die Gelegenheit, um sich noch etwas „Kaffee“ nachfüllen zu lassen. Ich nahm auch noch eine Tasse.

So eine Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen. Es geht schließlich nichts über echtes Kaffee-Aroma.

Als der Kellner sich wieder zurückgezogen hatte, beugte sich Braden über den Tisch. Seine Stimme wurde zu einem leisen Wispern.

„Die Kollegen sind an der Sache dran.“

„Und ich nehme an, dass du so einiges mitbekommen hast, Braden!“

„Na ja, ich will nicht übertreiben.“

„Meine Chancen stünden jedenfalls besser, wenn du mich auf die richtige Fährte setzen würdest! Ich weiß nämlich ehrlich gesagt nicht so recht, was ich von Mrs McCormick halten soll. Die Polizei glaubt, dass McCormick den Einbruch selbst in Auftrag gegeben hat, um sich mit dem Schmuck absetzen zu können – offenbar ohne seine Frau in seine Pläne mit einzubeziehen.“

Braden zuckte die Schultern. „Ich sage es ungern, aber ich glaube, die Polizei könnte durchaus Recht haben.“

„Das habe ich befürchtet.“

„McCormick steht das Wasser bis zum Hals. Was mich an der Sache wundert, ist eigentlich nicht, dass McCormick ein korrupter Hund ist, der allerlei krumme Dinger am Laufen hat…“

„Sondern?“

„Verwunderlich ist der Zeitpunkt, da dies alles an die Öffentlichkeit gekommen ist. Dass George McCormick sich illegal bereichert hat, pfiffen doch die Spatzen von den Dächern. Du brauchst nur mal einen Blick in einen x-beliebigen Abwasserkanal zu werfen und dir dann die Summen ansehen, die angeblich für dessen Renovierung ausgegeben worden sind. Dann weißt du, dass da was faul ist!“

„Du meinst, man hat McCormick absichtlich über die Klinge springen lassen?“

„Natürlich!“

„Lass ich raten: Er hat vorher Wind davon bekommen und gerade noch rechtzeitig die Kurve gekratzt, bevor man ihn ins Loch stecken konnte.“

Braden nickte. „Du hast es erfasst, Pat.“

„Und wer steckt deiner Meinung nach dahinter?“

„Ich weiß aus ziemlich zuverlässiger Quelle, was da im Hintergrund abgelaufen ist.“

Ich grinste. „Raus damit! Ich hänge an deinen Lippen wie an einer Flasche Bourbon!“

„O’Donovan – das Fass – hat bisher wohlwollend seine schützenden fetten Patschhändchen über McCormick gehalten. Aber aus irgendeinem Grund ist damit jetzt Schluss…“

Ich pfiff durch die Zähne. Seamus O’Donovan, aufgrund seiner nicht gerade besonders grazilen Erscheinung „The Jar“ – „das Fass“ genannt – war der Boss der irischen Mafia. Sein Einfluss reichte bis in die Spitzen der Stadtverwaltung. Dass McCormick auf der Liste von O’Donovans Günstlingen gestanden hatte, war nicht weiter verwunderlich. Interessanter war der Grund, den „das Fass“ gehabt hatte, ihn ausgerechnet jetzt fallen zu lassen.

Ich hakte bei Braden Naismith noch mal deswegen nach.

Aber der Mann von der Chicagio Tribune hob nur bedauernd die Hände. „Tut mir leid, Pat! Mehr weiß ich auch nicht. Aber ich habe es aus erster Quelle und wenn ich etwas hören sollte, dann lass ich es dich wissen.“

„Wozu hat man Freunde!“

„Eben!“

„Verrätst du mir auch noch, wer die Quelle dieser Story ist?“

„Von dem solltest du die Finger lassen, Pat – sonst bricht er sie dir!“

„Dann nehme ich mal an, dass es sich nicht um einen hoch anständigen Kollegen von der Tribune handelt!“

Braden Naismith seufzte. Er schien zu ahnen, dass jedwede Warnungen an meine Adresse in den Wind gesprochen waren.

„Der Bursche, von dem ich das weiß, heißt Jed Flaherty. Er ist ein Unterführer von O’Donovan.“

„Ich wundere mich über deinen schlechten Umgang, Braden!“

Braden machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich traf ihn neulich bei einem Boxkampf und da habe mich mit ihm so über dies und das unterhalten. Flaherty investiert nämlich gerne sein überschüssiges Geld in hoffnungsvolle Boxtalente, verstehst du?“

„Vollkommen. Wo finde ich diesen Flaherty?“

„Im Cyprus Grove Club.“

„Ist das nicht dieser neue Nachtclub in der South Side?“

„Richtig. Der Laden gehört einem gewissen Peter Stephens, auch ein Ire. Aber das ist nur ein Strohmann. In Wahrheit landet jeder Lincoln, der da umgesetzt wird, irgendwann über ein paar Ecken auf Jed Flahertys dickem Bankkonto.“ Braden Naismith hob die Tasse.

„Leg dich besser nicht mit dem Kerl an.“

„Nicht, wenn es sich vermeiden lässt“, versprach ich.

„Er hat immer einen fiesen Schläger bei sich, vor dem ich mich in Acht nehmen würde.“

„Ich werde mich in Acht nehmen“, versprach ich. „Ach, noch etwas! Wie sieht Flaherty eigentlich aus?“

„Hager, rothaarig, trägt einen Bowler-Hut und die Farbe seiner Einstecktücher beißt sich mit der seiner Krawatten. Er hat einen miserablen Geschmack, was das angeht.“